Das Schreiben der Anderen: „Einbruch und andere Geschichten“ von Hannes Niederhausen

Ich gebe zu, dass es schon ein wenig her ist, dass ich diese Kurzgeschichtensammlung gelesen habe. Gekauft habe ich sie mir, kurz nachdem Hannes Niederhausen und ich zusammen bei der ersten Auflage von 9lesen auf der Bühne gesessen haben. Gelesen habe ich sie dann während meiner Blogpause, so dass ich nicht sofort meine Meinung dazu veröffentlichen konnte.

Aber das Gute an Kurzgeschichten ist ja, dass man sich recht schnell wieder eingelesen hat. Und so steht einer Besprechung nichts mehr im Wege.


Ich finde, dass die Bewertung von Kurzgeschichten immer eine gewisse Schwierigkeit in sich birgt. Wenn man nicht gerade mit einem Autor zu tun hat, der thematisch und ggf. noch stilistisch in einer ganz eindeutig zuzuordnenden Ecke oder einem Genre beheimatet ist, wird man als Leser mit einer Vielfalt konfrontiert, die zwar ausdrücklich zu begrüßen ist, aber bei einer Bewertung immer mit leichten Ungerechtigkeiten behaftet ist. Was ist, wenn ich eine utopische Geschichte mag, eine Satire dagegen nicht – kann ich das wirklich der Kurzgeschichtensammlung anlasten?

Hannes Niederhausen, der die hier versammelten Geschichten ursprünglich im Jahr 2015 geschrieben und auf seiner Website veröffentlicht hat, ist ein solcher Kandidat. Er offenbart mit den insgesamt 19 Texten eine thematische Bandbreite, die beeindruckt. Dass dabei nicht jeder Text für jeden Leser ein Treffer ist, bleibt nicht aus. So konnte ich persönlich mit den beiden Drabbles (das sind Texte, die aus exakt 100 Wörtern bestehen) nicht ganz so viel anfangen. Andere Geschichten beinhalten jedoch ein solches Potenzial, dass ich mir gewünscht hätte, noch ein wenig länger in der dort geschilderten „Welt“ verbleiben zu können.

Das betrifft vor allem die beiden Geschichten „Phone“ und „Die Fresser“, die beinahe wie Fragmente oder Vorstudien von längeren Texten daher kommen. In „Phone“ geht es dabei um einen Mann, der nicht bemerkt, wie ihm sein Telefon abhanden kommt, was in der Gesellschaft, in der er lebt, einem Kapitalverbrechen gleich kommt. „Die Fresser“ berichtet von Menschen, die sich nicht mit dem Verzehr von Tierfleisch begnügen möchten – und dem Umgang mit ihnen.

Generell spielt Niederhausen in einigen der Texten mit Elementen der Dystopie, reißt Gesellschaftsformen an, die mal nahe bei unseren liegen, mal aber auch, sprichwörtlich, Welten davon entfernt sind. In „Flucht“ teilt sich der Protagonist den Platz an Bord eines außerirdischen Raumschiffes mit Menschen, die er nur als Kevins und Mandys bezeichnet – wobei man sofort ein prägnantes Bild im Kopf hat.

Der Mut zur bildhaften Zuspitzung lässt sich auch in anderen Texten dieser Sammlung finden. Dabei sind viele von ihnen Kurzgeschichten im besten Sinne: Sie greifen eine Episode auf, laufen gerne auf eine Pointe hinaus und hinterlassen dadurch beim Leser das Gefühl, gut unterhalten worden zu sein.

Weitere Highlights in meinen Augen sind die Geschichte „Rapunzel, kurzhaarig“, in der die Motive verschiedener Märchen äußerst kurzweilig durcheinander gemischt werden, sowie „Der Zeitrecycler“, das sich sowohl mit seinem Inhalt als auch mit seinem Stil gut in einer Kurzgeschichtensammlung von Stephen King gemacht hätte, etwa aus dessen „Nachtschicht“-Phase.

Wie gesagt konnte mich nicht jede Geschichte abholen. Auf die Gesamtstrecke allerdings habe ich das Lesen dieser Sammlung sehr genossen, auch wenn ich hier nicht im einzelnen auf jede Story eingehen will.

Es bleibt die Frage der Bewertung, die aufgrund der geschilderten Umstände nur höchst subjektiv ausfallen kann. Ich habe mich dazu entschlossen, „Einbruch und andere Geschichten“ vier Sterne zu geben, weil weit über die Hälfte der Geschichten, wenn ich sie einzeln hätte bewerten sollen, im Bereich von vier bis fünf Sternen rangieren und Ausnahmen, wie eben die beiden Drabbles, insgesamt nicht so sehr ins Gewicht fallen, dass sie eine Abwertung rechtfertigen würden.

Mein Fazit lautet also: Für Leser, die sich gerne auf kleine Geschichten aus vielen Bereichen der literarischen Genres einlassen möchten und die dabei keine Berührungsängste haben, ist dies eine gelungene Zusammenstellung. Noch dazu zu einem mehr als günstigen Preis!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Advertisements

Das Schreiben der Anderen: „Und dein Leben, dein Leben“ von Magret Kindermann

Die Kriminalautorin Carmen lebt zusammen mit ihrem Hund Dexter in einem alten Bootshaus, das an einem großen See und direkt am Waldrand liegt. Hier geht sie vollkommen in ihrer Arbeit auf. Ihr ganzes Leben ist darauf ausgerichtet und wird nur durch die normalen Routinen unterbrochen: ausgedehnte Spaziergänge mit dem Hund, Einkaufen im Ort auf der anderen Seeseite, gelegentliche One-Night-Stands mit ihrem On-Off-Liebhaber Leon.

Carmen hat sich diesen besonderen Ort ausgesucht, weil sie ganz in der Nähe, bei einem Spaziergang, einmal eine Leiche gefunden hat. Diese Leiche war quasi die Inspiration zu ihrer Schriftstellerkarriere. Aber eigentlich auch wieder nicht, denn Carmen beschäftigt sich schon viel länger mit dem Verbrechen. Mit den Ermordeten. Und mit den Mördern.

