Das Schreiben der Anderen: „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ von Andrea Schrader

Ich gebe zu: Wenn ich nicht „zufällig“ zusammen mit Andrea Schrader auf der 9lesen-Bühne gestanden und bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit gehabt hätte, mich von den Qualitäten ihres Romans „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ zu überzeugen, dann hätte ich vielleicht nie zu diesem Buch gegriffen. So aber konnte ich gar nicht anders, als mir nach dem Appetizer auch den Rest der Geschichte vorzunehmen


Eigentlich soll das Kind, das in einer Winternacht in Schweden geboren wird, den Namen seines Großvaters tragen. Doch eine seltsame Anomalie, ein in voller grüner Pracht stehender Baum, signalisiert seinen Eltern, dass es eine besondere Bewandtnis mit ihrem Sohn hat. Und so erhält er den überlieferten Namen Enki.

Von der Stunde seiner Geburt an ist Enkis Schicksal vorbestimmt. Sobald er alt genug dafür ist, verbringt er seine Sommerferien an einem geheimen Ort in Tibet in der Obhut von Mönchen, die ihn, sowie drei andere Kinder, in allen möglichen und auch unmöglichen Künsten unterrichten. Denn Enki ist ebenso wie Enlil aus den Vereinigten Staaten, Izila aus Deutschland und Abale aus Island ein Bote des Schicksals.

Es gibt vier Boten, wenn die Zeit gekommen ist, dass sie gebraucht werden. Sie stehen den vier Reitern der Apokalypse gegenüber, deren Erweckung dazu führen würde, dass das Buch mit den Sieben Siegeln, von denen schon in der Offenbarung der Bibel die Rede ist, gefunden und geöffnet wird. Die Folge wäre die Entfesselung der Apokalypse und das Ende der Welt.

Doch nicht die Reiter sind das vordringliche Problem der Boten, sondern die Engel und Dämonen, die in der Welt existieren und alles daran setzen, die Reiter zu finden und zu erwecken. Dabei ist es nicht etwa so, dass die alten Vorstellungen von „gut“ oder „böse“ eine Gültigkeit besäßen. Denn sowohl die Engel als auch die Dämonen wollen ihre eigene Form der Apokalypse auslösen. Egal, wer von beiden das Ziel erreicht, das Ergebnis für die Menschheit ist dasselbe.

Um ihre Ziele aus dem Verborgenen heraus zu erreichen, greifen die Dämonen und Engel in das Schicksal der Menschen ein und machen sie so zu ihren Handlangern. Den Boten des Schicksals ist die Macht gegeben, die Kraft der vier Elemente, für die sie stehen, zu benutzen und damit die Schicksalsbäume der Menschen zu bereinigen – oder um im gemeinsamen Kampf ihre Widersacher zu töten.

Doch nebenbei handelt es sich trotz allem bei ihnen um ganz normale Menschen, mit ganz normalen Bedürfnissen nach Liebe und Freundschaft. Beides wird auf eine harte Probe gestellt, als die Zeichen sich verdichten, dass bald einer der vier Reiter erweckt werden könnte …

Es ist schwer, nicht viel zu viel von der Handlung dieses Romans zu verraten, denn am liebsten möchte man die vielen kleinen Details aufzählen und sich daran erfreuen. Die Mythologie, die Andrea Schrader in diesem ersten Teil ihrer Erzählung aufbaut, verquickt verschiedene Elemente miteinander, die so perfekt ineinander greifen, dass es einfach Spaß macht, sich mit ihnen zu befassen.

Die Art, in der hier Engel, Dämonen, die Reiter der Apokalypse und die Schicksalsboten in die Handlung, die trotz aller fantastischen Einschläge klar erkennbar in unserer realen Welt spielt, eingewoben werden, ist hervorragend gelungen. Es wird darauf verzichtet, jeden Moment der Geschichte mit Symbolik oder Mystik zu überladen, was sicherlich möglich gewesen wäre – und worauf man nach dem Beginn im Tempel auch irrtümlich schließen könnte.

Selbst Fähigkeiten wie das Fliegen, die Teleportation oder die dem jeweiligen Element (Feuer, Wasser, Erde, Luft) zugeordneten Attribute verkommen auf diese Weise nicht zu Superkräften, sondern zu Gaben, die weise eingesetzt werden wollen und müssen.

Denn trotz ihrer Macht arbeiten die Boten in einer Art Undercover-Einsatz. Das ist spannend herausgearbeitet und funktioniert auf ganzer Linie. So vermischen sich neben den Fantasy-Einflüssen hier noch weitere Genreversatzstücke miteinander. Das sorgt dafür, dass auch Leser wie ich, die nicht wirklich viel Fantasy lesen, gerne bei der Stange bleiben und erfahren wollen, wie es weiter geht.

An der einen oder anderen Stelle muss man allerdings ein wenig die Augen zudrücken und einfach hinnehmen, dass das, was gerade geschieht, kein größeres Aufsehen erregt. Das fängt schon bei den Namen der vier Boten an, die eine Bedeutung besitzen, aber eigentlich für die Ohren ihrer Mitbürger sehr exotisch klingen sollten. Aber auch die Bereinigung der Schicksalsbäume beeinflusster Menschen müsste an mancher Stelle eigentlich größere Beachtung auslösen. Hierüber kann man aber, nicht zuletzt auch wegen des tollen und lockeren Stils der Autorin, sehr gut hinweg lesen. Spannend ist es allemal.

Aber wo ich von Dingen spreche, die mir nicht ganz so gut gefallen haben, muss ich auch auf den Fakt kommen, welcher diesen Roman seinen eigentlich verdienten fünften Stern gekostet hat. In Hinsicht auf einen bestimmten Umstand, den ich hier nicht spoilern möchte, verhalten sich die Boten über einen längeren Zeitraum hinweg erschreckend naiv. Das passt meines Erachtens nicht zu ihrem sonstigen Handeln und wirkt ein wenig konstruiert. Auch wenn sich die Sache am Ende gut auflöst und in ein spannendes Finale mündet, hatte ich hier einen leicht bitteren Beigeschmack beim Lesen.

Das soll aber keineswegs die Gesamtleistung dieses Auftaktromans schmälern. Der Leser bekommt tolle Charaktere, eine spannende und interessante Mythologie und einen Ausblick darauf, dass wir von den Fortsetzungen der Geschichte noch einiges erwarten können. Andrea Schrader ist mit „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ ein Roman gelungen, der schon während des Lesens Vorfreude auf den nächsten Teil macht.

