So schön und doch so unpraktisch

Es ist ja beinahe so etwas wie eine Grundsatzentscheidung: Lese ich ein Buch lieber in Papierform oder doch besser elektronisch?

Für beide Varianten lassen sich Argumente finden, die wir auch an dieser Stelle hin und wieder schon  ausgetauscht haben. Gerade jetzt, im Moment, kommt mir allerdings zum ersten Mal die Variante eBook wie ein unmoralisches Angebot vor, das ich eigentlich ablehnen möchte, bei dem es mir aber schwer gemacht wird, es zu tun.

Ich hatte euch ja berichtet, dass ich zur Zeit den neuen Roman von Stephen und Owen King, „Sleeping Beauties“, lese. Ja, ich lese immer noch an dem Wälzer und selbst bei einem Umfang von über 900 Seiten ist das schon eine ganze Weile. Dafür habe ich allerdings Gründe.

Ich bin ein schneller Leser und ich bin jemand, der gerne liest. Das führt dazu, dass ich auch eine umfangreiche Sammlung an Büchern habe – weil ich gleichzeitig auch jemand bin, der Bücher nicht gerne wieder abgibt, wenn er sie einmal hat.

In der Regel ist es mir allerdings ziemlich egal, in welcher Form ich einen Roman besitze. Ich lege nicht einmal besonderen Wert darauf, dass ich alle Folgen einer Romanserie in derselben Auflage habe. So kommt es zum Beispiel, um bei Stephen King zu bleiben, dass ich den ersten Roman seines „Dunkler Turm“-Zyklus als gebundene Fassung habe, die Bände zwei und drei als Paperback und erst ab Band 4 wieder gebundene Bücher.

Auch ansonsten wechseln sich bei mir gebundene Ausgaben, Paperbacks, Taschenbücher und auch eBooks mittlerweile bunt ab. Das hat auch etwas mit den aufgerufenen Preisen zu tun. Viele Novitäten, die zuerst im Hardcover erscheinen, liegen inzwischen bei 25 Euro und mehr. Das ist viel Geld, vor allem dann, wenn man nun einmal schnell und viel liest.

Der einzige Autor, bei dem ich wirklich seit über 20 Jahren jeden Roman (sofern verfügbar) im Hardcover kaufe/mir schenken lasse, ist eben Stephen King. Und seine Romane sind auch die einzigen, die ich gerne sofort lese, sobald sie mich erreicht haben. Ich bin halt Fan, da muss das so sein.

Nun gibt es Faktoren, die meine Lesezeiten begrenzen. Diese Faktoren heißen Arbeit, Familie, andere Hobbies, inklusive des Schreibens und dieses Blogs hier. Ich bin also darauf angewiesen, die Zeiten zu nutzen, die ich habe, um bei einem Wälzer dran zu bleiben, der so dick und fast so hoch ist wie eines der Duisburger Wahrzeichen, nämlich unser Stadtwerketurm 😉 .

Im Normalfall lese ich viel auf dem Weg zur Arbeit und wieder zurück. Aber das ist im Moment kein Vergnügen, denn, wie immer um diese Jahreszeit, die Bahnen werden voller und voller. Es ist so, als ob viele Menschen, die sonst mit dem Auto zur Arbeit fahren, auf einmal ihr Herz für den Nahverkehr entdecken und so dafür sorgen, dass alles verstopft ist. Gleichzeitig fahren die Bahnen aber auch mit teils großen Verspätungen, weil, trotz allem, der Verkehr auf den Straßen wahlweise zunimmt oder jedenfalls doch immer unberechenbarer wird.

Im Ergebnis ist das, was sich im Moment in den Straßenbahnen und Zügen abspielt nicht mehr und nicht weniger als die Rache der Ölsardinen. Und da macht es weder Spaß noch Sinn noch Freunde, wenn man auf die Idee käme, ein dickes Hardcover auszupacken und darin lesen zu wollen. Es macht nicht einmal Sinn, es nur in der Hand zu tragen, wie ich es sonst immer tue. Nein, wenn ich jetzt unterwegs lesen wollte, dann müsste ich das Buch wirklich jedes Mal in die Tasche und wieder heraus räumen. Und dazu habe ich, man sehe mir meine Bequemlichkeit nach, einfach keine Lust.

Und jetzt kommen wir zu dem unmoralischen Angebot zurück, denn im Gegensatz zu Taschenbüchern, bei denen es ja immer noch etliche Monate dauert, bis sie erscheinen, sind digitale Fassungen der meisten Hardcover zum Erscheinungstag verfügbar. Und mein Kindle passt hervorragend in meine Jackentasche und ist daher auch zwischendurch immer schnell bei der Hand, zumal das Umblättern auch noch weg fällt, für das man anderweitig noch mehr Bewegungsfreiheit bräuchte.

Aber ist das wirklich eine Alternative? Bei einem Roman, den ich mir zum Erscheinungsdatum kaufe und schnell lesen will? Bei einem Autor, von dem ich alle Romane in gedruckter Form besitze?

