Wenn man manchen Autoren glaubt, ist Psychotherapie ein Kinderspiel

Es ist mir schon häufiger aufgefallen und da es gerade jetzt wieder einmal soweit war, habe ich mich entschlossen, einen kleinen Beitrag darüber zu schreiben. Es geht um das Thema Psychotherapie, bei dem ich, wie ihr wisst, ein wenig mitreden kann. Ohne in die Details zu gehen: Ich habe ein erkleckliches Quantum an Therapeuten sowohl im klinischen als auch im ambulanten Setting kennengelernt und gleichwohl auch eine große Zahl an von psychischen Krankheiten Betroffenen. Das macht mich nicht zu einem Experten, aber zu jemandem, der zumindest merkt, wenn etwas nicht ganz der Realität entspricht.

Viele Betroffene, die sich, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, an einen Therapeuten oder eine Therapeutin wenden, begegnen diesem Schritt mit einer gehörigen Portion Skepsis – und oft leider auch überzogenen Erwartungen oder gar falschen Vorstellungen.

Ich kann da auf niemandem mit dem Finger zeigen, denn bei mir war es damals ja dasselbe. Ich gehörte auch zu denen, die in dem Glauben waren, dass es genügen würde, der Therapeutin ein paar Dinge aus meinem Leben zu erzählen und sie würde dann schon, in kürzester Zeit, versteht sich, die Patentlösung finden, wie ich wieder auf die normale Spur zurückfinden und mein Leben, möglichst besser, weiterleben könnte.

In diesem Zusammenhang wird häufig das Bild verwendet, dass ein Psychotherapeut über einen großen Werkzeugkasten verfügt, in dem er nur ein wenig herumwühlen muss, um das Maßwerkzeug zu finden, das genau auf die momentane Krise passt. Schnell, einfach, unkompliziert und leicht in der Anwendung.

Nun, ich habe auf die harte Tour gelernt, dass es so leicht nicht ist. Es reicht nicht, eine normierte Säge zu nehmen, um Dinge, die im Leben eines Patienten schief laufen, einfach abzuschneiden. Auch ein Hammer, um die Dinge wieder gerade zu klopfen, ist nicht leicht gefunden. Und auch wenn es sicherlich genügend Stellschrauben für einen Schraubenzieher gibt, ist man trotzdem darauf angewiesen, lange zu probieren und auch Rückschläge in kauf zu nehmen.

Dabei ist Psychotherapie doch das Leichteste von der Welt. Könnte man zumindest denken, wenn man einigen Autorinnen und Autoren so Glauben schenkt.

Ich möchte auf niemandem mit dem Finger zeigen, deswegen nenne ich keine konkreten Beispiele. Aber es gibt etliche Fälle, in denen Patienten, die zu einem Therapeuten gehen, entweder einfach als unfähig beschrieben werden, das zu erkennen, was doch direkt vor ihrer Nase liegt, oder als naiv, so dass es fast schon an Dummheit grenzt, dass sie ihre Probleme nicht von alleine in Ordnung bringen.

Das alleine ist schon schlimm genug, aber oft kommt noch dazu, dass der Prozess einer Therapie oder auch einer einzelnen therapeutischen Sitzung so vereinfacht dargestellt wird, dass falsche Vorstellungen beinahe zwangsweise geweckt werden.

Bewusst wurde mir das, als ich mir dieser Tage einige Folgen einer deutschen Fernsehserie vom Anfang des Jahrtausends ansah. In dieser Serie tritt unter anderem eine Psychotherapeutin auf, allem Anschein nach eine Verhaltenstherapeutin. Das sind die, die, wirklich ganz grob ausgedrückt, einen wesentlichen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit darauf legen, ihrem Klienten bei konkreten Problemen Anregungen und mögliche Ansätze mit auf den Weg zu geben, mit denen er vielleicht diese Probleme in den Griff bekommen kann.

Dabei – und das ist ganz wichtig – wird aber nicht wild ein Kalenderspruch an eine Zeitschriftenweisheit gereiht und der Patient seines Weges geschickt. Vielmehr hat sich, im günstigsten Fall, bereits eine derartige Beziehung zwischen Therapeut und Klient gebildet, dass dieser in die Lage versetzt ist, den Klienten so zu unterstützen, dass er nicht sofort wieder aufs Neue überfordert wird und dadurch eine weitere negative Erfahrung sammelt. Das ist ein Prozess, der einige Sitzungen in Anspruch nimmt. Nicht umsonst sind die meisten Therapien durchaus mit einem mittel- bis langfristigen Zeitrahmen veranschlagt.

Kommen wir zu der bewussten Fernsehserie zurück. Dort haben die für das Drehbuch zuständigen Autoren die eine oder andere Abkürzung genommen, wie sie zwar das Format bedingt, bei denen mir aber wieder einmal deutlich wurde, wieso viele Menschen mit einem falschen Bild von einer Psychotherapie durch die Welt gehen.

Ein Beispiel: Eine Patientin kommt zu der Therapeutin und schildert, dass sie sich unwohl, unbeachtet und traurig fühlt. Die Analyse der Therapeutin besagt, dass die Patientin unter ihrer sozialen Vereinsamung leidet und sich aus diesem Gefühl heraus ihre Depression entwickelt hat. Bis hierher nachvollziehbar.

Dann aber kommt das sinnbildliche Werkzeug zum Einsatz und es ist ein mittlerer Vorschlaghammer. Die Frau soll in die Fußgängerzone gehen und, einfach so, jemanden ansprechen, um mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen.

Wohlgemerkt: Das ist das Resultat der allerersten Sitzung der beiden! Selbst wenn die genaue Anamnese natürlich nicht in ihrer Ausführlichkeit gezeigt werden kann, ist das eine, sagen wir mal, sportliche Leistung. Da verwundert es nicht, wenn die Sache vollkommen aus dem Ruder läuft und die Patientin am Ende ihre Familie verlässt, weil sie sich mit dem Mann, den sie schließlich angesprochen hat, eine wilde Affäre leistet. Was die Therapeutin, immerhin, in heftige Gewissensnöte bringt.

Das alles ist natürlich auf den Lacher hin konstruiert und ich kann mich auch darüber amüsieren. So ist es ja nicht. Aber mir wurde klar, dass es das sehr häufig gibt: Therapeuten, die ihre Patienten losschicken, sich in genau die Situationen zu begeben, die zum Kern ihres Problems gehören. Patienten, die hoffnungslos überfordert sind und im richtigen Leben wahrscheinlich einen Knacks fürs Leben bekommen würden, weil das Leben eben kein Drehbuch hat.

