Fakt und Fiktion (23) Rausgehen, kämpfen, nicht aufgeben!

Ich bin mir sicher, dass ich vor Urzeiten in diesem Blog schon einmal erwähnt habe, dass ich Fußballfan bin. Keiner von denen, die alle Nase lang ins Stadion rennen und auch keiner von den ganz dogmatischen, die sich den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigen. Ich lerne auch weder den Kicker noch die Sportbild auswendig und wenn das runde Leder im Fernsehen gezeigt wird, setzt bei mir auch nicht sofort der pawlowsche Reflex ein, mich mit Chips und Bier vor den Apparat zu setzen und Zeit und Raum um mich zu vergessen.

Äh … was wollte ich sagen? Ach ja, ich wollte euch eine Analogie aufzeigen, die mir heute klar geworden ist. Und die hat etwas mit der Tatsache zu tun, dass ich Fußballfan bin. Und zwar, um genau zu sein, Fan des FC Schalke 04.

Okay, ihr habt jetzt ein, zwei Minuten Zeit, um mitleidig zu grinsen, empört den Blog zu schließen (etwa weil ihr Fan von Borussia Dortmund seid), mit dem Finger auf mich zu zeigen, oder mir in Anbetracht der sportlichen Situation der Königsblauen einmal mitleidig auf die Schulter zu klopfen.

Für die, die sich nicht so mit dem Tagesgeschehen in der Fußball-Bundesliga beschäftigen: Meine Schalker sind, obwohl vor der Saison gut verstärkt und von einigen auch hoch gehandelt, mit fünf Niederlagen in fünf Spielen in die Saison gestartet. Dabei waren Niederlagen, die absehbar waren (Bayern München), aber auch welche, die absolut unnötig (Wolfsburg) oder sogar ärgerlich waren (Hertha BSC Berlin).

Wie dem auch sei, im Moment läuft es einfach nicht bei den Schalkern. Oder, wie Andy Brehme einst sagte: „Hast du Scheiße am Fuß, hast du Scheiße am Fuß“.

Und heute wurde mir klar, um auf die Analogie zurückzukommen, dass „mein“ Club und ich im Moment eines gemeinsam haben. Wir sahen uns gut aufgestellt, aus den Erfahrungen der Vergangenheit heraus gewappnet und durchaus in der Lage, erfolgreich unserem Job nachzugehen. Die Vorbereitung war nicht schlecht, davor wurde die Pause genutzt, um die Kräfte wieder zu mobilisieren. Der Trainer hatte einen Plan, eine Vision.

Und ab da ging es den Bach runter.

Ich dachte auch, dass ich aus der Schreibpause gut erholt herausgegangen wäre. Ich sah mich mit einem, für meine Verhältnisse, gut vorstrukturierten Plot gerüstet, um mein Personal, das ich ebenfalls gut zusammengestellt und aufeinander abgestimmt habe, erfolgreich durch mein Manuskript zu führen.

Und dann ging es den Bach runter.

Aber so erfolglos es im Moment auch zu sein scheint, aus der Nummer kommen wir nicht heraus. Weder die Spieler, noch ich. Weder die, noch ich, können einfach den Kopf in den Sand stecken und sagen, dass es das jetzt gewesen ist. Es hängt einfach zu viel dran. Bei den einen Geld, Erfolg, Prestige, bei mir immerhin mein geliebtes Hobby.

Das bedeutet, dass Aufgeben keine Option ist. Das ist mir klar geworden. Ich habe in dieser Woche, die für mich in Sachen Schreiben wieder mal extrem frustrierend war, mehrmals daran gedacht, einfach still und leise ein „Geschlossen“-Schild an den Blog zu hängen und mich einfach wieder in die vorgezogene Winterpause zu verabschieden.

Aber das wäre der falsche Weg!

So, wie auf Schalke der Trainer und die Mannschaft versuchen müssen, neuen Zugang zu den vorhandenen Stärken zu finden, damit irgendwann endlich ein Erfolgserlebnis eingefahren wird, so muss auch ich versuchen, diesen Zugang zu finden. Es kann sein, dass trotzdem noch die eine oder andere Niederlage kommen wird. Aber wichtig ist es, nie aufzugeben. Man kann verlieren, das gehört zum Spiel dazu. Aber man darf nicht vorher schon die Segel streichen.

Weil man es vor allem sich selbst schuldig ist, alles zu versuchen, um wieder in die Spur zu kommen. Und wenn erst einmal ein positives Erlebnis da ist, dann hört es vielleicht auch auf, so krampfig zu sein, wie es im Moment nun einmal ist.

Für mich gilt dasselbe, wie ich es von meinem Fußballverein erwarte: Rausgehen, kämpfen, nicht aufgeben! Und wenn Fehler passieren, dann putzt man sich den Mund ab und macht weiter. Mag sein, dass es Leute gibt, die einen dafür auspfeifen, aber es gibt auch genügend, die einem trotz allem die Daumen drücken. Und an einen glauben.

Irgendwann wird es dieses Erfolgserlebnis geben. Vielleicht an diesem Wochenende, vielleicht auch erst am nächsten. Man muss nur fest darauf vertrauen. Und irgendwie weitermachen.

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Fakt und Fiktion (22) Jetzt nur nicht krank werden – oder doch!?

