Neue Kurzgeschichte: Der Traum vom Fliegen

Lange angekündigt – und jetzt fertig. Ich habe es nach zähem Ringen geschafft, diese schon länger in mir rumorende Kurzgeschichte zu zähmen. Sie ist mit fast 3.400 Wörtern recht lang geworden, aber ich hoffe, euch dennoch gut damit unterhalten zu können.

Die Geschichte ist für mich in gewisser Weise eine Premiere, basiert sie doch auf realen Geschehnissen, wie sie sich am 02. November 1919 zugetragen haben. Insofern hatte ich Unterstützung beim Plot, nicht aber bei der Figur, die ich schildere und bei der ich mir schriftstellerische Freiheit erlaubt habe.

Aber genug der Vorrede, die Geschichte ist schließlich lang genug. Ich wünsche euch viel Spaß mit


Der Traum vom Fliegen

Manchmal wünschte ich, ich könnte fliegen. Frei wie ein Vogel, die Schwingen ausgebreitet, dahin segelnd auf den Luftwirbeln. Mit freiem Blick in die unendliche Weite und auf das, was unter mir zurückgeblieben ist. Auf die Erde, die mich gefangen hält und mich an sich bindet.

Dann stelle ich mir vor, wie ich über der Welt schwebe, mal hierhin und mal dorthin treibe. Nach oben steige und nach unten hinab stoße. Die Ruhe genießend und die Sonne jagend.

Heute ist die Sonne nicht zu sehen. Und die Last der Schwerkraft liegt auf mir. Ergänzt durch den Schnee, der aus den dichten Wolken fällt und mich ebenso wie meine Kollegen bedeckt. Die Schirmmütze möchte mir durch das zusätzliche Gewicht dauernd in die Augen rutschen und ich komme kaum damit nach, den Schnee herunter zu wischen.

»Das ist doch ein Wahnsinn«, sagt Mäxchen Meier neben mir. Eine dicke Wolke Atemluft strömt zusammen mit den Worten aus seinem Mund. »Die müssen doch längst umgekehrt sein.«

»Geht nicht«, sagt Baumann, der Chef unseres kleinen Trupps. »Dafür reicht deren Treibstoff nicht. Konnte ja keiner ahnen, dass sich direkt über unseren Köpfen ein Schneesturm zusammenbrauen würde.«

»Nee, ist klar. Sprechen die Wetterfrösche ja auch erst seit einer Woche von.«

»Schnauze, Brand. Ist das erste Mal, dass die Frösche recht gehabt haben.«

»Trotzdem«, mault Brand, der etwas vierschrötige Pankower. »Wir haben November, da kann man schon mal mit schlechtem Wetter rechnen.«

»Du solltest dich im Büro melden«, sage ich. »Du bist für den Posten hier überqualifiziert.«

Brand lacht, dass seine Wampe heftig ins Wackeln gerät. »Sagt meine Olle auch immer. Was halten Sie davon, Chef?«

»Was du machst, nachdem wir den Vogel sicher in den Käfig gebracht haben, ist mir herzlich egal. Aber jetzt zieht gefälligst eure Handschuhe an. Ich glaube, ich höre was.«

Eigentlich ist es unmöglich, bei dem heftigen Brausen des Windes irgendetwas zu hören, aber wenn Baumann sagt, dass er etwas hört, dann stimmt das. Er hat die meiste Erfahrung von uns allen. Und er kennt, als einziger, soweit ich weiß, die Angelegenheit von oben und von unten. Ich kann bis jetzt nur vom Fliegen träumen. Aber Baumann war schon da oben.

»Friedel träumt schon wieder mit offenen Augen«, sagt Mäxchen und wirft mir einen leicht anzüglichen Blick zu. »Blond oder brünett?«

»Ach, halt doch dein Maul.«

Ich ärgere mich darüber, dass ich mich über Meier ärgere. Schweigend ziehe ich die Spezialhandschuhe aus der Tasche meines Overalls. Schon wieder will mir die Mütze vom Kopf rutschen, aber ich kann sie noch einfangen. Mit den Dingern an den Händen wird das schwierig. Aber ohne die Mütze geht es nicht. Ich muss klare Sicht auf das Geschehen haben.

Plötzlich höre ich das, was Baumann schon vor allen anderen gehört hat: Ein leises Brummen, das rasch lauter wird. Der Vogel ist im Anflug.

»Gut, gut, er ist trotz des Wetters fast pünktlich!«

Ich habe keine Ahnung, wie er das geschafft hat, aber ein Blick auf die große Uhr am Hauptgebäude überzeugt mich davon, dass Baumann recht hat. Wieder einmal.

»Los, meine Herren! Dann wollen wir mal.«

Das Brummen klingt so, als ob irgendwo über uns ein ganzer Bienenschwarm stehen würde. Ein riesiger Schwarm aus wütenden Drohnen, der sich nun langsam zu uns herab senkt.

Aber ich habe keine Zeit mehr, mich in meinen Gedanken zu verlieren. Zusammen mit den anderen renne ich los, auf das freie Feld. Jetzt merke ich erst, wie stark der Wind wirklich weht. Der Schnee scheint von überall und nirgends zu kommen. Er bedeckt den Boden und ich bin mir sicher, dass ich ausrutschen und fallen werde.

Wie, in drei Teufels Namen, soll ich den ›Bodensee‹ festhalten, wenn ich nicht einmal selbst einen sicheren Stand habe?

Aber zum Glück bin ich ja nicht alleine. Insgesamt sind wir dreißig Mann. Das hat bis jetzt noch immer ausgereicht, den Vogel in den Käfig zu bringen, wie Baumann es nennt.