Sie hat einen Brieffreund namens Otto, der in einem amerikanischen Gefängnis auf die Vollstreckung seines Todesurteils wartet. Dieser wünscht sich von ihr in fast jedem Schreiben „ein Buch, das würdig ist, deswegen am Leben zu sein“.

Carmen ist in ihrem Leben zufrieden, aber auch angestrengt. Sie wird nicht schlau daraus, was Otto genau von ihr erwartet. Was Leon erwartet, nämlich viel mehr, als sie zu geben in der Lage zu sein glaubt, steht ihr hingegen viel zu deutlich vor den Augen. Und dann gibt es da noch diese eine Geschichte, die sie denkt, irgendwann schreiben zu müssen. Die Geschichte von der Frau im See, die sie nur verschwommen sehen kann und von der sie doch glaubt, dass sie, diese Leiche, der Höhepunkt in ihrem Schaffen sein könnte.

Und dann kommt eines Tages doch alles ganz anders, als Carmen es erwartet hat. Denn auf einmal wird sie Opfer eines Verbrechens. Aber ist es wirklich ein Verbrechen, wenn man mit dem Mann, der einen überfallen hat, Tee trinkt und Suppe isst? Eine spannende Nacht liegt vor ihr.

Mit „Und dein Leben, dein Leben“ hat Magret Kindermann eine sehr interessante Geschichte veröffentlicht, die an manchen Stellen vollkommen anders verläuft, als man es als Leser glaubt, erwarten zu können. Das macht es schwer, viel hierzu zu schreiben, ohne den Reiz des Selberlesens zu zerstören.

Carmen ist als Charakter sehr präsent und in allen Schattierungen ihres Wesens – nun: nachvollziehbar? Glaubhaft? Realitätsnah?

Irgendwie all das und doch nichts davon so richtig. Carmen ist eine Frau mit vielen Facetten, die sich dieser vielschichtigen Persönlichkeit darüber hinaus sehr bewusst ist und bereit ist, sie anzunehmen. Ansonsten wäre es ihr sicherlich nicht möglich, die Nacht, die hier beschrieben wird, in der Form anzunehmen und mit zu gestalten, wie sie es tut.

Denn dass sie sie gestaltet, ist praktisch das antreibende Moment für die Handlung. Es gibt eine wundervolle Passage gegen Mitte der Novelle, in der sie mit dem Mann, der plötzlich und unerwartet in ihr Leben eingedrungen ist, eine Art Frage- und Gegenfragespiel spielt. Dazu wäre sie nicht in der Lage, wenn sie in einer Opferhaltung verharren würde, von der sie weiß, dass sie ihr eigentlich nicht zukommt.

Vielmehr ist sie eine Gleichberechtigte, wenigstens im Geiste. Sie ist fasziniert, nicht abgestoßen. Sie ist neugierig, nicht verängstigt. Sie ist lebendig, nicht tot.

Doch damit ist beinahe schon wieder zu viel über die Handlung verraten.

Rein formal kann man sagen, dass Magret Kindermann einen sehr literarischen Stil hat, der sich wunderbar mit der Handlung ergänzt und gerade zu den Passagen passt, die von Carmens Innenleben berichten. Dabei wird der Leser schnell in die Geschichte hineingezogen und auch, wenn sich an einem recht frühen Zeitpunkt etwas abzeichnet, von dem man annehmen kann, dass es gegen Ende wichtig oder relevant wird, nehme ich dies nicht als störend wahr.

Generell sind die Figuren stark gezeichnet. Das gilt, neben den beiden Hauptfiguren, auch für eine Randfigur wie Leon, dessen Konflikt in Bezug auf Carmen stark nachfühlbar ist. Eben auch aus dem Leben gegriffen.

Die Geschichte besitzt ein Ende, das offen genug ist, um nicht alles zu verraten und dennoch abschließend genug, um nicht alle Fragen offen zu lassen. Die Stelle, an der wir Carmen verlassen, fühlt sich richtig an.

Ich habe die Novelle, die von Amazon mit etwa 112 Seiten Länge angezeigt wird, praktisch in einem Rutsch durchgelesen. Und für mich steht fest, dass sie nicht das Letzte gewesen sein wird, was ich von Magret Kindermann lese.

Von mir gibt es für „Und dein Leben, dein Leben“ die volle Punktzahl und eine Leseempfehlung für alle, die eine Form von Spannung suchen, die sich hauptsächlich aus den Charakteren entfaltet, ohne dabei ihr Tun zu sehr aus den Augen zu verlieren.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Das Schreiben der Anderen: „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ von Andrea Schrader

Ich gebe zu: Wenn ich nicht „zufällig“ zusammen mit Andrea Schrader auf der 9lesen-Bühne gestanden und bei dieser Gelegenheit die Möglichkeit gehabt hätte, mich von den Qualitäten ihres Romans „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ zu überzeugen, dann hätte ich vielleicht nie zu diesem Buch gegriffen. So aber konnte ich gar nicht anders, als mir nach dem Appetizer auch den Rest der Geschichte vorzunehmen


Eigentlich soll das Kind, das in einer Winternacht in Schweden geboren wird, den Namen seines Großvaters tragen. Doch eine seltsame Anomalie, ein in voller grüner Pracht stehender Baum, signalisiert seinen Eltern, dass es eine besondere Bewandtnis mit ihrem Sohn hat. Und so erhält er den überlieferten Namen Enki.

Von der Stunde seiner Geburt an ist Enkis Schicksal vorbestimmt. Sobald er alt genug dafür ist, verbringt er seine Sommerferien an einem geheimen Ort in Tibet in der Obhut von Mönchen, die ihn, sowie drei andere Kinder, in allen möglichen und auch unmöglichen Künsten unterrichten. Denn Enki ist ebenso wie Enlil aus den Vereinigten Staaten, Izila aus Deutschland und Abale aus Island ein Bote des Schicksals.

