Meldung und Meinung: Der Hotzenplotz geht wieder um

Heute ging eine Meldung aus dem Literaturbetrieb durch zahlreiche deutschsprachige Medien. Ich habe es, als Beispiel, zuerst bei der NZZ gelesen: Im Nachlass des Autors Otfried Preussler ist ein weiterer, der vierte, Band rund um die Missetaten des Räubers Hotzenplotz aufgefunden worden.

Wer von euch kennt die Geschichten nicht? Oder wenigstens eine von ihnen? Ich denke, die meisten werden wissen, dass der Hotzenplotz einmal die Kaffeemühle von Kasperls Großmutter gestohlen hat und dass Kasperl und Seppel bei dem Versuch, sie wieder zu beschaffen, gar grässliche Abenteuer zu bestehen hatten. Natürlich ist am Ende alles gut ausgegangen und der böse Räuber ins Loch gewandert. Aber da ist er nicht geblieben, so dass es zu weiteren Geschichten kommen konnte.

Das alles liegt nun schon 45 Jahre zurück. So lange ist es her, dass der dritte und letzte Band der Geschichten veröffentlicht wurde. Doch nun hat die Tochter des Autors eine bisher unbekannte Geschichte, ein Theaterstück, gefunden. Diese ist sogar stolze fünfzig Jahre alt.

Für die Freunde der Geschichten um den Räuber Hotzenplotz ist dies mit Sicherheit ein Grund zur Freude. Und auch die Rechteinhaber dürften sich darüber freuen, dass sie diese, sicherlich einträgliche, Geschichte gefunden haben.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich etwas gemischte Gefühle dabei habe. Man muss sich einfach die Zeitabläufe vor Augen halten: Etwa 1968 hat Preussler die nun gefundene Geschichte geschrieben. Der letzte „Hotzenplotz“ aus seiner Feder wurde circa 1973 veröffentlicht. Mir stellt sich einfach die Frage, wieso dieses nun aufgefundene Theaterstück von ihm nicht selber verwertet worden ist.

Keinesfalls hatte es etwas damit zu tun, dass er des Hotzenplotz überdrüssig geworden war. Zeit seines Lebens hat er diese Figur in Ehren gehalten und sich stark mit ihr identifiziert. Umso unwahrscheinlicher ist, dass er einfach auf die Veröffentlichung verzichtet hat, weil er „keine Lust“ auf sie oder ihre Veröffentlichung hatte.

Der Gedanke liegt für mich nahe, dass Preussler die Geschichte vielleicht aus qualitativen Gründen zurückgehalten hat. Vielleicht erschien ihm das Szenario – Kasperl und Seppel wollen den Hotzenplotz mit einer Rakete auf den Mond schießen – nicht passend für die Reihe. Oder er hatte irgendeinen anderen Grund, das Manuskript so gut unterzugraben, dass es erst heute, fünf Jahre nach seinem Tod, wieder aufgetaucht ist.

Das sind natürlich Spekulationen, aber sie berühren ein durchaus interessantes Thema: Wenn der Nachlass eines Autors an seine Erben geht, inwiefern ist es sinnvoll, alle bestehenden Geschichten noch zu verwerten? Wohlgemerkt unterstelle ich der Preussler-Tochter keine rein finanziellen Beweggründe. Nach allem, was ich weiß, pflegt sie das Erbe ihres Vaters und geht verantwortungsvoll damit um.

Aber stellt euch mal vor, was los wäre, wenn dereinst (möge es noch viele Jahre dauern) ein weiterer oder gar ein alternativer „Harry Potter“-Band auftauchen sollte!

Nun werde ich niemals in die Position kommen, dass jemanden nach meinem Ableben interessieren könnte, was ich zu Lebzeiten noch so geschrieben habe. Aber ich spiele das Gedankenspiel mal durch und komme zu dem Schluss, dass man als Autor vielleicht Anweisungen an seine Nachfahren hinterlassen sollte oder gar müsste, welche Texte man auf keinen Fall herausgebracht sehen möchte.

Wobei man dann sagen könnte, dass Preussler diesen Text, der ihm nicht für die Veröffentlichung bestimmt gewesen zu sein scheint, auch einfach hätte vernichten können. Aber den Autor möchte ich sehen, der dazu fähig wäre. Gerade, wenn einem die Figuren so sehr am Herzen liegen.

Nun, ich hoffe, dass das neue Abenteuer mit Kasperl, Seppel, der Großmutter, dem Wachtmeister Dimpfelmoser und natürlich dem Räuber Hotzenplotz viele Kinder erfreuen wird. Dann hat sich die Veröffentlichung auf jeden Fall gelohnt. Das kleine Fragezeichen allerdings bleibt.

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Wie die Zeit (in Romanen) vergeht

Ein Roman führt seine Protagonisten von einem Punkt A zu einem Punkt B. Jedenfalls dann, wenn er sich so versteht, dass er die Reise einer Hauptfigur oder einer Gruppe von Hauptfiguren verfolgt. Die meisten Romane tun das. Und damit müssen sich auch die meisten Autoren damit auseinander setzen, wie sie diese Zeitabläufe, die sich daraus ergeben, im Roman darstellen wollen.

Denn nicht jede Handlung lässt sich in einem eng gesteckten Rahmen erzählen. Manche Geschichten spannen sich über Jahre, gar Jahrzehnte. Es gibt einige hervorragende Romane, die das gesamte Leben ihrer Hauptperson begleiten und diese zu verschiedenen einschneidenden Phasen dieses Lebens zeigen.

Andere Romane komprimieren ihr Geschehen auf einen eher überschaubaren Zeitstrahl. Das gilt, zum Beispiel, für viele Krimis und Thriller, in denen es oft eine direkte Bedrohung oder eine direkte Gefährdungslage gibt, welche es für die Handelnden nötig macht, einzugreifen und möglichst schnell zur Tat zu schreiten.

