Das Schreiben der Anderen: „Bärenbrut“ von Nora Bendzko

Zwei Werke von Nora Bendzko habe ich bis jetzt auf diesen Seiten besprochen. Und beide hatte ich bei Gewinnspielen gewonnen. Deswegen war es für mich quasi Ehrensache, diese Geschichte am Erscheinungstag zu kaufen – auch wenn die Aussicht bestand, sie für eine Newsletteranmeldung umsonst bekommen zu können. Aber eine Autorin lebt ja nicht vom Verschenken allein, nicht wahr?

Also, schauen wir doch mal, was wir mit diesem Galgenmärchen für eine Geschichte kredenzt bekommen.


Mit „Bärenbrut“ erscheint nun bereits die dritte Folge von Nora Bendzkos Galgenmärchen, nachdem uns zuvor bereits „Wolfssucht“ und „Kindsräuber“ in Form von zwei durchaus beachtenswerten Märchenadaptionen heimgesucht haben. Nachdem zuletzt ein Stoff in Romanlänge verarbeitet wurde, handelt es sich hier der Länge nach mehr um eine Kurzgeschichte, die zudem, auch wenn sie explizit als drittes Galgenmärchen bezeichnet wird, mehr so eine Art Galgenmärchen 0.5 ist. Denn es handelt sich um ein Prequel zu „Wolfssucht“, angelehnt an das vergleichsweise unbekannte Märchen „Der Bärenhäuter“.

Ein Prequel also. Eine nicht ganz einfache Sache, die gewisse Gefahren in sich birgt. Denn oftmals ist es so, dass Prequels dem Kenner der nachfolgenden Geschichte nichts wesentlich Neues erzählen können und damit recht überflüssig sind, oder sie nehmen so viel vorweg, dass danach kein Anreiz mehr für den Leser herrscht, sich mit dem Nachfolger zu befassen.

Nora Bendzko tappt nicht in diese Falle, indem sie die Verbindung zu „Wolfssucht“ zwar spürbar macht, aber nicht zu sehr ausspielt.

Die Geschichte handelt von dem jungen Thorben, dem wir zuerst als Dreizehnjährigem begegnen, als er mit seinem Vater, dem Jäger des Dorfes, in den Wäldern unterwegs ist. Doch dann geschieht etwas Schreckliches: Sein Vater wird von einer wilden Bestie, einem gewaltigen Bären, ermordet. Aber nicht nur das, denn an der Stätte des Unheils trifft Thorben auf einen unheimlichen Fremden, der ihm eine Heidenangst einjagt.

Mit letzter Kraft kann Thorben sich nach Hause schleppen. Doch fühlt er sich dort nicht wirklich angenommen. Er ist in der Gemeinschaft des Dorfes nicht verwurzelt. Lediglich zwei Personen nehmen größeren Raum in seinem Leben ein. Da ist zum einen Pater Gottwalt, der Priester des Ortes, der einen großen Einfluss auf die Gemeinschaft ausübt. Und, quasi am anderen Ende der dörflichen Hackordnung, Meister Kummer, einst ein Kaufmann, der allerdings inzwischen dem Suff verfallen ist. Mehr nicht.

Getrieben von seiner Unruhe verlässt Thorben seine Heimat und findet sich bald inmitten eines unmenschlich geführten Krieges wieder. Als er dem Tode nahe ist, erscheint ihm jener unheimliche Fremde und macht ihm ein verlockendes Angebot …

Da die Geschichte nicht besonders lang ist, halte ich heute auch die Zusammenfassung einmal kürzer als gewöhnlich. Viel interessanter finde ich es, noch einmal auf die Bindungen zu sehen, die zwischen diesem dritten Galgenmärchen und seinen beiden Vorgängern bestehen.

Wenn der Begriff nicht so gnadenlos abgenutzt wäre, seit jeder Filmkonzern versucht, sich mit irgendeiner Reihe ein „Universum“ aufzubauen, würde ich sagen, dass Nora Bendzko genau das allmählich mit ihren Märchenadaptionen gelingt. Weniger entscheidend als die inhaltlichen Anknüpfungspunkte sind hierbei die Aspekte Atmosphäre, Stimmung und Setting.

Man kann sich ohne Probleme vorstellen, wie alle drei Geschichten teils parallel, teils nacheinander, aber innerhalb eines überschaubaren Zeitraums in einem überschaubaren örtlichen Rahmen abspielen – sei dahingestellt, ob sie es tatsächlich tun. Natürlich ist diese Verbindung zwischen „Bärenbrut“ und „Wolfssucht“ durch die Figur des Skandar, Thorbens Sohn, besonders stark.

Was mir große Freude bereitet hat ist, dass die Figuren durch die Bank hinweg keine simplen Abziehbilder sind, auch wenn es sich stellenweise beinahe schon anbieten würde, sie so anzulegen: Wir haben den verlorenen Sohn, den geheimnisvollen Fremden, den Priester, im späteren Verlauf Thorbens Ehefrau und seine Mutter. Einige von ihnen verhalten sich so, wie man es von ihnen vermuten würde, andere bieten die eine oder andere Überraschung an.

Allerdings wird diese Überraschungsfreude nicht in allen Belangen durchgehalten. Die Entwicklung der Geschichte insgesamt ist von Beginn an relativ stringent und, mit kleineren Ausnahmen, absehbar. Hier wird nicht auf eine große Enthüllung zu gesteuert, allenfalls auf ein alles miteinander (und der Quasi-Fortsetzung) verbindendes Gesamtwerk.

Im Gesamtkontext der Galgenmärchen fügt sich „Bärenbrut“ harmonisch als ein weiterer Baustein ein. Sprache, Stil und Erzählfreude sind auf dem inzwischen schon gewohnt hohen Standard und machen beim Lesen einfach Freude.