Es gibt vier Boten, wenn die Zeit gekommen ist, dass sie gebraucht werden. Sie stehen den vier Reitern der Apokalypse gegenüber, deren Erweckung dazu führen würde, dass das Buch mit den Sieben Siegeln, von denen schon in der Offenbarung der Bibel die Rede ist, gefunden und geöffnet wird. Die Folge wäre die Entfesselung der Apokalypse und das Ende der Welt.

Doch nicht die Reiter sind das vordringliche Problem der Boten, sondern die Engel und Dämonen, die in der Welt existieren und alles daran setzen, die Reiter zu finden und zu erwecken. Dabei ist es nicht etwa so, dass die alten Vorstellungen von „gut“ oder „böse“ eine Gültigkeit besäßen. Denn sowohl die Engel als auch die Dämonen wollen ihre eigene Form der Apokalypse auslösen. Egal, wer von beiden das Ziel erreicht, das Ergebnis für die Menschheit ist dasselbe.

Um ihre Ziele aus dem Verborgenen heraus zu erreichen, greifen die Dämonen und Engel in das Schicksal der Menschen ein und machen sie so zu ihren Handlangern. Den Boten des Schicksals ist die Macht gegeben, die Kraft der vier Elemente, für die sie stehen, zu benutzen und damit die Schicksalsbäume der Menschen zu bereinigen – oder um im gemeinsamen Kampf ihre Widersacher zu töten.

Doch nebenbei handelt es sich trotz allem bei ihnen um ganz normale Menschen, mit ganz normalen Bedürfnissen nach Liebe und Freundschaft. Beides wird auf eine harte Probe gestellt, als die Zeichen sich verdichten, dass bald einer der vier Reiter erweckt werden könnte …

Es ist schwer, nicht viel zu viel von der Handlung dieses Romans zu verraten, denn am liebsten möchte man die vielen kleinen Details aufzählen und sich daran erfreuen. Die Mythologie, die Andrea Schrader in diesem ersten Teil ihrer Erzählung aufbaut, verquickt verschiedene Elemente miteinander, die so perfekt ineinander greifen, dass es einfach Spaß macht, sich mit ihnen zu befassen.

Die Art, in der hier Engel, Dämonen, die Reiter der Apokalypse und die Schicksalsboten in die Handlung, die trotz aller fantastischen Einschläge klar erkennbar in unserer realen Welt spielt, eingewoben werden, ist hervorragend gelungen. Es wird darauf verzichtet, jeden Moment der Geschichte mit Symbolik oder Mystik zu überladen, was sicherlich möglich gewesen wäre – und worauf man nach dem Beginn im Tempel auch irrtümlich schließen könnte.

Selbst Fähigkeiten wie das Fliegen, die Teleportation oder die dem jeweiligen Element (Feuer, Wasser, Erde, Luft) zugeordneten Attribute verkommen auf diese Weise nicht zu Superkräften, sondern zu Gaben, die weise eingesetzt werden wollen und müssen.

Denn trotz ihrer Macht arbeiten die Boten in einer Art Undercover-Einsatz. Das ist spannend herausgearbeitet und funktioniert auf ganzer Linie. So vermischen sich neben den Fantasy-Einflüssen hier noch weitere Genreversatzstücke miteinander. Das sorgt dafür, dass auch Leser wie ich, die nicht wirklich viel Fantasy lesen, gerne bei der Stange bleiben und erfahren wollen, wie es weiter geht.

An der einen oder anderen Stelle muss man allerdings ein wenig die Augen zudrücken und einfach hinnehmen, dass das, was gerade geschieht, kein größeres Aufsehen erregt. Das fängt schon bei den Namen der vier Boten an, die eine Bedeutung besitzen, aber eigentlich für die Ohren ihrer Mitbürger sehr exotisch klingen sollten. Aber auch die Bereinigung der Schicksalsbäume beeinflusster Menschen müsste an mancher Stelle eigentlich größere Beachtung auslösen. Hierüber kann man aber, nicht zuletzt auch wegen des tollen und lockeren Stils der Autorin, sehr gut hinweg lesen. Spannend ist es allemal.

Aber wo ich von Dingen spreche, die mir nicht ganz so gut gefallen haben, muss ich auch auf den Fakt kommen, welcher diesen Roman seinen eigentlich verdienten fünften Stern gekostet hat. In Hinsicht auf einen bestimmten Umstand, den ich hier nicht spoilern möchte, verhalten sich die Boten über einen längeren Zeitraum hinweg erschreckend naiv. Das passt meines Erachtens nicht zu ihrem sonstigen Handeln und wirkt ein wenig konstruiert. Auch wenn sich die Sache am Ende gut auflöst und in ein spannendes Finale mündet, hatte ich hier einen leicht bitteren Beigeschmack beim Lesen.

Das soll aber keineswegs die Gesamtleistung dieses Auftaktromans schmälern. Der Leser bekommt tolle Charaktere, eine spannende und interessante Mythologie und einen Ausblick darauf, dass wir von den Fortsetzungen der Geschichte noch einiges erwarten können. Andrea Schrader ist mit „Die Boten des Schicksals: Die Legende“ ein Roman gelungen, der schon während des Lesens Vorfreude auf den nächsten Teil macht.

Wenn ich davon ausgehe, dass die Boten aus ihrer angesprochenen Naivität lernen und in den kommenden Teilen der Serie entsprechend agieren, dann stehen uns noch tolle Romane ins Haus. Ich freue mich darauf!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Das Schreiben der Anderen: „Das Flüstern der Pappeln“ von Julia von Rein-Hrubesch

„Das Flüstern der Pappeln“ – ein Titel, der neugierig macht, zumal die Beschreibung im Klappentext des Kurzromans verspricht, dass die Hauptfigur der Geschichte, die junge Henriette, allgemein nur Hennie genannt, einem Familiengeheimnis auf der Spur ist.

