Von Personenlisten in Romanen am Beispiel Stephen King

Ich habe euch ja noch gar nicht erzählt, dass ich mich im Moment durch den neuen Roman von Stephen King kämpfe, den er zusammen mit seinem Sohn Owen geschrieben hat. Dieser heißt „Sleeping Beauties“ und es geht um eine rätselhafte Schlafkrankheit, die sich zeitgleich auf der ganzen Welt ausbreitet, dabei allerdings nur Frauen befällt und dafür sorgt, dass diese sich selbst in eine Art Gespinst einweben. Wer dieses Gespinst durchbricht, hat schlechte Karten, denn dann verhalten die so Aufgeweckten sich ungefähr so kooperativ wie einer der „Beißer“ aus der Fernsehserie „The Walking Dead“ und es kann schon mal dazu kommen, dass der Mann, der so unvorsichtig war, eines Teils seiner Nase verlustig geht.

Ja, ihr habt richtig gelesen, ich kämpfe mich ein wenig hindurch, denn ich muss gestehen, dass der Roman mich bislang noch nicht so packen konnte, wie ich es mir eigentlich von jedem neuen „King“ erhoffe. Dabei sind die Zutaten eigentlich recht gut, wenn auch stellenweise eine Variation bereits bekannter Muster, einmal gut durchgemischt und mit einem Spritzer Zitrone versehen.

Vielleicht liegt es auch an dem Anteil von Owen King, dass ich diesmal nicht so mitgerissen bin wie bei vielen anderen Büchern des Autors. Die Übersetzung macht es unmöglich, genau den Finger darauf zu legen, wo Stephen aufhört und wo Owen anfängt. Falls man es im Original überhaupt kann. Die Kunst des Miteinanderschreibens besteht ja gerade darin, dass man keinen Bruch zwischen den beiden Erzählerstimmen bemerkt.

Von „Sleeping Beauties“ möchte ich euch aber in diesem ersten Schritt nur so am Rande erzählen, denn ich habe den Roman ja erst zu ungefähr einem Drittel gelesen.

Vielmehr geht es mir darum, von einer Besonderheit zu berichten, die man in nicht allzu vielen Romanen vorfindet. Und zwar geht es dabei um eine dem eigentlichen Geschehen vorangestellte Liste mit allen im Roman auftauchenden Personen:

Ich muss gestehen, dass ich nicht richtig wusste, was ich mit dieser Liste anfangen sollte, als ich ihrer angesichtig wurde. Und das liegt daran, dass ich keine Ahnung habe, was die Autoren glauben, was ich damit anfangen soll.

Es gibt ein Genre, in dem gerne mit Personenlisten gearbeitet wurde (ob das noch so ist kann ich aufgrund mangelnder aktueller Einsicht nicht sagen). Das ist der Heftroman. Gerade in fortlaufenden Serien, die teils Handlungsstränge über viele Romane hinweg entwickeln, fand sich früher ein Kasten zu Beginn des Romans, in dem auf die Hauptpersonen der folgenden rund 64 Seiten hingewiesen wurde. Aber diese wurden, zumindest in meiner Erinnerung, nicht einfach nur in Listenform heruntergeschrieben, sondern es stand auch noch kurz etwas zu ihrer Rolle im folgenden Geschehen, so dass man sie bereits vor dem Lesen ein wenig einordnen konnte. Das prominenteste Beispiel, das mir einfällt, ist die Serie „Perry Rhodan“.

Diese Art der Personenlistung habe ich durchaus als hilfreich empfunden, denn so wusste ich, auf wen ich beim Lesen mein Augenmerk legen konnte. Ja, es ist eine einfache Form des Selbstbetrugs wenn man so will, dass man von vornherein die Hauptfiguren stärker für sich ins Gewicht nehmen kann als die Nebenfiguren.

Andererseits machen wir das in fast allen Bereichen, bei denen wir es mit Ensembles zu tun haben, doch auch so. Der Film und das Theater verraten uns schon auf den Plakaten, auf wen wir besonders achten sollen. Bei Konzerten mit klassischer Musik heißt es nicht nur, wer da jetzt gerade spielt, sondern vor allem, was, also welcher Künstler mit welchen Stücken, gespielt wird.