Das kann es doch eigentlich nicht sein, finde ich. Und dennoch habe ich bei diesem Roman erstmalig gezögert und gezuckt, als ich ihn bestellt habe. Hardcover sind schön im Regal – aber unpraktisch, wenn man mit ihnen unterwegs ist. Und auf die Veröffentlichung als Taschenbuch zu warten ist für mich schlicht keine Option. Das mache ich bei vielen anderen Büchern, die ich mir ansonsten auch gerne gebraucht kaufe. Aber nicht bei denen, die ich wirklich, wirklich haben will.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre das eine Hardcover-Ausgabe, der – von mir aus gegen eine Art Schutzgebühr – eine eBook-Fassung des Romans beiliegt, die der Käufer sich aus dem Netz herunterladen kann. So macht Amazon es z.B. mit gekauften Musik-CDs, so machen es die Filmverleiher mit ihren Digitalen Kopien und so machen es die Produzenten von Vinyl-Platten gerne mit beigelegten Codes.

Ich weiß, dass es bereits Überlegungen und wohl auch erste Versuche in dieser Richtung gegeben hat, aber das Vorgehen konnte sich am Markt wohl nicht durchsetzen. Und schon gar nicht unter Berücksichtigung des .mobi-Formats von Amazons Kindle-Geräten.

Für mich allerdings wäre es ein Traum: Die schöne Ausgabe für das Regal und die Mußestunden und die digitale Fassung für unterwegs. So käme ich auch wesentlich schneller voran und müsste nicht immer wieder lästige Unterbrechungen in kauf nehmen.

Wie sieht es bei euch damit aus? Seid ihr analog oder digital oder hybrid? Und wärt ihr gerne etwas anderes, wenn ihr die Möglichkeit dazu hättet, bzw. die Umstände euch nicht zwingen würden, so zu sein?

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Von Personenlisten in Romanen am Beispiel Stephen King

Ich habe euch ja noch gar nicht erzählt, dass ich mich im Moment durch den neuen Roman von Stephen King kämpfe, den er zusammen mit seinem Sohn Owen geschrieben hat. Dieser heißt „Sleeping Beauties“ und es geht um eine rätselhafte Schlafkrankheit, die sich zeitgleich auf der ganzen Welt ausbreitet, dabei allerdings nur Frauen befällt und dafür sorgt, dass diese sich selbst in eine Art Gespinst einweben. Wer dieses Gespinst durchbricht, hat schlechte Karten, denn dann verhalten die so Aufgeweckten sich ungefähr so kooperativ wie einer der „Beißer“ aus der Fernsehserie „The Walking Dead“ und es kann schon mal dazu kommen, dass der Mann, der so unvorsichtig war, eines Teils seiner Nase verlustig geht.

Ja, ihr habt richtig gelesen, ich kämpfe mich ein wenig hindurch, denn ich muss gestehen, dass der Roman mich bislang noch nicht so packen konnte, wie ich es mir eigentlich von jedem neuen „King“ erhoffe. Dabei sind die Zutaten eigentlich recht gut, wenn auch stellenweise eine Variation bereits bekannter Muster, einmal gut durchgemischt und mit einem Spritzer Zitrone versehen.

Vielleicht liegt es auch an dem Anteil von Owen King, dass ich diesmal nicht so mitgerissen bin wie bei vielen anderen Büchern des Autors. Die Übersetzung macht es unmöglich, genau den Finger darauf zu legen, wo Stephen aufhört und wo Owen anfängt. Falls man es im Original überhaupt kann. Die Kunst des Miteinanderschreibens besteht ja gerade darin, dass man keinen Bruch zwischen den beiden Erzählerstimmen bemerkt.

Von „Sleeping Beauties“ möchte ich euch aber in diesem ersten Schritt nur so am Rande erzählen, denn ich habe den Roman ja erst zu ungefähr einem Drittel gelesen.

Vielmehr geht es mir darum, von einer Besonderheit zu berichten, die man in nicht allzu vielen Romanen vorfindet. Und zwar geht es dabei um eine dem eigentlichen Geschehen vorangestellte Liste mit allen im Roman auftauchenden Personen:

Ich muss gestehen, dass ich nicht richtig wusste, was ich mit dieser Liste anfangen sollte, als ich ihrer angesichtig wurde. Und das liegt daran, dass ich keine Ahnung habe, was die Autoren glauben, was ich damit anfangen soll.

Es gibt ein Genre, in dem gerne mit Personenlisten gearbeitet wurde (ob das noch so ist kann ich aufgrund mangelnder aktueller Einsicht nicht sagen). Das ist der Heftroman. Gerade in fortlaufenden Serien, die teils Handlungsstränge über viele Romane hinweg entwickeln, fand sich früher ein Kasten zu Beginn des Romans, in dem auf die Hauptpersonen der folgenden rund 64 Seiten hingewiesen wurde. Aber diese wurden, zumindest in meiner Erinnerung, nicht einfach nur in Listenform heruntergeschrieben, sondern es stand auch noch kurz etwas zu ihrer Rolle im folgenden Geschehen, so dass man sie bereits vor dem Lesen ein wenig einordnen konnte. Das prominenteste Beispiel, das mir einfällt, ist die Serie „Perry Rhodan“.

