Format-Wirrwarr – Wieso wir den Leser nicht überfordern

Gestern klingelte bei mir mal wieder der Postbote und brachte mir, nein, kein neues Buch, sondern zur Abwechslung mal wieder einen neuen Film. „Shin Godzilla“ heißt das Machwerk und markiert die Rückkehr der Japaner zur Umsetzung ihres Königs der Monster nach etwas um die 13 Jahren – und parallel zu den Bestrebungen von Warner, sich ein eigenes „MonsterVerse“ rund um die Gigantoechse und den Riesenaffen King Kong aufzubauen.

(Hatte ich eigentlich hier eigentlich schon mal erwähnt, dass ich eines Tages, wenn ich so berühmt bin, dass ich mir schlichtweg alles erlauben kann, auch einen „gigantische Monster machen alles platt, was ihnen in den Weg kommt“-Roman schreiben möchte?)

Da unsereins ja leider unterhalb der Woche kaum noch dazu kommt, sich wirklich auch mal einen Film anzusehen, wanderte auch dieser erst einmal ins entsprechende Regal. Aber vorher wollte ich mir doch einmal ansehen, was es denn mit dieser Digitalkopie auf sich hat, die bei immer mehr Filmen inzwischen der Scheibe beiliegt.

Wir wissen es ja nicht erst seit der Erfindung des eBooks: Die Medienwelt um uns herum wird zunehmend eine digitale. Früher war das anders. Wenn man Musik hören wollte, legte man eine CD, eine LP oder eine Kassette in den Player. Sollte es ein Film sein, dann war die Videokassette, die DVD oder die Blu-ray das Format der Wahl. Und um zu lesen ging man einfach an den Bücherschrank und las, genau, ein Buch.

Heute haben wir unseren eReader, wir haben Gigabyte von Musik auf unseren Smartphones, wenn wir sie nicht sowieso schon genauso streamen, wie anderenorts unser Fernseh- und Filmprogramm. Dabei sind die unterschiedlichen Lösungen natürlich im Normalfall extrem voneinander abgeschottet.

Im Buchsektor haben sich, zumindest in Deutschland, die Formate von Amazon und das wesentlich offenere .epub, verwendet von der Tolino-Allianz, durchgesetzt. Andere Formate, wie zum Beispiel das aus der Dokumentenverwaltung bekannte PDF, spielen nur eine Rolle am Rande.

Ich habe schon Diskussionen zwischen Autorinnen und Autoren mitverfolgt, in denen es darum ging, ob es nicht für den Leser verwirrend sein könnte, wenn er sich mit diesen Formaten auseinander setzen muss. Diese Diskussionen kommen immer dann auf, wenn sich die Frage stellt, ob man sich zum Beispiel für eine gewisse Zeit exklusiv an Amazon und seine Publishing-Plattform binden kann, soll oder sogar muss.

Dann heißt es häufig, dass damit viele Benutzer ausgesperrt würden, was rein technisch nicht ganz stimmt, wenn man weiß, wie es gemacht wird, aber dann doch so umständlich ist, dass es den berühmten „Oma-Test“ nicht bestehen würde.

Aber wenn man einmal davon absieht, dass es Gründe aus dem Bereich des Marketings gibt, die dafür sprechen, entweder die eine oder die andere Plattform zumindest für eine gewisse Zeit zu bevorzugen, ist es doch ganz überwiegend so, dass die meisten Bücher früher oder später in beiden Formaten zur Verfügung stehen. Oder halt ganz auf die althergebrachte Art als gedrucktes Buch.

Aus diesem Grund war ich so naiv anzunehmen, dass es auch bei der sogenannten Ultraviolet-Kopie meiner Blu-ray so einfach sein könnte. Die Benutzung des Wortes „naiv“ macht schon deutlich, dass ich mich ein wenig geirrt hatte.

Auf der Scheibe ist ein Code aufgedruckt, der nichts anderes als ein Gutschein für ein Filmportal ist. Wie ich dieses Filmportal erreiche, stand im beiliegenden Flyer. Eine Website war aufzurufen und eine Anmeldung beim Portal von UltraViolet vorzunehmen. So weit, so erwartbar.

Der nächste Schritt sah vor, alles dahingehend zu untersuchen, ob ich überhaupt in der Lage war, den erworbenen Film abzuspielen. Nein, war ich nicht, weil ich dafür einen Browser benötige, der Microsofts Silverlight (eine mittlerweile ziemlich tote Alternative zu Adobes Flash, das ja ebenfalls schon angefangen hat, zu müffeln) abspielen kann. Googles Chrome kann das nicht. Und zu meiner Verwunderung auch Microsofts Edge nicht. Der Internet Explorer, der als Scheintoter ja auch noch in Windows 10 vorhanden ist, der kann Silverlight spielen (und Firefox, worauf ich aber jetzt nicht gekommen wäre, nachdem Chrome streikte).

Wunderbar, damit hätte ich mir meinen Film anschauen können. Jetzt wollte es der Zufall so, dass mir beim Einsortieren ein weiterer UltraViolet-Film in die Hände gefallen war. „Storm Hunters“ aus dem Hause Warner. Gut, dachte ich mir, fügst du den eben schnell der Bibliothek hinzu.

