Könnten wir vielleicht schon eine Woche später haben?

Okay. Was jetzt folgt, ist panisches, hektisches und ziemlich wirres Geschwurbel. Ich werde versuchen, es kurz zu halten. Aber ich bin seinerzeit angetreten, um mit diesem Blog meinen Weg als Autor authentisch zu begleiten. Und zur Authentizität gehören nun einmal auch die nicht so positiven Stimmungen.

Es steht ja schon in der Überschrift: Könnten wir vielleicht schon eine Woche später haben?

In einer Woche wäre nämlich die ganze Buchmesse mit allem drum und dran schon vorbei. Klingt das paradox? Glaubt mir, so fühlt es sich auch an. Ist die Buchmesse nicht ein Highlight? Eine der Veranstaltungen, auf die man das ganze Jahr hindurch hin fiebert?

Ja – und nein.

Ja, ich fiebere darauf hin, weil ich mich freue, wieder nach Leipzig zu kommen. Ich mag die Stadt, wenigstens das, was ich davon gesehen habe. Und ich mag die Messe mit ihrem Trubel und den vielen, vielen Menschen, von denen ich hoffe, einige wiederzusehen und andere zum ersten Mal zu sehen.

Nein, ich fiebere nicht darauf hin, weil ich das Gefühl nicht los werde, dass ich damit nicht klar kommen werde, mit dem Ganzen. Ehrlich, jedes Mal, wenn wieder einer meiner Internet-Bekannten einen euphorischen Vorausblick auf die Messe schreibt, denke ich mir: Ja, ich gönne es dir. Viel Spaß. Wir sehen uns vielleicht nächstes Jahr.

Ich weiß sogar, woran das liegt. So langsam machen sich die ganzen Problemchen bemerkbar, die den Messebesuch ein wenig überschatten. Ich bin immer noch nicht ganz auf dem Damm, was meine Gesundheit angeht. Und ich fürchte, dass sich das bis Freitag, wenn mein Messeabenteuer startet, auch nicht wesentlich verbessern wird.

Ein weiterer Punkt ist, dass mir die Sache mit der Unterkunft (ihr erinnert euch) massiv nachhängt. Ich bin inzwischen so paranoid, dass ich bei jedem Pling meines Smartphones als erstes nachschaue, ob ich eine neue Nachricht von AirBnb bekommen habe, die besagt, dass ich am Freitag ohne Obdach da stehen werde. Unnötig zu sagen, dass ich fast davon ausgehe, dass meine Zugverbindungen alle nicht klappen werden, oder?

Und über die Lesung darf ich auch nicht so wirklich nachdenken. Entgegen dem, was ich ja erst noch neulich schrieb, fühle ich mich nämlich überhaupt nicht vorbereitet. Aber mal so gar nicht. Ich habe zwar nicht direkt Angst, mich zu blamieren, aber das ganze Drumherum … ehrlich, das macht mir schon Sorgen.

Aber auch wenn die Lesung vorbei ist, dann sind da ja noch die Messetage selbst zu füllen. Ich habe ja extra darauf verzichtet, mir ein zu starres Korsett aus Terminen überzustreifen. Aber jetzt fühlt es sich so an, als habe ich damit auch jede Struktur zum Teufel geschickt. Als würde aus einem „ich schaue mal, was es so gibt“ ein „es gibt alles und nichts und nichts davon habe ich gesehen“.

Nein, diese Labilität fühlt sich nicht gut an. Aber ich muss da jetzt durch. Ich kann und will mir nicht die Bettdecke über den Kopf ziehen und so tun, als ginge mich das alles nicht an. Meine Probleme werden sich nicht in Luft auflösen, aber vielleicht werde ich feststellen, dass doch alles einigermaßen gut geklappt hat. Was auch immer „gut“ dann im einzelnen bedeutet.

Ich habe letzte Woche mit meinem Psychodoc über das Thema gesprochen und er hat mich gefragt, was ich ihm denn gerne bei unserem nächsten Treffen, kurz nach der Messe, darüber erzählen würde. Ich habe ihm drei Punkte aufgezählt, die ich jetzt nicht verraten werde (das wäre böses Voodoo). Aber hinterher werde ich euch gerne wissen lassen, ob meine „Wünsche“ in Erfüllung gegangen sind.