Wenn ich davon ausgehe, dass die Boten aus ihrer angesprochenen Naivität lernen und in den kommenden Teilen der Serie entsprechend agieren, dann stehen uns noch tolle Romane ins Haus. Ich freue mich darauf!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

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Das Schreiben der Anderen: „Das Flüstern der Pappeln“ von Julia von Rein-Hrubesch

„Das Flüstern der Pappeln“ – ein Titel, der neugierig macht, zumal die Beschreibung im Klappentext des Kurzromans verspricht, dass die Hauptfigur der Geschichte, die junge Henriette, allgemein nur Hennie genannt, einem Familiengeheimnis auf der Spur ist.

Die Familie ist dann auch das zentrale Thema dieses Buches. Hennie, die Mediendesign studiert und einige Jahre im Ausland gelebt hat, kehrt auf den heimatlichen Pappelhof zurück, wo sich in der ganzen langen Zeit so gut wie nichts verändert hat. Ihre Mutter ist geradezu manisch von ihrer Arbeit in der hofeigenen Glasbläserei besessen, fabriziert dort jedoch tagein, tagaus die selben Windfänger, was Hennie todlangweilig vorkommt.

Der Vater, ein eher stiller Mensch, arbeitet abwechselnd auf dem Hof oder in seinem eigentlichen Beruf als Informatiker, den er aus dem Home-Office heraus betreibt.

Die lebendigste Beziehung, wenn man es denn so nennen kann, hat Hennie mit ihrer Großmutter Hedi, die seit einiger Zeit in einem der Zimmer des Hauses nach mehreren Schlaganfällen auf den Tod wartet. Diese Beziehung ist deswegen lebendig, weil Hennie bei ihren täglichen Besuchen mit der alten Frau über Dinge spricht, die sie anderen gegenüber nicht einmal erwähnt. Und obwohl Hedi nicht mehr antworten kann, scheint sich ein Dialog zu entspinnen.

Und dann sind da die Briefe. Briefe, die im Abstand von jeweils genau einer Woche an ein Münchner Postfach geschickt werden. Briefe, die ihre Großmutter einst an einen gewissen Gregor schrieb und die nun unbeantwortet zurückkommen. Hennie nimmt die Briefe in Empfang und liest sie ihrer Großmutter vor – immer in der Hoffnung auf Erklärungen für das Geheimnis, das sich hinter ihnen verbirgt.

Denn ansonsten ist das Leben auf dem elterlichen Hof für sie alles andere als angenehm, denn ihr wird immerzu deutlich gemacht, dass sie die Erwartungen, welche ihre Eltern in sie gesetzt haben, nicht erfüllt. Und Hennie weiß selber nicht, wie sie daran etwas ändern soll.

Bis ihr eines Tages eine fahle Erscheinung den richtigen Weg weist …

Es ist nicht ganz leicht, der Geschichte „Das Flüstern der Pappeln“ im Rahmen einer normalen Rezension gerecht zu werden. Vielmehr handelt es sich bei dem Buch um eines von der Sorte, die ich nach dem ersten Lesen am liebsten wieder von Vorne begonnen hätte, um mir darüber klar zu werden, was ich da eigentlich gerade gelesen und dass ich auch wirklich alle möglichen Ebenen begriffen habe, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt.

Denn hier verbirgt sich unter der vordergründig sehr direkt und schnörkellos erzählten Geschichte eine ganze Menge an Subtext, der erfühlt und erfahren werden möchte. Und das meine ich im allerbesten Sinne.

Es gibt Geschichten, die von ihren Autoren so sehr mit unterschwelligen Botschaften überfrachtet werden, dass sie nicht mehr als das funktionieren, was sie eigentlich sein sollten: als Unterhaltung. Ich bin der Ansicht, dass ein Roman unterhalten sollte und wenn er es dann noch schafft, die nachgelagerte Ebene zu bedienen, ohne dass er in zwei Teile, den Subtext und die vordergründige Handlung, zerfällt, dann ist etwas Großes gelungen.

Julia von Rein-Hrubesch schafft genau dies in diesem Roman. Allerdings muss man sich darauf einlassen, dass die Ebenen hier eng miteinander verzahnt sind und sich teilweise auf derselben Seite miteinander ergänzen. Allzu leicht hätte man hier zu sehr abdriften und die Geschichte aus den Augen verlieren können. Dies geschieht allerdings zu keiner Zeit, sondern ebendiese wird konsequent weitergesponnen.

Die einzelnen Briefe, die Hennie für ihre Großmutter aus München holt, bilden dabei so etwas wie Fahnenstangen, an denen sich die Handlung orientiert. Allerdings ist von Rein-Hrubesch nicht der Versuchung erlegen, sie wirklich als eine Art Kapitelüberschriften zu verwenden. Sie begleiten Hennie auf der Suche nach dem, was sie eigentlich tun und sein will und dienen damit als neue Denkanstöße für diese Figur.

Generell die Figuren. Klar im Vordergrund stehen die Frauen der Familie, Hennie und ihre Mutter Gardi. Da prallen praktisch zwei Lebensentwürfe aufeinander, von denen der eine zwar künstlerisch, aber konservativ ist, der andere ambitioniert aber gerade stagnierend. Der Vater versucht verschiedentlich, vermittelnd einzugreifen, ist hierzu aber nicht in der Lage. Dazu kommt im Laufe der Handlung noch ein weiterer Konflikt, den ich an dieser Stelle jedoch nicht verraten möchte.

Der Roman ist mit etwa 160 Seiten nicht allzu lang geraten. Allerdings hat man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass Dinge weggelassen worden seien, die man zum Verständnis benötigt hätte. Das Umfeld, in dem Hennie sich bewegt, inklusive der am Rande auftretenden Personen, die nicht zur Familie gehören, wird sehr gut beschrieben und unterstreicht das dem Buch innewohnende Gefühl von Authentizität.

Die verwendete Sprache ist, mit Ausnahme einiger Passagen, die beinahe poetisch daherkommen, klar und ohne zu viele Schnörkel, die den Lesefluss hemmen könnten. Tatsächlich gehört „Das Flüstern der Pappeln“ zu der Sorte Bücher, die man in einem Rutsch weglesen kann, wozu auch die Länge natürlich ihren Teil beiträgt.

