Warum es wichtig ist, Sympathieträger für seine Geschichten zu entwickeln

Es gibt da eine Sache, an der erstaunlich viele Geschichten kranken. Und zwar, dass man sich als Leser oder Zuschauer schwer damit tut, für irgendeine der handelnden Personen so etwas wie Sympathie aufzubringen.

Wir kennen das aus dem richtigen Leben: Wenn uns jemand sympathisch ist, dann nehmen wir Anteil an dem, was ihm passiert. Wir freuen uns mit ihm, wenn er etwas schönes erlebt und wir leiden mit ihm, wenn er wieder einmal einen Schicksalsschlag zu erleiden hat.

Wenn uns jemand egal ist, dann ist uns meistens auch egal, wie es ihm ergeht. Und ganz schlechte Karten hat jeder, den wir nicht leiden können. Denn dann kann er, zusätzlich zu seinem Missgeschick, noch darauf zählen, dass wir uns insgeheim vielleicht sogar darüber freuen. Weil es ihm, aus unserer Sicht, recht geschieht.

Was im richtigen Leben zwar auch eine Rolle spielt, aber nicht entscheidend ist, weil wir uns die Menschen, mit denen wir zu tun haben, nur bis zu einem gewissen Grad aussuchen können, ist für Geschichten von geradezu elementarer Wichtigkeit. Denn wenn jemandem die Figuren, über die er liest, egal sind, dann gibt es eine große Wahrscheinlichkeit dafür, dass er oder sie das Buch bei nächster Gelegenheit einfach zuschlagen und nie wieder anrühren wird. Und auch die Fälle, in denen man ein Buch liest, bei dem alle Charakter einem unsympathisch sind, sind wohl eher rar gesät.

Ich habe mir dieser Tage einen Film angesehen, der ziemlich gut erkennen lässt, wie sich diese Problematik äußern kann. Aber wie gesagt, es hat auch schon Bücher gegeben, bei denen ich mir dasselbe gedacht habe. Der Film, von dem ich spreche, stammt aus dem Jahr 1980 und heißt „Urban Cowboy“. Die Hauptrollen spielen John Travolta und Debra Winger.

Travolta spielt Bud Davis, der vom Land nach Houston kommt, um dort Arbeit zu finden. Von seinem Onkel wird er in die größte lokale Country- & Westernbar geführt, wo praktisch jeden Abend High-Life ist, Countrybands spielen und mit allerlei typischem Amüsement wie einer Maschine zur Messung der Schlagkraft oder auch (nicht ganz unwichtig für die Geschichte) einem mechanischen Bullen aufgewartet wird.

Aber lassen wir, für diesen Blog etwas untypisch, die Geschichte mal weitgehend beiseite und konzentrieren wir uns auf die Figuren. Da haben wir Bud (Travolta), der innerhalb der ersten zwanzig Filmminuten die junge Sissy (Winger) kennen- und lieben lernt und sie Knall auf Fall heiratet. Ganz stilecht mit Wohnsitz im Trailerpark.

Dazu kommen der auf Bewährung entlassene Bankräuber Wes (Scott Glenn) und die elegante Pam (Madolyn Smith), die als Tochter aus gutem Hause auf der Suche nach einem „echten Cowboy“ ist.

Im Laufe der etwas über zwei Stunden passiert mit diesen Figuren nun folgendes (Spoiler lassen sich hier nicht vermeiden):

Bud behandelt Sissy mies, ist herrisch ihr gegenüber, kommandiert sie herum und verbietet ihr zum Beispiel, auf dem elektrischen Bullen zu reiten. Er wird sogar handgreiflich. Sissy schmeißt sich daraufhin an Wes heran, der ihr beibringt, den Bullen zu bändigen. Bud wird mega-eifersüchtig und lässt sich, um es Sissy zu zeigen, nur zu bereitwillig von Pam abschleppen, mit der er Sissy betrügt. Die zieht, nachdem sie vergeblich auf Bud gewartet hat, aus dem gemeinsamen Trailer aus und bei Wes ein, mit dem sie nun ihrerseits Bud betrügt. Sie demütigt ihn des Weiteren vor aller Augen, indem sie eine laszive Show auf dem Bullen hinlegt.

Dennoch will sie Bud eigentlich zurück haben, putzt (zum ersten Mal) den Trailer und hinterlässt Bud einen Brief. Der wird von Pam entdeckt und, natürlich, vernichtet. Weil Sissy nun glaubt, dass Bud nichts mehr von ihr wissen will, kommunizieren die beiden nur noch via abfälliger Gesten miteinander (by the way: Selten zeigte eine Frau so grazil ihren Mittelfinger wie Debra Winger in diesem Film).

Nun wird Sissy aber ihrerseits von Wes betrogen, der, als die bei ihm ausziehen will, grob gewalttätig wird und Sissy nunmehr vollends unterdrückt. Bud ist seinerseits eigentlich immer noch scharf auf Sissy und benutzt Pam weiterhin nur, um diese doch bitte irgendwann so sehr eifersüchtig zu machen, dass sie zu ihm zurückkehrt.

Am Ende passiert, was in Hollywood passieren muss. Es gibt einen Schicksalsschlag, der, wieso auch immer, Pam als erste zur Vernunft bringt. Sie beichtet Bud das mit dem Brief, der kann Sissy gerade noch vor dem prügelnden und wieder straffällig werdenden Wes retten und nach 120 von 129 Minuten schafft Bud es dann endlich, Sissy zu erklären, wieso er, der Cowboy vom Land, mit seinem Stolz nicht anders handeln konnte, als er es tat. Ende.

Das Problem ist nur, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon vollkommen egal war, was Bud oder Sissy oder irgendeiner zu seiner Verteidigung vorzubringen hatte. Denn die Figuren dieses Quartetts, jede einzelne von ihnen, hatte bis dahin so viele Hände-vor-den-Kopf-schlag-Momente abgeliefert, dass ich mehrfach kurz davor war, den Film einfach auszumachen.

Denn wenn man ehrlich ist, dann verhält sich Bud über den ganzen Film hinweg wie ein arroganter Arsch (mit Verlaub). Und das als unsere nominelle Hauptfigur. Bei wirklich jeder möglichen Ausfahrt, bei jeder Situation, wo man sich denkt, dass er die Kurve kriegen könnte, biegt er falsch ab und untermalt das meistens noch mit derben Sprüchen und starrem Blick. Mag sein, dass Travolta mit seiner Vita bis dahin einiges von dieser Wirkung bei den (weiblichen) Fans abmildern konnte, aber 38 Jahre später wirkt das einfach nur unsympathisch und in manchen Szenen geradezu widerlich.

