Leer geschrieben

Irgendwie fällt es mir im Moment schwer, diesen Blog kontinuierlich mit Leben zu füllen. Vorbei die Zeiten, in denen es jeden Tag einen neuen Beitrag gab. Gut, das wurde von nicht wenigen meiner Leser sowieso als „Wahnsinn“ und kaum nachzuhalten betrachtet.

Aber auch der Vorsatz, jeden zweiten Tag, oder so, einen neuen Artikel zu schreiben, hält im Moment nicht vor. Dabei mangelt es nicht an Dingen, über die ich schreiben könnte. Tatsächlich fange ich an, mir über einen neuen Beitrag Gedanken zu machen und stelle dann schnell fest, dass ich mich, momentan, nicht in der Lage sehe, ihn auch wirklich zu schreiben.

Unbefriedigend.

Aber ich schreibe. Das ist die positive Nachricht. Und „wir“ hatten uns ja hier schon mal darauf geeinigt, dass es in Ordnung ist, wenn ich Prioritäten setze. Die liegen im Moment auf meiner täglichen Dosis meines aktuellen Romanprojekts.

Ich habe mir vorgenommen, dass ich an jedem Tag, an dem ich arbeiten gehe, wenigstens 500 Wörter schreibe. Das ist in etwa 20 Minuten erledigt und damit eigentlich immer einzuschieben. An Tagen, an denen ich frei habe, sollen es 1.000 Wörter sein. Bis jetzt, das sind knapp zwei Wochen, klappt das auf diese Weise ziemlich gut.

Aber irgendwie fühle ich mich danach auch leer geschrieben. Ich schreibe die 500 Wörter und merke richtig, wie der Schreibmuskel abschlafft. Als ob er überanstrengt worden sei. Aber davon kann in letzter Zeit nun wirklich keine Rede sein.

Nun gut, ich muss mit dem leben, was ich im Moment zustande bringe. Aber so ein kleines Jammern zwischendurch, sei mir dann doch vielleicht erlaubt 😉 .

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Wie die Zeit (in Romanen) vergeht

Ein Roman führt seine Protagonisten von einem Punkt A zu einem Punkt B. Jedenfalls dann, wenn er sich so versteht, dass er die Reise einer Hauptfigur oder einer Gruppe von Hauptfiguren verfolgt. Die meisten Romane tun das. Und damit müssen sich auch die meisten Autoren damit auseinander setzen, wie sie diese Zeitabläufe, die sich daraus ergeben, im Roman darstellen wollen.

Denn nicht jede Handlung lässt sich in einem eng gesteckten Rahmen erzählen. Manche Geschichten spannen sich über Jahre, gar Jahrzehnte. Es gibt einige hervorragende Romane, die das gesamte Leben ihrer Hauptperson begleiten und diese zu verschiedenen einschneidenden Phasen dieses Lebens zeigen.

Andere Romane komprimieren ihr Geschehen auf einen eher überschaubaren Zeitstrahl. Das gilt, zum Beispiel, für viele Krimis und Thriller, in denen es oft eine direkte Bedrohung oder eine direkte Gefährdungslage gibt, welche es für die Handelnden nötig macht, einzugreifen und möglichst schnell zur Tat zu schreiten.

Aus dieser Verdichtung lässt sich Spannung erzeugen, denn wenn etwa das Leben einer Geisel auf dem Spiel steht, dann fiebert man mit hoher Aufmerksamkeit dem Moment entgegen, in dem der Ermittler den entscheidenden Schritt macht, um diese vielleicht doch noch den Fängen des Verbrechers zu entreißen. Hierfür ließen sich wirklich unendlich viele Beispiele aufführen.

Und dennoch ist das, was beim Lesen so leicht wirkt, eine gar nicht so einfache Disziplin, wie ich finde. Ich tue mich regelmäßig schwer damit, den richtigen Ton zu treffen, um einen kleineren oder größeren Zeitsprung einzufügen. Gerade dann, wenn ich zuvor über einen langen Zeitraum hinweg die Geschehnisse praktisch in Echtzeit geschildert habe.

In meinem aktuellen Romanprojekt „Das Kind“ ist es etwa so, dass die ersten acht Kapitel sich über einen Zeitraum von gerade einmal zwei Tagen erstrecken. Die kleinen Zeitsprünge, die es gibt, ergeben sich durch die notwendigen Ruhepausen, die meine Figuren einlegen. Also im Prinzip, indem sie einige Stunden verschlafen.

Ich brauche diese recht lange Wegstrecke, um das Setting für den weiteren Roman aufzubauen. Es wäre einfach nicht logisch, wenn sich zu diesem Zeitpunkt, an dem gerade der gerettete jüdische Junge in die Familie gekommen ist, mehrere Wochen vergehen würden, in denen praktisch nichts passiert.

Jetzt aber bin ich an dem Punkt, an dem ein solcher Zeitsprung nicht nur möglich, sondern sogar angeraten ist. Die Handlung, die ich mir zurechtgelegt habe, macht es nötig, einige Wochen zu überspringen. In dieser Zeit passiert natürlich trotzdem einiges, aber es ist nicht im Detail von Interesse.