Schon wieder naiv.

Denn den Film gab es nicht direkt bei UltraViolet, den gab es nur beim Portal Videociety, für das eine erneute Anmeldung und eine erneute Prüfung des Rechnerumfelds nötig wurde. Immerhin konnten die beiden Benutzerkonten miteinander verbunden werden, so dass beide Filme auf beiden Plattformen abgespielt werden können.

Und dann war da noch der dritte Film, „Suicide Squad“, mit dem ich jetzt aber endlich schauen wollte, wie einfach das doch alles ist mit dieser wunderschönen neuen … ihr ahnt es.

Nein, „Suicide Squad“ gibt es weder bei UltraViolet noch bei Videociety. Dafür muss ich mich bei Flixster anmelden, aber immerhin wird alles in die gleiche Videothek übernommen. Ach so, mit der Ausnahme, dass sich „Shin Godzilla“ nicht über Flixster abspielen lässt, wieso auch immer. Aber ansonsten ist das alles eine Geschichte und ein digitales Format. Ja, wirklich!

Das war der Moment, in dem ich mich fragte, ob wir Autoren es uns mit den Formaten bei den Readern und eBooks nicht schwieriger machen, als es eigentlich ist. Ich meine, wir haben zwei große Formate, die wir bedienen müssen. Gerade für die Selfpublisher unter uns stehen da ja auch alle Wege offen (zumindest, wenn man die Vorteile, die Amazon zum Start durch eine exklusive Bindung bietet, mitgenommen hat).

Vor allem aber zeigt dieses Vorgehen im Bereich der Filme, dass man mit dem Konsumenten anscheinend wesentlich mehr machen kann, als man glaubt, bevor er entnervt sein digitales Abspielgerät in die Ecke pfeffert. Wer diesen ganzen Aufwand betreibt, nur um hinterher auf seinem Tablet von unterwegs einen Film sehen zu können, den er vorher ja schon als Datenträger gekauft hat, der kommt auch damit klar, im Zweifel zwischen zwei eBook-Formaten umzuschalten. Auf dem Tablet sind das ja nur zwei separate Apps.

Im Gegenzug möchte ich mir nicht ausmalen, wie abenteuerlich es wird, wenn ich jetzt versuchen würde, mir auf meinem Smartphone von unterwegs „Shin Godzilla“ anzusehen. Mal davon abgesehen, dass ich auf dem Winzformat nicht einmal lese, geschweige denn Filme schaue.

Mein Fazit: Die Technik hat in Sachen Verfügbarkeit und intuitiver Verwendung noch einiges nachzuholen. Nicht nur bei den eBooks. Das bedeutet nicht, dass wir uns als Autoren nicht anstrengen sollten, es unseren Lesern so einfach wie möglich zu machen. Aber es zeigt deutlich auf, dass andere, größere Medienanbieter mit weitaus schlimmeren, einengenderen und weniger durchdachten Konstrukten durchkommen.

Schöne neue Medienwelt!? Oder doch nur, na ja, naiv eben …

Und plötzlich sind die Ängste der Achtziger wieder unheimlich präsent

Ich habe über dieses Thema schon einmal, am Rande, geschrieben. Es geht darum, wie einen Erlebnisse und Erfahrungen, die man als Kind gehabt hat, auch bis ins fortgeschrittene Erwachsenenalter hinein prägen können.

Wir alle erleben in diesen Tagen die Rhetorik zwischen „The real“ Donald Trump und Kim Jong-Un. Wir alle erleben, wie sich da ein Konflikt aufschaukelt, bei dem es eigentlich gar kein weiteres Konfliktpotential brauchen würde. Und wir alle müssen uns eine Meinung darüber bilden, wo das Ganze eigentlich noch hinführen soll.

Und auf einmal bin ich wieder in den Achtzigern.

Wie in dem verlinkten Beitrag schon erwähnt, habe ich die Endphase des Kalten Kriegs sehr bewusst erlebt. Damals, gerade zu Beginn des Jahrzehnts, schien es durchaus möglich, dass dieser sehr plötzlich sehr heiß werden würde. Berichte über Manöver, die damals durchgeführt wurden, und die heute erst publik gemacht werden, zeigen ebenso deutlich, wie schnell es zu Missverständnissen hätte kommen können, wie auch die Geschichte des russischen Soldaten, der vor seinem Computerschirm saß, auf dem fehlerhaft angezeigt wurde, dass eine amerikanische Rakete im Anflug sei. Und der sich entschied, nicht auf den Knopf zu drücken.

Beides Situationen, die in einem verheerenden Konflikt hätten enden können. Und für mich, als Kind, war so die Angst vor einem atomaren Konflikt immer in irgendeiner Weise präsent. Und sei es nur, weil „die Bombe“ in manchen Filmen, Büchern oder Hörspielen ganz natürlich als das eine Allheilmittel genannt wurde, mit dem sich jedwede Probleme aus der Welt schaffen ließen (da fällt mir ein: Regisseur Roland Emmerich muss ungefähr dasselbe wie ich gelesen haben).

