In die richtige Zeit versetzt

Seit gestern kümmere ich mich mal wieder um eine Kurzgeschichte, die ich nur am Wochenende (sprich: zu Hause) schreiben kann. In den letzten Wochen hatte ich sie ein wenig aus den Augen verloren, weil ich mir sehr bewusst bin, dass ich nur an ihr arbeiten sollte, wenn ich mich in der richtigen Stimmung, der richtigen Verfassung und dem richtigen Geisteszustand befinde. Denn, wie ich ja schon mal berichtete, „Das Kind“ (Arbeitstitel) ist kein leichter Stoff.

Die Geschichte macht es mir zusätzlich nicht ganz leicht, weil sie, im Gegensatz zu beinahe allen meinen anderen Arbeiten, im Präsens geschrieben ist. Diese Entscheidung habe ich bewusst gewählt, weil so die Distanz zwischen dem Leser und den Akteuren merklich geringer ist. Man erlebt direkter mit, was ihnen widerfährt und wie es ihnen dabei ergeht.

Ich merke allerdings, dass ich mich hochgradig konzentrieren muss, um diese Zeitform durchzuhalten. Es passiert mir sehr leicht, manchmal wirklich mitten im Satz, dass ich in die Vergangenheitsform abrutsche. Das liegt zum einen an der enormen Gewöhnung, die man einfach inzwischen daran hat. Und zum anderen, weil ich gerade in einer Passage bin, in der es sehr wenig Dialog gibt und lange Beschreibungen vorherrschen: Ein Mann huscht durch einen verschneiten polnischen Wald, weil er glaubt, ein leises Wimmern gehört zu haben.

Das ist keine Situation, in der es um Paukenschläge geht. Da geht es um die leisen Töne, um Angst, um Zweifel und, vielleicht, auch um Mut. Zumal der Mann ahnt, dass sich knapp außerhalb „seiner Welt“ ein gewaltiges Verbrechen abspielt und es unter allen Umständen vermieden werden muss, in diese andere Welt Einsicht zu nehmen.

Die Arbeit geht trotzdem gut voran und ich bin auch vom Ton, den die produzierten Seiten haben, sehr angetan. Es ist schwierig, die richtige Tonart zu treffen: nicht zu schwer, nicht zu leicht, nicht zu bedeutungsschwanger, nicht zu lakonisch.

Eigentlich kann ich nur an meinen eigenen Ansprüchen scheitern. Aber ich denke mir, ich versuche es mal.

Um mich noch besser in die richtige Zeit und die richtige Stimmung versetzen zu können, habe ich es heute außerdem noch einmal mit der passenden musikalischen Untermalung probiert. Und zwar habe ich zum Soundtrack des Spielfilms „Der Pianist“ gegriffen, der in der Hauptsache aus Klaviereinspielungen von Chopin-Stücken besteht.

Falls ihr den Film nicht kennt (dringend nachholen!): In ihm geht es um das Leben des polnischen Juden Wladyslaw Szpilman, der es unter abenteuerlichen Bedingungen und durch die Musik geschafft hat, den Holocaust zu überleben. Eine sehr bedrückende, gleichzeitig aber auch imposante Geschichte. Adrien Brody hat für die Darstellung Spilmans zurecht den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen.

Um euch einen Einblick in die Stimmung und die Musik zu geben, habe ich aber hier ein Stück für euch ausgewählt, das der echte Wladyslaw Szpilman im hohen Alter eingespielt hat.

Eigentlich habe ich es ja nicht so mit klassischer Musik, aber ist das nicht einfach wunderschön?

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Trick 17 ohne Selbstverarschung

Bei mir auf der Arbeit haben sie das Serversystem umgestellt. Das ist jetzt eine Tatsache, die für euch nicht unbedingt wichtig ist, aber für mich ist sie sogar sehr wichtig, weil man mir ja schon vor langer Zeit meinen kleinen, alten, absolut in die Jahre gekommenen Stand-Alone-PC geklaut und durch eine von diesen neumodischen Client-/Server-Lösungen ersetzt. Das bedeutet, dass alles, was ich hier so in meine Tastatur tippe, auf irgendeinem Netzwerklaufwerk gespeichert wird.

