Leipziger Allerlei 2018 (8) Warum es gut ist, dass die Buchmesse auch einmal endet

Inzwischen sind zwei Wochen vergangen, seit in Leipzig die Buchmesse tobte. Zeit, allmählich auch mit meiner Nachberichterstattung zu einem Ende zu gelangen. Sicher, ich könnte noch über viele Dinge schreiben. Aber wen interessiert heute noch, wen ich alles getroffen habe (viele liebe Menschen!), wie ich meinen Messesamstag verbracht habe, wie sehr mich das Winterchaos in Leipzig getroffen hat (fragt mich mal nach meiner Heimreise)?

Eben.

Aber einen Artikel möchte ich noch schreiben. Sozusagen als gedanklichen Abschluss. Dabei war dieser Artikel streng genommen einer der ersten, die mir in den Sinn kamen, als ich mir eine Planung aufgestellt habe, über welche Themen ich bloggen möchte.

Und deswegen möchte ich nun mit euch einige Gedanken teilen, wieso es gut ist dass die Buchmesse auch einmal endet.

Zunächst einmal, weil ansonsten die Chance, dass man sich finanziell übernimmt, exponentiell ansteigt. Man kann nur eine gewisse Zeit im Umfeld von Büchern über Büchern existieren, ohne dass man in einen Kauf- und Haben-Will-Rausch verfällt. Nun gehöre ich nicht zu denen, die auf die Messe gehen, um Bücher zu kaufen. Das kann ich bequemer von zu Hause aus machen. Aber natürlich habe ich mich bei dem einen oder anderen Verlag über das Programm informiert. Und es reizt auch, wenn man die Schmuckstücke im Regal stehen sieht, zumindest eins oder fünf mitzunehmen. So ging es mir, zum Beispiel, bei FESTA.

Ein weiterer Faktor ist, dass man irgendwann auch zwangsläufig an seine körperlichen Grenzen geraten würde. Auch wenn die Messehallen eigentlich alle nah beieinander liegen und die Wege, theoretisch, gar nicht so weit sind, reißt man doch am Tag ein ziemliches Pensum herunter. Ach, noch mal eben bei den Selfpublishern in Halle 5 was anschauen. Und danach in die Halle 2 zur Fantasy Leseinsel. Ach, und dann wollte ich ja auch noch in Halle 1, zur Manga Comic Con. Oh, XY schreibt gerade, dass jetzt ein Treffen an der Leseinsel in Halle 5 ist. Aua, die armen Füße, kann man da nur sagen!

Allgemein muss man aber auch schauen, dass man keinen Overload bekommt. Ich verwende dieses Wort hier sehr bewusst, bedeutet es doch, dass man irgendwann aufgrund der vielen Reize einfach nicht mehr hinterher kommt.

Ich hatte dieses Gefühl bereits am Messesamstag, also meinem zweiten Tag, zum ersten Mal. Ich schlenderte so durch die Hallen und irgendwann hatte ich das Gefühl, dass mir das alles zu viel wird. Zu viele Menschen, zu viele Stände, zu viel Lärm, zu viele Bücher, zu viel von allem!

Interessanter Weise lief mir plötzlich Chris (ihr erinnert euch an die vorherigen Berichte) über den Weg, der mich sah und augenblicklich seufzte: „Ein bekanntes Gesicht. Endlich! Ich hasse Menschen!“

Das gab mir das beruhigende Gefühl, dass ich nicht mal wieder Opfer meiner eigenen kleinen Einschränkungen wurde, sondern dass auf der Messe für wohl jeden latent die Gefahr besteht, dass man reizüberflutet wird. Der eine kommt halt besser damit klar, als es der andere tut.

Und dann gibt es noch einen Punkt, der auf meiner Liste, wieso es gut ist, dass die Messe auch mal ein Ende hat, ganz weit oben steht. Ich setze ihn nur deswegen ans Ende, weil ich erst die offensichtlichen Dinge abarbeiten wollte, bevor ich jetzt zu diesem hier komme, das mir mit bösem Willen auch falsch ausgelegt werden könnte.

Und zwar ist es irgendwann einfach zu viel, den anderen Buchmenschen ausgesetzt zu sein mit allem, was sie so erleben.

Eine Buchmesse ist nicht der normale Alltag. Für keinen von uns. Das gilt für das, was wir erleben und für das, was wir tun. Es kommt alles sehr geballt und gerade dann, wenn man sich in einer größeren Gruppe bewegt, erlebt man viele Meilensteine im Leben eines Autors sehr komprimiert.

Überspitzt gesagt ist immer jemand dabei, der gerade einen vielversprechenden Kontakt zu einem Verlag geknüpft hat. Es ist immer jemand dabei, der gerade ein Projekt platzieren konnte. Irgendwer hat immer gerade einen Haufen Fans getroffen und viele Bücher signiert. Und irgendwer hat von irgendwem suggeriert bekommen, er wäre ein ganz großer Influencer und muss das nun allen Anwesenden immer und immer wieder mitteilen.

Kurz: Man wird mit einer Menge tatsächlicher und imaginärer Erfolge konfrontiert. Ebenso natürlich auch mit Misserfolgen, wobei die im allgemeinen ein wenig dezenter kommuniziert werden.

Wieso ist das nun schwierig? Ganz einfach, weil man den Eindruck gewinnen könnte, dass man von links und rechts gleichzeitig überholt wird. Und nicht nur überholt, sondern auch abgehängt. Dabei ist dies ein falscher Eindruck, den man nur gewinnt, weil diese Messetage eben so unglaublich intensiv sind. Das normale Leben spielt sich außerhalb ab, wenn wir alle wieder zu Hause sitzen. Der Alltag ist die Zeit, in der wir alle uns anstrengen, um das Bestmögliche aus unserem Schreiben und aus unserer Entwicklung als Autoren herauszuholen. Und auf den Messen gelingt es einigen dann, die Früchte für diese harte Arbeit zu ernten.

Mir ist außerordentlich wichtig, in aller Deutlichkeit zu sagen, dass das, wovon ich hier spreche, keineswegs Missgunst ist! Ich gönne jedem und jeder jeden Erfolg. Eben weil ich weiß, dass keinem von uns etwas einfach so in den Schoß fällt. Was ich spüre ist dementsprechend kein Neid, sondern Überforderung!