Aus dieser Verdichtung lässt sich Spannung erzeugen, denn wenn etwa das Leben einer Geisel auf dem Spiel steht, dann fiebert man mit hoher Aufmerksamkeit dem Moment entgegen, in dem der Ermittler den entscheidenden Schritt macht, um diese vielleicht doch noch den Fängen des Verbrechers zu entreißen. Hierfür ließen sich wirklich unendlich viele Beispiele aufführen.

Und dennoch ist das, was beim Lesen so leicht wirkt, eine gar nicht so einfache Disziplin, wie ich finde. Ich tue mich regelmäßig schwer damit, den richtigen Ton zu treffen, um einen kleineren oder größeren Zeitsprung einzufügen. Gerade dann, wenn ich zuvor über einen langen Zeitraum hinweg die Geschehnisse praktisch in Echtzeit geschildert habe.

In meinem aktuellen Romanprojekt „Das Kind“ ist es etwa so, dass die ersten acht Kapitel sich über einen Zeitraum von gerade einmal zwei Tagen erstrecken. Die kleinen Zeitsprünge, die es gibt, ergeben sich durch die notwendigen Ruhepausen, die meine Figuren einlegen. Also im Prinzip, indem sie einige Stunden verschlafen.

Ich brauche diese recht lange Wegstrecke, um das Setting für den weiteren Roman aufzubauen. Es wäre einfach nicht logisch, wenn sich zu diesem Zeitpunkt, an dem gerade der gerettete jüdische Junge in die Familie gekommen ist, mehrere Wochen vergehen würden, in denen praktisch nichts passiert.

Jetzt aber bin ich an dem Punkt, an dem ein solcher Zeitsprung nicht nur möglich, sondern sogar angeraten ist. Die Handlung, die ich mir zurechtgelegt habe, macht es nötig, einige Wochen zu überspringen. In dieser Zeit passiert natürlich trotzdem einiges, aber es ist nicht im Detail von Interesse.

Für mich fühlt es sich dennoch komisch an, auf einmal längere Zeiträume mit verhältnismäßig wenigen Worten zu überbrücken. Ein Grund dafür ist, dass ich eine sehr nahe Erzählperspektive gewählt habe und, wenn ich wollte, jeden Gedanken meines Protagonisten protokollieren könnte. Und von denen wird er sich, zwangsläufig, einige machen in der Zeit, die ich nicht schildern möchte.

Man muss sich in seine Situation versetzen: Er nimmt ein großes Risiko nicht nur für sich, sondern auch für seine ganze Familie auf sich. Wenn es mir so ginge, dann würde ich wahrscheinlich den halben Tag mit Grübeleien verbringen.

Aber hier muss man als Autor den Cut machen und sich überlegen, ob diese Gedanken und Grübelphasen die Handlung wirklich vorwärts bringen. Und wenn das verneint werden kann, dann lässt man sie einfach weg. Ein Luxus, den wir im echten Leben nicht haben, wenn wir über Dinge nachgrübeln. Denn auch dort bringt es uns ja meistens nicht vom Fleck – das aber nur am Rande.

Im Film kann sich der Regisseur die Sache mit den Zeitsprüngen einfach machen: Er fügt einfach eine dieser berühmten Einblendungen zu, dass wir uns jetzt zwei Jahre später befinden. Und wenn sein Zeitsprung länger ausfällt, dann greift er auf einen begabten Maskenbildner oder gleich einen anderen Schauspieler zurück, um zu verdeutlichen, dass viel Zeit vergangen ist.

Prinzipiell kann man natürlich in einem Roman auch so vorgehen, keine Frage. Ich würde es aber eher als ein etwas grobschlächtiges Vorgehen ansehen.

Und so bin ich so schlau, als wie zuvor. Für den Moment behelfe ich mich mit einer kurzen Zusammenfassung der übersprungenen Wochen zu Beginn des aktuellen Kapitels. Ob mir das für die spätere Endfassung immer noch so gefällt, oder ob ich mir doch noch etwas besseres einfallen lasse, kann ich gerade noch nicht einschätzen. Bisher haben sich die meisten meiner Romane tatsächlich innerhalb weniger Tage abgespielt. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern mehr dem Genre, in dem sie sich abspielen, geschuldet.

Mich würde interessieren, wie ihr es handhabt, falls ihr selber schon Geschichten mit kleineren oder größeren Zeitsprüngen geschrieben habt. Oder kennt ihr besonders gelungene Beispiele, in denen der Zeitwechsel nicht so wirkt, als sei er mit der Brechstange künstlich eingefügt oder dem Autor sei einfach nichts eingefallen, was er für diesen Zeitraum hätte erzählen können?

Verratet es mir doch gerne in den Kommentaren! 🙂

Vom Respekt gegenüber den Menschen im Holocaust

Deutschland und vor allem die deutsche Musikindustrie hat in den vergangenen Wochen ja eine lautstarke Diskussion über Respekt im Umgang mit dem Gedenken an die Opfer des Holocaust geführt. Auslöser war, ihr werdet es rückwärts pfeifen können, aber der Vollständigkeit halber will ich es erwähnen, die Verleihung des „Echo“ an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang, auf deren Album sich in einem Lied Zeilen finden lassen, die eben diesen Respekt vermissen lassen.

Nun, in der Zwischenzeit ist der „Echo“ Geschichte, hat so ziemlich jeder im Musikbusiness seinen Wortbeitrag geleistet und ist die ganze Sache ein klein wenig aus den täglichen Nachrichten verschwunden. Aus meiner Sicht der richtige Zeitpunkt, das zu schreiben, was ich zu diesem Thema schreiben möchte. Denn mir geht es nicht um die beiden Rapper, mir geht es nicht um ihr Lied. Es geht mir um den Respekt im Allgemeinen.