Im Vorfeld von wichtigen Ereignissen macht man sich ja manchmal die komischsten Gedanken. Das kennt ihr sicher auch. Und je näher eines dieser wichtigen Ereignisse, in diesem Fall nämlich die Leipziger Buchmesse, rückt, desto komischer werden die Gedanken.

Wir haben im Augenblick ja mal wieder eine richtiggehende Grippeepidemie. Wenn meine Chefin sich schon krank meldet und ein paar Tage zu Hause bleibt, dann muss sie richtig krank gewesen sein. Und auch ansonsten schnieft und schnüffelt es an allen Ecken und Enden. Inzwischen hat es auch meine Tochter erwischt, auch wenn ich da eher von einem grippalen Infekt ausgehe, der natürlich nicht besser wird, wenn man bei diesen arktischen Temperaturen in dünnen Klamotten vor die Türe geht …

Aber gut, noch steht sie, sie hustet halt viel und ausdauernd. Und hat eine Schniefnase. Und verteilt Bazillen. Und ich habe das Gefühl, dass die sich alle auf mich stürzen und mich anstecken könnten.

Irgendwann ist ja, rein statistisch betrachtet, jeder an der Reihe. Man muss nur lang genug angehustet worden sein, bis man irgendwann selber anfängt zu kröchen. Aber ich fühle mich noch gut.

Und da kommen die komischen Gedanken.

Der kleine Witzbold in meinem Kopf meint nämlich, dass ich mich, hört her, zwar jetzt noch gut fühle, aber irgendwann bin ich, rein statistisch betrachtet, wie gesagt, sowieso dran. Und der Witzbold führt weiter aus, dass das sehr wahrscheinlich pünktlich zur Buchmesse der Fall sein wird. Weil es richtig viel Spaß macht, mit einem verschnupften Kopf durch die Messehallen zu flanieren. Mal ganz davon abgesehen, dass ich dann richtig gut bei meiner Lesung mitmachen könnte.

Und weil der Witzbold halt so witzig ist, schlägt er mir vor, ich solle mich doch am besten jetzt schon mal anstecken, dann hätte ich es rechtzeitig hinter mir. Die Ratio, die ja hin und wieder auch noch was zu sagen hat, hält dagegen, dass es nicht unbedingt die feine Art ist, sich eine Krankheit herbei zu wünschen. Stattdessen solle ich doch lieber aufpassen, dass ich mich gesund genug ernähre, vielleicht ein wenig mehr Obst esse und allgemein gut auf mich aufpasse.

Der Witzbold hat dann den guten Rat ausgepackt, ich könne mir ja so einen netten Mundschutz zulegen, mit dem die Leute in Japan immer herumlaufen. Selten so gelacht.

Nein, ich werde die Lage einfach weiter im Auge behalten und versuchen, mich von allen Bazillenmutterschiffen fern zu halten. Dann muss meine Tochter halt bis auf Weiteres auf innige Umarmungen verzichten. Fällt einem Teenager jetzt auch nicht so schwer.

Aber falls der Witzbold mich doch noch dazu kriegen sollte, bei eisigen Temperaturen eine Runde im Rhein schwimmen zu gehen, um mich entweder abzuhärten oder aus den Pantinen zu hauen, dann werde ich euch das an dieser Stelle mitteilen.

Memo an mich selbst: Grippemittel und Nasenspray mit zur Buchmesse nehmen. Man weiß ja nie …

Fakt und Fiktion (21) 2018 hat was gegen mich

2018 hat was gegen mich.

Na ja, streng genommen gehöre ich ja zu den Menschen, die der Ansicht sind, dass grundsätzlich erst einmal jedes Jahr etwas gegen sie hat – bis sie vom Gegenteil überzeugt werden. Ihr wisst schon, das ist die Geschichte, dass man nicht von schlimmen Dingen überrascht werden kann, wenn man immer von den schlimmsten Dingen ausgeht.

Aber da mache ich einmal, ein einziges Mal, den Fehler, nicht sofort das Schlimmste anzunehmen und diese Gelegenheit nutzt 2018 hinterrücks, um mir einmal mit Anlauf in den Hintern zu treten.

So, nachdem wir jetzt alle zusammen eine Schweigeminute eingelegt haben, um diesen schlimmen Umständen würdig zu begegnen, kommen wir zu den Fakten.

Ich hatte es ja schon auf Twitter und in Auszügen auch gestern erzählt: Alles startete damit, dass meine Frau in ihrem Hobbyraum einen neuen Fußboden verlegen wollte/musste. Der Teppichboden war an einigen Stellen einfach durch, wie es nicht ausbleibt, wenn man viel mit einem Bürostuhl unterwegs ist und dabei immer wieder mal zwischen dem Schreibtisch, dem Tisch mit der Strickmaschine und diversen anderen Plätzen hin und her wandert.

Also haben wir uns bestmöglich vorbereitet, Materialien für einen neuen Boden gekauft und dann, an Silvester, wieso auch nicht, angefangen, das Zimmer leer zu räumen.

Ich hatte frühzeitig angekündigt, dass ich eigentlich keine große Lust hätte, die Sachen alle irgendwo nach oben im Haus zu schleppen und zu verteilen. Da ich von nur einer kurzen Renovierungszeit ausging, lautete mein Vorschlag, alles in mein Zimmer zu räumen, soweit der Platz denn eben reicht. Wie ihr den gestrigen Bildern entnehmen konntet, reicht der Platz ziemlich weit.