Nein, eine Liste mit Informationen zu den Hauptpersonen finde ich, rein vom Prinzip, gar nicht schlecht, auch wenn ich bisher noch nie so gearbeitet habe – es aber zumindest für meine eigene Science-Fiction-Serie durchaus in Erwägung zog.

Aber was soll ich mit der über mehrere Seiten gehenden Liste im King-Buch anfangen? Sie bietet keine Informationen darüber, wer im kommenden Handlungsverlauf wichtig ist. So wird etwa der als erstes genannte Meth-Koch gleich zu Beginn des Romans ermordet. Bis dahin hatte man kaum Gelegenheit, sich an seinen Namen zu gewöhnen.

Ich verstehe es einfach nicht. Soll ich vielleicht einen Stift nehmen und jeden Namen abhaken, der mir im Roman begegnet ist? Ich gebe nämlich zu, dass mir ein solcher Gedanke durchaus schon gekommen ist, auch wenn er, das weiß ich selbst, albern ist.

Aber vielleicht kann mir jemand von euch einen Tipp geben, wofür die Liste gut sein könnte. Würdet ihr euch vielleicht sogar wünschen, dass so etwas häufiger in Romanen zu finden ist? Das würde mich wirklich interessieren, denn dann könnte ich ja überlegen, etwas ähnliches bei meinen eigenen Geschichten zu unternehmen.

Dann aber bitte mit kurzer Erläuterung zur Person und nicht „nur“ als reine Liste. Denn die finde ich eher uninformativ. Aber, hey: überzeugt mich! 🙂

Advertisements

Der Sonntagsreport vom 15.10.17: Motivation aus zweiter Hand

Hallo zusammen!

Wer meinen Beitrag von gestern nicht gelesen haben sollte, in dem es darum ging, dass ich zwar nicht auf der Frankfurter Buchmesse gewesen bin, aber irgendwie dann doch dabei war, sollte dies möglicherweise nachholen, weil der heutige Beitrag eine Art Fortsetzung ist. Aber vom Grundsatz her ist er auch ohne „Vorkenntnisse“ verständlich.

Es geht um Motivation. Und vor allem um Motivation aus zweiter Hand.

Woher schöpfen wir Motivation? Im besten aller Fälle aus uns selbst heraus. Wir begeistern uns für Dinge, die uns Spaß machen, die uns am Herzen liegen. Dies sind die Sachen, auf die wir uns freuen und für die wir gerne mal den Alltag beiseite schieben (möchten). Wir brauchen niemanden, der uns sagt, dass es jetzt an der Zeit ist, sich um das Schreiben zu kümmern, oder endlich mal wieder Klavier zu spielen, oder die Musikstücke einzustudieren, die wir mit unserer Band spielen wollen.

Nein, das kriegen wir sehr gut alleine hin und meistens ist es eher umgekehrt: Wir brauchen jemanden, der uns daran erinnert, dass die Steuererklärung noch gemacht werden muss, oder dass es an der Zeit wäre, endlich mal das Bad zu renovieren, oder dass das Auto in die Waschanlage muss.

Das Letztgenannte ist eher eine externe Motivation. Auch die ist nicht unwichtig, denn sie verhindert, dass uns die Einkommensteuer um die Ohren fliegt, das Bad unter uns zusammenbricht oder es mächtig Knatsch mit der Ehefrau/dem Ehemann gibt, weil das Auto auf einmal schwarz und nicht mehr silbern ist.

Oder nehmen wir den Klassiker. Das ist natürlich der Brotberuf, dem wir nachgehen, weil die meisten von uns weder vom Schreiben, noch vom Klavier spielen oder vom Singen leben können. Das Geld muss also aus anderer Quelle kommen.

Aber was macht man nun, wenn, warum auch immer, die Motivation aus uns selbst heraus nicht funktioniert? Wenn wir uns vor die Tastatur setzen und kein Wort zustande bringen, wenn wir keinen Ton treffen und unser Gesang klingt, als wäre es ein einziges Rabengekrächz?

In solchen Momenten ist es nicht schlecht, wenn man auf Motivation aus zweiter Hand zurückgreifen kann.