Diese Art der Personenlistung habe ich durchaus als hilfreich empfunden, denn so wusste ich, auf wen ich beim Lesen mein Augenmerk legen konnte. Ja, es ist eine einfache Form des Selbstbetrugs wenn man so will, dass man von vornherein die Hauptfiguren stärker für sich ins Gewicht nehmen kann als die Nebenfiguren.

Andererseits machen wir das in fast allen Bereichen, bei denen wir es mit Ensembles zu tun haben, doch auch so. Der Film und das Theater verraten uns schon auf den Plakaten, auf wen wir besonders achten sollen. Bei Konzerten mit klassischer Musik heißt es nicht nur, wer da jetzt gerade spielt, sondern vor allem, was, also welcher Künstler mit welchen Stücken, gespielt wird.

Nein, eine Liste mit Informationen zu den Hauptpersonen finde ich, rein vom Prinzip, gar nicht schlecht, auch wenn ich bisher noch nie so gearbeitet habe – es aber zumindest für meine eigene Science-Fiction-Serie durchaus in Erwägung zog.

Aber was soll ich mit der über mehrere Seiten gehenden Liste im King-Buch anfangen? Sie bietet keine Informationen darüber, wer im kommenden Handlungsverlauf wichtig ist. So wird etwa der als erstes genannte Meth-Koch gleich zu Beginn des Romans ermordet. Bis dahin hatte man kaum Gelegenheit, sich an seinen Namen zu gewöhnen.

Ich verstehe es einfach nicht. Soll ich vielleicht einen Stift nehmen und jeden Namen abhaken, der mir im Roman begegnet ist? Ich gebe nämlich zu, dass mir ein solcher Gedanke durchaus schon gekommen ist, auch wenn er, das weiß ich selbst, albern ist.

Aber vielleicht kann mir jemand von euch einen Tipp geben, wofür die Liste gut sein könnte. Würdet ihr euch vielleicht sogar wünschen, dass so etwas häufiger in Romanen zu finden ist? Das würde mich wirklich interessieren, denn dann könnte ich ja überlegen, etwas ähnliches bei meinen eigenen Geschichten zu unternehmen.

Dann aber bitte mit kurzer Erläuterung zur Person und nicht „nur“ als reine Liste. Denn die finde ich eher uninformativ. Aber, hey: überzeugt mich! 🙂

Stephen King/Richard Chizmar „Gwendys Wunschkasten“ – Eine Meinung

Nachdem ich mein Lese-Dilemma dadurch beendete, dass ich tatsächlich erst brav „Relic“ ausgelesen (und dazu demnächst noch was zu sagen) habe, war dann endlich „Gwendys Wunschkasten“ von Stephen King und Richard Chizmar an der Reihe. Und in netto zwei Stunden ausgelesen.

Gut, dass es sich hierbei „nur“ um eine Kurzgeschichte handelte, das war mir ja vorher bewusst. Und das will ich dem schmalen Bändchen auch nicht zum Vorwurf machen, zumal es wirklich gut in der Hand liegt und auch recht schmuck aussieht:

Klingt das so, als ob ich andere Vorwürfe hätte? Nun ja, dieses Wort ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich muss schon sagen, dass ich ein wenig enttäuscht zurückgeblieben bin.

Aber zunächst ein paar Worte dazu, worum es eigentlich geht. Die zwölfjährige Gwendy steht auf der Schwelle zur Mittelschule und versucht verzweifelt mithilfe von Anstrengungsläufen, bis dahin ihren Bauchumfang ein wenig zu reduzieren. Nun, eher ein wenig viel. Denn sie leidet massiv unter den Hänseleien, die einige ihrer Mitschüler auf sie loslassen. Nach einem dieser Läufe wird sie von einem ihr unbekannten Mann angesprochen, der ihr einen geheimnisvollen Kasten schenkt. Dieser Kasten hat Hebel, von denen einer eine geradezu himmlische Schokolade auswirft, von der ein Stück reicht, um nicht nur satt, sondern auch irgendwie besser zu werden, der andere aber lupenreine Silberdollars ausspuckt.

Aber da sind auch noch die Knöpfe und die haben es wirklich in sich, wie der Mann verrät. Jeder Knopf steht für einen Kontinent. Und dann gibt es noch einen roten Knopf, der einem einen Wunsch erfüllen kann. Nur den schwarzen, den sollte man besser ganz schnell wieder vergessen …

Die Geschichte wird auf dem Buchrücken groß angekündigt als „Wiedersehen mit Castle Rock“. Ein Name, der King-Fans elektrisiert wie nur wenige andere Städtenamen aus seinem umfangreichen Werk. Nachdem ich mit dem Buch durch bin muss ich allerdings sagen, dass es vollkommen egal ist, wo die Geschichte spielt. Sie könnte genauso gut auch in Shitty Place, North Dakota spielen und es würde keinen Unterschied machen. Lokalkolorit wird hier mehr behauptet als erzeugt.