Gut, also streng genommen lag die erste unangenehme Überraschung noch in 2017, aber ich bin bereit, auch diese schon 2018 auf die Fahne zu schreiben. Die Schränke, die wir von der Wand rückten, zeigten im unteren Bereich leichte Verfärbungen. So, als ob dort Stockflecken dabei wären, sich aufs Ausbreiten und Blühen vorzubereiten.

Jeder, der schon mal mit den Themen Feuchtigkeit und Wachstum in den eigenen vier Wänden konfrontiert wurde, kann sich sicher vorstellen, wie groß unsere Begeisterung war. Zumal wir uns nicht so recht erklären konnten wie das passieren konnte.

Aber gut, erst einmal war ja Silvester und auch wenn wir keine große Feierlichkeit hatten, wollten wir uns doch einen netten Abend mit den Kindern machen.

Und dann, an Neujahr, schlug 2018 zum ersten Mal so richtig zu!

Ich saß an meinem PC, als die Tür aufging und meine Frau mit einem triumphierenden (ja, wirklich!) Gesichtsausdruck im Türrahmen stehen blieb. Mehr blieb ihr ja auch nicht übrig, denn zu zweit passen wir nicht mehr in mein Zimmer hinein 😉 .

Sie habe jetzt gefunden, woher die Verfärbungen kämen. Und zwar sei ihr aufgefallen, dass es an den Füßen ein wenig kalt ziehen würde. Daraufhin habe sie einmal eine der Fußleisten von der Wand gerissen (die sollten ja ohnehin mit dem Teppich verschwinden) und dahinter einen breiten Streifen „gar nichts“ vorgefunden.

Mit anderen Worten: Da hatte jemand zwar anscheinend eine Isolation an die Wand gebracht, aber die reichte nicht bis ganz zum Boden. Und damit konnte sich hinter der Fußleiste kalte Luft sammeln, die dann die Schränke erreichte und anfing, Schaden anzurichten.

Zu dem Zeitpunkt war ich schon bedient, denn wenn die Fußleisten bei meiner Frau nicht ganz dicht waren, dann sind sie das auch in meinem Zimmer nicht, wo der Teppich auf dieselbe Weise verlegt wurde. Und dabei hatte ich noch zwei Tage vorher gesagt, dass ich meinen Teppich auf jeden Fall behalten wolle …

Nun gut, oder auch, nun schlecht. Meine Frau meinte, wenn es sich wirklich nur um dieses kleine Stück fehlender Isolation handele, dann könne man mit ein wenig Bauschaum oder dergleichen daran gehen, die Lücke zu schließen und alles sei gut.

Aber dann: 2018, ihr wisst schon.

Am nächsten Tag, ich saß wieder auf der Arbeit, klingelte das Telefon. Meine Frau. Und ich hatte irgendwie vorher schon das Gefühl, dass da keine guten Nachrichten kommen würden. Es kamen auch keine. Sie hatte sich das Ganze noch einmal angesehen und auch mal dahinter gegriffen. Sie konnte dort die Platte ertasten, die zur Isolation verwendet worden war. Sie konnte sie ertasten und … nach oben schieben!

Wieder mit anderen Worten: Die „Isolation“, die da jemand an die Wand gebracht hatte, war alles andere als sicher, vollständig, oder auch nur wirklich isolierend. Denn sonst hätte sie sich nie im Leben bewegen dürfen.

Das war der Moment, in dem wir uns entschlossen, dass wir doch lieber mal jemanden einen Blick drauf werfen lassen sollten, der richtig Ahnung von der Materie hat. Wir sind aus insgesamt drei Wohnungen ausgezogen, weil es dort Probleme mit Feuchtigkeit gab. Da verliert man irgendwann jegliches Gefühl von „Spaß“, wenn es um solche Dinge geht – zumal, wenn auf einmal das eigene Haus gefährdet zu sein scheint.

Zum Glück hatten wir so einen Fachmann direkt an der Hand, weil der ab kommender Woche ohnehin bei uns einrücken und unsere Dusche neu verfliesen wird. Er kam, sah, traute seinen Augen nicht und sagte uns, dass das, was da verlegt worden war, alles war, nur keine Isolation. Da waren offensichtlich irgendwelche Gipsplatten an die Wand gebracht worden, zusammen mit Styropor (!). Ein perfekter Nährboden für Kälte, für Feuchtigkeit, wenn man lange genug wartet, auch für Schimmel.

Sein Rat daher: Alles rausreißen. Sowohl die Wandverkleidungen als auch die Holzdecke. Alles weg, um erst gar keinen potenziellen Nährboden zu bieten. Um ganz auf Nummer sicher gehen zu können, die glatten Flächen mit Silikatfarbe streichen. Klar, es gäbe auch schönere Methoden, aber die gingen dann richtig, richtig ins Geld. Gut, jetzt muss man dazu sagen, dass weder bei meiner Frau, noch bei mir, viel freie Wandfläche zu sehen ist. Also die Farbe.

Der Handwerker machte uns ein Angebot für die Arbeiten und die Entsorgung, die wegen der blöden Gipsplatten richtig teuer ist. Roundabout 1.200 Euro für jedes der beiden Zimmer.

Und 2018 so: Ha, ha, ha, ha, ha!

Okay, irgendwie schluckt man ja jede Kröte, die einem das Leben so hinwirft. Sogar die, dass das Ganze dann wesentlich länger dauern wird, als wir eigentlich gedacht hatten und insbesondere meine Frau jetzt mehr oder weniger beschäftigungslos in der Gegend herum sitzt.

