Ein schönes Bild

Manchmal finde ich es hochbedauerlich, dass man nicht einfach wild in der Gegend herumknipsen und Fotos von anderen Leuten machen kann. Denn das hätte heute ein sooo schönes Bild abgegeben!

Jetzt kann ich euch leider die Situation nur beschreiben und hoffen, dass ihr euch die Szene vor eurem geistigen Auge ausmalen könnt.

Ich war heute Nachmittag, wie immer, in der völlig überfüllten Regionalbahn von Duisburg Hbf nach Duisburg Rheinhausen unterwegs. Drei Haltestellen, die in dem überfüllten Zug aber lang genug werden können.

Wie immer hielt ich mich in direkter Nähe der Ausgänge, weil ich keine Lust hatte, den Zug nicht passend verlassen zu können. Ich war froh, dass ich ausreichend Platz hatte, mein aktuelles Buch aufgeschlagen vor mir zu halten und mich dennoch festhalten zu können. Ich habe heute angefangen, den ersten Teil der Tagebücher von Victor Klemperer zu lesen, die dieser zwischen 1933 und 1945 geführt hat. Irgendwie ist das Thema für mich einfach mal wieder verstärkt „dran“. Ich weiß auch nicht, wieso.

Umgeben war ich von lauter Smartphones. Mal wurde darin (darauf?) gelesen, mal telefoniert. Ein Mädchen zu meiner Linken stieß mich fortwährend mit dem Kopf an, weil sie nicht in der Lage war, gleichzeitig zu sprechen und still zu stehen.

Irgendwann, kurz vor der Einfahrt in den heimatlichen Bahnhof, ließ ich dann meinen Blick noch einmal schweifen. Und so sah ich auf dem nächstgelegenen Vier-Personen-Sitz, das Bild, das ich gerne als Foto festgehalten hätte:

Ein Mann und eine Frau, beide vielleicht in ihren Zwanzigern, beide vielleicht oder vielleicht auch nicht ein Paar, lasen in einem Buch. Gemeinsam im selben. Er hielt das Buch so, dass auch sie hineinschauen konnte. Leider hatte ich keine Chance, zu erkennen, um was für ein Buch es sich handelte. Aber es war, am Schriftsatz erkennbar, ein Roman.

Während er las, warf er zwischendurch immer wieder kurze Seitenblicke zu ihr hinüber, vielleicht um festzustellen, wie weit sie schon gekommen war. Da lachte sie auf einmal kurz auf und wies dann mit dem Finger auf eine Stelle im Buch. Die beiden steckten die Köpfe zusammen – und ich bin mir im Nachgang eigentlich sehr sicher, dass sie eben doch ein Paar waren – und sie erklärte ihm, was sie an der bezeichneten Stelle so toll fand. Dann lachten beide und lasen weiter.

An dieser Stelle musste ich, leider, aussteigen. Mich hätte wirklich interessiert, um welches Buch es sich hier gehandelt hat. Aber alleine die Szene als solche, im großen Kontrast zu den ganzen Bildschirmen um mich herum, hat für mich ein Stück die Sonne aufgehen lassen. Solange das Lesen noch diese Wirkung auf Menschen haben kann und solange Menschen dieses Erlebnis noch in dieser Form miteinander teilen, so lange ist das gedruckte Buch noch nicht verloren 🙂 .

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Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen

Dieser, in der Überschrift genannte, prophetische Satz geht auf Heinrich Heine zurück. Er stammt aus einer Zeit weit vor dem Dritten Reich. Und doch ist er gerade in diesem Zusammenhang zu einer schauerlichen Bedeutung gelangt.

Heute, genau vor 85 Jahren, fand im Deutschen Reich die große, von den Nationalsozialisten organisierte, Bücherverbrennung statt. Verbrannt wurden Werke all jener Autoren, die als undeutsch im Geist der neuen Machthaber angesehen wurden, die sich durch zu laute Kritik oder durch zu humanistische Tendenzen unbeliebt und unerwünscht gemacht hatten.