Wir leben in Zeiten, in denen sich die alte Frage, wie viel Respekt und wie viel Erinnerungskultur wir dem Thema Holocaust, aber auch allgemein der Verfolgung von Bevölkerungsgruppen wie Sinti und Roma, Homosexuellen oder auch Zeugen Jehovas entgegenbringen sollen, auf eine Weise wieder stellt, wie sie es vielleicht seit den achtziger Jahren nicht getan hat.

Durch den Einzug der AfD in viele Parlamente und Strömungen, die es zumindest in Teilen dieser Partei gibt, durch das Erstarken von rechtspopulistischen Gedanken und, auf die Literatur bezogen, durch die Tätigkeit von einschlägigen Verlagen ist das Thema wieder in unserem Alltag angekommen.

Das macht es für einen einfachen kleinen Autoren wie mich nicht einfacher. Denn einerseits bin ich selber sehr sensibilisiert dafür, wie man „richtig“ mit diesem Teil unserer Geschichte umgeht, andererseits möchte ich auch den Menschen, die damals gelebt haben und gestorben sind, die gekämpft und gelitten haben, nicht noch mehr von jenem Unrecht angedeihen lassen, das ihnen heute manchmal getan wird. Bewusst oder unbewusst.

Ich schreibe ja, wie ihr wisst, an einem Roman, der im Jahr 1942 im besetzten Polen spielt. Eine meiner Figuren ist ein jüdischer Junge, der durch das beherzte Tun seiner Eltern aus einem der Todeszüge von Warschau nach Treblinka gerettet wird. Sofern es eine Rettung ist, einsam und verloren mitten in einem polnischen Wald zu sitzen, dem Erfrieren nahe. Doch – gemessen an dem, was ihn am Bestimmungsort seiner Reise erwartet hätte, ist es zumindest ein Aufschub. Und, weil es ja nun einmal eine Geschichte ist, wird er ja auch von meinem Protagonisten aufgefunden und zu sich genommen.

Für mich bedeutet Respekt zum Beispiel, dass ich nicht versuche, die Figuren der Eltern des Jungen darzustellen wie tatenlose Opfer. Denn das ist nicht, was sie gewesen sind – das ist das, zu was sie gemacht wurden. Indem man ihnen ihre Hoffnung nahm, ihr Zuhause und am Ende ihr Leben, hat man sie zu Opfern gemacht.

Dabei waren sie – und in meinem Roman sind sie es – Menschen!

Das ist etwas, was mir in der Diskussion, die in der letzten Zeit geführt wurde, ein wenig zu kurz gekommen ist. Die Auseinandersetzung damit, dass wir hier nicht von anonymen „Auschwitzinsassen“ reden, wie es in dem Liedtext der Fall ist. Nein, diese „Insassen“ waren Menschen. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Menschen, die man zu Opfern gemacht hat. Indem man sie hergenommen und ganz langsam all ihrer Menschlichkeit beraubt hat.

Ich lese gerade das Buch „Auschwitz. Zeugnisse und Berichte“, das in seiner ersten Auflage bereits 1962 erschien. In dieser Sammlung haben die Herausgeber H.G. Adler, Hermann Langbein und Ella Lingens-Reiner versucht, durch die Stimmen der Überlebenden ein differenziertes Bild vom Lagerleben zu zeigen. Ein Buch, das betroffen macht. Ein Buch, das berührt. Aber eben auch ein Buch, das aufzeigt, dass nicht jeder Mensch von Anfang an zum Opfer bestimmt war.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, der als Begriff oft stellvertretend für alle Gräuel in den Konzentrationslagern gebraucht wird, ist für die Kunst immer ein Balanceakt. Zu leicht gleitet man in den Bereich der puren Exploitation ab. Etwas, vor dem nicht einmal die ganz Großen gefeit sind – oder als gefeit angesehen werden. Man erinnere sich, wie viel Skepsis Steven Spielberg entgegengebracht wurde, als bekannt wurde, dass er „Schindlers Liste“ dreht. Der Kerl mit den Dinos und dem Typ mit dem Hut sollte ein ernsthaftes Drama über die Judenvernichtung drehen!?

Wir wissen, was daraus geworden ist.

Nun bin ich kein Spielberg. Werde auch nie einer sein. Aber ich versuche, mich meiner Handlung und meinen Personen ebenso würdig zu nähern. Weil ich nicht „08/15“ sein will.

Das macht es manchmal schwierig, überhaupt an dem Manuskript zu arbeiten. Denn es ist das eine, schlechten Text zu produzieren. Aber es ist etwas ganz anderes, respektlos zu sein. Für mich jedenfalls ist das ein ganz gewaltiger Unterschied. Deswegen geht es im Moment recht langsam weiter, was den reinen Text anbelangt. Aber in mir arbeitet es – und das ist gerade für diese Geschichte ebenso wichtig, glaube ich.

Ich wünsche mir im Allgemeinen, dass wir als Gesellschaft – und da schließe ich sie alle mit ein, die Musiker, die Politiker, die Verleger, nicht zuletzt die Lehrer in den Schulen – dahin kommen, die Verantwortung, die wir haben, wahrzunehmen. Ich spreche nicht davon, dass wir, die wir in der Mehrzahl inzwischen nach dem Krieg geboren wurden, die Schuld auf uns nehmen. Aber wir haben eine Verantwortung dafür, dass wir insbesondere diesen Teil unserer Geschichte mit Respekt für die Menschen gestalten. Dass wir begreifen, dass dieser Respekt notwendig ist. Auch heute noch. Gerade heute noch!

Das wird jemanden, der behauptet, in Auschwitz habe es nie Gaskammern gegeben, nicht bekehren. Soll es auch nicht. Aber wenn dadurch auch nur ein einziger junger Mensch ins Nachdenken gerät, was das eigentlich ist, so ein „Auschwitzinsasse“ und wie er war, bevor er zu einer Nummer auf einer Todesliste geworden ist, dann ist schon viel erreicht.

