Das Schreiben der Anderen: „Kindsräuber“ von Nora Bendzko

Es war mir ja schon fast peinlich, als ich an einem von Nora Bendzko ausgelobten Gewinnspiel teilnahm und gewann. Denn dies war bei ihrem zweiten Gewinnspiel meine zweite Teilnahme und mein zweiter Gewinn. Aus Sorge, dass sich bei einem dritten Glücksfall das Universum einfach in Luft auflösen würde, habe ich danach nicht mehr teilgenommen.

Aber so erreichte mich Noras kürzlich erschienener Roman „Kindsräuber“, um den es in dieser Besprechung gehen soll.


Die Galgenmärchen gehen in ihre zweite Runde und dieses Mal hat sich Nora Bendzko an einen Stoff in Romanlänge gewagt, nachdem ihre erste Veröffentlichung „Wolfssucht“ noch eine Novelle gewesen ist.

Die Vorlage für diese Geschichte sind zum einen das Märchen vom Rumpelstilzchen, zum anderen die Geschehnisse im Prag des Jahres 1620, im Schatten des sich entwickelnden dreißigjährigen Krieges.

Die junge Alene, Tochter eines vor dem Krieg in die Stadt geflohenen Müllers, versucht durch ihre Arbeit als Spinnerin, ihren Vater und sich über die Runden zu bringen. Ihre Mutter ist an einer schweren Krankheit verstorben. Die Kosten für den Arzt und die allgemein schlechte Lage der Familie haben dazu geführt, dass Alene ihren Körper verkaufen musste und nun ein Kind unter ihrem Herzen trägt.

Es wäre dies eine tragische Geschichte, wie es sie zu jener Zeit sicherlich zu Hauf gegeben hat, wenn Alene nicht die Besonderheit umgeben würde, dass sie in der Lage ist, Geister zu sehen. Schon ihre Mutter hatte diese Fähigkeit und Alene gelehrt, wie der Umgang mit den Toten zu gestalten ist. Es gilt, gewisse Regeln einzuhalten, wenn man sich nicht ihren Zorn zuziehen möchte. Ganz besonders gilt dies für das geheimnisvolle Rumpelstilzchen, dessen Name nur leise geflüstert wird.

Eines Tages schlägt das Schicksal auf vielfache Weise eine Bresche in Alenes Leben. Der Büttel des Königs kommt, um die säumigen Steuerzahlungen einzutreiben. Da Alene nicht zahlen kann, kündigt er an, ihren Vater zur Armee einziehen zu lassen, die gerade wenig aussichtsreich gegen das Heer der katholischen Bayern im Felde steht. Eine Ankündigung, die einem Todesurteil gleich käme.

Alene eilt auf den Markt, um ihren Vater aufzusuchen, da wird sie nicht nur Zeugin einer Hinrichtung, sondern auch des Auftauchens des Rumpelstilzchens, eines toten Jungen ohne Augen, dessen Kopf in kalter Flamme zu stehen scheint. Überall erzählt man sich dunkle Geschichten von diesem Jungen, der für die Entführung und Tötung zahlreicher Kinder verantwortlich gemacht wird.

In dem Chaos, das auf dem Marktplatz entsteht, wird Alene von einem Mann gerettet, den sie gerade im Begriff war, zu bestehlen, da er allzu unvorsichtig mit seinem offensichtlichen Wohlstand umgeht. Zu ihrer großen Verwunderung stellt er sich als Patrik heraus, der ihr ein Freund in Kindertagen war. Nun ist er der Bote des Königs und als solcher zufällig auf der Suche nach einer Frau, die hochschwanger ist.

Gegen den Willen ihres Vaters folgt Alene Patrik auf die Burg des Königs von Böhmen, wo die Königin ihr ein Angebot macht, das in direkter Beziehung zu einem alten Fluch, dem Rumpelstilzchen und Alenes Chancen, die nächsten drei Tage zu überleben, steht.

Wird Alene die Abgründe, die sich in der Königsburg vor ihr auftun, unbeschadet überstehen können?

Ich muss gestehen, dass ich ein wenig skeptisch war, als ich im Vorfeld der Veröffentlichung hörte, dass es sich bei dieser Ausgabe der Galgenmärchen um eine Umsetzung des Rumpelstilzchen-Stoffes handeln würde. Das Märchen hatte ich mit seiner Geschichte um eine junge Frau, die mit Hilfe des Männleins Stroh zu Gold spinnt, um im Gegenzug ihr Erstgeborenes zu verkaufen, als ziemlich limitiert in Erinnerung.

Aber von Limitierung ist hier überhaupt keine Spur, denn Nora Bendzko zerrt die Geschichte aus ihrem kleinen Rahmen und dehnt sie ins Breitbildformat auf.

Die Einbettung der Märchengeschichte in das Prag des Jahres 1620 kann ich nicht anders denn als außerordentlich gut gelungen bezeichnen. Nicht nur, dass die Örtlichkeiten sehr exakt beschrieben werden, soweit ich dies anhand meiner gesichteten Quellen festmachen kann, auch die Lebensumstände sind treffend beschrieben.

Es wird praktisch auf jeder Seite deutlich, dass sich die Welt auf einen Konflikt vorbereitet, wie die braven Bürger der Stadt ihn noch nicht erlebt haben. Und dies nur, weil der „Winterkönig“ Friedrich es nicht vollbracht hat, die religiösen Unterschiede zwischen Katholiken und Calvinisten zu überbrücken.

All das kann man übrigens wunderbar auch in Geschichtsbüchern nachlesen, handelt es sich bei der Königsfamilie doch um historische Personen. Auch wenn die eine oder andere ihnen angedichtete Eigenschaft sicherlich nicht so ganz der Realität entspricht.