Bestenfalls lassen sich diese Dateien dann zielgerichtet auf diesen Laufwerken lokalisieren. Das ist im Normalfall sogar so. Wenn man sich nicht mit Trick 17 selber verarscht.

Dazu muss man wissen, dass ich zwar ein „eigenes Laufwerk“ besitze (also einen geschützten Bereich auf dem Server, auf den nur ich zugreifen kann), dieser aber vor kurzem, wegen der erwähnten Umstellung, einmal auf Links gekrempelt wurde. Praktischer Weise in der Zeit, in der ich mit meiner komischen Spätsommerviruserkrankung zu Hause war.

Als ich gestern in der Mittagspause an „Die Behüter des Wahren“ weiterschreiben wollte, fand ich, oh weh, nur eine uralte Version meiner Arbeitsdatei vor. Ich schreibe auf der Arbeit in Word und kopiere abends daheim alles nach Papyrus rüber. Aber, Trick 17, ich wusste ja, dass ich mir meinen letzten Arbeitsstand auf dem Mailweg zugeschickt hatte.

Dementsprechend fand sich die Datei bei den gesendeten Mails und ich konnte loslegen. Und zwischendurch immer wieder schön abspeichern, das Ganze. Wie es sich gehört.

Am Nachmittag, als ich mir die Datei nach Hause schicken wollte, bin ich dann irgendwie ins falsche Verzeichnis geraten … denn als ich abends wie immer den Fortschritt umkopieren wollte, war da nur der alte Text!

Hektik, Panik, Weltuntergangsstimmung.

Denn ich musste ja davon ausgehen, dass der Text sich jetzt in irgendeinem obskuren temporären Ordner befand, in den ich zwar speichern, den ich aber gar nicht selber aufrufen durfte. Na, da hätte ich aber Freude gehabt.

Gut, ihr seht schon am Konjunktiv, dass ich noch einmal Glück im Unglück hatte. Zwar war die Datei tatsächlich an einem Ort, wo ich sie nie vermutet hätte, aber ich konnte sie aufrufen, ordentlich abspeichern und in der Mittagspause weiterschreiben.

Trick 17 ohne Selbstverarschung.

Und weil ich mich so über die Tatsache, dass die Datei noch da und ich in der Lage war, meinen Faden weiter zu spinnen, mag ich euch ein kleines Zitat aus dem Text da lassen, das mir eigentlich ganz gut gefällt:

Orion zog den Hebelschalter nach unten und machte im gleichen Atemzug einen Satz nach hinten. Seine immer noch auf Hochtouren laufende Fantasie gaukelte ihm eine Schar von kleinen, quirligen Wesen mit großen Zähnen vor, die sich aus dem Treppenaufgang ergoss.

Aber nicht nur, dass durch die sich öffnende Tür keine Angreifer kamen, die Tür öffnete sich auch nicht so, wie man es von ihr hätte erwarten sollen. Statt zur Seite oder nach oben zu gleiten, oder wenigstens wie eine ganz normale, wenn auch altmodische Tür aufzuschwingen, fiel sie einfach nach vorne in den Raum – wo sie in zahlreiche Bruchstücke zerfiel.

Na, was es wohl damit auf sich hat? 😉

Manche Szenen fallen beim Schreiben einfach schwer

Manche Stellen fallen beim Schreiben einfach schwer. Entsprechend lange versucht man, ihnen aus dem Weg zu gehen, sie immer wieder zu umschiffen oder die Szene hinaus zu zögern. Aber da muss man irgendwann durch, wenn man die Geschichte nicht verlieren oder, noch schlimmer, ihre Wahrhaftigkeit komplett vernichten will.

Nichts ist schlimmer, als wenn man als Autor versucht, sich davor zu drücken, die Konsequenzen aus dem, was man sich aufgehalst hat, zu tragen. Wir treffen Entscheidungen, die für die Personen, die wir beschreiben, mehr oder weniger gute, schlechte oder katastrophale Auswirkungen haben. In unseren Geschichten sind wir zwar wie Götter, aber auch unserer Macht sind Grenzen gesetzt. Durch die Regeln der Glaubwürdigkeit.

Stephen King hat einmal erzählt, wie er beim Schreiben seines Romans „Cujo“ von dieser Tatsache überrollt wurde. In diesem Roman ist ein kleiner Junge über viele, viele Stunden in einem Auto eingeschlossen, weil ein tollwütiger Bernhardiner jeden Ausbruchsversuch der Mutter abwehrt. Am Ende ist das Kind vollkommen dehydriert und, so leid es mir tut, es stirbt in der Geschichte.