Mein Roman, wenn er denn irgendwann fertig ist, wird da vielleicht nicht viel ausrichten können. Er soll am Ende unterhalten, nicht belehren. Sonst müsste ich ein Sachbuch schreiben. Aber das hält mich nicht davon ab, Respekt zu haben, Respekt zu zeigen und auch Respekt einzufordern.

Weil ich über Menschen schreibe, die es zwar in der Realität nie gegeben hat, die aber so oder so ähnlich zumindest denkbar gewesen wären.

Das Schreiben der Anderen: „Und dein Leben, dein Leben“ von Magret Kindermann

Die Kriminalautorin Carmen lebt zusammen mit ihrem Hund Dexter in einem alten Bootshaus, das an einem großen See und direkt am Waldrand liegt. Hier geht sie vollkommen in ihrer Arbeit auf. Ihr ganzes Leben ist darauf ausgerichtet und wird nur durch die normalen Routinen unterbrochen: ausgedehnte Spaziergänge mit dem Hund, Einkaufen im Ort auf der anderen Seeseite, gelegentliche One-Night-Stands mit ihrem On-Off-Liebhaber Leon.

Carmen hat sich diesen besonderen Ort ausgesucht, weil sie ganz in der Nähe, bei einem Spaziergang, einmal eine Leiche gefunden hat. Diese Leiche war quasi die Inspiration zu ihrer Schriftstellerkarriere. Aber eigentlich auch wieder nicht, denn Carmen beschäftigt sich schon viel länger mit dem Verbrechen. Mit den Ermordeten. Und mit den Mördern.

Sie hat einen Brieffreund namens Otto, der in einem amerikanischen Gefängnis auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartet. Dieser wünscht sich von ihr in fast jedem Schreiben „ein Buch, das würdig ist, deswegen am Leben zu sein“.

Carmen ist in ihrem Leben zufrieden, aber auch angestrengt. Sie wird nicht schlau daraus, was Otto genau von ihr erwartet. Was Leon erwartet, nämlich viel mehr, als sie zu geben in der Lage zu sein glaubt, steht ihr hingegen viel zu deutlich vor den Augen. Und dann gibt es da noch diese eine Geschichte, die sie denkt, irgendwann schreiben zu müssen. Die Geschichte von der Frau im See, die sie nur verschwommen sehen kann und von der sie doch glaubt, dass sie, diese Leiche, der Höhepunkt in ihrem Schaffen sein könnte.

Und dann kommt eines Tages doch alles ganz anders, als Carmen es erwartet hat. Denn auf einmal wird sie Opfer eines Verbrechens. Aber ist es wirklich ein Verbrechen, wenn man mit dem Mann, der einen überfallen hat, Tee trinkt und Suppe isst? Eine spannende Nacht liegt vor ihr.

Mit „Und dein Leben, dein Leben“ hat Magret Kindermann eine sehr interessante Geschichte veröffentlicht, die an manchen Stellen vollkommen anders verläuft, als man es als Leser glaubt, erwarten zu können. Das macht es schwer, viel hierzu zu schreiben, ohne den Reiz des Selberlesens zu zerstören.

Carmen ist als Charakter sehr präsent und in allen Schattierungen ihres Wesens – nun: nachvollziehbar? Glaubhaft? Realitätsnah?

Irgendwie all das und doch nichts davon so richtig. Carmen ist eine Frau mit vielen Facetten, die sich dieser vielschichtigen Persönlichkeit darüber hinaus sehr bewusst ist und bereit ist, sie anzunehmen. Ansonsten wäre es ihr sicherlich nicht möglich, die Nacht, die hier beschrieben wird, in der Form anzunehmen und mit zu gestalten, wie sie es tut.

Denn dass sie sie gestaltet, ist praktisch das antreibende Moment für die Handlung. Es gibt eine wundervolle Passage gegen Mitte der Novelle, in der sie mit dem Mann, der plötzlich und unerwartet in ihr Leben eingedrungen ist, eine Art Frage- und Gegenfragespiel spielt. Dazu wäre sie nicht in der Lage, wenn sie in einer Opferhaltung verharren würde, von der sie weiß, dass sie ihr eigentlich nicht zukommt.

Vielmehr ist sie eine Gleichberechtigte, wenigstens im Geiste. Sie ist fasziniert, nicht abgestoßen. Sie ist neugierig, nicht verängstigt. Sie ist lebendig, nicht tot.

Doch damit ist beinahe schon wieder zu viel über die Handlung verraten.

Rein formal kann man sagen, dass Magret Kindermann einen sehr literarischen Stil hat, der sich wunderbar mit der Handlung ergänzt und gerade zu den Passagen passt, die von Carmens Innenleben berichten. Dabei wird der Leser schnell in die Geschichte hineingezogen und auch, wenn sich an einem recht frühen Zeitpunkt etwas abzeichnet, von dem man annehmen kann, dass es gegen Ende wichtig oder relevant wird, nehme ich dies nicht als störend wahr.

Generell sind die Figuren stark gezeichnet. Das gilt, neben den beiden Hauptfiguren, auch für eine Randfigur wie Leon, dessen Konflikt in Bezug auf Carmen stark nachfühlbar ist. Eben auch aus dem Leben gegriffen.

Die Geschichte besitzt ein Ende, das offen genug ist, um nicht alles zu verraten und dennoch abschließend genug, um nicht alle Fragen offen zu lassen. Die Stelle, an der wir Carmen verlassen, fühlt sich richtig an.

Ich habe die Novelle, die von Amazon mit etwa 112 Seiten Länge angezeigt wird, praktisch in einem Rutsch durchgelesen. Und für mich steht fest, dass sie nicht das Letzte gewesen sein wird, was ich von Magret Kindermann lese.