Dass man überhaupt Lust bekommt, sich mit den geschichtlichen Hintergründen des Romans zu befassen, ist der sehr dichten und interessanten Handlung geschuldet, die Nora Bendzko sich für diesen Roman hat einfallen lassen. Die Geschichte fokussiert weniger auf die Gestalt des Rumpelstilzchens, sondern mehr auf die Menschen – allen voran natürlich Alene.

Bei ihr handelt es sich um eine moderne Frau für ihre Zeit, die sich nicht zu fein dafür ist, auch schon mal zu gewaltigen Schimpfkanonaden anzusetzen, wenn die Situation es ratsam erscheinen lässt. Gleichzeitig ist sie aber kein überzeichnetes Superweib, was insbesondere in den Szenen deutlich wird, die sie zusammen mit der Königin von Böhmen, Elisabeth, hat. Hier agiert sie, trotz aller Dinge, die ihr widerfahren, glaubhaft als Untergebene.

Eine zarte Romanze erblüht, was sicherlich niemanden überraschen wird, zwischen Alene und Patrik. Bei Patrik kann man der Meinung sein, dass es sich bei ihm um einen etwas eindimensionalen Charakter handelt, da er nur wenige wirklich herausragende Eigenschaften mit auf den Weg bekommen hat. Aber die Aufgaben, die ihm gestellt werden, erledigt er zur vollen Zufriedenheit des Lesers.

Der große Star im Ensemble bleibt aber die Königin. Sie stiehlt praktisch jede ihrer Szenen und rückt sich mit majestätischer Ausstrahlung in den Mittelpunkt. Selbst wenn sie arrogant auftritt, stört dies den Lesefluss nicht, weil es einfach zu ihrem Charakter passt. Im Vergleich dazu bleibt ihr Gemahl verhältnismäßig blass, was wiederum zur realen Person des Königs passt.

Ein kleines Problem habe ich mit der Darstellung der Prinzen und der Prinzessin. Sie scheinen mir einige Male viel zu alt(-klug) für ihr tatsächliches Alter zu handeln und vor allem zu sprechen. Gut, ich weiß vielleicht nicht viel darüber, wie sich kleine Königskinder benehmen, aber ich bin Vater von zwei Kindern, traue mir also durchaus zu, den Kindermund einigermaßen drauf zu haben. Dieser Punkt stört aber nicht wirklich.

Ebenso wenig wie die Tatsache, dass „Kindsräuber“ seinen zentralen Plottwist schon ein wenig früh ankündigt. Die Atmosphäre der Schilderungen und Beschreibungen lässt einen gerne darüber hinwegsehen und an einigen Stellen zaubert Nora Bendzko echte Gänsehaut auf die Arme ihrer Leser.

Es wird Zeit, zum Fazit zu kommen. „Kindsräuber“ ist gegenüber „Wolfssucht“ eine deutliche Steigerung und ich hoffe, dass Nora Bendzko so weitermacht mit ihren Galgenmärchen. In den Momenten, in denen sie sich weitgehend von den Vorgaben des jeweiligen Urstoffes löst, ohne ihn zu verleugnen, entwickelt ihre Geschichte eine Sogkraft, die man in dieser Form selten im Fantasygenre liest.

Ich freue mich auf weitere Märchenadaptionen dieser Machart!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Und auf einmal fühle ich mich wichtig

Hach, es tut gut, sich wichtig zu fühlen. Vor allem, wenn es eine wertschätzende Wichtigkeit ist, keine abschätzige. Wenn es eine zugewandte ist, keine berechnende. Von beidem habe ich heute etwas abbekommen, aber die wertschätzende Variante freut mich dann doch bedeutend mehr.

Ihr habt doch sicherlich alle schon mal gesehen, wie auf Romanen eines Autors Kommentare von anderen Autoren, meistens des gleichen Genres, abgedruckt werden. Es war zum Beispiel eine Zeitlang beinahe schon Legion, dass auf Thrillern und Horrorromanen irgendein Statement von Stephen King abgedruckt war. Damit wurde zum Beispiel versucht, die Karrieren von Bentley Little oder James Herbert in Gang zu setzen. Ganz zu schweigen von der seines eigenen Sohns Joe Hill.

Nun bin ich kein King. Nicht einmal ein Ritter der Tafelrunde. Aber offensichtlich gibt es Menschen, denen meine Meinung etwas zählt.

Ich hatte vor geraumer Zeit für meine Reihe „Das Schreiben der Anderen“ den Roman „Die Krankheitensammlerin“ von Kia Kahawa besprochen. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse hat diese eine neue Auflage herausgebracht und, ratet mal, auf der Rückseite findet sich ein Zitat aus meiner Besprechung:

krankheit2Na, sieht das schick aus oder sieht das schick aus?

Es zeigt mir auf jeden Fall, dass die Rezensionen, die ich schreibe, nicht nur reines Egoprojekt meinerseits sind, sondern dass sie, zumindest teilweise, die Urheber der Romane auch erreichen, die ich rezensiere.

Danke, liebe Kia, dass ich mich für einen Moment wichtig fühlen durfte 🙂 .


Nachtrag:

Via Facebook macht meine liebe Verlagskollegin Mea Kalcher mich gerade darauf aufmerksam, dass ich bereits bei ihrem Roman „sechsuhrsieben“ auf dem Backcover verewigt bin. Das hatte ich doch glatt vergessen.

Ich sollte anfangen, mir so etwas aufzuschreiben! Danke Mea, jetzt fühle ich mich gleich noch wichtiger 😉 .