Mir hat das Lesen dieses Romans viel Freude bereitet und ich spreche hiermit eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Leser aus, denen eine gut erzählte Familiengeschichte mit allen kleinen und großen Dramen, die diese mit sich bringen können, wichtiger ist als Actionszene, die sich an Actionszene reiht. Doch auch Leser, denen eine rasante Handlung im Normalfall wichtiger ist als gut ausgestaltete Figuren, sollten einmal einen Blick riskieren. „Das Flüstern der Pappeln“ ist Futter für den Geist und ist Futter für die Seele.

Ein wirklich schönes Buch, dem ich sehr gerne die volle Punktzahl zukommen lasse.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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Das Schreiben der Anderen: „Hot and Spicy“ von Margaux Navara

Es ist längere Zeit her, dass ich mich auf die „dunkle Seite“ der Erotik begeben habe. Aber ein neuer Roman von Margaux Navara ist hierfür ein ebenso willkommener wie vielversprechender Anlass, bin ich doch mit den beiden Romanen, die ich bislang von der Autorin gelesen habe, mehr als gut unterhalten worden. Wie also schlägt sich (unbeabsichtigtes Wortspiel) „Hot and Spicy“ im Vergleich?

In diesem Roman machen wir die Bekanntschaft der jungen Darleen. Und wir treffen sie genau dort, wo der Schuh sie drückt: Auf der Suche nach einem Mann, der in der Lage ist, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese erschöpfen sich nicht in dem, was bei Normalos so auf dem Speiseplan steht, sondern sie hat ein Faible für alle möglichen Spielarten des BDSM. Dessen ist sie sich sehr bewusst und sie sucht auch sehr gezielt danach. Doch mit ihrer Suche über Kontaktbörsen hat sie alles andere als Glück, wie auch die gerade ablaufende Session mit einem völlig untalentierten Dom wieder beweist.

Eigentlich hat sie sich ohnehin etwas unglücklich in den attraktiven Mann verguckt, der Touristen auf Segwaytouren durch das schöne Heidelberg führt und dabei auch regelmäßig an Darleens Arbeitsplatz, einem zur Burgerbraterei augebauten Foodtruck, vorbei fährt. Was sie nicht ahnt ist, dass dieser Mann, Tom, nicht nur im Gegensatz zu ihr ein fabelhafter Koch ist, sondern auch noch auf der Suche nach einer Frau, die sich seinem Willen unterwirft und mit der er, nach einer gescheiterten Beziehung, möglichst unverbindlichen Spaß haben kann.

Mehr durch Zufall kommt es dazu, dass Darleen Tom überredet, ihr ein wenig unter die Arme zu greifen – eigentlich nur, was das Kochen betrifft. Doch schon bei ihrer ersten privaten Begegnung spielen sich ganz andere Dinge zwischen den beiden ab. Eine heftige Spielbeziehung beginnt, die jedoch unter ungünstigen Vorzeichen steht: Darleen möchte einen Mann, der ihr Geschäftsleben und mehr mit ihr teilt. Tom hingegen will alles, nur nicht, sich an jemanden binden.

Dazu kommen noch Nebenschauplätze wie die hinterhältige Lucy, ehemalige Sub und pikanter Weise gleichzeitig ehemalige Chefin von Tom, oder die nicht minder gerissene Tina, die nur darauf wartet, Darleen den Foodtruck wegzunehmen, zu dessen Erwerb sie diese erst überredet hat. Wird das alles auf ein Happy End hinauslaufen?

Ich möchte meine Besprechung zu diesem Roman gerne in zwei Teile splitten. Dabei möchte ich zunächst etwas zur schriftstellerischen Qualität der Geschichte und anschließend etwas zur Geschichte selber schreiben.

Bezüglich der Qualität der Geschichte könnte ich eigentlich auf meine bisher erschienenen Besprechungen zu Romanen von Margaux Navara verweisen. Die Autorin hat einfach ein Händchen dafür, ihr Thema, Liebe und Sex im Zeichen des BDSM, auf eine Art und Weise zu schildern, dass es sowohl für Anhänger dieses Lebens- und Liebesstils als auch für in dieser Hinsicht eher Unbedarfte ein erotisches Erlebnis ist.

Zu keinem Zeitpunkt kommt der Roman auch nur in die sprachliche Nähe von minderwertigen Pornogeschichten, die nichts anderes im Sinn haben, als dem Leser ihren Inhalt möglichst schnell und ohne Anspruch vor die Füße zu werfen. Das bedeutet aber nicht, dass die Szenen, in denen es zwischen Tom und Darleen zur Sache geht, weniger explizit oder gar langweilig wären.

Ganz im Sinne des Titels des Romans geht es hier heiß und mitunter sehr pikant zu. Auch dann, wenn einem einzelne Praktiken doch eher skurril oder fremdartig vorkommen mögen, Stichwort Maiskolben, sind diese jederzeit so treffend auf den Punkt geschildert, dass man sich in die handelnden Figuren einfühlen kann.

Dem kommt entgegen, dass Margaux Navara beiden Perspektiven, der von Darleen und der von Tom, in etwa gleich viel Platz einräumt, so dass man als Leser jederzeit auf der Höhe des Geschehens ist. Dass man damit auf der anderen Seite auch jederzeit einen leichten Vorsprung gegenüber den Akteuren hat, ist bei dieser Erzählform nicht zu verhindern. Man kennt die potentiellen und später auch zu Tage tretenden Spannungsfelder zwischen den beiden.

Was mich zur Geschichte als solche bringt. Diese verläuft ziemlich geradlinig und immer eng bei ihren Protagonisten. Es gibt zwar in Gestalt von Darleens Geschäftspartnerin und Toms ehemaliger Chefin zwei Figuren, die aktiv versuchen, den beiden Knüppel zwischen die Beine zu werfen, aber dies wird, nach meinem Gefühl, an manchen Stellen zu wenig ausformuliert. So hätte vor allem das Dreieck Tom – Lucy – Darleen noch wesentlich mehr Potenzial geboten.

Der Fokus der Geschichte liegt hier eindeutig auf der sich entwickelnden Beziehung zwischen Tom und Darleen – und damit naturgemäß auch auf dem Sex zwischen den beiden. Diesem wird ein wesentlich größerer Raum zugestanden, als es noch bei „Love Me The Hard Way“ der Fall gewesen ist, dem letzten Roman, den ich von Margaux Navara gelesen habe. Jener bot durch seine Nebenplots eine etwas größere Fallhöhe.