Von mir gibt es für „Und dein Leben, dein Leben“ die volle Punktzahl und eine Leseempfehlung für alle, die eine Form von Spannung suchen, die sich hauptsächlich aus den Charakteren entfaltet, ohne dabei ihr Tun zu sehr aus den Augen zu verlieren.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Wir lassen uns das Bloggen nicht verbieten

Achtung, dies wird ein, vermutlich, sehr unreflektierter und ein klein wenig auch verschwörungstheoretischer Blogeintrag. Wer also seinen Aluhut noch nicht aufgesetzt hat, der möge das jetzt bitte tun, ansonsten übernehme ich für nichts eine Garantie.

Wir alle wissen, dass die Wahrheit irgendwo dort draußen ist. Das Problem ist nur, dass dort nicht nur die Wahrheit ist, sondern auch ganz, ganz viel Unsicherheit und – ja, ich gehe so weit, das Wort zu benutzen – auch Angst.

Über viele Jahre hinweg haben wir, die wir auf WordPress, auf Blogger, auf einem eigens gehosteten Blog oder wo auch immer unsere Meinungen, unsere Geschichten, unser Leben gepostet haben, dies in der Überzeugung getan, dass wir mit dem, was wir tun, anderen Menschen vielleicht ein wenig Freude oder zumindest ein wenig Zerstreuung bieten können. Aber wenn ich mich im Moment umsehe, dann sehe ich wenig davon.

Immer wieder stoße ich auf Beiträge, in denen davon gesprochen wird, das der oder die Blogger/in nicht weiß, wie es in der nahen Zukunft weitergehen soll. Der Hintergrund ist bei vielen die nahende EU-DSGVO, oder auch Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union. Dieses Monstrum von einer Verordnung tritt in fast einem Monat in Kraft und wirft gewaltige Schatten auf das Gemüt einer Menge Menschen.

Ich habe das Missvergnügen, mich auch beruflich mit diesem Kauderwelsch auseinandersetzen zu müssen und kann daher sagen, dass es mich überhaupt nicht wundert, wenn der kleine Blogger und die kleine Bloggerin damit überfordert ist. Ich sehe jeden Tag Stellungnahmen vom Städtetag, von der Bezirksregierung, von diversen Landesämtern und so weiter und so fort und alle wissen im Prinzip nur eins: Da kommt etwas, aber was es letztlich bedeutet, das wissen wir nicht.

Und sie wissen: Potentiell kann uns das richtig viel Geld kosten, wenn wir gegen die Auflagen verstoßen.

In diesen Zeiten greifen die guten Ratschläge um sich. In den Fällen, in denen dies kostenlos geschieht, sage ich meinen Dank, ziehe meinen Hut und freue mich, wenn einer dem anderen versucht, zu helfen. Aber es gibt auch genügend Leute, die versuchen, aus der Verunsicherung einen finanziellen Vorteil zu ziehen. Sei es drum. Wer bereit ist, dafür zu bezahlen, den kann und will ich nicht aufhalten. Ich habe auch ein paar Euro investiert, um meine Datenschutzerklärung zumindest halbwegs rechtssicher zu machen.

Aber augenblicklich weiß keiner, ob und was eigentlich reicht. Besonders diejenigen von uns, die so wie ich direkt auf wordpress.com ihren Blog hosten, sehen sich auf einmal der Frage gegenüber, was eigentlich im Hintergrund auf dieser Plattform so abläuft, wovon wir gar keine Ahnung haben. Werden da versteckte Routinen eingesetzt, die Informationen über unsere Besucher abgreifen? Wie sieht es mit der geschalteten Werbung aus? Wie mit den Statistiken, die erhoben werden?

Ich habe bereits die ersten Blogs „sterben“ sehen und bekomme eine ziemliche Wut dabei. Weil das alles im Prinzip so dermaßen unnötig sein müsste.

Denn der Gesetzgeber hatte im Endeffekt ja nicht einmal vor, uns kleine Blogger zu treffen. Wir stellen so eine Art Kollateralschaden dar. Eigentlich ging es um die großen Organisationen. Um die Firmen. Und um die Verwaltungen. Daran, dass vielleicht auf einem kleinen Blog wie diesem, der am Tag so um die 50 Aufrufe bekommt, ein Kommentator seine IP-Adresse hinterlassen könnte, hat man da sicher nicht gedacht.

Und wenn doch, dann hat man die Achseln gezuckt und sich gedacht: Sei es drum. Das macht es für mich nicht leichter, gelassen zu bleiben.

Ich gebe ganz ehrlich zu, dass ich überfordert bin. Wenn ich alles umsetzen würde, was ich schon an guten Ratschlägen gehört und gelesen habe, dann würde hier bald alles ganz anders aussehen. Das Beste wäre wahrscheinlich, ich würde das Liken der Beiträge unterbinden und auch gleich noch das Kommentieren. Aber dann könnte ich meine Beiträge auch in Word schreiben und auf meiner Festplatte abspeichern. Das hätte ungefähr den gleichen Effekt der Interaktion und der Kommunikation.

Und deswegen werde ich, wenn ich es mir nicht innerhalb des kommenden Monats noch anders überlege, bewusst den Mut zur Lücke suchen. Ich kann und will nicht die Kommunikation mit meinen Lesern auf ein Mindestmaß begrenzen. Ich will die Interaktion nicht unterbinden.

Diesen Blog gibt es seit ziemlich genau drei Jahren. Und in diesen drei Jahren habe ich in meiner persönlichen Entwicklung als Autor – und, ich nehme wieder ein großes Wort in den Mund, auch als Mensch – so große Fortschritte gemacht, dass es einen längeren Beitrag als diesen bräuchte, um das alles zu benennen. Und das hätte es nicht gegeben, wenn es nicht von Anfang an Menschen da draußen gegeben hätte, die mit mir „gesprochen“ haben. Die mich ermutigt haben. Und die auch in schweren Zeiten das gelesen haben, was ich hier schrieb.

Und deswegen werde ich weitermachen. Mit kleinen Anpassungen vielleicht, okay. Aber alles im geordneten Rahmen.