Natürlich weiß ich rein intellektuell, dass niemand so blöde sein kann, einen Atomkrieg vom Zaun zu brechen. Nicht einmal Donald Trump oder Kim Jong-Un.

Aber ist es nicht dramatisch genug, dass wir heute die Nachrichten einschalten und uns von Experten genau das erklären lassen müssen? Weil es eben doch den kleinen Funken Irrsinn gibt, der einen von beiden erfassen könnte, um dem Säbelgerassel der letzten Tage Taten folgen zu lassen.

In meinem oben verlinkten Beitrag erzähle ich von der Romantrilogie, die ich schreiben wollte und deren Ausgangspunkt ein globaler atomarer Konflikt ist. In einem Prolog schildere ich dort die politischen und kriegerischen Krisen, die zu dem Punkt geführt haben, an dem dieser Krieg unausweichlich wurde.

In einer späteren Szene schildere ich, wie die Ehefrau und die Tochter meines Protagonisten, der sich von beiden getrennt hat, um sich der ENDZEIT-Organisation anzuschließen, die den Fortbestand des Menschen nach dem Atomkrieg sichern will, in der Silvesternacht zum neuen Jahrtausend den Angriff auf die Stadt Köln erleben. Die Mutter stirbt und das Kind wird später vom Vater gefunden werden, aber das spielt eigentlich keine Rolle.

Es ist die Szene, die mir manchmal durch den Kopf geht, wenn ich in diesen Tagen in meinem Bett liege und die Gedanken, warum auch immer, zu diesen beiden Männern schweifen, die sich im Moment so geben, als gehe es darum, dem anderen zu zeigen, dass man das größere Eimerchen und das schönere Förmchen hat. In meinen Gedanken höre ich das Schlagen der Turmuhr und dann, wie beim zwölften Schlag, wann sonst, die Alarmsirenen ertönen. Manchmal kann ich sie wirklich hören!

Und auf einmal bin ich wieder in den Achtzigern.

Und auf einmal verstehe ich wieder, wie damals eine geplante Trilogie wie „Das Leben nach dem Jüngsten Tag“ entstehen konnte. Weil ganz einfach alles mehr oder weniger möglich erschien. Weil kein Konflikt zu abstrus war. Ich wusste noch kaum etwas von der Welt, aber vielleicht war genau das der Grund, warum sich dieser Stoff so entwickeln konnte, wie er es tat.

Ich habe nie die Ambition gehabt, die Trilogie wieder aufleben zu lassen. Aus dem einfachen Grund, dass die Welt heute nicht mehr so ist oder ich zumindest mehr von der Welt verstehe – zu verstehen glaube. Mir war einfach klar, dass sich ein globales Ereignis, bei dem am Ende nur Verlierer übrig bleiben, in dieser Form nicht mehr würde ereignen können.

Heute lese ich den Anfang des ersten Bands und denke mir: „Ja, doch, wenn es ein ganz klein wenig anders gelaufen wäre, dann wäre es möglich gewesen.“

Und ich denke mir: „Hoffentlich sind diese beiden ebenso mächtigen wie gernegroßen Männer in der Lage, das zu erkennen. Wenn es ein wenig anders läuft, dann wäre es vielleicht möglich. Und dann haben wir den Salat.“

Und noch ein letzter Gedanke: „Mir war wesentlich wohler, als ich den Kram, den ich da geschrieben habe, als ‚hat sich überlebt‘ ins Altpapier der Geschichte legen konnte.“

Wie gesagt, ich gehe davon aus, dass sowohl der eine als auch der andere Narzisst schlau genug sein wird, um es nicht zum Äußersten zu treiben. Aber Erinnerungen sind gemein, sie schleichen sich an und beißen sich in einem fest.

Mehr kann ich leider nicht dazu sagen, denn ein Fazit hat die Geschichte zu diesem Fall noch nicht geschrieben.

Kurz und schmerzvoll (10) Bye, bye, Urlaub. Bye, bye, ungenutzte Zeit.

Die Artikelüberschrift sagt es eigentlich fast schon alleine aus, findet ihr nicht? Jetzt hat also, mit Ablauf diesen Tages, mein Sommerurlaub es auch schon wieder hinter sich. Das ist das Schicksal, das ich mit vielen Familienvätern in diesen Tagen teilen dürfte. Deswegen will ich auch nur kurz jammern.

Schmerzvoll ist es dennoch, denn wenn ich mir anschaue, was ich mir selber für Ziele für diese Zeit gesteckt hatte, so bin ich mit dem einen oder anderen doch böse auf die Nase gefallen. Was mir vor allem nicht gefällt ist, dass ich mit meiner Geschichte „Die Behüter des Wahren“ überhaupt nicht weiter voran gekommen bin. Ja, es gab den einen oder anderen Zwischenspurt, aber auf der Langstrecke ist mir die Story einfach eingeschlafen.