6uhr7

Das Schreiben der Anderen: „Martins Hütte“ von Erin J. Steen

Heute gibt es mal wieder einen Debütroman in dieser Kategorie. Er stammt von Erin J. Steen, die sich mit „Martins Hütte“ den Traum von der ersten Veröffentlichung erfüllt hat.


martinGerade eben noch scheint das Leben des namenlosen Journalisten, dessen Geschichte wir in diesem Roman folgen, ganz normal zu verlaufen. Er ist mit seiner Freundin Celine auf ausgedehnter Shopping-Tour, aus der er sich eigentlich nur mal für ein paar Minuten ausklinken will, um einen Kaffee zu trinken. Doch dann verschwindet Celine nicht nur in den Weiten des Einkaufszentrums, sondern kurz darauf auch für immer aus seinem Leben.

Eine Explosion erschüttert das Shopping Center und der Journalist findet sich in einem Szenario wieder, das er aus den Kriegsgebieten nur zu gut kennt, von denen er schon berichtet hat. Zuerst hat er noch Hoffnung, doch dann wird Celines Handy direkt am Herd der Explosion gefunden.

Der Journalist entschließt sich, dass er aus allem erst einmal heraus, sich neu im Leben finden und orientieren muss. Deswegen mietet er eine einsam gelegene Berghütte von einem gewissen Martin an. Überrascht muss er bei seiner Ankunft aber feststellen, dass er nicht nur die Verantwortung für die Hütte, sondern gleichzeitig auch für eine kleine Menagerie an Hoftieren übernommen hat.

Als dann eines nach dem anderen dieser Tiere einem gesichtslosen Schrecken zum Opfer fällt, macht sich der Journalist auf die Suche nach dem Verursacher. Ob ihm dabei die seltsamen Bücher helfen, die er auf dem Dachboden der Hütte gefunden hat? In ihnen werden die schrecklichsten Gestalten beschrieben, welche die Mystik zu bieten hat. Sollte eine von ihnen der Mörder seiner Tiere sein?

Ich gebe zu, dass mich der Weg, den Erin J. Steen für ihren Roman eingeschlagen hat, sehr überrascht hat. Nachdem es auf den ersten Seiten um das Attentat geht und um das Verschwinden von Celine, wird dieses Thema danach für geraume Zeit kaum noch angeschnitten. Ich hatte erwartet, dass, trotzdem ich ja aus der Beschreibung wusste, dass der Journalist zu dieser Hütte fährt, die Anfangssituation sich mehr und häufiger in die Handlung hinein auswirken würde.

Doch schnell macht der Roman klar, dass es ihm weniger um ein Statement zur allgemeinen Terrorlage geht, sondern um den persönlichen Umgang eines Mannes mit der Situation, einen geliebten Menschen verloren zu haben und damit gleichsam auch ein Stück weit entwurzelt worden zu sein.

Diese Entwurzelung trägt sich auch durch den ganzen Text hindurch. Der Mann ist alleine in seiner selbstgewählten Einsamkeit. Sein Handy hat keinen Empfang. Der einsetzende Schneefall isoliert ihn von der Außenwelt. Das alles führt dazu, dass „Martins Hütte“ ein Roman ist, der über weite Strecken ohne Dialoge auskommt.

Erin J. Steen schafft es allerdings mit ihrer lebendigen Sprache, diese langen Erzählpassagen mit ausreichend Leben zu füllen, dass einem nicht langweilig dabei wird. Ein absolutes Highlight sind für mich die Schilderungen aus den Büchern, in denen der Journalist nach den verschiedenen Horrorgestalten forscht, die für die Reduzierung seines Tierbestands verantwortlich sein könnten.

Allerdings ergibt sich hieraus auch ein Umstand, der meiner Meinung nach zu einigen Missverständnissen bei Lesern führen könnte: Etwas mehr als die Hälfte der Zeit ist „Martins Hütte“ meinem Gefühl nach kein Thriller, sondern mehr eine Mystery-, stellenweise sogar schon fast eine lupenreine Horrorstory. Es könnte sein, dass der eine oder andere Leser hier in seinen Erwartungen enttäuscht wird.

Steen hat auf ihrer Homepage und auch an anderer Stelle im Internet darauf hingewiesen, dass sie Leserfeedback bekommen hat, das sich mit dem Ende des Romans nicht ganz zufrieden zeigte. Ich kann die Gründe hierfür verstehen, schließe mich ihnen jedoch nicht an.

Meine Schwierigkeit liegt vielmehr zu Beginn des Textes. Nach meinem Gefühl nimmt der Journalist die Geschehnisse im Einkaufszentrum und das Verschwinden seiner Freundin viel zu – unberührt. Ja, es ist richtig, dass er Kriegsreporter war und deswegen den Anblick von toten Menschen und Schwerverletzten gewöhnt sein dürfte, aber ich halte es dennoch für unwahrscheinlich, dass er mit dieser Professionalität reagiert, wenn seine Lebensgefährtin davon betroffen ist.

Auch geht es mir danach zu schnell aus der Stadt und in die Hütte hinein. Obwohl die ganze Situation um das Attentat und Celine ungeklärt ist, erliegt der Journalist einem Fluchtreflex und macht sich einfach aus dem Staub.

Hier hatte ich deutliche Schwierigkeiten, den Gedankengängen und den sich daraus ergebenden Konsequenzen zu folgen. Gegen Ende hin wird das alles dann allerdings erklärt und geht sich zu einer einleuchtenden Lösung auf. Eine Lösung, die scheinbar nicht jedem gefällt, die aber zumindest über ein einfaches „ist nun einmal so“ hinausgeht.

Für mich ergibt sich an dieser Stelle das Problem der Bewertung des Romans. Und da muss ich leider sagen, dass ich ein Stück weit von der fehlenden Emotionalität des Journalisten angesteckt wurde. Mir waren seine Handlungen und Probleme zwar nicht egal, aber sie berührten mich nicht so stark, wie es möglich gewesen wäre.