Dieses Manko teilt die Geschichte leider auch mit einigen Punkten in der Erzählweise. Dieses Wort drückt nämlich schon ganz schön aus, was ich meine: Viele Dinge werden im Text mehr erzählt, als dass sie gezeigt werden. Das macht es stellenweise alles andere als leicht, sich in Gwendy oder das, was sie erlebt, hinein zu versetzen. Vor allem aber der zweiten Buchhälfte rauschen so viele Geschehnisse wie in einem Zeitstrahl an einem vorbei, ohne dass sie wirklichen Eindruck hinterlassen. Der Bruch mit der besten Freundin? Ist halt so. Das Kennenlernen ihres ersten echten Freundes? Ja, kann halt passieren. Und der große dramatische Moment am Ende ist praktisch vorbei, bevor er wirklich begonnen hat.

Abgesehen von ihrem Kasten, der je nachdem mal Segen und mal Fluch zu sein scheint, ist Gwendys Leben eigentlich ein ziemlich normales. Und da spielt King natürlich seine volle Erfahrung als jemand aus, der es gewohnt ist, uns das Leben von normalen Menschen so zu erzählen, dass wir mit Interesse bei der Sache bleiben.

Dass der große Knalleffekt für mich am Ende ausgeblieben ist, mag für andere Leser anders sein. Es ist immer auch eine Frage der Erwartungshaltung. Und da hatte ich mir von „Gwendys Wunschkasten“ anhand der im Text gemachten Andeutungen (man denke an den ominösen schwarzen Knopf) einfach mehr versprochen.

Es gibt ja Stimmen, die King schon seit langem ein, wie soll ich sagen, sehr aufgeschlossenes Verhältnis gegenüber dem Generieren neuer Einnahmequellen unterstellen. Und die werden sich jetzt wahrscheinlich wieder alle melden und die Frage stellen, wieso es unbedingt eine Soloveröffentlichung dieser Geschichte gebraucht hat, wieso sie nicht auch in den sicher irgendwann kommenden neuen Kurzgeschichtenband integriert werden konnte.

Ich kann diese Stimmen leider nicht verstummen lassen, denn die Frage ist legitim. „Gwendys Wunschkasten“ hat bis auf die, für mich als Leser der Übersetzung sowieso kaum erkennbar nachvollziehbare, Beteiligung von Richard Chizmar, kein Alleinstellungsmerkmal, das sie von den zuletzt veröffentlichten Kurzgeschichten unterscheidet. Aber nun gut, es wird ja niemand zum Kauf gezwungen, wie es so schön heißt.

Bedauert habe ich den Erwerb des kleinen Bandes nicht. Aber ich werde ihn sicherlich auch nicht so bald wieder in die Hand nehmen, um ihn erneut zu lesen, weil es einfach nicht viel in ihm zu entdecken gibt. Das kann man schade finden, muss es aber nicht.

Ich stelle „Gwendys Wunschkasten“ jetzt ins Regal und freue mich auf den November. Da erscheint mit „Sleeping Beauties“ schon der nächste große Roman von Stephen King, dieses Mal zusammen mit seinem Sohn Owen verfasst.

Kurz und schmerzlos (27) Das Lese-Dilemma

Wenn es eines gibt, was ich im Normalfall auf den Tod nicht ausstehen kann, dann ist es, mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen. Ich weiß, dass das für viele Menschen kein Problem darstellt und sie sich auf gewisse Weise sogar nicht komplett finden, wenn sie nur ein Buch „in der Mache“ haben. Aber bei mir ist das anders. Ich muss und möchte mich zu 100% auf die Geschichte konzentrieren, der zu folgen ich mich entschlossen habe, auch wenn das bedeutet, dass der Stapel meiner ungelesenen Bücher tendenziell immer höher wird.

Hin und wieder wird diese Einstellung aber auf eine arge Probe gestellt, so wie auch gestern. Denn als ich von der Arbeit nach Hause kam, was das hier eingetroffen:

Der neue Roman

Die neue Kurzgeschichte von Stephen King, die zu allem Überfluss auch noch in der kleinen Stadt Castle Rock spielt, die früher einmal Schauplatz zahlreicher King-Geschichten war, bis er sie in „In einer kleinen Stadt“ mit viel Getöse und im wahrsten Sinne des Wortes zum Teufel jagte.

Aber nun stecke ich noch mitten in einem anderen Roman, der sich leider ein wenig zähflüssiger liest, als ich erwartet hatte: „Relic – Museum der Angst“ vom Autorenpärchen Lincoln/Child.

