Eine Inspiration – Tausend Möglichkeiten für eine Geschichte

Am Anfang stand die nackte Realität. Durch einen Zufall war ich in der Wikipedia auf den Artikel über das Luftschiff LZ 120 gestoßen. In diesem wurde von einem Zwischenfall am 02.11.1919 berichtet, bei dem es zu einem Beinaheabsturz des Zeppelins und dem tragischen Tod eines Mitglieds der Haltemannschaft gekommen war.

Dieser Artikel berührte mich auf seltsame Weise. Besonders der, im typisch-nüchternen Stil eines Enzyklopädieartikels abgefasste, Satz: „Der Zwischenfall hatte ein Todesopfer gefordert: Ein Mitglied der Haltemannschaft in Berlin hatte das Schiff nicht rechtzeitig losgelassen und war aus 50 Meter Höhe abgestürzt.“

Mehr stand dort nicht geschrieben. Aber durch diese kleine Begebenheit am Rande erhielt der Zwischenfall von LZ 120 „Bodensee“ für mich eine zusätzliche Dimension, die mein Interesse weckte und meine Fantasie in Gang setzte. Was war da eigentlich geschehen, an jenem Wintertag in Berlin-Staaken?

Die Frage wanderte in mein kleines gedankliches Notizbuch und blieb dort für eine kurze Zeit. Doch schnell war mir klar, dass ich hier den Stoff für eine Geschichte hatte, die sich zwar an den historischen Tatsachen orientieren musste, aber dennoch genügend Raum für eigene Variationen bot.

Das fing schon mit der Frage nach der Erzählperspektive und der Herangehensweise an die Geschichte an. Durch die Geschehnisse waren drei Gruppen von Personen denkbar, aus denen ich mir einen Protagonisten aussuchen konnte: Die Besatzung von LZ 120, die Passagiere und die Mitglieder der Bodenmannschaft. Letztere bot sogar noch dahingehend Optionen, wahlweise einen unbeteiligten Beobachter oder aber jenen Arbeiter auszuwählen, der den Zwischenfall nicht überleben sollte.

Nun, da ich die Geschichte geschrieben und ihr sie gelesen habt, ist es ja kein Geheimnis, wie ich mich entschied. Aber ich denke, es ist schon lohnenswert, einmal darauf zu schauen, ob die Erzählung nicht auch mit einer der anderen Perspektiven funktioniert hätte.

Ich kann mir nur vorstellen, was in der Steuergondel von LZ 120 los gewesen ist, als das Schiff auf einmal anfing, unberechenbare Kapriolen zu schlagen. Die Besatzung war, soweit ich weiß, routiniert. Aber einen solchen Vorfall hatte es vorher nicht gegeben und daher gab es keine Erfahrungswerte. Während der Landung war ein Luftschiff in der Tat auf Hilfe von außen angewiesen und ich stelle es mir als sehr mulmiges Gefühl vor, die unmittelbare Gefahr zu sehen und nicht eingreifen zu können.

Auch der Entschluss, das Luftschiff wieder freizugeben, barg einiges an Risiken. Durch die Schäden, die LZ 120 erlitten hatte, war fraglich, ob eine halbwegs sichere Landung zu einem späteren Zeitpunkt durchführbar war. Tatsächlich war der Zeppelin, als er Staaken verließ, Wind und Wetter ausgeliefert. Kein Wunder, dass ob dieser Dramatik niemand an Bord das Drama, das sich unter dem Schiff an einem der Halteseile abspielte, mitbekam.

Selbiges gilt für die Passagiere an Bord, für die das dramatische Ende ihrer Reise ein Höllenritt gewesen sein muss. Man muss sich nur vor Augen halten, dass das Fliegen an sich damals noch eine ganz andere Sache war, als es das heutzutage ist. Heute steigt man für 29 Euro in einen Flieger und ist in drei Stunden an einem Mittelmeerstrand. Damals war eine Flugreise nicht nur teurer, sondern auch noch mit einem Hauch des Abenteuers und der Exklusivität versehen. Dementsprechend dürfte die Zusammensetzung der Passagiere gewesen sein.