Schuld daran ist wieder einmal eine falsch verdrahtete Schaltung in meinem Kopf, vermute ich. Es kann aber auch sein, dass es anderen auch so geht wie mir. Man freut sich, freut sich wirklich, aber gleichzeitig wird das alles auch ein bisschen viel. Sagen wir, ich könnte mich besser freuen, wenn nicht alles so geballt käme.

Dabei spielt es auch keine Rolle, ob ich selber einen Erfolg erlangt habe, oder nicht. Die Teilnahme an 9lesen war für mich auf vielfältige Weise ein großer Erfolg. Aber das sehe ich dann nicht, kann es nicht einordnen und deswegen entsteht bei mir ein komisches Gefühl.

Ich kann nur hoffen, dass ich es einigermaßen erklären konnte, denn das Schlimmste wäre wirklich, wenn mich jetzt einer von euch da draußen für einen Neidhammel halten würde. Aber dann würde ich darum bitten, das anzusprechen, damit ich es vielleicht ausräumen kann …

Wie dem auch sei, für mich ist, bei aller Ernüchterung, bei allem Messeblues, der zwangsläufig nach einem solchen Meilenstein im Autorenleben zwangsläufig einsetzt, auch gut, dass irgendwann der Alltag wieder einkehrt. Das mindert nicht die vielen schönen Stunden, die ich auf und abseits der Messe mit tollen Menschen gehabt habe. Und das mindert nicht die Vorfreude auf das nächste Ereignis dieser Art.

Vielleicht ist es mit Messen wie mit Kindsgeburten: Sie sind für alle Beteiligten eine enorme Strapaze, aber am Ende bleibt das gute Gefühl übrig – denn sonst würde sich niemand ein zweites Mal darauf einlassen 😉 .

Damit endet meine Berichterstattung zur Leipziger Buchmesse 2018. Ich hoffe, dass sie euch ein wenig Spaß gemacht hat. Bei mir war das jedenfalls der Fall. Aber auch hier muss nun der Alltag wieder einkehren.

Bis es dann wieder heißt: Buchmesse, ich komme!

Wie wär’s mit Frankfurt!?

Leipziger Allerlei 2018 (7) Die #9lesen Videos sind da!

*** Breaking News ***

Wow, das ging schnell und kam dann heute doch fast ein wenig unerwartet. Ich wusste zwar, dass die liebe Babsi eifrig bei der Arbeit ist, um die Lesungsvideos aufzubereiten, aber dass bereits heute alle zur Verfügung stehen und auch veröffentlicht sein würden, damit hatte ich jetzt nicht gerechnet.

Lange Rede: Ab sofort könnt ihr die Videos der #9lesen-Autoren, die einer Veröffentlichung zugestimmt haben, ganz bequem über die Website anschauen, wo sie als YouTube-Playlist eingebettet sind. Natürlich sind die Videos auch einzeln auf unserem YouTube-Kanal zu sehen.

Freut euch also auf Texte von Andrea Schrader, Hannes Niederhausen, Jana Tomy, Julia von Rein-Hrubesch, Magret Kindermann und Barbara Weiß.

Ach ja – und von mir auch. Ich muss gestehen, ich habe das Video in voller Länge noch gar nicht angeschaut. Da brauche ich das richtige Mindset für, glaube ich. Es ist halt immer noch ungewohnt sich selbst zu sehen und zu hören. Und das jetzt auch noch im Internet.

Aber gut, ich habe mir das so ausgesucht und ich finde, es gehört auch dazu. Wenn ich mich schon vor Live-Publikum nicht blamiert habe, dann tue ich das auch vor euch nicht.

In diesem Sinne wünsche ich euch viel Spaß mit meiner Lesung aus „Der Beobachter und der Turm“. Knappe neuneinhalb Minuten, die ihr ruhig mal investieren könnt 😉 .

Leipziger Allerlei 2018 (4) In der rechten Ecke

Kommen wir zwischendurch zu einem eher unangenehmen Thema, das im Vorfeld der Leipziger Buchmesse für großes Aufsehen gesorgt hat und auch während der Messetage selber immer mal wieder ins Bewusstsein der Besucher sickerte: Die Anwesenheit rechter Verlage auf der Messe.

Ich entdeckte den entsprechenden Bereich mehr oder weniger durch Zufall, als ich auf der Suche nach etwas Essbarem war. Die Futterinseln sind in den Messehallen immer in den Hallenecken aufgestellt und so, wie ich mich durch die Halle 3, um die es in diesem Fall geht, bewegte, lief ich wirklich auf die rechte Ecke zu, als ich die ersten Spuren dessen bemerkte, was kommen würde. Denn bereits in einigem Umkreis befanden sich Zettel auf dem Boden, auf denen deutlich gegen rechtes Gedankengut Position bezogen wurde.

Ich muss gleich vorweg schicken, dass ich die Halle 3, oder wenigstens diesen speziellen Bereich, bewusst nicht zu den Zeiten aufgesucht habe, zu denen es besonders voll oder besonders kontrovers zugehen konnte. Dabei wäre es einfach gewesen, das zu planen, hingen doch an den Ständen der dortigen Verlage genauso wie überall sonst die Termine aus, wann man den einen oder anderen „Promi“ erwarten konnte. So hätte ich am Samstag (glaube ich) gegen Mittag die Chance gehabt, dem Auftritt von NPD-Politiker Udo Voigt beizuwohnen.

Ich habe dankend verzichtet.

Wie ihr durch meine bisherigen Äußerungen zum Thema wisst, bin ich im Allgemeinen auf der Linie, die auch von der Leitung der Leipziger Messe vertreten wird. Ich finde, dass es wichtig ist, dass wir als Demokraten auch die Strömungen aushalten, bei denen es aus diversen Gründen schwer wird. Weil uns das in unserer Überzeugung ausmacht. Weil das Demokratie bedeutet.