Leider ist diese aber viel zu schnell vorbei, denn was nicht verschwiegen werden soll ist, dass die bei Amazon angegebene Seitenzahl auch durch umfangreiche Leseproben der beiden anderen Galgenmärchen erreicht wird. Es handelt sich also um ein eher kurzweiliges Lesevergnügen. Wenn man sich allerdings dessen bewusst ist, dass man hier eine Kurzgeschichte erwirbt, wird man auch vom Umfang nicht enttäuscht werden.

Nichts desto trotz gibt „Bärenbrut“ als Bestandteil seines Galgenmärchen-Universums eine gute Ergänzung ab. Durch die kurze Form und dadurch, dass das Ende mit dem ersten Band verknüpft sein musste, hat Nora Bendzko sich vielleicht ein wenig selbst der erzählerischen Freiheit beraubt. Daher würde ich mir wünschen, dass sie sich für die nächste Adaption wieder mehr Freiraum gewährt.

Insgesamt vergebe ich für „Bärenbrut“ gute vier Sterne, verknüpft mit dem Hinweis, dass ich Nicht-Kennern der Galgenmärchen empfehlen würde, zuerst über eine der anderen beiden Geschichten in dieses Universum einzutauchen.

 


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Das Schreiben der Anderen: „Ellas Schmetterlinge“ von Eva-Maria Obermann

Nachdem wir das Thema Frauenromane in Männerhänden ja in den letzten Tagen erst hatten, darf ich euch heute in dieser Rubrik auch gleich vorstellen, was dabei herauskommt, wenn ein Mann (ich) den Roman einer Autorin (Eva-Maria Obermann) liest, der eindeutig in diese Kategorie fällt. Aufmerksam wurde ich auf dieses Werk, weil Eva-Maria wie ich Mitglied im Autorenverein BartBroAuthors ist und ich einfach neugierig auf ihr jüngstes Romanbaby war. Ob wir beide miteinander klar gekommen sind? Das verrät die kommende Rezension.


Manchmal glaubt man, dass das, was einem gerade passiert, doch nur ein schlechter Scherz sein kann. So geht es auch Miriam, die im Schlepptau ihres Freundes Jan in das beschauliche Städtchen Mingheim zieht, weil dieser einen Job in der örtlichen Chemiefabrik bekommen und sie selber, wie passend, ihren eigenen Arbeitsplatz in einer Bank gerade eben verloren hat. Miriam hasst alles, was den Ort ausmacht, von der ersten Sekunde an wie die Pest: Das Kleine, das Betuliche, das Ländliche, die muffige Wohnung und die mumienartige Vermieterin.

Aber Jan lässt sich nicht beirren und ihm zu liebe versucht Miri, sich mit ihrem neuen Leben zu arrangieren. Das fällt ihr nicht gerade leicht, denn schon von Anfang an scheint sich alles gegen sie verschworen zu haben, denn sie macht die Bekanntschaft einer jungen Frau, von der sich schnell herausstellt, dass sie alles verkörpert, was Miri stört.

Ella ist junge Mutter, scheinbar omnipräsent im gesamten Dorfleben und egal, wie sarkastisch Miri ihr gegenüber auch ist, von einer überbordenden Herzlichkeit, die einfach nur zum Schütteln ist.

Von nun an scheint Miri keinen Schritt mehr machen zu können, ohne dass Ella schon vor ihr da ist. Und das Schlimme ist, dass alle anderen diese Frau so richtig nett finden! Selbst Miris alte Freundin Liza, die einzige Verbindung zu ihrem alten Leben, ist richtig begeistert von ihr.

So geht das Leben eine ganze Weile seine geordneten (?) Bahnen, bevor dunkle Schatten am Horizont herauf zu ziehen beginnen. Jan verhält sich auf einmal so komisch, kommt nur noch sehr unregelmäßig von der Arbeit nach Hause. Miri bekommt zwar den Job in der örtlichen Bank, aber auch da läuft es eher durchschnittlich. Und zu allem Überfluss stellt Miri fest, dass Ella inzwischen deutlich mehr für sie ist, als nur die nervige Nachbarin mit übergroßem Muttertrieb.

Doch was dann alles noch passieren soll, davon hat Miri auch nicht den Hauch einer Ahnung …

Was erwartet man als Mann von einem „Frauenroman“? Eine vielleicht unfaire Frage, aber dennoch eine, die es sich zu stellen lohnt. Nun, ich erwarte von einem Frauenroman zuerst einmal eine gefühlsbetonte Grundatmosphäre. Ich erwarte eine Love Story, gerne auch ein wenig auf schlingerndem Kurs unterwegs. Dazu erwarte ich mehr oder weniger perfekte Protagonisten, die sich untereinander lieben, nicht lieben und dennoch nicht voneinander lassen können.

„Ellas Schmetterlinge“ ist das alles, es ist aber auch ganz anders. Zunächst einmal hatte ich nicht damit gerechnet, dass die Hauptperson, Miri, ein wirklich schwarzhumoriges Gemüt aufweist, das sie oft und gerne von der Leine lässt, weil es ihre Methode ist, mit der für sie in beinahe allen Belangen untragbaren Situation klar zu kommen. Besonders ihre ersten Begegnungen mit Ella, die quasi zu ihrem persönlichen Abziehbild dessen wird, was sie nie werden will, sind sehr witzig zu lesen.

Die bestimmende Beziehung in diesem Roman ist dann auch die zwischen den beiden jungen Frauen. Männer kommen zwar vor, auch in grundsätzlich wichtigen Rollen, sind aber doch etwas an den Rand gedrückt. Das gilt insbesondere für Jan, was im Kontext der Geschichte aber auch völlig sinnvoll ist, weil es das Defizit an Aufmerksamkeit, das Miri zu fühlen beginnt, nachfühlbar macht.