Meine erste richtige Auseinandersetzung mit dem Thema Bücherverbrennung fand zu Schulzeiten statt. Ich war gerade dabei, eine Arbeit über den Schriftsteller Erich Maria Remarque anzufertigen, der in der Weimarer Republik mit seinem Roman „Im Westen nichts Neues“ für Aufsehen, aber auch für Empörung bei ehemaligen Soldaten des Ersten Weltkriegs, gesorgt hatte.

Sowohl sein Roman als auch die zeitgenössische Verfilmung des Stoffs fiel, man möchte sagen natürlich, bei den Nazis in Ungnade. Vor allem der Gauleiter von Berlin und spätere Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels hatte ein besonderes Interesse daran, Remarque mundtot zu machen. Und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch seine Werke im Rahmen der Bücherverbrennungen auf den Scheiterhaufen landeten:

Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.

Mein Interesse war, nicht nur wegen meiner Hausarbeit, geweckt. Und so informierte ich mich weiter über diese Verbrennungen und die Autoren, welche zu ihren Opfern wurden. Darunter finden sich Namen wie Erich Kästner, Tucholsky, Heinrich Mann und natürlich Karl Marx. Und ich begann mich ganz im Allgemeinen damit zu beschäftigen.

Aus unserer heutigen Sicht können wir leicht auf dieses Ereignis schauen und es einen Akt der Barbarei nennen. In der damaligen Zeit war die Lage differenzierter. Zwar waren die neuen Machthaber der Antrieb hinter den Verbrennungen. Aber es gab auch genügend andere, eher gemäßigte Elemente, die im stillen oder ganz öffentlich mit diesen Aktionen überein stimmten. Selbst eine Institution wie der Börsenverein hat damals, wie man selber schreibt, aus opportunistischen Gründen aktiv mit den Brandstiftern kollaboriert.

Und wie sieht es heute aus?

Nun, in unserem Land, das kann man sagen, hat man aus der Vergangenheit gelernt. Auch wenn es für viele Menschen unverständlich erscheint, wieso zum Beispiel extremes Gedankengut in Buchform erscheinen darf: Es ist, unter anderem, eine direkte Folge aus den Erfahrungen und den kulturellen Hinterlassenschaften der damaligen Zeit. Nicht umsonst heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes: Eine Zensur findet nicht statt.

Für viele Menschen ist es selbstverständlich, dass auch die Meinungen Andersdenkender, seien sie in Form von Artikeln oder Büchern oder auch Blogbeiträgen ausgesprochen, nicht unterdrückt werden dürfen. Immer mit der sinnvollen Einschränkung, dass sie nicht gegen geltendes Recht und Gesetz verstoßen dürfen. Aber das taten die damals der Bücherverbrennung anheim gefallenen Autoren auch nicht. Nicht einmal nach der damaligen Gesetzeslage.

Doch in anderen Teilen der Welt wird bis heute zensiert. Es werden Menschen verfolgt, inhaftiert und teilweise sogar mit dem Tode bedroht, weil sie ihre Meinung schreiben oder sagen. An einem Tag wie heute, der vor allem auch eine Mahnung für die Meinungsfreiheit darstellt, sollten wir gerade auch an diejenigen denken, denen es heute noch so geht, wie denn Manns, den Kästners und den Remarques vor 85 Jahren.

Die Bücherverbrennung markiert den Beginn der öffentlichen Gleichschaltung der deutschen Kultur. Und was sich nicht gleichschalten ließ, das wurde, auf vielfältige Weise, ausgeschaltet. Wer damals konnte, der ging ins Exil. Und wer es nicht konnte oder wollte, dem wurde so gut wie jede Möglichkeit der Publikation genommen, es sei denn, er arrangierte sich mit den Machthabern. Erich Kästner, zum Beispiel, lieferte unter Pseudonym viele Vorlagen für erfolgreiche Kinofilme der Nazizeit, etwa für „Münchhausen“ mit Hans Albers. Doch das wussten nur wenige Eingeweihte.

Andere, allen voran Thomas Mann, wurden in ihrem Exil zu einer mahnenden und nicht nachlassenden Stimme der Kritik an den Machthabern im Dritten Reich, das unaufhaltsam der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs und der Vernichtung der europäischen Juden zusteuerte.

Und so sollte sich das, was Heinrich Heine bereits 1821 schrieb, auf schrecklichste Weise erfüllen.