Sissy, die man eigentlich für das Opfer des Ganzen halten könnte, ist aber auch nicht besser. Sie ist die erste, die mit einem anderen kokettiert und auch wenn sie nicht die erste ist, die den Betrug wirklich vollzieht, setzt sie das Spiel erst in Gang. Wenn Debra Winger nicht eine so verletzliche Ausstrahlung hätte, wäre es wirklich ein leichtes, Sissy die ganzen Demütigungen zu gönnen, die sie sich später noch zuzieht, weil sie als erste demütigt und verletzt.

Wes, der von Scott Glenn gespielt wird, als sei er eine Reinkarnation von Clint Eastwood mit Sodbrennen, wird vom Drehbuch gleich gar nichts weiter mitgegeben als eine erst unterschwellig und dann immer deutlicher zu Tage tretende Brutalität. Der Satz, der mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, charakterisiert ihn am besten: „Von einem Mann wir mir kannst du nicht erwarten, dass er einer Frau treu ist. Das ist doch wohl klar.“

Und Pam ist, so leid es mir tut, das sagen zu müssen, nicht mehr als das Klischee eines Töchterchens, das sich einen Arbeiter von der Straße aufliest, um sich auch mal als Teil des Milieus zu fühlen. Sie spielt die Eheleute bewusst gegeneinander aus und versucht wahlweise, Bud zu domestizieren, oder ihn als Deckhengst zu gebrauchen. Sie ist zwar nett anzusehen, aber mehr als kühle Berechnung verbirgt sich nicht hinter der angemalten Fassade.

Nun – nachdem ich viel mehr über diese Menschen geschrieben habe, als ich es eigentlich wollte, sagt mir eines: Wen soll man denn aus diesem Quartett als Sympathieträger ansehen? Wessen Schicksal soll einen am Ende berühren?

Der Film macht auf so viele erdenkliche Arten alles falsch, dass es schwer ist, es aufzuzählen. Dabei hilft ihm auch nicht, dass er formal wirklich gut gespielt und gedreht ist. Eine Parallele zu einem Buch mit Charakteren, die einen nicht berühren. Die Sprache kann noch so gewählt, der Satzbau so geschliffen und die Handlung so gut geplottet sein – wenn die Figuren einer schlimmer als der nächste sind, dann hilft das alles nichts.

Denn dann ärgert man sich und wenn man sich ärgert, dann macht man als Leser die Schotten dicht. Einen Film kann man eher durchstehen, auch wenn er über zwei Stunden dauert, als ein Buch, mit dem man viele Tage verbringt und das irgendwann anfängt, sich wie Kaugummi zu ziehen.

Deswegen kann ich nur an die Autor/innen unter euch appellieren (und es mir selbst hinter die Ohren schreiben): Sorgt dafür, dass ihr wenigstens eine Figur unter euren Protagonisten habt, mit denen der Leser sympathisieren kann. Eine Person, die ihm nahe geht. Ihr tut ihm und damit auch euch einen großen Gefallen. Denn wenn der Leser sich positiv emotional berührt fühlt, dann wird er viel mehr Anteil an eurer Geschichte nehmen. Er wird sich eher dazu veranlasst sehen, sie anderen Lesern zu empfehlen. Und er wird gerne an das Leseerlebnis zurückdenken.

Das ist es doch, was wir eigentlich möchten. Wir möchten unsere Leser unterhalten und ihnen ein paar schöne Stunden schenken. Gründe, sich zu ärgern, haben sie wahrscheinlich in ihrem Leben ohnehin genug.

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Wie die Zeit (in Romanen) vergeht

Ein Roman führt seine Protagonisten von einem Punkt A zu einem Punkt B. Jedenfalls dann, wenn er sich so versteht, dass er die Reise einer Hauptfigur oder einer Gruppe von Hauptfiguren verfolgt. Die meisten Romane tun das. Und damit müssen sich auch die meisten Autoren damit auseinander setzen, wie sie diese Zeitabläufe, die sich daraus ergeben, im Roman darstellen wollen.

Denn nicht jede Handlung lässt sich in einem eng gesteckten Rahmen erzählen. Manche Geschichten spannen sich über Jahre, gar Jahrzehnte. Es gibt einige hervorragende Romane, die das gesamte Leben ihrer Hauptperson begleiten und diese zu verschiedenen einschneidenden Phasen dieses Lebens zeigen.

Andere Romane komprimieren ihr Geschehen auf einen eher überschaubaren Zeitstrahl. Das gilt, zum Beispiel, für viele Krimis und Thriller, in denen es oft eine direkte Bedrohung oder eine direkte Gefährdungslage gibt, welche es für die Handelnden nötig macht, einzugreifen und möglichst schnell zur Tat zu schreiten.

Aus dieser Verdichtung lässt sich Spannung erzeugen, denn wenn etwa das Leben einer Geisel auf dem Spiel steht, dann fiebert man mit hoher Aufmerksamkeit dem Moment entgegen, in dem der Ermittler den entscheidenden Schritt macht, um diese vielleicht doch noch den Fängen des Verbrechers zu entreißen. Hierfür ließen sich wirklich unendlich viele Beispiele aufführen.

Und dennoch ist das, was beim Lesen so leicht wirkt, eine gar nicht so einfache Disziplin, wie ich finde. Ich tue mich regelmäßig schwer damit, den richtigen Ton zu treffen, um einen kleineren oder größeren Zeitsprung einzufügen. Gerade dann, wenn ich zuvor über einen langen Zeitraum hinweg die Geschehnisse praktisch in Echtzeit geschildert habe.

In meinem aktuellen Romanprojekt „Das Kind“ ist es etwa so, dass die ersten acht Kapitel sich über einen Zeitraum von gerade einmal zwei Tagen erstrecken. Die kleinen Zeitsprünge, die es gibt, ergeben sich durch die notwendigen Ruhepausen, die meine Figuren einlegen. Also im Prinzip, indem sie einige Stunden verschlafen.

Ich brauche diese recht lange Wegstrecke, um das Setting für den weiteren Roman aufzubauen. Es wäre einfach nicht logisch, wenn sich zu diesem Zeitpunkt, an dem gerade der gerettete jüdische Junge in die Familie gekommen ist, mehrere Wochen vergehen würden, in denen praktisch nichts passiert.