Mein Blick geht suchend nach oben, aber ich sehe nur die tief über dem Feld hängenden Wolken. Wenn das Geräusch nicht wäre, würde ich beinahe glauben, dass wir paar Männer ganz alleine auf der Welt sind. Nicht einmal mehr das Hauptgebäude ist deutlich zu sehen. Am anderen Ende des Feldes ist die Halle, der Käfig.

»Männer!«, brüllt Baumann. »Das könnte ein bisschen holprig werden. Aber ihr wisst ja, wie es gemacht wird. Vertraut auf die Handschuhe und auf eure Erfahrung. Dann wird das ein Kinderspiel!«

Auf die Handschuhe vertrauen. Ja. Die Lederdinger, die so dick sind, dass sie meinen Tastsinn beinahe vollständig ausschalten. Aber sie müssen so sein, weil ich ansonsten die ungute Erfahrung machen würde, wie mir meine Haut von den Knochen geschält wird, wenn ich den ›Bodensee‹ packe. Manchmal bockt er ein wenig und bei diesem Wetter steht uns mit Sicherheit ein holpriger Ritt bevor.

»Das gefällt mir nicht«, sagt Brand. Ich verkneife mir einen Kommentar. Und ich verkneife mir die Gedanken, die ihm zustimmen wollen. Nein, mir gefällt das hier auch nicht sonderlich.

»Da!«

Wieder ist es Baumann, der es zuerst sieht. Er hat wirklich einen sechsten Sinn dafür. Wenn es hier jemanden gibt, der eigentlich eine Beförderung verdient hat, dann ist er es. Aber bis jetzt hat man ihn bei uns von der Bodenmannschaft gelassen.

Die anderen und ich starren in die Richtung, die er uns anweist. Und tatsächlich fällt in diesem Moment etwas durch die Wolken, schlägt auf dem Boden auf und wird dann von den Windböen hin und her geschleudert.

Wir sind zu weit gerannt und müssen nun ein Stück weit zurück. Mich packt die Aufregung, wie immer. Näher als in diesen Momenten komme ich dem Fliegen nicht.

Ich bin bei den ersten, die auf das Seil, das aus den Wolken gekommen ist, zu stürmen. Wie eine Schlange wirbelt es kreuz und quer über den Boden. Halb rutsche ich aus, halb ist es ein bewusstes Hinhocken. Doch dann habe ich das Seil. Ich habe den Vogel gepackt.

Nach und nach greifen auch die anderen Männer zu. So widrig auch das Wetter ist, wir halten ihm stand. Das Wichtigste ist jetzt, den ›Bodensee‹ nicht wieder ausbrechen zu lassen. Er mag ein Kind der Lüfte sein, aber unsere Aufgabe ist es, ihn am Boden zu halten.

Das Dröhnen und Brummen wird lauter. Wir halten das Seil fest. Für den Moment haben wir nicht mehr zu tun, als das. Der Rest muss nun von oben kommen.

»Gut so!«, ruft Baumann. Er lacht. Das alles macht ihm einen gewaltigen Spaß. Ich merke, dass ich mit lache. Dass ich dabei den Schnee schlucke, der mir in den weit geöffneten Mund fliegt, während ich den Kopf in den Nacken lege, stört mich nicht.

Ich warte auf den Moment, in dem ich ihn sehen kann. Auf diesen immer wieder erhebenden Augenblick.

»Achtung!«, ruft einer der Männer. Ich habe nicht verstanden, wer es war, aber den Grund bemerke ich sofort. Der ›Bodensee‹ driftet zur Seite und zieht uns mit sich. Da ist man einen Moment nicht aufmerksam und schon passiert so etwas. Ich halte das Seil fest und versuche, auf dem seifigen Boden genügend Halt zu finden, um ihn einzufangen. Neben mir legt sich Grunert auf die Nase. Aber auch er lässt das Seil nicht los. Wir sind eine gute Truppe.

»Da kommt er!«

Ich schaue wieder nach oben und ja, jetzt kann ich ihn sehen. Ein dunkler Schatten, dunkler als die Schlechtwetterwolken, senkt sich auf uns herab. Schlagartig ist unser Standort in Schwärze getaucht. Der Schatten setzt sich bis weit nach hinten fort. Circa einhundert Meter weit, wie ich weiß.

»Aufteilen, Männer!«

Auf Baumanns Ruf hin löst sich ein Teil unserer Schar und läuft weiter unter den Schatten. Ein weiteres Seil wird herunter gelassen. Dann fällt noch ein weiteres aus den Wolken.

Wir halten ihn fest, als ob es um unser Leben ginge. Ich halte ihn fest, als ob es um mein Leben geht.

Jetzt bricht der ›Bodensee‹ durch. Ich weiß, dass viele bei diesem Anblick an eine Zigarre denken. Für mich besaßen diese Giganten immer schon die Anmut eines riesigen Walfisches: Kraft gepaart mit Eleganz.

Das Luftschiff LZ 120 ›Bodensee‹ senkt sich auf das Flugfeld von Staaken nieder, angetrieben von seinen gigantischen Motoren und doch auf uns, die Männer von der Bodenmannschaft, angewiesen, um seinen Platz am Anlegemast zu finden, der dort drüben, unmittelbar vor der großen Halle, steht.

Ich kenne alle Daten und alle Details zu diesem Giganten der Lüfte. Wenn ich schon nicht wirklich am eigenen Leib erleben kann, wie es ist, damit zu fliegen, dann will ich wenigstens alles darüber wissen. Aber eine Passage zu buchen, das kann ich mir mit meinem Hungerlohn niemals erlauben.
Doch hier bin ich ihm nahe. Dem Traum vom Fliegen.