Ich kann darüber lachen, sehe es aber dennoch mit Skepsis. Denn nicht nur bei den Patienten werden eventuell falsche Erwartungshaltungen erzeugt, sondern auch bei ihrem Umfeld, was noch wesentlich katastrophaler ist.

Es ist für einen Betroffenen schon schwer genug, mit seiner Familie, mit seinen Freunden und Bekannten und nicht zuletzt auch mit seinem Arbeitgeber und den Kollegen umzugehen. Wenn nun aber manche Romane und manche Fernsehserien und Filme das Bild erzeugen, dass sich die Probleme schnell und einfach und im Hauruckverfahren lösen lassen könnten, dann wird eine Erwartungshaltung aufgebaut, der weder der Therapeut noch sein Klient entsprechen können.

Mir ist klar, dass Straffungen in einer künstlerischen Darstellung notwendig sind. Dutzende von Therapiestunden sind etwas, was nicht einmal für die direkt Beteiligten immer „spannend“ ist. Oder „angenehm“. Oder „zielführend“. Aber die Quintessenz sollte meiner Meinung nach sein, vor allem die Patienten so darzustellen, dass ihre Probleme ernst genommen werden und die Begleitung durch den Therapeuten vertrauensvoll und professionell dargestellt wird.

Psychotherapie kann manchmal durchaus auch ihre lustigen Seiten haben. Mein Therapeut und ich reden manchmal miteinander, als ob wir einen Wettbewerb laufen hätten, wer den besseren Oneliner unterbringen kann. Aber das sind Momentaufnahmen und weder die Regel, noch der Lösungsansatz.

Ich würde mir wünschen, dass Autoren und Autorinnen sich hier auch ihrer Verantwortung ein Stück weit bewusst sind. Um einen weiteren, viel gehörten, Vergleich zu bemühen: Wenn der Patient einen Herzinfarkt hätte, würde auch nicht gezeigt, wie der Arzt ihn zum Joggen schickt, damit die Pumpe wieder richtig ans Arbeiten kommt. Oder wenn er sich das Bein gebrochen hat, dann wird es ihm nicht amputiert, um ein paar Rollstuhlfahrerwitze bringen zu können.

Ich weiß, dass es leichter ist, Beziehungen zwischen Therapeut und Klient im anekdotenhaften zu erzählen. Ich habe mit „Das Haus am See“ selber ein Manuskript in der Schublade liegen, das sich an Erfahrungen, die ich gemacht habe, orientiert. Und bei dem es mir verdammt schwer gefallen ist, nicht in den Tonfall abzugleiten, in dem man sich auf dem Klassentreffen erzählt, wie witzig doch diese oder jene Situation gewesen ist. Oder jedenfalls nicht zu häufig darin abzugleiten.

Mein kleiner Beitrag, der – sorry – schon ganz schön ausgeufert ist, ist nicht dafür gedacht, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Es gibt auch eine Menge Autorinnen und Autoren, die Wert auf eine realitätsnahe Darstellung legen. Und das weiß ich sehr zu schätzen.

Psychotherapie ist kein Kinderspiel. Nicht für den Patienten und nicht für seinen Therapeuten. Sie ist eine anstrengende Sache, der man aber auch nicht mit Bierernst begegnen muss. Nur sollte man wissen, was man da tut. Und welche Erwartungen man weckt. Oder zerschlägt.

Das wollte ich einfach mal gesagt haben 🙂 .

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Eine Inspiration – Tausend Möglichkeiten für eine Geschichte

Am Anfang stand die nackte Realität. Durch einen Zufall war ich in der Wikipedia auf den Artikel über das Luftschiff LZ 120 gestoßen. In diesem wurde von einem Zwischenfall am 02.11.1919 berichtet, bei dem es zu einem Beinaheabsturz des Zeppelins und dem tragischen Tod eines Mitglieds der Haltemannschaft gekommen war.

Dieser Artikel berührte mich auf seltsame Weise. Besonders der, im typisch-nüchternen Stil eines Enzyklopädieartikels abgefasste, Satz: „Der Zwischenfall hatte ein Todesopfer gefordert: Ein Mitglied der Haltemannschaft in Berlin hatte das Schiff nicht rechtzeitig losgelassen und war aus 50 Meter Höhe abgestürzt.“

Mehr stand dort nicht geschrieben. Aber durch diese kleine Begebenheit am Rande erhielt der Zwischenfall von LZ 120 „Bodensee“ für mich eine zusätzliche Dimension, die mein Interesse weckte und meine Fantasie in Gang setzte. Was war da eigentlich geschehen, an jenem Wintertag in Berlin-Staaken?

Die Frage wanderte in mein kleines gedankliches Notizbuch und blieb dort für eine kurze Zeit. Doch schnell war mir klar, dass ich hier den Stoff für eine Geschichte hatte, die sich zwar an den historischen Tatsachen orientieren musste, aber dennoch genügend Raum für eigene Variationen bot.

Das fing schon mit der Frage nach der Erzählperspektive und der Herangehensweise an die Geschichte an. Durch die Geschehnisse waren drei Gruppen von Personen denkbar, aus denen ich mir einen Protagonisten aussuchen konnte: Die Besatzung von LZ 120, die Passagiere und die Mitglieder der Bodenmannschaft. Letztere bot sogar noch dahingehend Optionen, wahlweise einen unbeteiligten Beobachter oder aber jenen Arbeiter auszuwählen, der den Zwischenfall nicht überleben sollte.

Nun, da ich die Geschichte geschrieben und ihr sie gelesen habt, ist es ja kein Geheimnis, wie ich mich entschied. Aber ich denke, es ist schon lohnenswert, einmal darauf zu schauen, ob die Erzählung nicht auch mit einer der anderen Perspektiven funktioniert hätte.

Ich kann mir nur vorstellen, was in der Steuergondel von LZ 120 los gewesen ist, als das Schiff auf einmal anfing, unberechenbare Kapriolen zu schlagen. Die Besatzung war, soweit ich weiß, routiniert. Aber einen solchen Vorfall hatte es vorher nicht gegeben und daher gab es keine Erfahrungswerte. Während der Landung war ein Luftschiff in der Tat auf Hilfe von außen angewiesen und ich stelle es mir als sehr mulmiges Gefühl vor, die unmittelbare Gefahr zu sehen und nicht eingreifen zu können.

Auch der Entschluss, das Luftschiff wieder freizugeben, barg einiges an Risiken. Durch die Schäden, die LZ 120 erlitten hatte, war fraglich, ob eine halbwegs sichere Landung zu einem späteren Zeitpunkt durchführbar war. Tatsächlich war der Zeppelin, als er Staaken verließ, Wind und Wetter ausgeliefert. Kein Wunder, dass ob dieser Dramatik niemand an Bord das Drama, das sich unter dem Schiff an einem der Halteseile abspielte, mitbekam.