Und damit schlage ich den Bogen zurück zu mir selbst und meinem Artikel von gestern. Ich war zwar nicht auf der Buchmesse, aber bedingt durch meinen „Job“ als der Mann am Twitteraccount, habe ich eine Menge an Tweets gesehen und gesichtet, eine Menge Menschen quasi „live“ vor der Linse gehabt und ein ganz merkwürdiges Konservengefühl entwickelt. Ihr kennt das bestimmt: So, als wenn man etwas im Fernsehen sieht und dennoch das Gefühl hat, dabei zu sein.

Und so kommt es, dass ein wenig dieser ganzen Freude am Buch, dieses ungemeinen Tatendrangs, den ich bei ganz vielen gespürt habe, auch auf mich übergeschwappt ist. Bis jetzt kannte ich den Effekt nur von einigen motivierenden Büchern, aber das muss ich jetzt wohl auf Buchmessetweets ausweiten.

Ich bin gespannt, ob der Effekt anhalten wird, wenn ich mich durch die Myriaden von Nachberichten lesen werde, die nun zwangsläufig überall im Internet aufpoppen werden. Es wäre wünschenswert, denn wie man sich sicher denken kann, bin ich lieber motiviert als demotiviert. Lieber zuversichtlich als skeptisch. Lieber mit Freude bei der Sache als von Selbstzweifeln gequält.

Und wie äußert sie sich nun, diese Motivation aus zweiter Hand? Wie bei mir üblich im Schmieden von vielen Plänen. Denn es ist ja nicht so, als ob ich nicht, theoretisch, ganz viele Eisen im Feuer hätte. Da sind die zwei fertigen Romanexposés, mit denen ich hausieren gehen kann. Da ist ein, an der Zielgruppe getestetes, Manuskript aus dem Bereich Kinderbuch, das ich aufpeppen kann. Da sind die beiden Kurzgeschichten und der Roman, an dem ich schreibe. Und, und, und.

Viele von den Sachen könnte ich ja sogar „nebenbei“ erledigen. Ein Anschreiben an Agenturen/Verlage ist schnell aktualisiert aufgesetzt und entweder per Mail oder per Post verschickt. Und dann muss man ja eh warten. Zeit, um andere Dinge zu tun, wie zum Beispiel zu schreiben.

Allerdings weiß ich auch, bei aller segensreichen Motivation, dass ich auf mich aufpassen muss. Ich mache gerade eine Phase durch, in der meine Kräfte sehr fragil sind. Es kann vorkommen, dass ich mich in etwas stürze, nur um dann nach zwei Tagen festzustellen, dass da keine Kraft mehr da ist. Und schon wäre ich wieder demotiviert und niedergeschlagen. Es ist nicht leicht.

Wichtig wird für mich sein, einen Mittelweg zu finden, mir Prioritäten zu setzen. Keine Luftschlösser zu bauen (da fällt mir zum Beispiel der kommende National Novel Writing Month ein, der dieses Jahr reines Gift für mich wäre).

Aber schön ist erst einmal, dass die Motivation da ist. Wenn auch „nur“ aus zweiter Hand. Aber ist nicht gerade das der Grund dafür, dass so viele von uns Autoren so einen Narren an Buchmessen und den gegenseitigen Treffen gefressen haben? Weil sich eben hieraus die Motivation mitnehmen lässt?

Darüber zu philosophieren überlasse ich jemand anderem. Seht es mir nach.

Ich wünsche euch einen guten, möglichst motivierten, Start in die Woche!

Euer Michael

Isotype – Emoji – Sprache

International System oTypographic Picture Education
(Isotype)

Klingt das kompliziert, oder klingt das kompliziert? Ich muss jedenfalls gestehen, dass ich mir zunächst nichts darunter vorstellen konnte. Es handelt sich bei Isotype also um ein internationales System bildhafter Erziehung. Aber wieso und warum?

Wikipedia gibt, wie meistens in solchen Fällen, Aufschluss. Demzufolge wurde das Isotype bereits in den zwanziger Jahres des letzten Jahrhunderts entwickelt und diente ursprünglich dazu, auch denen einen Zugang zu einer komplexeren Bildung zu ermöglichen, die aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft oder anderer Hemmnisse keinen Zugang zur klassischen Schriftsprache finden konnten.

Dabei gaben sich die Entwickler des Isotype nicht damit zufrieden, einfach einen Katalog von Symbolen und Piktogrammen zu erstellen, sondern sie gaben ihrer neuen „Sprache“ auch eine Grammatik mit auf den Weg, so dass hier wirklich von einer eigenen Form sprachlichen Ausdrucks gesprochen werden kann, die kulturhistorisch irgendwo zwischen ägyptischen Hieroglyphen und modernen Straßenschildern liegt.