Insgesamt handelt es sich bei „Martins Hütte“ um einen Kurzroman, den man gut und schnell „weglesen“ kann, der aber bei Weitem nicht sein Potenzial ausschöpft. Deswegen vergebe ich an dieser Stelle nur drei Sterne. Es dürfte sich aber lohnen, den Weg von Erin J. Steen weiter zu verfolgen und zu sehen, wie sie sich mit den bereits angekündigten Projekten schlägt, die genremäßig in deutlich andere Richtungen gehen.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Der Sonntagsreport vom 26.02.2017 – Überarbeitung, Rezensionen und noch ein Foto

Hallo ihr Lieben!

Zuerst einmal möchte ich mich auch hier an dieser Stelle und somit ganz hoch-offiziell für eure lieben Worte in Bezug auf mein Autorenfoto bedanken, die mich im Blog, auf Twitter und bei Facebook erreicht haben. Wie ihr euch denken könnt, baut mich das ganz gewaltig auf, denn ich hatte wirklich große Zweifel, ob bei diesen Fotos etwas herauskommt, das ich vorzeigen kann, ohne dafür müdes Lächeln oder abwinkende Häme zu ernten. Dank euch habe ich mein Selbstwertgefühl in Bezug auf die Aufnahmen wieder zwischen den Federn auf dem Boden hervorgekramt und vor dem Staubsauger in Sicherheit gebracht.

Zur „Belohnung“ zeige ich euch, weil einige von euch danach gefragt haben, am Ende des heutigen Reports noch ein Bild. Ihr könnt euch jetzt überlegen, ob ihr einfach direkt dorthin springt, oder vielleicht noch ein wenig von dem lest, was ich euch sonst so zu erzählen habe.

Noch da? Oder wieder? Das freut mich!

Wie ihr ja mitbekommen habt, habe ich mich in das Heer derjenigen eingereiht, die in diesem Winter von einem grippalen Infekt dahin gerafft wurden. Aber jetzt ist es langsam auch mal wieder gut damit und übermorgen (morgen ist Rosenmontag und das ist hier in Duisburg ein „Feiertag“) geht es wieder an die Arbeit.

Passend dazu habe ich mich heute endlich daran gewagt, mit der nächsten Stufe der Überarbeitung von „Der Morgen danach“ anzufangen. Diese besteht im Wesentlichen daraus, alles noch einmal zu lesen und die ersten Kleinigkeiten auszumerzen, die sich durch die Umstellung der Erzählperspektive ergeben haben.

Ich habe tatsächlich schon einige Stilblüten gefunden, bei denen ich schlicht und einfach nicht aufgepasst habe. Da wurde aus einem „er fragte sich“ zum Beispiel ein „ich fragte sich“. Ärgerlich, aber keine große Sache. Doch immerhin eine, die ich jetzt erledigen will, bevor das Ganze dann zur ersten Lektoratsrunde geht.

Da ich davon ausgehe, dass ich diese Runde recht schnell hinter mich bringen werde, werde ich danach noch meine „blaue Liste“ hervor kramen, an die sich der eine oder die andere vielleicht noch von der Zeit meiner Überarbeitung von „Der Beobachter und der Turm“ erinnert. Viele der darauf enthaltenen Punkte habe ich zwar während der Erstüberarbeitung bereits umgesetzt, man lernt ja dazu, aber es schadet ja nicht, noch einmal draufzuschauen.

Allerdings merke ich jetzt, nachdem ich ungefähr anderthalb Stunden am Text gearbeitet und dabei 13% geschafft habe, dass mein Kopf dann doch meint, es reicht. Egal, muss er sich wieder dran gewöhnen. Im Zweifel halt gaaaaanz langsam.

Okay, jetzt habe ich doch glatt ein wenig den Faden verloren. Wo war ich? Ach ja, dabei, euch mein Leid zu klagen.

In der kommenden Woche, sehr wahrscheinlich schon morgen, kommt ein neuer Beitrag für meine Reihe „Das Schreiben der Anderen„. Der eine oder andere wartet ja schon länger darauf, dass ich da mal ein Werk verreiße. Nun kann ich euch sagen, dass es immer noch nicht so weit sein wird, aber ich tue mich mit der Einordnung dieses Romans schwer.

Ich merke, dass es etwas vollkommen anderes ist, wenn man die Erzeugnisse von Leuten beurteilt, die man „persönlich kennt“ (und sei es durchs Internet), oder bei denen man eben nur ihr Endprodukt rezensiert. Und es ist noch einmal etwas anderes, wenn das bei etwas geschieht, wofür man selber brennt. In diesem Fall eben das Schreiben.

Als ich noch Hörspiele rezensiert habe, hat mich das nämlich auch nicht besonders gestört. Auch damals hatte ich schon Kontakt zu Machern, aber denen konnte ich auch unverblümt sagen, wenn sie mal etwas abgeliefert hatten, das jetzt nicht zwingend das Gelbe vom Ei war.

Aus dieser Zeit stammen auch die Grundsätze, die ich mir eigentlich für das Rezensieren gegeben habe und die auch für „Das Schreiben der Anderen“ gelten: Ehrlichkeit, Offenheit, keine Gefälligkeitsbesprechungen.

Nun muss ich, wie gesagt, die Erfahrung machen, dass ich mich nur so halb auf die Position des außenstehenden Rezensenten begeben kann. Die andere Hälfte ist der Autor, der ggf. sogar irgendwann Mitbewerber wird.

Mache ich mir Sorgen, dass man mir vorwerfen könnte, absichtlich miese Besprechungen zu schreiben, um Konkurrenten „schlecht“ zu machen? Vielleicht ist es so. Es ist dies wieder einmal die Sorge vor unangebrachter Beurteilung, die mich zweifeln lässt.