Jetzt kann ich nur mutmaßen, woran dies liegt. Möglicherweise ist es einfach für typische Käufer dieser Art Roman – zu denen ich mich ausdrücklich nicht zählen kann, so dass mir die Vergleiche schwer fallen – befriedigender (wiederum ein unbeabsichtigtes Wortspiel), wenn die Handlung prozentual ein Mehr an Sexszenen enthält. Dann wäre es nur natürlich und legitim, auf dieses Publikum zugeschnittene Romane zu schreiben.

Für mich war die Handlung dadurch allerdings ein wenig schematisch: Sexszene, Innenleben Darleen, Innenleben Tom, Sexszene. Ich möchte das gar nicht negativ klingen lassen. Im Rahmen dessen, was der Roman erreichen möchte, funktioniert dies sehr, sehr gut. Bei einigen Aspekten und möglichen Anknüpfungspunkten, wie etwa bei Lucy, hätte ich mir halt gewünscht, dass hier mehr auf den dahinter liegenden Konflikt geschaut wird, als es dann tatsächlich der Fall ist.

Entschädigt wird der Leser dafür mit ein paar Rezepten im Anhang, die direkt aus Darleens Food-Truck stammen könnten.

Was bleibt, um damit zum Fazit zu kommen, ist aber auf jeden Fall ein BDSM-Roman, der sowohl aufgrund seiner sprachlichen Qualitäten, als auch aufgrund seiner expliziten Szenen überzeugt. Was den Rest angeht, nehme ich an, gehöre ich einfach nicht zur primären Zielgruppe der Geschichte. Da dies aber etwas ist, was ich weder der Autorin, noch dem Roman vorwerfen kann, möchte oder werde, gelange ich am Ende zu sehr guten vier von fünf möglichen Punkten.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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An Halloween saß ich nicht an meinem PC-Bildschirm

Es sind wenige Tage im Jahr, aber es gibt sie: Tage, an denen ich nicht vor meinem PC-Bildschirm sitze. Meistens handelt es sich dabei um Tage, an denen ich krank im Bett liege. Aber auch wenn mich jetzt, mit einer Woche Verspätung, oder so, die Erkältung so richtig fies erwischt hat, war das nicht der Grund, warum ich gestern, an Halloween 2017, nicht vor meinem PC-Bildschirm gesessen habe.

Nein, gestern hatte ich das dringende Bedürfnis, mal wieder eine ausgedehnte Runde Bekanntschaft mit meinem Fernseher zu schließen. Denn in einer normalen Woche komme ich kaum dazu, mal mehr als einen Film zu sehen. Wenn ich es denn überhaupt schaffe.

Und da ich in meinen Regalen wesentlich mehr (!) Filme als Bücher stehen habe, ergibt sich so eine Prognose dahingehend, dass ich nur hoffen kann, dass die Medien dem Zahn der Zeit stand halten, bis ich irgendwann mal alt und grau und in Rente bin.

Aber gestern war folgendes Szenario gegeben:

  • Ein freier Tag wegen Feiertag/Urlaub
  • Meine Frau (weil Krankenschwester) tagsüber arbeiten
  • Das kleine Kind (wegen Halloween-Party) nicht zu Hause.

Also beste Voraussetzungen, um vor dem Fernseher zu versumpfen und, dem Tag angemessen, den einen oder anderen Horror-/Gruselstreifen in den Player zu schieben.

Wollt ihr mir kurz auf eine Reise durch das kinematische Schreckenskabinett folgen? 🙂

2 Lava 2 Lantula

Ich mag Filme mit Riesenviechern. Und ich habe eine Schwäche für Filme mit Trashappeal. Und dennoch habe ich diesen Film ganz an den Anfang gesetzt, weil es danach nur noch aufwärts gehen konnte.

Es ist an allen Ecken und Enden sichtbar, dass CineTel, die Produzenten dieses, sagen wir mal freundlich, Schwachsinns, gerne so witzig und kreativ wären wie die Macher der „Sharknado“-Reihe. So weit sind wir also schon gekommen, dass die Billigklitschen gerne so wären wie The Asylum.

Der Film punktet auf der einen Seite mit seinem Stunt-Casting, indem er mit Steve Guttenberg, Michael Winslow und Marion Ramsey drei Darsteller aus den „Police Academy“-Filmen vereint. Leider fiel den Scriptwritern zu Ramsey gar nichts ein, zu Winslow sehr wenig (zumal seine „Fähigkeiten“ als Beatboxer deutlich gelitten haben) und die Figur von Guttenberg wird durch die Synchro endgültig getötet, weil es die ganze Spielzeit hinweg so klingt, als müsse er mit Gewalt die Arschbacken zusammenpressen, weil sonst … ihr wisst schon.

Alles in allem also ein eher vergessenswerter Spinnenfilm ohne Story, ohne Schauwerte, ohne Seele. Schade eigentlich.

Shin Godzilla

Bleiben wir für einen Moment noch bei Riesenviechern.

Der arme Godzilla musste im Laufe seines Lebens viel Schabernack über sich ergehen lassen. Entstanden als Reaktion auf den Atomschock der Japaner wurde er zuerst von einer Geißel Japans zu dessen Schutzpatron, dann gar zum Freund aller Kinder, nur um in den Reboots der Achtziger und der Zweitausender-Jahre mal mehr und mal weniger Kloppe von immer anderen, neuen wie alten, Monsterfreunden zu kassieren. Zwischendurch vergewaltigte Hollywood, genauer gesagt Roland Emmerich ihn, bevor wieder Hollywood ihn nun als Dreh- und Angelpunkt des sogenannten „MonsterVerse“ eingeplant hat.

Die Toho, das heimische japanische Filmstudio, hat sich dennoch nicht lumpen lassen und mit „Shin Godzilla“ ebenfalls einen reinrassigen Reboot der Monstersaga auf die Beine gestellt, der in beinahe jeder Beziehung punkten kann.

Sicher, bei seinem ersten Auftauchen sieht Godzilla aus wie eine Puppe der Augsburger Puppenkiste auf Randaletour (was der Trailer gnädig verschweigt). Und man muss schon einen Sinn für den passenden Humor haben, wenn sicher über eine halbe Stunde hinweg die Vertreter der Regierung in immer neuen Debatten über Zuständigkeiten, Wahrscheinlichkeiten und Unmöglichkeiten gezeigt werden.