Am vergangenen Mittwoch kam ich dann auf die Idee, ich könne ja mal ein Foto von dem Chaos in meinem Zimmer machen. So für den Blog, als nette kleine Kuriosität am Rande. Ihr ahnt schon, was passiert ist, oder? Könnt ihr es lachen hören?

Ich kam von der Arbeit nach Hause und hängte mein Smartphone an den Strom, weil der Akku nur noch zu 22% geladen war. Nach dem Abendessen nahm ich es vom Kabel und – alles blieb dunkel. Und blieb dunkel. Und wurde auch nicht wieder hell. Egal, was ich mit dem Gerät anstellte, nichts regte sich mehr. Nachdem es schon länger die eine oder andere Macke zeigte, war jetzt endgültig Schicht im Schacht.

Halten wir fest: Am 01.01. zeigte sich, dass wir im Keller meiner Frau ein Problem haben. Am 02.01. stand fest, dass es nicht ausreichen würde, einen neuen Fußboden und ein bisschen Bauschaum zu verlegen. Der 03.01. brachte die Gewissheit, dass wir sogar ein gewaltiges Problem in den beiden zu Wohnraum ausgebauten Kellern haben. Am selben Tag gab mein Smartphone seinen Geist auf. Das Angebot des Akustikbauers flatterte uns am 04.01. ins Haus und löst durchaus ein Seufzen aufgrund der zu erwartenden Kosten aus.

Der 05.01. und der 06.01. waren bis jetzt okay. Aber man weiß ja nie, was sich dieses Jahr noch so alles einfallen lässt.

Also wenn ihr in den Nachrichten hören solltet, dass aus heiterem Himmel ein Haus in Duisburg explodiert ist, und falls ich mich daraufhin hier nicht mehr zu Wort melden sollte, dann seid ihr jetzt in der Lage, die richtigen Schlüsse zu ziehen …

Fakt und Fiktion (20) Wo soll denn hier Begeisterung herkommen?

Zuerst bin ich mir nicht ganz sicher, ob es nur an mir liegt. Schließlich fühle ich mich nicht besonders. Mich hat irgendein Virus erwischt und abwechselnd die Woche über ans Bett gebunden oder früher von der Arbeit (meinem Arbeitsversuch) wieder nach Hause gehen lassen. Der Doc hat mich krank geschrieben.

Und trotzdem sitze ich jetzt hier, in der Aula der Schule von Kind 1, weil das bei uns organisatorisch heute nur so geklappt hat. Für später ist noch ein Elternabend angesetzt, aber ausnahmsweise ist der mal nicht das Problem – auch wenn Elternabende immer ein steter Quell der Freude sind, wie mir alle Eltern gerne bestätigen werden.

Nein, vor den Elternabend haben die Götter der Schulplanung noch eine Informationsveranstaltung gesetzt, in der es um die Chancen der Schüler nach der Beendigung ihrer Schullaufbahn ohne Abitur gehen soll. Gut, im Normalfall gehe ich nicht davon aus, dass uns das betreffen könnte, aber man will ja nicht hinterher dumm da stehen.

Und so sitze ich zusammen mit vielleicht einhundertfünfzig anderen Eltern in diesem großen Raum und lausche den Ausführungen eines großen, breitschultrigen Mannes, der redet. Und redet. Und redet. Und wenn er nicht irgendwann von der begleitenden Lehrerin eine nette Ermahnung bekommen hätte, dass es langsam gut ist, wohl immer noch reden würde.

Der nette Mann – ich gehe jedenfalls davon aus, dass er nett ist – kommt von der Handwerkskammer und wirbt dafür, dass man für seine Kinder auch die Möglichkeit in Betracht zieht, in einen der Berufe einzutreten, die durch diese Kammer vertreten werden.

Wenn ich richtig aufgepasst habe, macht er das seit inzwischen elf Jahren. Also sollte man meinen, dass er das inzwischen drauf hat, vor Eltern zu sprechen, sie für seine Sache zu begeistern, das Interesse an seiner Botschaft zu wecken.

Leider – nein.

Wie gesagt, zuerst glaube ich noch, dass es an mir liegt, weil ich einfach nicht gut drauf bin. Aber dann fängt neben mir das Getuschel an. Und hinter mir wird getuschelt. Und gegenüber kann ich sehen, wie die Köpfe zusammengesteckt werden.

Ich suche den Blick der Lehrerin und sehe, wie sie alle paar Sekunden auf die Uhr sieht. Der gute Mann spricht seit ungefähr einer Viertelstunde. In einem Tempo, das einem Auto mit vier Platten gleicht. Auf dem Standstreifen stehend.

Er spricht davon, dass wir unsere Kinder begeistern sollen. Wir sollen sie dafür begeistern, sich zu informieren und vielleicht sogar Praktika in einem Handwerksbetrieb zu machen. Es reagiert niemand darauf. Selbst als er von den Verdienstmöglichkeiten spricht (wusstet ihr, dass ein Goldschmiedlehrling im ersten Lehrjahr weniger (!) als 200 Euro verdient?) sind die Reaktionen spärlich.