Was mich positiv überrascht hat war, dass die Geschichte sich nicht wie eine Abfolge von „sie liebt ihn, kann ihn aber nicht haben“ entfaltet, auch wenn der Titel des Romans zuerst in eine solche Richtung denken ließ. Was es mit den titelgebenden Schmetterlingen auf sich hat, erfährt der Leser erst relativ spät im Roman. Es handelt sich dabei um eine Theorie Ellas, die ich an dieser Stelle nicht verraten möchte – auch wenn es sich sicherlich lohnen würde, darüber zu diskutieren. Zum Glück bietet auch hier der Roman eine ganze Reihe von Interpretationsmöglichkeiten an.

Um beim Positiven zu bleiben: Sowohl die Sprache als auch das Erzähltempo des Romans sind mir sehr positiv aufgefallen. Eva-Maria Obermann hat einen sehr flüssigen, schnörkellosen und dadurch mitreißenden Stil, der an den passenden Stellen durch die eine oder andere lustige Metapher aufgelockert wird. Die Handlung ist, wie schon geschrieben, interessant und die Konflikte, die sich aufschaukeln, sind realitätsnah beschrieben. So entwickelt sich die Geschichte zu einem echten Pageturner.

Die eine oder andere Wendung wird für meinen Geschmack ein wenig zu früh angedeutet, im Fall der Veränderungen in Beziehung zwischen Miri und Jan ja sogar schon durch den Klappentext. Hier hätte ich mir mehr Raum für Entwicklungen gewünscht.

Dafür kommt speziell im letzten Fünftel einiges wirklich unerwartet, plötzlich und, das muss ich leider sagen, auch als Bruch mit dem bis dahin wirklich realistischen Setting daher. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, wie sich die Dinge entwickeln, aber gemessen an dem Davor ist es einfach auch rein mengenmäßig viel, was man als Leser einfach schlucken muss. Hier wirkt es leider so, als ob der Autorin gegen Ende noch einiges eingefallen wäre, was unbedingt noch in den Text musste, sie sich aber dem angepeilten Seitenzahlen-Limit bereits gefährlich angenähert hätte.

Ich kann mir allerdings vorstellen, dass andere Leser hier zu einem anderen Urteil kommen und diese Passagen als deutlichen Tempogewinn zum Showdown hin empfinden werden. Die Geschmäcker sind hier verschieden.

Das Ende löst dann alle offenen Fäden mehr oder weniger plausibel auf und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier deutlicher Raum für eine Fortsetzung gelassen wurde. Eine Fortsetzung, die ich mir, soviel kann ich sagen, wohl auch zulegen würde, weil ich einfach gerne wissen möchte, wie es mit Miri und Ella weitergeht.

Zeit, zu einem Fazit zu kommen. Ja, „Ellas Schmetterlinge“ ist das, was man als einen Frauenroman bezeichnet. Nein, das bedeutet nicht, dass man als Mann keinen Spaß damit haben kann. Denn: Zuerst einmal ist es ein wirklich gut und mitreißend geschriebener Roman. Abzüge in der B-Note gibt es wegen der, für mich, zu übereilten Wendungen zum Schluss hin. Aber bis dahin habe ich sehr viel ungetrübte Freude an diesem Werk gehabt.

Insgesamt komme ich damit auf sehr solide vier Sterne.


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Das Schreiben der Anderen: „O Tannenbaum (Codex Aureus 4)“ von Nike Leonhard

Man soll ja antizyklisch handeln in vielen Bereichen seines Lebens. Das hört man jedenfalls immer wieder. Dadurch soll es leichter sein, sich gewissen Dingen zu entziehen, weil man nicht mit anderen um die gleichen Ziele konkurriert und sich dadurch immer wieder in die Quere kommt.

Weihnachten ist ein Paradebeispiel für diese Vorgehensweise. Nachdem mit Sicherheit kein Radiosender dieses Landes darauf verzichtet hat, uns schonend darauf hinzuweisen, dass am Samstag in sechs Monaten Heiligabend sein wird, ist es jetzt eigentlich die beste Zeit des Jahres, um sich schon mal Gedanken wegen der Weihnachtsgeschenke zu machen.

Oder um eine Weihnachtsgeschichte zu lesen. Falls es denn wirklich eine ist. Nun, schauen wir mal.


Ein Buch mit einem Tannenbaum vorne drauf, gelesen im Juni. Warum eigentlich nicht? Schließlich ist es in vielen Romanen so, dass die Figuren Weihnachten, Ostern, Sommersonnenwende, Halloween oder irgendein obskures Ritual aus einer anderen Welt feiern, während wir am Strand liegen und schwitzen.

Dabei ist Velona, der Heldin dieser Geschichte, so gar nicht zum Feiern zumute. Denn Velona ist eine Dryade. Noch dazu eine sehr junge und unerfahrene Dryade. Und so kommt es für sie aus vollkommen heiteren Himmel, dass plötzlich Menschen in ihrem Zuhause auftauchen und Hand an ihren besten Freund, ihren Seelenverwandten legen.

Eine Dryade, für die, die es nicht wissen, ist eine Art Baumgeist, aber keine Fee. Sie geht eine besondere Form der Symbiose mit dem Baum ein, den sie dafür erwählt hat. Sie hegt ihn und beschützt ihn und versucht, ihn immer weiter gedeihen zu lassen. Geht es ihrem Baum schlecht, geht es auch ihr schlecht. Und wenn die Verbindung zu innig wird, kann sie sogar lebensbedrohend werden.

Aus dieser tiefen Bindung heraus schießt Velona auch alle Warnungen ihrer älteren Schwester in den Wind und klammert sich an den Baum, als er von den Menschen mit einem riesigen Metallungetüm aus dem Wald herausgebracht hat, in dem er gestanden hat. Sie landen in einer Art Baumgefängnis für so gut wie tote Bäume, die trotz ihrer Schwäche gefesselt werden. Ein schrecklicher Ort für die Dryade.