Selbiges gilt für die Passagiere an Bord, für die das dramatische Ende ihrer Reise ein Höllenritt gewesen sein muss. Man muss sich nur vor Augen halten, dass das Fliegen an sich damals noch eine ganz andere Sache war, als es das heutzutage ist. Heute steigt man für 29 Euro in einen Flieger und ist in drei Stunden an einem Mittelmeerstrand. Damals war eine Flugreise nicht nur teurer, sondern auch noch mit einem Hauch des Abenteuers und der Exklusivität versehen. Dementsprechend dürfte die Zusammensetzung der Passagiere gewesen sein.

Dass sich aus den persönlichen Geschichten der Reisenden vor dem Hintergrund eines Unglücks ein gutes Garn spinnen lässt, hat das Genre des Katastrophenfilms seit seinen Anfängen mit „Airport“ oder „Der Untergang der Poseidon“ immer wieder bewiesen. Was trieb die Menschen an, die im Angesicht des drohenden Absturzes ihr Heil im Sprung aus der Kabine sahen? Was geschah in jenen Minuten in der Gondel unter dem Walfischbauch?

Über die Passagiere von LZ 120 schweigt sich der Artikel, der für mich den Anstoß zu „Der Traum vom Fliegen“ lieferte, aus. Was kann einem Schriftsteller besseres passieren, als ganz viele Blaupausen, die er mit Leben füllen kann?

Und dennoch habe ich mich dazu entschlossen, dorthin zu gehen, wo die Aktion ist, wo für mich das eigentliche Drama dieses Tages liegt, auch wenn es in der offiziellen Geschichtsschreibung nur eine Randbemerkung sein mag.

Auch über die Hintergründe der Personen der Haltemannschaft kann man viel herbei spekulieren. Sicher ist, dass es sich hierbei zwar um eine verantwortungsvolle, nichts desto trotz aber um eine Hilfsarbeit gehandelt hat. Etwas für den typischen Arbeiter, dessen Muskeln ihm bessere Dienste leisten mussten als sein Verstand.

Der Gedanke liegt nahe, dass 1919 eine große Zahl dieser Männer noch vor kurzem im Feld gestanden hat. Der Krieg war zum Zeitpunkt des „Bodensee“-Vorfalls noch kein Jahr beendet und Deutschland steckte in den Anfängen einer Republik, die sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt ihrer Feinde von innen und außen erwehren musste. Auch hier hätten sich viele Projektionsflächen auf die Arbeiter angeboten.

Ich habe mich entschieden, gezielt die Person zu beschreiben, die am Ende als einziges Opfer dieses Tages zu beklagen war – falls ihn jemand beklagt hat, heißt das. Auch hierzu erfährt man aus dem Artikel nichts, nur, dass die Passagiere von LZ 120 bester Laune waren, als man sie nach der schlussendlich erfolgreichen Notlandung zurück nach Berlin kutschierte.

Mein Friedel hätte also so gut wie alles sein können. Ein grantiger Ex-Soldat, der mit sich und der Welt hadert, weil er, als gefeierter Kriegsheld, dazu gezwungen ist, sich seinen Lebensunterhalt durch diese stupide und niedere Arbeit zu verdienen. Oder er hätte ein Student sein können, der auf der Suche nach körperlichem Ausgleich für die harte Denkarbeit, diese Stellung angenommen hat.

Dass Friedel der geworden ist, als der er sich nun dem Leser vorstellt, hat er dem Satz zu verdanken, der mir als erster der Geschichte durch den Kopf gegangen ist und der sich, leicht variiert, auch jetzt noch an ihrem Ende befindet: „Ich werde mich nicht mehr lange halten können, aber vielleicht werde ich fliegen.“

So etwas kann nur ein Mensch denken, dessen Traum vom Fliegen so groß und mächtig ist, dass er nicht einmal durch die Gefahr und das nahe Lebensende völlig ausgelöscht werden kann. Damit stand fest, dass Friedel liebt, was er tut und dass er alles dafür geben wird, um seine Tätigkeit zum Wohle des Luftschiffs auszufüllen.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, meine und seine Geschichte.

Ich freue mich, dass „Der Traum vom Fliegen“ bei vielen meiner treuen Kommentatoren und Leser gut angekommen ist. Ich hatte Zweifel, weil die Prämisse der Geschichte nun einmal eine historische Begebenheit ist. Aber davon ausgehend hätte die Geschichte so vieles sein können, was sie letztlich nicht wurde. Die Möglichkeiten waren da, wie ich in diesem Beitrag schildern wollte.
Manchmal kommt es nur darauf an, aus tausend Möglichkeiten die richtige zu wählen.

Danach muss man nur noch schreiben.

Alles nur Geschwätz (WiP)

Die positive Nachricht von meinem Manuskript ist, dass ich heute die 70.000-Worte-Marke gerissen habe und jetzt bei, Moment, exakt 71.020 Wörtern stehe. Rein statistisch kann ich mir also auf die Schulter klopfen und mich entspannt zurücklehnen.

Die negative Nachricht ist, dass ich im Augenblick das Gefühl habe, mir diese Zahlen vor allem mit jeder Menge Geschwätz zu erschleichen.

Nein, meine Geschichte ist nun einmal keine Actiongranate. Es liefert sich nicht dauernd jemand mit jemand anderem ein explosives Duell. Und es kommt nicht alle paar Seiten zu einem neuen und aufregenden Twist, der dem Leser den Boden unter den Füßen weg zieht.

Es wird viel miteinander geredet. Das ist auf der einen Seite ein wenig heikel, weil so die Gefahr besteht, dass man sich immer und immer wieder wiederholt und um die gleichen Dinge kreist. Aber letztlich ist genau das, was passiert. Ich bin mir nur noch nicht sicher, wie viel davon ich im endgültigen Roman drinstehen haben will.

Meine Protagonisten stehen vor einer extrem schwierigen Entscheidung, die im wahrsten Sinne des Wortes Lebensgefahr heraufbeschwören kann. Nicht nur für sie, sondern im großen Stil. Ich halte es für normal, dass man diese Entscheidung nicht spontan und aus dem hohlen Bauch heraus trifft. Keiner von ihnen ist ein Indiana Jones oder ein James Bond, der einmal die Achseln zucken und dann einfach mitten durch gehen würde.

Meine Figuren sind sich der Verantwortung bewusst, die sie tragen und sie quälen sich damit. Auch dass sie nicht einer Meinung sind, trägt dazu bei. Und wer schon einmal vor einer lebensumwälzenden Situation gestanden hat, der weiß aus eigener Anschauung, dass man irgendwann das Gefühl hat, sich im Kreis zu drehen.