Jetzt aber bin ich an dem Punkt, an dem ein solcher Zeitsprung nicht nur möglich, sondern sogar angeraten ist. Die Handlung, die ich mir zurechtgelegt habe, macht es nötig, einige Wochen zu überspringen. In dieser Zeit passiert natürlich trotzdem einiges, aber es ist nicht im Detail von Interesse.

Für mich fühlt es sich dennoch komisch an, auf einmal längere Zeiträume mit verhältnismäßig wenigen Worten zu überbrücken. Ein Grund dafür ist, dass ich eine sehr nahe Erzählperspektive gewählt habe und, wenn ich wollte, jeden Gedanken meines Protagonisten protokollieren könnte. Und von denen wird er sich, zwangsläufig, einige machen in der Zeit, die ich nicht schildern möchte.

Man muss sich in seine Situation versetzen: Er nimmt ein großes Risiko nicht nur für sich, sondern auch für seine ganze Familie auf sich. Wenn es mir so ginge, dann würde ich wahrscheinlich den halben Tag mit Grübeleien verbringen.

Aber hier muss man als Autor den Cut machen und sich überlegen, ob diese Gedanken und Grübelphasen die Handlung wirklich vorwärts bringen. Und wenn das verneint werden kann, dann lässt man sie einfach weg. Ein Luxus, den wir im echten Leben nicht haben, wenn wir über Dinge nachgrübeln. Denn auch dort bringt es uns ja meistens nicht vom Fleck – das aber nur am Rande.

Im Film kann sich der Regisseur die Sache mit den Zeitsprüngen einfach machen: Er fügt einfach eine dieser berühmten Einblendungen zu, dass wir uns jetzt zwei Jahre später befinden. Und wenn sein Zeitsprung länger ausfällt, dann greift er auf einen begabten Maskenbildner oder gleich einen anderen Schauspieler zurück, um zu verdeutlichen, dass viel Zeit vergangen ist.

Prinzipiell kann man natürlich in einem Roman auch so vorgehen, keine Frage. Ich würde es aber eher als ein etwas grobschlächtiges Vorgehen ansehen.

Und so bin ich so schlau, als wie zuvor. Für den Moment behelfe ich mich mit einer kurzen Zusammenfassung der übersprungenen Wochen zu Beginn des aktuellen Kapitels. Ob mir das für die spätere Endfassung immer noch so gefällt, oder ob ich mir doch noch etwas besseres einfallen lasse, kann ich gerade noch nicht einschätzen. Bisher haben sich die meisten meiner Romane tatsächlich innerhalb weniger Tage abgespielt. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern mehr dem Genre, in dem sie sich abspielen, geschuldet.

Mich würde interessieren, wie ihr es handhabt, falls ihr selber schon Geschichten mit kleineren oder größeren Zeitsprüngen geschrieben habt. Oder kennt ihr besonders gelungene Beispiele, in denen der Zeitwechsel nicht so wirkt, als sei er mit der Brechstange künstlich eingefügt oder dem Autor sei einfach nichts eingefallen, was er für diesen Zeitraum hätte erzählen können?

Verratet es mir doch gerne in den Kommentaren! 🙂

Vom Respekt gegenüber den Menschen im Holocaust

Deutschland und vor allem die deutsche Musikindustrie hat in den vergangenen Wochen ja eine lautstarke Diskussion über Respekt im Umgang mit dem Gedenken an die Opfer des Holocaust geführt. Auslöser war, ihr werdet es rückwärts pfeifen können, aber der Vollständigkeit halber will ich es erwähnen, die Verleihung des „Echo“ an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang, auf deren Album sich in einem Lied Zeilen finden lassen, die eben diesen Respekt vermissen lassen.

Nun, in der Zwischenzeit ist der „Echo“ Geschichte, hat so ziemlich jeder im Musikbusiness seinen Wortbeitrag geleistet und ist die ganze Sache ein klein wenig aus den täglichen Nachrichten verschwunden. Aus meiner Sicht der richtige Zeitpunkt, das zu schreiben, was ich zu diesem Thema schreiben möchte. Denn mir geht es nicht um die beiden Rapper, mir geht es nicht um ihr Lied. Es geht mir um den Respekt im Allgemeinen.

Wir leben in Zeiten, in denen sich die alte Frage, wie viel Respekt und wie viel Erinnerungskultur wir dem Thema Holocaust, aber auch allgemein der Verfolgung von Bevölkerungsgruppen wie Sinti und Roma, Homosexuellen oder auch Zeugen Jehovas entgegenbringen sollen, auf eine Weise wieder stellt, wie sie es vielleicht seit den achtziger Jahren nicht getan hat.

Durch den Einzug der AfD in viele Parlamente und Strömungen, die es zumindest in Teilen dieser Partei gibt, durch das Erstarken von rechtspopulistischen Gedanken und, auf die Literatur bezogen, durch die Tätigkeit von einschlägigen Verlagen ist das Thema wieder in unserem Alltag angekommen.

Das macht es für einen einfachen kleinen Autoren wie mich nicht einfacher. Denn einerseits bin ich selber sehr sensibilisiert dafür, wie man „richtig“ mit diesem Teil unserer Geschichte umgeht, andererseits möchte ich auch den Menschen, die damals gelebt haben und gestorben sind, die gekämpft und gelitten haben, nicht noch mehr von jenem Unrecht angedeihen lassen, das ihnen heute manchmal getan wird. Bewusst oder unbewusst.

Ich schreibe ja, wie ihr wisst, an einem Roman, der im Jahr 1942 im besetzten Polen spielt. Eine meiner Figuren ist ein jüdischer Junge, der durch das beherzte Tun seiner Eltern aus einem der Todeszüge von Warschau nach Treblinka gerettet wird. Sofern es eine Rettung ist, einsam und verloren mitten in einem polnischen Wald zu sitzen, dem Erfrieren nahe. Doch – gemessen an dem, was ihn am Bestimmungsort seiner Reise erwartet hätte, ist es zumindest ein Aufschub. Und, weil es ja nun einmal eine Geschichte ist, wird er ja auch von meinem Protagonisten aufgefunden und zu sich genommen.

Für mich bedeutet Respekt zum Beispiel, dass ich nicht versuche, die Figuren der Eltern des Jungen darzustellen wie tatenlose Opfer. Denn das ist nicht, was sie gewesen sind – das ist das, zu was sie gemacht wurden. Indem man ihnen ihre Hoffnung nahm, ihr Zuhause und am Ende ihr Leben, hat man sie zu Opfern gemacht.