Aber ich gebe zu, dass mir das auf der Messe schwer gemacht wurde. Und das, obwohl ich von der Außensicht her erst einmal jemand bin, der nicht unbedingt in das Ablehnungsschema dieser Menschen fällt. Im Messerückblick meiner Autorenkollegin Nora Bendzko habe ich heute gelesen, wie es ihr da ergangen ist, weil man ihr, wenn man darauf achten will, ansehen kann, dass ihre Wurzeln nicht ausschließlich in Zentraleuropa liegen. Was einem normal denkenden Menschen egal sein sollte, fühlte sich in der rechten Ecke der Halle 3 auf einmal anders an.

Ich selbst bin ein wenig wie die Katze um den heißen Brei um die Stände gestromert und habe versucht aufzunehmen, wie die Stimmung dort ist und wie das Messepublikum auf das Gezeigte reagiert.

Es war ein wenig erschreckend, sich die Zusammensetzung der Interessenten anzusehen. Hier mal ein Foto, das ich vom Stand des der AfD nahe stehenden Magazins „Compact“ gemacht habe:

Wie ansatzweise zu sehen ist, drücken sich hier keine Skinheads in Bomberjacken herum, sondern ganz normale Leute, die ihre Kinder mitgebracht haben und in Zeitschriften blättern, in denen es darum geht, wie sehr unser Land und unsere Kultur doch zugrunde gerichtet werden.

Im Vorbeigehen konnte ich auch einen Gesprächsfetzen aufschnappen, in dem ein Standmitarbeiter einem Pärchen, das aussah wie die netten Soziologiestudenten von nebenan, erklärte, dass es „ja wohl das normalste von der Welt sein müsste, dass man an der Grenze prüft, ob die Menschen ein Recht haben, hier einzureisen“.

Da blieb mir der flapsige Gedanke, ob die jungen Damen auf dem Stand bezahlte Messehostessen oder doch stramme Jungmädel waren, gelinde gesagt in der Hirnwindung stecken.

Gleiches passierte mir am Stand des Antaios-Verlags, über dessen Ausrichtung und Bedeutung wohl  nach den letzten Monaten keine Worte mehr verloren werden müssen, als ich bewusst mal in ein paar der Bücher reinblätterte, unter anderem in die jüngeren Werke von Akif Pirinçci. Es wäre leicht, das Gelesene als verblendeten Unfug abzutun, aber das würde seiner potentiellen Wirkung auf potentiell ungefestigte Gemüter nicht gerecht.

Ihr merkt schon, dass ich in meiner Ansicht und Haltung schwankend wurde. Ich muss gestehen, dass ich im weiteren Verlauf versucht habe, das Thema ein wenig auszublenden, um mir nicht das Messeerlebnis davon beeinträchtigen zu lassen.

Bemerkenswert fand ich allerdings das folgende Plakat:

Ich fand es deswegen bemerkenswert, weil sich mein Blick auf diesen Text im Laufe der Zeit verschoben hat. Als ich es zuerst sah, bevor ich mich mit den Ständen näher auseinander gesetzt hatte, hätte ich es vielleicht sogar unterschrieben. Nicht in dem Sinne, dass ich wirklich glaube, dass die Menschen sich nicht mit den rechten Verlagen und Medien auseinandersetzen, sondern in dem Sinne, dass es natürlich einfacher ist, etwas zu verurteilen, als in den Diskurs damit zu gehen.

Aber dann kamen meine Erfahrungen, wie ich sie oben geschildert habe. Und zum Schluss der Messe hin, als ich zum (ich glaube) dritten und letzten Mal an der rechten Ecke vorbeikam, bekam die Message dieses Plakates einen Beigeschmack.

Denn diese Botschaft lässt sich auch umdrehen. Wo so viel mit Klischees und Vorurteilen gearbeitet wird, wie in weiten Teilen der rechten Szene, da lässt sich schwer von einer echten Auseinandersetzung sprechen. Ich will nicht so weit gehen und jedem dort verlegten Schriftsteller unterstellen, dass er sich keine Gedanken darüber macht, worüber er schreibt. Auch wenn ich diese Gedanken für nicht richtig halte.

Aber es ist ein Charakteristikum der rechten Szene, insbesondere der extremen Teile, sich eben nicht mit dem zu beschäftigen, was sie ablehnen. Denn dann müssten sie sich zwangsläufig auch damit beschäftigen, wieso sie es eigentlich ablehnen. Und dann dürfte es schwierig werden. Die Verurteilung, die von dieser Seite läuft, mag keine moralische sein, aber es ist ganz sicher eine Verurteilung auf der Basis eines eingeschränkten Weltbilds.

Was bedeutet das nun für meine Haltung gegenüber rechten Verlagen und ihrer Teilnahme an der Buchmesse?

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass es für eine Gesellschaft insgesamt wichtig ist, dass es einen Diskurs mit den Rechten gibt. Und in einen Diskurs kann ich nur dann gehen, wenn ich mich mit den betreffenden Menschen und auch ihren Ansichten auseinandersetze.

Ihr merkt schon, ich stolpere immer wieder über das Wort „Auseinandersetzung“. Ob sich der Mann, der nicht glaubte, dass jeder bei uns Einreisende hier sein „darf“ mit den Gründen auseinander gesetzt hat, die diese Menschen dazu bewegen, zu uns zu kommen? Ich bezweifle es.

Aber auch die Gegenseite setzt sich nicht wirklich mit den Rechten auseinander. Es wird mehr über sie geredet als mit ihnen. Und das ist etwas, wofür ich im Rahmen einer Buchmesse tatsächlich Chancen sehen würde, weil hier nicht die Extremisten und Pöbler aufeinander prallen würden, sondern Menschen, die durchaus in der Lage sind, eine Argumentation zu führen.

Sonst könnten sie nämlich keine Verlage leiten.

Abschließend möchte ich festhalten, dass das meine Gedanken aus meinem ganz eigenen Erleben innerhalb dieser drei Tage sind. Ich habe, wie gesagt, Begegnungen mit der „Laufkundschaft“ bewusst vermieden und kann und will deshalb hierzu nichts sagen. Auf Twitter habe ich gelesen, dass es auch in diesem Jahr wieder zu einigen unschönen oder zumindest fragwürdigen Szenen gekommen ist. Aber, wie gesagt, ich war nicht dabei.

Ich fühle mich als Demokrat. Ich fühle mich als Europäer. Und ich stehe für die Rechte jedes Menschen ein, unabhängig von seiner Herkunft, unabhängig von seiner Religion und – solange es möglich ist – unabhängig von seiner Gesinnung.