Ich bin froh, dass wir heute in unserem Land in der Lage sind, für unsere Ansichten und Meinungen einzustehen. Dass wir Autoren publizieren können, was wir wollen, wie wir es wollen und wo wir es wollen. Und ich bin dankbar dafür, dass es Institutionen gibt, die sich für die Meinungsfreiheit auf der ganzen Welt einsetzen.

Daran denke ich am heutigen Tag.

Kurz und schmerzlos (28) Das Gute an der DSGVO

Wisst ihr, was das Gute daran ist, wenn die neue Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) kommt und deswegen immer mehr Blogger ihre Seiten auf Privat stellen oder gleich ganz vom Netz nehmen?

Man braucht nicht mehr so viel Zeit, um alle interessanten Blogs halbwegs aktuell zu verfolgen. Das bedeutet viel mehr Zeit zum Schreiben.

Ihr wisst schon, Spuren, Ironie, behalten und so …

Nee, ihr bleibt mir alle schön da, verstanden? Damit ich auch im Juni noch genügend nette Menschen habe, bei denen es sich zu lesen und zu kommentieren lohnt. Ich zähle auf euch!

Meldung und Meinung: Der Hotzenplotz geht wieder um

Heute ging eine Meldung aus dem Literaturbetrieb durch zahlreiche deutschsprachige Medien. Ich habe es, als Beispiel, zuerst bei der NZZ gelesen: Im Nachlass des Autors Otfried Preussler ist ein weiterer, der vierte, Band rund um die Missetaten des Räubers Hotzenplotz aufgefunden worden.

Wer von euch kennt die Geschichten nicht? Oder wenigstens eine von ihnen? Ich denke, die meisten werden wissen, dass der Hotzenplotz einmal die Kaffeemühle von Kasperls Großmutter gestohlen hat und dass Kasperl und Seppel bei dem Versuch, sie wieder zu beschaffen, gar grässliche Abenteuer zu bestehen hatten. Natürlich ist am Ende alles gut ausgegangen und der böse Räuber ins Loch gewandert. Aber da ist er nicht geblieben, so dass es zu weiteren Geschichten kommen konnte.

Das alles liegt nun schon 45 Jahre zurück. So lange ist es her, dass der dritte und letzte Band der Geschichten veröffentlicht wurde. Doch nun hat die Tochter des Autors eine bisher unbekannte Geschichte, ein Theaterstück, gefunden. Diese ist sogar stolze fünfzig Jahre alt.

Für die Freunde der Geschichten um den Räuber Hotzenplotz ist dies mit Sicherheit ein Grund zur Freude. Und auch die Rechteinhaber dürften sich darüber freuen, dass sie diese, sicherlich einträgliche, Geschichte gefunden haben.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich etwas gemischte Gefühle dabei habe. Man muss sich einfach die Zeitabläufe vor Augen halten: Etwa 1968 hat Preussler die nun gefundene Geschichte geschrieben. Der letzte „Hotzenplotz“ aus seiner Feder wurde circa 1973 veröffentlicht. Mir stellt sich einfach die Frage, wieso dieses nun aufgefundene Theaterstück von ihm nicht selber verwertet worden ist.

Keinesfalls hatte es etwas damit zu tun, dass er des Hotzenplotz überdrüssig geworden war. Zeit seines Lebens hat er diese Figur in Ehren gehalten und sich stark mit ihr identifiziert. Umso unwahrscheinlicher ist, dass er einfach auf die Veröffentlichung verzichtet hat, weil er „keine Lust“ auf sie oder ihre Veröffentlichung hatte.

Der Gedanke liegt für mich nahe, dass Preussler die Geschichte vielleicht aus qualitativen Gründen zurückgehalten hat. Vielleicht erschien ihm das Szenario – Kasperl und Seppel wollen den Hotzenplotz mit einer Rakete auf den Mond schießen – nicht passend für die Reihe. Oder er hatte irgendeinen anderen Grund, das Manuskript so gut unterzugraben, dass es erst heute, fünf Jahre nach seinem Tod, wieder aufgetaucht ist.