King berichtete nun davon, dass das eigentlich gar nicht so geplant war. Eigentlich sollte der Junge leben. Aber dann kam er an die Stelle, an der seine Mutter versucht, ihn zu reanimieren. Und auf einmal stellte er fest, dass gute zehn Minuten vergangen waren und sie immer noch dabei war, ihn zu beatmen – oder was auch immer sie genau tat.

Und so sei der arme kleine Junge ihm einfach weggestorben.

Ich finde diese Geschichte wichtig und interessant, weil sie zeigt, dass es manchmal einfach passiert. Und wenn es passiert, dann sollte man sich nicht dagegen wehren, sondern es akzeptieren.

Bei mir liegt die Sache noch ein wenig anders, denn ich gestehe, ich habe aus Vorsatz gehandelt. In meiner Geschichte, die ich eigentlich nur am Wochenende schreibe, habe ich heute eine Szene gehabt, die sich anfühlte, als ob ich sie nicht zu einem Abschluss bringen wollte. Dabei war klar, was zu passieren hatte. Und es war klar, dass es schnell passieren musste. Weil ansonsten die Glaubhaftigkeit der Geschichte dahin gewesen wäre.

Also habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und es dann hinter mich gebracht: Ich habe gerade einen dreijährigen Jungen faktisch zu einem Waisenkind gemacht und ihn in der Wildnis ausgesetzt. Ich bin nicht stolz darauf und es hat mir keinen Spaß gemacht, auch wenn die Szene am Ende, so glaube ich, richtig gut geworden ist. Es musste sein und deshalb ist es passiert.

Ohne blasphemisch sein zu wollen, in solchen Momenten verstehe ich, wieso Gott sich im großen und ganzen aus seiner Schöpfung heraushält. Jeden Tag möchte ich mich mit solchen Dingen auch nicht auseinandersetzen müssen.

Die Kurzgeschichte, die ich nur am Wochenende schreiben kann

Wie ich euch ja kürzlich berichtet habe, schreibe ich zurzeit an zwei Geschichten gleichzeitig. Das eine ist die Kurzgeschichte der Kurzroman „Die Behüter des Wahren“ und das andere die Kurzgeschichte „Das Kind“. Das war die Geschichte, die ich komplett geträumt habe und die ein, sagen wir mal, sehr ernstes und auch trauriges Thema hat.

Ich habe festgestellt, dass ich an „Das Kind“ nur am Wochenende schreiben kann, während die Arbeit an „Die Behüter des Wahren“ unterhalb der Woche stattfindet. Das mache ich nicht bewusst, es hat sich einfach so eingespielt.

Wenn ich eine Erklärung dafür abgeben müsste, dann würde ich glauben, dass es daran liegt, dass das Thema von „Das Kind“ es erfordert, mit voller Aufmerksamkeit heran zu gehen. Außerdem stellt mich die Geschichte vor ein Problem in der Art, dass sie mich auch emotional ganz anders angeht als die lockere Science-Fiction der „Behüter“.

In „Das Kind“ geht es um einen dreijährigen Jungen, den seine Eltern vor der Deportation retten wollen. Dazu müssen sie sich von ihm trennen, weil er ansonsten keinerlei Überlebenschance hätte.

Wie ihr wisst, habe ich selber zwei Kinder. Und auch wenn ich nicht glaube, dass ich wirklich in aller Authentizität in meine Elternfiguren projizieren kann, wie ich mich fühlen würde, müsste ich mich von einer meiner beiden Töchter auf diese Weise trennen, gehen mir die Szenen doch sehr nahe.

Ich kann diese Geschichte nur in homöopathischen Dosen schreiben. Zwei bis drei Manuskriptseiten auf einmal und dann ist es auch wieder vorbei. Und, wie gesagt, nur an den Wochenenden – wenn denn überhaupt.