Und jetzt stehe ich da, mit dem erschreckend kleinen Band von King in der Hand (es sind gerade mal 125 Seiten in Taschenbuchgröße, auch wenn das Buch selbst gebunden ist) und weiß nicht so recht, was ich tun soll. Es gibt da einen regelrechten inneren Dialog:

»Hey, das muss sofort gelesen werden!«

„Aber ich habe das andere Buch noch nicht ausgelesen.“

»Ich doch egal, es ist ja nicht lang.«

„Aber lang genug. Ich mag das einfach nicht.“

»Hör mal: Es ist von King

„Ich weiß, aber …“

»Es spielt in Castle Rock!«

„Ja, gut …“

»Das musst du jetzt sofort lesen!«

Ich habe aber das andere Buch noch nicht ausgelesen!“

Und so weiter, und so weiter. Es können gerne Wetten abgegeben werden, welche der beiden Stimmen sich am Ende durchsetzen wird 😉 .

Die Sümpfe der Traurigkeit

Denjenigen, denen beim Lesen der Überschrift sofort ein Kerzenlicht aufgegangen ist, muss ich nicht lange erzählen, worum es heute geht. Allen anderen muss ich wohl zumindest ein ganz klein wenig auf die Sprünge helfen – wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass sich viele Leser auf meinen Blog verirren, die noch nie von Michael Endes vielleicht schönstem Buch (was man allerdings über fast jedes seiner Bücher sagen kann) „Die unendliche Geschichte“ gehört haben.

„Die unendliche Geschichte“ berichtet von zwei Jungen von etwa zehn Jahren, die viele Gefahren auf sich nehmen, sich selbst und einander gegenübertreten müssen, um am Ende über sich selbst hinauszuwachsen. Einer von ihnen ist eine Figur aus einer Geschichte, der andere ein ganz normaler Junge aus der Menschenwelt.

Eben dieser Junge, der dicke, unsportliche und unbeliebte Bastian Balthasar Bux, raubt einem Antiquar das Buch „Die unendliche Geschichte“, weil er genau auf so eine Geschichte immer schon gewartet hat – eine Geschichte, die niemals zu Ende geht. In ihr liest er von dem gewaltigen Reich Phantásien, das von einem unheimlichen Nichts bedroht wird und sich in Auflösung befindet. Die Herrscherin dieses Reiches, die Kindliche Kaiserin, ist krank und es scheint, dass diese Krankheit der Grund für das Verderben ist, das sich über Phantásien ausbreitet.

Als alle ärztliche Heilkunde versagt hat, wird der weiseste aller Ärzte, der alte Cairon, ausgeschickt, um Atréju aufzusuchen und ihn auf die Große Suche nach einem Heilmittel zu schicken. Atréju ist der andere der beiden Jungen.

Im Laufe der Geschichte erlebt Atréju viele Abenteuer, an denen Bastian immer mehr Anteil nimmt, bis schließlich die Grenzen zwischen der Realität und dem Buch aufbrechen und Bastian selbst nach Phantásien reist, wo er gleichfalls viel erlebt um am Ende doch festzustellen, dass er die ganze Zeit über auf einer Reise zu sich selbst gewesen ist.

Ich kann nicht sagen, wie oft ich diesen Roman gelesen habe. Mit Sicherheit öfter als zehn Mal. Und noch viel häufiger habe ich das gleichnamige Hörspiel gehört, das in den 80ern vom Label Karussell auf drei Kassetten vertrieben wurde. Auch den Film habe ich gesehen, wenn der auch mit dem Buch nicht ganz so viel zu tun hat.

„Die unendliche Geschichte“ hat also immer schon einen gewissen Eindruck auf mich gemacht, kann man sagen. Es ist eines von wenigen Büchern, die sowohl für Kinder als auch für Erwachsene funktionieren – auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

Das habe ich gestern Abend wieder einmal festgestellt.

Im Augenblick lese ich nämlich „Die unendliche Geschichte“ meiner jüngeren Tochter vor. Das kam eher zufällig, weil sie eigentlich bislang kein großes Interesse daran hatte, dass man ihr vorliest. Und so lange Bücher schon gar nicht. Aber gut, jetzt sind wir seit vier Tagen dabei und sie freut sich jeden Abend auf die halbe Stunde, die wir uns so vor dem Schlafengehen abknapsen können.

Gestern nun erreichten wir in der Geschichte zusammen mit Atréju die Sümpfe der Traurigkeit, die diesem Beitrag ihren Namen gaben. Atréju sucht diese Sümpfe auf, weil in ihnen das älteste Geschöpf Phantásiens leben soll, die Uralte Morla. Zusammen mit seinem treuen Pferdchen Artax betritt er die Sümpfe, doch Artax wird bald immer langsamer und bewegt sich irgendwann gar nicht mehr.