Das sind natürlich Spekulationen, aber sie berühren ein durchaus interessantes Thema: Wenn der Nachlass eines Autors an seine Erben geht, inwiefern ist es sinnvoll, alle bestehenden Geschichten noch zu verwerten? Wohlgemerkt unterstelle ich der Preussler-Tochter keine rein finanziellen Beweggründe. Nach allem, was ich weiß, pflegt sie das Erbe ihres Vaters und geht verantwortungsvoll damit um.

Aber stellt euch mal vor, was los wäre, wenn dereinst (möge es noch viele Jahre dauern) ein weiterer oder gar ein alternativer „Harry Potter“-Band auftauchen sollte!

Nun werde ich niemals in die Position kommen, dass jemanden nach meinem Ableben interessieren könnte, was ich zu Lebzeiten noch so geschrieben habe. Aber ich spiele das Gedankenspiel mal durch und komme zu dem Schluss, dass man als Autor vielleicht Anweisungen an seine Nachfahren hinterlassen sollte oder gar müsste, welche Texte man auf keinen Fall herausgebracht sehen möchte.

Wobei man dann sagen könnte, dass Preussler diesen Text, der ihm nicht für die Veröffentlichung bestimmt gewesen zu sein scheint, auch einfach hätte vernichten können. Aber den Autor möchte ich sehen, der dazu fähig wäre. Gerade, wenn einem die Figuren so sehr am Herzen liegen.

Nun, ich hoffe, dass das neue Abenteuer mit Kasperl, Seppel, der Großmutter, dem Wachtmeister Dimpfelmoser und natürlich dem Räuber Hotzenplotz viele Kinder erfreuen wird. Dann hat sich die Veröffentlichung auf jeden Fall gelohnt. Das kleine Fragezeichen allerdings bleibt.

Wie die Zeit (in Romanen) vergeht

Ein Roman führt seine Protagonisten von einem Punkt A zu einem Punkt B. Jedenfalls dann, wenn er sich so versteht, dass er die Reise einer Hauptfigur oder einer Gruppe von Hauptfiguren verfolgt. Die meisten Romane tun das. Und damit müssen sich auch die meisten Autoren damit auseinander setzen, wie sie diese Zeitabläufe, die sich daraus ergeben, im Roman darstellen wollen.

Denn nicht jede Handlung lässt sich in einem eng gesteckten Rahmen erzählen. Manche Geschichten spannen sich über Jahre, gar Jahrzehnte. Es gibt einige hervorragende Romane, die das gesamte Leben ihrer Hauptperson begleiten und diese zu verschiedenen einschneidenden Phasen dieses Lebens zeigen.

Andere Romane komprimieren ihr Geschehen auf einen eher überschaubaren Zeitstrahl. Das gilt, zum Beispiel, für viele Krimis und Thriller, in denen es oft eine direkte Bedrohung oder eine direkte Gefährdungslage gibt, welche es für die Handelnden nötig macht, einzugreifen und möglichst schnell zur Tat zu schreiten.

Aus dieser Verdichtung lässt sich Spannung erzeugen, denn wenn etwa das Leben einer Geisel auf dem Spiel steht, dann fiebert man mit hoher Aufmerksamkeit dem Moment entgegen, in dem der Ermittler den entscheidenden Schritt macht, um diese vielleicht doch noch den Fängen des Verbrechers zu entreißen. Hierfür ließen sich wirklich unendlich viele Beispiele aufführen.

Und dennoch ist das, was beim Lesen so leicht wirkt, eine gar nicht so einfache Disziplin, wie ich finde. Ich tue mich regelmäßig schwer damit, den richtigen Ton zu treffen, um einen kleineren oder größeren Zeitsprung einzufügen. Gerade dann, wenn ich zuvor über einen langen Zeitraum hinweg die Geschehnisse praktisch in Echtzeit geschildert habe.

In meinem aktuellen Romanprojekt „Das Kind“ ist es etwa so, dass die ersten acht Kapitel sich über einen Zeitraum von gerade einmal zwei Tagen erstrecken. Die kleinen Zeitsprünge, die es gibt, ergeben sich durch die notwendigen Ruhepausen, die meine Figuren einlegen. Also im Prinzip, indem sie einige Stunden verschlafen.