Ich bin noch dabei herauszufinden, ob sie mir nur eingeschlafen oder am Ende sogar sanft entschlafen ist. Das kann ich nur, indem ich versuche, sie wiederzubeleben. Manchmal braucht es dafür aber anscheinend die gewohnten Strukturen eines Arbeitstages, in die sich das Schreiben ja irgendwie mit einpasst.

Schlimmstenfalls werde ich, so ist zumindest der Plan, die Geschichte noch einmal von vorn beginnen. Es mag sein, dass ich da halsstarrig an etwas festhalte, was eigentlich gar nicht an der Reihe ist, weil in nächster Zukunft Input aus dem Lektorat zu erwarten ist, bzw. mir schon der von der Lektorin neu gestaltete Anfang vorliegt, zu dem ich nun „nur noch“ meinen Senf dazugeben muss. Nein, das ist falsch ausgedrückt: Sie hat einen Vorschlag gemacht und über den reden wir jetzt. Aber Tatsache ist halt, dass ich mich damit auch auseinander setzen muss.

Gefühlt ist halt nur eine ganze Menge Zeit ungenützt verstrichen. Dreieinhalb Wochen – in der Zeit habe ich früher mal ganze erste Romanentwürfe herunter gerotzt. Und jetzt nicht einmal eine dusselige Kurzgeschichte, deren Handlung ich, ausnahmsweise, sogar mal vollständig in meinem Kopf vorliegen habe.

Das wirklich, wirklich tückische ist halt, dass man am Ende von so einem Urlaub, egal, wie lang er nun war, immer das Gefühl hat, er wäre nicht lang und nicht erholsam genug gewesen. Wie um dem Tribut zu zollen habe ich heute einen langen Mittagsschlaf gemacht, der nahezu nahtlos in das Abendessen überging. Scheinbar brauchte mein Körper noch einmal dieses Hochmaß an Erholung.

Und ab morgen geht dann der ganz normale Trott wieder los. Aber wer weiß: Wie oben schon gesagt bietet mir dieser Trott, bieten mir diese Strukturen auch die Chance, wieder richtig ans Laufen zu kommen. Schön wäre es jedenfalls.

Also: Bye, bye, Urlaub. Bye, bye, ungenutzte Zeit. Hallo Arbeit. Hallo früh aufstehen (oder es wenigstens versuchen). Hallo Kollegen. Hallo überhaupt.

Das darf doch mal kurz weh tun, oder? Wenigstens eine Sekunde lang!?

Mein Traum vom eigenen Buch: Ein Rundgang durch die Vergangenheit

Vergangenheit. Eine Zeit, mit der wir uns permanent auseinander zu setzen haben, sei es im Guten, sei es im Bösen. Die Gegenwart hat es an sich, dass sie sich quasi im Sekundentakt in Vergangenheit verwandelt und damit Dinge aus unserer Reichweite nimmt, sie unserer Kontrolle und unserem Einfluss entzieht. Ein falsches Wort gesagt, einen falschen Handgriff getan – und die Katastrophe kann da sein.

Wie gut haben es dann doch wir Autoren, die – in sehr vielen Fällen jedenfalls – in unseren Geschichten die Vergangenheit beschreiben, sie aber auch umschreiben. Und wenn uns etwas an ihr nicht mehr passt, dann können wir sie auch einfach mit einem Federstrich oder dem Druck auf die Delete-Taste ausradieren.

Das Schreiben eines Blogs ist in dieser Hinsicht noch eine Besonderheit. Ich schreibe einen Eintrag und veröffentliche diesen – und damit ist er in die Welt gesetzt. Da ich in meinen Blogeinstellungen eingestellt habe, dass ich sofort den vollständigen Text als E-Mail an meine Follower sende, könnte ich nicht einmal mehr, wenn ich es wollte, seine Verbreitung verhindern.

Aber auch der Blog selbst hat seine Vergangenheit. Bald zweieinhalb Jahre gibt es ihn nun und ich kann, wenn ich mich mit ihm und seiner Vergangenheit beschäftige, die Entwicklung sehen, die er und ich genommen haben.

Gerade in den letzten Tagen habe ich einmal einen solchen Rundgang durch das Archiv unternommen. Der Hintergrund hierzu ist, dass demnächst die Website der BartBroAuthors, des Autorenvereins, dem ich angehöre, relauncht wird und die Mitglieder dazu eingeladen sind, sich für den angeschlossenen Blog mit Beiträgen zu beteiligen. Ich habe angeboten, einige meine älteren Beiträge noch einmal zu überarbeiten und für die Nutzung frei zu geben.

Dafür habe ich mir eine Vielzahl der über 780 Beiträge, die bis jetzt hier veröffentlicht wurden, im Schnelldurchlauf noch einmal angesehen. Und ich fand es bemerkenswert – und auch ein wenig unheimlich, wie sehr an manchen Stellen die Veränderungen greifbar sind.

Ich stieß auf Texte, in denen ich mit meiner Arbeit hadere. Ich sah Momentaufnahmen, in denen ich nicht wusste, wie es denn jetzt weitergehen soll. Allzu oft bin ich mal nach links gegangen, dann nach rechts getaumelt und schien, aus heutiger Sicht betrachtet, den passenden Weg verloren zu haben.