Dabei waren sie – und in meinem Roman sind sie es – Menschen!

Das ist etwas, was mir in der Diskussion, die in der letzten Zeit geführt wurde, ein wenig zu kurz gekommen ist. Die Auseinandersetzung damit, dass wir hier nicht von anonymen „Auschwitzinsassen“ reden, wie es in dem Liedtext der Fall ist. Nein, diese „Insassen“ waren Menschen. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Menschen, die man zu Opfern gemacht hat. Indem man sie hergenommen und ganz langsam all ihrer Menschlichkeit beraubt hat.

Ich lese gerade das Buch „Auschwitz. Zeugnisse und Berichte“, das in seiner ersten Auflage bereits 1962 erschien. In dieser Sammlung haben die Herausgeber H.G. Adler, Hermann Langbein und Ella Lingens-Reiner versucht, durch die Stimmen der Überlebenden ein differenziertes Bild vom Lagerleben zu zeigen. Ein Buch, das betroffen macht. Ein Buch, das berührt. Aber eben auch ein Buch, das aufzeigt, dass nicht jeder Mensch von Anfang an zum Opfer bestimmt war.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, der als Begriff oft stellvertretend für alle Gräuel in den Konzentrationslagern gebraucht wird, ist für die Kunst immer ein Balanceakt. Zu leicht gleitet man in den Bereich der puren Exploitation ab. Etwas, vor dem nicht einmal die ganz Großen gefeit sind – oder als gefeit angesehen werden. Man erinnere sich, wie viel Skepsis Steven Spielberg entgegengebracht wurde, als bekannt wurde, dass er „Schindlers Liste“ dreht. Der Kerl mit den Dinos und dem Typ mit dem Hut sollte ein ernsthaftes Drama über die Judenvernichtung drehen!?

Wir wissen, was daraus geworden ist.

Nun bin ich kein Spielberg. Werde auch nie einer sein. Aber ich versuche, mich meiner Handlung und meinen Personen ebenso würdig zu nähern. Weil ich nicht „08/15“ sein will.

Das macht es manchmal schwierig, überhaupt an dem Manuskript zu arbeiten. Denn es ist das eine, schlechten Text zu produzieren. Aber es ist etwas ganz anderes, respektlos zu sein. Für mich jedenfalls ist das ein ganz gewaltiger Unterschied. Deswegen geht es im Moment recht langsam weiter, was den reinen Text anbelangt. Aber in mir arbeitet es – und das ist gerade für diese Geschichte ebenso wichtig, glaube ich.

Ich wünsche mir im Allgemeinen, dass wir als Gesellschaft – und da schließe ich sie alle mit ein, die Musiker, die Politiker, die Verleger, nicht zuletzt die Lehrer in den Schulen – dahin kommen, die Verantwortung, die wir haben, wahrzunehmen. Ich spreche nicht davon, dass wir, die wir in der Mehrzahl inzwischen nach dem Krieg geboren wurden, die Schuld auf uns nehmen. Aber wir haben eine Verantwortung dafür, dass wir insbesondere diesen Teil unserer Geschichte mit Respekt für die Menschen gestalten. Dass wir begreifen, dass dieser Respekt notwendig ist. Auch heute noch. Gerade heute noch!

Das wird jemanden, der behauptet, in Auschwitz habe es nie Gaskammern gegeben, nicht bekehren. Soll es auch nicht. Aber wenn dadurch auch nur ein einziger junger Mensch ins Nachdenken gerät, was das eigentlich ist, so ein „Auschwitzinsasse“ und wie er war, bevor er zu einer Nummer auf einer Todesliste geworden ist, dann ist schon viel erreicht.

Mein Roman, wenn er denn irgendwann fertig ist, wird da vielleicht nicht viel ausrichten können. Er soll am Ende unterhalten, nicht belehren. Sonst müsste ich ein Sachbuch schreiben. Aber das hält mich nicht davon ab, Respekt zu haben, Respekt zu zeigen und auch Respekt einzufordern.

Weil ich über Menschen schreibe, die es zwar in der Realität nie gegeben hat, die aber so oder so ähnlich zumindest denkbar gewesen wären.

Warum schlechter Text dich weiterbringt: Das ist meine Begründung

Von Stephen King stammt die Autorenweisheit, dass man bei geschlossener Tür schreiben und bei geöffneter Tür überarbeiten soll. Damit meint er nichts anderes, als dass man sich während des Schreibprozesses auf sich selbst, auf seinen Text, auf seine Arbeit konzentrieren soll. Jede Störung von außen ist zu diesem Zeitpunkt genau das: Eine Störung, die den Arbeitsprozess negativ beeinflussen könnte. Oder positiv. Aber auf jeden Fall eine Beeinflussung.

King zielt mit diesem Ausspruch vor allem auf externe Einflüsse ab, etwa, indem man einen Text, an dem man arbeitet, einem Leser zur Begutachtung gibt. Oder, indem man einen Textteil schon einmal an einen Textprofi gibt.

Aber wie steht es eigentlich mit den inneren Einflüssen? Nun, das ist etwas, mit dem verschiedene Autoren ganz unterschiedlich umgehen.

Ich gehöre zu den Schreibern, die sich während des Schreibprozesses nicht zu sehr mit dem auseinandersetzen, was sie bis jetzt geschrieben haben. Von anderen Autoren weiß ich, dass sie sich, als Beispiel, vor dem Beginn der Arbeit die letzte Seite durchlesen, die sie am Tag zuvor geschrieben haben. Sie brauchen das, um wieder rein zu kommen in ihren Text.

Einige fangen sogar während dieses Schrittes schon an, den Text zu redigieren. Wenn ihnen etwas auffällt, dann verbessern sie es. Sie machen damit schon eine Teilüberarbeitung.

Mich würde das, gelinde gesagt, wahnsinnig machen. Außerdem bin ich der Ansicht, dass auch schlechter Text durchaus in der Lage ist, einen in der persönlichen Entwicklung weiter zu bringen.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Ich schreibe ja an einem Roman über das Schicksal eines Kindes zur Zeit der Judenverfolgung im vom Deutschen Reich besetzten Polen. Dieser Roman ist auf seine Art ein wenig speziell, weil ich zwar versuche, eine tatsächliche Handlung voranzutreiben (es wird also kein Drama), aber gleichzeitig sicherstellen möchte, dass ich nicht zu „flach“ werde in Sprache wie in Geschichte.