Das ist wieder eine neue Erfahrung, eine sehr interessante, wenn ich das so sagen darf. Ich hoffe, dass am Ende eine Geschichte dabei herauskommt, von der ich sagen kann, dass ich mein Ziel erreicht habe: Möglichst realitätsnah zu bleiben, nicht zu kitschig zu werden und, das vor allem, nicht vordergründig effekthaschend. Es geht mir nicht darum, auf die Tränendrüse zu drücken und es geht mir nicht darum, Gefühle zu instrumentalisieren.

Es geht mir, hier so sehr, wie lange nicht mehr, um die Geschichte!

Und wenn ich nur am Wochenende daran arbeiten kann, dann ist das halt so. Ich habe es nicht eilig, es gibt keine Deadline. Diese Geschichte schreibe ich aus meinem eigenen Antrieb. Und solange das so bleibt, wird sie ihren Zweck erfüllen. Da bin ich mir sicher.

Warum passiert mir das eigentlich immer wieder!?

Ich werde aber auch nicht schlau daraus. Immer wieder passiert mir das. Wieso, frage ich mich? Wieso bin ich nicht in der Lage, eine Kurzgeschichte auch wirklich eine Kurzgeschichte bleiben zu lassen?

Ist ja jetzt nicht so, als ob ich nicht gerade im letzten Jahr die eine oder andere Kurzgeschichte sogar auf ein fest vorgeschriebenes Format hin geschrieben hätte. Ich kann es also. Umso unverständlicher ist es, dass mir immer wieder die Sicherungen durchknallen, die das eigentlich verhindern sollten, und aus einem kurzen Text ein immer längerer Text wird? Gibt es dafür nicht so eine Art FI-Schalter im Gehirn?

Ihr könnt euch sicherlich schon denken, was passiert ist und meine Stammleser mögen bitte aufhören, so zu grinsen 😉 . Die Geschichte „Die Behüter des Wahren“ nimmt mehr Platz ein, als ich ihr ursprünglich zugestehen wollte. Viel mehr Platz!

Um genau zu sein bin ich inzwischen irgendwo um die 80. Manuskriptseite. Das ist jetzt noch nicht weltbewegend viel, aber ich bin vielleicht gerade bei der Hälfte der Geschichte angelangt, wenn überhaupt. Es wird also alles, nur keine Kurzgeschichte mehr werden. Aber was genau nun daraus wird, das weiß ich auch noch nicht.

In den letzten beiden Kalenderjahren gibt es zwei Präzedenzfälle, in denen mir kurz geplante Stories explodiert sind.

Der erste war „Die Welt der stillen Schiffe“, ursprünglich geplant als lockere Schreibübung, um den NaNoWriMo 2015 noch irgendwie zu einem Ende zu bringen, weil mir mein vorheriger Roman irgendwie ausgegangen war. Aber sehr schnell zeigte sich, dass aus der geplanten Novelle ein Kurzroman wurde und am Ende aus dem Kurzroman ein kompletter Roman mit nicht unbeträchtlichem Umfang.

Noch „besser“ ist die Geschichte von „Der goldene Tod“, der ursächlich eine Kurzgeschichte auf der Basis von einigen Stichworten von Gewinnspielgewinnerin Nike Leonhard werden sollte, bevor er dann ebenfalls seine Ambitionen zeigte, etwas großes werden zu wollen (auch wenn es noch nicht vollendet wurde, ist das Manuskript alles andere als vergessen!).

Und nun also „Die Behüter des Wahren“. Ich muss mich der Realität stellen und die Realität sieht so aus, dass dies keine Kurzgeschichte mehr wird, sondern eine Novelle. Oder auch ein Kurzroman, da sind die Grenzen ja mittlerweile fließend. Ein wenig werde ich sicherlich kürzen können, wenn ich damit fertig bin, denn im Augenblick ist mir das Manuskript stellenweise noch etwas zu geschwätzig.

Aber dadurch werde ich auch nicht mehr „retten“, was vielleicht gar nicht gerettet werden muss.

Und trotzdem frage ich mich in Augenblicken wie diesen, ob ich einfach maßlos bin, ob ich so schlecht diszipliniert bin, dass mir die Figuren und die Handlungen meiner Geschichten nicht nur auf der Nase herumtanzen, sondern dass sie mich am Nasenring durch die Manege führen können.

Ich weiß es wirklich nicht.