Und bis dahin muss ich die negativen Stimmungen einfach aushalten. Weil der größte Teil von mir eben dann doch nicht will, dass wir schon eine Woche später haben.

Weil der größte Teil von mir denkt, dass so eine Buchmesse ein geiles Event ist!

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Nur eine kleine Pille

Ich habe euch ja schon häufiger mal auf Comicstrips von Clays fantastischer Seite Depressioncomix aufmerksam gemacht. Im Normalfall binde ich einfach den jeweiligen Strip hier als Reblog ein und sage nur ein oder zwei Sätze dazu. Nun, in diesem Fall sollen es dann vielleicht vier oder fünf sein. Einfach weil der Anblick in mir Erinnerungen ausgelöst hat, die ich mit euch teilen mag.

Aber werfen wir zunächst gemeinsam einen Blick auf den Comic, um den es mir heute geht. In diesem bekommt eine junge Frau ein Rezept ihres Arztes. Er verschreibt ihr Antidepressiva, aber sie hat Angst, die Tabletten zu nehmen. Sie befürchtet, dass ihre Persönlichkeit dadurch verändert wird, dass sie sich selbst nicht mehr erkennen könnte. Und sie fürchtet, dass sie ihre Kreativität abtöten.

Ihr Freund oder Bekannter sagt ihr daraufhin, dass sie im Augenblick immer nur down sei, sogar davon spreche, sterben zu wollen. Und nicht zuletzt habe sie seit Monaten nicht mehr gemalt. Im letzten Panel sitzt die junge Frau an einem Tisch und sagt, frei übersetzt: »Okay, ihr Pillen, bitte nehmt nur die Dunkelheit von mir. Nehmt nichts von mir von mir.«

Ich kenne viele Menschen, die sich auf die eine oder die andere Art in dieser Art Gedanken wiederfinden oder wiedergefunden haben. Kaum eine Sorte Medikamente steht in so großem Verruf, wie es Antidepressiva tun. Tatsächlich gibt es Leute, die glauben, dass diese Pillen den Menschen, der sie nimmt, zu jemand ganz anderem macht.

Nun, in mancherlei Beziehung mag das sogar so sein, denn es gibt Patienten, die durch die Einnahme solcher Mittel die Möglichkeit gefunden haben, sich selbst in einer Art und Weise zu verändern, wie sie es sich vielleicht schon lange gewünscht, es sich aber nicht getraut haben. Solche Änderungen gefallen nicht jedem. Zum Beispiel in solchen Fällen, in denen aus einem grauen Mäuschen, das man immer schön unterbuttern konnte, auf einmal ein selbstbewusster Mensch wird, der sich zu wehren weiß.

Natürlich bewirken das nicht Tabletten alleine. Es ist eine Menge harte Arbeit nötig, um Prozesse in Gang zu setzen, die zu solchen Veränderungen führen. Die Pillen können über die Startschwierigkeiten hinweg helfen. Ich selber sage immer, dass sie mich in die Lage versetzen, an meinen Themen zu arbeiten.

Und doch war auch ich skeptisch und von Vorurteilen befallen, als ich vor ungefähr sieben Jahren das erste Mal ein entsprechendes Rezept in der Hand hielt. Und es ging mir ganz genau so wie der jungen Frau in dem Comic. Am meisten sorgte ich mich darum, dass durch eine sich wie auch immer äußernde Veränderung meine Fähigkeiten, mich kreativ zu betätigen, endgültig der Vergangenheit angehören würden.

Ich hatte damals keinen Freund, der mich darauf hinwies, dass in dieser Hinsicht sowieso schon lange nichts mehr lief, wie es sollte. Aber ich brauchte auch keinen. Das wusste ich nämlich selber besser, als es mir lieb sein konnte. Zwar hatte ich im Sommer 2009 ein kurzes Kinderbuch geschrieben, aber mein letzter „richtiger“ Roman lag bereits fünf Jahre in der Vergangenheit. Seit bald drei Jahren doktorte ich an seinem Nachfolger herum, was aber nichts anderes bedeutete, als dass ich mir alle paar Monate seufzend das knapp 100 Seiten lange Fragment ansah und es wieder zur Seite legte.