Für mich fühlt es sich dennoch komisch an, auf einmal längere Zeiträume mit verhältnismäßig wenigen Worten zu überbrücken. Ein Grund dafür ist, dass ich eine sehr nahe Erzählperspektive gewählt habe und, wenn ich wollte, jeden Gedanken meines Protagonisten protokollieren könnte. Und von denen wird er sich, zwangsläufig, einige machen in der Zeit, die ich nicht schildern möchte.

Man muss sich in seine Situation versetzen: Er nimmt ein großes Risiko nicht nur für sich, sondern auch für seine ganze Familie auf sich. Wenn es mir so ginge, dann würde ich wahrscheinlich den halben Tag mit Grübeleien verbringen.

Aber hier muss man als Autor den Cut machen und sich überlegen, ob diese Gedanken und Grübelphasen die Handlung wirklich vorwärts bringen. Und wenn das verneint werden kann, dann lässt man sie einfach weg. Ein Luxus, den wir im echten Leben nicht haben, wenn wir über Dinge nachgrübeln. Denn auch dort bringt es uns ja meistens nicht vom Fleck – das aber nur am Rande.

Im Film kann sich der Regisseur die Sache mit den Zeitsprüngen einfach machen: Er fügt einfach eine dieser berühmten Einblendungen zu, dass wir uns jetzt zwei Jahre später befinden. Und wenn sein Zeitsprung länger ausfällt, dann greift er auf einen begabten Maskenbildner oder gleich einen anderen Schauspieler zurück, um zu verdeutlichen, dass viel Zeit vergangen ist.

Prinzipiell kann man natürlich in einem Roman auch so vorgehen, keine Frage. Ich würde es aber eher als ein etwas grobschlächtiges Vorgehen ansehen.

Und so bin ich so schlau, als wie zuvor. Für den Moment behelfe ich mich mit einer kurzen Zusammenfassung der übersprungenen Wochen zu Beginn des aktuellen Kapitels. Ob mir das für die spätere Endfassung immer noch so gefällt, oder ob ich mir doch noch etwas besseres einfallen lasse, kann ich gerade noch nicht einschätzen. Bisher haben sich die meisten meiner Romane tatsächlich innerhalb weniger Tage abgespielt. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern mehr dem Genre, in dem sie sich abspielen, geschuldet.

Mich würde interessieren, wie ihr es handhabt, falls ihr selber schon Geschichten mit kleineren oder größeren Zeitsprüngen geschrieben habt. Oder kennt ihr besonders gelungene Beispiele, in denen der Zeitwechsel nicht so wirkt, als sei er mit der Brechstange künstlich eingefügt oder dem Autor sei einfach nichts eingefallen, was er für diesen Zeitraum hätte erzählen können?

Verratet es mir doch gerne in den Kommentaren! 🙂

Vom Respekt gegenüber den Menschen im Holocaust

Deutschland und vor allem die deutsche Musikindustrie hat in den vergangenen Wochen ja eine lautstarke Diskussion über Respekt im Umgang mit dem Gedenken an die Opfer des Holocaust geführt. Auslöser war, ihr werdet es rückwärts pfeifen können, aber der Vollständigkeit halber will ich es erwähnen, die Verleihung des „Echo“ an die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang, auf deren Album sich in einem Lied Zeilen finden lassen, die eben diesen Respekt vermissen lassen.

Nun, in der Zwischenzeit ist der „Echo“ Geschichte, hat so ziemlich jeder im Musikbusiness seinen Wortbeitrag geleistet und ist die ganze Sache ein klein wenig aus den täglichen Nachrichten verschwunden. Aus meiner Sicht der richtige Zeitpunkt, das zu schreiben, was ich zu diesem Thema schreiben möchte. Denn mir geht es nicht um die beiden Rapper, mir geht es nicht um ihr Lied. Es geht mir um den Respekt im Allgemeinen.

Wir leben in Zeiten, in denen sich die alte Frage, wie viel Respekt und wie viel Erinnerungskultur wir dem Thema Holocaust, aber auch allgemein der Verfolgung von Bevölkerungsgruppen wie Sinti und Roma, Homosexuellen oder auch Zeugen Jehovas entgegenbringen sollen, auf eine Weise wieder stellt, wie sie es vielleicht seit den achtziger Jahren nicht getan hat.

Durch den Einzug der AfD in viele Parlamente und Strömungen, die es zumindest in Teilen dieser Partei gibt, durch das Erstarken von rechtspopulistischen Gedanken und, auf die Literatur bezogen, durch die Tätigkeit von einschlägigen Verlagen ist das Thema wieder in unserem Alltag angekommen.

Das macht es für einen einfachen kleinen Autoren wie mich nicht einfacher. Denn einerseits bin ich selber sehr sensibilisiert dafür, wie man „richtig“ mit diesem Teil unserer Geschichte umgeht, andererseits möchte ich auch den Menschen, die damals gelebt haben und gestorben sind, die gekämpft und gelitten haben, nicht noch mehr von jenem Unrecht angedeihen lassen, das ihnen heute manchmal getan wird. Bewusst oder unbewusst.