Die Welt um sie herum ist ihr vollkommen fremd – und sie ist alleine. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie keine Artgenossin um sich herum, die ihr helfen könnte. Dazu kommt die Schwäche. Mit Hilfe einer Ratte findet Velona etwas zu essen in einem nahestehenden Wald toter Bäume. Die Ratte ist es auch, die ein wenig Licht ins Dunkel dieses grauenhaften Ortes bringen kann.

Die Menschen kommen bei Tag in gefährlichen Monstern, den sogenannten Stinkekisten oder auch Stinksten. Diese Wesen spucken die Menschen aus, die sich einen Baum aussuchen, der gleich darauf samt der Menschen wieder von den Stinksten gefressen werden, bevor sie davon rauschen.

Und schneller, als es ihr lieb ist, gerät auch Velonas Baum ins Zentrum der Geschehnisse …

Mehr muss, nein, mehr möchte ich auch gar nicht von der Geschichte verraten. Denn diese ist wirklich sehr fantasievoll und schön geschrieben – trotzdem es nicht durchweg um ein schönes Thema geht. Der Titel und die kurz angerissene Handlung verdeutlichen, denke ich, schon ganz gut, mit welchem Szenario Velona konfrontiert wird.

Nike Leonhard selbst bezeichnet diesen vierten Band ihres Geschichtenzyklus „Codex Aureus“ als urbane Fantasy. Mir persönlich drängte sich beim Lesen verschiedentlich ein anderes Etikett auf, das man dieser Geschichte anheften könnte: „O Tannenbaum“ ist für mich ein Märchen. Ein streckenweise grimmiges Märchen, aber doch eine Erzählung, die sich auch unter den Klassikern der märchenhaften Erzählkunst nicht fehl am Platze fühlen müsste.

Dafür spricht natürlich zunächst die Hauptperson selbst. Der kleine Waldgeist bringt schon für sich genommen eine Sichtweise auf die Welt in der wir leben mit, die sich stark von der unterscheidet, die wir selber aufwenden können, um uns zurecht zu finden. Dazu kommt noch eine nicht ganz unwichtige Besonderheit: Velona ist, nach den Maßstäben ihres Volkes, noch ein Kind, eine ganz unerfahrene Dryade. Das hat sie mit den Protagonisten vieler Volksmärchen gemein, deren Hauptpersonen auch Kinder oder zumindest Menschen mit einem kindlichen Gemüt sind.

Der Schreibstil passt sich dieser Erzählform an. Die Begegnungen, die Velona mit Tieren und Menschen hat, werden direkt, relativ schnörkellos und auf diese Weise leicht und fließend erzählt. Die Fortschritte, welche die Dryade dabei macht, das Geschehen zu begreifen, sind logisch aneinander gereiht und – sehr wichtig, wie ich finde – so auserzählt, dass man auch dann mitfiebert, wenn aufgrund der eigenen Erfahrungen und des allgemeinen Settings eigentlich schon klar ist, was eigentlich gerade passiert.

Handelt es sich nun bei „O Tannenbaum“ um eine Weihnachtsgeschichte? Ja – und doch wieder nicht. Denn in der Tat geht es hier auch um Themen, die das ganze Jahr über ihre Bedeutung haben. Liebe fällt einem da als erstes Stichwort ein, denn eine bedingungslosere Liebe als die zwischen einer Dryade und ihrem Baum wird man wohl nur schwerlich finden. Aber auch andere Aspekte, die ich jetzt nicht gerne verraten möchte, kann man in dieser Geschichte entdecken.

Beim Lesen schwebte mir die ganze Zeit ein Bild vor den Augen, für das ich den Begriff „Märchen“ noch einmal aufgreifen möchte. Ich stelle mir vor, wie diese etwas andere Weihnachtsgeschichte auf Kinder wirken würde. Und ich kam zu dem Schluss, dass es insbesondere eine Szene gibt, die mich stutzen lässt, ob „O Tannenbaum“ kindgerecht ist. Und nein, ich meine damit nicht das Ende, das im Stile vieler Märchen ein wenig ambivalent daher kommt. Stichwort: Rache.

Wenn hier nur ein klein wenig entschärft würde, entstünde ein wirklich tolles Weihnachtsmärchen, das man auch kleineren Kindern erzählen kann. Vielleicht möchte die Autorin hierüber ja noch einmal nachdenken und eine entsprechende Version als Ergänzung nachschieben. Zeit wäre noch, es ist ja erst Juni.

Als Fazit bleibt mir nur zu sagen, dass ich mich auch mit diesem Teil des Codex Aureus wieder sehr gut unterhalten gefühlt habe. In Anbetracht des geringen Preises, der für diese Geschichte aufgerufen wird, sehe ich keinen Grund, nicht zum Kauf zu raten. Ich bin gespannt, was Nike Leonhard als nächstes einfallen wird!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

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Das Schreiben der Anderen: „Kindsräuber“ von Nora Bendzko

Es war mir ja schon fast peinlich, als ich an einem von Nora Bendzko ausgelobten Gewinnspiel teilnahm und gewann. Denn dies war bei ihrem zweiten Gewinnspiel meine zweite Teilnahme und mein zweiter Gewinn. Aus Sorge, dass sich bei einem dritten Glücksfall das Universum einfach in Luft auflösen würde, habe ich danach nicht mehr teilgenommen.

Aber so erreichte mich Noras kürzlich erschienener Roman „Kindsräuber“, um den es in dieser Besprechung gehen soll.


Die Galgenmärchen gehen in ihre zweite Runde und dieses Mal hat sich Nora Bendzko an einen Stoff in Romanlänge gewagt, nachdem ihre erste Veröffentlichung „Wolfssucht“ noch eine Novelle gewesen ist.

Die Vorlage für diese Geschichte sind zum einen das Märchen vom Rumpelstilzchen, zum anderen die Geschehnisse im Prag des Jahres 1620, im Schatten des sich entwickelnden dreißigjährigen Krieges.