»Der kommt verdammt schnell runter«, sagt Kriminski neben mir. Ich wende mich ihm kurz zu und sehe, dass der alte Mann besorgt die Augen zusammen kneift. Kriminski ist am längsten von uns allen hier. Abgesehen von Baumann.

Ich schaue wieder nach oben und tatsächlich, es scheint, als ob sich der hundert Meter lange Körper des Luftschiffs viel schneller als sonst in Richtung Boden bewegen würde. Natürlich, der Wind. Wenn es hier unten schon so ungemütlich zugeht, muss es da oben noch wesentlich schlimmer sein.

Baumann kommt von weiter hinten angelaufen. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er mit den anderen weggegangen war.

»Zeichen von der Kabinencrew!«, ruft er gegen den Schneesturm an. »Sie haben Probleme!«

Ich kann die Kabine sehen, die unterhalb der Außenhaut des Giganten angebracht ist. Alles weitere ist zu weit entfernt, aber ich weiß, dass sich die Besatzung mit einer Flüstertüte verständlich machen kann.

»Was soll das heißen?«, ruft Grunert zurück.

Doch schon im nächsten Moment erfahren wir am eigenen Leib, was diese Meldung zu bedeuten hat.

Mit einem so nicht zu erwartendem Rucken werden wir von den Beinen geschleudert und finden uns im nächsten Moment auf dem eisharten Boden wieder. Ich habe das Seil losgelassen und sehe, dass es fast allen anderen auch so gegangen ist. Es wurde uns förmlich aus den Händen gerissen.
Wenn ich nicht die Handschuhe gehabt hätte, wäre mir glatt die Hand in der Mitte durchtrennt worden.

Der ›Bodensee‹ schlägt eine Kapriole in der Luft, als sei er ein Kunstflieger auf einer Ausstellung. Sein Bug wird nach oben gerissen, gleichzeitig senkt sich sein Heck herab.

»Verdammte Scheiße!«

Ich kann die Worte nicht hören, aber die Lippenbewegungen von Baumann waren eindeutig. Er ist schon wieder auf dem Weg nach hinten.

Ich sehe das Seil in einigen Metern Entfernung hin und her schwingen. Schnell bin ich wieder auf den Beinen und hänge mich daran, als ob mein Gewicht auch nur ein wenig ausmachen würde. Das Luftschiff wiegt mindestens zwanzig Tonnen. Und doch können wir es unter normalen Umständen leiten und sichern.

Aber das sind heute keine normalen Umstände.

»Hierher!«, rufe ich den anderen Männern, die bis gerade noch sprichwörtlich mit mir an einem Strang gezogen haben, zu.

Hinter mir ertönt ein lautes Krachen, wie ich es noch nie zuvor gehört habe. Erschrocken wende ich mich um und traue meinen Augen nicht: Ich kann gerade noch sehen, wie die Steuergondel ein paar Meter über den Boden des Landefelds gezogen wird. Der Zeppelin hat sich fast auf den Boden geworfen.

Mein Gott, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen!

Der Walfischbauch dreht sich zur Seite, als er von einer neuen Böe gepackt wird. Wenn sie ihn nun wieder zu Boden drückt, dann wird der Leib des Luftschiffs die kleine Gondel einfach unter sich zerquetschen.

Aber die Passagiere und die Männer der Besatzung haben Glück. Ein starker Aufwind packt den ›Bodensee‹ und hebt ihn wieder in die Luft. Rasend schnell wird das Heck nach oben gezogen. Dafür kommt der Bug nun wieder herab – genau auf mich zu!

»Nichts wie weg hier!«, ruft Kriminski neben mir. Ich weiß, dass ich das Seil loslassen und machen sollte, dass ich mich in Sicherheit bringe. Aber ich halte es weiter fest. Ich werde nicht klein beigeben. Solange ich hier stehe, wird dieses Luftschiff nicht einfach machen, was es will!

»Er hebt sich schon wieder!«

Mein Ruf bewegt einige der Männer, sich wieder umzudrehen und ans Seil zu hängen. Ich sagte ja, wir sind ein guter Trupp.

Für einen Moment liegt der Zeppelin waagerecht in der Luft und ich fange gerade an zu glauben, dass wir ihn doch noch werden normal landen können, als das Heck wieder gen Boden stürzt. Erneut schlägt die Gondel auf und …

Mein Gott, sind das Menschen, die da abspringen!? Es ist ziemlich weit entfernt und bei dem Sturm werden die Augen getrogen, zumal es mir irgendwann, ohne dass ich es recht bemerkt habe, die Mütze vom Kopf gerissen hat. Aber doch, da sind kleine Schatten, die sich von der Gondel lösen und wie Sandsäcke zu Boden stürzen. Ich verliere sie aus den Augen, sobald sie aufgekommen sind. Überhaupt habe ich gar keine Zeit, um mich davon ablenken zu lassen. Ich muss den ›Bodensee‹ festhalten!

Meine Arme schmerzen bis in die Schultern hinauf. Ich kann spüren, wie mich die Kraft langsam verlässt. Lange darf das hier nicht mehr dauern, ansonsten werde ich, ob ich will, oder nicht, aufgeben müssen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sich die meisten Männer absetzen. Ohne sich noch einmal umzublicken, laufen sie auf die große Halle zu. Habe ich gerade noch gedacht, dass wir alle nur an einem interessiert sind, nämlich den Zeppelin zu sichern? Nun, ich habe mich geirrt.

