Die dunkle Seite von Social Media

Wie ihr wisst, habe ich ein ziemlich ambivalentes Verhältnis zu den sozialen Netzwerken. Das mag auf die eine Art überraschend sein, wenn man bedenkt, dass ich mich mit meinem Blog recht aktiv im Bereich Social Media bewege. Aber wenn man sich das eine oder andere ansieht, das insbesondere bei Facebook üblich ist, dann wird es vielleicht verständlicher.

Wer von euch hat sich nicht schon einmal über die Menschen amüsiert oder aufgeregt, die Freundschaftsanfragen im Dutzend verschicken, weil ihr größtes Seelenheil darin zu liegen scheint, dass sie eine mindestens vierstellige Freundezahl haben? Eine nicht kleine Zahl belässt es nicht einmal dabei, sondern lässt einem, wenn man es nicht unterbindet, laufend Aufforderungen zu irgendwelchen Spielen zukommen oder dazu, sich das eine oder andere anzuschauen. Einigen reicht nicht einmal das, sondern sie bedrängen einen mit Chat-Anfragen, die erkennbar nirgendwo hin führen. Wie auch, wenn man außer der Plattform keine Gemeinsamkeiten miteinander teilt?
Das alles ist natürlich harmlos und lässt sich gut ignorieren. Man vergibt sich ja nichts deswegen und es führt auch zu keinen Konsequenzen. Es ist ja nicht so, als ob Leben davon abhingen, nicht wahr?

Das Buch, das ich gerade lese, hat mich dennoch ein wenig nachdenklich gemacht. Es handelt sich um den Thriller „Die Gästeliste“ der Autorin Sanne Averbeck. In diesem geht es um die Geschäftsfrau und hauptberufliche Influencerin Carola, die ein dichtes Netz aus sozialen Kontakten, mehr oder weniger angeblichen Freunden und ganz vielen Menschen, die sich durch die Bekanntschaft mit ihr Vorteile erhoffen, um sich gewoben hat. Dabei ist diesen Menschen überwiegend nicht klar, dass Carola am Ende nur ihren eigenen Vorteil im Blick hat und ebenso schnell bereit ist, einen Kontakt auszusortieren, wenn er ihr keinen Vorteil mehr bietet, wie sie sich bereit findet, neue Gesichter in ihren inneren Zirkel aufzunehmen, solange nur irgendwas dabei herauskommt.

Nun kommt es, wie es in einem Thriller kommen muss: Irgendwann beginnen sich in Carolas Umfeld die Todesfälle von mehr oder weniger guten Freunden und Geschäftspartnern zu häufen. Sogar ihre beste und wahrscheinlich einzige aufrichtige Freundin Bianca wird beinahe zum Opfer des Täters.

So ziemlich jeder Mensch würde sich in dieser Situation sicherlich Sorgen um die Leute in seinem Umfeld und sich ansonsten ins Höschen machen vor Sorge, dass er bald der nächste Todeskandidat auf der Liste des Killers sein könnte. Nicht so Carola. Carola sieht alle diese Taten als Zeichen, sie persönlich fertig und gesellschaftlich unmöglich zu machen. Auf die jeweilige Todesnachricht reagiert sie nur insofern entsetzt, wie es ihrem Standing als Social-Media-Persönlichkeit schaden könnte. Sanne Averbeck schildert Carola als absolut empathielos gegenüber dem Leid anderer.

Ich stelle mir die ganze Zeit – ich bin, wie gesagt, noch nicht mit dem Roman durch – die Frage, inwiefern ein solches Verhalten realistisch ist oder sein könnte. Und das führt mich zurück zu meiner persönlichen Beziehung zum Social Media.

Ich kenne eine ganze Reihe an ganz hervorragenden, netten und lieben Autorinnen und Autoren, Bloggerinnen und Blogger. Einige persönlich, andere bis jetzt leider nur virtuell. Die meisten von ihnen tun das, was sie tun, mit ehrlichem Enthusiasmus und einer Neugierde nicht nur auf die Welt, von der sie berichten, sondern auch auf die Menschen, die sich in ihr bewegen.