Ich schreibe ja, wie ihr wisst, an einem Roman, der im Jahr 1942 im besetzten Polen spielt. Eine meiner Figuren ist ein jüdischer Junge, der durch das beherzte Tun seiner Eltern aus einem der Todeszüge von Warschau nach Treblinka gerettet wird. Sofern es eine Rettung ist, einsam und verloren mitten in einem polnischen Wald zu sitzen, dem Erfrieren nahe. Doch – gemessen an dem, was ihn am Bestimmungsort seiner Reise erwartet hätte, ist es zumindest ein Aufschub. Und, weil es ja nun einmal eine Geschichte ist, wird er ja auch von meinem Protagonisten aufgefunden und zu sich genommen.

Für mich bedeutet Respekt zum Beispiel, dass ich nicht versuche, die Figuren der Eltern des Jungen darzustellen wie tatenlose Opfer. Denn das ist nicht, was sie gewesen sind – das ist das, zu was sie gemacht wurden. Indem man ihnen ihre Hoffnung nahm, ihr Zuhause und am Ende ihr Leben, hat man sie zu Opfern gemacht.

Dabei waren sie – und in meinem Roman sind sie es – Menschen!

Das ist etwas, was mir in der Diskussion, die in der letzten Zeit geführt wurde, ein wenig zu kurz gekommen ist. Die Auseinandersetzung damit, dass wir hier nicht von anonymen „Auschwitzinsassen“ reden, wie es in dem Liedtext der Fall ist. Nein, diese „Insassen“ waren Menschen. Menschen aus allen Bevölkerungsschichten und mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Menschen, die man zu Opfern gemacht hat. Indem man sie hergenommen und ganz langsam all ihrer Menschlichkeit beraubt hat.

Ich lese gerade das Buch „Auschwitz. Zeugnisse und Berichte“, das in seiner ersten Auflage bereits 1962 erschien. In dieser Sammlung haben die Herausgeber H.G. Adler, Hermann Langbein und Ella Lingens-Reiner versucht, durch die Stimmen der Überlebenden ein differenziertes Bild vom Lagerleben zu zeigen. Ein Buch, das betroffen macht. Ein Buch, das berührt. Aber eben auch ein Buch, das aufzeigt, dass nicht jeder Mensch von Anfang an zum Opfer bestimmt war.

Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, der als Begriff oft stellvertretend für alle Gräuel in den Konzentrationslagern gebraucht wird, ist für die Kunst immer ein Balanceakt. Zu leicht gleitet man in den Bereich der puren Exploitation ab. Etwas, vor dem nicht einmal die ganz Großen gefeit sind – oder als gefeit angesehen werden. Man erinnere sich, wie viel Skepsis Steven Spielberg entgegengebracht wurde, als bekannt wurde, dass er „Schindlers Liste“ dreht. Der Kerl mit den Dinos und dem Typ mit dem Hut sollte ein ernsthaftes Drama über die Judenvernichtung drehen!?

Wir wissen, was daraus geworden ist.

Nun bin ich kein Spielberg. Werde auch nie einer sein. Aber ich versuche, mich meiner Handlung und meinen Personen ebenso würdig zu nähern. Weil ich nicht „08/15“ sein will.

Das macht es manchmal schwierig, überhaupt an dem Manuskript zu arbeiten. Denn es ist das eine, schlechten Text zu produzieren. Aber es ist etwas ganz anderes, respektlos zu sein. Für mich jedenfalls ist das ein ganz gewaltiger Unterschied. Deswegen geht es im Moment recht langsam weiter, was den reinen Text anbelangt. Aber in mir arbeitet es – und das ist gerade für diese Geschichte ebenso wichtig, glaube ich.

Ich wünsche mir im Allgemeinen, dass wir als Gesellschaft – und da schließe ich sie alle mit ein, die Musiker, die Politiker, die Verleger, nicht zuletzt die Lehrer in den Schulen – dahin kommen, die Verantwortung, die wir haben, wahrzunehmen. Ich spreche nicht davon, dass wir, die wir in der Mehrzahl inzwischen nach dem Krieg geboren wurden, die Schuld auf uns nehmen. Aber wir haben eine Verantwortung dafür, dass wir insbesondere diesen Teil unserer Geschichte mit Respekt für die Menschen gestalten. Dass wir begreifen, dass dieser Respekt notwendig ist. Auch heute noch. Gerade heute noch!

Das wird jemanden, der behauptet, in Auschwitz habe es nie Gaskammern gegeben, nicht bekehren. Soll es auch nicht. Aber wenn dadurch auch nur ein einziger junger Mensch ins Nachdenken gerät, was das eigentlich ist, so ein „Auschwitzinsasse“ und wie er war, bevor er zu einer Nummer auf einer Todesliste geworden ist, dann ist schon viel erreicht.

Mein Roman, wenn er denn irgendwann fertig ist, wird da vielleicht nicht viel ausrichten können. Er soll am Ende unterhalten, nicht belehren. Sonst müsste ich ein Sachbuch schreiben. Aber das hält mich nicht davon ab, Respekt zu haben, Respekt zu zeigen und auch Respekt einzufordern.

Weil ich über Menschen schreibe, die es zwar in der Realität nie gegeben hat, die aber so oder so ähnlich zumindest denkbar gewesen wären.

Warum schlechter Text dich weiterbringt: Das ist meine Begründung

Von Stephen King stammt die Autorenweisheit, dass man bei geschlossener Tür schreiben und bei geöffneter Tür überarbeiten soll. Damit meint er nichts anderes, als dass man sich während des Schreibprozesses auf sich selbst, auf seinen Text, auf seine Arbeit konzentrieren soll. Jede Störung von außen ist zu diesem Zeitpunkt genau das: Eine Störung, die den Arbeitsprozess negativ beeinflussen könnte. Oder positiv. Aber auf jeden Fall eine Beeinflussung.