Die junge Alene, Tochter eines vor dem Krieg in die Stadt geflohenen Müllers, versucht durch ihre Arbeit als Spinnerin, ihren Vater und sich über die Runden zu bringen. Ihre Mutter ist an einer schweren Krankheit verstorben. Die Kosten für den Arzt und die allgemein schlechte Lage der Familie haben dazu geführt, dass Alene ihren Körper verkaufen musste und nun ein Kind unter ihrem Herzen trägt.

Es wäre dies eine tragische Geschichte, wie es sie zu jener Zeit sicherlich zu Hauf gegeben hat, wenn Alene nicht die Besonderheit umgeben würde, dass sie in der Lage ist, Geister zu sehen. Schon ihre Mutter hatte diese Fähigkeit und Alene gelehrt, wie der Umgang mit den Toten zu gestalten ist. Es gilt, gewisse Regeln einzuhalten, wenn man sich nicht ihren Zorn zuziehen möchte. Ganz besonders gilt dies für das geheimnisvolle Rumpelstilzchen, dessen Name nur leise geflüstert wird.

Eines Tages schlägt das Schicksal auf vielfache Weise eine Bresche in Alenes Leben. Der Büttel des Königs kommt, um die säumigen Steuerzahlungen einzutreiben. Da Alene nicht zahlen kann, kündigt er an, ihren Vater zur Armee einziehen zu lassen, die gerade wenig aussichtsreich gegen das Heer der katholischen Bayern im Felde steht. Eine Ankündigung, die einem Todesurteil gleich käme.

Alene eilt auf den Markt, um ihren Vater aufzusuchen, da wird sie nicht nur Zeugin einer Hinrichtung, sondern auch des Auftauchens des Rumpelstilzchens, eines toten Jungen ohne Augen, dessen Kopf in kalter Flamme zu stehen scheint. Überall erzählt man sich dunkle Geschichten von diesem Jungen, der für die Entführung und Tötung zahlreicher Kinder verantwortlich gemacht wird.

In dem Chaos, das auf dem Marktplatz entsteht, wird Alene von einem Mann gerettet, den sie gerade im Begriff war, zu bestehlen, da er allzu unvorsichtig mit seinem offensichtlichen Wohlstand umgeht. Zu ihrer großen Verwunderung stellt er sich als Patrik heraus, der ihr ein Freund in Kindertagen war. Nun ist er der Bote des Königs und als solcher zufällig auf der Suche nach einer Frau, die hochschwanger ist.

Gegen den Willen ihres Vaters folgt Alene Patrik auf die Burg des Königs von Böhmen, wo die Königin ihr ein Angebot macht, das in direkter Beziehung zu einem alten Fluch, dem Rumpelstilzchen und Alenes Chancen, die nächsten drei Tage zu überleben, steht.

Wird Alene die Abgründe, die sich in der Königsburg vor ihr auftun, unbeschadet überstehen können?

Ich muss gestehen, dass ich ein wenig skeptisch war, als ich im Vorfeld der Veröffentlichung hörte, dass es sich bei dieser Ausgabe der Galgenmärchen um eine Umsetzung des Rumpelstilzchen-Stoffes handeln würde. Das Märchen hatte ich mit seiner Geschichte um eine junge Frau, die mit Hilfe des Männleins Stroh zu Gold spinnt, um im Gegenzug ihr Erstgeborenes zu verkaufen, als ziemlich limitiert in Erinnerung.

Aber von Limitierung ist hier überhaupt keine Spur, denn Nora Bendzko zerrt die Geschichte aus ihrem kleinen Rahmen und dehnt sie ins Breitbildformat auf.

Die Einbettung der Märchengeschichte in das Prag des Jahres 1620 kann ich nicht anders denn als außerordentlich gut gelungen bezeichnen. Nicht nur, dass die Örtlichkeiten sehr exakt beschrieben werden, soweit ich dies anhand meiner gesichteten Quellen festmachen kann, auch die Lebensumstände sind treffend beschrieben.

Es wird praktisch auf jeder Seite deutlich, dass sich die Welt auf einen Konflikt vorbereitet, wie die braven Bürger der Stadt ihn noch nicht erlebt haben. Und dies nur, weil der „Winterkönig“ Friedrich es nicht vollbracht hat, die religiösen Unterschiede zwischen Katholiken und Calvinisten zu überbrücken.

All das kann man übrigens wunderbar auch in Geschichtsbüchern nachlesen, handelt es sich bei der Königsfamilie doch um historische Personen. Auch wenn die eine oder andere ihnen angedichtete Eigenschaft sicherlich nicht so ganz der Realität entspricht.

Dass man überhaupt Lust bekommt, sich mit den geschichtlichen Hintergründen des Romans zu befassen, ist der sehr dichten und interessanten Handlung geschuldet, die Nora Bendzko sich für diesen Roman hat einfallen lassen. Die Geschichte fokussiert weniger auf die Gestalt des Rumpelstilzchens, sondern mehr auf die Menschen – allen voran natürlich Alene.

Bei ihr handelt es sich um eine moderne Frau für ihre Zeit, die sich nicht zu fein dafür ist, auch schon mal zu gewaltigen Schimpfkanonaden anzusetzen, wenn die Situation es ratsam erscheinen lässt. Gleichzeitig ist sie aber kein überzeichnetes Superweib, was insbesondere in den Szenen deutlich wird, die sie zusammen mit der Königin von Böhmen, Elisabeth, hat. Hier agiert sie, trotz aller Dinge, die ihr widerfahren, glaubhaft als Untergebene.

Eine zarte Romanze erblüht, was sicherlich niemanden überraschen wird, zwischen Alene und Patrik. Bei Patrik kann man der Meinung sein, dass es sich bei ihm um einen etwas eindimensionalen Charakter handelt, da er nur wenige wirklich herausragende Eigenschaften mit auf den Weg bekommen hat. Aber die Aufgaben, die ihm gestellt werden, erledigt er zur vollen Zufriedenheit des Lesers.