Für einen Moment tritt fast so etwas wie Ruhe ein. Der Sturm lässt ein wenig nach und gönnt mir eine Ruhepause. Ich nutze sie, um zu versuchen, einen Blick auf die Menschen zu erhaschen, die abgesprungen sind. Da hinten liegen dunkle Punkte auf dem weißen Boden und es ist absolut unmöglich, zu erkennen, ob sie sich noch regen, oder nicht.

Doch der Augenblick vergeht viel zu schnell und schon zerrt der Wind wieder am ›Bodensee‹, der wiederum an mir reißt.

Ich sehe, dass sich das Heck wieder hebt. Und nicht nur das, es gewinnt rasch an Höhe. Ich brauche eine Sekunde, bis mir der Grund dafür einfällt. Natürlich: Die Menschen, die gesprungen sind, haben das Gewicht des Luftschiffs verringert! Und dass es leichter geworden ist, bedeutet, dass es steigt. Verdammt, wir bräuchten genau jetzt jeden Mann an den Seilen!

Der Walfisch über mir setzt sich in Bewegung. Er wird auf die Halle zu getrieben. Ja, wirklich, es sieht nicht so aus, als ob die Besatzung noch die Kontrolle hätte.

Erschrocken sehe ich mich um. Zwar ist der ›Bodensee‹ gestiegen, aber es reicht nicht aus. Wenn er die gegenwärtige Höhe behält, dann wird er dagegen stoßen. Das gibt ein riesiges Unglück!

Verzweifelt klammere ich mich an das Seil, als ob allein mein Gewicht es schaffen könnte, den Giganten weiter nach unten zu ziehen. Doch selbst wenn es so wäre, wie soll ich dafür sorgen, dass der Zusammenstoß verhindert wird?

Gedanken an die möglichen Folgen schießen mir durch den Kopf. Kann der Wasserstoff, mit dem das Luftschiff gefüllt ist, durch den Aufprall explodieren? Vielleicht durch einen Funkenschlag?

Ich weiß es nicht, aber der Gedanke macht mich kribblig. Ich greife noch fester zu und überhöre das Kreischen meiner Muskeln.

Aber noch etwas anderes überhöre ich. Ich merke es erst, als sich das Besatzungsmitglied, das gerade noch mit dem Oberkörper und der Flüstertüte am Mund aus dem Fenster gelehnt hat, schon wieder verschwunden ist.

Ich suche Baumann, kann ihn aber nicht entdecken. Er ist immer noch irgendwo hinten am Heck. Vielleicht kümmert er sich auch um die Springer.

Aber – was ist das? Das Hinterteil hebt sich schnell in die Höhe, so als ob … ja, tatsächlich, da hängt niemand mehr an den Seilen! Wieso haben die denn alle losgelassen?

Als Reaktion packe ich nur noch fester zu. Das Seil und ich werden eins miteinander. Ich lasse nicht los. Da kann passieren, was will. Und wenn ich der Einzige bin, der diesen verdammten Zeppelin am Boden hält!

»Friedel!«, schreit es auf einmal aus dem Schneegestöber. Ich brauche eine Sekunde um zu realisieren, dass es mein Name ist, der da gebrüllt wird.

Ich schaue nach oben, wo der riesige Leib des ›Bodensee‹ Anstalten macht, wieder in die Wolken zu verschwinden. Was ist denn da los?

»Friedel!«

Erst beim zweiten Ruf sehe ich mich nach dem Verursacher um. Es ist Baumann. Er kommt auf mich zu gerannt und brüllt wieder und wieder meinen Namen. Und noch etwas anderes, das ich nicht verstehen kann. Der Wind rupft ihm die Wörter von den Lippen.

Ein Ruck geht durch das Seil und ehe ich es mich versehe, mache ich einen Satz in die Luft. Nur kurz währt die Berg- und Talfahrt, dann habe ich wieder Berliner Boden unter den Füßen. Aber der kleine Lupfer hat ausgereicht, um mir ein Hochgefühl in den Magen zu zaubern.

Fühlt es sich so an, wenn man fliegt?

»Verdammte Scheiße, Mann, lass das Seil los!«

Jetzt habe ich Baumann genau verstanden. Zumindest seine Worte. Aber was der Sinn darin sein soll, dass ich loslasse, das begreife ich nicht. Wenn ich den Zeppelin nicht halte, dann könnte ja wer weiß was passieren.

Ich binde mir das Seil in einer Schlaufe um das Handgelenk. Das ist riskant, falls ich wieder von einem plötzlichen Krängen des Luftschiffes überrascht werde. Aber so habe ich einfach einen besseren Halt.

Den Schnee um mich bemerke ich kaum noch. Auch nicht, dass sich zu Baumanns Rufen nun auch andere Stimmen gesellen. Ich sehe dem Truppführer entgegen, der nur noch, vielleicht, zehn Meter von mir entfernt ist. Wieder schreit er meinen Namen und streckt nun beide Arme aus. Will er mir helfen, das Seil zu packen?

Ehe er mich oder das Seil erreichen kann, gibt es wieder einen Ruck und ich verliere die Bodenhaftung. Ich blicke hinauf und sehe, dass der Walfischleib nun fast vollständig verschwunden ist. Da ist nur noch sein Schatten – und auch der wird fadenscheinig.

Endlich verstehe ich. Alle anderen haben den Zeppelin losgelassen, der daraufhin, frei von jedem Halt, wieder aufsteigt. Das muss es gewesen sein, was der Mann von der Besatzung herunter gerufen hat. Sie brechen die Landung ab und …

Ja, was eigentlich?