Das gelingt mir an manchen Tagen recht gut. Und dann gibt es Tage wie gestern, an denen ich schon während des Schreibens merke, dass irgendwas nicht so richtig stimmt. Lasst mich euch einen Textauszug zeigen:

Frantisek schaut sich Oleg von oben bis unten an, dann sieht er wieder zu Tomasz.
»Ich will so einen nicht in meiner Nähe haben.«
»Er ist ja nicht in deiner Nähe. Er ist bei mir im Haus.«
»Das direkt gegenüber liegt. Ich will den nicht hier haben«, wiederholt Frantisek.
»Hast wohl Angst, dass ich die Luft verpeste, oder was? Soll ich mal rüberkommen und dich anhauchen? Würde dir das gefallen?«
Oleg macht Anstalten, zu Frantisek zu laufen, aber Tomasz hält ihn davon ab: »Wir wollen keinen Ärger haben.«
»Ich hab keinen Ärger«, sagt der Alte. »Ich habe Spaß. Und ich habe Hunger. Wann gibt es jetzt endlich Frühstück?«

Zwei der drei Männer, die da auf der Straße stehen, sind dem Leser zu diesem Zeitpunkt schon gut bekannt. Tomasz ist derjenige, der den kleinen jüdischen Jungen im Wald aufgelesen und mitgenommen hat. Oleg, der vermeintliche Dorftrottel mit tragischer Vergangenheit, erweist sich als wertvolle Hilfe im Existenzkampf der kleinen Familie.

Der Nachbar Frantisek hat hier seinen ersten Auftritt. Seine Rolle im Roman ist mir noch nicht ganz klar, aber ich weiß, dass ich die Nachbarn nicht außen vor lassen kann, aus verschiedenen Gründen.

Schon während ich diesen kurzen Auszug schrieb (der Gesamtdialog ist noch ein wenig länger) wurde ich unzufrieden mit der Art, in der sich Frantisek verhält. Er agiert zu eindimensional, indem er Oleg, den er für eine Bedrohung seiner bürgerlichen Ordnung hält, direkt und, sagen wir, wie es ist, platt angreift. Dieser wiederum reagiert auf ähnliche Weise und schon habe ich einen Dialog, in dem sich zwei Männer, die sich vorher vielleicht höchstens vom Sehen kannten, gegenseitig anzicken.

Die Handlung des Romans wird dadurch nicht vorangebracht, ganz im Gegenteil, ich nehme mir vielleicht Optionen, die ich später in Bezug auf die Nachbarschaft zwischen Tomasz und Frantisek gewinnbringender einbauen könnte.

Wie gesagt, das Störgefühl hatte ich schon, als ich die Passage schrieb und dennoch befindet sie sich so in meinem Manuskript. Und wieso? Weil ich denke, dass es gerade auch die schlechten Textteile sind, die uns in unserer Arbeit weiterbringen können.

Text, den wir für gut befinden, schauen wir uns gerne immer mal wieder an. Jeder von euch, der selber schon mal geschrieben hat, wird es kennen, dass er sich besonders gelungene Passagen seines Werks gerne wieder durchliest und sich darüber freut, wie gut das doch gelungen ist.

Aber aus dieser Betrachtung, die nur zu schnell oberflächlich wird, kann man nichts lernen. Ich habe es versucht, glaubt mir, aber außer „boah, ist das gut“ bleibt einfach nicht viel im Gedächtnis.

Dagegen kann ich Passagen in meinen Romanen, bei denen ich (inzwischen) sehe, dass etwas nicht stimmt, auf eine Art und Weise betrachten, die mich weiter bringt. Auch wenn ich einräume, dass ich erst einige Erfahrungen sammeln musste, sei es durch Testleser, sei es durch das Lektorat, sei es durch das Schreiben an sich, um diese Stolpersteine in etwas gewinnbringendes umwandeln zu können.

Wenn ich mir diese Textstellen noch einmal durchlese, spätestens in der Überarbeitung, dann habe ich meist schon genaue Vorstellungen davon, wie ich sie anpassen muss. Und zwar, weil ich sie anpassen muss, da ich, inspiriert durch das schlechte Gefühl, das ich beim Schreiben hatte, zukünftige Stellen anders, ich denke besser, angehen kann.

Natürlich ergeben sich dadurch mögliche Inkonsistenzen. Aber ich behaupte, dass die sich sowieso ergeben. Zumindest dann, wenn man nicht alles von vornherein minutiös durchplant. Aber meine Einstellung dazu kennt ihr ja inzwischen 😉 .

Bezogen auf den oben gezeigten Ausschnitt bedeutet das soviel, dass ich mir nun, wo ich ein Problem erkannt habe, Gedanken dazu machen kann, wie ich meinen Nachbarn Frantisek eigentlich haben will. Bestenfalls dient dies dazu, ihn als Charakter, oder zumindest als Plotpunkt, greifbarer und dadurch auch besser zu machen.

Ja, meine drei Figuren werden sich immer noch auf der Straße getroffen haben. Aber die Tatsache als solche ist ja nicht das Problem. Ihr Zusammenspiel ist es. Und das kann im Zuge der Überarbeitung, wenn ich viel genauer weiß, wie sich das alles und die drei zueinander eigentlich verhalten, entscheidend verbessert werden.

Wenn ich den Text jetzt sofort löschen würde, dann könnte ich mich schlimmstenfalls hinterher nicht mehr daran erinnern, was genau mich eigentlich gestört hat. Klar, ich könnte es notieren oder den betreffenden Text sogar separat abspeichern, aber das wäre – für mich – nicht dasselbe.

Auf diese Weise bringt auch schlechter Text mich weiter. Auf eine verquere Art vielleicht sogar eher, als guter Text es könnte. Obwohl wir letztlich doch alle nach Perfektion streben. Kann es einen schöneren Widerspruch in sich geben?

Damit Kreativität nicht zur Belastung wird

Ich behaupte, ich habe diese Woche etwas gelernt. Gut, das habe ich schon häufiger geglaubt, aber vielleicht schaffe ich es dieses Mal, diesen Gedanken nicht nur zu fassen, sondern ihn auch zu kultivieren, also ihn längerfristig in die Tat umzusetzen.

In der Vergangenheit habe ich oft mit meinem kreativen Output gehadert. Ich fühlte mich sehr schlecht, wenn ich nicht gefühlt jeden Tag mindestens xy Worte an meiner gerade in Arbeit befindlichen Story geschrieben und nach Möglichkeit noch einen Blogbeitrag rausgehauen habe. Und dann war da ja noch der ganze Krimskrams drumherum, der erledigt werden sollte, so wie Social-Media, die Vereinsarbeit oder administrative Dinge.