Die Datenschutzgrundverordnung ist nicht dafür da, um ab Ende Mai von Seiten der Regierung oder der EU alle möglichen Leute an die Kandare zu nehmen und ihnen den Hosenboden stramm zu ziehen. Die größte Gefahr auf unserer Ebene droht tatsächlich von Leuten, die meinen, sie müssten jemand anderen anschwärzen, einen Anwalt auf ihn hetzen und auf irgendeine Form der Unterlassung drängen. In diesem Fall der Unterlassung der Datenerhebung, um sich einen wie auch immer gearteten Vorteil zu verschaffen.

Ich bin ein kleiner Autor, der mit Ausnahme von Kurzgeschichten noch nichts veröffentlicht hat. Ich frage mich also: Wer sollte mir eine Abmahnung zukommen lassen? Und wieso sollte er das tun? Wie, Entschuldigung, kackendreist müsste dieser Jemand sein, um zu sagen: „Hey, du hast zwar noch kaum was erreicht und eigentlich tust du auch niemandem was Böses, aber ich schmeiß dir trotzdem mal einen Knüppel zwischen die Beine!“

Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass es da draußen jemanden gibt, der das wirklich tun würde. Nicht bei mir und nicht bei den vielen anderen kleinen Bloggern, die einfach nur das tun, was ihnen am Herzen liegt!

Ich verstehe jeden, der auf Nummer Sicher gehen will. Und ich propagiere auch keinesfalls, dass es einem egal sein sollte, was da im Moment geschieht. Mir geht es nur darum, die Panik vielleicht ein wenig zu dämpfen und, ja, da bin ich egoistisch, auch jedem Mut zu machen, dass es sich lohnt, das eigene Projekt, den eigenen Blog fortzuführen. Weil es Menschen gibt, denen das gefällt, was wir tun. Die sich freuen, von uns zu lesen. So, wie ich mich freue, von euch zu lesen.

Wundert euch also bitte nicht, wenn es auch bei mir vielleicht in Kürze dieses bekannte Wegklick-Banner gibt, dass hier Cookies gespeichert werden. Wenn es sich leicht einbinden lässt, dann wäre ich doof, es nicht zu tun. Immer eingedenk dessen, dass es vielleicht doch diesen einen Menschen geben könnte, der glaubt, mir deswegen schaden zu wollen.

Ich glaube nicht daran. Ich will es nicht glauben!

Lasst mich eine Weile der naive kleine Happy-Blogger sein, der in seiner rosaroten WordPress-Welt vor sich hin bloggt und keinen Gedanken daran verschwendet, dass das, was er tut, irgendwem oder irgendeiner Institution ein Dorn im Auge sein könnte.

Was immer auch kommt und wie immer es auch aussehen mag: Wir lassen uns das Bloggen nicht verbieten!

Und ich würde mich freuen, wenn DU es genau so halten würdest, wie ich. Denn DU würdest fehlen!

Warum schlechter Text dich weiterbringt: Das ist meine Begründung

Von Stephen King stammt die Autorenweisheit, dass man bei geschlossener Tür schreiben und bei geöffneter Tür überarbeiten soll. Damit meint er nichts anderes, als dass man sich während des Schreibprozesses auf sich selbst, auf seinen Text, auf seine Arbeit konzentrieren soll. Jede Störung von außen ist zu diesem Zeitpunkt genau das: Eine Störung, die den Arbeitsprozess negativ beeinflussen könnte. Oder positiv. Aber auf jeden Fall eine Beeinflussung.

King zielt mit diesem Ausspruch vor allem auf externe Einflüsse ab, etwa, indem man einen Text, an dem man arbeitet, einem Leser zur Begutachtung gibt. Oder, indem man einen Textteil schon einmal an einen Textprofi gibt.

Aber wie steht es eigentlich mit den inneren Einflüssen? Nun, das ist etwas, mit dem verschiedene Autoren ganz unterschiedlich umgehen.

Ich gehöre zu den Schreibern, die sich während des Schreibprozesses nicht zu sehr mit dem auseinandersetzen, was sie bis jetzt geschrieben haben. Von anderen Autoren weiß ich, dass sie sich, als Beispiel, vor dem Beginn der Arbeit die letzte Seite durchlesen, die sie am Tag zuvor geschrieben haben. Sie brauchen das, um wieder rein zu kommen in ihren Text.

Einige fangen sogar während dieses Schrittes schon an, den Text zu redigieren. Wenn ihnen etwas auffällt, dann verbessern sie es. Sie machen damit schon eine Teilüberarbeitung.

Mich würde das, gelinde gesagt, wahnsinnig machen. Außerdem bin ich der Ansicht, dass auch schlechter Text durchaus in der Lage ist, einen in der persönlichen Entwicklung weiter zu bringen.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Ich schreibe ja an einem Roman über das Schicksal eines Kindes zur Zeit der Judenverfolgung im vom Deutschen Reich besetzten Polen. Dieser Roman ist auf seine Art ein wenig speziell, weil ich zwar versuche, eine tatsächliche Handlung voranzutreiben (es wird also kein Drama), aber gleichzeitig sicherstellen möchte, dass ich nicht zu „flach“ werde in Sprache wie in Geschichte.