Ich packe das Seil fester und wage mich dann erst, einen Blick nach unten zu werfen. Unter mir stehen, sitzen und kauern die Männer meines Trupps. Baumann hat die Hände zu einem Trichter geformt und ruft mir irgendetwas zu, das ich nicht verstehen kann. Hier oben ist es zu laut. Der Wind heult und jammert – oder ist es das gepeinigte Schiff?

Wenn es einen Moment gegeben hat, in dem ich noch gefahrlos hätte abspringen können, dann ist er unbeachtet vorbeigegangen. Meine Höhe beträgt jetzt bestimmt schon zwanzig Meter und der ›Bodensee‹ steigt schnell. Ich höre seine Motoren nicht mehr. Vielleicht sind sie bei dem Aufprall beschädigt worden. Vielleicht steigen das Schiff und ich gemeinsam und nur von den Winden angetrieben hinauf.

Mit ein wenig Verspätung wird mir klar, was das bedeutet. Selbst wenn ich es schaffen sollte, an diesem Seil hinauf zu klettern, dann gibt es keinen Weg für mich in die Gondel. Außerdem würde ich es sowieso nicht schaffen. Die Strecke ist zu weit und das Wetter zu unnachgiebig.

Jetzt wäre wohl der passende Augenblick, um Todesangst zu bekommen. Um über all das nachzudenken, was ich verliere, weil ich an diesem Seil sterben werde.

Nur habe ich nichts zu verlieren. Familie habe ich nicht, meine Eltern sind an der Grippe gestorben und mein Bruder ist vor Verdun geblieben. Eine Braut gibt es nicht. Und meine Wirtin wird mehr der Miete als mir hinterher weinen.

Ich atme tief durch und schaue mich erneut um. Wir sind jetzt in den Wolken und unter mir ist nichts als eine undurchdringliche weiße Wand. Irgendwo dort unten ist Berlin, das weiß ich. Aber in diesem Augenblick könnte es Welten entfernt sein.

Über mir, majestätisch und unglaublich schön, schwebt der Zeppelin. Ich glaube nicht, dass man dort an Bord überhaupt meine Anwesenheit bemerkt. Es ist mir nur recht so. Nichts soll diesen Moment des Friedens stören.

Ich spüre meine Hände kaum noch. Die Kälte, hier oben noch beißender als auf dem Boden, kriecht in jede Faser meiner Haut.

Es ist schön hier oben. So schön, wie ich es mir in meinen Träumen vorgestellt habe.

Meine Kräfte schwinden rapide. Ich fühle nichts mehr vor Kälte und Erschöpfung. Nur eine wohltuende Leichtigkeit. Ich denke nicht, dass ich mich noch lange werde festhalten können.

Aber, vielleicht, nur vielleicht …

Vielleicht werde ich fliegen.

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Kurzgeschichte: Ein ganz normales Leben

Wie ich gestern bereits schrieb, arbeite ich daran, mich langsam wieder aus meinem kreaTief heraus zu kämpfen. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre es zweifellos, wenn ich wieder regelmäßiger ans Schreiben käme. Aber woran sollte ich schreiben? Welchen meiner im Schwebezustand befindlichen Texte nehmen?

Dann kam mir eine Idee im doppelten Sinn: Ich habe, vor langer Zeit, gute Erfahrungen damit gemacht, kurze Geschichten einfach direkt für den Blog zu schreiben. Die waren nie sehr lang, erfüllten damit aber genau die Anforderungen, die ich nun an sie stellte. Sie sollten kurz sein, am besten in ein bis zwei Stunden aufgeschrieben. Und sie sollten für sich alleine stehen können.

Und dann kam mir eine Idee für genau so eine Geschichte. Und die habe ich einfach mal aufgeschrieben. Ich weiß nicht, ob sie wirklich gut ist, kann sein, dass sie schlecht ist. Aber sie ist das, was ich schreiben wollte.

Ich würde mich freuen, wenn sie dem einen oder der anderen von euch gefällt.


Ein ganz normales Leben

Blake setzt sich an den Schreibtisch, atmet tief durch und zögert dann doch, bevor er den Computer einschaltet. Er sieht sich einmal um, nur um sicher zu stellen, dass er im Moment wirklich alleine ist. Alles um ihn herum ist still. Die anderen halten sich sonstwo im Gebäude auf.

Ein Druck auf den Powerknopf sorgt dafür, dass die Maschine zum Leben erwacht. Der Bildschirm leuchtet auf, der Schein schmerzt im Halbdunkel in den Augen. Aber das Licht lässt Blake aus. Er hat nicht vor, sein Glück herauszufordern.

Der PC braucht eine ganze Weile, bis er hochgefahren ist. Dann erscheint das Logo des Betriebssystems und danach ein Desktophintergrundbild. Eine Waldlandschaft, in der sich mehrere Tiere tummeln. Idyllisch.

Mit einem Seufzer macht Blake sich auf die Suche nach dem Textverarbeitungsprogramm. Es muss eines da sein, sitzt er doch in im Verwaltungstrakt des Gebäudes. Er glaubt, die Betriebsamkeit des Ortes spüren und seinen typischen Geruch riechen zu können.

Da ist die Textverarbeitung. Mit einem Doppelklick startet er das Programm und starrt anschließend auf den kleinen schwarzen Balken, der auf einem weißen Hintergrund vor sich hin blinkt. Es ist lange her, dass er diesen freundlichen Gesellen gesehen hat.