Ich könnte das ganze abkürzen und einfach die Entscheidungsfindung abbrechen. Vielleicht wäre das der Weg, zu dem mir ein professioneller Lektor raten würde. So nach dem Motto, dass den Leser nicht interessiert, wie viele schlaflose Nächte der Charakter wegen dieser Entscheidung gehabt hat. Der Leser will die Konsequenzen sehen und die sollten, bitte sehr, den Aufwand rechtfertigen und möglichst viel Drama in sich bergen.

Aber im Augenblick fühle ich mich damit nicht wohl. Es würde sich so anfühlen, als ob ich eine Abkürzung nehmen würde. Als würde ich die Motivation meiner Charaktere nicht logisch begründen, sondern einfach unterstellen. Lies, so ist es jetzt, wen interessieren all die Gewissensbisse?

Es ist ein sehr ambivalentes Gefühl, als ob ich zwischen zwei B-Lösungen wählen müsste.

Letztlich wird es wahrscheinlich auf einen Kompromiss hinauslaufen. Das ist ja meistens so. Ich werde aus den Gesprächen die Essenz filetieren und diese dann mundgerecht und appetitlich aufbereiten. Und die ganzen Fleischabfälle – nun, man sagt ja, dass jedes geschriebene Wort einen als Autor weiterbringt, nicht wahr? 😉

Also werde ich meine Gewissensbisse, soweit es eben geht, zurückstellen und auf diesem Weg weitermachen. Jedenfalls bis ich wirklich den Eindruck gewinnen sollte, dass ich immer und immer und immer … ihr wisst schon.

Aber keine Sorge, jenseits der Entscheidungen steht der nächste Abschnitt bevor, in dem meine Personen wirklich handeln müssen. Und dann wird eher weniger gesprochen werden. Und all dies wird nur noch das Geschwätz von gestern sein.

Warum es wichtig ist, Sympathieträger für seine Geschichten zu entwickeln

Es gibt da eine Sache, an der erstaunlich viele Geschichten kranken. Und zwar, dass man sich als Leser oder Zuschauer schwer damit tut, für irgendeine der handelnden Personen so etwas wie Sympathie aufzubringen.

Wir kennen das aus dem richtigen Leben: Wenn uns jemand sympathisch ist, dann nehmen wir Anteil an dem, was ihm passiert. Wir freuen uns mit ihm, wenn er etwas schönes erlebt und wir leiden mit ihm, wenn er wieder einmal einen Schicksalsschlag zu erleiden hat.

Wenn uns jemand egal ist, dann ist uns meistens auch egal, wie es ihm ergeht. Und ganz schlechte Karten hat jeder, den wir nicht leiden können. Denn dann kann er, zusätzlich zu seinem Missgeschick, noch darauf zählen, dass wir uns insgeheim vielleicht sogar darüber freuen. Weil es ihm, aus unserer Sicht, recht geschieht.

Was im richtigen Leben zwar auch eine Rolle spielt, aber nicht entscheidend ist, weil wir uns die Menschen, mit denen wir zu tun haben, nur bis zu einem gewissen Grad aussuchen können, ist für Geschichten von geradezu elementarer Wichtigkeit. Denn wenn jemandem die Figuren, über die er liest, egal sind, dann gibt es eine große Wahrscheinlichkeit dafür, dass er oder sie das Buch bei nächster Gelegenheit einfach zuschlagen und nie wieder anrühren wird. Und auch die Fälle, in denen man ein Buch liest, bei dem alle Charakter einem unsympathisch sind, sind wohl eher rar gesät.

Ich habe mir dieser Tage einen Film angesehen, der ziemlich gut erkennen lässt, wie sich diese Problematik äußern kann. Aber wie gesagt, es hat auch schon Bücher gegeben, bei denen ich mir dasselbe gedacht habe. Der Film, von dem ich spreche, stammt aus dem Jahr 1980 und heißt „Urban Cowboy“. Die Hauptrollen spielen John Travolta und Debra Winger.

Travolta spielt Bud Davis, der vom Land nach Houston kommt, um dort Arbeit zu finden. Von seinem Onkel wird er in die größte lokale Country- & Westernbar geführt, wo praktisch jeden Abend High-Life ist, Countrybands spielen und mit allerlei typischem Amüsement wie einer Maschine zur Messung der Schlagkraft oder auch (nicht ganz unwichtig für die Geschichte) einem mechanischen Bullen aufgewartet wird.

Aber lassen wir, für diesen Blog etwas untypisch, die Geschichte mal weitgehend beiseite und konzentrieren wir uns auf die Figuren. Da haben wir Bud (Travolta), der innerhalb der ersten zwanzig Filmminuten die junge Sissy (Winger) kennen- und lieben lernt und sie Knall auf Fall heiratet. Ganz stilecht mit Wohnsitz im Trailerpark.

Dazu kommen der auf Bewährung entlassene Bankräuber Wes (Scott Glenn) und die elegante Pam (Madolyn Smith), die als Tochter aus gutem Hause auf der Suche nach einem „echten Cowboy“ ist.

Im Laufe der etwas über zwei Stunden passiert mit diesen Figuren nun folgendes (Spoiler lassen sich hier nicht vermeiden):

Bud behandelt Sissy mies, ist herrisch ihr gegenüber, kommandiert sie herum und verbietet ihr zum Beispiel, auf dem elektrischen Bullen zu reiten. Er wird sogar handgreiflich. Sissy schmeißt sich daraufhin an Wes heran, der ihr beibringt, den Bullen zu bändigen. Bud wird mega-eifersüchtig und lässt sich, um es Sissy zu zeigen, nur zu bereitwillig von Pam abschleppen, mit der er Sissy betrügt. Die zieht, nachdem sie vergeblich auf Bud gewartet hat, aus dem gemeinsamen Trailer aus und bei Wes ein, mit dem sie nun ihrerseits Bud betrügt. Sie demütigt ihn des Weiteren vor aller Augen, indem sie eine laszive Show auf dem Bullen hinlegt.

Dennoch will sie Bud eigentlich zurück haben, putzt (zum ersten Mal) den Trailer und hinterlässt Bud einen Brief. Der wird von Pam entdeckt und, natürlich, vernichtet. Weil Sissy nun glaubt, dass Bud nichts mehr von ihr wissen will, kommunizieren die beiden nur noch via abfälliger Gesten miteinander (by the way: Selten zeigte eine Frau so grazil ihren Mittelfinger wie Debra Winger in diesem Film).

Nun wird Sissy aber ihrerseits von Wes betrogen, der, als die bei ihm ausziehen will, grob gewalttätig wird und Sissy nunmehr vollends unterdrückt. Bud ist seinerseits eigentlich immer noch scharf auf Sissy und benutzt Pam weiterhin nur, um diese doch bitte irgendwann so sehr eifersüchtig zu machen, dass sie zu ihm zurückkehrt.