King zielt mit diesem Ausspruch vor allem auf externe Einflüsse ab, etwa, indem man einen Text, an dem man arbeitet, einem Leser zur Begutachtung gibt. Oder, indem man einen Textteil schon einmal an einen Textprofi gibt.

Aber wie steht es eigentlich mit den inneren Einflüssen? Nun, das ist etwas, mit dem verschiedene Autoren ganz unterschiedlich umgehen.

Ich gehöre zu den Schreibern, die sich während des Schreibprozesses nicht zu sehr mit dem auseinandersetzen, was sie bis jetzt geschrieben haben. Von anderen Autoren weiß ich, dass sie sich, als Beispiel, vor dem Beginn der Arbeit die letzte Seite durchlesen, die sie am Tag zuvor geschrieben haben. Sie brauchen das, um wieder rein zu kommen in ihren Text.

Einige fangen sogar während dieses Schrittes schon an, den Text zu redigieren. Wenn ihnen etwas auffällt, dann verbessern sie es. Sie machen damit schon eine Teilüberarbeitung.

Mich würde das, gelinde gesagt, wahnsinnig machen. Außerdem bin ich der Ansicht, dass auch schlechter Text durchaus in der Lage ist, einen in der persönlichen Entwicklung weiter zu bringen.

Nehmen wir ein aktuelles Beispiel. Ich schreibe ja an einem Roman über das Schicksal eines Kindes zur Zeit der Judenverfolgung im vom Deutschen Reich besetzten Polen. Dieser Roman ist auf seine Art ein wenig speziell, weil ich zwar versuche, eine tatsächliche Handlung voranzutreiben (es wird also kein Drama), aber gleichzeitig sicherstellen möchte, dass ich nicht zu „flach“ werde in Sprache wie in Geschichte.

Das gelingt mir an manchen Tagen recht gut. Und dann gibt es Tage wie gestern, an denen ich schon während des Schreibens merke, dass irgendwas nicht so richtig stimmt. Lasst mich euch einen Textauszug zeigen:

Frantisek schaut sich Oleg von oben bis unten an, dann sieht er wieder zu Tomasz.
»Ich will so einen nicht in meiner Nähe haben.«
»Er ist ja nicht in deiner Nähe. Er ist bei mir im Haus.«
»Das direkt gegenüber liegt. Ich will den nicht hier haben«, wiederholt Frantisek.
»Hast wohl Angst, dass ich die Luft verpeste, oder was? Soll ich mal rüberkommen und dich anhauchen? Würde dir das gefallen?«
Oleg macht Anstalten, zu Frantisek zu laufen, aber Tomasz hält ihn davon ab: »Wir wollen keinen Ärger haben.«
»Ich hab keinen Ärger«, sagt der Alte. »Ich habe Spaß. Und ich habe Hunger. Wann gibt es jetzt endlich Frühstück?«

Zwei der drei Männer, die da auf der Straße stehen, sind dem Leser zu diesem Zeitpunkt schon gut bekannt. Tomasz ist derjenige, der den kleinen jüdischen Jungen im Wald aufgelesen und mitgenommen hat. Oleg, der vermeintliche Dorftrottel mit tragischer Vergangenheit, erweist sich als wertvolle Hilfe im Existenzkampf der kleinen Familie.

Der Nachbar Frantisek hat hier seinen ersten Auftritt. Seine Rolle im Roman ist mir noch nicht ganz klar, aber ich weiß, dass ich die Nachbarn nicht außen vor lassen kann, aus verschiedenen Gründen.

Schon während ich diesen kurzen Auszug schrieb (der Gesamtdialog ist noch ein wenig länger) wurde ich unzufrieden mit der Art, in der sich Frantisek verhält. Er agiert zu eindimensional, indem er Oleg, den er für eine Bedrohung seiner bürgerlichen Ordnung hält, direkt und, sagen wir, wie es ist, platt angreift. Dieser wiederum reagiert auf ähnliche Weise und schon habe ich einen Dialog, in dem sich zwei Männer, die sich vorher vielleicht höchstens vom Sehen kannten, gegenseitig anzicken.

Die Handlung des Romans wird dadurch nicht vorangebracht, ganz im Gegenteil, ich nehme mir vielleicht Optionen, die ich später in Bezug auf die Nachbarschaft zwischen Tomasz und Frantisek gewinnbringender einbauen könnte.

Wie gesagt, das Störgefühl hatte ich schon, als ich die Passage schrieb und dennoch befindet sie sich so in meinem Manuskript. Und wieso? Weil ich denke, dass es gerade auch die schlechten Textteile sind, die uns in unserer Arbeit weiterbringen können.

Text, den wir für gut befinden, schauen wir uns gerne immer mal wieder an. Jeder von euch, der selber schon mal geschrieben hat, wird es kennen, dass er sich besonders gelungene Passagen seines Werks gerne wieder durchliest und sich darüber freut, wie gut das doch gelungen ist.