Ich werde diese Rezension schreiben, sie wird kein Verriss werden, aber sie wird klar zum Ausdruck bringen, was mir gefallen hat und was mir nicht so gefallen hat. Das ist, denke ich, das Einzige, was ich tun kann, um mir selbst, aber auch dem rezensierten Buch gegenüber, aufrichtig sein zu können.

So, ich hoffe, das klang jetzt nicht wieder zu pathetisch, aber ich mache mir über diesen Punkt Gedanken und merke, dass ich es bei jeder Rezension tue, wo ich nicht sofort die berühmten „fünf Sterne“ zücke. Deswegen wollte ich es hier kurz thematisieren.

So, damit habe ich jetzt aber auch mein Pulver für diese Woche verschossen, glaube ich. Jedenfalls fällt mir spontan nichts mehr ein, was ich euch erzählen könnte und was nicht schon im Laufe der Woche abgehandelt worden wäre.

Dann kommen wir jetzt zu dem Punkt, aus dem die meisten von euch den ganzen Text bestimmt gar nicht gelesen haben, sondern sofort hierhin gesprungen sind:

Auf eure Bitten hin noch ein zweites Bild aus der Fotosession von Donnerstag. Bei dem könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, es in einem Manuskript als Autorenbild zu verwenden. Der Größenwahnsinnige in mir sagt gerade: Auf dem Umschlag des Hardcovers 😉 .

michael-behr-3

Ich wünsche euch schon einmal einen schönen Wochenstart. Da, wo gefeiert wird: Helau und Alaaf! Und allen anderen einfach eine gute Woche.

Euer Michael

Lebenserwartung: Drei Wochen – und was jetzt!?

Gestern Abend habe ich einen Film gesehen, der schon länger auf meiner To-Do-Liste stand: „Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt“ mit Steve Carell und Keira Knightley.

In dem Film geht es darum, dass das Ende der Welt noch genau 21 Tage entfernt ist. Ein über 112 Kilometer durchmessender Felsbrocken nähert sich der Erde und soeben ist die letzte Rettungsmission gescheitert. Es gibt keine Hoffnung mehr, denn der Einschlag wird einen Feuersturm auslösen, der alles Leben auf der Erde vernichten wird.

Die Menschen gehen völlig unterschiedlich mit diesem Wissen um. Die einen zetteln Aufstände an, andere machen sich auf an den Ort, an dem sie ihre letzten Stunden am liebsten vollbringen wollen. Wieder andere versuchen, so gut es eben geht, an ihrem normalen Leben festzuhalten. Zu dieser Sorte Menschen gehört auch Dodge. Allerdings wird er von seiner Frau verlassen, die schreiend das Weite sucht, weil sie mit seinem gepflegten Phlegma nicht klarkommt.

Nach und nach kann auch er nicht mehr anders, als sich mit der Situation auseinanderzusetzen. Die Selbstmordrate in der Versicherungsagentur, in der er arbeitet, steigt, seine Freunde feiern wilde Partys mit Heroin und Partnertausch und eines Morgens findet er sich, nach einem leichten Blackout, plötzlich in Begleitung eines Hundes wieder, der ihm untergeschoben wurde.

Und dann ist da Penny. Penny ist seine Nachbarin, eine flippige Frau Ende 20, die Musik liebt und die eine oder andere Merkwürdigkeit an den Tag legt. So hat sie, rein zufällig, Monate alte Post von Dodge in ihrer Wohnung. Und sie verrät ihm, dass seine „Mitbewohnerin“ und deren Freund so ein schönes Paar gewesen seien …

Für Dodge bricht die Welt gleich zweimal verfrüht zusammen. Nicht nur, dass er jetzt weiß, dass seine Frau ihn systematisch betrogen hat, er hat auch einen Brief von Olivia erhalten, seiner großen Liebe aus vergangenen Zeiten, die ihm schreibt, dass er die Liebe ihres Lebens war.

Schade nur, dass der Brief drei Monate alt und inzwischen das Verkehrsnetz überall zusammengebrochen ist. In dieser Situation werden Penny und Dodge zu Verbündeten. Er will zu Olivia und sie zu ihrer Familie, um sich zu verabschieden. Gemeinsam machen sich die beiden auf einen Roadtrip bis an das sprichwörtliche Ende der Welt …

Zuerst ein paar Worte zum Film. Er hat mir wirklich sehr gut gefallen, weil er sich auf die leisen Töne beschränkt. Die Ausnahmezustände, die im Land herrschen, werden nur am Rande thematisiert. Die meiste Zeit über ist der Effekt dadurch wesentlich größer, dass die Normalität als etwas Groteskes gezeigt wird. Die Menschen mähen ihren Rasen, veranstalten Straßenverkäufe, solche Sachen.

Was ich auch sehr erfrischend fand ist, dass der Film keinen einfachen Ausweg sucht, sondern sein Setting konsequent bis zum Ende durchspielt. Es gibt keine Wunderrettung und es gibt keinen Superhelden, der die Menschheit rettet. Das Ende des Films ist das Ende der Welt. Und ich glaube, dass ich nicht zu viel spoilere, wenn ich sage, dass Doug und Penny dieses gemeinsam erleben – in einem wirklich emotionalen Moment.

Die Schauspieler harmonieren sehr gut miteinander. Vor allem Keira Knightley macht in ihrer Rolle einfach Spaß. Die Szene, in der sie noch schnell ihre liebsten Schallplatten zusammensucht, bevor es auf die Flucht vor dem Mob geht, ist toll. Und auch so ist sie ein interessanter Kontrast zum eher bodenständigen Carell. Klar, solche Paare sind in der Kinolandschaft nicht selten. Aber das macht die hier gezeigten Leistungen nicht schlechter.