Aber gerade da spielt „Shin Godzilla“ seine besondere Stärke aus: Er zeigt, dass das Auftauchen einer solchen Bedrohung eben mehr ist als Popcorn und Cola, sondern dass es eine Nation, eine ganze Welt, wirklich an das Äußerste treiben würde. Spätestens wenn die Vereinten Nationen zustimmen, dass die Amerikaner eine Atombombe auf den Stadtkern Tokios abwerfen, wird das mehr als deutlich.

Alles in allem ein etwas anderer „Godzilla“-Film, aber einer aus dem oberen Drittel und mit der coolsten Variante von Godzillas Todesstrahl, die ich je gesehen habe!

The Fog – Nebel des Grauens

Der Film, dessen Schicksal es bei aller Klasse ist, doch immer nur der stetige Zweite im Schaffen von John Carpenter zu sein. Eine hervorragende Bildsprache kombiniert mit atmosphärischen Tönen und Musikstücken. Schauspieler wie Tom Atkins und Jamie Lee Curtis, die auf der Höhe ihrer Zeit agieren. Das alles ist „The Fog“.

Ich weiß nicht, wie oft ich den Film schon gesehen habe, aber da kürzlich das neue Album von John Carpenter mit einer Sammlung seiner Filmthemen erschienen ist, bekam ich Lust darauf, diesen Film wieder einmal anzuschauen. Und man kann festhalten: Die diffusen Gestalten der Rachegeister im Nebel nehmen es auch heute noch mit jedem Zombie auf. Mit jedem einzelnen!

Halloween H20 – 20 Jahre danach

Wenn man, so wie ich, in den Achtzigern für den Horrorfilm sozialisiert wurde, dann war man entweder im Team Freddy, im Team Jason oder eben im Team Michael.

Pizzagesicht Freddy Krüger („Nightmare on Elm Street“), Hockeymaskenträger Jason Vorhees („Freitag der 13.“) und Maskenmann Michael Myers („Halloween“) brachten alle eigene Aspekte und Stärken in die Welt des Slasherfilms ein. Mal bunt und komisch, mal zynisch und brutal und mal atmosphärisch und unaufhaltsam.

Ich war immer schon im Team Michael. Für mich gehört es zur Tradition an Halloween, mindestens einen Film der gleichnamigen Reihe anzusehen. Und da wir das Jahr 2017 schreiben und die Filmreihe (inklusive der beiden Rob Zombie-Remakes) praktischer Weise genau zehn Filme umfasst, war gestern Teil 7 an der Reihe, der in der Serienkontinuität eigentlich gerne Teil 3 wäre, weil er die ursprünglichen Teile 3 bis 6 für ungeschehen erklärt.

Man merkt dem Film natürlich zu jeder Zeit an, dass er im Fahrwasser der damals grassierenden „Scream“-Welle entstanden ist. Auch das trug dazu bei, dass dieser Streifen vom Jugendschutz mit einer FSK 16 durchgewunken wurde, was damals (1998) noch recht außergewöhnlich war. Schade, dass hiernach nicht auch Schluss mit der Serie war, denn sowohl den achten Teil als auch das Reboot kann man meiner Meinung nach getrost vergessen.

Die toten Augen des Dr. Dracula

Oh Mann, man muss sie einfach lieben, die deutschen Titel der sechziger Jahre! In diesem italienischen Gruselfilm (Regie: Mario Bava) sucht man einen Dracula natürlich vollkommen vergeblich und der einzige Doktor ist unser Held, ein zu einem geheimnisvollen Mordfall hinzugezogener Leichenbeschauer. Aber da ungefähr zur selben Zeit auch Freund Frankenstein der Drahtzieher hinter den „Godzilla“-Monstren war, wollte man den alten Blutsauger wohl nicht zurückstehen lassen.

Den ganzen nicht vorhandenen Vampirbezug mal beiseite gelassen (der im Film, bzw. der Synchro, dankenswerter Weise auch erst in den letzten vier Minuten hergestellt wird), befinden wir uns hier auf einer Geisterbahnfahrt der plüschigen Sorte. Man kann jederzeit erkennen, dass die meisten Sets im Studio gebaut sind. Die Darsteller neigen zum Overacting de luxe und gruselig ist das, trotz sehr gelungener Musikuntermalung, natürlich zu keinem Moment.

Trotzdem kann man diesem Film, ebenso wie den Kollegen der britischen Hammer-Studios, seine Wirkung nicht absprechen. Man muss sich eben darauf einlassen, dann macht die Geistergeschichte rund um ein siebenjähriges Mädchen einen Heidenspaß!

Ein Jammer, dass die, zugegeben sehr opulenten, Veröffentlichungen dieser Klassiker nur für teures Geld zu haben sind.

Hostel Part III

Was soll man zur „Hostel“-Filmreihe schreiben, was nicht schon geschrieben wurde? Ja, es ist Gewalt um der Gewalt Willen. Ja, es wird der Tabubruch zelebriert. Und ja, eigentlich ist das alles ziemlich kranker Scheiß.

Aber wo Teil 1 und Teil 2 wenigstens nur gut gemachter kranker Scheiß waren (wie die besseren Teile von „Saw“), ist Teil 3 derjenige aus dem Trio, dem man vor allem anmerkt, dass er keinen Arsch in der Hose hat. Und das, obwohl er jede Menge Ärsche (in anatomischer wie übertragener Sicht) auf den Bildschirm bringt.

Die Geschichte ist immer die selbe: Die Mitglieder eines Clubs von reichen Perverslingen zahlen dafür, dass sie einen Menschen foltern und umbringen dürfen. Das war es, mehr gibt es nicht zu sehen. Mehr braucht es auch nicht. Das hat in Teil 1 und 2 gut funktioniert.

Teil 3 allerdings meint, er müsse noch eine Geschichte drumherum stricken und das Ganze in die Vereinigten Staaten verlegen. Nach Las Vegas, was auch sonst. Und damit schießt er sich, meines Erachtens, selber ins Knie. Auch wenn es ein Klischee ist: Im Osteuropa der Wendeverlierer konnte man sich noch vorstellen, dass es Menschen gibt, die alles tun und organisieren, um an Geld zu kommen.

Aber ein Horrorkabinett, das beinahe inszeniert wird wie eine Varietévorstellung mit applaudierenden Zuschauern? Nein, das ist aufgesetzt und nicht mehr glaubwürdig. Mal davon abgesehen, dass der Film sich, wie gesagt, nicht traut, konsequent zu sein. Und wenn es eines gibt, was Filme des sogenannten Subgenres des Torture Porns brauchen, dann ist es Konsequenz. Frag nach bei „Saw“, frag nach bei „Hostel 1“, frag nach bei „Martyrs“.