Deswegen muss ich das ungute Gefühl in der rechten Ecke aushalten. Aber es zwingt mich zum Glück keiner, mehr Zeit dort zu verbringen, als ich es selbst für richtig halte.

Leipziger Allerlei 2018 (3) #9lesen – so war es

Nun denn: Die Lesung am Freitag. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich das schreibe, ist die Veranstaltung schon beinahe zwei Tage her (und zu dem, wo ich es veröffentliche, noch ein wenig länger). Zwei Tage sind auf der Buchmesse beinahe so lang und intensiv wie zwei Monate im normalen Leben. Aber dennoch versuche ich, die Stimmung dieses Abends so gut wie möglich noch einmal für euch aufleben zu lassen.

#9lesen also. Es hatte etwas surreales, auf der Messe auf einmal vor einem der Plakate zu stehen, die für diese Veranstaltung warben. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der eigene Name damit auf einmal in einer Reihe mit vielen anderen, viel etablierteren Autoren steht, für die an gleicher Stelle, nämlich an einer der langen Seitenwände der Hallen, geworben wird. Dienstbare Geister, namentlich Kia Kahawa mit Unterstützung, hatten dafür gesorgt, dass in so ziemlich jeder Halle eines der Plakate zu finden war.

Dennoch war ich erstaunlich ruhig, als ich am Freitag über die Messe lief. Das hatte mit Sicherheit damit zu tun, dass ich vorher noch Sorgen wegen meiner Anschlüsse und meiner Unterkunft hatte.

Auf der Messe habe ich mich dann erst eine Weile treiben lassen, zwischendurch einen Blumenstrauß gefangen (dazu schreibe ich einen eigenen Beitrag) und dann, bei der Gelegenheit, Jana Tomy und ihren Freund Chris aufgegabelt, mit denen ich mich kurz darauf auf den Weg in die Leipziger Innenstadt machte.

Als wir im Morrison’s eintrafen, waren die meisten anderen Autoren und Autorinnen schon da. Vorne, an der Bühne, war die Technik aufgebaut, um die sich Kia, Babsi Weiß, Julia von Rein-Hrubesch und Hannes Niederhausen gekümmert hatten. Bei einigen war die Spannung beinahe greifbar, andere, ganz vorneweg unsere Chef-Organisatorin Andrea Schrader, wirkten sehr ruhig – und das, obwohl Andrea ja mit Baby vor Ort war. Magret Kindermann und Florian Eckardt vervollständigten unser Vorleser-Team.

Ich muss gestehen, dass ich in dem Moment, wo ich das Mikro sah, zum ersten Mal so wirklich realisierte, dass ich mich später dahin setzen würde und dass ich wirklich das, was ich mir herausgesucht hatte, vor Publikum lesen würde!

Überhaupt: Publikum! Von dort, wo ich gesessen und auf meinen Einsatz gewartet habe, war es schwer, einen Überblick über den Raum zu bekommen, der ohnehin eine nicht wirklich übersichtliche Grundfläche hatte. Aber ich habe mir sagen lassen, dass wir den „Saal“ gut gefüllt haben.

Ob ich das nicht selbst gesehen habe, als ich mich als Siebter von uns Neun auf die Bühne bewegt habe? Liebe Leute, ich war froh, dass ich das nicht zu genau gesehen habe! Das hätte mich schlimmstenfalls nämlich vollends aus dem Konzept gebracht.

Die Kolleginnen und Kollegen vor und nach mir haben wirklich sehr gut gelesen. Ich war ja glücklich, dass ich nicht zu früh dran war. Da war das Publikum nämlich schon „warm gelesen“. Und es sparte auch nicht mit Applaus für uns Autoren, von denen einige ja immerhin zum ersten Mal auf einer Bühne standen und das dann auch noch mit unveröffentlichten Texten.

Die Moderation für den Abend hat Jana übernommen, der man angemerkt hat, dass sie vom Theater kommt. Nachdem sie sich einmal eingegroovt hatte, war sie witzig, sie war charmant und sie brachte die Infos, die sie sich vorher von uns eingeholt hatte, sehr gut rüber.

Ich hatte ihr in den Block diktiert, dass ich mein ganzes Leben lang etwas mit Wörtern machen wollte und nun beruflich im Reich der Zahlen festhänge, dass ich 30 Jahre gebraucht habe, um zu begreifen, dass „Autor sein“ auch bedeutet, dass man mal was veröffentlicht – und dass ich eben aus diesem Grund dieses Jahr mein Debüt bei Scylla veröffentliche.

Und dann saß ich da, vor diesem Mikro, den Blick in den Raum gerichtet, einige mich zuversichtlich anlächelnde Gesichter vor mir. Schräg von mir hatte Babsi ihre Kamera aufgebaut, die das Ganze aufgezeichnet hat (wer es noch nicht mitbekommen hat: Ja, es wird einen Mitschnitt der meisten Lesenden geben!). Mein Beitragsbild hat im Übrigen Kia geschossen und über Twitter veröffentlicht.

Mir wurde ein wenig meine Größe zum Verhängnis, was dazu beitrug, dass ich den Blick ins Publikum nicht so suchen konnte, wie ich es mir vorgenommen hatte. Ich musste nämlich den Kopf ziemlich senken, um nicht über das Mikro hinweg zu reden. Hinterher habe ich gehört, dass ich dadurch fast schon zu laut war. Aber mir fehlte halt die Erfahrung.

Es war schon schlimm genug, meine eigene Stimme aus der Box neben mir zu hören. Ich empfinde meine Stimme, so wie wohl alle Menschen, ganz anders, als sie tatsächlich klingt. Es war überraschend, dass ich dann doch eine relativ dunkle Stimme hatte. Und das dann in laut und deutlich.

Vielleicht war das auch der Grund dafür, dass ich recht schnell durch meinen Text gehuscht bin. In den Probedurchläufen hatte ich runde acht Minuten gebraucht, natürlich ohne vorher noch was zur Grundstory zu erzählen. Jetzt waren es mit der Einführung etwas über acht Minuten.