Man sollte meinen, dass das Isotype in unseren heutigen Zeiten keine große Rolle mehr spielt, weil inzwischen Bildung zum Glück ein Staatsauftrag ist und durch die Schulpflicht auch das Lesen und Schreiben auf eine gesellschaftlich breite Basis gestellt wird. Und in der Tat findet man heute entsprechende Grammatiken auch eher in Museen als in der tatsächlichen Anwendung.

Ich wäre wohl nie auf das Isotype aufmerksam geworden, wenn da nicht das gleichnamige Lied der Band Orchestral Manoeuvres in the Dark (OMD) wäre, in dem es sich um diese Kunstspreche dreht. „Dreht“ ist auch ein gutes Stichwort hinsichtlich des flankierenden Videos, in dem man auch einige Isotype-Symbole begutachten kann:

Allerdings kann man wohl sagen, dass wir, gerade in den letzten Jahren, wieder eine stärkere Hinwendung zu Aspekten der Bildsprache haben. Verantwortlich ist dafür, was auch sonst, das Internet.

Hand aufs Herz: Wem kommen beim Betrachten der Symbole des Isotype nicht unsere modernen Smileys und Emojis in den Sinn? Dienen sie nicht auch dazu, teils komplexe Worte oder Gefühlszustände in ein kurzes und prägnantes Bild zu transferieren?

Wozu das im Extrem führen kann, kann man jeden Tag in Millionen von Tweets sehen, die auf der Social-Media-Plattform Twitter abgesetzt werden. Oder in WhatsApp. Oder in Facebook. Teile unserer Gesellschaft sind heute scheinbar nicht (mehr) in der Lage, einen längeren Text ohne die Verwendung von Bildern zu schreiben.

Ich gebe zu, dass die Verwendung von Emoticons (um auch diesen Begriff noch gebraucht zu haben) einfach ist und auch eine Menge Spaß macht. Aber als „Ersatz“ für unsere Sprache möchte ich sie dann doch nicht sehen.

Und so ist auch der an Kraftwerk gemahnende Song der Liverpooler eher eine bittersüße Auseinandersetzung, wenn es im Text heißt:

All the words you used to write
Treasured spirits taking flight
Sovereign and now shining bright
All replaced by Isotypes

Also in etwa, dass alle geistreichen und gehaltvollen Worte, die man jemals geschrieben hat, durch Isotypes ersetzt werden könnten.

Ich finde, dass wir es, bei aller Liebe für die kleinen Gesichtchen und Symbölchen, nicht riskieren dürfen, dass unsere Sprache hierunter leidet. Die Gefahr sehe ich im Moment zwar noch nicht akut, aber wenn man hin und wieder auf die Displays von Smartphonebenutzern neben einem linst (ich kann nichts dazu, die sind alle kleiner als ich!), dann kann man schon sehen, dass es Ansätze gibt, akut zu werden.

Bis dahin halten wir aber doch an unserer Sprache fest und nehmen „Isotype“, den Song, einfach als das, was er ist: verdammt gut gemacht.

…und um das zu kämpfen, was man liebt

Die letzten Tage ging es mir nicht besonders gut. Nein, das ist sogar noch geschönt. In den letzten Tagen gab es einige Momente, in denen es mir gar nicht gut ging. Das hat man, denke ich, auch gemerkt. Irgendwie war alles zu viel, zu wenig, zu laut, zu leise, zu anstrengend, zu fordernd, zu egal, zu uninteressant, zu unnötig, zu bla.

Das erste, was bei mir immer unter diesen Zuständen leidet, ist das Schreiben. Wenn ich mich nicht gut fühle, dann kann ich einfach nicht „einfach“ meine Gedanken in Kreativität umsetzen.

Es soll ja eine Legion von Schriftstellern geben, die besonders dann produktiv waren, wenn sie gerade eine Phase tiefen Weltschmerzes oder ausgewachsene Depressionen hatten. Menschen, die sich in diesen Zuständen suhlten und getrieben von ihren eigenen Dämonen die beste Prosa fabrizierten, zu der sie fähig waren.

Ich bin nicht so.