Die Familie ist dann auch das zentrale Thema dieses Buches. Hennie, die Mediendesign studiert und einige Jahre im Ausland gelebt hat, kehrt auf den heimatlichen Pappelhof zurück, wo sich in der ganzen langen Zeit so gut wie nichts verändert hat. Ihre Mutter ist geradezu manisch von ihrer Arbeit in der hofeigenen Glasbläserei besessen, fabriziert dort jedoch tagein, tagaus die selben Windfänger, was Hennie todlangweilig vorkommt.

Der Vater, ein eher stiller Mensch, arbeitet abwechselnd auf dem Hof oder in seinem eigentlichen Beruf als Informatiker, den er aus dem Home-Office heraus betreibt.

Die lebendigste Beziehung, wenn man es denn so nennen kann, hat Hennie mit ihrer Großmutter Hedi, die seit einiger Zeit in einem der Zimmer des Hauses nach mehreren Schlaganfällen auf den Tod wartet. Diese Beziehung ist deswegen lebendig, weil Hennie bei ihren täglichen Besuchen mit der alten Frau über Dinge spricht, die sie anderen gegenüber nicht einmal erwähnt. Und obwohl Hedi nicht mehr antworten kann, scheint sich ein Dialog zu entspinnen.

Und dann sind da die Briefe. Briefe, die im Abstand von jeweils genau einer Woche an ein Münchner Postfach geschickt werden. Briefe, die ihre Großmutter einst an einen gewissen Gregor schrieb und die nun unbeantwortet zurückkommen. Hennie nimmt die Briefe in Empfang und liest sie ihrer Großmutter vor – immer in der Hoffnung auf Erklärungen für das Geheimnis, das sich hinter ihnen verbirgt.

Denn ansonsten ist das Leben auf dem elterlichen Hof für sie alles andere als angenehm, denn ihr wird immerzu deutlich gemacht, dass sie die Erwartungen, welche ihre Eltern in sie gesetzt haben, nicht erfüllt. Und Hennie weiß selber nicht, wie sie daran etwas ändern soll.

Bis ihr eines Tages eine fahle Erscheinung den richtigen Weg weist …

Es ist nicht ganz leicht, der Geschichte „Das Flüstern der Pappeln“ im Rahmen einer normalen Rezension gerecht zu werden. Vielmehr handelt es sich bei dem Buch um eines von der Sorte, die ich nach dem ersten Lesen am liebsten wieder von Vorne begonnen hätte, um mir darüber klar zu werden, was ich da eigentlich gerade gelesen und dass ich auch wirklich alle möglichen Ebenen begriffen habe, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt.

Denn hier verbirgt sich unter der vordergründig sehr direkt und schnörkellos erzählten Geschichte eine ganze Menge an Subtext, der erfühlt und erfahren werden möchte. Und das meine ich im allerbesten Sinne.

Es gibt Geschichten, die von ihren Autoren so sehr mit unterschwelligen Botschaften überfrachtet werden, dass sie nicht mehr als das funktionieren, was sie eigentlich sein sollten: als Unterhaltung. Ich bin der Ansicht, dass ein Roman unterhalten sollte und wenn er es dann noch schafft, die nachgelagerte Ebene zu bedienen, ohne dass er in zwei Teile, den Subtext und die vordergründige Handlung, zerfällt, dann ist etwas Großes gelungen.

Julia von Rein-Hrubesch schafft genau dies in diesem Roman. Allerdings muss man sich darauf einlassen, dass die Ebenen hier eng miteinander verzahnt sind und sich teilweise auf derselben Seite miteinander ergänzen. Allzu leicht hätte man hier zu sehr abdriften und die Geschichte aus den Augen verlieren können. Dies geschieht allerdings zu keiner Zeit, sondern ebendiese wird konsequent weitergesponnen.

Die einzelnen Briefe, die Hennie für ihre Großmutter aus München holt, bilden dabei so etwas wie Fahnenstangen, an denen sich die Handlung orientiert. Allerdings ist von Rein-Hrubesch nicht der Versuchung erlegen, sie wirklich als eine Art Kapitelüberschriften zu verwenden. Sie begleiten Hennie auf der Suche nach dem, was sie eigentlich tun und sein will und dienen damit als neue Denkanstöße für diese Figur.

Generell die Figuren. Klar im Vordergrund stehen die Frauen der Familie, Hennie und ihre Mutter Gardi. Da prallen praktisch zwei Lebensentwürfe aufeinander, von denen der eine zwar künstlerisch, aber konservativ ist, der andere ambitioniert aber gerade stagnierend. Der Vater versucht verschiedentlich, vermittelnd einzugreifen, ist hierzu aber nicht in der Lage. Dazu kommt im Laufe der Handlung noch ein weiterer Konflikt, den ich an dieser Stelle jedoch nicht verraten möchte.

Der Roman ist mit etwa 160 Seiten nicht allzu lang geraten. Allerdings hat man zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass Dinge weggelassen worden seien, die man zum Verständnis benötigt hätte. Das Umfeld, in dem Hennie sich bewegt, inklusive der am Rande auftretenden Personen, die nicht zur Familie gehören, wird sehr gut beschrieben und unterstreicht das dem Buch innewohnende Gefühl von Authentizität.

Die verwendete Sprache ist, mit Ausnahme einiger Passagen, die beinahe poetisch daherkommen, klar und ohne zu viele Schnörkel, die den Lesefluss hemmen könnten. Tatsächlich gehört „Das Flüstern der Pappeln“ zu der Sorte Bücher, die man in einem Rutsch weglesen kann, wozu auch die Länge natürlich ihren Teil beiträgt.

Mir hat das Lesen dieses Romans viel Freude bereitet und ich spreche hiermit eine uneingeschränkte Empfehlung für alle Leser aus, denen eine gut erzählte Familiengeschichte mit allen kleinen und großen Dramen, die diese mit sich bringen können, wichtiger ist als Actionszene, die sich an Actionszene reiht. Doch auch Leser, denen eine rasante Handlung im Normalfall wichtiger ist als gut ausgestaltete Figuren, sollten einmal einen Blick riskieren. „Das Flüstern der Pappeln“ ist Futter für den Geist und ist Futter für die Seele.