Am Ende passiert, was in Hollywood passieren muss. Es gibt einen Schicksalsschlag, der, wieso auch immer, Pam als erste zur Vernunft bringt. Sie beichtet Bud das mit dem Brief, der kann Sissy gerade noch vor dem prügelnden und wieder straffällig werdenden Wes retten und nach 120 von 129 Minuten schafft Bud es dann endlich, Sissy zu erklären, wieso er, der Cowboy vom Land, mit seinem Stolz nicht anders handeln konnte, als er es tat. Ende.

Das Problem ist nur, dass es mir zu diesem Zeitpunkt schon vollkommen egal war, was Bud oder Sissy oder irgendeiner zu seiner Verteidigung vorzubringen hatte. Denn die Figuren dieses Quartetts, jede einzelne von ihnen, hatte bis dahin so viele Hände-vor-den-Kopf-schlag-Momente abgeliefert, dass ich mehrfach kurz davor war, den Film einfach auszumachen.

Denn wenn man ehrlich ist, dann verhält sich Bud über den ganzen Film hinweg wie ein arroganter Arsch (mit Verlaub). Und das als unsere nominelle Hauptfigur. Bei wirklich jeder möglichen Ausfahrt, bei jeder Situation, wo man sich denkt, dass er die Kurve kriegen könnte, biegt er falsch ab und untermalt das meistens noch mit derben Sprüchen und starrem Blick. Mag sein, dass Travolta mit seiner Vita bis dahin einiges von dieser Wirkung bei den (weiblichen) Fans abmildern konnte, aber 38 Jahre später wirkt das einfach nur unsympathisch und in manchen Szenen geradezu widerlich.

Sissy, die man eigentlich für das Opfer des Ganzen halten könnte, ist aber auch nicht besser. Sie ist die erste, die mit einem anderen kokettiert und auch wenn sie nicht die erste ist, die den Betrug wirklich vollzieht, setzt sie das Spiel erst in Gang. Wenn Debra Winger nicht eine so verletzliche Ausstrahlung hätte, wäre es wirklich ein leichtes, Sissy die ganzen Demütigungen zu gönnen, die sie sich später noch zuzieht, weil sie als erste demütigt und verletzt.

Wes, der von Scott Glenn gespielt wird, als sei er eine Reinkarnation von Clint Eastwood mit Sodbrennen, wird vom Drehbuch gleich gar nichts weiter mitgegeben als eine erst unterschwellig und dann immer deutlicher zu Tage tretende Brutalität. Der Satz, der mir am meisten in Erinnerung geblieben ist, charakterisiert ihn am besten: „Von einem Mann wir mir kannst du nicht erwarten, dass er einer Frau treu ist. Das ist doch wohl klar.“

Und Pam ist, so leid es mir tut, das sagen zu müssen, nicht mehr als das Klischee eines Töchterchens, das sich einen Arbeiter von der Straße aufliest, um sich auch mal als Teil des Milieus zu fühlen. Sie spielt die Eheleute bewusst gegeneinander aus und versucht wahlweise, Bud zu domestizieren, oder ihn als Deckhengst zu gebrauchen. Sie ist zwar nett anzusehen, aber mehr als kühle Berechnung verbirgt sich nicht hinter der angemalten Fassade.

Nun – nachdem ich viel mehr über diese Menschen geschrieben habe, als ich es eigentlich wollte, sagt mir eines: Wen soll man denn aus diesem Quartett als Sympathieträger ansehen? Wessen Schicksal soll einen am Ende berühren?

Der Film macht auf so viele erdenkliche Arten alles falsch, dass es schwer ist, es aufzuzählen. Dabei hilft ihm auch nicht, dass er formal wirklich gut gespielt und gedreht ist. Eine Parallele zu einem Buch mit Charakteren, die einen nicht berühren. Die Sprache kann noch so gewählt, der Satzbau so geschliffen und die Handlung so gut geplottet sein – wenn die Figuren einer schlimmer als der nächste sind, dann hilft das alles nichts.

Denn dann ärgert man sich und wenn man sich ärgert, dann macht man als Leser die Schotten dicht. Einen Film kann man eher durchstehen, auch wenn er über zwei Stunden dauert, als ein Buch, mit dem man viele Tage verbringt und das irgendwann anfängt, sich wie Kaugummi zu ziehen.

Deswegen kann ich nur an die Autor/innen unter euch appellieren (und es mir selbst hinter die Ohren schreiben): Sorgt dafür, dass ihr wenigstens eine Figur unter euren Protagonisten habt, mit denen der Leser sympathisieren kann. Eine Person, die ihm nahe geht. Ihr tut ihm und damit auch euch einen großen Gefallen. Denn wenn der Leser sich positiv emotional berührt fühlt, dann wird er viel mehr Anteil an eurer Geschichte nehmen. Er wird sich eher dazu veranlasst sehen, sie anderen Lesern zu empfehlen. Und er wird gerne an das Leseerlebnis zurückdenken.

Das ist es doch, was wir eigentlich möchten. Wir möchten unsere Leser unterhalten und ihnen ein paar schöne Stunden schenken. Gründe, sich zu ärgern, haben sie wahrscheinlich in ihrem Leben ohnehin genug.

Wie die Zeit (in Romanen) vergeht

Ein Roman führt seine Protagonisten von einem Punkt A zu einem Punkt B. Jedenfalls dann, wenn er sich so versteht, dass er die Reise einer Hauptfigur oder einer Gruppe von Hauptfiguren verfolgt. Die meisten Romane tun das. Und damit müssen sich auch die meisten Autoren damit auseinander setzen, wie sie diese Zeitabläufe, die sich daraus ergeben, im Roman darstellen wollen.

Denn nicht jede Handlung lässt sich in einem eng gesteckten Rahmen erzählen. Manche Geschichten spannen sich über Jahre, gar Jahrzehnte. Es gibt einige hervorragende Romane, die das gesamte Leben ihrer Hauptperson begleiten und diese zu verschiedenen einschneidenden Phasen dieses Lebens zeigen.

Andere Romane komprimieren ihr Geschehen auf einen eher überschaubaren Zeitstrahl. Das gilt, zum Beispiel, für viele Krimis und Thriller, in denen es oft eine direkte Bedrohung oder eine direkte Gefährdungslage gibt, welche es für die Handelnden nötig macht, einzugreifen und möglichst schnell zur Tat zu schreiten.