Aber aus dieser Betrachtung, die nur zu schnell oberflächlich wird, kann man nichts lernen. Ich habe es versucht, glaubt mir, aber außer „boah, ist das gut“ bleibt einfach nicht viel im Gedächtnis.

Dagegen kann ich Passagen in meinen Romanen, bei denen ich (inzwischen) sehe, dass etwas nicht stimmt, auf eine Art und Weise betrachten, die mich weiter bringt. Auch wenn ich einräume, dass ich erst einige Erfahrungen sammeln musste, sei es durch Testleser, sei es durch das Lektorat, sei es durch das Schreiben an sich, um diese Stolpersteine in etwas gewinnbringendes umwandeln zu können.

Wenn ich mir diese Textstellen noch einmal durchlese, spätestens in der Überarbeitung, dann habe ich meist schon genaue Vorstellungen davon, wie ich sie anpassen muss. Und zwar, weil ich sie anpassen muss, da ich, inspiriert durch das schlechte Gefühl, das ich beim Schreiben hatte, zukünftige Stellen anders, ich denke besser, angehen kann.

Natürlich ergeben sich dadurch mögliche Inkonsistenzen. Aber ich behaupte, dass die sich sowieso ergeben. Zumindest dann, wenn man nicht alles von vornherein minutiös durchplant. Aber meine Einstellung dazu kennt ihr ja inzwischen 😉 .

Bezogen auf den oben gezeigten Ausschnitt bedeutet das soviel, dass ich mir nun, wo ich ein Problem erkannt habe, Gedanken dazu machen kann, wie ich meinen Nachbarn Frantisek eigentlich haben will. Bestenfalls dient dies dazu, ihn als Charakter, oder zumindest als Plotpunkt, greifbarer und dadurch auch besser zu machen.

Ja, meine drei Figuren werden sich immer noch auf der Straße getroffen haben. Aber die Tatsache als solche ist ja nicht das Problem. Ihr Zusammenspiel ist es. Und das kann im Zuge der Überarbeitung, wenn ich viel genauer weiß, wie sich das alles und die drei zueinander eigentlich verhalten, entscheidend verbessert werden.

Wenn ich den Text jetzt sofort löschen würde, dann könnte ich mich schlimmstenfalls hinterher nicht mehr daran erinnern, was genau mich eigentlich gestört hat. Klar, ich könnte es notieren oder den betreffenden Text sogar separat abspeichern, aber das wäre – für mich – nicht dasselbe.

Auf diese Weise bringt auch schlechter Text mich weiter. Auf eine verquere Art vielleicht sogar eher, als guter Text es könnte. Obwohl wir letztlich doch alle nach Perfektion streben. Kann es einen schöneren Widerspruch in sich geben?

Der Sonntagsreport vom 22.04.2018 – Viel passiert gerade nicht

Guten Abend zusammen!

Ich denke, dass ihr mir in Bezug auf die Überschrift über den heutigen Beitrag alle zustimmen werdet. Viel passiert auf diesem Blog im Moment wirklich nicht. Das hat bestimmte Gründe, die sich wiederum in meiner Motivation niederschlagen. Aber das soll euch nicht behelligen. Mich behelligt es auch nur mal so und mal so und insofern ist es schon okay.

Ich muss meine Energie gerade ein wenig einteilen, glaube ich. Wo es in der Vergangenheit häufig genug gereicht hat, einen Blogeintrag und gleichzeitig noch an meinem Romanmanuskript zu schreiben, ist es im Moment wieder einmal eine entweder/oder-Geschichte. Und da gewinnt zumeist das Manuskript.

Was jetzt nicht bedeutet, dass ich da die ganz großen Sprünge machen würde. Aber seit ich mich mit meinem Plot auseinandergesetzt und diesen inzwischen richtig lieb gewonnen habe, läuft es doch ganz gut. Hier mal tausend Wörter, dort man zweitausend, dann auch mal wieder „nur“ 600. Hauptsache, es läuft, denke ich mal.

Und ansonsten gibt es halt nicht so viel zu erzählen. „Der Beobachter und der Turm“ liegt bei einer weiteren Literaturagentur auf dem Bewerbungsstapel. Glaubt es, oder glaubt es nicht, ich habe es immer noch nicht geschafft, mir das Video zur Lesung bei 9lesen anzuschauen. Das war in den letzten zwei Wochen irgendwie so gar nicht drin. Aber irgendwann vor der nächsten Lesung, die es sicher irgendwann geben wird (vielleicht schaffe ich ja schon Frankfurt?) schaue ich sie mir an. Alleine schon, um daraus zu lernen.

Viel mehr kann ich euch zum Thema Schreiben auch nicht berichten.

Ansonsten versuche ich, halbwegs gut durch die Tage zu kommen. Das Wetter mit seinen Kapriolen macht es mir da nicht immer ganz leicht. An einigen Tagen der letzten Zeit habe ich einfach nur in den Seilen gehangen und bin dann auch mal früh ins Bett gegangen. Gut für den Kopf, schlecht für die Hobbies. Aber jetzt soll die Hitzewelle ja auch erst einmal wieder vorbei sein.