Ich kann dem Mann immer schwerer folgen und wenn ich in sein Gesicht sehe, dann weiß ich: Er weiß, dass er keinen von uns erreicht. Er weiß, dass er nicht in der Lage ist, uns zu begeistern. Und wenn er uns nicht begeistert, wie sollen wir dann Begeisterung bei unseren Kindern wecken? Ich glaube nicht, dass auch nur einer von uns Eltern mit dem Gefühl nach Hause gegangen ist, dass Handwerk wirklich goldenen Boden hat.

Das jedenfalls versucht der Mann uns zu erzählen – und die Lehrerin verkneift sich ein Gähnen.

Ich möchte dem Mann sagen, dass er es ähnlich machen soll wie Autoren, wenn sie sich auf einen Auftritt, eine Lesung, vorbereiten: Stell dich vor den Spiegel, gehe deinen Text mit lauter Stimme durch, übe den Sprachfluss, die Pausen, setze Pointen. Mache alles, was dir einfällt, aber langweile dein Publikum nicht, denn du willst dich, deine Sache und dein Buch (bei dem Mann seine mitgebrachten Flyer) verkaufen.

Am Ende bleibt nicht einmal die Zeit, Fragen zu stellen, weil der Monolog so lange gedauert hat, dass nun alle Eltern zu den jeweiligen Elternabenden streben. Ich glaube aber nicht, dass jemand eine Frage gehabt hätte.

Wo soll denn hier Begeisterung herkommen? Das ist in diesem Moment meine einzige Frage.

Als ich später nach Hause komme, übergehe ich die Infoveranstaltung mit ein paar simplen Worten. Sie war für uns sowieso nicht relevant. So denke ich. Aber dennoch hätte ich mir für den sicherlich sehr sympathischen Mann gewünscht, dass er in der Lage gewesen wäre, sich und sein Anliegen besser zu verkaufen.

Kaum jemand mag abschreckende Beispiele. Und so habe ich, trotz allem, etwas aus der Veranstaltung mitgenommen: Wenn ich mal in die Verlegenheit komme, eine Lesung zu halten, dann werde ich mich besser vorbereiten.

Weil ich mein Publikum begeistern will!

Kann aber auch sein, dass das nur ein Fiebergedanke war.

Fakt und Fiktion (19) Die neue Küche

Frauen gehören in die Küche.

Dieser Satz, der mittlerweile mehr als zwei Jahrhunderte auf dem Buckel hat, hat in diesen Tagen eine Abwandlung erfahren. Frauen gehört die Küche! Und zwar in einer Art und Weise, die manche Zeitgenossen immer noch zu überfordern scheint. Aber auch zu begeistern, wie ich gleich schildern werde.

Nachdem sich das Drama um das Erbe meiner Frau (die Stammleser unter euch erinnern sich vielleicht, dass ich im Oktober 2015 (!) mal was zu dem Thema geschrieben habe) so langsam seinem Ende zuneigt und sie das als eine perfekte Gelegenheit begriffen hat, ihr ganz persönliches Drama mit unserer Küche, die sie nie wirklich lieb gewonnen hat, zu beenden, fand ich mich am Montag in einem Möbelgeschäft wieder. Dieses Geschäft warb zusätzlich just in dieser Woche mit immensen Preisnachlässen auf frei geplante Küchen des ausgeguckten Herstellers.

Und, meine Güte, war diese Küche frei geplant! Meine Frau hatte buchstäblich den kompletten Sonntag darauf verwandt, mit den diversen Planungstools der diversen Hersteller einen Küchenblock zusammenzustellen, der den Platz in unserer nicht allzu großen Küche mal eben halbieren, oder – in anderer Lesart – bestmöglich ausnutzen würde.

Nun unterlief dem Mitarbeiter, als er sich uns näherte, der beinahe klassische Faux-pas: Er gab erst mir und danach meiner Frau die Hand. Woher kommt es eigentlich, dass die meisten Mitarbeiter in Möbelläden, Autogeschäften und Technikmärkten der Ansicht sind, der Mann habe beim Kauf die Hose an? Dass es in diesem Fall nicht so sein würde, merkte der davon abgesehen sehr kompetente und freundliche Mitarbeiter dann recht schnell.

Es folgte ein zweistündiger Parforce-Ritt durch die Niederungen und Widrigkeiten der Küchengestaltung. Das hatte etwas vom Hasen und dem Igel: Wann immer der junge Mann eine Frage stellen wollte, bekam er schon die Antwort meiner Frau darauf, die sich genau darüber bereits Gedanken gemacht hatte.

Mit zunehmender Dauer des Gesprächs konnte man sehen, dass die Sache anfing, dem Verkäufer Spaß zu machen. Das wurde auch durch seine Kommentare deutlich:

„Wieso wusste ich, dass ich auf diese Frage eine Antwort bekommen würde?“

„Ich brauche die Frage gar nicht erst zu stellen, nehme ich an?“

„Das war genau das, was ich hören wollte.“

Dass die Zusammenstellung der Küche dennoch an die zwei Stunden dauerte, war zum einen der Vielzahl an Elementen geschuldet, zum anderen aber auch der Akribie, mit der das Spielchen betrieben wurde.

Ich gebe zu, dass es für mich zwischendurch ein wenig eintönig wurde. Für mich wäre die alte Küche noch gut gewesen, wobei „alt“ ein dehnbarer Begriff ist. Wieder O-Ton des Verkäufers:

„Wie oft kauft man sich schon eine neue Küche?“

Bei uns liegt der Schnitt irgendwo bei sieben Jahren, Tendenz fallend 😉 . Da musste er dann einräumen, dass er ein wenig daneben gegriffen hatte mit seinem Kommentar.