Tatsache ist jedenfalls, dass ich mich dem nun stellen muss und wie ich schon in einem früheren Beitrag schrieb: Mal sehen, was ich dann hinterher damit anstelle. So eine nette kleine Geschichte könnte man ja glatt mal als Versuchsballon fürs Selfpublishing …

Und wieder: Wo ist der FI-Schalter!? Ich werde mich dann mal auf die Suche begeben.


Übrigens: Der Text ist natürlich etwas übertrieben. In Wahrheit freue ich mich darüber, dass ich wieder so etwas Ähnliches wie meinen Schreibfluss gefunden habe. Ich würde es nur nie, nie, niemals nicht zugeben 😉 .

Der Sonntagsreport vom 20.08.2017 – Dreieinhalb Baustellen und nur eine Schaufel

Hallo zusammen,

schon wieder ist Sonntag und schon wieder ist es Zeit für einen entsprechenden Report. Bald gehen hier in NRW die Kinder wieder in die Schule und damit ist dann der Alltag im heimeligen Haus wieder vollends hergestellt. Die letzten Wochen fühlten sich doch ein wenig seltsam an – auch die Tage, an denen ich schon wieder arbeiten gehen musste.

Das Wetter da draußen schlägt ja auch munter eine Kapriole nach der anderen und auch wenn ich normalerweise nicht zu denen gehöre, die über das Wetter bloggen, muss ich doch kurz darauf zu sprechen kommen. Schließlich hat es dafür gesorgt, dass ich am Donnerstag eine berufliche Auszeit „genossen“ habe, die mir immerhin etwas eingebracht hat.

Als ich Donnerstag aus unruhigen Träumen erwachte, fühlte sich mein Schädel wie eine Piñata an, auf die mit mindestens drei Baseballschlägern gleichzeitig eingeknüppelt wurde. Also habe ich mich krank gemeldet und wieder umgedreht. Nur, um keinen wirklich erholsamen Schlaf zu finden.

Zwar bin ich immer wieder weggeduselt, aber das mir ansonsten typischer Weise gelingende „Gesundschlafen“ klappte nur in Ansätzen. Immer wieder schaute ich auf die Uhr, drehte sich in meinem Kopf alles, wenn wieder einmal von einer anderen Seite auf die Piñata eingedroschen wurde, und sank ich wieder in unruhige Träume.

Und einer dieser Träume brachte mir eine Geschichte.

Nun sollte man meinen, dass ein Autor nie einen Mangel an Geschichten hat. Hat er auch nicht. Alleine mit den potenziellen Sequels zu meinen Romanen könnte ich schon jede Menge Schreibzeit füllen (mal ganz davon abgesehen, dass hier noch zwei angefangene Rohentwürfe unfertig herumliegen). Aber das, was sich da in meinem inneren Flusensieb verfangen hatte, war eine wirklich von vorn bis hinten fertige Geschichte.

Ich hatte das Setting, ich hatte die Handlung, ich hatte den überwiegenden Teil der Personen. Wenn es die schon oft diskutierte Möglichkeit geben würde, die Gedanken aus den Träumen mitzuschreiben oder -zuzeichen, ich hätte ein komplettes Storyboard gehabt.

Und das passiert dann dich nicht so häufig, dass es nicht zumindest bemerkenswert wäre.

Was tat ich also? Ich kämpfte mich aus dem Bett hoch, schlurfte an meinen PC und warf Evernote an. Evernote ist, falls ihr es noch nicht kennt, eine Notizbuchsoftware, die sowohl am Desktop als auch auf dem Smartphone genutzt werden kann und sich miteinander synchronisiert. Danach schrieb ich den kompletten Plot in einem runter.

Nur, um mich danach in einem Dilemma zu befinden.

Wie ihr wisst, kann ich mich im Moment eigentlich nicht beklagen, dass ich nichts zu tun hätte, wenn es um das Schreiben und seine Nebenkriegsschauplätze geht:

  1. Das Manuskript von „Der Morgen danach“ musste im ersten Kapitel noch einmal von Grund auf neu überarbeitet werden.
  2. Ich schreibe an der Geschichte „Die Behüter des Wahren“.
  3. Mit einem Auge suche ich nach einer Möglichkeit, „Der Beobachter und der Turm“ und/oder „Darkride“ an den Mann zu bringen.

Gut Nummer drei zählen wir mal als einen halben Punkt.