Der große Star im Ensemble bleibt aber die Königin. Sie stiehlt praktisch jede ihrer Szenen und rückt sich mit majestätischer Ausstrahlung in den Mittelpunkt. Selbst wenn sie arrogant auftritt, stört dies den Lesefluss nicht, weil es einfach zu ihrem Charakter passt. Im Vergleich dazu bleibt ihr Gemahl verhältnismäßig blass, was wiederum zur realen Person des Königs passt.

Ein kleines Problem habe ich mit der Darstellung der Prinzen und der Prinzessin. Sie scheinen mir einige Male viel zu alt(-klug) für ihr tatsächliches Alter zu handeln und vor allem zu sprechen. Gut, ich weiß vielleicht nicht viel darüber, wie sich kleine Königskinder benehmen, aber ich bin Vater von zwei Kindern, traue mir also durchaus zu, den Kindermund einigermaßen drauf zu haben. Dieser Punkt stört aber nicht wirklich.

Ebenso wenig wie die Tatsache, dass „Kindsräuber“ seinen zentralen Plottwist schon ein wenig früh ankündigt. Die Atmosphäre der Schilderungen und Beschreibungen lässt einen gerne darüber hinwegsehen und an einigen Stellen zaubert Nora Bendzko echte Gänsehaut auf die Arme ihrer Leser.

Es wird Zeit, zum Fazit zu kommen. „Kindsräuber“ ist gegenüber „Wolfssucht“ eine deutliche Steigerung und ich hoffe, dass Nora Bendzko so weitermacht mit ihren Galgenmärchen. In den Momenten, in denen sie sich weitgehend von den Vorgaben des jeweiligen Urstoffes löst, ohne ihn zu verleugnen, entwickelt ihre Geschichte eine Sogkraft, die man in dieser Form selten im Fantasygenre liest.

Ich freue mich auf weitere Märchenadaptionen dieser Machart!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Und auf einmal fühle ich mich wichtig

Hach, es tut gut, sich wichtig zu fühlen. Vor allem, wenn es eine wertschätzende Wichtigkeit ist, keine abschätzige. Wenn es eine zugewandte ist, keine berechnende. Von beidem habe ich heute etwas abbekommen, aber die wertschätzende Variante freut mich dann doch bedeutend mehr.

Ihr habt doch sicherlich alle schon mal gesehen, wie auf Romanen eines Autors Kommentare von anderen Autoren, meistens des gleichen Genres, abgedruckt werden. Es war zum Beispiel eine Zeitlang beinahe schon Legion, dass auf Thrillern und Horrorromanen irgendein Statement von Stephen King abgedruckt war. Damit wurde zum Beispiel versucht, die Karrieren von Bentley Little oder James Herbert in Gang zu setzen. Ganz zu schweigen von der seines eigenen Sohns Joe Hill.

Nun bin ich kein King. Nicht einmal ein Ritter der Tafelrunde. Aber offensichtlich gibt es Menschen, denen meine Meinung etwas zählt.

Ich hatte vor geraumer Zeit für meine Reihe „Das Schreiben der Anderen“ den Roman „Die Krankheitensammlerin“ von Kia Kahawa besprochen. Pünktlich zur Leipziger Buchmesse hat diese eine neue Auflage herausgebracht und, ratet mal, auf der Rückseite findet sich ein Zitat aus meiner Besprechung:

krankheit2Na, sieht das schick aus oder sieht das schick aus?

Es zeigt mir auf jeden Fall, dass die Rezensionen, die ich schreibe, nicht nur reines Egoprojekt meinerseits sind, sondern dass sie, zumindest teilweise, die Urheber der Romane auch erreichen, die ich rezensiere.

Danke, liebe Kia, dass ich mich für einen Moment wichtig fühlen durfte 🙂 .


Nachtrag:

Via Facebook macht meine liebe Verlagskollegin Mea Kalcher mich gerade darauf aufmerksam, dass ich bereits bei ihrem Roman „sechsuhrsieben“ auf dem Backcover verewigt bin. Das hatte ich doch glatt vergessen.

Ich sollte anfangen, mir so etwas aufzuschreiben! Danke Mea, jetzt fühle ich mich gleich noch wichtiger 😉 .

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Das Schreiben der Anderen: „Martins Hütte“ von Erin J. Steen

Heute gibt es mal wieder einen Debütroman in dieser Kategorie. Er stammt von Erin J. Steen, die sich mit „Martins Hütte“ den Traum von der ersten Veröffentlichung erfüllt hat.


martinGerade eben noch scheint das Leben des namenlosen Journalisten, dessen Geschichte wir in diesem Roman folgen, ganz normal zu verlaufen. Er ist mit seiner Freundin Celine auf ausgedehnter Shopping-Tour, aus der er sich eigentlich nur mal für ein paar Minuten ausklinken will, um einen Kaffee zu trinken. Doch dann verschwindet Celine nicht nur in den Weiten des Einkaufszentrums, sondern kurz darauf auch für immer aus seinem Leben.

Eine Explosion erschüttert das Shopping Center und der Journalist findet sich in einem Szenario wieder, das er aus den Kriegsgebieten nur zu gut kennt, von denen er schon berichtet hat. Zuerst hat er noch Hoffnung, doch dann wird Celines Handy direkt am Herd der Explosion gefunden.

Der Journalist entschließt sich, dass er aus allem erst einmal heraus, sich neu im Leben finden und orientieren muss. Deswegen mietet er eine einsam gelegene Berghütte von einem gewissen Martin an. Überrascht muss er bei seiner Ankunft aber feststellen, dass er nicht nur die Verantwortung für die Hütte, sondern gleichzeitig auch für eine kleine Menagerie an Hoftieren übernommen hat.