Wenn es mir auf diese bestimme Weise nicht gut geht, dann hat das Schreiben für mich nicht nur jeden Sinn verloren, dann scheint es auch niemals wieder einen Sinn zu bekommen. Wer interessiert sich schon dafür, ob ich irgendwelche mittelmäßigen Geschichten erzähle? Es interessiert ja mich selbst schon nicht, also, bitte.

Mit solchen Problemen habe ich immer mal wieder zu kämpfen gehabt. Teilweise hielten sie über Jahre hinweg an. Das waren die Jahre, in denen ich mir vielleicht ein, zwei Mal im Jahr eins meiner Manuskripte auf den Bildschirm geladen habe, ein wenig darin herum scrollte und schließlich seufzend feststellte, dass ich früher mal schreiben konnte, aber jetzt nicht mehr.

Im Laufe der Zeit habe ich mir Strategien dagegen erarbeitet. Oder habe es zumindest versucht. Ich habe gelernt, dass auch eine einzige Seite, im Zweifel sogar eine einzige Zeile, ein Faustpfand sein kann um mich und den kleinen Dämon in mir davon zu überzeugen, dass ich doch noch schreiben kann.

Doch auch das klappt nicht, wenn ich mich so gar nicht gut fühle. Und das Schlimmste ist, dass es mir vollauf bewusst ist, was ich eigentlich zu tun hätte – und es eben nicht auf die Reihe bringe. Kenne ich, gehört zum Krankheitsbild.

Ja, es ist ein Dilemma, denn einerseits weiß ich, dass mir das Schreiben unendlich gut tut und andererseits ist es das, zu dem ich mich am wenigsten in der Lage sehe. Es ist einfach schwer, den ersten Schritt zu tun.

Und im Kopf werden aus Tagen wieder Wochen und aus Wochen wieder Monate und aus Monaten werden Jahre. Dabei sind in der Realität wirklich gerade ein paar Tage vergangen.

Heute, auf der Arbeit, als ich gerade in irgendeiner anderen, erschütternd unkreativen Arbeit steckte, bekam ich auf einmal ein Signal von irgendwo her. Vielleicht aus meinem Herzen, vielleicht aus dem, was man die Seele nennt. Ich weiß es nicht. Dieses Signal sagte: Heute – versuch‘ es!

Also habe ich mich mit klopfendem Herzen zum Beginn der Mittagspause an meinen Text „Die Behüter des Wahren“ gesetzt. Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, den Anschluss zu finden. Meine letzten Zeilen an dieser Geschichte lagen über drei Wochen zurück.

Dann fing ich an zu schreiben. Und hörte erst nach über 2.500 Worten wieder damit auf.

Ich habe zu viel erlebt, um daraus zu schließen, dass jetzt alles wieder gut ist oder wird. So naiv bin ich nicht mehr. Aber ich habe (wieder) festgestellt, dass ich es kann! Und auch wenn es da diese Stimme in mir gibt, die mir das Gegenteil einreden will, es ist für mich möglich, zu schreiben.

Denn Schreiben ist das, was mir gut tut. Auch dann, wenn es wirklich niemanden außer mir interessieren sollte, was dabei heraus kommt. Schreiben ist auch gut für die Seele!

Und darum ist es gut, für das zu kämpfen, was man liebt.

Manche Szenen fallen beim Schreiben einfach schwer

Manche Stellen fallen beim Schreiben einfach schwer. Entsprechend lange versucht man, ihnen aus dem Weg zu gehen, sie immer wieder zu umschiffen oder die Szene hinaus zu zögern. Aber da muss man irgendwann durch, wenn man die Geschichte nicht verlieren oder, noch schlimmer, ihre Wahrhaftigkeit komplett vernichten will.

Nichts ist schlimmer, als wenn man als Autor versucht, sich davor zu drücken, die Konsequenzen aus dem, was man sich aufgehalst hat, zu tragen. Wir treffen Entscheidungen, die für die Personen, die wir beschreiben, mehr oder weniger gute, schlechte oder katastrophale Auswirkungen haben. In unseren Geschichten sind wir zwar wie Götter, aber auch unserer Macht sind Grenzen gesetzt. Durch die Regeln der Glaubwürdigkeit.