Aber gut, einen positiven Aspekt hatte das Ganze: Nach diesem Film war ich endlich müde genug, um ins Bett zu gehen 😉 .


Und, wie habt ihr Halloween so gefeiert oder begangen? Habt ihr auch hin und wieder das Bedürfnis auf so einen Filmmarathon? Wenn ihr wollt, dann verratet es mir 🙂 .

Stephen King/Richard Chizmar „Gwendys Wunschkasten“ – Eine Meinung

Nachdem ich mein Lese-Dilemma dadurch beendete, dass ich tatsächlich erst brav „Relic“ ausgelesen (und dazu demnächst noch was zu sagen) habe, war dann endlich „Gwendys Wunschkasten“ von Stephen King und Richard Chizmar an der Reihe. Und in netto zwei Stunden ausgelesen.

Gut, dass es sich hierbei „nur“ um eine Kurzgeschichte handelte, das war mir ja vorher bewusst. Und das will ich dem schmalen Bändchen auch nicht zum Vorwurf machen, zumal es wirklich gut in der Hand liegt und auch recht schmuck aussieht:

Klingt das so, als ob ich andere Vorwürfe hätte? Nun ja, dieses Wort ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber ich muss schon sagen, dass ich ein wenig enttäuscht zurückgeblieben bin.

Aber zunächst ein paar Worte dazu, worum es eigentlich geht. Die zwölfjährige Gwendy steht auf der Schwelle zur Mittelschule und versucht verzweifelt mithilfe von Anstrengungsläufen, bis dahin ihren Bauchumfang ein wenig zu reduzieren. Nun, eher ein wenig viel. Denn sie leidet massiv unter den Hänseleien, die einige ihrer Mitschüler auf sie loslassen. Nach einem dieser Läufe wird sie von einem ihr unbekannten Mann angesprochen, der ihr einen geheimnisvollen Kasten schenkt. Dieser Kasten hat Hebel, von denen einer eine geradezu himmlische Schokolade auswirft, von der ein Stück reicht, um nicht nur satt, sondern auch irgendwie besser zu werden, der andere aber lupenreine Silberdollars ausspuckt.

Aber da sind auch noch die Knöpfe und die haben es wirklich in sich, wie der Mann verrät. Jeder Knopf steht für einen Kontinent. Und dann gibt es noch einen roten Knopf, der einem einen Wunsch erfüllen kann. Nur den schwarzen, den sollte man besser ganz schnell wieder vergessen …

Die Geschichte wird auf dem Buchrücken groß angekündigt als „Wiedersehen mit Castle Rock“. Ein Name, der King-Fans elektrisiert wie nur wenige andere Städtenamen aus seinem umfangreichen Werk. Nachdem ich mit dem Buch durch bin muss ich allerdings sagen, dass es vollkommen egal ist, wo die Geschichte spielt. Sie könnte genauso gut auch in Shitty Place, North Dakota spielen und es würde keinen Unterschied machen. Lokalkolorit wird hier mehr behauptet als erzeugt.

Dieses Manko teilt die Geschichte leider auch mit einigen Punkten in der Erzählweise. Dieses Wort drückt nämlich schon ganz schön aus, was ich meine: Viele Dinge werden im Text mehr erzählt, als dass sie gezeigt werden. Das macht es stellenweise alles andere als leicht, sich in Gwendy oder das, was sie erlebt, hinein zu versetzen. Vor allem aber der zweiten Buchhälfte rauschen so viele Geschehnisse wie in einem Zeitstrahl an einem vorbei, ohne dass sie wirklichen Eindruck hinterlassen. Der Bruch mit der besten Freundin? Ist halt so. Das Kennenlernen ihres ersten echten Freundes? Ja, kann halt passieren. Und der große dramatische Moment am Ende ist praktisch vorbei, bevor er wirklich begonnen hat.

Abgesehen von ihrem Kasten, der je nachdem mal Segen und mal Fluch zu sein scheint, ist Gwendys Leben eigentlich ein ziemlich normales. Und da spielt King natürlich seine volle Erfahrung als jemand aus, der es gewohnt ist, uns das Leben von normalen Menschen so zu erzählen, dass wir mit Interesse bei der Sache bleiben.

Dass der große Knalleffekt für mich am Ende ausgeblieben ist, mag für andere Leser anders sein. Es ist immer auch eine Frage der Erwartungshaltung. Und da hatte ich mir von „Gwendys Wunschkasten“ anhand der im Text gemachten Andeutungen (man denke an den ominösen schwarzen Knopf) einfach mehr versprochen.

Es gibt ja Stimmen, die King schon seit langem ein, wie soll ich sagen, sehr aufgeschlossenes Verhältnis gegenüber dem Generieren neuer Einnahmequellen unterstellen. Und die werden sich jetzt wahrscheinlich wieder alle melden und die Frage stellen, wieso es unbedingt eine Soloveröffentlichung dieser Geschichte gebraucht hat, wieso sie nicht auch in den sicher irgendwann kommenden neuen Kurzgeschichtenband integriert werden konnte.

Ich kann diese Stimmen leider nicht verstummen lassen, denn die Frage ist legitim. „Gwendys Wunschkasten“ hat bis auf die, für mich als Leser der Übersetzung sowieso kaum erkennbar nachvollziehbare, Beteiligung von Richard Chizmar, kein Alleinstellungsmerkmal, das sie von den zuletzt veröffentlichten Kurzgeschichten unterscheidet. Aber nun gut, es wird ja niemand zum Kauf gezwungen, wie es so schön heißt.

Bedauert habe ich den Erwerb des kleinen Bandes nicht. Aber ich werde ihn sicherlich auch nicht so bald wieder in die Hand nehmen, um ihn erneut zu lesen, weil es einfach nicht viel in ihm zu entdecken gibt. Das kann man schade finden, muss es aber nicht.

Ich stelle „Gwendys Wunschkasten“ jetzt ins Regal und freue mich auf den November. Da erscheint mit „Sleeping Beauties“ schon der nächste große Roman von Stephen King, dieses Mal zusammen mit seinem Sohn Owen verfasst.

Vom Streicheln und gestreichelt werden bei Rezensionen

Irgendwie schreibe ich im Moment mehr über Rezensionen, als dass ich wirklich rezensiere. Aber das zeigt ja nur, dass es ein Interesse an dem Thema sowohl bei mir, als auch bei meinen Lesern gibt. Und das ist ja erst einmal was Positives.