Ich weiß jetzt wieder: Auch wenn ich heute manchmal glaube, ziellos unterwegs zu sein, im Vergleich zu früher ist es geradezu ein Musterbeispiel an Stringenz.

Aber ich habe auch Augenblicke noch einmal erlebt, die einfach schön waren! Da war natürlich die Fertigstellung der Romane, die in dieser Zeit entstanden sind. „Der Redner“, „Der Beobachter und der Turm“ und „Die Welt der stillen Schiffe“ sind auch Kinder dieses Blogs und ja, auch des Austauschs, der über diesen Blog zu Lesern und Autoren zustande gekommen ist.

Ich habe noch einmal die Momente passiert, an denen ich beschlossen habe, aus der Anonymität heraus zu gehen und mich mit allem, was dazu gehört, als Autor zu präsentieren. An einige der Artikel konnte ich mich noch erinnern, als seien sie gestern erst geschrieben worden. Andere waren dafür so gut wie vergessen und es war spannend, sie noch einmal zu lesen.

Und ich habe wieder einmal gelernt, dass wir zwar nicht in der Vergangenheit leben sollten, aber dass wir ohne unsere Vergangenheit nicht das wären, was wir heute sind. Kein Mensch, kein Autor, niemand.

Ich habe eine Reihe von Texten ausgesucht, die ich mir nun noch einmal vornehmen werde. Dabei geht es vor allem auch darum, sie ein Stück weit zu „neutralisieren“. Denn ich habe gesehen, dass ich quasi von Beginn an versucht habe, diesen Tonfall zu finden, der die persönliche Ansprache meiner Leser möglich macht. Es war mir wichtig, euch als Personen wahrzunehmen und euch als Person gegenüber zu treten. Nicht umsonst habe ich euch gleich zu Beginn auf die Veranda meines Hauses eingeladen.

Individualität ist für einen Gemeinschaftsblog von vielen Autorinnen und Autoren zwar auch wichtig, aber ich zumindest finde, dass erkennbar sein muss, dass da ein Jemand im Namen von Vielen schreibt. Außerdem sichert es auch die Individualität des eigenen Blogs, dieses Blogs hier. Denn der soll das bleiben, was er ist: Mein Sprachrohr, meine ganz eigene Sicht auf die Dinge und mein Reisebegleiter.

Der erste Schritt ist getan und viele weitere sollen noch folgen. Aus der Vergangenheit, in die Zukunft hinein. Immer weiter.

Danke, dass ihr den Weg mit mir geht!

»Ist das nicht eher ein Frauenroman?«

Gestern hatte ich euch ja von den Büchern berichtet, die ich neu ins Bücherregal stellen kann. Zu einem dieser Bücher gab es eine witzige Begebenheit, die ich euch kurz schildern mag.

Es handelte sich ja bei allen Büchern um Geburtstagsgeschenke und wie das so ist, schauen sich die anderen Gäste, so sie denn mit Büchern etwas anfangen können (und ich habe zum Glück eine Menge Menschen um mich herum, bei denen das so ist), auch die „Auslage“ an.

In dieser befand sich nun ja auch der Roman „Club der letzten Wünsche“ von Tamy Fabienne Tiede. Ich darf an dieser Stelle für die, die den Roman nicht kennen, einmal den Klappentext zitieren:

Was würdest du tun?

Unter freiem Himmel schlafen, ans Meer fahren, dich ein letztes Mal Hals über Kopf verlieben?

Diese Fragen schwirren in Jesslyns Kopf, als sie die erschütternde Diagnose erhält: Sie hat Krebs. Dabei gibt es noch so vieles, was sie unbedingt erleben will. Also schreibt sie eine Liste, die ihre letzten kleinen und großen Wünsche erhält. Zum Glück hat sie gute Freunde, die ihr bei deren Erfüllung zur Seite stehen und ihr zeigen, dass das Leben – so kurz es vielleicht sein mag – wundervolle Momente bereithält.

Das Buch fiel meiner Cousine in die Hände, sie schaute sich das Cover an, stutzte, las den Klappentext, stutzte erneut, schaute dann erst ihren Lebensgefährten und dann mich ein wenig ratlos an und fragte dann: »Ist das nicht eher ein Frauenroman?«

Und ich muss gestehen: Ich hatte mir bis zu diesem Moment überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, weil das eigentlich für mich kein wirkliches Thema (mehr) ist. In meiner Art, zu lesen, haben sich nämlich in den vergangenen zwei Jahren enorme Veränderungen ergeben – spätestens seit dem Moment, in dem ich angefangen habe, mich für das Schreiben von befreundeten und mir persönlich bekannten Autorinnen und Autoren zu interessieren.

Früher wäre ich an einem Roman wie „Club der letzten Wünsche“ vorbei gegangen und zwar nicht, weil ich gegen „Frauenthemen“ generell eingenommen gewesen wäre, ansonsten müsste ich meine vollständige Serien-Edition von „Sex and the City“ rituell verbrennen, sondern weil ich einfach nie auf den Gedanken gekommen wäre, dass mich so etwas als Roman interessieren könnte.