Das gelingt mir an manchen Tagen recht gut. Und dann gibt es Tage wie gestern, an denen ich schon während des Schreibens merke, dass irgendwas nicht so richtig stimmt. Lasst mich euch einen Textauszug zeigen:

Frantisek schaut sich Oleg von oben bis unten an, dann sieht er wieder zu Tomasz.
»Ich will so einen nicht in meiner Nähe haben.«
»Er ist ja nicht in deiner Nähe. Er ist bei mir im Haus.«
»Das direkt gegenüber liegt. Ich will den nicht hier haben«, wiederholt Frantisek.
»Hast wohl Angst, dass ich die Luft verpeste, oder was? Soll ich mal rüberkommen und dich anhauchen? Würde dir das gefallen?«
Oleg macht Anstalten, zu Frantisek zu laufen, aber Tomasz hält ihn davon ab: »Wir wollen keinen Ärger haben.«
»Ich hab keinen Ärger«, sagt der Alte. »Ich habe Spaß. Und ich habe Hunger. Wann gibt es jetzt endlich Frühstück?«

Zwei der drei Männer, die da auf der Straße stehen, sind dem Leser zu diesem Zeitpunkt schon gut bekannt. Tomasz ist derjenige, der den kleinen jüdischen Jungen im Wald aufgelesen und mitgenommen hat. Oleg, der vermeintliche Dorftrottel mit tragischer Vergangenheit, erweist sich als wertvolle Hilfe im Existenzkampf der kleinen Familie.

Der Nachbar Frantisek hat hier seinen ersten Auftritt. Seine Rolle im Roman ist mir noch nicht ganz klar, aber ich weiß, dass ich die Nachbarn nicht außen vor lassen kann, aus verschiedenen Gründen.

Schon während ich diesen kurzen Auszug schrieb (der Gesamtdialog ist noch ein wenig länger) wurde ich unzufrieden mit der Art, in der sich Frantisek verhält. Er agiert zu eindimensional, indem er Oleg, den er für eine Bedrohung seiner bürgerlichen Ordnung hält, direkt und, sagen wir, wie es ist, platt angreift. Dieser wiederum reagiert auf ähnliche Weise und schon habe ich einen Dialog, in dem sich zwei Männer, die sich vorher vielleicht höchstens vom Sehen kannten, gegenseitig anzicken.

Die Handlung des Romans wird dadurch nicht vorangebracht, ganz im Gegenteil, ich nehme mir vielleicht Optionen, die ich später in Bezug auf die Nachbarschaft zwischen Tomasz und Frantisek gewinnbringender einbauen könnte.

Wie gesagt, das Störgefühl hatte ich schon, als ich die Passage schrieb und dennoch befindet sie sich so in meinem Manuskript. Und wieso? Weil ich denke, dass es gerade auch die schlechten Textteile sind, die uns in unserer Arbeit weiterbringen können.

Text, den wir für gut befinden, schauen wir uns gerne immer mal wieder an. Jeder von euch, der selber schon mal geschrieben hat, wird es kennen, dass er sich besonders gelungene Passagen seines Werks gerne wieder durchliest und sich darüber freut, wie gut das doch gelungen ist.

Aber aus dieser Betrachtung, die nur zu schnell oberflächlich wird, kann man nichts lernen. Ich habe es versucht, glaubt mir, aber außer „boah, ist das gut“ bleibt einfach nicht viel im Gedächtnis.

Dagegen kann ich Passagen in meinen Romanen, bei denen ich (inzwischen) sehe, dass etwas nicht stimmt, auf eine Art und Weise betrachten, die mich weiter bringt. Auch wenn ich einräume, dass ich erst einige Erfahrungen sammeln musste, sei es durch Testleser, sei es durch das Lektorat, sei es durch das Schreiben an sich, um diese Stolpersteine in etwas gewinnbringendes umwandeln zu können.

Wenn ich mir diese Textstellen noch einmal durchlese, spätestens in der Überarbeitung, dann habe ich meist schon genaue Vorstellungen davon, wie ich sie anpassen muss. Und zwar, weil ich sie anpassen muss, da ich, inspiriert durch das schlechte Gefühl, das ich beim Schreiben hatte, zukünftige Stellen anders, ich denke besser, angehen kann.

Natürlich ergeben sich dadurch mögliche Inkonsistenzen. Aber ich behaupte, dass die sich sowieso ergeben. Zumindest dann, wenn man nicht alles von vornherein minutiös durchplant. Aber meine Einstellung dazu kennt ihr ja inzwischen 😉 .

Bezogen auf den oben gezeigten Ausschnitt bedeutet das soviel, dass ich mir nun, wo ich ein Problem erkannt habe, Gedanken dazu machen kann, wie ich meinen Nachbarn Frantisek eigentlich haben will. Bestenfalls dient dies dazu, ihn als Charakter, oder zumindest als Plotpunkt, greifbarer und dadurch auch besser zu machen.

Ja, meine drei Figuren werden sich immer noch auf der Straße getroffen haben. Aber die Tatsache als solche ist ja nicht das Problem. Ihr Zusammenspiel ist es. Und das kann im Zuge der Überarbeitung, wenn ich viel genauer weiß, wie sich das alles und die drei zueinander eigentlich verhalten, entscheidend verbessert werden.

Wenn ich den Text jetzt sofort löschen würde, dann könnte ich mich schlimmstenfalls hinterher nicht mehr daran erinnern, was genau mich eigentlich gestört hat. Klar, ich könnte es notieren oder den betreffenden Text sogar separat abspeichern, aber das wäre – für mich – nicht dasselbe.

Auf diese Weise bringt auch schlechter Text mich weiter. Auf eine verquere Art vielleicht sogar eher, als guter Text es könnte. Obwohl wir letztlich doch alle nach Perfektion streben. Kann es einen schöneren Widerspruch in sich geben?

„Du hast gar nichts zum Welttag des Buches geschrieben. Schäm dich!“

Die Aussage aus der Artikelüberschrift ist fiktiv – und ist es irgendwie auch wieder nicht. Denn tatsächlich gab es da gestern, am Welttag des Buches, eine leise aber hartnäckige Stimme in mir, die mir permanent sagte: »Du hast noch gar nichts zum Welttag des Buches geschrieben. Schäm dich!«

Aber ich muss gestehen, dass mir nichts einfiel, was ich zu diesem Tag hätte beitragen können. Was ist das denn überhaupt, so ein Welttag? Soll sich an diesem Tag alles um das gedruckte Wort drehen? Und wenn dem so ist – wieso sollte ich dann das gedruckte Wort zelebrieren, indem ich virtuelle Buchstaben auf einen flachen Bildschirm zaubere? Das wäre ja wohl fast so etwas wie der Gegenentwurf zum Buch. Es sei denn, dass der Welttag des Buches endlich auch für eBooks gilt. In den Vorjahren hatte ich irgendwie nicht das Gefühl.