Irgendwo in dem großen Gebäude poltert etwas. Blake fährt herum, sein Herz schlägt schneller. Aber er ist weiterhin alleine hier. Das ist gut. Er braucht die Ruhe. Die hat er immer schon gebraucht, wenn er schrieb. Andere Schriftsteller schreiben mit Musik, in belebten Restaurants oder gar in vollgestopften Pendlerzügen. Blake schätzt die Stille. Das einzige Geräusch, das sie unterbricht, sind seine Finger auf der Tastatur, als er schreibt:

Ein ganz normales Leben
von Blake Philipps

Konzentriert legt er die Stirn in Falten. Lehnt sich in dem Bürostuhl, auf dem er sitzt, zurück. Der Moment, in dem er einer neuen Geschichte ihren Titel gibt, ist immer ein wenig heikel. Er glaubt, dass alleine durch diese paar Worte schon der Ton des Folgenden gesetzt wird und ist sich für den Moment nicht sicher, ob es das ist, was er zum Ausdruck bringen möchte.

Als es in der Ferne wieder poltert, weit weg, aber auf jeden Fall innerhalb des Gebäudes, ist er sich sicher, dass es genau das ist, was er zum Ausdruck bringen muss.

Blake lehnt sich wieder leicht nach vorne und spinnt sein Garn im Licht des Monitors, mit seinem seltsamen Stakkato aus halbblind gehämmerten Tasten.

Norma Rose wusste nicht, dass dies ein Tag wie jeder andere sein würde, als sie am Morgen ihren Wecker ausschaltete. In ihrem Leben war jeder Tag die Verheißung eines neuen Abenteuers. Was würde heute wieder geschehen? Würde Jeremy endlich seinen wehrhaften Milchzahn loswerden, der schon seit einer Woche am sprichwörtlichen seidenen Faden hing? Konnte sie Alice davon überzeugen, dass ihr Kleiderschrank kein Weg in ein verwunschenes Land war, sondern dass man ihn durchaus zwischendurch mal aufräumen durfte?

Norma liebte ihre Kinder und freute sich auf jeden neuen Tag mit ihnen.

Sie blickte zur Seite und sah, dass die Hälfte des Bettes, in welcher ihr Mann Gary schlief, verwaist war. Gary arbeitete in der Notaufnahme des Memorial State Hospitals und wurde zu jeder Tages- und Nachtzeit zu schwierigen Fällen gerufen. Den Pieper dafür bewahrte er unter seinem Kopfkissen auf, so dass nur er davon geweckt wurde, Norma aber nicht.

Sie lächelte liebevoll.

Dann reckte sie sich im Liegen einmal und setzte sich auf die Bettkante. Für einen Moment schloss sie die Augen und ließ sich motivierende und erfrischende Gedanken durch den Kopf gehen. Dann stand sie auf und zog die Rollläden hoch. Draußen schien die Sonne auf die Elm Street. Es versprach, ein warmer Sommertag zu werden.

Blake hebt seine Finger an und überfliegt, was er bis jetzt geschrieben hat. Er ist nicht recht zufrieden mit sich. Die erste Seite liest sich, als ob er Größeres mit Norma vorhätte. Dabei geht es ihm gar nicht darum, die Geschichte einer besonderen Frau zu erzählen. Im Gegenteil, er möchte ja, dass Norma eine vollkommen normale Person mit einer vollkommen normalen Familie ist. Er entschließt sich, das ein wenig mehr hervorzuheben.

»Nein, du sollst das machen, hab ich gesagt!«
»Mach ich aber nicht, Doofie!«
»Du bist selber doof!«
»Wackelzahn!«
»Traumtänzerin!«

Norma wendete sich vom Fenster ab und seufzte. Wieso und worüber stritten sich die zwei denn jetzt schon wieder? Die Schulferien bekamen ihren beiden Kindern scheinbar nicht. Es wäre anders gewesen, wenn sie in Urlaub gefahren wären, aber das ließ der Dienstplan von Gary leider nicht zu. Möglicherweise konnten sie später im Monat noch einen kurzen Abstecher zu ihrer Familie nach Missouri machen. Aber für den Augenblick kamen sie hier nicht weg und Alice und Jeremy fiel langsam die Decke auf den Kopf.

Norma nahm ihren Morgenmantel von der Stuhllehne, auf der sie ihn am Abend abgelegt hat, band ihn sich um und verließ dann das Schlafzimmer. Der Lärm kam aus dem Wohnzimmer und sie konnte sich jetzt schon denken, worum es bei dem Streit ging.

In der Tat fand sie die Geschwister mitten im Raum stehend. Spontan musste Norma lachen. Die beiden gaben ein komisches Bild ab, da sich ihre Stirnen fast berührten, während der Rest der jeweiligen Körper möglichst weit voneinander entfernt stand. Die Tatsache, dass der jüngere Jeremy so groß wie seine drei Jahre ältere Schwester war, brachte eine gewisse Harmonie in das Bild mit ein.

Zwischen den beiden, auf dem Fliesenboden, lag die unappetitliche Hinterlassenschaft von Rufus. Rufus war der Kater der Familie, eine ehemalige Straßenkatze, die sie aufgenommen und gepflegt hatten. Leider litt er im Moment unter einer ziemlich hartnäckigen Magenverstimmung, die dafür sorgte, dass er seinen Mageninhalt regelmäßig auf den Fußboden entleerte. Und irgendwer musste das dann entfernen. Eine Aufgabe, um die sich keines der beiden Kinder riss.

Wieder hält Blake inne. Er lächelt. Wie ihm diese Situation doch bekannt vorkommt. Jake und Kim waren genauso, als sie in diesem Alter waren. Eigentlich ein Herz und eine Seele, aber dann, wenn es ihnen in den Kram passte, gewaltige Egoisten und manchmal richtige Nervensägen.

Das scheint alles schon eine Ewigkeit her zu sein.