Das alles zu erledigen fiel mir nie besonders leicht und in Zeiten wie diesen, in denen es noch große Belastungen außerhalb des Schreibens gibt und gab, wurde es zu einer Unmöglichkeit. Ich bin ein schneller Schreiber, aber dennoch kann ich nicht 500 Wörter für einen Blogbeitrag und, sagen wir, noch einmal 500 Wörter für einen Text raushauen, nebenbei mehrere Forenposts erstellen, Twitter füttern, Literaturagenturen raussuchen und anschreiben, und, und, und. Und das alles in der kurzen Zeit, die mir neben Brotjob, Familie und Entspannung bleibt.

Also ging es mir, in Hinsicht auf meinen kreativen Output, eigentlich permanent mies. Gewiss, es gab Tage, an denen es sich so anfühlte, als ob ich „die Kurve kriegen“ und das Unmögliche möglich machen könnte. Aber das waren Ausnahmen, die noch dazu viel Energie auffraßen. Energie, die mir dann am folgenden Tag doppelt und dreifach wieder fehlte.

Nun bin ich ja nicht dumm, behaupte ich einfach mal. Vielleicht manchmal schwer von Begriff, aber nicht dumm. Und deswegen ist es beinahe schon eine Schande, dass ich die Scheuklappen nicht früher abgesetzt habe.

Diese Woche bin ich für mich zu dem Entschluss gekommen, dass im Endeffekt alles, was ich unter dem Banner „Autor“ treibe, eine kreative Arbeit ist. Denn ich erschaffe etwas aus dem Nichts, das vorher nicht da gewesen ist: Ich schreibe einen neuen Blogeintrag, ich schreibe eine Geschichte. Ich bringe neue Weisheiten (oder so ähnlich) über Twitter unters Volk. Ich mache und plane an Projekten herum, die mit der Schriftstellerei zu tun haben.

Um nur Beispiele zu nennen:

Wenn ich mich mit der Planung für meine Lesung in Leipzig beschäftige, dann ist das Autorentätigkeit.

Wenn ich mich lang und breit mit dem Programm der Leipziger Buchmesse beschäftige, dann ist das Autorentätigkeit.

Wenn ich E-Mails oder sonstige Nachrichten mit anderen Autoren austausche, dann ist das jenes berühmt-berüchtigte „Netzwerken“ und damit eine Autorentätigkeit.

Und wenn ich mich damit befasse, Geschichten von mir an eine Agentur oder einen Verlag zu bringen, dann ist das eine Autorentätigkeit.

Und, wohlgemerkt, damit habe ich noch keinen einzigen Satz an irgendeinem tatsächlichen Romanprojekt geschrieben. Schande über mich.

Die Lösung für mich, um mein permanentes schlechtes Gewissen zu überlisten, lautet in Zukunft also so, dass ich anstrebe, mich jeden Tag mit irgendeiner Tätigkeit aus dem breiten Spektrum der Autorentätigkeiten zu beschäftigen. Das kann eine lange Beschäftigung sein, das kann eine kurze Beschäftigung sein. Manchmal kann es auch überraschend lang werden, so wie gerade heute, als ich mich mit dem Backend einer Homepage herumgeärgert habe, wofür locker eineinhalb Stunden drauf gegangen sind.

Wichtig ist, dass ich mich nicht selber niedermache, nur weil der Wordcount nicht gestiegen ist oder es vielleicht den zweiten Tag in Folge keinen Blogbeitrag gegeben hat. Und daran will ich arbeiten.

Denn wenn Kreativität eine Belastung wird, dann versteht es sich von selbst, befürchte ich, dass die Ergebnisse entsprechend mittelmäßig ausfallen. Und dann habe ich weder auf dem Weg dorthin, noch zum Ende wirklich Spaß an dem, was eigentlich Spaß machen sollte. Nämlich mit der Beschäftigung als Autor, als kreativer Geist.

Und deshalb habe ich auch kein schlechtes Gewissen, dass ich heute keine Zeile an meiner aktuellen Story geschrieben habe. Na und, dafür waren es gestern über 2.000.

Ein wenig mehr Mut zur Gelassenheit und alles könnte ganz anders aussehen. Ich bin bereit, es auszuprobieren.

Vorausgesetztes Wissen beim Leser, oder: Wer kennt Kemm’sche Kuchen?

Wir nähern uns mit großen Schritten dem Weihnachtsfest, überall liegt der Duft von Tannennadeln und Glühwein in der Luft und kitschige Musik dröhnt aus dem Radio. Das ist doch die passende Gelegenheit, um euch endlich eine Begebenheit aus dem Sommer zu erzählen, nicht wahr?

Dabei ist sie eigentlich ziemlich zeitlos und illustriert ein Problem, auf das man als Autor von Romanen immer wieder acht geben muss: Wie viel Wissen darf man beim Leser eigentlich voraussetzen?

Die meisten Menschen lesen Romane zum Zweck der Unterhaltung. Und auch wenn ich gar nicht abstreiten möchte, dass man diese auch mit Texten haben kann, die zum Nachdenken anregen, sollte es ein konstruktives Nachdenken sein. Als ein solches würde ich etwa das Grübeln darüber bezeichnen, was Romeo noch anstellen könnte, um seine Julia vielleicht doch zu bekommen oder darüber, wie zum Geier Agentin Starling das perfide Spiel von Hannibal Lecter ohne Schäden am eigenen Geist bestehen soll.

Weniger gut ist es allerdings, wenn man den Leser dadurch aus der Geschichte reißt, dass er sich erst einmal ein Wörterbuch vom Schrank oder aus dem Internet besorgen muss, um nachzuschlagen, wovon der Autor da eigentlich gerade schreibt. Klar, man kann niemals den Wissensstand jedes Einzelnen berücksichtigen und es ist auch nicht gut, immer mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner von Sprache zu arbeiten, weil Romane dadurch wohl sehr flach und sprachlich arm würden.

Aber gerade dann, wenn man sich mit Spezialwissen auseinander setzt, ist es umso wichtiger, den Leser mitzunehmen. Kommen wir also zu meinem Beispiel, wie man es nicht machen sollte.