Tja – und dann kommen wir zu dem Punkt, den man bei einem Film wie diesem, mit einem Thema wie diesem, nicht außer Acht lassen kann.

Die Welt besteht nur noch drei Wochen. Ihr kennt genau das Datum eures Todes. Was würdet ihr machen? Wohin würdet ihr gehen? Was müsstet ihr unbedingt noch erledigen?

Ich muss gestehen, dass ich so ab Mitte des Films immer mal wieder Zeit mit der Beantwortung dieser Frage verbracht habe, weswegen mir vielleicht sogar die eine oder andere Szene nur halb im Gedächtnis geblieben ist.

Ich glaube, ich würde versuchen, all meinen Mut zusammen zu nehmen und einige Dinge vielleicht noch einmal gerade zu rücken. Mich Dinge trauen, die ich mich jetzt nicht traue (und die ich an dieser Stelle garantiert nicht preisgeben werde). Es würde weniger um die Reise zu einem Ort gehen, sondern vielmehr um die Reise zu mir, zu anderen Menschen.

Und ich habe eine Frage in mir: Muss erst die Welt untergehen, dass wir uns solche Dinge trauen können? Dass ich mich trauen kann? Was kann man darüber philosophieren …

Wie steht es mit euch? Was würdet ihr tun, wenn in drei Wochen euer Leben vorbei wäre. Und wenn keine eurer Handlungen Konsequenzen hätte, die über diese drei Wochen hinaus bestehen.

Und könntet ihr euch dem Untertitel des Films anschließen, der schlicht lautet: Schön war’s!?

Ich bin gespannt auf eure Meinungen!

Das Schreiben der Anderen: „Die Krankheitensammlerin“ von Kia Kahawa

Wie oft habe ich in dieser Rubrik jetzt eigentlich schon geschrieben, dass ich mich mit dem folgenden Text schwer getan habe? Gefühlt mache ich das bei jeder zweiten Rezension. Aber die Gründe sind nicht immer die selben – und letztendlich ist es wohl doch immer wieder der Gleiche: Ich setze mich sehr intensiv und auch persönlich mit dem zu besprechenden Text auseinander und hoffe, dass man davon auch ein wenig mitbekommt, wenn man meinen Beitrag liest. Der folgende Text hat es mir aber wirklich, wirklich schwer gemacht, denn zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust.


dkrsa

Fiona ist eine junge Frau, deren Leben in vielerlei Hinsicht nicht so funktioniert, wie sie es gerne hätte. Wir lernen sie kennen, wie sie im Wartezimmer eines Arztes sitzt, um sich die gefühlte tausendste Diagnose abzuholen. Denn Fiona ist die Krankheitensammlerin. Nicht nur, dass sie Schwierigkeiten mit diversen Partien ihres Körpers hat, sie muss sich auch mit einigen psychischen Problemen auseinandersetzen. Alles zusammen wirft einen ziemlichen Schatten auf ihr Leben. Und jetzt auch noch diese Sache mit der Schilddrüse! Wenigstens bekommt sie für die jetzt Medikamente.

Doch Fiona gehört nicht zu den Menschen, die sich einigeln. Ja gut, doch, so ein wenig vielleicht. Sie hat nicht viele Freunde. Da ist Paul, ihr Freund seit Kindheitstagen. Und da ist Thilo, der Freund aus dem Chatroom, von dem sie bis jetzt noch nicht einmal ein Bild gesehen hat. Sie hat ihm auch keines von sich gezeigt, denn sie ist übergewichtig. Und sie hat Sorge, dass Thilo mit ihr nichts mehr zu tun haben will, wenn er herausfindet, wie übergewichtig sie ist.

Es muss sich was ändern in ihrem Leben – das findet nicht nur ihre Mutter. Und da ist es doch eigentlich sehr praktisch, dass sowieso gerade Silvester vor der Tür steht. Die perfekte Zeit, um sich einen minutiösen Plan zu machen, wie es gelingen kann, die „neue Fiona“ herauszulocken und zu etablieren. Der erste Schritt ist, dass sie auf der Silvesterparty, auf der sie eingeladen ist, übt, wie man unbefangen mit anderen Menschen redet.

Aber dass ihr Freund Paul so unbefangen ist, dass er sie doch glatt heftig küsst, das bringt sie ganz durcheinander. Und dass er sie danach kaum noch beachtet, noch viel mehr. Schließlich wacht sie morgens in Pauls Haus auf, nur nicht in seinem Zimmer. Aus dem huscht dafür Anja, die Fiona wider besseres Wollen sympathisch erscheint.

Irgendwie ist doch die ganze Welt verrückt geworden, findet Fiona. Findet auch ihr Therapeut und schickt sie zum Psychiater, der ihr ein Antidepressivum verschreibt. Dabei fühlt sie sich doch nur gut, also meistens. Die anderen haben eben kein Verständnis für die neue Fiona. Da trifft sie Thilo, einen Obdachlosen, und kommt ins Nachdenken. Wieso heißen eigentlich in letzter Zeit alle Menschen gleich, kommt es immer wieder zu Namensdopplungen?

Und wann genau ist die Welt um sie herum eigentlich aus den Fugen geraten?

Kia Kahawa ist mit Fiona eine ganz besondere Figur gelungen. Das kann ich ohne jede Übertreibung sagen. Fiona ist authentisch sowohl in ihren Phasen der Depression, als auch in denen, in denen sie versucht, ihr Leben neu aufzusetzen. Ganz klar muss man dazu aber auch berücksichtigen, dass so manche Handlung, die sie vornimmt, schon von Anfang an komisch wirkt, wenn man sie liest.