Aber gut, das Geld ist da/wird da sein und wenn es denn der Sache und dem Seelenfrieden meiner Frau dient, dann bitteschön.

Für mich war nur sehr angenehm, dass einige Punkte, die der nette Herr ansprach, durchaus zu dem passten, was auch ich vorher in den zwei, drei Diskussionen, die wir zu Hause geführt hatten, erwähnt hatte. Etwa, dass man für ein neues Induktionskochfeld auch neue Töpfe brauche. Meine Bemerkung auf einen entsprechenden Versuch des Verkäufers war ein großer Lacher:

„Geben Sie sich keine Mühe, die neuen Töpfe reden Sie meiner Frau nicht aus. Ich hab’s versucht!“

Irgendwann, kurz bevor die Putzfrauen kamen und den Laden durchfegten, waren wir dann aber doch so weit, dass man zur Auswertung des Geplanten und damit auch zum Preis kommen konnten.

Der Verkäufer fing an zu machen und zu tun, klickte mal hier in seinem Programm und mal dort und wies uns prophylaktisch schon einmal darauf hin, dass wir bitte nicht

„reflexartig die Flucht ergreifen“

sollten. Mich konnte er eh nicht schocken, denn ich hatte mir schon einen ungefähren Preis überlegt, auch wenn ich mich standhaft geweigert habe, den vorher preiszugeben. Und siehe da: Am Ende kommen wir fast dabei heraus.

Ihr würdet jetzt gerne eine Zahl haben, oder? Nee, die verrate ich euch nicht. Ich sage nur so viel: Unser Auto hat weniger gekostet als das, was der Küchenhersteller alleine für die Schränke aufgerufen hat. Durch die Preisaktion und das eine oder andere Entgegenkommen des Verkäufers, dem man sehr deutlich anmerken konnte, dass er a) so eine Küche nicht oft plant und b) auf Provisionsbasis bezahlt wird, zahlen wir aber doch um einiges weniger als für einen neuen Wagen. Inklusive der Elektrogeräte, die auch alle neu sind.

In der Zwischenzeit hatte sich schon eine Traube von anderen Verkäufern um uns gebildet, die immer mal wieder vorbei kam, um sich das Modell auf dem aufgehängten Fernseher anzuschauen. Auch der, der uns die letzte/jetzige Küche verkauft hatte, war dabei. Der erinnerte sich sogar noch an uns. Aber wahrscheinlich nur, weil er damals für eine Unachtsamkeit verantwortlich war, die für eine ungeplante Änderung sorgte, die wiederum mit dafür verantwortlich ist, dass meine Frau mit der Küche nie glücklich gewesen ist.

Hm, wenn ich jetzt so drüber nachdenke, müsste der gute Mann eigentlich einen Teil der neuen Küche übernehmen …

Zum Ende hin konnte ich dann aber doch noch einmal was für mein Selbstwertgefühl tun, indem ich meiner Frau quasi die Pistole auf die Brust setzte, jetzt diesen Kaufvertrag zu unterschreiben. Denn zum einen gelten die günstigen Konditionen nur noch bis Donnerstag und zum anderen kann ich mir nicht vorstellen, dass die anderen kleinen „Klitschen“, die uns von der Küchenfirma als Händler angegeben worden sind, bei diesem Preis mitgehen können. So war ich am Ende doch in verantwortlicher Position am Kauf dieser Küche beteiligt. Gut, nicht?

Aber dennoch, da beißt die Maus keinen Faden ab: Diese Küche gehört meiner Frau. In jeder Beziehung.

*Geht weinend in seinen Keller ab*

😉

Noch ein paar Gedanken zum Autoren-Altenheim

Meine Idee vom netten kleinen Altenteil, auf das sich alle meine Autorenkolleginnen und -kollegen zum (hoffentlich noch weit entfernten) Ende ihres Lebens hin zurückziehen können, ist ja ganz gut angekommen.

Immer wieder wurde gesagt, dass es eine schöne Fiktion oder auch Vision sei. Das hat mich dazu gebracht, noch einmal darüber nachzudenken. Also konkret darüber, ob sich so eine Idee nicht wirklich verwirklichen lassen würde.

Also erst einmal die ernüchternden Fakten: Natürlich sind wir Autoren alle unterschiedlich alt. Wenn ich in den Spiegel (oder noch schlimmer: in den Personalausweis) schaue, dann muss ich mir gestehen, dass auch ich inzwischen in einem Alter bin, in dem ich durchaus als Papa unserer jüngeren Mit-Autorinnen infrage käme, wenn ich mich früh genug um Nachwuchs bemüht hätte. Dementsprechend komme ich auch viel schneller aufs Altenteil.

Der zweite Aspekt ist die räumliche Entfernung. Schon jetzt ist es ja schwierig, sich mal im echten Leben über den Weg zu laufen. Dafür sind wir einfach zu sehr in ganz Deutschland bzw. dem benachbarten Ausland verteilt.

Aber das sind Punkte, die doch eigentlich, streng genommen, nur die konkreten Personen aus meiner kleinen faktischen Fiktion betreffen.