Ein wirklich schönes Buch, dem ich sehr gerne die volle Punktzahl zukommen lasse.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Das Schreiben der Anderen: „Hot and Spicy“ von Margaux Navara

Es ist längere Zeit her, dass ich mich auf die „dunkle Seite“ der Erotik begeben habe. Aber ein neuer Roman von Margaux Navara ist hierfür ein ebenso willkommener wie vielversprechender Anlass, bin ich doch mit den beiden Romanen, die ich bislang von der Autorin gelesen habe, mehr als gut unterhalten worden. Wie also schlägt sich (unbeabsichtigtes Wortspiel) „Hot and Spicy“ im Vergleich?

In diesem Roman machen wir die Bekanntschaft der jungen Darleen. Und wir treffen sie genau dort, wo der Schuh sie drückt: Auf der Suche nach einem Mann, der in der Lage ist, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese erschöpfen sich nicht in dem, was bei Normalos so auf dem Speiseplan steht, sondern sie hat ein Faible für alle möglichen Spielarten des BDSM. Dessen ist sie sich sehr bewusst und sie sucht auch sehr gezielt danach. Doch mit ihrer Suche über Kontaktbörsen hat sie alles andere als Glück, wie auch die gerade ablaufende Session mit einem völlig untalentierten Dom wieder beweist.

Eigentlich hat sie sich ohnehin etwas unglücklich in den attraktiven Mann verguckt, der Touristen auf Segwaytouren durch das schöne Heidelberg führt und dabei auch regelmäßig an Darleens Arbeitsplatz, einem zur Burgerbraterei augebauten Foodtruck, vorbei fährt. Was sie nicht ahnt ist, dass dieser Mann, Tom, nicht nur im Gegensatz zu ihr ein fabelhafter Koch ist, sondern auch noch auf der Suche nach einer Frau, die sich seinem Willen unterwirft und mit der er, nach einer gescheiterten Beziehung, möglichst unverbindlichen Spaß haben kann.

Mehr durch Zufall kommt es dazu, dass Darleen Tom überredet, ihr ein wenig unter die Arme zu greifen – eigentlich nur, was das Kochen betrifft. Doch schon bei ihrer ersten privaten Begegnung spielen sich ganz andere Dinge zwischen den beiden ab. Eine heftige Spielbeziehung beginnt, die jedoch unter ungünstigen Vorzeichen steht: Darleen möchte einen Mann, der ihr Geschäftsleben und mehr mit ihr teilt. Tom hingegen will alles, nur nicht, sich an jemanden binden.

Dazu kommen noch Nebenschauplätze wie die hinterhältige Lucy, ehemalige Sub und pikanter Weise gleichzeitig ehemalige Chefin von Tom, oder die nicht minder gerissene Tina, die nur darauf wartet, Darleen den Foodtruck wegzunehmen, zu dessen Erwerb sie diese erst überredet hat. Wird das alles auf ein Happy End hinauslaufen?

Ich möchte meine Besprechung zu diesem Roman gerne in zwei Teile splitten. Dabei möchte ich zunächst etwas zur schriftstellerischen Qualität der Geschichte und anschließend etwas zur Geschichte selber schreiben.

Bezüglich der Qualität der Geschichte könnte ich eigentlich auf meine bisher erschienenen Besprechungen zu Romanen von Margaux Navara verweisen. Die Autorin hat einfach ein Händchen dafür, ihr Thema, Liebe und Sex im Zeichen des BDSM, auf eine Art und Weise zu schildern, dass es sowohl für Anhänger dieses Lebens- und Liebesstils als auch für in dieser Hinsicht eher Unbedarfte ein erotisches Erlebnis ist.

Zu keinem Zeitpunkt kommt der Roman auch nur in die sprachliche Nähe von minderwertigen Pornogeschichten, die nichts anderes im Sinn haben, als dem Leser ihren Inhalt möglichst schnell und ohne Anspruch vor die Füße zu werfen. Das bedeutet aber nicht, dass die Szenen, in denen es zwischen Tom und Darleen zur Sache geht, weniger explizit oder gar langweilig wären.

Ganz im Sinne des Titels des Romans geht es hier heiß und mitunter sehr pikant zu. Auch dann, wenn einem einzelne Praktiken doch eher skurril oder fremdartig vorkommen mögen, Stichwort Maiskolben, sind diese jederzeit so treffend auf den Punkt geschildert, dass man sich in die handelnden Figuren einfühlen kann.

Dem kommt entgegen, dass Margaux Navara beiden Perspektiven, der von Darleen und der von Tom, in etwa gleich viel Platz einräumt, so dass man als Leser jederzeit auf der Höhe des Geschehens ist. Dass man damit auf der anderen Seite auch jederzeit einen leichten Vorsprung gegenüber den Akteuren hat, ist bei dieser Erzählform nicht zu verhindern. Man kennt die potentiellen und später auch zu Tage tretenden Spannungsfelder zwischen den beiden.

Was mich zur Geschichte als solche bringt. Diese verläuft ziemlich geradlinig und immer eng bei ihren Protagonisten. Es gibt zwar in Gestalt von Darleens Geschäftspartnerin und Toms ehemaliger Chefin zwei Figuren, die aktiv versuchen, den beiden Knüppel zwischen die Beine zu werfen, aber dies wird, nach meinem Gefühl, an manchen Stellen zu wenig ausformuliert. So hätte vor allem das Dreieck Tom – Lucy – Darleen noch wesentlich mehr Potenzial geboten.

Der Fokus der Geschichte liegt hier eindeutig auf der sich entwickelnden Beziehung zwischen Tom und Darleen – und damit naturgemäß auch auf dem Sex zwischen den beiden. Diesem wird ein wesentlich größerer Raum zugestanden, als es noch bei „Love Me The Hard Way“ der Fall gewesen ist, dem letzten Roman, den ich von Margaux Navara gelesen habe. Jener bot durch seine Nebenplots eine etwas größere Fallhöhe.