Er ist dabei, sich wieder in seine Arbeit zu vertiefen, als er neue Geräusche hört. Dumpfe Schläge scheinen durch das Gebäude zu hallen, gefolgt von etwas Ähnlichem wie einem Stöhnen. Blake versucht, das auszublenden. Es stört nur seine Konzentration – und er hat eine Aufgabe zu erfüllen. Solange er in der Lage dazu ist, ist das Beste, was er tun kann, sich auf das Schreiben zu konzentrieren.

»Hey, ihr beiden! Wieso seid ihr denn am frühen Morgen schon so auf Krawall gebürstet?«
»Jerry will die Schweinerei nicht wegmachen«, sagte Alice mit dem entrüsteten Tonfall, den nur Zehnjährige beherrschen. »Dabei ist er vor mir ins Wohnzimmer gegangen.«
»Aber du hast es zuerst gesehen!«
»Nein, das kann gar nicht! Du warst doch auf dem Weg zum Fern…«

Alice verschluckte die letzte Silbe des Wortes, das sie auf der Zunge gehabt hatte. Norma schmunzelte. Die beiden wussten genau, dass sie nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis an den Fernseher gehen durften. Heutzutage lief zu viel Müll in der Kiste, als dass man zwei Kinder vor ihr parken konnte, ohne zu wissen, was sie sich ansahen. Norma war der festen Überzeugung, dass nicht einmal Mord und Totschlag noch wirkliche Tabus im Kinderprogramm darstellten.

Blake nimmt die rechte Hand von der Tastatur und fährt sich über die Augen. Er spürt einen Druck hinter der Schläfe und er weiß, woher er rührt. Er kommt vom Weg ab. Die Richtung, in die Norma denkt, ist zu weit entfernt von dem normalen Leben, das ihm vorschwebt.

Er legt den Finger auf die Löschtaste und lässt den letzten Absatz verschwinden.

Alice verschluckte die letzte Silbe des Wortes und grinste schuldbewusst. »Sorry, Mum, ich weiß, dass wir nicht ohne Erlaubnis fernsehen sollen.«
»Weißt du auch noch, wieso Daddy und ich das nicht wollen, mein Schatz?«
»Weil

Wieder stockt Blake. Ja, wieso denn nicht? Sollen sie doch in den Fernseher schauen, solange sie Lust dazu haben. Dann gehen sie Norma nicht mehr so auf die Nerven und allen Beteiligten ist geholfen. Vermutlich außer Kater Rufus, aber der hat keine Sprechrolle. Jedenfalls ist keine für ihn vorgesehen.

Blake wünscht sich, er hätte einen Schluck zu trinken. Früher hat er Schriftsteller, die nur unter Alkoholeinfluss schreiben können, für Weichlinge gehalten. Kleine Lichter, die den Alkohol brauchen, um sich ein wenig wie der nächste Hemingway fühlen zu können. Aber inzwischen sieht er die Dinge anders. Deswegen muss er diese Geschichte, die er schreibt, auch jetzt in Angriff nehmen. Vielleicht kommt er später nicht mehr dazu.

Das Gebäude liegt jetzt wieder still da, aber er weiß, dass es nicht lange so bleiben wird. Bald werden die anderen zurückkommen und dann wird er keine Ruhe mehr zum Schreiben haben. Er muss sich beeilen, wenn er heute ein Stück seiner Geschichte schaffen möchte.

Es klingelte an der Haustür. Alice war sichtlich erleichtert, dass ihr die Antwort auf die Frage erspart blieb. Norma wuschelte ihrer Tochter liebevoll durch das blonde Haar, dann ging sie zur Tür und öffnete. Ihre Nachbarin, Billie Marsh, stand davor. In der Hand hielt sie eine Tasse.

»Nanu, Billie. Seit wann bringst du deine eigene Tasse mit, wenn du auf einen Kaffee vorbei kommst?«
»Sowas dummes. Ich wollte backen. Heute kommt doch Robbie aus dem College und da wollte ich ihn mit seinem Lieblingskuchen überraschen. Und jetzt muss ich feststellen, dass ich keinen Zucker im Haus habe. Ich bin das Klischee der amerikanischen Hausfrau.«
Norma lachte. »Komm schon rein. Trinkst du trotzdem einen Kaffee mit? Kannst auch eine Tasse von mir haben.«
Billie stimmte in das Lachen mit ein. »Aber nur eine Tasse. Ich will den verdammten Kuchen fertig haben, wenn Robbie kommt.«
»Man soll nicht fluchen, Mrs Marsh«, sagte Jeremy, als er mit einem Stück Küchenrolle aus der Küche kommend an den beiden Frauen vorbei lief. Dann war jetzt die Sache mit Rufus‘ Hinterlassenschaft geklärt.

»Hast du schon die Nachrichten gesehen?«, fragte Billie, auf einmal ernst.
»Nein, was gibt es denn?«
»Etwas Seltsames. Scheinbar werden überall auf der Welt die Menschen mit einem Mal verrückt. Es hat Wellen von Gewalttätigkeit gegeben.«

Blake sieht, was er schreibt und er weiß, dass es das Falsche ist. Aber er kann nicht aufhören, seine Finger zu bewegen.

»Überall rufen sie die Ärzte in die Krankenhäuser, die Notaufnahmen sind verstopft. Hat Gary dir nichts gesagt?«
»Nein«, antwortete Norma, jetzt leicht besorgt. »Er war schon fort, als ich aufgewacht bin.«
»Hier bei uns ist es im Moment wohl noch nicht so schlimm«, sagte Billie, die kurioser Weise immer noch ihre Tasse in der Hand hielt. »Aber aus den Großstädten werden schlimme Dinge gemeldet. Die Nationalgarde soll eingesetzt werden. Mancherorts auch die Armee.«
»Mein Gott!«
»Ich glaube nicht, dass Gott etwas damit zu tun hat«, sagte Billie Marsh. Und plötzlich begann sie, sich zu verändern.