Die Nervosität hielt sich alles in allem dann doch in Grenzen: Ich bin weder vorher, noch hinterher in Ohnmacht gefallen. Und ich konnte den Applaus, den ich bekommen habe, auch annehmen, ohne mich veralbert zu fühlen.

Klingt das jetzt über die Maßen gemein? So ist es nicht gemeint. Aber, ihr kennt mich, ich bin ein sehr selbstkritischer Zeitgenosse und da liegt es mir natürlich nahe, dass ich nicht wirklich glauben kann, dass die positiven Reaktionen ernst gemeint sind. Aber das war nicht der Fall! Nein, ich fand den Applaus gut, er fühlte sich gut an.

Umso „tragischer“ ist, dass diese Stimmung nicht so lange anhielt. Das Lob, das ich anschließend von einigen Mitlesern und Zuhörern bekommen habe, konnte ich nur schwer annehmen. Es schien nichts mit mir zu tun zu haben. Ob das nur mir so gegangen ist? Oder ob andere auch, vielleicht heimlich, mit solchen Gedanken zu tun haben?

Jedenfalls habe ich Reaktionen bekommen, die mich gefreut und auch ermuntert haben. Sowohl für meine Art zu lesen, als auch für die Geschichte selbst. Auch wenn ich im ersten Moment sicherlich viel zu sehr „wie, ich?“ gewesen bin. Aber es passiert mir nicht alle Tage, dass ein Textausschnitt von mir mit H.P. Lovecraft verglichen wird …

Was ich an der ganzen Aktion ein wenig schade fand war, dass die Autoren viel zu sehr auseinander saßen. Aber das hatte halt auch was mit der räumlichen Situation zu tun. Wir haben das aber schon als einen der Punkte festgestellt, an denen wir bei der nächsten Lesung drehen wollen.

Ja, richtig gelesen: Wir planen bereits die nächste Lesung im Format #9lesen. Ob daran dieselben Autoren teilnehmen, oder ob wir im Laufe der Zeit so eine Art „Autorenpool“ bilden, aus dem sich zu den verschiedenen Events neun finden (lassen), das steht alles noch ein wenig in den Sternen. Aber Andrea und Jana haben sich schon fest vorgenommen und vor Publikum verkündet, dass anlässlich der Frankfurter Buchmesse wieder eine Lesung stattfindet.

Ob ich mir vorstellen kann, dann wieder dabei zu sein? Aber sicher! Wenn ich es denn hinkriege, nach Frankfurt zu fahren, wenn das irgendwie in meinen Terminplan und die Urlaubsplanung passt, dann kann ich mir das sogar sehr gut vorstellen. Ich weiß zwar noch nicht, was ich dann lesen würde, muss ich aber ja auch nicht. Ein Traum wäre es natürlich, wenn ich dann schon etwas aus „Der Morgen danach“ lesen könnte. Aber das ist eine andere Baustelle.

Jetzt freue ich mich erst einmal, dass das alles so gut geklappt hat. Und in den nächsten Tagen wird sicherlich das eine oder andere noch weiter durchsacken. Es dürfte spannend werden, wie sich das dann anfühlt.

An euch geht mein Dank, dass ihr mich im Vorfeld so ermutigt habt! Das hat mir wirklich geholfen. Und wenn es Neuigkeiten gibt, dann erfahrt ihr es natürlich. Zum Beispiel, wenn die Videos der Lesung online gehen 🙂 .

Und falls ihr Interesse haben solltet, kann ich natürlich auch gerne meinen Leseabschnitt als Leseprobe in den Blog stellen.

Leipziger Allerlei 2018 (2) Nur kurz erzählt

Ihr Lieben,

ja, ich habe die Lesung überstanden.

Ja, ich lebe noch.

Nein, ich glaube nicht, dass ich es versaut habe.

Ich würde euch gerne mehr erzählen, aber das muss leider noch warten. Meine Unterkunft ist ziemlich basic, es gibt kein Internet, und somit komme ich zurzeit nur über’s Handy online.

Und bloggen über das Handy macht leider so gar keinen Spaß.

Aber das hole ich alles in den nächsten Tagen nach. Versprochen!

Bis bald!

Euer Michael

Leipziger Allerlei 2018 (1) #9lesen kann kommen!

Auch in diesem Jahr habe ich mir vorgenommen, zumindest ein wenig von meinem Messeerlebnis auf der Leipziger Buchmesse zu berichten. Und ich dachte mir, ich könnte genauso gut jetzt schon damit anfangen.

Heute habe ich mir eine große Liste mit Dingen geschrieben, die ich auf keinen Fall vergessen darf, mitzunehmen. Und ganz oben stand, wie nicht anders zu erwarten, der Leseausschnitt, den ich für #9lesen ausgesucht habe.

Für die Lesung habe ich den Zeilenabstand vergrößert und die Schriftgröße heraufgesetzt. Damit verteilen sich die rund 1.300 Wörter jetzt auf ganze fünf Seiten. Muss ich halt zwischendurch ein wenig blättern. Aber das ist mir lieber, als dass ich hinterher das Papier genau vor mein Gesicht halten muss, weil ich sonst nichts erkennen kann.

Wobei … vielleicht wäre das ja die bessere Alternative? 😉

Wir werden es sehen, wenn hinterher der Videomitschnitt verfügbar ist. Falls ich den überhaupt freigebe. Ich mag meine Stimme nicht, wenn sie aufgenommen wird, ich stehe Fotos von mir eher skeptisch gegenüber, aber ein Video. Ja, nee, ist klar.

Aber gut, die Vorbereitungen sind soweit durch, die Kolleginnen und Kollegen, die sich um die Technik kümmern, sind für alle Eventualitäten gerüstet und jetzt kann die Lesung eigentlich kommen.

Nein, das negiert nicht meinen Beitrag von vorgestern. Aber so langsam komme ich an den Punkt, wo ich akzeptiere, dass es nun einmal bald soweit ist und dass es jetzt auch „sein muss“. Das ist ein geringfügiger Unterschied.

Die Erleichterung und hoffentlich auch der Stolz, es durchgezogen zu haben, kommt dann hoffentlich hinterher. In ungefähr 48 bis 49 Stunden wissen wir alle mehr.