Jetzt kann ich nur mutmaßen, woran dies liegt. Möglicherweise ist es einfach für typische Käufer dieser Art Roman – zu denen ich mich ausdrücklich nicht zählen kann, so dass mir die Vergleiche schwer fallen – befriedigender (wiederum ein unbeabsichtigtes Wortspiel), wenn die Handlung prozentual ein Mehr an Sexszenen enthält. Dann wäre es nur natürlich und legitim, auf dieses Publikum zugeschnittene Romane zu schreiben.

Für mich war die Handlung dadurch allerdings ein wenig schematisch: Sexszene, Innenleben Darleen, Innenleben Tom, Sexszene. Ich möchte das gar nicht negativ klingen lassen. Im Rahmen dessen, was der Roman erreichen möchte, funktioniert dies sehr, sehr gut. Bei einigen Aspekten und möglichen Anknüpfungspunkten, wie etwa bei Lucy, hätte ich mir halt gewünscht, dass hier mehr auf den dahinter liegenden Konflikt geschaut wird, als es dann tatsächlich der Fall ist.

Entschädigt wird der Leser dafür mit ein paar Rezepten im Anhang, die direkt aus Darleens Food-Truck stammen könnten.

Was bleibt, um damit zum Fazit zu kommen, ist aber auf jeden Fall ein BDSM-Roman, der sowohl aufgrund seiner sprachlichen Qualitäten, als auch aufgrund seiner expliziten Szenen überzeugt. Was den Rest angeht, nehme ich an, gehöre ich einfach nicht zur primären Zielgruppe der Geschichte. Da dies aber etwas ist, was ich weder der Autorin, noch dem Roman vorwerfen kann, möchte oder werde, gelange ich am Ende zu sehr guten vier von fünf möglichen Punkten.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Rezensionen und ich

Vor beinahe genau eineinhalb Jahren habe ich einen Beitrag geschrieben, in dem ich erklärte, wieso ich eigentlich kaum noch Rezensionen verfasse. Ihr findet ihn hier.

In Kurzform gesagt ging es mir damals darum, dass ich mich in einer Art moralischen Dilemma sah, wenn ich die Werke von anderen Autoren, mit denen ich zu tun habe, schlecht bewerte oder im Zweifel davor zurückschreckte, sie überhaupt zu bewerten, wenn es keine gute Rezension werden würde.

In gewisser Weise treiben mich solche Gefühle heute noch um und am liebsten würde ich jeder Rezension, die ich über „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche, fünf Sterne mit auf den Weg geben. Weil ich genau weiß, wie viel Herzblut jeder von ihnen in das veröffentlichte Werk gesteckt hat und wie seltsam es aussehen mag, dass ich, ebenfalls Autor, ebenfalls Bestandteil der gleichen Blase, mir ein Urteil darüber anmaße.

Aber ich habe früh erkannt, dass ich damit niemandem einen Gefallen tue. Mir nicht, den besprochenen Autoren nicht und vor allem auch meinen Lesern nicht – denen gegenüber ich ja am Ende die meiste Verantwortung trage.

Also gibt es unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ nur solche Rezensionen, die wirklich ehrlich sind und die Dinge ansprechen, die ich für ansprechenswert halte.

Dabei richte ich den größtmöglichen Fokus auf die inhaltlichen Aspekte. Das bedeutet nicht, dass ich eine Myriade von Druckfehlern oder Grammatikschnitzern einfach durchwinken würde, aber im Vordergrund steht die Geschichte, die tatsächliche kreative Leistung.

Manchmal überlege ich, ob ich auch andere Dinge mit einbringen soll, wie zum Beispiel das Coverartwork oder dergleichen. Teilweise gibt es zu den hier besprochenen Romanen wirklich tolle Cover – gerade das zum zuletzt besprochenen „Zarin Saltan“ könnte ich da nennen. Aber für mich gehört es eben nur zu den sekundär wichtigen Begleiterscheinungen der Veröffentlichung und ein Lob wäre für mich eher ein Verdienst des Designers als des Autors bzw. der Autorin.

Nun gibt es ja genug Leser, die immer noch darauf warten, dass ich mal den ersten richtigen Verriss schreibe. Und es ist ja auch nicht so, dass ich immer nur gute Romane lesen würde. Das „Problem“ ist nur, dass diese im Allgemeinen nicht in die Rubrik „Das Schreiben der Anderen“ hinein passen. Denn das Konzept – Besprechungen zu Werken von Autoren, über die ich irgendwie direkt über Social Media, meinen Autorenverein oder sonstiges verbunden bin – ist da nun einmal relativ streng.

Und es kommt noch dazu, dass ich längst nicht alle diese Romane lese. Zum Beispiel bin ich kein besonders großer Freund von reinrassigen Fantasyromanen, wie ihr vielleicht schon gemerkt habt. Dem gegenüber stehen aber sehr viele Autoren, die genau diese schreiben. Es wäre nun aber höchst unfair, wenn ich einen Roman lesen und rezensieren würde, von dem ich schon vorher weiß, dass er es schwer haben wird, mich abzuholen und mitzureißen. Das wäre sozusagen ein Verriss mit Ansage.

Dabei hätte ich durchaus Lust darauf, mal wieder einen knackigen Verriss zu schreiben. Wenn man einmal Gefallen an der Kunstform (ja, das meine ich ernst) Rezension gefunden hat, wird man schnell feststellen, dass es manchmal Spaß macht, so richtig vom Leder zu ziehen. Zündet eine Kerze an, fasst euch an den Händen und fragt nach bei Herrn Reich-Ranicki, der wird euch das gerne bestätigen.

Damit kämpfen zwei Seelen in meiner Brust, denn ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich jetzt wahllos irgendwelche Romane hier besprechen würde, zu denen ich eben die oben geschilderte Verbindung nicht habe. Es würde das ganze Konzept über den Haufen werfen, das ich hier verfolge.

Deswegen habe ich angefangen, gedanklich ein wenig herumzuspinnen.