An der einen oder anderen Stelle möchte man Fiona geradezu die Hand wegreißen von dem, was sie gerade tut. Zu anderen Gelegenheiten wünscht man sich, man könne einfach in die Geschichte eintauchen und mit Fiona mal ein nettes Wort wechseln. Denn eins ist klar: Fiona ist eine zerrissene junge Frau, die eigentlich dringend jemanden braucht, der sich mit ihr beschäftigt, sich um sie kümmert und ihr eine Stütze ist.

Damit will ich nicht sagen, dass Fiona schwach ist. Denn das ist sie nicht! Kia Kahawa schafft es aber, die Ambivalenz in dieser vermeintlichen Stärke herauszuarbeiten. An manchen Stellen des Romans ertappte ich mich bei dem Wunsch, Kontakt zu Kia aufzunehmen und sie zu fragen, wie viel Kia eigentlich in Fiona steckt. Aber gut, wir alle wissen, dass man nicht den Fehler machen sollte, von einer Romanfigur zu direkt auf den Autor Rückschlüsse zu ziehen.

Die Handlung des Romans ist dabei eher „nebensächlich“ in ihrer Alltäglichkeit. Sie wird sehr von ihren Personen getrieben, von denen mir neben Fiona vor allem Thilo, der Obdachlose, im Gedächtnis bleiben wird. Fiona macht zufällig seine Bekanntschaft in einem Moment der Schwäche, den sie aber in einen Moment der Stärke umwandeln kann. Das Gespräch, das sie mit dem Mann führt und die Reflexionen, die sie hierzu auch im Nachgang noch hat, sind ein ganz großes Stück Erzählkunst!

Rein von den Formalia her ist „Die Krankheitensammlerin“ wirklich sehr gut geraten, hat das Ohr nahe an den handelnden Figuren, die dreidimensional erlebbar werden, wo es notwendig ist und oberflächlich bleiben, wo sie es auch im normalen Leben wären.

Wenn ich meine Rezension rein objektiv schreiben würde, wäre sie an dieser Stelle zu Ende und ich würde, denke ich, die Höchstwertung mit einer klaren Leseempfehlung aussprechen. Aber es gibt daneben ja noch eine subjektive Sichtweise. Und da, muss ich zu meinem Bedauern gestehen, hat mir vor allem das Ende des Romans die Stimmung ein wenig verhagelt.

Dazu muss ich sagen, dass ich Menschen wie Fiona im richtigen Leben kenne. Und dass ich nicht nur den Tatbestand einer nicht richtig funktionierenden Schilddrüse mit ihr teile (wir nehmen sogar dasselbe Medikament ein). Und daher weiß ich einfach auch, oder kann es anhand meiner Erfahrungen behaupten, dass sich Probleme und Verhaltensweisen, wie Fiona sie hat und für sich etabliert hat, nicht so ohne Weiteres und schnell lösen lassen.

Genau das ist aber das Gefühl, das „Die Krankheitensammlerin“ beim Leser hinterlässt. Am Ende ist Fiona durch ihre Reise, die sie im Roman unternommen hat, vielleicht kein anderer Mensch geworden, aber ihr gelingen Dinge, für die andere Betroffene ein Vielfaches an Zeit aufwenden mussten.

Für mich wirkt das, als ob hier, zugunsten des runden und wohl auch versöhnlichen Abschlusses des Romans, ein wenig der Realismus gebeugt worden wäre, um ein Happy End zu erhalten.

Das ist prinzipiell auch okay, denn ein Roman ist keine Abbildung der Realität. Aber gerade bei der Darstellung von psychischen Problemen und handfesten Erkrankungen finde ich es immer ein wenig schade, wenn dem Leser einfache Lösungen angeboten werden. Schlimmstenfalls überträgt dieser die ins reale Leben und erwartet von Betroffenen, dass sie ihre Probleme ebenso leicht in den Griff kriegen.

Ich will nicht abstreiten, dass es Menschen wie Fiona, die es einfach hinkriegen, auch im echten Leben gibt. Aber für mich bleibt leider ein etwas bitterer Beigeschmack.

Das alles ändert nichts daran, dass ich mit 90% des Romans absolut meinen Spaß hatte und sie vorbehaltlos empfehle. Und dem neutralen Leser wird wohl auch das Ende keine Probleme bereiten. Ich für mich persönlich muss allerdings hier einen Stern abziehen.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Das Schreiben der Anderen: „Die Tränen der Vögel“ von Uwe Krüger und Jonas Torsten Krüger

Bevor ich euch in die Besprechung zu diesem Roman entlasse, sollte ich kurz aufklären, was dieses Buch qualifiziert hat, in meiner Rubrik „Das Schreiben der Anderen“ präsentiert zu werden. Einer der beiden Krügers, Jonas Torsten, ist Lesern meines Blogs unter seinem Pseudonym Simon Segur bekannt. Ich habe das Buch bei einem Gewinnspiel gewonnen und mit einer ganz tollen persönlichen Widmung erhalten.

Wieso der Roman auch ohne diese Tatsache eine Empfehlung ist, könnt ihr den folgenden Zeilen entnehmen:


dtdvEin Ornithologenkrimi!?

Die Frage darf man sich ruhig einmal genüsslich auf der Zunge zergehen lassen, denn die Freunde der Vogelkunde hatte zumindest ich jetzt nicht als den Stoff auf dem Schirm, aus dem sich eine spannende Krimihandlung stricken ließe. Aber da man einer geschenkten Taube ja nicht unter die Schwanzfedern schaut (ich habe mein Exemplar des Romans bei einem Gewinnspiel gewonnen), habe ich mir die Voliere mal ganz genau angeschaut und quasi ein wenig im Streu gekratzt.