Das Pferd bleibt einfach stehen und lässt geschehen, dass es immer weiter in den Morast einsinkt. Atréju, der durch ein Kleinod der Kindlichen Kaiserin geschützt wird, versucht, Artax zu helfen, aber das Pferd sagt ihm, dass es die Traurigkeit einfach nicht mehr aushalten kann und dass es die Traurigkeit ist, die es so schwer gemacht hat, dass es untergeht. Es ist so traurig, dass es nur noch sterben möchte.

Während ich die Szene las, bildete sich in meinem Hals ein Kloß. Denn ich stieß hier, vollkommen unerwartet, auf die vielleicht beste literarische Darstellung des Zustands einer schweren Depression, die ich je gelesen habe. Auf jeden Fall ist es die beste kindgerechte Darstellung dieses Zustands.

Jetzt kann man fragen, wieso es wichtig sein könnte, dass Kinder sich mit solchen Dingen auseinander setzen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Zum einen gibt es Kinder, die mittelbar betroffen sind, weil ihnen nahe stehende Bezugspersonen an Depressionen erkranken. Für diese ist es manchmal sehr schwer zu begreifen, was da gerade passiert und wieso Mama, Papa oder sonst jemand auf einmal ganz anders ist als noch zuvor.

Aber es gibt auch genügend Kinder, die, leider, unmittelbar betroffen sind. Denn Depression ist keine Erkrankung, die nur Erwachsene betrifft. Bei manchen Kindern fängt sie leider schon im Grundschulalter an. Sie wird oft nur nicht erkannt, weil sie sich hinter Begleiterkrankungen wie ADHS oder ähnlichem versteckt.

Ich habe mir ein wenig Zeit genommen, um zu recherchieren und bin dabei darauf gestoßen, dass ich vermutlich der Letzte bin, dem diese Zusammenhänge noch nicht klar geworden waren. Aber auch das kann ich erklären. Als ich „Die unendliche Geschichte“ das letzte Mal las, muss das so 2009 gewesen sein. Ich las das Buch damals nämlich meiner älteren Tochter vor.

Und 2009 war das Thema Depression für mich noch keins. Damals lagen diese ganzen Schübe von Traurigkeit, von Selbstzweifeln und allem anderen (ersparen wir uns die Details) wahlweise in einer lange weg geschobenen und vergessenen Vergangenheit, oder in einer viel zu nahen Zukunft.

Mir ist es schlicht und ergreifend nicht aufgefallen. Die Szene in den Sümpfen war für mich eine traurige Szene in einem Kinderbuch, wie es auch anderswo traurige Szenen gab. Sie gehörte eben dazu. Einen tieferen Sinn dahinter habe ich nicht gesucht und entsprechend auch nicht gefunden.

Gestern dann also der Kloß und die plötzliche Erkenntnis. Mir muss niemand sagen, dass gerade die Romane von Michael Ende immer nur so von mehreren Ebenen der Handlungsdeutung wimmeln. Auch nicht, dass es immer einen Subtext gibt. Dass er diese mit einer mitreißenden Handlung verknüpfen konnte, die eben auch „nur“ als Abenteuergeschichte funktioniert, das ist die große Kunst seiner Erzählweise.

Wisst ihr, was meiner Meinung nach dennoch die große Kunst von uns als denen sein muss, die solche Bücher lesen? Wir müssen uns davon frei machen, jetzt nur noch nach Bedeutung zu forschen. Es darf nicht sein, dass wir kollektiv in das Verhalten von Deutsch-LK-Schülern verfallen, die hinter einer großartigen Erzählung immer auf der Suche nach dem sind, was der Autor uns eigentlich sagen wollte.

Michael Ende war jemand, der stets Abstand davon genommen hat, einen moralischen Zeigefinger zu erheben. Das hat er gesagt und das kaufe ich ihm ab. Dass wir dennoch in seinen Romanen eine Moral, eine Bedeutung, einen Subtext, eine zweite und dritte Handlungsebene finden können, das zeigt die Größe seiner Erzählkunst und es zeigt, dass es sich manchmal lohnt, die Sichtweise für einen Moment von den gedruckten Worten aufzuziehen – um dann schnell wieder den Fokus umzuswitchen und einfach ein gutes Buch zu lesen.

So wie meine Tochter gestern im einen Moment traurig war über Artax‘ Tod, um im nächsten Moment über die Redeweise der Uralten Morla zu lachen und dann ein ganz klein wenig Angst zu haben, weil Gmork, der Werwolf, sich auf Atréjus Spur gesetzt hat.

Aber wer weiß, was sie eines Tages in diesem Roman finden wird, wenn sie ihn vielleicht ihren eigenen Kindern vorliest?

Das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden 🙂 .


PS: Wer ganz viel Langeweile Zeit hat und sich richtig in die Deutungsvielfalt der „Unendlichen Geschichte“ eingraben will, dem empfehle ich als Startpunkt diesen Wikipedia-Eintrag.