Nehmen wir an, dass sich die Idee vom Autoren-Altenheim auf einer breiteren Front realisieren ließe. Es gibt heute schon Künstlerkolonien, wie unter anderem Wikipedia zu berichten weiß. Einige von denen auch ausdrücklich für Künstler, die sich ihrem Lebensabend nähern. Und auch, wenn diese zumeist von bildenden Künstlern genutzt werden, steht doch letztlich einer auf Autoren ausgerichteten Kolonie nichts im Wege.

So eine Kolonie könnte durchaus vergleichbar zu einem Altenheim geführt werden. Zugegeben, es wäre ein exklusives Altenheim. Aber es könnte Einrichtungen in verschiedenen Preisklassen geben, ganz so, wie es auch heute schon der Fall ist.

Was sich aber nicht unterscheiden dürfte, wären die Betreuungs- und Erbauungsinhalte, die in diesen Einrichtungen angeboten würden. Das ist jetzt auch nichts Besonderes, sondern ein Anspruch, den ich auch heute schon an Alten- und Pflegeheime hätte, nämlich dass dort auch unabhängig von der Größe des jeweiligen Geldbeutels gute Arbeit geleistet wird, die dem Bewohner zugewandt ist.

Auf diese Weise wäre alles möglich: Vom kleinen Heim in der Innenstadtlage bis hin zur ausgewachsenen Künstlerkolonie an der Nordsee oder im Schwarzwald. Ich stelle mir eine Kooperation vor zwischen einem gesundheitlichen Träger und einem Verband, der über die inhaltliche Ausrichtung für ein auf Schriftsteller zugeschnittenes Programm wacht. Bestandteile dieses Programms wären etwa Lesungen, wie ich sie in meiner Fiktion beschrieb, aber es wären auch viele andere Dinge möglich.

Das Gehirn eines Schriftstellers lebt in der Kreativität und von der Kreativität. Ich gehe davon aus, dass die meisten „von uns“ bis ins hohe Alter hinein diese Kreativität behalten und pflegen wollen. Das kann man fördern. Die Wissenschaft ist dabei, die Formeln der Kreativität zu erkunden (da gab es gerade neulich einige interessante Artikel im „Focus“ zu).

Diese Erkenntnisse könnten alle in ein gesamtheitliches Konzept einfließen, das von Autoren für Autoren gemacht wird und uns allen zugute kommt.

Sicher, das Konzept hat seine Haken und Ösen. Weil es eben kein richtiges Konzept ist, sondern nur eine kleine Spinnerei. Ein Gedankenspiel. Allerdings eines, das sich auch ohne zu viel Aufwand an Phantasterei in die Realität umsetzen ließe. Wenn man denn wollte.

Oder in einen netten kleinen Roman, fällt mir an der Stelle ein. Seht ihr: Alleine schon der Gedanke an ein fiktives Paradies für alternde Autoren hat in mir kreative Energien geweckt. Was wohl erst die reale Umsetzung bewirken könnte!?

Vielleicht sollte mal jemand bei den entsprechenden Autorenverbänden vorfühlen. Freiwillige vor! 😉

Fakt und Fiktion (18) Schriftsteller-Altenteil

Auch wenn man es sich bei dem heutigen Wetter eher schlecht vorstellen kann, war es vorgestern richtig schön. Die Sonne schien, der Himmel war blau, die Temperaturen kletterten bereits am Morgen auf Werte, wie wir sie ansonsten nur in den Sommermonaten erreichen.

Ich hatte einen Termin bei meinem Hautarzt, der sich sehr über die Erfolge an den Problemzonen an meinen Händen freute, die eingetreten waren, nachdem wir die Medikamente abgesetzt haben, die mehrere tausend Euro teuer waren. Manchmal, so sagte er im Scherz, ist es besser, einfach mal nicht zu behandeln und auf die Kraft der heilenden Hände zu vertrauen.

Aber gut, was will ich mich beklagen, wenn nur die Probleme in den Griff zu kriegen sind.

Auf dem Rückweg zu meinem Arbeitsplatz kam ich an dem Krankenhaus vorbei, das direkt hinter meiner Dienststelle liegt und in dem es mehrere psychiatrische und geriatrische Stationen gibt. Hier hat unter anderem mein Opa eine ganze Weile gelegen, aber auch ich habe schon die Leistungen des Hauses in Anspruch nehmen dürfen.

Als ich das Gebäude passierte, fiel mir eine Gruppe von Menschen auf, die, zumeist in Rollstühlen sitzend, in einem Kreis beieinander waren. Die meisten von ihnen waren alt, aber es waren auch einige jüngere anwesend. Ein oder zwei von ihnen waren klar als Pfleger oder Krankenschwester zu erkennen.

Ein junger Mann hatte eine Gitarre in der Hand und spielte. Es war eine deutsche Version des wunderschönen Liedes „Auld Lang Syne“. Einige der Rollstuhlfahrer hielten Textbögen in der Hand, vereinzelt wurde mitgesungen oder -gesummt. Andere ließen nur den Blick in die Runde oder die Entfernung schweifen und es war nicht ersichtlich, ob sie sich gerade darüber bewusst waren, wo sie sich befanden und was sie taten. Aber ich denke, dass es ihnen auch gut getan haben wird, die Musik zu hören.

Ich konnte mich nicht lange aufhalten und hätte es auch unhöflich gefunden, wenn ich gaffend bei der Gruppe stehen geblieben wäre. Aber dieses Bild hat mich beschäftigt.