Als dann eines nach dem anderen dieser Tiere einem gesichtslosen Schrecken zum Opfer fällt, macht sich der Journalist auf die Suche nach dem Verursacher. Ob ihm dabei die seltsamen Bücher helfen, die er auf dem Dachboden der Hütte gefunden hat? In ihnen werden die schrecklichsten Gestalten beschrieben, welche die Mystik zu bieten hat. Sollte eine von ihnen der Mörder seiner Tiere sein?

Ich gebe zu, dass mich der Weg, den Erin J. Steen für ihren Roman eingeschlagen hat, sehr überrascht hat. Nachdem es auf den ersten Seiten um das Attentat geht und um das Verschwinden von Celine, wird dieses Thema danach für geraume Zeit kaum noch angeschnitten. Ich hatte erwartet, dass, trotzdem ich ja aus der Beschreibung wusste, dass der Journalist zu dieser Hütte fährt, die Anfangssituation sich mehr und häufiger in die Handlung hinein auswirken würde.

Doch schnell macht der Roman klar, dass es ihm weniger um ein Statement zur allgemeinen Terrorlage geht, sondern um den persönlichen Umgang eines Mannes mit der Situation, einen geliebten Menschen verloren zu haben und damit gleichsam auch ein Stück weit entwurzelt worden zu sein.

Diese Entwurzelung trägt sich auch durch den ganzen Text hindurch. Der Mann ist alleine in seiner selbstgewählten Einsamkeit. Sein Handy hat keinen Empfang. Der einsetzende Schneefall isoliert ihn von der Außenwelt. Das alles führt dazu, dass „Martins Hütte“ ein Roman ist, der über weite Strecken ohne Dialoge auskommt.

Erin J. Steen schafft es allerdings mit ihrer lebendigen Sprache, diese langen Erzählpassagen mit ausreichend Leben zu füllen, dass einem nicht langweilig dabei wird. Ein absolutes Highlight sind für mich die Schilderungen aus den Büchern, in denen der Journalist nach den verschiedenen Horrorgestalten forscht, die für die Reduzierung seines Tierbestands verantwortlich sein könnten.

Allerdings ergibt sich hieraus auch ein Umstand, der meiner Meinung nach zu einigen Missverständnissen bei Lesern führen könnte: Etwas mehr als die Hälfte der Zeit ist „Martins Hütte“ meinem Gefühl nach kein Thriller, sondern mehr eine Mystery-, stellenweise sogar schon fast eine lupenreine Horrorstory. Es könnte sein, dass der eine oder andere Leser hier in seinen Erwartungen enttäuscht wird.

Steen hat auf ihrer Homepage und auch an anderer Stelle im Internet darauf hingewiesen, dass sie Leserfeedback bekommen hat, das sich mit dem Ende des Romans nicht ganz zufrieden zeigte. Ich kann die Gründe hierfür verstehen, schließe mich ihnen jedoch nicht an.

Meine Schwierigkeit liegt vielmehr zu Beginn des Textes. Nach meinem Gefühl nimmt der Journalist die Geschehnisse im Einkaufszentrum und das Verschwinden seiner Freundin viel zu – unberührt. Ja, es ist richtig, dass er Kriegsreporter war und deswegen den Anblick von toten Menschen und Schwerverletzten gewöhnt sein dürfte, aber ich halte es dennoch für unwahrscheinlich, dass er mit dieser Professionalität reagiert, wenn seine Lebensgefährtin davon betroffen ist.

Auch geht es mir danach zu schnell aus der Stadt und in die Hütte hinein. Obwohl die ganze Situation um das Attentat und Celine ungeklärt ist, erliegt der Journalist einem Fluchtreflex und macht sich einfach aus dem Staub.

Hier hatte ich deutliche Schwierigkeiten, den Gedankengängen und den sich daraus ergebenden Konsequenzen zu folgen. Gegen Ende hin wird das alles dann allerdings erklärt und geht sich zu einer einleuchtenden Lösung auf. Eine Lösung, die scheinbar nicht jedem gefällt, die aber zumindest über ein einfaches „ist nun einmal so“ hinausgeht.

Für mich ergibt sich an dieser Stelle das Problem der Bewertung des Romans. Und da muss ich leider sagen, dass ich ein Stück weit von der fehlenden Emotionalität des Journalisten angesteckt wurde. Mir waren seine Handlungen und Probleme zwar nicht egal, aber sie berührten mich nicht so stark, wie es möglich gewesen wäre.

Insgesamt handelt es sich bei „Martins Hütte“ um einen Kurzroman, den man gut und schnell „weglesen“ kann, der aber bei Weitem nicht sein Potenzial ausschöpft. Deswegen vergebe ich an dieser Stelle nur drei Sterne. Es dürfte sich aber lohnen, den Weg von Erin J. Steen weiter zu verfolgen und zu sehen, wie sie sich mit den bereits angekündigten Projekten schlägt, die genremäßig in deutlich andere Richtungen gehen.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Der Sonntagsreport vom 26.02.2017 – Überarbeitung, Rezensionen und noch ein Foto

Hallo ihr Lieben!

Zuerst einmal möchte ich mich auch hier an dieser Stelle und somit ganz hoch-offiziell für eure lieben Worte in Bezug auf mein Autorenfoto bedanken, die mich im Blog, auf Twitter und bei Facebook erreicht haben. Wie ihr euch denken könnt, baut mich das ganz gewaltig auf, denn ich hatte wirklich große Zweifel, ob bei diesen Fotos etwas herauskommt, das ich vorzeigen kann, ohne dafür müdes Lächeln oder abwinkende Häme zu ernten. Dank euch habe ich mein Selbstwertgefühl in Bezug auf die Aufnahmen wieder zwischen den Federn auf dem Boden hervorgekramt und vor dem Staubsauger in Sicherheit gebracht.