Das Ende des Abstiegs eines Buches

Was ist eigentlich ein Buch wert? Also, wenn es schon ein wenig älter ist. Wenn es vielleicht auch nicht mehr so sehr geliebt wird. Oder nicht einmal mehr aufgelegt. Soll ja vorkommen. Wenn es aber irgendwann mal in einer gigantischen Auflage gedruckt wurde, was ist dann? Dann verstopft es ja schließlich irgendwo ein Lager. Oder vielleicht auch die Garage eines (jetzt) armen Autoren. Also: Wie tief kann so ein Buch sinken?

Gegenüber anderen Medien hat ein Buch das Problem, dass es sich nur schwer über andere Kanäle zweitverwerten lässt. Wenn ich an einen Film denke, dann ist es einfacher. Ein Film kommt kurz nach der Kinoauswertung auf DVD heraus, läuft eine Weile zum Vollpreis, rutscht dann seitens des Publishers ins Nice-Price-Segment, wird vielleicht im Rahmen von Sondereditionen mit einem oder mehreren anderen Filmen zu einem Bundle geschnürt und irgendwann dann vielleicht als Cover-DVD für eine Fernseh- oder Computerzeitschrift ausgewertet. Dann ist das Ende seines Lebenszyklus erreicht und die Media Märkte dieser Welt können dafür verlangen, was sie wollen.

Bücher unterliegen den überwiegenden Teil ihres Lebens der Buchpreisbindung. Nebenbei gelangen zwar einzelne Exemplare immer mal wieder als Mängelexemplare auf die Wühltische der Republik, aber das ist nichts, was die Verlage beeinflussen würden. Die heben irgendwann vielleicht die Preisbindung auf, was aber meist damit einher geht, dass auch die Präsenz der Bücher in den Buchhandlungen gegen Null tendiert.

Ab da schlägt dann auch beinahe schon die Stunde des Antiquariats oder des Trödelmarkts. Die Bücher dort sind dann aber meistens nur in kleinen Stückzahlen oder vielleicht sogar in Einzelstücken vorrätig. Eine Massenschwemme eines Titels zu einem eklatant niedrigeren Preis findet nur in den seltensten Fällen statt.

Gleichzeitig sind Bücher aber manchmal ganz offensichtlich so wenig wert, dass es teurer ist, sie zu vernichten, als sie irgendwo – nun ja – einfach ins Regal zu stellen.

Meine Familie und ich waren heute in einem Möbelgeschäft. Ein neuer Esstisch und Stühle sollten es werden. Der Möbelladen war riesig und absolut schlauchartig aufgebaut. Was man halt so machen kann, wenn man richtig, richtig viel Platz auf der grünen Wiese hat, auf dem man sich ausbreiten kann.

Während der freundliche Verkäufer uns diesen und jenen Stuhl zeigte, regte sich bei mir ein menschliches Bedürfnis. Ich meldete mich also kurz ab und machte mich auf den Weg zur Toilette. Für den ich aufgrund der Größe des Ladens ungefähr fünf Minuten je Richtung brauchte. Jede Menge Zeit, um sich die Möbel links und rechts des Weges anzuschauen.

Dabei fiel mir auf, dass überall in und an den Möbeln Bücher herum standen. Es handelte sich um offenkundig „gut abgehangene“ Titel, denen man ihr Alter teils sehr deutlich aufgrund der Aufmachung ansah.

Und ich bemerkte, dass die Titel sich immer und immer wiederholten. Hier ein klassischer Frauenroman, dort eine Ausgabe mit alten Sagen, im Küchenbereich immer wieder Kochbücher: Gut bürgerlich neben Omas Küche neben Eintöpfen

Ich fragte mich, ob dies wohl das Ende der Verwertungskette eines Buches ist: Romane und Sachbücher im bequemen Tausenderpack, geeignet als Kulisse für Geschäftsräume, aber nicht mehr dazu gedacht, wirklich gelesen zu werden.

Eine Sekunde lang wurde ich, hier kann ich es ja zugeben, richtig traurig. Für jedes dieser Bücher hatte einmal jemand gebrannt. Jedes Buch hat eine eigene Geschichte gehabt und hatte einstmals eine Daseinsberechtigung auf dem Markt. Und jetzt ist es nur noch eine Kulisse, kaum beachtet und bestenfalls von irgendwelchen Kindern angegrabbelt, während Mama und Papa sich die Schrankwand anschauen, in dem es steht,

Kann ein Buch weiter absteigen als dies? Oder ist es am Ende gar kein Abstieg, sondern so etwas wie ein Opfergang, um den Menschen zu zeigen, dass es trotz aller Technik auch in einem modernen Wohnzimmer, in einem heutigen Schlafzimmer und sogar in einer multifunktionalen Küche Raum und Platz für Bücher geben sollte?

Ich versuche, den letzten Gedanken festzuhalten und nicht daran zu denken, dass das Möbelhaus hier wahrscheinlich einen Sonderposten für die sprichwörtlichen Erdnüsse gekauft hat. Außerdem habe ich ganz oft den Impuls, eines dieser Bücher quasi von seinem Los zu befreien, es einfach einzustecken und mitzunehmen. Sogar die in schwedischer Sprache abgefassten Bücher bei IKEA.