Wollt ihr einen Blick auf meinen Lesungstext werfen? Dann hier, bitteschön, der Anfang davon:

Mehr gibt es erst am Freitag im Irish Pub – oder halt danach 🙂 . Und falls ihr noch einmal die Infos zur Lesung haben wollt, die findet ihr hier.

Könnten wir vielleicht schon eine Woche später haben?

Okay. Was jetzt folgt, ist panisches, hektisches und ziemlich wirres Geschwurbel. Ich werde versuchen, es kurz zu halten. Aber ich bin seinerzeit angetreten, um mit diesem Blog meinen Weg als Autor authentisch zu begleiten. Und zur Authentizität gehören nun einmal auch die nicht so positiven Stimmungen.

Es steht ja schon in der Überschrift: Könnten wir vielleicht schon eine Woche später haben?

In einer Woche wäre nämlich die ganze Buchmesse mit allem drum und dran schon vorbei. Klingt das paradox? Glaubt mir, so fühlt es sich auch an. Ist die Buchmesse nicht ein Highlight? Eine der Veranstaltungen, auf die man das ganze Jahr hindurch hin fiebert?

Ja – und nein.

Ja, ich fiebere darauf hin, weil ich mich freue, wieder nach Leipzig zu kommen. Ich mag die Stadt, wenigstens das, was ich davon gesehen habe. Und ich mag die Messe mit ihrem Trubel und den vielen, vielen Menschen, von denen ich hoffe, einige wiederzusehen und andere zum ersten Mal zu sehen.

Nein, ich fiebere nicht darauf hin, weil ich das Gefühl nicht los werde, dass ich damit nicht klar kommen werde, mit dem Ganzen. Ehrlich, jedes Mal, wenn wieder einer meiner Internet-Bekannten einen euphorischen Vorausblick auf die Messe schreibt, denke ich mir: Ja, ich gönne es dir. Viel Spaß. Wir sehen uns vielleicht nächstes Jahr.

Ich weiß sogar, woran das liegt. So langsam machen sich die ganzen Problemchen bemerkbar, die den Messebesuch ein wenig überschatten. Ich bin immer noch nicht ganz auf dem Damm, was meine Gesundheit angeht. Und ich fürchte, dass sich das bis Freitag, wenn mein Messeabenteuer startet, auch nicht wesentlich verbessern wird.

Ein weiterer Punkt ist, dass mir die Sache mit der Unterkunft (ihr erinnert euch) massiv nachhängt. Ich bin inzwischen so paranoid, dass ich bei jedem Pling meines Smartphones als erstes nachschaue, ob ich eine neue Nachricht von AirBnb bekommen habe, die besagt, dass ich am Freitag ohne Obdach da stehen werde. Unnötig zu sagen, dass ich fast davon ausgehe, dass meine Zugverbindungen alle nicht klappen werden, oder?

Und über die Lesung darf ich auch nicht so wirklich nachdenken. Entgegen dem, was ich ja erst noch neulich schrieb, fühle ich mich nämlich überhaupt nicht vorbereitet. Aber mal so gar nicht. Ich habe zwar nicht direkt Angst, mich zu blamieren, aber das ganze Drumherum … ehrlich, das macht mir schon Sorgen.

Aber auch wenn die Lesung vorbei ist, dann sind da ja noch die Messetage selbst zu füllen. Ich habe ja extra darauf verzichtet, mir ein zu starres Korsett aus Terminen überzustreifen. Aber jetzt fühlt es sich so an, als habe ich damit auch jede Struktur zum Teufel geschickt. Als würde aus einem „ich schaue mal, was es so gibt“ ein „es gibt alles und nichts und nichts davon habe ich gesehen“.

Nein, diese Labilität fühlt sich nicht gut an. Aber ich muss da jetzt durch. Ich kann und will mir nicht die Bettdecke über den Kopf ziehen und so tun, als ginge mich das alles nicht an. Meine Probleme werden sich nicht in Luft auflösen, aber vielleicht werde ich feststellen, dass doch alles einigermaßen gut geklappt hat. Was auch immer „gut“ dann im einzelnen bedeutet.

Ich habe letzte Woche mit meinem Psychodoc über das Thema gesprochen und er hat mich gefragt, was ich ihm denn gerne bei unserem nächsten Treffen, kurz nach der Messe, darüber erzählen würde. Ich habe ihm drei Punkte aufgezählt, die ich jetzt nicht verraten werde (das wäre böses Voodoo). Aber hinterher werde ich euch gerne wissen lassen, ob meine „Wünsche“ in Erfüllung gegangen sind.

Und bis dahin muss ich die negativen Stimmungen einfach aushalten. Weil der größte Teil von mir eben dann doch nicht will, dass wir schon eine Woche später haben.

Weil der größte Teil von mir denkt, dass so eine Buchmesse ein geiles Event ist!

Der Kampf gegen die Stoppuhr

Ich war nie jemand, der mit der Stoppuhr gut ausgekommen ist. Bei allen sportlichen Wettkämpfen war sie partout gegen mich. Es war geradezu so, dass mich das Ding schon verhöhnte, noch bevor ich überhaupt in Startposition gegangen war. Ich habe sie bis heute in Verdacht, dass sie mal eben fünf bis zehn Sekunden auf das Ergebnis addiert hat, bevor sie zu laufen begann. Nein, wirklich, gefühlt müsste ich mindestens Landesmeister sein. In der Realität war ich das höchstens im direkten Wettstreit mit Schnecken und Schildkröten.

Jetzt habe ich, viele Jahre nach diesen traumatischen Erlebnissen, wieder mit der Stoppuhr zu kämpfen. Es geht um #9lesen, das große Lesungsevent am kommenden (Schluck) Freitag.

Ich hatte ja schon erzählt, dass jeder von uns neun Autoren circa zehn Minuten Zeit hat, um aus seinem oder ihrem jeweiligen Werk zu lesen. Und wenn ich circa sage, dann meine ich, dass die Zeit bitte nicht überschritten werden sollte.

Deswegen blieb mir nichts anderes übrig, als mich erneut in die Hand der Uhr zu begeben und zu versuchen, einen guten Wert zu erreichen. Eine Zeit, die weit genug unter der magischen Grenze ist, damit ich noch genügend Zeit habe, um kurz was über mich (nicht so wichtig) und meinen Roman (sehr wichtig) zu erzählen.