Heute habe ich übrigens zum zweiten Mal den Film „Es“, also die Neuverfilmung, gesehen. Gefällt mir wirklich gut, auch wenn er mit den Motiven des Buchs eher frei umgeht. Die Kunst liegt aber darin, dass es nicht störend oder gar negativ auffällt. Erst wenn man gezielt drauf achtet oder die Handlungen im Vergleich Revue passieren lässt, wird es sehr deutlich. Das tut man, oder tue ich, aber erst nach dem Film. Während er läuft ist die Handlung so rasant und sind die Schocks so gut gesetzt, dass man einfach mitgerissen wird.

Der Film hat seine Schwachpunkte. So kommen einige der sieben „Verlierer“ viel zu wenig zur Geltung. Der „Endkampf“ ist schlicht und ergreifend eine Enttäuschung. Aber die Stärken überwiegen. Und auch bei der Zweitsichtung bin ich der Ansicht, dass wir von der Darstellerin der Beverly Marsh, Sophia Lillis, noch hören werden – oder wenigstens sollten. Ich bin auf den zweiten Teil gespannt, aber der lässt ja noch ein wenig auf sich warten.

Dann habe ich in den letzten Tagen und Wochen einen Ohrwurm, den ich noch gerne mit euch teilen möchte. Es handelt sich um das Lied „World of Promises“ der österreichischen Band mind.in.a.box.

Diese erzählen nun schon über mehrere Alben hinweg eine fortlaufende Geschichte, die unter anderem an Versatzstücke von „1984“ oder auch „Matrix“ erinnert. Konzeptalbum reiht sich also an Konzeptalbum. Der Vocoder-Gesang ist sicherlich nicht jedermanns Sache, aber ich finde, dass gerade durch diesen Technikeinsatz eine enorme Atmosphäre und auch Gefühle transportiert werden, was bei einem klaren Gesang so nicht der Fall wäre:

Und last, but not least, möchte ich euch an dieser Stelle darauf hinweisen, dass auch ich mich mit dem momentanen Schreckgespenst der Netzgemeinde, der Datenschutzgrundverordnung, auseinandersetzen musste und zumindest meine Datenschutzerklärung entsprechend angepasst habe. Ihr findet sie über das Menü oben oder hier.

Gut, ihr Lieben, damit entlasse ich euch in den Sonntagabend. Ich wünsche euch einen guten Start in die kommende Woche. Passt auf euch auf und achtet darauf, dass die schönen Dinge in eurem Leben überwiegen.

Euer Michael

Wenn man nicht mehr weiß, wie der eigene Roman enden soll

Wenn man nicht mehr weiß, wie der eigene Roman enden soll – dann hat man ein ziemliches Problem. Denn selbst dann, wenn man, so wie ich, ein beinharter Discovery Writer ist, der eigentlich am liebsten vollkommen frei an die Arbeit geht und dann mal schaut, wohin sie einen so führt, sollte man doch zumindest eine vage Idee davon haben, wo denn der Endpunkt sein soll.

Eine Geschichte braucht einen fixen Anfang und sie braucht ein fixes Ende. Sie kann nicht einfach so ausfasern. Denn wenn sie das täte, dann würde sie nichts als enttäuschte Gesichter zurücklassen. Sowohl auf Autorenseite als vor allem auch auf Leserseite.

Tja. Dumm nur, dass ich mich genau in dieser Falle plötzlich gefangen sah.

Ihr erinnert euch vielleicht noch an mein Projekt „Das Kind“, das eigentlich mal eine Kurzgeschichte werden sollte und sich dann so langsam, aber sicher, auf den Weg zum Roman machte. Eine Entwicklung, die ich auf der einen Seite begrüßte, die mich auf der anderen Seite aber vor die Probleme stellte, von denen ich hier sprechen möchte.

Als die Geschichte, mit deren Titel ich im Übrigen zunehmend unzufriedener werde, ihren Anfang in meinen Gedanken nahm, bestand sie aus exakt fünf Szenen. Fünf Szenen, die vollständig ausdefiniert waren, die auch einen plausiblen Handlungsbogen ergaben. Und fünf Szenen, die sich irgendwann nicht mehr richtig, nicht mehr ausreichend, nicht mehr angemessen anfühlten.

Ich tappte in die Falle, die manch Plotter jedem Discovery Writer weissagt: Ich verlief mich in meiner eigenen Geschichte und sah nicht mehr den Weg, der mich aus dem gefühlten Labyrinth herausbringen konnte.

Die Kurzgeschichte sollte ein Ende haben, wie es für eine Kurzgeschichte üblich ist und auch funktioniert. Hart, dreckig, ein Downer. Plausibel beschrieben und durchgetaktet. Schließlich hatten wir ja auch noch keine besondere Gelegenheit, uns an die handelnden Personen zu gewöhnen. Da kann man das schon mal so machen.

Aber so langsam habe ich mich an meine Personen gewöhnt! Und das brachte mit sich, dass ich mir auf einmal nicht mehr so sicher war, ob das Ende in dieser Form denn jetzt funktionieren kann (würde es) und ob ich es überhaupt noch so will (wusste ich nicht).

Und das hat mich blockiert. Nachdem ich zwischendurch einen Zwischensprint eingelegt hatte, kam die Arbeit an dem Roman für einen kompletten Monat zum Erliegen. Ich wusste zwar noch, wie die Szene, an der ich gerade arbeitete, weitergehen sollte, aber wohin das alles führen sollte, lag komplett im Nebel.