Diese leise Stimme hat mich mehrfach an diesem Tag ermahnt, ich müsse jetzt endlich meiner gottverdammten Pflicht nachkommen. Ich bin Autor, also muss ich irgendwas Schlaues über Bücher zu sagen haben. Verklagt mich, aber mir ist nichts schlaueres eingefallen als die Tatsache, dass Lesen Spaß macht, dass es bildet, dass es unterhält und dass es ein schützenswertes Kulturgut ist.

Keine bahnbrechende Erkenntnis und ganz gewiss keine, die von meiner Seite noch einmal wiederholt werden müsste, damit sie bei ihren Empfängern ankommt.

»Aber du bist doch …«

… Autor, ich weiß. Habe ich ja gerade schon gesagt.

Als Autor hätte ich euch an diesem Tag vielleicht etwas von meinen inspirierendsten Büchern erzählen können. Oder wahlweise irgendeinen Schwank über einen meiner Romane. Wobei das wiederum etwas witzlos gewesen wäre, gibt es diese doch nun einmal nicht als Buch zu kaufen. Vollkommen egal, ob als Buchstaben auf Papier oder als Buchstaben auf Flachbildschirm.

»Wenn schon einem wie dir, der Bücher ja ach-so-gern hat, nichts passendes zum Welttag des Buches einfällt, dann muss es mit dem Lesen ja wirklich kurz vor dem Ende stehen.«

Nun, Gott sei es gepfiffen und getrommelt, sehe ich mich nicht als den Nabel der Welt an. Ich muss mir nur die Bestsellerlisten ansehen, seien es die in den Geschäften oder die auf Amazon & Co. um zu wissen, dass es da draußen eine Menge Leute gibt, die eine Menge Bücher lesen, die ich noch nie in auch nur in der Hand gehabt habe. Da muss ich nicht einmal die Millionenseller „Harry Potter“ oder „Shades of Grey“ bemühen, auch wenn beide durchaus valide Beispiele wären.

Nein, ich denke, dass immer noch gelesen wird, auch wenn die Branche sich ganz sicher in einem Zwischenstadium befindet. Immer mehr Bücher drängen an den etablierten Verlagen vorbei auf den Markt, sei es, weil es auch für Kleinverlage immer einfacher (und lukrativer) wird, sich ins Business zu stürzen, oder weil viele Autoren gleich ganz ihr eigenes Ding machen. Von den sogenannten Hybridautoren mal ganz zu schweigen, die sich gleich gar nicht mehr auf eine Art der Veröffentlichung festlegen lassen wollen.

Ich finde das gut, zeigt es doch, dass es heute, mehr denn je, einen Markt auch für die kleinen Geschichten gibt. Es ist zwar so, dass man sich diese Märkte erschließen muss, aber sie sind potentiell da.

»Und trotzdem hättest du ja wenigstens einen weisen Spruch raushauen können.«

Ich eigne mich nicht gut für weise Sprüche. Das ist hier, im Blog, immer dann zu beobachten, wenn ich versuche, an dem Umstand etwas zu ändern 😉 .

»Dir ist aber schon bewusst, dass du dir gerade selber ein Armutszeugnis ausstellst, oder?«

Nein, das sehe ich anders. Ich denke, dass es kein Zeichen von Schwäche ist, wenn man nicht krampfhaft versucht, sich an jede Gelegenheit dran zu hängen, nur damit man vielleicht wieder etwas geschrieben hat. Ja, es wäre ein Anlass gewesen. Aber nein, es machte keinen Sinn.

»Und jetzt konterkarierst du das durch diesen Blogeintrag gleich wieder selbst, tsk, tsk, tsk.«

Das könnte man so beurteilen, aber auch hier erlaube ich mir, anderer Meinung zu sein. Ich möchte mit diesem Beitrag dokumentieren, dass ich den Tag als solchen durchaus zur Kenntnis genommen habe und dass es am Ende eine bewusste Entscheidung gewesen ist, mir zu seinem Anlass nichts aus den Fingern zu saugen.

Vielleicht ist es nicht ganz klar, deswegen betone ich es noch einmal: Es war eine bewusste Entscheidung!

Ich habe die leise Stimme, die im Laufe des Tages irgendwann gar nicht mehr so leise gewesen ist, bewusst ignoriert, weil ich getan habe, was ich für richtig hielt. Und darauf kommt es doch am Ende an, denkt ihr nicht auch? Dass man die Signale seines eigenen Körpers, seines eigenen Geistes richtig zu deuten weiß und dann nach ihnen handelt. Nicht nach den Zwängen, die einem der Kalender oder, noch schlimmer, ein missgünstiger Knilch irgendwo in einem drin aufdrücken wollen.

Ich konterkariere nicht, ich erkläre. Ich erkläre es mir selbst und tue das bewusst in dieser Form. Ja, ich bin Autor, aber das bedeutet zuallererst, dass ich auf meine eigene Stimme hören muss. Ich muss auf meine Bedürfnisse achten und ich muss mir erlauben, so zu sein, wie ich sein will. Denn nur dann kann ich auch so schreiben, wie ich schreiben will.

»…«

Ja, da fällt dir nichts mehr ein! Gut so.

Gestern war der Welttag des Buches. Ein Tag, den ich für wichtig halte, zu dem mir aber in diesem Jahr irgendwie nichts Wichtiges einfallen wollte. So ist es eben im Leben. Kein Grund, mich dafür zu schämen.

Und ganz egal, was die leisen Stimmen in euch oder um euch herum euch einreden wollen: Es ist gut so, wie es ist!