Kaum um die Straßenecke herumgegangen stellte ich mir vor, wie es wohl wäre …

Warm scheint die Haut auf mein Gesicht, das hilflos in die Sonne blinzelt. Dann entdeckt Schwester Frieda meine Situation und schützt meine Augen mit der Sonnenbrille, die ich selber wegen meiner klapprigen Hände nicht mehr auf meine Nase bugsieren kann.

Wir sind heute zu früh, scheint mir, denn es ist noch niemand außer uns da. Vielleicht wussten die Krankenhausmitarbeiter auch nicht, dass wir uns heute draußen treffen. Aber bei diesem schönen Wetter wäre es eine Sünde, in dem stickigen Saal zu sitzen.

Ah ja, da kommen sie ja schon, meine werten Kolleginnen und Kollegen. Ganz vorne weg, wie eigentlich immer, die Michaela. Stets zwei Schritte vor dem Pfleger, der sie eigentlich stützen soll. Aber sie war ja immer schon so stürmisch, wenn ich mich richtig erinnere. Das mit dem Erinnern klappt in letzter Zeit nicht mehr so gut.

So geht es auch dem Simon, der sich nicht mehr an seinen richtigen Namen erinnern kann. Deswegen habe ich es auch aufgegeben, ihm immer und immer wieder die Cover seiner alten Bücher zu zeigen, wo der Name drauf steht. Aber ansonsten ist er geistig beweglich wie eh und je, was sich in mancher Diskussion zeigt. Ja, manchmal diskutieren wir. Fast wie früher.

Weitere wohlbekannte und erwartete Gesichter erscheinen nach und nach, alleine, oder in Gruppen. Da ist Kia, unser Nesthäkchen, die bis ins hohe Alter herumgereist ist und uns auch heute noch mit ausgefallenen Tee-Ideen versorgt. Den ewigen Kamillentee kann doch kein Schwein – mit Verlaub – mehr sehen!

Ach, und Margaux treibt gerade mal wieder ihren Pfleger zur Verzweiflung, weil sie sich von ihm gar nichts sagen lässt. Ich kann mich noch erinnern, wie überrascht der arme Kerl war, als er erstens erfuhr, dass Margaux sich selbst als submissiv bezeichnet, und wie frustriert, als sie ihm einbläute, dass das nichts mit ihm zu tun hat und niemals haben wird. Kann einem fast leid tun, der Mann.

Und da sind Katherina, Nike und Nora, die sich schon jetzt und wahrscheinlich auch schon den ganzen Morgen austauschen über Welten voller fantastischer Wesen, Vampire und Märchengestalten. Ich weiß, dass die Ärzte ganz verzweifelt sind, weil sie nicht herausfinden, was davon jetzt romantische Auseinandersetzung ist und an was davon die drei wirklich glauben.

Aber ich, ich weiß es. Denn ich kenne sie. Ich kenne sie alle, die vielen Männer und Frauen. Auch die, die heute nicht bei uns sind. Einige, weil sie bei ihren Familien zu Besuch sind oder, die etwas fitteren unter uns, sogar berufliche Termine haben.

Ein günstiger Wind des Schicksals hat uns hier zusammengeführt, herbeigeweht aus allen Teilen der Welt, teils sogar Ländergrenzen überschreitend.

Inzwischen haben wir, die wir heute zur Stunde zusammengekommen sind, einen Kreis gebildet. Frau Hofmann hat sich auch eingefunden und strahlt mit einem Lächeln jeden von uns an, dass es mich alten Mann richtig aufblühen lässt. Dann greift sie zu den Unterlagen, die sie mitgebracht hat.

»Heute lesen wir, wie letzte Woche angekündigt, einige Passagen aus dem Roman sechsuhrsieben von Frau Kalcher. Ist die heute gar nicht da?«

»Nein«, antworte ich. »Mea hat heute im Verlag zu tun, wo sie hin und wieder noch aushilft.«

»Nun gut, dann werden wir eben das nächste Mal mit ihr darüber sprechen, wie es war, als sie den Roman geschrieben hat.«

Dann räuspert Frau Hofmann sich und beginnt, mit ihrer glockenhellen Stimme zu lesen. Ich schließe die Augen, spüre die Sonnenwärme auf meinem Gesicht und erinnere mich an die Zeit, als ich selber noch geschrieben habe. Bevor die Hände nicht mehr wollten, wie ich will.

Aber ich bin im Kreise von Menschen, denen es so geht wie mir, die nie aufgehört haben, das Schreiben und alles, was damit zu tun hat, zu lieben.

Ja, ich kann sagen, ich bin glücklich!

Der Gedanke ließ mich lächeln, auch wenn ich wusste, dass es so eine Gruppe, so eine Zusammenkunft in der Realität niemals geben würde. Dafür sind wir zu sehr verstreut, auch das unterschiedliche Alter spielt eine Rolle. Und überhaupt: Wem gönnt man schon, bei aller Romantik, den Lebensabend in einem solchen Heim? Da soll doch lieber jeder in seinem vertrauten Umfeld und – vor allem – mit den geliebten Menschen alt werden. Ganz individuell, wie er und sie es möchte.

Deswegen schob ich die Vorstellung auch schnell mit einem Grinsen beiseite, nicht jedoch ohne mir zu sagen, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, sie hier aufzuschreiben.

In der Hoffnung, dass meine werten Kolleginnen und Kollegen, sofern sie dies denn lesen, ebenfalls ein wenig grinsen oder doch wenigstens schmunzeln müssen.