Aus dieser Verdichtung lässt sich Spannung erzeugen, denn wenn etwa das Leben einer Geisel auf dem Spiel steht, dann fiebert man mit hoher Aufmerksamkeit dem Moment entgegen, in dem der Ermittler den entscheidenden Schritt macht, um diese vielleicht doch noch den Fängen des Verbrechers zu entreißen. Hierfür ließen sich wirklich unendlich viele Beispiele aufführen.

Und dennoch ist das, was beim Lesen so leicht wirkt, eine gar nicht so einfache Disziplin, wie ich finde. Ich tue mich regelmäßig schwer damit, den richtigen Ton zu treffen, um einen kleineren oder größeren Zeitsprung einzufügen. Gerade dann, wenn ich zuvor über einen langen Zeitraum hinweg die Geschehnisse praktisch in Echtzeit geschildert habe.

In meinem aktuellen Romanprojekt „Das Kind“ ist es etwa so, dass die ersten acht Kapitel sich über einen Zeitraum von gerade einmal zwei Tagen erstrecken. Die kleinen Zeitsprünge, die es gibt, ergeben sich durch die notwendigen Ruhepausen, die meine Figuren einlegen. Also im Prinzip, indem sie einige Stunden verschlafen.

Ich brauche diese recht lange Wegstrecke, um das Setting für den weiteren Roman aufzubauen. Es wäre einfach nicht logisch, wenn sich zu diesem Zeitpunkt, an dem gerade der gerettete jüdische Junge in die Familie gekommen ist, mehrere Wochen vergehen würden, in denen praktisch nichts passiert.

Jetzt aber bin ich an dem Punkt, an dem ein solcher Zeitsprung nicht nur möglich, sondern sogar angeraten ist. Die Handlung, die ich mir zurechtgelegt habe, macht es nötig, einige Wochen zu überspringen. In dieser Zeit passiert natürlich trotzdem einiges, aber es ist nicht im Detail von Interesse.

Für mich fühlt es sich dennoch komisch an, auf einmal längere Zeiträume mit verhältnismäßig wenigen Worten zu überbrücken. Ein Grund dafür ist, dass ich eine sehr nahe Erzählperspektive gewählt habe und, wenn ich wollte, jeden Gedanken meines Protagonisten protokollieren könnte. Und von denen wird er sich, zwangsläufig, einige machen in der Zeit, die ich nicht schildern möchte.

Man muss sich in seine Situation versetzen: Er nimmt ein großes Risiko nicht nur für sich, sondern auch für seine ganze Familie auf sich. Wenn es mir so ginge, dann würde ich wahrscheinlich den halben Tag mit Grübeleien verbringen.

Aber hier muss man als Autor den Cut machen und sich überlegen, ob diese Gedanken und Grübelphasen die Handlung wirklich vorwärts bringen. Und wenn das verneint werden kann, dann lässt man sie einfach weg. Ein Luxus, den wir im echten Leben nicht haben, wenn wir über Dinge nachgrübeln. Denn auch dort bringt es uns ja meistens nicht vom Fleck – das aber nur am Rande.

Im Film kann sich der Regisseur die Sache mit den Zeitsprüngen einfach machen: Er fügt einfach eine dieser berühmten Einblendungen zu, dass wir uns jetzt zwei Jahre später befinden. Und wenn sein Zeitsprung länger ausfällt, dann greift er auf einen begabten Maskenbildner oder gleich einen anderen Schauspieler zurück, um zu verdeutlichen, dass viel Zeit vergangen ist.

Prinzipiell kann man natürlich in einem Roman auch so vorgehen, keine Frage. Ich würde es aber eher als ein etwas grobschlächtiges Vorgehen ansehen.

Und so bin ich so schlau, als wie zuvor. Für den Moment behelfe ich mich mit einer kurzen Zusammenfassung der übersprungenen Wochen zu Beginn des aktuellen Kapitels. Ob mir das für die spätere Endfassung immer noch so gefällt, oder ob ich mir doch noch etwas besseres einfallen lasse, kann ich gerade noch nicht einschätzen. Bisher haben sich die meisten meiner Romane tatsächlich innerhalb weniger Tage abgespielt. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern mehr dem Genre, in dem sie sich abspielen, geschuldet.

Mich würde interessieren, wie ihr es handhabt, falls ihr selber schon Geschichten mit kleineren oder größeren Zeitsprüngen geschrieben habt. Oder kennt ihr besonders gelungene Beispiele, in denen der Zeitwechsel nicht so wirkt, als sei er mit der Brechstange künstlich eingefügt oder dem Autor sei einfach nichts eingefallen, was er für diesen Zeitraum hätte erzählen können?

Verratet es mir doch gerne in den Kommentaren! 🙂

Vom Respekt gegenüber den Menschen im Holocaust

Deutschland und vor allem die deutsche Musikindustrie hat in den vergangenen Wochen ja eine lautstarke Diskussion über Respekt im Umgang mit dem Gedenken an die Opfer des Holocaust geführt. Auslöser war, ihr werdet es rückwärts pfeifen können, aber der Vollständigkeit halber will ich es erwähnen, die Verleihung des „Echo“ an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang, auf deren Album sich in einem Lied Zeilen finden lassen, die eben diesen Respekt vermissen lassen.

Nun, in der Zwischenzeit ist der „Echo“ Geschichte, hat so ziemlich jeder im Musikbusiness seinen Wortbeitrag geleistet und ist die ganze Sache ein klein wenig aus den täglichen Nachrichten verschwunden. Aus meiner Sicht der richtige Zeitpunkt, das zu schreiben, was ich zu diesem Thema schreiben möchte. Denn mir geht es nicht um die beiden Rapper, mir geht es nicht um ihr Lied. Es geht mir um den Respekt im Allgemeinen.

Wir leben in Zeiten, in denen sich die alte Frage, wie viel Respekt und wie viel Erinnerungskultur wir dem Thema Holocaust, aber auch allgemein der Verfolgung von Bevölkerungsgruppen wie Sinti und Roma, Homosexuellen oder auch Zeugen Jehovas entgegenbringen sollen, auf eine Weise wieder stellt, wie sie es vielleicht seit den achtziger Jahren nicht getan hat.

Durch den Einzug der AfD in viele Parlamente und Strömungen, die es zumindest in Teilen dieser Partei gibt, durch das Erstarken von rechtspopulistischen Gedanken und, auf die Literatur bezogen, durch die Tätigkeit von einschlägigen Verlagen ist das Thema wieder in unserem Alltag angekommen.

Das macht es für einen einfachen kleinen Autoren wie mich nicht einfacher. Denn einerseits bin ich selber sehr sensibilisiert dafür, wie man „richtig“ mit diesem Teil unserer Geschichte umgeht, andererseits möchte ich auch den Menschen, die damals gelebt haben und gestorben sind, die gekämpft und gelitten haben, nicht noch mehr von jenem Unrecht angedeihen lassen, das ihnen heute manchmal getan wird. Bewusst oder unbewusst.