Aber durch die Vernetzungen, die bei mir stattgefunden haben, hat sich dies geändert. Ich lese inzwischen die Autorenseiten von Frauen (und Männern), die scheinbare Frauenromane schreiben. Der Roman, den ich gerade lese, „Ellas Schmetterlinge“ von Eva-Maria Obermann, ist ein reinrassiger Frauenroman – wobei ich den manchmal etwas abwertend benutzten Begriff Chick-Lit fast noch lieber mag.

Und ich lese auch bei ganz vielen Buchbloggerinnen und -bloggern mit, verlasse mich auf deren Urteile und lasse mich neugierig davon machen. Auf diesem Weg landete auch „Club der letzten Wünsche“ auf meinem Wunschzettel.

Aber das konnte ich in dem Moment so kurz alles gar nicht erklären, weil ich aus den genannten Gründen auch nicht (mehr) darauf vorbereitet war, eine Erklärung abzugeben. Deswegen habe ich irgendwie herumgedruckst und nur gesagt, dass ich mir da keine Scheuklappen auferlege. Das war sozusagen die Kurzfassung von dem, was ich jetzt, für euch, ein wenig weiter ausgeführt habe.

Was mich jetzt ja mal dringend interessieren würde: Wie sieht es denn bei euch so aus? So ein wenig kann ich euch, meine Stammleser und -kommentatoren ja inzwischen einschätzen, aber vielleicht mögt ihr mir dennoch verraten, ob ihr auch Romane lest, die eigentlich gar nicht für euch als Zielgruppe geschrieben zu sein scheinen. Habt ihr das immer schon gemacht? Hat sich da was verändert? Und wenn ja, warum? Oder seid ihr felsenfest bei den für euch „natürlichen“ Genres geblieben?

Ich bin sehr gespannt auf eure Gedanken hierzu! 🙂

Alle Männer gehen in den Puff und der Gärtner ist immer der Mörder

In Ergänzung zu meinem kürzlich geschriebenen Artikel über das Spiel mit den Erwartungen des Lesers habe ich heute eine Beobachtung bei mir gemacht, die ich noch einmal nachschieben möchte, weil sie viel von dem verrät, wie das mit den Erwartungen von Menschen funktioniert.

Ich musste heute mit unserem Wagen in die Werkstatt, weil das Tagfahrlicht seit zwei Monaten nicht funktioniert. Ja, so lange hat es gedauert, bis das Ersatzteil da war. Na ja, geschenkt. Die kürzeste Route zu meinem Autohändler des geringsten Misstrauens geht durch Duisburgs größtes Rotlichtviertel rund um die (auch überregional bekannte) Vulkanstraße. Ja, das ist die Gegend, über die ein ehemaliger Stadtplanungsdezernent mal gesagt hat, dass man schon am zweitklassigen Rotlichtviertel erkennen könne, dass Duisburg ein Problem habe. Keine Ahnung, ob der Mann über, ähm, Insiderwissen verfügte.

Nun gut, jedenfalls gibt es da eine Reihe von großen Laufhäusern und entsprechend einen ständigen Strom von Männern, die auf der Straße unterwegs sind, um in dieses oder jenes Haus hinein zu gehen.

Habt ihr gemerkt, was gerade passiert ist? Ich habe etwas unterstellt und ich würde beinahe darauf wetten, dass die meisten unter euch meiner Unterstellung übergangslos gefolgt sind. Wer im Rotlichtviertel unterwegs ist, der ist da unterwegs, weil er gewisse Bedürfnisse befriedigen will. Lassen wir die ganzen moralischen Erwägungen mal beiseite (wie es auch die Kommunen inzwischen tun, die vollkommen selbstverständlich eine „Sexsteuer“ erheben und damit ein Interesse an florierenden Geschäften haben), so haben wir doch die Erwartung, dass jeder, der dort herumläuft auf das Eine aus ist.

Verdammt, mir selbst passiert es ja, dass ich mir im Vorbeifahren die Männer anschaue und mir überlege, auf welchen Typ Frau die es wohl heute abgesehen haben. Und das, obwohl ich weiß, Obacht (!), dass in unmittelbarer Nähe zum „Vulkan“ mehrere Firmen angesiedelt sind, angefangen mit den Duisburger Stadtwerken auf der einen Seite und aufgehört mit der Firma Siemens auf der anderen Seite.

Ist es also vollkommen ausgeschlossen, dass die Männer, die da unterwegs sind, einfach auf dem Weg zu oder von ihrem Arbeitsplatz sind? Nein, ist es nicht. Aber ist es unwahrscheinlich? Möglich. Doch wenn das so ist, dann hat es vielleicht damit zu tun, dass auch die Männer, die dort unterwegs sind, sich vollkommen klar sind, was man von ihnen denken könnte.