Die Sorte Nebel, durch die man nur hindurchsteuern kann, wenn man ein starkes Leuchtfeuer und das eine oder andere Nebelhorn in seiner Nähe hat.

Aber weder das eine, noch das andere, wollte sich einstellen. Ich war kurz davor, die Sache einfach dran zu geben und mich mit irgendwas anderem zu beschäftigen. Aber der Gedanke wurmte mich wahnsinnig. Ich sitze inzwischen auf nicht weniger als vier unvollendeten Manuskripten. Und das Letzte, was ich gebrauchen konnte, war, mich auf ein weiteres Projekt zu stürzen, das dann diesen Stapel noch erhöhen würde.

Denn das ist die Falle, in die man nur zu leicht gerät, wenn man sich erst einmal für diesen, nur vermeintlich, einfachen Weg entschieden hat. Man fängt Dinge an, schreibt an ihnen, bis es zum ersten Mal Probleme gibt, kaut ein wenig darauf herum und legt sie dann zur Seite, weil ein neues Projekt „einfacher“ zu sein verspricht.

Auf diese Weise habe ich mit Sicherheit schon an die zehn Romananfänge kaputt gemacht. Der Unterschied ist nur: Inzwischen bin ich viele Jahre älter und eigentlich weiß ich um die Prozesse, die da ablaufen und dass man ihnen nicht nachgeben soll und darf. Deswegen kam diese „Lösung“ auch nicht infrage.

Aber was dann?

In meiner Not habe ich etwas getan, was ich bis jetzt nur sehr, sehr selten getan habe: Ich habe mich hingesetzt und habe mir überlegt, was für Szenen ich bis jetzt gedanklich vorgesehen hatte und wo sie mich und meine Handlung hinbringen würden.

Und dann geschah das Unglaubliche. Ich schrieb eine Szene in Stichworten auf – und sofort reihte meine Vorstellungskraft eine nächste dahinter. Dann fiel mir wieder etwas ein, was ich über einen meiner Protagonisten wusste und hatte eine weitere Szene. Damit ich aber dorthin kommen konnte, musste dieses und jenes passieren. Und das wiederum führte zu etwas ganz, ganz anderem, an das ich bis jetzt noch gar nicht gedacht hatte.

Jetzt werden die Plotter befriedigt die Arme verschränken und sagen: „Siehst du, haben wir dir doch gleich gesagt, dass es mit Plotten viel einfacher geht.“

Nun, wer bin ich, um euch zu widersprechen? Aber das, was ich gemacht habe, kann man nur schwerlich plotten nennen. Denn damit würde ich diesem Konzept Unrecht tun. Was ich getan habe, ist eine Szenenfolge aufzustellen. Und diese Folge von Szenen führt mich am Ende – zu einem Ende.

Und jetzt weiß ich wieder, wie mein Roman enden soll. Und ich weiß, was auf dem Weg dorthin passieren soll. Ich habe ein Gerüst, mit dem ich arbeiten kann, das mir aber gleichzeitig noch genügend Freiheiten lässt, um mich auszutoben.

Jetzt muss ich das Ding nur noch schreiben. Und wisst ihr was? Ich habe richtig Lust darauf! Und einen Titel, der mir besser gefällt – und der besser passt – als „Das Kind“, den finde ich auch noch. Ihr werdet es mitbekommen.

Wenn Geschichten sich weiterentwickeln

Neulich unterhielt ich mich mit Julia von Rein-Hrubesch, ihres Zeichens ebenfalls Autorin und Mitstreiterin in Sachen #9lesen. Es ging darum, wie Geschichten sich entwickeln und wie manche Geschichten sich eben von ihrer ursprünglichen Form in etwas anderes weiterentwickeln.

Ich habe über dieses Gespräch in den letzten Tagen, aus gegebenem Anlass, viel nachgedacht. Der Anlass sind mein unerwarteter Kreativitätsschub und die Folgen, die daraus erwachsen.

Wie ihr wisst, arbeite ich bereits seit längerem an einer Geschichte, in der es um ein Kind geht, das von seinen Eltern vor der Judendeportation aus dem Warschauer Ghetto gerettet worden ist. Ich hatte die Geschichte komplett aus einem Traum übernommen und, ganz gegen meine Gewohnheit, direkt eine Szenenfolge festgelegt. Fünf einfache Szenen, danach Abschluss und Ende. Eine Kurzgeschichte eben.

Im Normalfall schreibe ich meine Kurzgeschichten schnell, jedenfalls im ersten Entwurf. Deswegen war es schon eine Ausnahme, dass diese hier sich so langsam entwickelte und partout nicht fertig werden wollte. Ich schob es darauf, dass das Thema ein eher schwieriges ist. Diese Annahme verringerte das Gefühl, irgendetwas falsch zu machen.

Doch dann kam es zu einer langen Pause, in der ich die Geschichte gar nicht anfasste. Zurückblickend kann ich allerdings jetzt festhalten, dass ich eigentlich überhaupt nichts wirklich anfasste. Meine Kreativität kam zum Erliegen.

Als sie nun, im Zuge der letzten Ereignisse, langsam wieder aus ihrem Winterschlaf erwachte, stand für mich fest, dass ich mich nun zunächst um „Das Kind“ kümmern wollte. Und so fing ich an, weiterzuschreiben.