Ich brauche diese recht lange Wegstrecke, um das Setting für den weiteren Roman aufzubauen. Es wäre einfach nicht logisch, wenn sich zu diesem Zeitpunkt, an dem gerade der gerettete jüdische Junge in die Familie gekommen ist, mehrere Wochen vergehen würden, in denen praktisch nichts passiert.

Jetzt aber bin ich an dem Punkt, an dem ein solcher Zeitsprung nicht nur möglich, sondern sogar angeraten ist. Die Handlung, die ich mir zurechtgelegt habe, macht es nötig, einige Wochen zu überspringen. In dieser Zeit passiert natürlich trotzdem einiges, aber es ist nicht im Detail von Interesse.

Für mich fühlt es sich dennoch komisch an, auf einmal längere Zeiträume mit verhältnismäßig wenigen Worten zu überbrücken. Ein Grund dafür ist, dass ich eine sehr nahe Erzählperspektive gewählt habe und, wenn ich wollte, jeden Gedanken meines Protagonisten protokollieren könnte. Und von denen wird er sich, zwangsläufig, einige machen in der Zeit, die ich nicht schildern möchte.

Man muss sich in seine Situation versetzen: Er nimmt ein großes Risiko nicht nur für sich, sondern auch für seine ganze Familie auf sich. Wenn es mir so ginge, dann würde ich wahrscheinlich den halben Tag mit Grübeleien verbringen.

Aber hier muss man als Autor den Cut machen und sich überlegen, ob diese Gedanken und Grübelphasen die Handlung wirklich vorwärts bringen. Und wenn das verneint werden kann, dann lässt man sie einfach weg. Ein Luxus, den wir im echten Leben nicht haben, wenn wir über Dinge nachgrübeln. Denn auch dort bringt es uns ja meistens nicht vom Fleck – das aber nur am Rande.

Im Film kann sich der Regisseur die Sache mit den Zeitsprüngen einfach machen: Er fügt einfach eine dieser berühmten Einblendungen zu, dass wir uns jetzt zwei Jahre später befinden. Und wenn sein Zeitsprung länger ausfällt, dann greift er auf einen begabten Maskenbildner oder gleich einen anderen Schauspieler zurück, um zu verdeutlichen, dass viel Zeit vergangen ist.

Prinzipiell kann man natürlich in einem Roman auch so vorgehen, keine Frage. Ich würde es aber eher als ein etwas grobschlächtiges Vorgehen ansehen.

Und so bin ich so schlau, als wie zuvor. Für den Moment behelfe ich mich mit einer kurzen Zusammenfassung der übersprungenen Wochen zu Beginn des aktuellen Kapitels. Ob mir das für die spätere Endfassung immer noch so gefällt, oder ob ich mir doch noch etwas besseres einfallen lasse, kann ich gerade noch nicht einschätzen. Bisher haben sich die meisten meiner Romane tatsächlich innerhalb weniger Tage abgespielt. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern mehr dem Genre, in dem sie sich abspielen, geschuldet.

Mich würde interessieren, wie ihr es handhabt, falls ihr selber schon Geschichten mit kleineren oder größeren Zeitsprüngen geschrieben habt. Oder kennt ihr besonders gelungene Beispiele, in denen der Zeitwechsel nicht so wirkt, als sei er mit der Brechstange künstlich eingefügt oder dem Autor sei einfach nichts eingefallen, was er für diesen Zeitraum hätte erzählen können?

Verratet es mir doch gerne in den Kommentaren! 🙂

Vom Respekt gegenüber den Menschen im Holocaust

Deutschland und vor allem die deutsche Musikindustrie hat in den vergangenen Wochen ja eine lautstarke Diskussion über Respekt im Umgang mit dem Gedenken an die Opfer des Holocaust geführt. Auslöser war, ihr werdet es rückwärts pfeifen können, aber der Vollständigkeit halber will ich es erwähnen, die Verleihung des „Echo“ an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang, auf deren Album sich in einem Lied Zeilen finden lassen, die eben diesen Respekt vermissen lassen.