Ich schreibe ja, wie ihr wisst, an einem Roman, der im Jahr 1942 im besetzten Polen spielt. Eine meiner Figuren ist ein jüdischer Junge, der durch das beherzte Tun seiner Eltern aus einem der Todeszüge von Warschau nach Treblinka gerettet wird. Sofern es eine Rettung ist, einsam und verloren mitten in einem polnischen Wald zu sitzen, dem Erfrieren nahe. Doch – gemessen an dem, was ihn am Bestimmungsort seiner Reise erwartet hätte, ist es zumindest ein Aufschub. Und, weil es ja nun einmal eine Geschichte ist, wird er ja auch von meinem Protagonisten aufgefunden und zu sich genommen.

Für mich bedeutet Respekt zum Beispiel, dass ich nicht versuche, die Figuren der Eltern des Jungen darzustellen wie tatenlose Opfer. Denn das ist nicht, was sie gewesen sind – das ist das, zu was sie gemacht wurden. Indem man ihnen ihre Hoffnung nahm, ihr Zuhause und am Ende ihr Leben, hat man sie zu Opfern gemacht.

Dabei waren sie – und in meinem Roman sind sie es – Menschen!

Das ist etwas, was mir in der Diskussion, die in der letzten Zeit geführt wurde, ein wenig zu kurz gekommen ist. Die Auseinandersetzung damit, dass wir hier nicht von anonymen „Auschwitzinsassen“ reden, wie es in dem Liedtext der Fall ist. Nein, diese „Insassen“ waren Menschen. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Menschen, die man zu Opfern gemacht hat. Indem man sie hergenommen und ganz langsam all ihrer Menschlichkeit beraubt hat.

Ich lese gerade das Buch „Auschwitz. Zeugnisse und Berichte“, das in seiner ersten Auflage bereits 1962 erschien. In dieser Sammlung haben die Herausgeber H.G. Adler, Hermann Langbein und Ella Lingens-Reiner versucht, durch die Stimmen der Überlebenden ein differenziertes Bild vom Lagerleben zu zeigen. Ein Buch, das betroffen macht. Ein Buch, das berührt. Aber eben auch ein Buch, das aufzeigt, dass nicht jeder Mensch von Anfang an zum Opfer bestimmt war.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, der als Begriff oft stellvertretend für alle Gräuel in den Konzentrationslagern gebraucht wird, ist für die Kunst immer ein Balanceakt. Zu leicht gleitet man in den Bereich der puren Exploitation ab. Etwas, vor dem nicht einmal die ganz Großen gefeit sind – oder als gefeit angesehen werden. Man erinnere sich, wie viel Skepsis Steven Spielberg entgegengebracht wurde, als bekannt wurde, dass er „Schindlers Liste“ dreht. Der Kerl mit den Dinos und dem Typ mit dem Hut sollte ein ernsthaftes Drama über die Judenvernichtung drehen!?

Wir wissen, was daraus geworden ist.

Nun bin ich kein Spielberg. Werde auch nie einer sein. Aber ich versuche, mich meiner Handlung und meinen Personen ebenso würdig zu nähern. Weil ich nicht „08/15“ sein will.

Das macht es manchmal schwierig, überhaupt an dem Manuskript zu arbeiten. Denn es ist das eine, schlechten Text zu produzieren. Aber es ist etwas ganz anderes, respektlos zu sein. Für mich jedenfalls ist das ein ganz gewaltiger Unterschied. Deswegen geht es im Moment recht langsam weiter, was den reinen Text anbelangt. Aber in mir arbeitet es – und das ist gerade für diese Geschichte ebenso wichtig, glaube ich.

Ich wünsche mir im Allgemeinen, dass wir als Gesellschaft – und da schließe ich sie alle mit ein, die Musiker, die Politiker, die Verleger, nicht zuletzt die Lehrer in den Schulen – dahin kommen, die Verantwortung, die wir haben, wahrzunehmen. Ich spreche nicht davon, dass wir, die wir in der Mehrzahl inzwischen nach dem Krieg geboren wurden, die Schuld auf uns nehmen. Aber wir haben eine Verantwortung dafür, dass wir insbesondere diesen Teil unserer Geschichte mit Respekt für die Menschen gestalten. Dass wir begreifen, dass dieser Respekt notwendig ist. Auch heute noch. Gerade heute noch!

Das wird jemanden, der behauptet, in Auschwitz habe es nie Gaskammern gegeben, nicht bekehren. Soll es auch nicht. Aber wenn dadurch auch nur ein einziger junger Mensch ins Nachdenken gerät, was das eigentlich ist, so ein „Auschwitzinsasse“ und wie er war, bevor er zu einer Nummer auf einer Todesliste geworden ist, dann ist schon viel erreicht.

Mein Roman, wenn er denn irgendwann fertig ist, wird da vielleicht nicht viel ausrichten können. Er soll am Ende unterhalten, nicht belehren. Sonst müsste ich ein Sachbuch schreiben. Aber das hält mich nicht davon ab, Respekt zu haben, Respekt zu zeigen und auch Respekt einzufordern.

Weil ich über Menschen schreibe, die es zwar in der Realität nie gegeben hat, die aber so oder so ähnlich zumindest denkbar gewesen wären.

Warum schlechter Text dich weiterbringt: Das ist meine Begründung

Von Stephen King stammt die Autorenweisheit, dass man bei geschlossener Tür schreiben und bei geöffneter Tür überarbeiten soll. Damit meint er nichts anderes, als dass man sich während des Schreibprozesses auf sich selbst, auf seinen Text, auf seine Arbeit konzentrieren soll. Jede Störung von außen ist zu diesem Zeitpunkt genau das: Eine Störung, die den Arbeitsprozess negativ beeinflussen könnte. Oder positiv. Aber auf jeden Fall eine Beeinflussung.

King zielt mit diesem Ausspruch vor allem auf externe Einflüsse ab, etwa, indem man einen Text, an dem man arbeitet, einem Leser zur Begutachtung gibt. Oder, indem man einen Textteil schon einmal an einen Textprofi gibt.

Aber wie steht es eigentlich mit den inneren Einflüssen? Nun, das ist etwas, mit dem verschiedene Autoren ganz unterschiedlich umgehen.

Ich gehöre zu den Schreibern, die sich während des Schreibprozesses nicht zu sehr mit dem auseinandersetzen, was sie bis jetzt geschrieben haben. Von anderen Autoren weiß ich, dass sie sich, als Beispiel, vor dem Beginn der Arbeit die letzte Seite durchlesen, die sie am Tag zuvor geschrieben haben. Sie brauchen das, um wieder rein zu kommen in ihren Text.