Dabei wiegt einen das komische Ding ja erst einmal in Sicherheit, wenn man versucht, unbelastet an die Sache heran zu gehen. Die ersten Sekunden scheinen geradezu aufreizend langsam zu vergehen. Aber dann, wenn erst einmal zwei oder drei Minuten vergangen sind, fängt die Uhr auf einmal an, zu rasen und ich ertappe mich immer öfter dabei, wie der Blick auf die schnell wechselnden Zahlen schweift und den Text aus den Augen verliert.

Wie gut, dass das heute alles mit nebeneinander liegenden Fenstern auf dem PC-Bildschirm geht, ansonsten würde ich mich da echt verheddern.

Ich habe mich praktisch gezwungen, mir den Kampf mit der Stoppuhr nicht zu häufig anzutun. Weil ich weiß, dass es mich ansonsten nur nervös machen würde. Dabei habe ich gleichsam versucht, jeden weiteren Probelauf so zu gestalten, wie ich auch die Lesung gestalten möchte. Nämlich mit den passenden Betonungen und vor allem den nötigen Pausen an den richtigen Stellen. Und auch wenn die Uhr diese Sekunden in doppelter Geschwindigkeit zählt, darf ich mich davon nicht beherrschen lassen.

Heute habe ich der Uhr dann endlich das entscheidende Schnippchen geschlagen. Ich bin jetzt unter acht Minuten angekommen. Und das, obwohl ich laut und deutlich und akzentuiert gelesen habe. Ein wenig beherztes Schnibbeln am eigenen Text im Verein mit einer gewissen stoischen Haltung gegenüber dem tickenden Monstrum, hat den Trick erledigt.

Ich werde, so denke ich, höchstens noch ein- oder zweimal die Übung durchziehen. Aber vielleicht verzichte ich auch darauf, um mich nicht wieder zu verunsichern. Denn heute habe ich das Gefühl, die Uhr besiegt zu haben. Das wird ihr mehr weh tun, als es mir weh getan hat, hierhin zu kommen. Ich kenne das missgünstige Ding und weiß, dass es auf seine Chance lauern wird, es mir heimzuzahlen.

Am Freitag werde ich auch eine Stoppuhr brauchen. Ganz ohne geht es nicht. Ich will ja meine Zeit nicht überziehen. Deswegen war es wichtig, heute klar zu stellen, dass ich derjenige bin, der die Grenze zieht. Derjenige, der die Regeln macht.

Unter acht Minuten – darauf warst du nicht vorbereitet, Stoppuhr, nicht wahr? Denk darüber nach, ob du dich nicht mit dem Falschen angelegt hast. Denn eines steht fest: Vorlesen kann ich entschieden besser als davon rennen. Und nur eines von beiden wird am Freitag gebraucht werden.

#9lesen – Was ich lese und warum ich es lese

Kinder, wie die Zeit vergeht. Inzwischen sind es nur noch neun Tage, bis für mich nicht nur die Leipziger Buchmesse losgeht, sondern bis ich am Abend des 16.03. auf einer Bühne stehen werde, um aus einem meiner Texte vorzulesen.

Wie ich ja schon in dem kleinen Interview, das ich mit mir selber geführt habe, verraten habe, werde ich aus meinem Roman „Der Beobachter und der Turm“ vorlesen. Es war die logische Wahl. Wenn wir, mein Verlag und ich, im Reifeprozess für „Der Morgen danach“ schon weiter gediehen wären, dann wäre ich vielleicht auf diesen Roman umgeschwenkt, aber da ist im Moment noch zu viel im Fluss. Dasselbe gilt für das Projekt, an dem ich gerade schreibe, der ehemaligen Kurzgeschichte „Das Kind“ – die noch einen neuen Namen erhalten wird.

Ich habe einfach beschlossen, dass der „Beobachter“ an der Reihe ist. Nicht zuletzt ja auch, weil ich nun versuche, für ihn eine Veröffentlichungsmöglichkeit aufzutun. Das hat zwar keinen direkten Bezug zur Lesung, aber irgendwie hat es doch etwas davon, seinen Marktwert ein wenig zu testen.

Dabei kann ich nur noch einmal sagen, dass ich selbst von diesem Roman überzeugt bin. Muss ich wohl sein, wenn mir das Ding auch anderthalb Jahre nach seiner Fertigstellung und über siebzehn Jahren seit seiner rudimentären Erstfassung nicht aus dem Kopf geht.

Woraus ich lesen würde, stand also relativ schnell fest. Ein wenig schwerer habe ich mich mit der Wahl getan, was genau ich denn vorlesen möchte. Die Textstelle sollte einigermaßen prägnant sein, sie sollte Lust auf Mehr machen und sie durfte vor allen Dingen nicht zu lang sein. Da wir bei #9lesen mit, Überraschung, neun Autoren auf der Bühne sein werden, hat jeder von uns runde zehn Minuten Zeit für sich. Ansonsten würde der Abend eine unendliche Geschichte werden und kein Publikum der Welt hat unendliche Geduld.

Nun gehöre ich zu den Autoren, die schon mal ein wenig länger brauchen, bis sie in einer Szene auf den Punkt kommen. Eine weitere Schwierigkeit, die zu umschiffen war. Dazu kommt die Struktur des „Beobachters“. Auch wenn ich ihn nominell in die Sparte Horror einsortieren würde, nimmt er sich eine relativ lange Anlaufzeit, bis er endgültig in diese Richtung schwenkt. Nicht umsonst nenne ich ihn auch manchmal spaßeshalber meinen eigenen „Stephen-King-Roman“.

Allerdings gibt es in diesem Roman, ebenfalls der Struktur geschuldet, den einen Moment, in dem die Stimmung endgültig kippt. Nachdem es vorher leise Andeutungen gegeben hat, dass im Leben meines Protagonisten Richard Lenhard nicht alles mit rechten Dingen zugeht, ist ab dieser Szene klar, woher der Wind weht. Und zwar immer schön in Richards Gesicht. Das macht diese Szene zu einer sehr guten Stelle, um sie vorzulesen. Es wird sozusagen alles geboten, was der Titel verspricht.