Ein Teil von mir war immer der Ansicht gewesen, dass es vielleicht gerade meine psychische Verletzbarkeit war, die es mir ermöglicht hatte, zu schreiben. Dass in dieser Hinsicht nicht alles zum besten bei mir bestellt war, war mir lange schon klar, auch wenn ich es nicht benannte und in gewisser Weise darauf wartete, dass es sich von alleine Bahn brechen würde (was es dann 2010 auch tat).

Aus der Sicht von heute fällt es mir schwer, diese Gedanken nachzuvollziehen, weswegen ich auch an dieser Stelle keinen Versuch wagen möchte, die Hintergründe zu erklären. Aber auf jeden Fall hatte ich diese Sorge, nun wirklich und unwiderruflich nie wieder schreiben zu können.

Und es kam, wie es kommen musste: Im darauffolgenden Jahr fasste ich meine Tastatur, soweit ich mich erinnere, nicht ein einziges Mal an. Ich kramte zwar hin und wieder in alten Entwürfen, bekam meine melancholischen fünf Minuten, weiter ging es aber nicht.

Ob die Tablette daran Schuld hatte? Das wage ich mal ganz fest zu bezweifeln. Aber wie sich herausstellen sollte, befanden sich sowohl mein damaliger Arzt als auch ich selbst ein wenig auf dem Holzweg.

Er hatte mir zwar ein Medikament verschrieben, mich aber ansonsten alleine mit mir, meinen Gedanken und meinem Irrglauben gelassen. Irgendeine Form von Begleitung fand nicht statt. Und wenn es mir, wie es heute vollkommen logisch erscheint, nach einigen Monaten schlechter ging, dann wurde in Reaktion darauf die Dosierung meiner Pille erhöht. Und je weniger das anschlug, desto schlechter ging es mir und desto unvorstellbarer wurde es, jemals wieder zu schreiben.

Und dann kam der Tag, an dem es nicht mehr weiterging. An dem ich psychisch so richtig aus meinem bisherigen Leben gerissen wurde. Die Pille konnte nicht mehr höher dosiert werden und jetzt (!), über ein Jahr später, kam mein Arzt auf die Idee, dass es vielleicht gut für mich sein könnte, wenn ich mir auch therapeutische Hilfe suche.

Ich kam in eine entsprechende Klinik und lernte in mühevoller Kleinarbeit, mich mit mir selber auseinander zu setzen. Das war alles andere als leicht und dauerte etliche Wochen. In der Zwischenzeit bekam ich neue Pillen, probierten wir allerlei aus. Und, siehe da: Ich spürte Veränderungen. Veränderungen in der Richtung, dass ich auf einmal für manche Dinge neuen Mut aufbrachte.

Zum Beispiel dafür, mir ernsthafte Gedanken zu machen, ob ich nicht doch noch mal mein Glück mit dem Schreiben versuchen wolle. Gut, es dauerte dann noch einmal ein paar Monate und Zuspruch eines besonders lieben Menschen (an dieser Stelle liebe Grüße an meine kleine-große Schwester), bis ich mich einfach an die Tastatur setzte und los schrieb. Heraus kam ein Manuskript, das den Namen „Der Morgen danach“ trug.

In meinem Fall haben die Pillen nicht meine Kreativität getötet. Sie haben mich unterstützt, überhaupt wieder den Mut aufzubringen, mich als Autor gegenüber anderen Menschen zu outen und dann zu versuchen, meinen Weg zu gehen. Wer weiß, vielleicht gäbe es ansonsten auch diesen Blog nicht.

Dies soll keine Lobeshymne auf die Pharmaindustrie sein. Grundsätzlich ist jede Veränderung, die auch ohne den Einfluss von Medikamenten vonstatten geht, jener vorzuziehen, für die man bunte Pillen braucht. Aber es gibt Situationen, in denen es nicht anders geht. Ein Spruch, in dem ein Körnchen Wahrheit liegt, lautet: »Wenn du an Krebs erkrankt wärst, würdest du dir auch keine Gedanken machen, ob du die Medikamente nehmen sollst.«

Heute bin ich an einem Punkt, an dem mein neuer Arzt und ich überlegen, ob wir nicht das eine oder andere Medikament langsam ausschleichen können. Und ich bin immer noch hier und ich bin immer noch Autor. Und ich denke nicht, dass man mir das jemals wieder wird wegnehmen können.

Aber wer weiß, wo ich heute stünde, wenn es nicht zum richtigen Zeitpunkt diese kleine Pille gegeben hätte.