Stephen King hat einmal erzählt, wie er beim Schreiben seines Romans „Cujo“ von dieser Tatsache überrollt wurde. In diesem Roman ist ein kleiner Junge über viele, viele Stunden in einem Auto eingeschlossen, weil ein tollwütiger Bernhardiner jeden Ausbruchsversuch der Mutter abwehrt. Am Ende ist das Kind vollkommen dehydriert und, so leid es mir tut, es stirbt in der Geschichte.

King berichtete nun davon, dass das eigentlich gar nicht so geplant war. Eigentlich sollte der Junge leben. Aber dann kam er an die Stelle, an der seine Mutter versucht, ihn zu reanimieren. Und auf einmal stellte er fest, dass gute zehn Minuten vergangen waren und sie immer noch dabei war, ihn zu beatmen – oder was auch immer sie genau tat.

Und so sei der arme kleine Junge ihm einfach weggestorben.

Ich finde diese Geschichte wichtig und interessant, weil sie zeigt, dass es manchmal einfach passiert. Und wenn es passiert, dann sollte man sich nicht dagegen wehren, sondern es akzeptieren.

Bei mir liegt die Sache noch ein wenig anders, denn ich gestehe, ich habe aus Vorsatz gehandelt. In meiner Geschichte, die ich eigentlich nur am Wochenende schreibe, habe ich heute eine Szene gehabt, die sich anfühlte, als ob ich sie nicht zu einem Abschluss bringen wollte. Dabei war klar, was zu passieren hatte. Und es war klar, dass es schnell passieren musste. Weil ansonsten die Glaubhaftigkeit der Geschichte dahin gewesen wäre.

Also habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und es dann hinter mich gebracht: Ich habe gerade einen dreijährigen Jungen faktisch zu einem Waisenkind gemacht und ihn in der Wildnis ausgesetzt. Ich bin nicht stolz darauf und es hat mir keinen Spaß gemacht, auch wenn die Szene am Ende, so glaube ich, richtig gut geworden ist. Es musste sein und deshalb ist es passiert.

Ohne blasphemisch sein zu wollen, in solchen Momenten verstehe ich, wieso Gott sich im großen und ganzen aus seiner Schöpfung heraushält. Jeden Tag möchte ich mich mit solchen Dingen auch nicht auseinandersetzen müssen.

Ein paar Gedanken zum Tag der deutschen Sprache

Heute ist der Tag der deutschen Sprache. Man möchte meinen, dass es sich dabei um so eine Art Feiertag für einen Autor handelt. Schließlich tun wir nichts anderes, als mit unseren Geschichten die deutsche Sprache zu benutzen, wie es uns gefällt und wie es unserer Sache dienlich ist.

Ich sehe es ein wenig differenziert. Ja, ich benutze die deutsche Sprache, aber das tue ich nicht, weil ich sie für die schönste oder die beste oder gar die wohlklingendste halte. Denn im Vergleich zu anderen Sprachen ist das Deutsche immer noch recht rumpelig und funktionell.

Nein, ich schreibe auf Deutsch, weil es die Sprache ist, in der ich mich am besten ausdrücken kann. Viele andere Sprachen bleiben mir persönlich nicht. Ich kann mich leidlich gut auf Englisch mitteilen. Französisch habe ich zwar mal in der Schule gehabt, aber es war damals schon alles andere als l’amour zwischen uns.

So bin ich also auf Gedeih und Verderb der deutschen Sprache ausgeliefert. 😉

Die Sprache setzt uns auch Grenzen, die genommen und überwunden werden wollen. Denken wir zum Beispiel an die Kollegen aus dem Bereich der Fantasy und der Science-Fiction. Die sind regelmäßig in der Situation, dass sie sich neue Wörter ausdenken müssen, weil das Deutsche keine Begrifflichkeit für das kennt, was sie ausdrücken wollen.

Habt ihr gemerkt, dass ich im vorherigen Absatz auch zwei englische Begriffe verwendet habe, weil die deutsche Entsprechung, der “phantastische Roman“ und der “Zukunftsroman“ zeitmäßig eher ins frühe 20. Jahrhundert passen als in unsere Gegenwart.

Die deutsche Sprache lebt also, sie verändert sich und man muss kein Prophet sein um zu ahnen, dass unsere Nachkommen irgendwann über viele unserer Wörter genauso schmunzeln werden, wie wir es über die Wörter von damals tun.