Aber dadurch, dass ich mir dann doch ziemlich schnell einig mit mir selbst war, dass ich diese Szene lesen wollte, hatte ich andererseits noch viel Gelegenheit, mir die Frage zu stellen, ob das denn wirklich eine gute Wahl ist.

Sicher, es gibt horriblere Stellen im Manuskript. Stellen, die vielleicht auch repräsentativer für den Roman wären. Aber trotz aller Zweifel komme ich immer wieder zu dem Punkt, dass ich glaube, eine passende Passage gefunden zu haben: Eine Passage, die zeigt, was im Manuskript steckt, die gleichzeitig einen Entwicklungspunkt markiert und, nicht ganz unwichtig, recht gut für ein Publikum einzuordnen ist, das vorerst nicht mehr von dieser Geschichte zu hören und zu sehen bekommen wird als das, was ich in neun Tagen vorlesen werde.

Jetzt muss ich das Ganze noch zwei- oder dreimal üben und schauen, ob ich noch einige Sätze kürzen muss, um auf eine passende Zeit zu kommen. Mein letzter Lesedurchgang tickte bei etwas mehr als acht Minuten ein, was mir zwei Minuten für Intro und Outro lässt. Ob das reichen wird, das muss ich sehen. Ich werde jedenfalls meine Einleitung nicht vom Blatt ablesen, das habe ich mir fest vorgenommen.

Und ansonsten vertraue ich darauf, dass mich jemand rechtzeitig von der Bühne zerrt 😉 .

Merkt man eigentlich, dass ich langsam aufgeregt bin? Nur noch neun Tage – Kinder, wie die Zeit vergeht!

3 von #9lesen – 3 Fragen an Magret Kindermann, Barbara Weiß … und mich

Jetzt wird es so langsam ernst mit den Vorbereitungen für #9lesen. Jeder fängt schon mal an, die nötigen Dinge zusammen zu packen: Manuskript, Baldrian und Kreide, um die Stimme geschmeidig zu halten. Aber vielleicht hilft es uns ja auch, wenn wir vor der Lesung miteinander anstoßen. So ein Irish Pub als Lesungsort hat in dieser Hinsicht ja unbestreitbare Vorteile.

Heute möchte ich euch die letzten drei Autorinnen und Autoren vorstellen, auf die ihr euch freuen dürft, wenn ihr uns hoffentlich am 16.03. die Ehre erweist. Auch dieses Mal finde ich die Antworten auf meine Fragen wieder sehr gelungen und im besten Sinne „appetitanregend“.

Ich bitte euch um Aufmerksamkeit für Magret Kindermann, Barbara Weiß und … mich!?


Hallo Magret, erzähl uns doch in einem Satz ein bisschen von dir.
Ich wurde mal „natürlich high“ genannt und ich finde, das trifft es ganz gut.

Was macht #9lesen für dich zu einer besonderen Veranstaltung?
Viele meiner Kollegen, die dort mit mir lesen werden, sind unglaublich talentiert. Dazu kommen einige, von denen ich noch nie etwas las. Außerdem gefällt mir die Vielfalt an Genres. Ich mag die Trennung von diesen nicht, von daher ist diese Mischung innerhalb einer Lesung toll.

Worauf dürfen wir uns bei der Lesung von dir freuen?
Mein Manuskript „Killing Zombies and kissing you“ war eigentlich eine Kurzgeschichte, die ich dann zu einem Roman weitergesponnen habe. Er ist noch nicht beendet und spinnt mir im Kopf mit seiner rotzigen Sprache herum.

Magret Kindermann auf der Website zu #9lesen


Hallo Babsi, erzähl uns doch in einem Satz ein bisschen von dir.
Hallo, ich bin Babsi, 24 Jahre alt, liebe flauschige Tiere und Blobfische, lese, schreibe, blogge, vlogge und verliere mich gerne in gefährlichen fantastischen Abenteuern.

Was macht #9lesen für dich zu einer besonderen Veranstaltung?
Dafür gibt es 9 gute Gründe. 8 Gründe lernt ihr am #9lesen Abend selbst kennen und der 9. Grund ist: Es wird meine allererste Lesung! Ich war schon oft auf Lesungen, habe mir meine Texte auch schon selbst vorgelesen, aber ich habe noch nie vor Publikum aus meinen eigenen Werken auf einer Bühne vorgetragen. Ich bin schon sehr aufgeregt.

Worauf dürfen wir uns bei der Lesung von dir freuen?
Auf eine gruselige oder witzige Stelle aus meinem Urban Fantasy Projekt „Save Our Souls“, die hoffentlich Lust auf mehr macht. Und auf mein Blobfisch-Gesicht live und in Farbe.

Barbara Weiß auf der Website zu #9lesen


Hallo Michael, erzähl uns doch in einem Satz ein bisschen von dir.
Ich bin der Michael, mir gehört dieser Blog und wenn du nicht zum ersten Mal hier bist, weißt du, dass ich mit dem Konstrukt „in einem Satz“ nur sehr schwer klar komme.

Was macht #9lesen für dich zu einer besonderen Veranstaltung?
#9lesen ist anders, ist groß. Wir haben eine stürmische Anfangsphase überstanden, weil sich alle Beteiligten voll reingekniet und eingebracht haben. Wirklich jede/r hat seinen Teil dazu beigetragen, dass wir diese Lesung nun tatsächlich stemmen. Natürlich freue ich mich darauf, vor Publikum zu lesen, auch wenn ich nervös bin. Aber diesen Erfolg, #9lesen in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft zu haben, den kann uns schon jetzt niemand mehr nehmen!

Worauf dürfen wir uns bei der Lesung von dir freuen?
Ich habe mich dazu entschieden, eine Passage aus meinem Roman „Der Beobachter und der Turm“ zu lesen, mit dem ich mich zurzeit auf der Suche nach einer Literaturagentur befinde.

Michael Behr auf der Website zu #9lesen


Den ersten Teil der Interviews mit Andrea Schrader, Florian Eckardt und Kia Kahawa gibt es hier.
Der zweite Teil mit Hannes Niederhausen, Jana Tomy und Julia von Rein-Hrubesch befindet sich hier.

Viele weitere Infos zur Lesung und den beteiligten Autoren findet ihr auf der Website zum Event!