Und letztendlich ist dieses auch zeitlich gar nicht so falsch, selbst wenn es mir schon im Sommer passierte. Denn auch der Winter, Weihnachten im Speziellen, ist ja die Zeit, in der man sich gerne mal vornimmt, kulinarisch neue Wege auszuprobieren und vielleicht einmal die eigenen Grenzen ein wenig auszuloten. Es muss ja nicht immer Kartoffelsalat mit Brühwurst sein.

Und so war es auch vor meinem Geburtstag, als die obligatorische Frage anstand, was man denn den zu erwartenden Gästen so alles auftischen könnte. Meine Frau und ich wälzten also unsere Gedanken hin und her und als das nicht mehr so recht weiterhalf, auch die eine oder andere Rezeptsammlung.

In einer Zeitschrift fand sich auch ein sehr lecker klingendes Rezept für eine quarkbasierte Nachspeise. Nun ist das erst einmal nichts besonderes, aber die Zutaten machen ja, genau wie bei einem guten Roman, den besonderen Reiz erst aus.

Das Rezept war eigentlich ganz einfach, bis zu dem Moment, an dem es sinngemäß verlangte: Für den Boden verwenden Sie einen besonderen, braunen Kuchen, zum Beispiel Kemm’sche Kuchen.

Ich schaute das Papier an, dann meine Frau, die schaute das Papier an, dann mich und wir beide hatten überhaupt keine Ahnung, was das sein sollte. Unter braunem Kuchen konnte ich mir ja, zumindest ungefähr, etwas vorstellen. Aber was sollten „Kemm’sche Kuchen“ sein?

Nun, wieso lange rätseln, wenn man auch in einen Laden fahren und die Dinger einfach kaufen kann. Zumal die Zeit langsam ein wenig eng wurde. Was folgte, war eine Odyssee durch mehrere Geschäfte und die jeweiligen Feinkostabteilungen. Nirgendwo fanden sich braune Kuchen oder gar Kemm’sche davon.

In meiner Verzweiflung fuhr ich schließlich sogar in die Metro, wo man normalerweise alles Mögliche und Unmögliche bekommt. Ich drehte den Gang mit den Kuchen auf Links, ebenso den mit den Gewürzen. Irgendwann wurde eine Mitarbeiterin auf mich aufmerksam und sprach mich an. Ich berichtete von meiner Suche und der Blick, den ich kassierte, war mindestens so ratlos wie der meiner Frau früher am Tag.

»Also ich arbeite jetzt seit zwanzig Jahren hier in der Abteilung, aber davon habe ich noch nie etwas gehört.«

Das Ende vom Lied war dann, dass ich im sechsten Laden, in dem ich war, irgendwas gekauft habe, was einem braunen Kuchen zumindest ähnlich sah. Nun, beschwert hat sich niemand wegen des Nachtischs, also kann es nicht so schlimm gewesen sein.

Aber die Geschichte ließ mich nicht los und eigentlich wollte ich sie euch schon längst einmal erzählt haben.

Denn sie illustriert wirklich gut, wie man selbst die hartgesottensten Leser – und ich bezeichne die Dame aus der Metro einfach mal so -, die sich mit dem Genre, mit den Gegebenheiten und mit den Figuren wirklich gut auskennen, mit der Verwendung von Spezialwissen oder -begriffen derart aus der Bahn werfen kann, dass sie im schlimmsten Fall das Buch einfach zu klappen und sich anderen Dingen zuwenden. Zum Beispiel einer ausgedehnten Einkaufstour.

Sind jetzt alle Genres gleichermaßen davon betroffen? Nein, ich denke nicht. Romane, die im Alltag verwurzelt sind, sind tendenziell weniger gefährdet, weil in der Hauptsache über Dinge geschrieben wird, welche jeder von uns kennt. Aber auch hier lauern Fallstricke, wenn zum Beispiel über spezielle Küchenutensilien geschrieben wird. In diesem Fall schadet es nicht, diese zumindest kurz zu beschreiben, so dass der Leser ein grobes Bild davon im Kopf hat.

Hier muss man natürlich abwägen, welche Wichtigkeit dieses Utensil überhaupt hat. Ist es einfach nur eine speziell benannte Fleischzange, dann kann es sich anbieten, einfach genau dieses Wort zu verwenden, anstatt eine langwierige Erklärung einflechten zu müssen.

Generell gilt, dass weniger im Zweifelsfall mehr ist. Zumal sich die Lesegewohnheiten immer wieder einmal ändern. Im einen Jahr kann es sein, dass die Leser geradezu erwarten, dass sie in langen Erklärungen und Beschreibungen in alle Details eingeweiht werden. Im nächsten soll Prosa dann wieder gestochen scharf und ohne Schnörkel sein, damit sie sticht. Das vorauszusehen ist schwer bis unmöglich. Daher empfiehlt es sich, einen gangbaren und einfachen Mittelweg zu nehmen.

Im Fall meines Rezepts wäre es zum Beispiel eine Möglichkeit gewesen, eine Bezugsquelle zu nennen. Das hätte mir viel Rätselei, Rennerei und Ärger erspart. Mal ganz davon abgesehen, dass ich seitdem die Hefte dieser speziellen Kochzeitschrift mit wesentlich größerem Argwohn betrachte und seltener zu Rate ziehe.

Wie man den Umgang mit fremden Wörtern und Sachverhalten besonders gut gestalten kann, zeigen übrigens regelmäßig Romane aus dem Bereich der Fantasy und der Science-Fiction. Hier sind die Autoren gezwungen, sich mit genau diesen Fragen zu befassen, weil sie über Dinge schreiben, von denen noch nie jemand etwas gehört hat, weil sie fiktiv sind.

Fassen wir also kurz noch einmal zusammen: Wenn ich einem Leser einen besonderen oder schwierigen Begriff vorsetze, dann sollte klar sein, worum es sich dabei handelt. Oder ich muss es erklären. Ich darf nicht einfach voraussetzen, dass er genau weiß, wovon ich da schreibe. Sonst riskiere ich, ihn abzuhängen und zu verlieren.

Und jetzt würde mich zum Abschluss ja noch interessieren: Wer von euch hat schon einmal Kemm’sche Kuchen gegessen? Können die was?

Ungewollte Spoiler und wie leicht man sie sich einhandelt

Spoiler sind ärgerlich.

Nein, ich spreche natürlich nicht von denen, die manche Zeitgenossen sich (wieso auch immer) an ihre Autos montieren. Ich spreche von denen, die uns Teile einer Handlung vorwegnehmen, die wir gerne selber erfahren hätten. Eine Handlung, die durch einen Spoiler einiges an ihrer Spannung verliert und der, im schlimmsten Fall, auch einiges von emotionaler Bindung an das Buch, das da gerade gelesen wird, verloren gehen lässt.