Aber was nun tun mit der neuen Kurzgeschichte? Zuerst einmal nachdenken. Mir war klar, dass die Geschichte einerseits nicht so lang werden würde, wie „Die Behüter des Wahren“ sich abzeichnen. Andererseits geht es um ein Thema, das auch nicht mal eben so abzutun ist – ich komme gleich noch darauf.

Natürlich könnte ich die Kurzgeschichte einfach liegen lassen. Schließlich ist sie ja geplottet. Aber: Genau jetzt habe ich das Gefühl noch im Bauch, das ich hatte, als ich diesen Traum geträumt habe. Genau jetzt habe ich noch die Emotionen, die beim Aufschreiben des Plots hoch kamen. Und deswegen ist genau jetzt eigentlich der Zeitpunkt, sie zu schreiben.

Da stand ich also mal wieder mit dreieinhalb Baustellen und im übertragenen Sinne nur einer Schaufel in meinen Händen. Es müssen also Kompromisse geschlossen und Dinge ausprobiert werden.

  1. Das erste Kapitel von „Der Morgen danach“ habe ich heute früh noch einmal überarbeitet und dabei die Anmerkungen meiner Lektorin mit berücksichtigt. Morgen werde ich mir das noch einmal durchlesen und ihr dann wieder zusenden (zusammen mit der schon einmal angesprochenen Änderung im hinteren Teil des Manuskripts).
  2. Ich werde „Die Behüter des Wahren“ weiter schreiben, aber
  3. parallel dazu entsteht auch die neue Kurzgeschichte „Das Kind“. Ich muss sehen, dass ich Zeit und Energie zwischen diesen beiden aufteile. Beide Geschichten sind grundverschieden, so dass sich zumindest die Art zu erzählen nicht gegenseitig negativ beeinflussen dürfte.
  4. Und dann die halbe Verlagssuche … ich werde mich mal ein wenig mit Google beschäftigen und auch mit dem Handbuch für Autorinnen und Autoren, das hier im Schrank steht. Beide bringen mich vielleicht auf Ideen, an wen ich mich wenden könnte und sollte. Einfach nur, um das Gefühl zu haben, dass sich in meiner Schublade etwas tut.

Also, so sieht es im Moment aus und ja, ich weiß, dass das verdammt viel ist, wenn man nur eine Schaufel in der Hand hat. Aber ich habe in einem Beitrag der vergangenen Woche über meine Motivation geschrieben und dass dazu auch der „Neid“ auf andere Autoren gehört, die anscheinend immer wieder und immer ganz leicht ihre Projekte verwirklichen. Ich weiß, dass es nicht so leicht ist, wie es aussieht. Aber trotzdem möchte ich etwas gegen dieses Gefühl tun – und das geht nur, indem ich mich auf den Hosenboden setze und „einfach mal“ irgendwas angehe und erledige.

So, das ist jetzt der Plan. Kein ausgeklügelter Plan, aber wenigstens etwas. Bei allen Bauchschmerzen, die ich habe, weil wieder so viele Dinge parallel laufen.

Entlassen mag ich euch aus diesem Sonntagsreport mit dem unkorrigierten Anfang von „Das Kind“. Ich hoffe, dass ich damit ein wenig zeigen kann, wieso es mir wichtig ist, die Atmosphäre so schnell und gut wie mir möglich zu schildern.

Ich wünsche euch einen guten Start in die Woche und dass ihr von Wetterattacken möglichst verschont bleiben möget. Es sei denn, sie bringen euch gute neue Ideen ein …

Euer Michael

Das Kind

I. Der Zug

Dunkel ist die Welt dort draußen und dunkel ist auch die Welt im Inneren. Das dröhnende Heulen der Klage, das noch vor wenigen Stunden die Luft erfüllte wie die flirrende Masse eines Mückenschwarms über stehendem Gewässer im Frühsommer, ist lange schon in sich zusammengefallen zu einem leisen Flüstern und Murmeln bangender Ungewissheit.
Sie sind nicht mehr als eine verbringbare Masse, das ist jedem dieser Menschen klar, die dicht an dicht gepresst in dem nach menschlichen Ausscheidungen stinkenden Güterwaggon beieinander stehen. Das Vorrecht zu sitzen genießen nur wenige von ihnen, die besonders Alten und die besonders Jungen. Die Kranken sind, teils unter heftigem Protest ihrer Angehörigen, ganz an den Rand gelegt worden. Dorthin, wo sie von der Wärme der Gemeinschaft nicht mehr erreicht werden können.
Vereinzelt hebt sich eine Stimme, die aber von den Umstehenden schnell zur Ruhe gebracht wird. Der Gespensterzug eilt in monotoner Stille seinem Ziel entgegen.