Ich spreche da aus eigener Erfahrung, denn wie der Zufall es so will, liegt mein eigener Arbeitsplatz in Sichtweite eben dieser bewussten Gegend. Und wenn ich, was schon mal vorkommt, in der Mittagspause einen kleinen Spaziergang mache, dann nehme ich immer einen großen Sicherheitsabstand wahr, denn ich will ja nicht, dass jemand auf die Idee kommt, ich könnte zur Mittagsstunde …

Ihr seht also, wie schnell man in Erwartungshaltungen abrutscht, weil das Gehirn auf der Grundlage von Erfahrungen (gerne auch aus Funk und Fernsehen gesammelt) Überlegungen anstellt und Schlussfolgerungen zieht. Alle Männer, die auf der und um die Vulkanstraße herum laufen, gehen in den Puff. ISSO.

Genauso, wie in (älteren) Krimis immer der Gärtner der Mörder ist. Ja, ja, heute lachen wir über dieses Klischee und lassen vollkommen außer acht, dass es nur zu einem Klischee werden konnte, weil über einen gewissen Zeitraum hinweg die Damen und Herren Kriminalautoren es wirklich für den Gipfel der Originalität hielten, wenn das Gesinde hinter den mörderischen Vorgängen im Herrenhaus steckte.

Wenn, zum Beispiel, in einem Roman ein auch nur leicht missgebildeter Mensch auftauchte, dann war er wenigstens willfähriges Ausübungsorgan für den dahinter stehenden Schurken, der sich selbst nicht die Finger schmutzig machen wollte. Man vergleiche unter anderem bei Edgar Wallace. Dasselbe galt auch lange für Angehörige anderer Ethnien, wie zum Beispiel Afrikaner oder Asiaten.

Ich sehe uns Autoren in der Verantwortung, diese Klischees und Automatismen beim Schopf zu packen und aus unseren Werken herauszuziehen, wie es ja zum Glück in den letzten Jahren auch schon geschehen ist. Dadurch, dass Gärtner heute auch mal Opfer sein dürfen. Oder dadurch, dass Menschen anderer Herkunft auch mal den Kommissar geben dürfen. Und dadurch, dass auch Männer, die in einschlägiger Umgebung unterwegs sind, ganz normale Passanten sind – und nicht zuvorderst Puffgänger.

Wie immer gilt jedoch auch hier, dass jede Veränderung nur um der Veränderung Willen nicht per Definition gut ist. Denn viele Dinge werden so gemacht, weil sie eben einfach gut funktionieren. Es ist eine Frage der Abwägung, vor allem in Hinblick auf die Radikalität, die man an den Tag legt.

Und da freue ich mich, wenn ich zukünftig immer mal wieder von meinen Kolleginnen und Kollegen überrascht werde – nur, um dann vielleicht am Ende am meisten davon überrascht zu sein, dass der Gärtner doch der Mörder war und er deswegen auffiel, weil er immer – und zwar ausschließlich – nach seinen Morden im Rotlichtviertel abgehangen hat.

Alles ist möglich – und das ist auch verdammt gut so!

Warum es sinnvoll sein kann, einen unerwarteten Knalleffekt vor einen erwarteten zu legen

Wie ich gestern schon angekündigte, hat die Exkursion des Tages mich auf die Idee zu einem neuen Blogartikel gebracht, zu dem mir nur keine vernünftige Überschrift eingefallen ist. Deswegen bitte ich, das komische etwas da oben zu entschuldigen. Ich brauche einfach mehr Worte um zu erklären, was ich meine.

Der Ausflug führte meine Familie und mich, mal wieder, in einen Freizeitpark. Ja, ich gebe zu, meine Kinder und ich sind da ein wenig süchtig nach und meine Frau spielt das Spiel liebenswerter Weise mit. Gestern waren wir in Belgien, im Bobbejaanland. Dort steht eine Anlage, die auf den schönen Namen „Typhoon“ hört. Es handelt sich um einen Eurofighter der Firma Gerstlauer Amusement Rides und das Charakteristikum dieser Bahnen, ihr Alleinstellungsmerkmal, ist die erste Abfahrt.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Bahnen wird hier keine Schräge durchfahren, sondern der Wagen wird senkrecht in die Höhe befördert und durchfährt danach einen steilen Drop, der im Spitzenwert einen Winkel von (in diesem Fall) 97° aufweist. Danach setzt sich die Fahrt dann mit anderen Elementen fort, die man auch von anderen Bahnen kennt.

Hier könnt ihr „Typhoon“ im Video bewundern:

Direkt an die erste Abfahrt schließt sich ein Looping an und das war der Ausgangspunkt eines Gespräches zwischen meiner älteren Tochter und mir. Sie ist nämlich in ihrem Leben noch keinen Looping gefahren und wollte das auch an diesem Tag nicht ändern. Dabei war sie total auf den Looping fixiert und sah weder das Element davor, noch sah sie die sich anschließenden Schrauben.

Ich sagte ihr noch, dass sie vom Looping kaum etwas mitbekommen würde, weil der Körper noch damit beschäftigt sei, die Abfahrt zu verarbeiten, aber das änderte ihre Meinung nicht. Der Looping war ein Problem.