Dass sich aus den persönlichen Geschichten der Reisenden vor dem Hintergrund eines Unglücks ein gutes Garn spinnen lässt, hat das Genre des Katastrophenfilms seit seinen Anfängen mit „Airport“ oder „Der Untergang der Poseidon“ immer wieder bewiesen. Was trieb die Menschen an, die im Angesicht des drohenden Absturzes ihr Heil im Sprung aus der Kabine sahen? Was geschah in jenen Minuten in der Gondel unter dem Walfischbauch?

Über die Passagiere von LZ 120 schweigt sich der Artikel, der für mich den Anstoß zu „Der Traum vom Fliegen“ lieferte, aus. Was kann einem Schriftsteller besseres passieren, als ganz viele Blaupausen, die er mit Leben füllen kann?

Und dennoch habe ich mich dazu entschlossen, dorthin zu gehen, wo die Aktion ist, wo für mich das eigentliche Drama dieses Tages liegt, auch wenn es in der offiziellen Geschichtsschreibung nur eine Randbemerkung sein mag.

Auch über die Hintergründe der Personen der Haltemannschaft kann man viel herbei spekulieren. Sicher ist, dass es sich hierbei zwar um eine verantwortungsvolle, nichts desto trotz aber um eine Hilfsarbeit gehandelt hat. Etwas für den typischen Arbeiter, dessen Muskeln ihm bessere Dienste leisten mussten als sein Verstand.

Der Gedanke liegt nahe, dass 1919 eine große Zahl dieser Männer noch vor kurzem im Feld gestanden hat. Der Krieg war zum Zeitpunkt des „Bodensee“-Vorfalls noch kein Jahr beendet und Deutschland steckte in den Anfängen einer Republik, die sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt ihrer Feinde von innen und außen erwehren musste. Auch hier hätten sich viele Projektionsflächen auf die Arbeiter angeboten.

Ich habe mich entschieden, gezielt die Person zu beschreiben, die am Ende als einziges Opfer dieses Tages zu beklagen war – falls ihn jemand beklagt hat, heißt das. Auch hierzu erfährt man aus dem Artikel nichts, nur, dass die Passagiere von LZ 120 bester Laune waren, als man sie nach der schlussendlich erfolgreichen Notlandung zurück nach Berlin kutschierte.

Mein Friedel hätte also so gut wie alles sein können. Ein grantiger Ex-Soldat, der mit sich und der Welt hadert, weil er, als gefeierter Kriegsheld, dazu gezwungen ist, sich seinen Lebensunterhalt durch diese stupide und niedere Arbeit zu verdienen. Oder er hätte ein Student sein können, der auf der Suche nach körperlichem Ausgleich für die harte Denkarbeit, diese Stellung angenommen hat.

Dass Friedel der geworden ist, als der er sich nun dem Leser vorstellt, hat er dem Satz zu verdanken, der mir als erster der Geschichte durch den Kopf gegangen ist und der sich, leicht variiert, auch jetzt noch an ihrem Ende befindet: „Ich werde mich nicht mehr lange halten können, aber vielleicht werde ich fliegen.“

So etwas kann nur ein Mensch denken, dessen Traum vom Fliegen so groß und mächtig ist, dass er nicht einmal durch die Gefahr und das nahe Lebensende völlig ausgelöscht werden kann. Damit stand fest, dass Friedel liebt, was er tut und dass er alles dafür geben wird, um seine Tätigkeit zum Wohle des Luftschiffs auszufüllen.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, meine und seine Geschichte.

Ich freue mich, dass „Der Traum vom Fliegen“ bei vielen meiner treuen Kommentatoren und Leser gut angekommen ist. Ich hatte Zweifel, weil die Prämisse der Geschichte nun einmal eine historische Begebenheit ist. Aber davon ausgehend hätte die Geschichte so vieles sein können, was sie letztlich nicht wurde. Die Möglichkeiten waren da, wie ich in diesem Beitrag schildern wollte.
Manchmal kommt es nur darauf an, aus tausend Möglichkeiten die richtige zu wählen.

Danach muss man nur noch schreiben.

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