Einige fangen sogar während dieses Schrittes schon an, den Text zu redigieren. Wenn ihnen etwas auffällt, dann verbessern sie es. Sie machen damit schon eine Teilüberarbeitung.

Mich würde das, gelinde gesagt, wahnsinnig machen. Außerdem bin ich der Ansicht, dass auch schlechter Text durchaus in der Lage ist, einen in der persönlichen Entwicklung weiter zu bringen.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Ich schreibe ja an einem Roman über das Schicksal eines Kindes zur Zeit der Judenverfolgung im vom Deutschen Reich besetzten Polen. Dieser Roman ist auf seine Art ein wenig speziell, weil ich zwar versuche, eine tatsächliche Handlung voranzutreiben (es wird also kein Drama), aber gleichzeitig sicherstellen möchte, dass ich nicht zu „flach“ werde in Sprache wie in Geschichte.

Das gelingt mir an manchen Tagen recht gut. Und dann gibt es Tage wie gestern, an denen ich schon während des Schreibens merke, dass irgendwas nicht so richtig stimmt. Lasst mich euch einen Textauszug zeigen:

Frantisek schaut sich Oleg von oben bis unten an, dann sieht er wieder zu Tomasz.
»Ich will so einen nicht in meiner Nähe haben.«
»Er ist ja nicht in deiner Nähe. Er ist bei mir im Haus.«
»Das direkt gegenüber liegt. Ich will den nicht hier haben«, wiederholt Frantisek.
»Hast wohl Angst, dass ich die Luft verpeste, oder was? Soll ich mal rüberkommen und dich anhauchen? Würde dir das gefallen?«
Oleg macht Anstalten, zu Frantisek zu laufen, aber Tomasz hält ihn davon ab: »Wir wollen keinen Ärger haben.«
»Ich hab keinen Ärger«, sagt der Alte. »Ich habe Spaß. Und ich habe Hunger. Wann gibt es jetzt endlich Frühstück?«

Zwei der drei Männer, die da auf der Straße stehen, sind dem Leser zu diesem Zeitpunkt schon gut bekannt. Tomasz ist derjenige, der den kleinen jüdischen Jungen im Wald aufgelesen und mitgenommen hat. Oleg, der vermeintliche Dorftrottel mit tragischer Vergangenheit, erweist sich als wertvolle Hilfe im Existenzkampf der kleinen Familie.

Der Nachbar Frantisek hat hier seinen ersten Auftritt. Seine Rolle im Roman ist mir noch nicht ganz klar, aber ich weiß, dass ich die Nachbarn nicht außen vor lassen kann, aus verschiedenen Gründen.

Schon während ich diesen kurzen Auszug schrieb (der Gesamtdialog ist noch ein wenig länger) wurde ich unzufrieden mit der Art, in der sich Frantisek verhält. Er agiert zu eindimensional, indem er Oleg, den er für eine Bedrohung seiner bürgerlichen Ordnung hält, direkt und, sagen wir, wie es ist, platt angreift. Dieser wiederum reagiert auf ähnliche Weise und schon habe ich einen Dialog, in dem sich zwei Männer, die sich vorher vielleicht höchstens vom Sehen kannten, gegenseitig anzicken.

Die Handlung des Romans wird dadurch nicht vorangebracht, ganz im Gegenteil, ich nehme mir vielleicht Optionen, die ich später in Bezug auf die Nachbarschaft zwischen Tomasz und Frantisek gewinnbringender einbauen könnte.

Wie gesagt, das Störgefühl hatte ich schon, als ich die Passage schrieb und dennoch befindet sie sich so in meinem Manuskript. Und wieso? Weil ich denke, dass es gerade auch die schlechten Textteile sind, die uns in unserer Arbeit weiterbringen können.

Text, den wir für gut befinden, schauen wir uns gerne immer mal wieder an. Jeder von euch, der selber schon mal geschrieben hat, wird es kennen, dass er sich besonders gelungene Passagen seines Werks gerne wieder durchliest und sich darüber freut, wie gut das doch gelungen ist.

Aber aus dieser Betrachtung, die nur zu schnell oberflächlich wird, kann man nichts lernen. Ich habe es versucht, glaubt mir, aber außer „boah, ist das gut“ bleibt einfach nicht viel im Gedächtnis.

Dagegen kann ich Passagen in meinen Romanen, bei denen ich (inzwischen) sehe, dass etwas nicht stimmt, auf eine Art und Weise betrachten, die mich weiter bringt. Auch wenn ich einräume, dass ich erst einige Erfahrungen sammeln musste, sei es durch Testleser, sei es durch das Lektorat, sei es durch das Schreiben an sich, um diese Stolpersteine in etwas gewinnbringendes umwandeln zu können.

Wenn ich mir diese Textstellen noch einmal durchlese, spätestens in der Überarbeitung, dann habe ich meist schon genaue Vorstellungen davon, wie ich sie anpassen muss. Und zwar, weil ich sie anpassen muss, da ich, inspiriert durch das schlechte Gefühl, das ich beim Schreiben hatte, zukünftige Stellen anders, ich denke besser, angehen kann.

Natürlich ergeben sich dadurch mögliche Inkonsistenzen. Aber ich behaupte, dass die sich sowieso ergeben. Zumindest dann, wenn man nicht alles von vornherein minutiös durchplant. Aber meine Einstellung dazu kennt ihr ja inzwischen 😉 .

Bezogen auf den oben gezeigten Ausschnitt bedeutet das soviel, dass ich mir nun, wo ich ein Problem erkannt habe, Gedanken dazu machen kann, wie ich meinen Nachbarn Frantisek eigentlich haben will. Bestenfalls dient dies dazu, ihn als Charakter, oder zumindest als Plotpunkt, greifbarer und dadurch auch besser zu machen.

Ja, meine drei Figuren werden sich immer noch auf der Straße getroffen haben. Aber die Tatsache als solche ist ja nicht das Problem. Ihr Zusammenspiel ist es. Und das kann im Zuge der Überarbeitung, wenn ich viel genauer weiß, wie sich das alles und die drei zueinander eigentlich verhalten, entscheidend verbessert werden.

Wenn ich den Text jetzt sofort löschen würde, dann könnte ich mich schlimmstenfalls hinterher nicht mehr daran erinnern, was genau mich eigentlich gestört hat. Klar, ich könnte es notieren oder den betreffenden Text sogar separat abspeichern, aber das wäre – für mich – nicht dasselbe.

Auf diese Weise bringt auch schlechter Text mich weiter. Auf eine verquere Art vielleicht sogar eher, als guter Text es könnte. Obwohl wir letztlich doch alle nach Perfektion streben. Kann es einen schöneren Widerspruch in sich geben?