Das ist weder etwas gutes noch etwas schlechtes. Es ist einfach der Lauf der Dinge und mit ähnlichen Effekten haben alle Sprachen zu tun. Nicht umsonst haben einige unserer Wörter den Weg in die weite Welt geschafft. Kindergarten, etwa.

Um von der ganzen Theorie weg zu kommen sei gesagt, dass ich mit unserer Sprache im großen und ganzen eigentlich zufrieden bin. Sicher, mit einigen ihrer Eigenarten kann man gar nicht anders, als auf dem Kriegsfuß zu stehen. Ich meine: Grammatik. Verschiedene Zeitformen. Dativ, Genitiv, dem anderen sein Tod, ihr wisst schon.

Ich als jemand, der bei einer Behörde in Lohn und Brot stehe, sehe genau diese Eigenarten Tag für Tag und bei manchen Gelegenheiten denke ich mir: was tun wir unserer Sprache eigentlich an und wie können wir sie sehenden Auges nur so verhunzen? Was gibt es schon Schlimmeres als Behördensprech und Paragrafenjonglage …

Aber bei welcher Sprache liegen das lyrische und das funktionale so eng und einträchtig nebeneinander? In welcher Sprache kann man in einem Moment ungemein vertraut und im nächsten doch formal sein – ohne, dass es mordsmäßig gezwungen klingt?

Nein, alles in allem stelle ich fest, dass dieser Tag für mich kein Feiertag ist, aber auf jeden Fall einer, um kurz inne zu halten und einen oder zwei Gedanken daran zu verlieren, was Sprache für mich ausmacht. Was gerade unsere Sprache für mich ausmacht.

Unsere Sprache ist lebendig.
Unsere Sprache ist vielseitig.
Unsere Sprache stellt sich Problemen.
(Die sie sich manchmal selbst aufgehalst hat)

Ich mag unsere Sprache. Wie steht es bei dir?

Ein Gefühl, dem ich (manchmal) hinterher schreibe

Ich muss euch einfach schon wieder mit meinem Musikgeschmack nerven. Es tut mir leid, aber ich habe sehr gute Gründe dafür. Denn mir ist heute wieder einmal bewusst geworden, wie sehr Musik und die Gefühle, die sie in mir auslöst, mit meinem Schreiben zu tun haben. Es gibt sie, diese Lieder, die in mir so starke Gefühle auslösen, dass ich mir wünschen würde, ich könne sie 1:1 in meine Geschichten übernehmen. Manchmal, wenn ich das Gefühl habe, dass ich zu flach bin in dem, was ich schreibe, erinnere ich mich an den einen oder anderen Melodieverlauf und versuche, auf dieses Gefühl hinzuschreiben. Es für mich zu adaptieren und etwas eigenes daraus zu machen.

Manchmal müssen Lieder lange dafür in mir reifen, manchmal erwischen sie mich wie ein Paukenschlag.

So wie „Nach dem Sturm“ von Lacrimosa.

Über die Band selbst ist in den letzten 26 Jahren schon so gut wie alles negative und positive gesagt worden. Ich habe den Werdegang fast von Beginn verfolgt und mich mal mehr und mal weniger gut in der Musik wiedergefunden. Aber dass ich noch einmal so von den Socken gehauen werden würde wie von diesem Lied, das hatte ich nicht erwartet.

Ja, ich weiß, über den Gesang kann man streiten. Habe ich alles schon hinter mich gebracht. Und ja, die Gesten sind dieselben, über die man schon vor zwanzig Jahren geteilter Meinung sein durfte. Aber vor allem ja: Ich kenne nach wie vor keine Band, die die Melange aus klassischen Elementen und Rockmusik so symbiotisch hinkriegt.

„Nach dem Sturm“ ist Sehnsucht, ist Melancholie, ist aber auch Hoffnung, Geborgenheit, Erinnerung, vielleicht Liebe, vielleicht Verlust. Wer bei der klagenden Gitarrenlinie nicht wenigstens ein oder zwei der genannten Emotionen spürt, tut mir, ehrlich gesagt, ein wenig leid.

„Nach dem Sturm“ ist ein Gefühl, dem ich manchmal hinterher schreibe. Und eines Tages werde ich es genau so zu Papier bringen. Wenn es zu der Geschichte passt, die ich dann schreiben werde.