Aber um zunächst zu verdeutlichen, wie sehr ein Spoiler ein Gesamterlebnis beeinflussen kann, erzähle ich euch eine ganz kurze, fiktive Geschichte.

Wir schreiben das Jahr 1980. Endlich ist es soweit. Drei lange Jahre hat Thomas darauf gewartet, dass die Fortsetzung des phänomenalen Films „Krieg der Sterne“ in die Kinos kommt. Erwartungsvoll steht er in der Schlange vor der Kinokasse, streicht sich die Haare aus dem Gesicht und wirft einen ehrfürchtigen Blick auf das Filmposter, das an der Wand neben der Kassenkabine hängt.

Da laufen zwei Typen an ihm vorbei, die sich miteinander unterhalten. Er kennt sie nicht, interessiert sich nicht für sie. Sie sind irgendwer, gehen irgendwohin und das könnte die ganze Geschichte sein. Wenn nicht der eine von den beiden, genau, als sie auf einer Höhe mit Thomas sind, sagen würde: »Aber dass Darth Vader Lukes Vater ist – krass!«

Peng, das war es mit einem Teil der Vorfreude. Den Rest der Wartezeit verbringt Thomas schwankend zwischen „die wollten dich verarschen“ und „das kann doch nicht sein“. Und als dann die inzwischen berühmt gewordene Szene in der Wolkenstadt Bespin über die Leinwand flimmert, merkt er, dass es ihm beinahe schon egal ist. Schade drum.

Ja, schade drum. Und Beispiele dieser Art gibt es viele und in allen erzählenden Medien. Ich selbst bin zum Beispiel kein wirklicher Freund von Inhaltsverzeichnissen in Romanen, die vor dem eigentlichen Romantext stehen. Denn oftmals verraten die Titel der Kapitel schon einiges über den Handlungsverlauf, den ich noch gar nicht so genau aufgezeigt bekommen möchte. Wenn die Überschriften an den richtigen Stellen kommen, sind sie hingegen, bei geschickter Textwahl, eine gute Methode, den Leser in der Geschichte zu halten, ihn hinein zu ziehen.

Aber man muss als Autor immer auch damit rechnen, dass der Leser seine eigene Neugierde nicht im Zaum halten kann. Dieses Problem stellt sich gerne dann ein, wenn er direkt mehrere Teile einer aufeinander aufbauenden Serie kauft. Nicht alle schaffen es, die Romane konsequent nur ins Regal zu stellen, ohne auch nur einen Blick auf den Klappentext zu werfen. Und wenn dieser dann, unbeabsichtigt, eine Entwicklung vorweg nimmt, die sich in Band 5 vollzieht, man gerade aber erst bei Band 4 ist, dann ist das ärgerlich.

Denn diese Entwicklung bekommt man als Leser nicht wieder aus seinem Kopf heraus.

Auch beim Cover kann etwas in der Art passieren. Ich habe schon einige Male Darstellungen von Szenen gesehen, die irgendwann weit in der Handlung vorkamen. Ein Teil von mir wartet dann immer unbewusst darauf, dass genau das geschieht, was da zu sehen ist und schwangt zwischen leichtem Ärger und Enttäuschung, wenn es dann kommt (oder auch nicht kommt, aber das ist ein anderes Thema, wenn man die Erwartungen des Lesers nicht erfüllt).

Wie oft solche Dinge passieren und wie leicht es ist, auch vollkommen unbeabsichtigt gespoilert zu werden, etwa durch Inhalte auf Internetseiten, ist mir erst so richtig bewusst geworden, seit ich meine Fernsehserie mit den toten Menschen sehe.

(Ja, ich bin im Moment etwas auf „The Walking Dead“ fixiert, aber da müssen wir jetzt alle durch.)

In dieser Serie sterben Menschen. Und es sterben Menschen, an die man sich im Laufe von vielen Staffeln gewöhnt hat, die einem ans Herz gewachsen sind und bei denen es etwas auslöst, wenn sie plötzlich nicht mehr da sind. Das machen die Autoren der Serie ganz hervorragend.

Nun hänge ich ja der Serienkontinuität ein wenig hinterher. Gerade schaue ich die sechste von acht Staffeln. Es liegen also viele Entwicklungen in der Handlung noch vor mir, die andere schon längst kennen und ich habe große Probleme, mich nicht spoilern zu lassen.

Aber macht mal das Internet auf und surft irgendeine Seite an, die auch nur im Entferntesten etwas mit Entertainment zu tun hat – und da reicht schon die Einstiegsseite von GMX. Da finden sich dann Meldungen wie „The Walking Dead-Star erträgt die Serie nicht mehr“, natürlich mit Bild. Oder blättert mal durch den Katalog des Merchandise-Händlers EMP, da findet ihr dann Memoriam-T-Shirts für einzelne Charaktere.

Für mich ist das ebenso ärgerlich, als wenn mir frühzeitig jemand verraten hätte, dass streng genommen gar nicht Frodo den Ring ins Feuer wirft, oder dass nicht Harry am Ende des Tages das Mädchen mit nach Hause nimmt. Und, übrigens, am Ende von „Titanic“ sinkt das Schiff. Ups.

Ich gebe zu, dass es nicht leicht ist, alle möglichen Quellen von Spoilern auszuschalten. Aber zumindest beim Cover, beim Klappentext und bei den Kapitelüberschriften haben wir, als Autoren, im besten Fall zumindest die Möglichkeit, mahnend unseren Finger zu heben, oder im Selfpublishing halt die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es geht ja darum, die Leser zu animieren, sich das Buch zu kaufen. Oder den Serienfan, die neue Staffel zu sehen.

Oder unseren Thomas, sich auch noch die nächsten sieben „Star Wars“-Filme im Kino anzuschauen.

Wobei es ja auch Menschen gibt, die bei einem Roman erst das Ende lesen, weil sie auf Nummer Sicher gehen wollen, dass dieses auch in ihrem Sinne ausfällt. Ich gebe zu, dass dieses Leseverhalten mir vollkommen unverständlich ist.

Wie steht es mit euch: Seid ihr auch allergisch gegen Spoiler oder mögt ihr es ganz gerne, wenn ihr schon einen kleinen Wissensvorsprung habt? Wann und wodurch seid ihr das letzte Mal so richtig fies gespoilert worden?