Reden wir aber jetzt nicht von Problemen, reden wir von Romanen. Reden wir vielleicht sogar von Romanen, die ein gewisses Standardrepertoire an Szenen abspulen. Ich vergleiche diese Szenen, die man je nach Gattung des Romans in so ziemlich jedem Genre finden kann, einmal mit den Standardelementen einer Achterbahn.

Wir haben die klassische Auffahrt, es wird Spannung aufgebaut. Im Roman passiert dasselbe. Wir lernen vielleicht die Figuren kennen, erhaschen einen ersten vagen Blick auf das, was sie verbindet und was sie trennt.

Wenn wir dann ganz oben angekommen sind, nimmt die Handlung Fahrt auf und wir arbeiten uns durch die Standardsequenzen durch, die beispielhaft so lauten könnten:

  • eine Beziehung geht im sprichwörtlichen Sinne den Bach herunter (Abfahrt)
  • die Situation wird durch etwas fremdes auf den Kopf gestellt (Looping)
  • die Handlung nimmt verschiedene Wendungen vor (Richtungswechsel)
  • dabei folgt der ersten großen Umwälzungen eine Abfolge von kleineren Twists (Schrauben)
  • je nachdem, wie rasant die Handlung ist, wird zwischendurch ein wenig abgebremst, um etwa Subplots einarbeiten zu können (Blockbremsen)
  • Happy oder Unhappy End (je nachdem, wie fest die Schlussbremsen greifen)

Die Schwierigkeit ist nun, diese Elemente so aneinander zu reihen, dass trotz ihrer hinlänglichen Bekanntheit immer wieder eine neue, eine überraschende Geschichte dabei herauskommt. Und da kann es sinnvoll sein, einen unerwarteten Knalleffekt vor einen erwarteten zu setzen (um die Überschrift wieder aufzugreifen).

Denn was macht „Typhoon“? Für jemanden, der die Bahn noch nie gefahren ist, ist das erste Element in seiner Heftigkeit eine Überraschung, die man auch von außen so nicht erwartet. Das aufgenommene Tempo sorgt für einen Druck, der den sich unmittelbar anschließenden Looping beinahe vergessen lässt. Man bekommt zwar mit, dass man kurz auf den Kopf gestellt wurde, aber das ist nicht die eigentliche Sensation.

Für einen Roman bedeutet das, dass man ruhig einmal damit spielen kann und sollte, vor die Knalleffekte, die der Leser oder die Leserin anhand des Genres erwarten würden, mal etwas Unerwartetes zu setzen – wobei ich natürlich gleich einräumen muss, dass es im Einzelfall gar nicht so leicht ist, dieses Unerwartete zu finden. Sonst würde es ja jeder machen 😉 .

In einem Krimi könnte dies zum Beispiel eine Szene sein, die vor dem obligatorischen Mordfall liegt, in welcher unsere Hauptperson ein privates Drama durchlebt. Vielleicht musste sich der Kommissar oder die Kommissarin einmal entscheiden, ob er das Leben einer Geisel oder das Leben eines Kollegen rettet.

So eine Szene vor der Handlung reißt den Leser sofort mit und und jetzt kommt das, was das Leben des Kommissars auf den Kopf stellt: Er hat sich für die Geisel entschieden, diese geheiratet und nun, zwei Jahre später, stellt er fest, dass er/sie begonnen hat, ihn zu betrügen. Wäre das nicht ein schönes Gefühlsdilemma, in dem alle miteinander stecken? Und wenn ihr euch dann noch entscheidet, dass aus Herrn Kommissar eben kein zynischer Alkoholiker wird, dann habt ihr den Leser direkt zu Beginn dreifach überrascht.

(Wenn ihr aus diesem rudimentären Gerüst eine Story machen wollt, wäre ich für eine Erwähnung bei den Danksagungen, ähm, dankbar 😉 )

Nach diesen Überraschungen könnt ihr dann getrost mit Elementen weitermachen, die erwartbar sind. Der Chef ist ein Arsch, der neue Fall zum Haare ausraufen und die neue Kollegin eine heiße Anwärterin darauf, den Job der ehemaligen Geisel als Lebensabschnittsgefährtin auszufüllen.

Wenn ihr das packend schreibt und nicht irgendwann unterwegs einschlaft, nehmt ihr den Schwung des Anfangs mit. Ihr nehmt die Erwartungen des Lesers mit, sowohl die erfüllten als auch die unerfüllten. Und mit ein wenig Glück, merkt der Leser gar nicht, dass ihr irgendwann doch wieder zu den Standardelementen zurückgekehrt seid, weil er immer noch von diesem einen Element am Anfang euphorisiert und überrascht ist.

Ich halte mir den Gedanken jedenfalls warm und werde es bei Gelegenheit genau so einmal ausprobieren. Mit einem Beispiel, das ich euch jetzt nicht verraten habe, gemein, wie ich bin.

Jetzt quält mich nur noch eine Frage (ein wenig): Bin ich eigentlich der Einzige, der beim Achterbahnfahren auf so komische Ideen kommt!?