Sven Seidelmann, Ornithologe und Mitarbeiter in einem medizinischen Start-Up-Unternehmen, wird ermordet aufgefunden. Und damit beginnen sogleich die Unklarheiten in diesem Fall. War da jetzt ein Mann, der den Toten zuerst entdeckte? Oder war da doch noch ein anderer? Und war einer von den beiden am Ende sogar der Mörder?

Karola Bartsch, die Leiterin der Sonderkommission „Nachtschwalbe“, muss sich mit einer ganzen Menge Fragen herumschlagen und bemerkt bald, dass es einige Leute gibt, die ihr und ihrem Team Knüppel zwischen die Beine werfen. Der Chef des Ermordeten zeigt sich mehr als nur zugeknöpft und wird durch den leitenden Staatsanwalt sogar noch darin gedeckt. Einer der beiden Securitymitarbeiter von Orni Charm Pharmaceuticals nimmt vor einem der Ermittler Ausreiss und kommt dabei im wahrsten Sinne des Wortes unter die Räder. Und die Witwe ist eine Frau, aus der irgendjemand anderes schlau werden soll. Karola wird es jedenfalls nicht.

Da fällt es kaum noch ins Gewicht, dass längst nicht alle Mitarbeiter der Soko so loyal sind, wie man sich das als Chefin wünschen würde. Viel schlimmer und verwickelter kann es da ja kaum noch werden.

Aber es gibt da auch noch Karsten! Karsten ist Karolas Bruder, ehemals Drogenfahnder, aber inzwischen aus dem Dienst ausgeschieden und Initiator eines Projekts für die im Drogensumpf Gestrandeten der Bankenmetropole Frankfurt am Main. Als solcher macht er sich nicht nur Freunde, vor allem nicht bei den Dealern der Stadt.

Interessanter ist aber, dass Karsten den Toten aus seiner Vergangenheit kennt! Denn Karsten ist selber ein Ornithologe, wie er im Buche steht. Und „Ornis“ sind alle ein klein wenig verrückt.

Während offensichtlich jemand alles daran setzt, Karsten etwas anzuhängen, wenn nicht Schlimmeres, fängt er damit an, auf eigene Faust zu ermitteln, was mit „Silber-Sven“ passiert ist. Denn er hat das Gefühl, dass in diesem Verwirrspiel irgendwas ganz gewaltig nicht stimmt.

Und das ist haargenau das Gefühl, das auch die Leser mit Karsten Bartsch teilen werden, wenn sie diesen Krimi lesen. Ich meine das im allerbesten Sinne! Denn es ist wirklich so, dass nur wenige der Dinge so sind, wie man vorab glaubt, wie sie zu sein haben.

Den beiden Krügers gelingt es, einen Krimi zu präsentieren, der seine Handlung ruhig, aber nicht langweilig, mit vielen Twists, aber nicht verwirrend und clever, aber nicht überheblich vorantreibt.

Der Einstieg über die beiden grundverschiedenen Figuren Karsten und Karola, deren Geschichten für eine geraume Zeit nichts miteinander zu tun zu haben scheinen, ist sehr niedrigschwellig. Es macht Spaß, sowohl dem einen, einem vermeintlichen Aussteiger, als auch der anderen, einer vermeintlich sehr korrekten Polizistin, zuzuschauen.

Aber die Menschen sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen – und das trifft auch auf diese beiden zu, wie der Leser im Laufe der Handlung erfährt.

Generell machen fast alle der Personen, denen man in diesem Krimi begegnet, auf die eine oder andere Weise eine Entwicklung durch. Und das macht sie so lebensnah, dass man schnell ein Bild von ihnen im Kopf und seine Favoriten hat. Das mag bei dem einen die Ermittlerin Lotte mit der grünen Haarsträhne sein, bei der anderen der Leiter der Spurensicherung, dessen indianischer Spitzname nicht das Unkonventionellste an der Figur ist.

Wenn es einen Unterschied gibt, der diesen Roman gegenüber so manch anderem Krimi auszeichnet, so ist es wirklich der bereits angesprochene Umgang mit Twists. Oftmals dienen diese heutzutage ja nur noch ihrem Selbstzweck, dem Leser (oder entsprechend dem Zuschauer) die lange Nase zu zeigen und ihm das Gefühl zu geben, dass alles, was er bis jetzt geglaubt hat zu wissen, aus den hanebüchensten Gründen falsch gewesen ist. Und wieso? Weil der Autor es kann!

Die Krügers bedienen sich dieses Stilmittels zwar auch, tun dies aber auf eine derart charmante Weise, dass man ihnen einfach nicht böse deswegen sein kann. Vielmehr fesselt es einen stark an die Handlung und man freut sich geradezu auf den nächsten Haken, den die Handlung nimmt.

Das sind so viele, dass ich irgendwann damit anfing, mir Sorgen zu machen, ob die wohl alle aufgelöst werden würden. Aber, so viel darf ich verraten, das werden sie. Egal, ob es sich um die Vergangenheit von Karstens Freund Spotti, einem ehemaligen Drogensüchtigen, oder um die Identität der geheimnisvollen Sprayer handelt, die an markanten Punkten von Frankfurt Bilder mit einer Message sprühen.

Formal und sprachlich ist das alles auf einem absolut hohen Niveau und man hat zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass hier wirklich zwei Autoren am selben Text gearbeitet haben, die jeder ihre eigene erzählerische Stimme durchboxen wollten. Das spricht für eine sehr aufmerksame und ordentliche Überarbeitung.

Insgesamt spreche ich eine ausdrückliche Empfehlung aus: Dieser Roman hat Typen, er hat Ideen, er hat eine durchdachte Handlung mit Twists zum mit-der-Zunge-schnalzen.

Und das in einem Ornithologenkrimi! Wer hätte das gedacht!?


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.