#Autorenwahnsinn, die Sommeredition: Die Tage 03, 04 und 17

Auch heute geht es hier ein wenig wahnsinnig zu. Ein wenig nur, weil ich heute irgendwie einen verdammt schlechten Tag mit meinem Kopf erwischt habe. Heftige Kopfschmerzen haben mich bis gegen Mittag ans Bett gefesselt – was immerhin dadurch versüßt wurde, dass ich aufgewacht bin und eine komplette Kurzgeschichte im Kopf hatte, die ich jetzt „nur noch“ aufschreiben muss.

Ich habe sie sogar schon geplottet, was für mich nun wirklich sehr ungewöhnlich ist. Leider wird die Geschichte wohl einen ein ganz klein wenig tragischen Anstrich bekommen, aber da kann ich nichts dran machen. Jede Geschichte fordert ihr Recht auch in Bezug auf das Setting und die Figuren.

Aber darum soll es hier ja eigentlich gar nicht gehen, sondern um weitere drei Tage des Autorenwahnsinns.

Tag 03: Wo verbringst du diesen Sommer?

Meinen Sommerurlaub habe ich ja leider schon hinter mir. Meine Familie und ich sind dieses Jahr zu Hause geblieben, weil … na ja, über Geld spricht man nicht 😉 .

Statt weg zu fahren haben wir uns in der näheren Umgebung einige Sehenswürdigkeiten angesehen, die von Auswärtigen immer gerne angesteuert werden, die man selbst aber irgendwie kaum besucht. Das ist mir jetzt schon mehrfach aufgefallen. Im Urlaub woanders fährt man auch schon mal eine Stunde, um sich z.B. ein Museum anzusehen. Hier meistens nicht. Und dabei ist von Duisburg aus so viel Sehenswertes im näheren Umkreis.

Wir haben also eine gesunde Mischung aus Unternehmung und Ruhezeit gesucht und ich denke auch gefunden. Hier im Blog war ja zum Beispiel von unserem Ausflug ins Bobbejaanland zu lesen. Und mindestens ein weiterer Beitrag, der mit einem Urlaubserlebnis zu tun hat, ist noch geplant.

Aber nächstes Jahr möchte ich trotzdem gerne mal wieder ein paar neue Eindrücke woanders sammeln.

Tag 04: Es ist Sommer! Und wir wünschen uns ein sommerliches Zitat aus deinem Manuskript!

Nun, ein im Wortsinne „sommerliches“ Zitat habe ich nicht im Angebot. Aber zwei meiner Romane, von denen hier in letzter Zeit häufiger zu lesen war, spielen im Hochsommer. Das ist zum einen „Darkride“, zum anderen aber auch der zur Veröffentlichung anstehende „Der Morgen danach“. Aus diesem gibt es hier einen kleinen Auszug:

Die Hitze stand in den Straßen Freiburgs und mich lachte das Angebot einer Eisdiele an, an der ich vorbei kam. Also kaufte ich mir drei Kugeln im Hörnchen und setzte mich auf eine der Bänke, die hier überall herum standen.
Für diesen einen Augenblick gab ich mich der Illusion hin, ich wäre ein Passant wie alle anderen, die einkauften, bummelten oder wie ich in der Sonne saßen. Aber ganz konnte ich nicht ausblenden, wie auch hier auf meine Erscheinung reagiert wurde.

Na, immerhin gibt es für meinen Protagonisten ein Eis 😉 .

Tag 17: Wo schreibst du am liebsten, wenn es draußen regnet?

Wie schon einige Male erwähnt habe ich ein Kellerbüro. Das bedeutet, dass es für mich völlig unerheblich ist, ob es regnet, ob die Sonne scheint, ob es schneit, ob es stürmt. Und genau deswegen schreibe ich hier am allerliebsten: Es bedeutet Kontinuität und Sicherheit, Gleichklang und auch -form.