Nun, in der Zwischenzeit ist der „Echo“ Geschichte, hat so ziemlich jeder im Musikbusiness seinen Wortbeitrag geleistet und ist die ganze Sache ein klein wenig aus den täglichen Nachrichten verschwunden. Aus meiner Sicht der richtige Zeitpunkt, das zu schreiben, was ich zu diesem Thema schreiben möchte. Denn mir geht es nicht um die beiden Rapper, mir geht es nicht um ihr Lied. Es geht mir um den Respekt im Allgemeinen.

Wir leben in Zeiten, in denen sich die alte Frage, wie viel Respekt und wie viel Erinnerungskultur wir dem Thema Holocaust, aber auch allgemein der Verfolgung von Bevölkerungsgruppen wie Sinti und Roma, Homosexuellen oder auch Zeugen Jehovas entgegenbringen sollen, auf eine Weise wieder stellt, wie sie es vielleicht seit den achtziger Jahren nicht getan hat.

Durch den Einzug der AfD in viele Parlamente und Strömungen, die es zumindest in Teilen dieser Partei gibt, durch das Erstarken von rechtspopulistischen Gedanken und, auf die Literatur bezogen, durch die Tätigkeit von einschlägigen Verlagen ist das Thema wieder in unserem Alltag angekommen.

Das macht es für einen einfachen kleinen Autoren wie mich nicht einfacher. Denn einerseits bin ich selber sehr sensibilisiert dafür, wie man „richtig“ mit diesem Teil unserer Geschichte umgeht, andererseits möchte ich auch den Menschen, die damals gelebt haben und gestorben sind, die gekämpft und gelitten haben, nicht noch mehr von jenem Unrecht angedeihen lassen, das ihnen heute manchmal getan wird. Bewusst oder unbewusst.

Ich schreibe ja, wie ihr wisst, an einem Roman, der im Jahr 1942 im besetzten Polen spielt. Eine meiner Figuren ist ein jüdischer Junge, der durch das beherzte Tun seiner Eltern aus einem der Todeszüge von Warschau nach Treblinka gerettet wird. Sofern es eine Rettung ist, einsam und verloren mitten in einem polnischen Wald zu sitzen, dem Erfrieren nahe. Doch – gemessen an dem, was ihn am Bestimmungsort seiner Reise erwartet hätte, ist es zumindest ein Aufschub. Und, weil es ja nun einmal eine Geschichte ist, wird er ja auch von meinem Protagonisten aufgefunden und zu sich genommen.

Für mich bedeutet Respekt zum Beispiel, dass ich nicht versuche, die Figuren der Eltern des Jungen darzustellen wie tatenlose Opfer. Denn das ist nicht, was sie gewesen sind – das ist das, zu was sie gemacht wurden. Indem man ihnen ihre Hoffnung nahm, ihr Zuhause und am Ende ihr Leben, hat man sie zu Opfern gemacht.

Dabei waren sie – und in meinem Roman sind sie es – Menschen!

Das ist etwas, was mir in der Diskussion, die in der letzten Zeit geführt wurde, ein wenig zu kurz gekommen ist. Die Auseinandersetzung damit, dass wir hier nicht von anonymen „Auschwitzinsassen“ reden, wie es in dem Liedtext der Fall ist. Nein, diese „Insassen“ waren Menschen. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Menschen, die man zu Opfern gemacht hat. Indem man sie hergenommen und ganz langsam all ihrer Menschlichkeit beraubt hat.

Ich lese gerade das Buch „Auschwitz. Zeugnisse und Berichte“, das in seiner ersten Auflage bereits 1962 erschien. In dieser Sammlung haben die Herausgeber H.G. Adler, Hermann Langbein und Ella Lingens-Reiner versucht, durch die Stimmen der Überlebenden ein differenziertes Bild vom Lagerleben zu zeigen. Ein Buch, das betroffen macht. Ein Buch, das berührt. Aber eben auch ein Buch, das aufzeigt, dass nicht jeder Mensch von Anfang an zum Opfer bestimmt war.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, der als Begriff oft stellvertretend für alle Gräuel in den Konzentrationslagern gebraucht wird, ist für die Kunst immer ein Balanceakt. Zu leicht gleitet man in den Bereich der puren Exploitation ab. Etwas, vor dem nicht einmal die ganz Großen gefeit sind – oder als gefeit angesehen werden. Man erinnere sich, wie viel Skepsis Steven Spielberg entgegengebracht wurde, als bekannt wurde, dass er „Schindlers Liste“ dreht. Der Kerl mit den Dinos und dem Typ mit dem Hut sollte ein ernsthaftes Drama über die Judenvernichtung drehen!?