Leser, die hier schon länger mit dabei sind, werden ahnen, was passiert ist.

Die Geschichte wird länger und länger. An Stelle der kurzen Szenen sind nun längere getreten, die sich mehr Zeit für die Charaktere und das Setting des Jahres 1942 nehmen. Neue Charaktere wurden eingeführt, die sich aufgrund des geänderten Handlungsverlaufs einfach aufdrängten.

Und das bringt mich zu der Eingangs angesprochenen Weiterentwicklung: Inzwischen bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich die Geschichte, wie sie ursprünglich geplant war, eigentlich gar nicht mehr schreiben möchte. Meine Ursprungsidee war kurz, sie war grob, sie war düster. Aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich es grob und düster haben möchte.

Man könnte auch sagen, dass mir meine Charaktere, durch die Evolution, die sie gerade durchmachen, einfach zu nahe gehen, als dass ich sie eiskalt einem vorgeplanten Storybogen unterwerfen könnte, hinter dem ich auch nicht mehr vorbehaltlos stehe.

Julia schrieb zu diesem Phänomen: »Das ist toll! Die Geschichte ist eben gewachsen.«

Ja, das ist sie. Und damit komme ich wieder einmal in das Dilemma, dass ich nicht genau sagen kann, was das eigentlich ist, was ich da schreibe. Eine Kurzgeschichte ist es mit inzwischen fast 30.000 Wörtern jedenfalls nicht mehr. Wird es eine Novelle? Ein Kurzroman? Doch sogar ein „richtiger“ Roman?

Ich weiß, was an dieser Entwicklung nicht toll ist. Es ist die Sorge, dass mir das Projekt schließlich wieder unter den Händen wegsterben könnte, weil ich orientierungslos von einer Seite zur nächsten stolpere.

Momentan gibt es auf der anderen Seite aber auch nicht den kleinsten Anhaltspunkt, dass das passieren könnte. Stattdessen reiht sich gerade wieder Idee an Idee, Szene an Szene. Das einzige, was den Eindruck ein wenig trübt, ist der Fakt, dass ich nicht genau weiß, wann und wie ich die Geschichte enden lassen soll. Aber das ist wohl zu erwarten, wenn man mal eben das komplette Konstrukt samt geplantem Ende über den Haufen wirft.

Ein Teil von mir ist es dennoch gewohnt, sich schlecht damit zu fühlen, dass er das eigene Vorhaben nicht hat umsetzen können. Und er greift zu einem sehr perfiden Mittel, um mich das spüren zu lassen. Er stellt mir nämlich in einem fort die Frage, was ich eigentlich genau mit der Geschichte vorhabe, wenn sie denn irgendwann einmal fertig ist.

Tja, das ist eine gute Frage.

Ich habe mir ja vor einiger Zeit quasi geschworen, dass ich nie mehr für die Schublade schreiben möchte. Aber heißt das auf der anderen Seite, dass ich alles, was ich schreibe, auf Teufel komm raus direkt in irgendeiner Form verwerten muss?

Ich denke, dass genau hier ein weiterer Grund dafür begraben liegt, dass meine Kreativität zwischendurch so einschlafen konnte. Das Gefühl, mit dem, was ich schreibe, unbedingt etwas – womöglich auch noch gewinnbringendes – anstellen zu müssen.

In einem einfachen Satz formuliert heißt das nichts anderes, als dass ich mir selber massiven Druck mache. Oder gemacht habe.

Die meisten meiner Romane habe ich geschrieben, ohne ein konkretes Ziel mit ihren zu verfolgen. Ich habe sie geschrieben, weil sie einfach an der Reihe waren und auf die Welt gebracht werden wollten. Viele Kurzgeschichten schreibe ich einfach aus Spaß an der Freude, um sie hier im Blog zu veröffentlichen.

Aber je mehr man sich unter Autoren bewegt, desto mehr beginnt alles, auf einen abzufärben. Und dazu gehört auch dieser Drang, vorrangig mit dem Ziel der Veröffentlichung zu schreiben.

Ich will den Drang gar nicht schlecht machen, denn er ist es, der in manchen Punkten den Antrieb setzt für das, was ich tue. Ansonsten hätte ich nie einen Text von mir überarbeitet und schon gar nicht versucht, ihn für eine Veröffentlichung zu platzieren. Aber das kam immer im Nachgang, wenn die Geschichte schon geschrieben war.

Und so weit bin ich eben diesmal noch nicht.

Ich muss also für mich feststellen, dass meine Geschichte sich weiterentwickelt hat. Damit sprengt sie den ursprünglichen Rahmen und die zumindest vage Idee, was ich mit ihr anfangen wollte. Das führt zu einer Anzahl an Fragezeichen, die zuerst blockierend gewirkt haben. Der Kreativitätsschub hat mich aus dieser Blockade geführt und jetzt schreibe ich, ohne groß nachzudenken. Und stelle fest, dass es mir Spaß macht.

Damit könnte doch eigentlich alles gut sein. Sollte es sein. Wird es sein.

Wenn ich das, was ich nun für mich glaube, erkannt zu haben, festhalte und mich daran erinnere, wenn ich wieder in Gefahr gerate, mich selber in Gefangenschaft zu setzen.

Das passende Schlusswort gebührt diesmal Julia: »Was soll daran nicht toll sein?«