Wie ich in dem oben verlinkten Beitrag erzählt habe, besaß ich einmal eine eigene Rezensionsseite im Internet. Zunächst ganz althergebracht und später dann auf einem eigenen WordPressblog geführt. Zum Schluss schrieb ich dort zwar weitgehend abseits der öffentlichen Wahrnehmung, aber das war mir egal, weil es eben Spaß gemacht hat, meine Meinung zu Dingen zu schreiben, die ich las, die ich sah und die ich hörte.

Nun weiß ich aber auch, dass ich eigentlich jetzt schon zu wenig Zeit habe, um mich um die Dinge zu kümmern, um die sich gekümmert werden muss. Das sagt der Kopf.

Das Herz hat dafür gesorgt, dass ich mir in der letzten Woche die Domain http://www.hoerviews.de wieder gesichert habe, nachdem ich sie vor rund zehn Jahren freigegeben hatte. Ich war sehr überrascht, dass sie tatsächlich noch verfügbar war.

Ob und was ich nun damit mache, das weiß ich noch nicht. Vielleicht verläuft das ja alles im Sande. Aber vielleicht nutze ich diese andere Plattform, wenn ich sie mir erst einmal leidlich schick gemacht habe (alle meine Dateien/Grafiken sind ja noch da), um doch wieder meine hin und wieder schmerzlich vermissten Verrisse schreiben zu können – oder zu loben, wo es angebracht ist, auch wenn ich mit dem betreffenden Autor nicht näher verbunden bin.

Schauen wir mal, ob ich die Zeit dazu finden und sie mir auch nehmen werde. Ich weiß es, ganz ehrlich, noch nicht.

Das Schreiben der Anderen: „Zarin Saltan“ von Katherina Ushachov

Märchen, bzw. die Adaption von Märchenstoffen, boomen in den letzten Wochen und Monaten. Immer öfter trifft man auf alte Bekannte aus der Kindheit, etwa auf das Rotkäppchen, Schneewittchen war auch schon vertreten und eigentlich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis uns der Froschkönig als genetische Mutation vor die lesefreudigen Augen hüpft. Aber Spaß beiseite: Eine ganze Reihe Autoren haben festgestellt, dass die alten Märchenstoffe sich, mit ein wenig Aufwand, in fantastische Geschichten umdeuten lassen, in denen, dem Genre entsprechend, mal mehr und mal weniger deutliche Fantasy-Elemente verwoben sind.

Mit dem Kurzroman „Zarin Saltan“ von Katherina Ushachov liegt nunmehr bereits der achte Teil aus der sogenannten „Märchenspinnerei“-Reihe vor, die sich genau das soeben geschilderte Prinzip zu eigen gemacht hat. Und da Katherina zu den treuesten unter meinen Leserinnen und Kommentatorinnen zählt, war eine Rezension für mich Ehrensache.

Wenn auch eine, die mich doch vor Probleme gestellt hat …


Mit „Zarin Saltan“ aus der Feder von Katherina Ushachov erscheint der achte und (vorerst?) letzte Band aus der Reihe der „Märchenspinnerei“. In dieser Reihe werden mehr oder weniger bekannte Märchen umgedeutet, oder -interpretiert, und dadurch für unsere modernen Lesegewohnheiten erschlossen.

Nachdem in anderen Romanen ähnlicher Natur gerne auf die Volksmärchen der Brüder Grimm zurückgegriffen wurde und wird, mit denen mehr oder weniger jeder deutschsprachige Mensch aufgewachsen sein dürfte, macht es „Zarin Saltan“ dem Leser nicht ganz so leicht, handelt es sich doch um die Umsetzung des klassischen russischen Märchens „Zar Saltan“ – von dem ich, zu meiner Schande, vorher noch nie etwas gehört hatte.

Das stellt mich für diese Rezension vor das Problem, dass ich einige der Kritikpunkte, die ich anbringen möchte, vielleicht an die falsche Adresse richte, weil die Autorin hier einfach den Plot des Ursprungswerks übernommen hat. Dennoch halte ich die Kritik für gerechtfertigt, denn im Zweifel muss dieses Werk, wie bei mir, eben auch für sich ganz alleine stehen können.

Zu Beginn dachte ich, ich wäre in einem falschen Roman gelandet, denn anhand der bisherigen und vor allem der in Vorbereitung befindlichen Vita von Katherina Ushachov hatte ich nicht damit gerechnet, mich plötzlich in einer russischen Dating-Show wieder zu finden.

Dort treffen die beiden Hauptpersonen der Geschichte, Großfabrikant Viktor und Studentin Anna, aufeinander, nachdem sie beide sich schon zuvor bei einer flüchtigen Begegnung in der Lokalität, in der Anna kellnert, sofort und unsterblich ineinander verliebt haben.

Das Schicksal scheint den beiden auch treu und gewogen zu bleiben. Auf das erste Beschnuppern folgt eine tiefe und starke Beziehung, die in einem Heiratsantrag nach wenigen Wochen gipfelt. Das junge Glück scheint perfekt zu sein, wenn es da nicht leise Misstöne von Seiten der Freundinnen Annas gäbe.

Denn diese beiden, die Anna überhaupt erst zur Teilnahme in der Kuppel-Show überredet haben, hatten ebenfalls ein oder zwei Augen auf den stattlichen Viktor geworfen, der noch dazu mit seinem Reichtum eine extrem gute Partie abgibt.

Und so kommt es dazu, dass während einer berufsbedingten Abwesenheit Viktors die Dinge einen Lauf nehmen, der geradewegs in eine Katastrophe zu münden scheinen.

Der folgende Absatz enthält SPOILER und sollte daher im Zweifel übersprungen werden!