Wir wissen, was daraus geworden ist.

Nun bin ich kein Spielberg. Werde auch nie einer sein. Aber ich versuche, mich meiner Handlung und meinen Personen ebenso würdig zu nähern. Weil ich nicht „08/15“ sein will.

Das macht es manchmal schwierig, überhaupt an dem Manuskript zu arbeiten. Denn es ist das eine, schlechten Text zu produzieren. Aber es ist etwas ganz anderes, respektlos zu sein. Für mich jedenfalls ist das ein ganz gewaltiger Unterschied. Deswegen geht es im Moment recht langsam weiter, was den reinen Text anbelangt. Aber in mir arbeitet es – und das ist gerade für diese Geschichte ebenso wichtig, glaube ich.

Ich wünsche mir im Allgemeinen, dass wir als Gesellschaft – und da schließe ich sie alle mit ein, die Musiker, die Politiker, die Verleger, nicht zuletzt die Lehrer in den Schulen – dahin kommen, die Verantwortung, die wir haben, wahrzunehmen. Ich spreche nicht davon, dass wir, die wir in der Mehrzahl inzwischen nach dem Krieg geboren wurden, die Schuld auf uns nehmen. Aber wir haben eine Verantwortung dafür, dass wir insbesondere diesen Teil unserer Geschichte mit Respekt für die Menschen gestalten. Dass wir begreifen, dass dieser Respekt notwendig ist. Auch heute noch. Gerade heute noch!

Das wird jemanden, der behauptet, in Auschwitz habe es nie Gaskammern gegeben, nicht bekehren. Soll es auch nicht. Aber wenn dadurch auch nur ein einziger junger Mensch ins Nachdenken gerät, was das eigentlich ist, so ein „Auschwitzinsasse“ und wie er war, bevor er zu einer Nummer auf einer Todesliste geworden ist, dann ist schon viel erreicht.

Mein Roman, wenn er denn irgendwann fertig ist, wird da vielleicht nicht viel ausrichten können. Er soll am Ende unterhalten, nicht belehren. Sonst müsste ich ein Sachbuch schreiben. Aber das hält mich nicht davon ab, Respekt zu haben, Respekt zu zeigen und auch Respekt einzufordern.

Weil ich über Menschen schreibe, die es zwar in der Realität nie gegeben hat, die aber so oder so ähnlich zumindest denkbar gewesen wären.

Das Schreiben der Anderen: „Und dein Leben, dein Leben“ von Magret Kindermann

Die Kriminalautorin Carmen lebt zusammen mit ihrem Hund Dexter in einem alten Bootshaus, das an einem großen See und direkt am Waldrand liegt. Hier geht sie vollkommen in ihrer Arbeit auf. Ihr ganzes Leben ist darauf ausgerichtet und wird nur durch die normalen Routinen unterbrochen: ausgedehnte Spaziergänge mit dem Hund, Einkaufen im Ort auf der anderen Seeseite, gelegentliche One-Night-Stands mit ihrem On-Off-Liebhaber Leon.

Carmen hat sich diesen besonderen Ort ausgesucht, weil sie ganz in der Nähe, bei einem Spaziergang, einmal eine Leiche gefunden hat. Diese Leiche war quasi die Inspiration zu ihrer Schriftstellerkarriere. Aber eigentlich auch wieder nicht, denn Carmen beschäftigt sich schon viel länger mit dem Verbrechen. Mit den Ermordeten. Und mit den Mördern.

Sie hat einen Brieffreund namens Otto, der in einem amerikanischen Gefängnis auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartet. Dieser wünscht sich von ihr in fast jedem Schreiben „ein Buch, das würdig ist, deswegen am Leben zu sein“.