Zur „Belohnung“ zeige ich euch, weil einige von euch danach gefragt haben, am Ende des heutigen Reports noch ein Bild. Ihr könnt euch jetzt überlegen, ob ihr einfach direkt dorthin springt, oder vielleicht noch ein wenig von dem lest, was ich euch sonst so zu erzählen habe.

Noch da? Oder wieder? Das freut mich!

Wie ihr ja mitbekommen habt, habe ich mich in das Heer derjenigen eingereiht, die in diesem Winter von einem grippalen Infekt dahin gerafft wurden. Aber jetzt ist es langsam auch mal wieder gut damit und übermorgen (morgen ist Rosenmontag und das ist hier in Duisburg ein „Feiertag“) geht es wieder an die Arbeit.

Passend dazu habe ich mich heute endlich daran gewagt, mit der nächsten Stufe der Überarbeitung von „Der Morgen danach“ anzufangen. Diese besteht im Wesentlichen daraus, alles noch einmal zu lesen und die ersten Kleinigkeiten auszumerzen, die sich durch die Umstellung der Erzählperspektive ergeben haben.

Ich habe tatsächlich schon einige Stilblüten gefunden, bei denen ich schlicht und einfach nicht aufgepasst habe. Da wurde aus einem „er fragte sich“ zum Beispiel ein „ich fragte sich“. Ärgerlich, aber keine große Sache. Doch immerhin eine, die ich jetzt erledigen will, bevor das Ganze dann zur ersten Lektoratsrunde geht.

Da ich davon ausgehe, dass ich diese Runde recht schnell hinter mich bringen werde, werde ich danach noch meine „blaue Liste“ hervor kramen, an die sich der eine oder die andere vielleicht noch von der Zeit meiner Überarbeitung von „Der Beobachter und der Turm“ erinnert. Viele der darauf enthaltenen Punkte habe ich zwar während der Erstüberarbeitung bereits umgesetzt, man lernt ja dazu, aber es schadet ja nicht, noch einmal draufzuschauen.

Allerdings merke ich jetzt, nachdem ich ungefähr anderthalb Stunden am Text gearbeitet und dabei 13% geschafft habe, dass mein Kopf dann doch meint, es reicht. Egal, muss er sich wieder dran gewöhnen. Im Zweifel halt gaaaaanz langsam.

Okay, jetzt habe ich doch glatt ein wenig den Faden verloren. Wo war ich? Ach ja, dabei, euch mein Leid zu klagen.

In der kommenden Woche, sehr wahrscheinlich schon morgen, kommt ein neuer Beitrag für meine Reihe „Das Schreiben der Anderen„. Der eine oder andere wartet ja schon länger darauf, dass ich da mal ein Werk verreiße. Nun kann ich euch sagen, dass es immer noch nicht so weit sein wird, aber ich tue mich mit der Einordnung dieses Romans schwer.

Ich merke, dass es etwas vollkommen anderes ist, wenn man die Erzeugnisse von Leuten beurteilt, die man „persönlich kennt“ (und sei es durchs Internet), oder bei denen man eben nur ihr Endprodukt rezensiert. Und es ist noch einmal etwas anderes, wenn das bei etwas geschieht, wofür man selber brennt. In diesem Fall eben das Schreiben.

Als ich noch Hörspiele rezensiert habe, hat mich das nämlich auch nicht besonders gestört. Auch damals hatte ich schon Kontakt zu Machern, aber denen konnte ich auch unverblümt sagen, wenn sie mal etwas abgeliefert hatten, das jetzt nicht zwingend das Gelbe vom Ei war.

Aus dieser Zeit stammen auch die Grundsätze, die ich mir eigentlich für das Rezensieren gegeben habe und die auch für „Das Schreiben der Anderen“ gelten: Ehrlichkeit, Offenheit, keine Gefälligkeitsbesprechungen.

Nun muss ich, wie gesagt, die Erfahrung machen, dass ich mich nur so halb auf die Position des außenstehenden Rezensenten begeben kann. Die andere Hälfte ist der Autor, der ggf. sogar irgendwann Mitbewerber wird.

Mache ich mir Sorgen, dass man mir vorwerfen könnte, absichtlich miese Besprechungen zu schreiben, um Konkurrenten „schlecht“ zu machen? Vielleicht ist es so. Es ist dies wieder einmal die Sorge vor unangebrachter Beurteilung, die mich zweifeln lässt.

Ich werde diese Rezension schreiben, sie wird kein Verriss werden, aber sie wird klar zum Ausdruck bringen, was mir gefallen hat und was mir nicht so gefallen hat. Das ist, denke ich, das Einzige, was ich tun kann, um mir selbst, aber auch dem rezensierten Buch gegenüber, aufrichtig sein zu können.

So, ich hoffe, das klang jetzt nicht wieder zu pathetisch, aber ich mache mir über diesen Punkt Gedanken und merke, dass ich es bei jeder Rezension tue, wo ich nicht sofort die berühmten „fünf Sterne“ zücke. Deswegen wollte ich es hier kurz thematisieren.

So, damit habe ich jetzt aber auch mein Pulver für diese Woche verschossen, glaube ich. Jedenfalls fällt mir spontan nichts mehr ein, was ich euch erzählen könnte und was nicht schon im Laufe der Woche abgehandelt worden wäre.

Dann kommen wir jetzt zu dem Punkt, aus dem die meisten von euch den ganzen Text bestimmt gar nicht gelesen haben, sondern sofort hierhin gesprungen sind:

Auf eure Bitten hin noch ein zweites Bild aus der Fotosession von Donnerstag. Bei dem könnte ich mir zum Beispiel vorstellen, es in einem Manuskript als Autorenbild zu verwenden. Der Größenwahnsinnige in mir sagt gerade: Auf dem Umschlag des Hardcovers 😉 .

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Ich wünsche euch schon einmal einen schönen Wochenstart. Da, wo gefeiert wird: Helau und Alaaf! Und allen anderen einfach eine gute Woche.

Euer Michael