Tanja und Sabrina, die beiden Freundinnen, erschleichen sich über ein Hilfsangebot Zugang in den Haushalt Annas und schieben ihr einen Drogencocktail unter, der sie auf massive Weise halluzinieren lässt und schließlich dazu führt, dass sie im Drogenwahn in eine Klinik eingeliefert und dort mit einer Zwangsjacke fixiert wird. In diesem Zustand wird sie jedoch von Irina, einer guten Fee in Gestalt eines Eichhörnchens, aufgesucht, die in Anna die letzte Chance sieht, noch einmal in ihre alte, menschliche Gestalt zurückverwandelt werden zu können. Deswegen versetzt sie Anna in die Gestalt einer Hummel und fliegt mit ihr gen Russland, wo es zu einer Zusammenführung mit Viktor und zur Aufklärung aller Geschehnisse kommt.

SPOILER ENDE

Es ist wahnsinnig schwer, die Geschichte eines Märchens zu erzählen, ohne sofort alles Mögliche über die Handlung zu verraten. Bei einem der oben erwähnten klassischen „deutschen“ Märchen hätte ich hier deutlich weniger Skrupel gehabt. Wir alle wissen, was mit Hänsel und Gretel passiert. Ich muss niemandem verheimlichen, dass Dornröschen nach vielen, vielen Jahren von ihrem Prinzen gerettet wird und auch die Tatsache, dass beim Wolf und den sieben Geißlein am Ende alle, nur nicht der Wolf, aus der Geschichte gut herauskommen, ist allgemein bekannt.

Hier aber stehe ich vor dem Problem der Deutung, was wohl klassisches Märchengut und was neue Dichtung ist.

Auf mich wirkte die Handlung an einigen Stellen etwas zerrissen, was vielleicht genau diesem Problem in der Deutung geschuldet ist. Ich hatte das Gefühl, mich mehr in einzelnen Episoden oder „Akten“ zu befinden, von denen man den ersten vielleicht „Das glückliche Paar“, den zweiten „Dunkle Schatten und wilde Tiere“ und den dritten „Eichhörnchen und Hummel“ überschreiben könnte.

Grundsätzlich gefällt mir der hiermit einher gehende Genremix. Nach dem sehr prosaischen, um nicht zu sagen an der Grenze zum Kitsch vorbei schrammenden, Start kommen durchaus Elemente des Spannungs- und schließlich des Fantasy-Romans in die Geschichte, was ihr sehr gut tut und keine Langeweile aufkommen lässt.

Aber die Übergänge zwischen den Akten holpern ein wenig, sie brauchen jeder für sich eine gewisse Anlaufzeit. Stellenweise fühlen sie sich auch an, als ob sie gar nichts mit dem bisher Gelesenen zu tun hätten. Das betrifft vor allem den dritten Akt.

Dazu passt auch, dass Anna mir über die gesamte Geschichte hinweg als sehr passiv erscheint. Zuerst wird sie von ihren Freundinnen zur Teilnahme an der Dating-Show gezwungen. Dann überlässt sie scheinbar Viktor das alleinige Vorantreiben der Beziehung. Und zum Schluss begibt sie sich voll und ganz in die Hände von Irina. Das macht es leider schwer, mit Anna wirklich mitzufiebern.

Die Perspektive von Viktor ist dagegen schon deutlich griffiger und packender geschildert. Viktor ist für mich eine wirklich dreidimensionale Figur, die zwar auch ihre schwachen Momente hat (Liebe auf den ersten Blick), aber andererseits selbst im Vollrausch noch versucht, die Dinge entweder selbst zu kontrollieren, oder sich zumindest der Hilfe seines Assistenten zu versichern. Im übrigen eine Dynamik, die mir sehr gut gefallen hat.

Dagegen bleibt die Beziehung zwischen Anna und ihren angeblich besten Freundinnen Tanja und Sabrina eher blass. Ja, wir erfahren, dass natürlich auch diese beiden sich sehr gut eine Beziehung mit dem russischen Magnaten hätten vorstellen können, aber die Art und Weise und die Mittel, zu denen sie schließlich greifen, um das Glück von Anna und Viktor zu (zer-)stören hätten aus meiner Sicht eine bessere Unterfütterung benötigt. Immerhin haben wir es hier mit erwachsenen Frauen zu tun, die wissen müssten, dass Liebe sich nicht erzwingen lässt.

Ähnliches gilt für die Märchenleidenschaft von Anna, die Grundvoraussetzung dafür ist, dass sie die Ereignisse im dritten Akt hinnimmt, wie sie es tut, aber über den Text hinweg mehr behauptet denn richtig aufgebaut wird.

Vielleicht wäre es für die Geschichte besser gewesen, wenn die Autorin sich an der einen oder anderen Stelle ein wenig mehr Erzählzeit gegönnt hätte, um die beschriebenen Kritikpunkte auszumerzen. Ich bin mir sicher, dass sich das Endergebnis dadurch runder angefühlt hätte. Zumal man an vielen Stellen ganz genau merkt, dass Katherina Ushachov durch ihre eigenen ukrainischen Wurzeln dem Stoff eine ausgewogene Authentizität verleihen kann.

Mein Fazit fällt daher insgesamt etwas zwiespältig aus, denn auf der einen Seite steht mit Viktor eine Erzählperspektive, die mir gut gefallen hat, dafür auf der anderen Seite mit Anna eine, die mir stellenweise einfach zu blass bleibt. Die Einbettung klassischer Märchen-/Fantasymotive ist ein belebendes Element, kommt im Rahmen der Geschichte aber einfach ein wenig spät und plötzlich.

Wo man Katherina Ushachov keinerlei Vorwürfe machen kann, ist die formale Präsentation des Romans. Die verwendete Sprache passt sehr gut zu den Figuren und ist auch in den drei Akten in sich stimmig. Der Roman lässt sich sehr gut lesen.

Wie bereits Eingangs gesagt, vielleicht tue ich der Autorin in gewisser Hinsicht Unrecht, weil ich die Vorlage nicht kenne und die Schwächen, die ich benenne, auf diese zurückzuführen sind. Dann täte es mir leid. Aber in der vorliegenden und für sich stehenden Form wiegen mir die Brüche und die Passivität einer der wichtigen Erzählperspektiven zu schwer, so dass ich hier leider nur drei (sehr starke) Sterne vergeben kann.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.