Über meiner Besprechung zu dem Roman „Zarin Saltan“ bzw. dem anschließenden Beitrag über meinen Spaß am rezensieren, kam es zu einem kleinen Gedankenaustausch, den ich auch in Form eines eigenen Beitrags noch einmal kurz aufgreifen möchte, weil mir bewusst ist, dass nicht jeder hier auch die Kommentare liest.

Kommentator NNIN, der sich in den vergangenen Monaten immer mal wieder mit durchaus kritischen Worten zu meiner Art zu rezensieren zu Wort gemeldet hat, hinterließ mir folgenden Kommentar:

Ich lese die Rezensionen hier auch gerne, wirklich, und finde sie bemerkenswert.
Denn das sind ja gar keine Rezensionen im herkömmlichen Sinne, sondern Streicheleinheiten. 5 Sterne = 5mal übers Fell gestreichelt, 3 Sterne = 3mal usw. Es tut den Autoren sicherlich gut, mal keine gehässige Schmähkritik zu lesen, aber auch keine unglaubwürdige Hochjubelarie zu hören. Und dem Leser wird zur Augen geführt, dass jenseits der Verwertbarkeit auch andere Dinge (Idealismus, Bemühtheit) bei einem Buch zählen können.
Allerdings würde ich mit dem 5maligen Streicheln eher geizig umgehen, denn es ist doch wie beim Abitur in SPD-Bundesländern: wenn von einem Jahrgang 50% einen Einserdurchschnitt kriegen und der Rest eine 2,xx, was ist das wert? Ergo: Wenn richtig Gutes ins Haus kommt, was bleibt? 6 Sterne? 7 Sterne? Nein, nein, der Durchschnitt sollte bei 3 Streicheleinheiten liegen – und wir alle drücken die Daumen, dass hier mal ein wirklicher Rohrkrepierer kommt, der sich das Gestreicheltwerden abschminken kann.

Und, was soll ich sagen, der Mann hat natürlich nicht ganz Unrecht. Wenn ich einen Autor/eine Autorin kenne, vielleicht sogar noch persönlich, dann gehe ich natürlich mit einem ganz anderen Blickwinkel heran, als wenn es sich um einen mir vollkommen fremden Menschen handelt. Das gebietet aus meiner Sicht schon die Höflichkeit. Und ja, es ist auch ein Ausdruck dessen, wie ich selber gerne behandelt werden möchte.

Allerdings ändert es nichts an meinem Anspruch, wie ich ihn auch bei jeder Rezension im Disclaimer formuliere: Ich mache keine Gefälligkeitsbesprechungen, weil ich glaube, dass damit am Ende allen Beteiligten, nämlich dem Autor, dem Roman, dem Leser und mir selbst, geschadet würde.

Eigentlich wäre damit vielleicht sogar alles gesagt, aber der zweite Absatz von NNINs Kommentar hat mich nachdenklich gemacht. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich in der Tat in einem SPD-Bundesland mein Abitur gemacht habe 😉 .

Die Frage ist ganz einfach, inwiefern es mit einem starren Bewertungssystem möglich ist, eine wirkliche Gerechtigkeit hinzubekommen, ohne dass man einseitig zu gut oder zu schlecht bewertet. Dabei ist es vollkommen egal, ob dieses System auf Schulnoten beruht, oder auf Prozentzahlen, oder eben auf Sternen.

Tatsächlich ist es ein Problem von Rezensionen als solches, das sich quer durch sämtliche Medien zieht, die sich jemals mit der Besprechung von Dingen auseinandergesetzt haben. Ich kenne die Diskussion seit den 80er-Jahren, als zwischen den Anhängern der Computerzeitschriften „ASM – Aktueller Software Markt“ und „Powerplay“ eine Art Grabenkampf herrschte, ob das 12-Punkte-Bewertungssystem der einen Publikation besser oder schlechter sei als das Prozentsystem der anderen.

Und so wenig auf den ersten Blick beinahe antike Computerspiele mit modernen Romanen gemeinsam haben, so ähnlich sind sich die Probleme, wenn man einmal darüber nachdenkt. Es geht schon mit dem Genre los. Kann man einen Liebesroman wirklich exakt so beurteilen wie einen Horrorroman? Ich denke, dass es nicht möglich ist, weil man sich in einem ganz anderen Ökosystem der Literatur bewegt. Beide haben ihre Wurzeln in vollkommen anderen Richtungen und funktionieren auf unterschiedliche Weise. Was bei dem einen Roman ein Mittel der Wahl sein kann, ist bei dem anderen ein absolutes No-Go.

Aber am Ende des Tages muss ich sie beide in ein 5-Sterne-System quetschen, weil Amazon sich halt in unserer digitalen Bücherwelt als das Maß aller (Rezensions-)Dinge etabliert hat und ich den Autoren, die ich hier bespreche, nur zu gerne ein wenig Aufmerksamkeit in Form einer Amazon-Rezension zukommen lassen möchte.

Ein anderer Faktor, auf den auch bereits seit langem immer wieder hingewiesen wurde, ist die Tatsache, dass ein Werk, gleich welcher Art, immer nur zum Zeitpunkt seines Erscheinens bewertet werden kann – jedenfalls schließe ich mich dieser Ansicht an.

In meiner Entgegnung zu NNINs Kommentar habe ich es schon geschrieben: Kann ich wirklich einem Schüler, der eigentlich eine noch heutigem (!) Stand gute Note verdient hätte, diese verwehren, weil es da einmal einen besseren Schüler gegeben hat, gegen den er dann doch abfällt? Oder muss ich vorsichtig handeln, weil es könnte ja auch mal ein deutlich besserer Schüler kommen.

Ich habe (auch) solche Lehrer gehabt und es war verdammt frustrierend, sich abzuarbeiten und am Ende dann doch nur mit der Silbermedaille, also einer zwei, da zu stehen. In unserer Abi-Zeitung hat das ein Mitschüler über unseren Sportlehrer gut auf den Punkt gebracht: „Auch Leichtathletik war dabei, für Weltrekord, da gab’s ’ne zwei.“

In Bezug auf Romane muss es zwangsläufig noch frustrierender sein, wenn die Autorin einer Liebesgeschichte immer in Bezug auf „Romeo und Julia“ bewertet wird, oder der Autor des Horrorromans sich sagen lassen muss, dass Stephen King das alles schon mal geschrieben hat – nur besser.