Weil auch Bücher am Ende ihres Abstiegs ein wenig Liebe verdient haben!

Meldung und Meinung: Lies doch mal zur Strafe ein Buch!

Es gibt ja immer mal wieder Meldungen, bei denen glaubt man, es gibt sie nicht. So ging es mir, als ich heute morgen über den Newsletter des Börsenblatts auf einen Fall in München aufmerksam wurde, über den die Welt berichtet hat.

Da geht es um einen jungen Mann, der zweimal mit seinem Motorrad durch die Polizei hops genommen wurde, weil er sein Nummernschild wohl nur mit einem Gummiband „montiert“ hatte. So weit, so unspektakulär.

Aber jetzt kommt der Clou an der Sache: Die zuständige Richterin hat den Motorradfahrer dazu verurteilt, sich „auf intellektueller Ebene“ noch einmal mit seinem Vergehen auseinander zu setzen. Und wie regt man die intellektuelle Ebene am besten an? Ganz klar, man liest ein Buch. Demzufolge lautet das Urteil auch, dass der Gummibandbenutzer zwanzig Stunden lesen muss.

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, auf wie vielen Ebenen ich dieses Vorgehen, das in Münchens Jugendgerichten gar nicht so unüblich zu sein scheint, für verkehrt halte!

Das fängt schon damit an, dass ich keinen direkten Zusammenhang zwischen Vergehen und Strafe sehe. Ich kann einem Menschen nicht auf der einen Seite mehr oder weniger unverblümt unterstellen, dass er – mit Verlaub – zu doof ist um zu kapieren, was er falsch gemacht hat, und ihn dann mit etwas bestrafen, das er nicht oder nur schwer mit dem Vergehen in Übereinstimmung bringt. Wo bleibt da der Lerneffekt? Wenn man den Jungen zum Straßenverkehrsamt geschickt hätte, Nummernschilder ausgeben, das hätte ich verstanden. Oder noch besser zum Schrottplatz, Nummernschilder abschrauben. Aber so!?

Des Weiteren finde ich es mehr als nur fragwürdig, dass der Erfolg der erzieherischen Maßnahme (an einem Erwachsenen? Oder ist man mit 19 in Bayern nicht erwachsen?) dadurch geprüft werden soll, dass der Verurteilte zu dem Buch, das er gelesen hat, einen Text abzugeben hat. Das kann ein Plakat sein, eine Kurzgeschichte oder – Himmel, hilf! – ein Rap. Gut, mit 19 ist man noch nahe genug an der Schule dran, um so etwas wohl ganz okay zu finden. Aber er soll es ja nicht okay finden, er soll etwas daraus lernen!

Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass auf diese Weise wirklich kreative Ergüsse herauskommen, die der Rede wert sind. Und wenn das nicht der Fall ist, was dann? Muss der Junge dann noch ein Plakat malen? Oder noch einen Rap schreiben, bis er Material für ein ganzes Album hat?

Das Allerschlimmste an diesem Urteil und allem, was dahinter steht, ist aber, dass man einen Menschen, den die Richterin ja anscheinend sowieso für ein wenig bildungsfern hält, per Urteil dazu zwingt, ein Buch in die Hand zu nehmen.

Ich frage mich, euch und letztlich auch die Richter in Bayern: Welchen Effekt wird es haben, wenn ich jemandem die Pistole auf die Brust setze und ihm sage, dass er jetzt lesen muss? Wird dieser Mensch im Folgenden freudestrahlend wieder zu einem Buch greifen, weil er endlich kapiert hat, dass Lesen eine wunderbare Sache ist?

Ich denke nicht.

Ich kann mir viel eher vorstellen, dass danach Bücher erst recht nur noch mit der berühmten Kneifzange angefasst werden, weil sie ab sofort mit Strafe in Zusammenhang gebracht werden. Vielleicht auch mit Scham gegenüber den Kumpels, der Freundin oder den Arbeitskollegen. Ganz sicher aber mit einer gewissen Demütigung. Denn so, mit Verlaub, dumm wird auch unser Motorradfahrer nicht sein, dass er nicht ebenso wie ich durchblickt, dass das Gericht ihn für genau das gehalten hat: dumm.

Ich finde es einfach nicht in Ordnung, dass hier eine wunderbare Sache wie das Lesen in eine Reihe mit Geldstrafen, Sozialarbeit oder gar Freiheitsentzug gestellt wird. Es will mir einfach nicht in meinen Schädel.

Deswegen habe ich beschlossen, einfach so zu tun, als hätte ich nie etwas von diesem Urteil gehört. Vielleicht gelingt mir das ja, bis der namenlose junge Mann sein Rap-Album auf den Markt bringt und darin zur Bücherverbrennung auffordert, weil Bücher voll der krasse Megascheiß sind, Bro’s!

Und dann wundern sich wieder alle, wo so etwas wohl herkommt.

kopfschüttelnd ab