Carmen ist in ihrem Leben zufrieden, aber auch angestrengt. Sie wird nicht schlau daraus, was Otto genau von ihr erwartet. Was Leon erwartet, nämlich viel mehr, als sie zu geben in der Lage zu sein glaubt, steht ihr hingegen viel zu deutlich vor den Augen. Und dann gibt es da noch diese eine Geschichte, die sie denkt, irgendwann schreiben zu müssen. Die Geschichte von der Frau im See, die sie nur verschwommen sehen kann und von der sie doch glaubt, dass sie, diese Leiche, der Höhepunkt in ihrem Schaffen sein könnte.

Und dann kommt eines Tages doch alles ganz anders, als Carmen es erwartet hat. Denn auf einmal wird sie Opfer eines Verbrechens. Aber ist es wirklich ein Verbrechen, wenn man mit dem Mann, der einen überfallen hat, Tee trinkt und Suppe isst? Eine spannende Nacht liegt vor ihr.

Mit „Und dein Leben, dein Leben“ hat Magret Kindermann eine sehr interessante Geschichte veröffentlicht, die an manchen Stellen vollkommen anders verläuft, als man es als Leser glaubt, erwarten zu können. Das macht es schwer, viel hierzu zu schreiben, ohne den Reiz des Selberlesens zu zerstören.

Carmen ist als Charakter sehr präsent und in allen Schattierungen ihres Wesens – nun: nachvollziehbar? Glaubhaft? Realitätsnah?

Irgendwie all das und doch nichts davon so richtig. Carmen ist eine Frau mit vielen Facetten, die sich dieser vielschichtigen Persönlichkeit darüber hinaus sehr bewusst ist und bereit ist, sie anzunehmen. Ansonsten wäre es ihr sicherlich nicht möglich, die Nacht, die hier beschrieben wird, in der Form anzunehmen und mit zu gestalten, wie sie es tut.

Denn dass sie sie gestaltet, ist praktisch das antreibende Moment für die Handlung. Es gibt eine wundervolle Passage gegen Mitte der Novelle, in der sie mit dem Mann, der plötzlich und unerwartet in ihr Leben eingedrungen ist, eine Art Frage- und Gegenfragespiel spielt. Dazu wäre sie nicht in der Lage, wenn sie in einer Opferhaltung verharren würde, von der sie weiß, dass sie ihr eigentlich nicht zukommt.

Vielmehr ist sie eine Gleichberechtigte, wenigstens im Geiste. Sie ist fasziniert, nicht abgestoßen. Sie ist neugierig, nicht verängstigt. Sie ist lebendig, nicht tot.

Doch damit ist beinahe schon wieder zu viel über die Handlung verraten.

Rein formal kann man sagen, dass Magret Kindermann einen sehr literarischen Stil hat, der sich wunderbar mit der Handlung ergänzt und gerade zu den Passagen passt, die von Carmens Innenleben berichten. Dabei wird der Leser schnell in die Geschichte hineingezogen und auch, wenn sich an einem recht frühen Zeitpunkt etwas abzeichnet, von dem man annehmen kann, dass es gegen Ende wichtig oder relevant wird, nehme ich dies nicht als störend wahr.

Generell sind die Figuren stark gezeichnet. Das gilt, neben den beiden Hauptfiguren, auch für eine Randfigur wie Leon, dessen Konflikt in Bezug auf Carmen stark nachfühlbar ist. Eben auch aus dem Leben gegriffen.

Die Geschichte besitzt ein Ende, das offen genug ist, um nicht alles zu verraten und dennoch abschließend genug, um nicht alle Fragen offen zu lassen. Die Stelle, an der wir Carmen verlassen, fühlt sich richtig an.

Ich habe die Novelle, die von Amazon mit etwa 112 Seiten Länge angezeigt wird, praktisch in einem Rutsch durchgelesen. Und für mich steht fest, dass sie nicht das Letzte gewesen sein wird, was ich von Magret Kindermann lese.

Von mir gibt es für „Und dein Leben, dein Leben“ die volle Punktzahl und eine Leseempfehlung für alle, die eine Form von Spannung suchen, die sich hauptsächlich aus den Charakteren entfaltet, ohne dabei ihr Tun zu sehr aus den Augen zu verlieren.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.