Es macht Spaß, sich mit ihnen auszutauschen und ich bedaure aufrichtig und mehrmals in der Woche, dass ich nur so ein begrenztes Zeitkontingent habe, um eben dies zu tun. Aber die Arbeit arbeitet sich nicht von alleine und Romane schreiben sich, zum Glück, auch noch nicht von selbst.

Allerdings habe ich auch Menschen kennengelernt, die ein klein wenig von Carola in sich haben. Nun, niemand von ihnen würde über Leichen gehen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Da wollen wir die Fiktion und die Realität doch schön auseinander halten.

Aber manchmal beschleicht einen schon das Gefühl, dass das, was gerade passiert, das Gespräch, das gerade läuft oder die Dinge, die man so mitbekommt, nur deswegen passieren, weil sich jemand davon ein gewisses Vorankommen verspricht.

Das dumme ist nur, dass man es im Internet den Menschen nicht von der Nasenspitze her ansehen kann. Man muss lernen, die Worte zu interpretieren und auf die kleinen Nachlässigkeiten zu achten, die sich hin und wieder einschleichen. Dabei sind im übrigen nicht automatisch die, die sich gerne selbst darstellen, die „Bösen“ und die, die immer zuerst danach fragen, wie es dir eigentlich gerade geht, die „Guten“.

Wie gesagt: Das Leben ist vielschichtiger als ein Roman.

Perfide ist, dass wir alle hin und wieder anfällig dafür sind, uns ein wenig weiter in die Gefilde der Selbstdarstellung zu begeben, als wir es eigentlich gerne von uns selbst hätten. Ich musste mich jedenfalls schon bei dem Gedanken ertappen, dass es vielleicht sinnvoll sein könnte, sich hier und dort genau dann und wann sehen zu lassen. Oder bei diesem und jenem vielleicht und sofort mitzumachen. Oder genau dieses und jenes genau jetzt in meinen Blog zu schreiben. Weil es mich weiterbringen könnte.

Machen wir uns nichts vor – jeder möchte gerne vorankommen. Hey, diesen Blog gibt es auch nicht nur, weil ich ein Schwätzer bin, der sich selber gerne reden hört. Na ja, nicht nur halt … 😉 .

Und machen wir uns weiter nichts vor, dass wahrscheinlich die meisten von euch gerne wüssten, ob ich Personen im Hinterkopf habe, die genau das tun, was ich hier beschreibe. Soll ich euch was sagen? Würde mir genauso gehen. Und es wäre ein weiterer Schritt dorthin, Social Media etwas von seiner Großartigkeit, die es unbestritten hat, zu nehmen und statt dessen lauernd mit dem Finger aufeinander zu zeigen. Wie sagt man doch so schön: Wer ohne Fehler ist, der werfe den ersten Stein.

Was ich mit diesem Beitrag eigentlich, angeregt durch diesen Thriller, sagen möchte ist, dass wir alle gut auf uns selbst und aufeinander aufpassen sollten, um ein gesundes Maß zwischen dem Wunsch nach eigenem Vorteil und einem wirklich zugewandten Umgang miteinander zu finden und dann auch zu pflegen.

Ich schreibe gerne hier im Blog und würde gerne mehr in den anderen Netzwerken schreiben. Aller Ambivalenz zum Trotz. Und auch wenn ich natürlich, so wie alle anderen, meine Aufrufzahlen und dergleichen mehr halbwegs im Blick habe, schaffe ich es doch meistenteils, eben nicht nur dem nächsten Reichweitenrekord hinterher zu jagen oder mir sonst wie bessere Ausgangslagen zu verschaffen.

Social Media, wie ich es begreife, sollte Spaß machen. Sollte dem Austausch dienen. Ist dafür da, sich nicht nur zu vernetzen, sondern sich auch zu unterstützen. Nicht mit Hintergedanken, sondern weil man wirklich bereit ist, an einem Strang zu ziehen.

Dafür möchte ich werben. Der Rest passiert dann irgendwann ganz von alleine.

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