Ich schreibe diesen Beitrag, der als Antwort auf einen Kommentar begann, auch deswegen, weil mir hierfür keine Lösung einfällt und ich mir auch nicht sicher bin, ob es überhaupt eine gibt. Oder ob es wünschenswert wäre, dass es eine gäbe.

Deswegen möchte ich die Frage gerne zur Diskussion stellen und würde mich über Meinungen – vielleicht auch von den bis jetzt hier rezensierten Autoren – sehr freuen!

PS: Ja, ich weiß, Katzenfoto als Aufhänger. Aber wären euch ein Wellensittich, ein Pferd oder gar eine Maus wirklich lieber gewesen? 😀

Rezensionen und ich

Vor beinahe genau eineinhalb Jahren habe ich einen Beitrag geschrieben, in dem ich erklärte, wieso ich eigentlich kaum noch Rezensionen verfasse. Ihr findet ihn hier.

In Kurzform gesagt ging es mir damals darum, dass ich mich in einer Art moralischen Dilemma sah, wenn ich die Werke von anderen Autoren, mit denen ich zu tun habe, schlecht bewerte oder im Zweifel davor zurückschreckte, sie überhaupt zu bewerten, wenn es keine gute Rezension werden würde.

In gewisser Weise treiben mich solche Gefühle heute noch um und am liebsten würde ich jeder Rezension, die ich über „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche, fünf Sterne mit auf den Weg geben. Weil ich genau weiß, wie viel Herzblut jeder von ihnen in das veröffentlichte Werk gesteckt hat und wie seltsam es aussehen mag, dass ich, ebenfalls Autor, ebenfalls Bestandteil der gleichen Blase, mir ein Urteil darüber anmaße.

Aber ich habe früh erkannt, dass ich damit niemandem einen Gefallen tue. Mir nicht, den besprochenen Autoren nicht und vor allem auch meinen Lesern nicht – denen gegenüber ich ja am Ende die meiste Verantwortung trage.

Also gibt es unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ nur solche Rezensionen, die wirklich ehrlich sind und die Dinge ansprechen, die ich für ansprechenswert halte.

Dabei richte ich den größtmöglichen Fokus auf die inhaltlichen Aspekte. Das bedeutet nicht, dass ich eine Myriade von Druckfehlern oder Grammatikschnitzern einfach durchwinken würde, aber im Vordergrund steht die Geschichte, die tatsächliche kreative Leistung.

Manchmal überlege ich, ob ich auch andere Dinge mit einbringen soll, wie zum Beispiel das Coverartwork oder dergleichen. Teilweise gibt es zu den hier besprochenen Romanen wirklich tolle Cover – gerade das zum zuletzt besprochenen „Zarin Saltan“ könnte ich da nennen. Aber für mich gehört es eben nur zu den sekundär wichtigen Begleiterscheinungen der Veröffentlichung und ein Lob wäre für mich eher ein Verdienst des Designers als des Autors bzw. der Autorin.

Nun gibt es ja genug Leser, die immer noch darauf warten, dass ich mal den ersten richtigen Verriss schreibe. Und es ist ja auch nicht so, dass ich immer nur gute Romane lesen würde. Das „Problem“ ist nur, dass diese im Allgemeinen nicht in die Rubrik „Das Schreiben der Anderen“ hinein passen. Denn das Konzept – Besprechungen zu Werken von Autoren, über die ich irgendwie direkt über Social Media, meinen Autorenverein oder sonstiges verbunden bin – ist da nun einmal relativ streng.

Und es kommt noch dazu, dass ich längst nicht alle diese Romane lese. Zum Beispiel bin ich kein besonders großer Freund von reinrassigen Fantasyromanen, wie ihr vielleicht schon gemerkt habt. Dem gegenüber stehen aber sehr viele Autoren, die genau diese schreiben. Es wäre nun aber höchst unfair, wenn ich einen Roman lesen und rezensieren würde, von dem ich schon vorher weiß, dass er es schwer haben wird, mich abzuholen und mitzureißen. Das wäre sozusagen ein Verriss mit Ansage.

Dabei hätte ich durchaus Lust darauf, mal wieder einen knackigen Verriss zu schreiben. Wenn man einmal Gefallen an der Kunstform (ja, das meine ich ernst) Rezension gefunden hat, wird man schnell feststellen, dass es manchmal Spaß macht, so richtig vom Leder zu ziehen. Zündet eine Kerze an, fasst euch an den Händen und fragt nach bei Herrn Reich-Ranicki, der wird euch das gerne bestätigen.

Damit kämpfen zwei Seelen in meiner Brust, denn ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich jetzt wahllos irgendwelche Romane hier besprechen würde, zu denen ich eben die oben geschilderte Verbindung nicht habe. Es würde das ganze Konzept über den Haufen werfen, das ich hier verfolge.

Deswegen habe ich angefangen, gedanklich ein wenig herumzuspinnen.

Wie ich in dem oben verlinkten Beitrag erzählt habe, besaß ich einmal eine eigene Rezensionsseite im Internet. Zunächst ganz althergebracht und später dann auf einem eigenen WordPressblog geführt. Zum Schluss schrieb ich dort zwar weitgehend abseits der öffentlichen Wahrnehmung, aber das war mir egal, weil es eben Spaß gemacht hat, meine Meinung zu Dingen zu schreiben, die ich las, die ich sah und die ich hörte.

Nun weiß ich aber auch, dass ich eigentlich jetzt schon zu wenig Zeit habe, um mich um die Dinge zu kümmern, um die sich gekümmert werden muss. Das sagt der Kopf.

Das Herz hat dafür gesorgt, dass ich mir in der letzten Woche die Domain http://www.hoerviews.de wieder gesichert habe, nachdem ich sie vor rund zehn Jahren freigegeben hatte. Ich war sehr überrascht, dass sie tatsächlich noch verfügbar war.

Ob und was ich nun damit mache, das weiß ich noch nicht. Vielleicht verläuft das ja alles im Sande. Aber vielleicht nutze ich diese andere Plattform, wenn ich sie mir erst einmal leidlich schick gemacht habe (alle meine Dateien/Grafiken sind ja noch da), um doch wieder meine hin und wieder schmerzlich vermissten Verrisse schreiben zu können – oder zu loben, wo es angebracht ist, auch wenn ich mit dem betreffenden Autor nicht näher verbunden bin.

Schauen wir mal, ob ich die Zeit dazu finden und sie mir auch nehmen werde. Ich weiß es, ganz ehrlich, noch nicht.