Aus der hübschen Frau wurde etwas anderes. Zuerst fiel ihr die Kaffeetasse aus der Hand, dann rutschten die Kleidungsstücke vom Körper, als sie immer dünner und ausgemergelter wurde. Vor Normas entsetzten Augen verwandelte sich Billie Marsh in ein ausgezehrtes Etwas, dem die Haut wie Pergament auf den Knochen klebte.
Die Augen, die Norma immer noch anschauten, sanken tief in ihre Höhlen ein und wechselten die Farbe von einem trüben Grün zu einem leuchtenden Rot.
»Nein, Gott hat überhaupt nichts damit zu tun!«
Die Stimme war nur ein tonloses Gurgeln.
Norma war wie gebannt. Sie begriff nicht, was geschah. Eben war es doch ein normaler Tag gewesen. Sie träumte. Das war die einzige Möglichkeit, um das hier zu erklären. Sie lag in ihrem Bett und hatte einen Alptraum. Den schlimmsten ihres Lebens.

»Mommy?«
Das war Alice, die hinter ihr stand. Selbst wenn das nur ein Traum war, sollte sie dieses … dieses Ding nicht zu Gesicht bekommen!
»Alice, Schatz«, sagte Norma und drehte sich um. Ein Schrei entrang sich ihrem Mund. Vor ihr stand Alice, aber es war auch nicht Alice. Auch sie sah auf einmal aus wie ein lebender Leichnam, das lange Haar hing ihr strähnig vor das Gesicht, aus der die gleichen roten, toten Augen starrten wie aus dem ihrer Nachbarin.
»Jeremy wollte die Kotze der Katze nicht wegwischen, Mommy. Also habe ich ihm zur Strafe die Nase abgebissen. Siehst du?«
Dann öffnete das Mädchen die Hand, und …

»Sag mal, Blake, was treibst du hier eigentlich?«
Die Stimme reißt Blake aus dem Schreibfluss. Endlich!
»Wieso versteckst du dich hier hinten in den Büros? Und dann auch noch im Dunkeln? Und was, zur Hölle, machst du da?«
Es ist Sanchez. Natürlich. Sanchez ist so etwas wie Blakes personifizierter Personenschutz. Er weiß zwar nicht genau, womit er den verdient hat, aber er nimmt ihn gerne an. Die Welt da draußen ist nicht mehr dieselbe.

Und genau das ist der Grund!

»Ich wollte es aufschreiben«, sagt Blake.
Sanchez, der stämmige Latino mit dem kantigen Gesicht und dem Spitzbart, seufzt. »Blake, wir hatten doch über die Computer gesprochen, oder?«
»Ja, aber …«
»Und wir waren uns darüber einig, dass sie zu viel Strom verbrauchen.«

Blake weiß das. Sie haben nicht nur einmal, sondern wenigstens dreimal das Ganze durchgespielt. Strom ist ein rares Gut, seit er nur aus einem benzinbetriebenen Generator stammt und nicht mehr aus einem Kraftwerk, das eine ganze Großstadt versorgen kann.
»Ich musste einfach versuchen, es aufzuschreiben«, sagt Blake und er hasst, wie seine Stimme zittert. Außerdem spürt er, wie ihm schon wieder Tränen in die Augen steigen. »Damit wir es nicht vergessen.«

Sanchez stellt sich neben Blake und geht an den Anfang des Textes zurück. Er beginnt zu lesen.
»Scheiße, Blake, was ist denn da passiert?«
»Ich wollte, dass die Menschen sich daran erinnern. Ich dachte, vielleicht ist das der Grund, dass ich …«
»Dass du noch am Leben bist?«
Blake nickt. Jetzt weint er.
»Blake, Alter, du lebst, weil ich auf dich aufpasse! Und weil du ein prima Kerl bist. Gut, du bist nicht unbedingt geschickt an der Waffe, aber dafür haben wir genügend andere, Männer und Frauen.«
»Ich wollte dem hier«, Blake macht eine Handbewegung, die den ganzen Raum umfasst, »einen Sinn geben. Meiner Existenz.«

Sanchez legt ihm eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme ist ernst, als er spricht. »Jeder Lebende ist wichtig. Es gibt nicht mehr viele von uns und vielleicht müssen wir bald fort von hier und unser Glück woanders versuchen. Der Treibstoff wird knapp und die Lebensmittel … aber das weißt du ja selber.«
Eine kurze Pause entsteht.
»War es schlimm diesmal?«, fragt Blake.
»Wir haben sie zurückgeschlagen«, antwortet Sanchez und die Müdigkeit klingt deutlich aus seiner Stimme. »Das alleine zählt.«
»Ich wollte wirklich nur das ganz normale Leben aufschreiben«, sagt Blake und starrt wieder auf den Bildschirm. »Eine ganz normale Familie, ein normales Haus, normale Kinder, eine gottverdammt normale Katze. Eine Nachbarin, die sich etwas borgt. Und dann …«
»Ein guter Schriftsteller kann wahrscheinlich die Realität nicht vollkommen ausblenden«, sagt Sanchez. »Vielleicht sollte er es auch gar nicht versuchen.«

Und dann wagt der Latino etwas, das Blake unter anderen Umständen wütend gemacht, wenigstens aber bestürzt hätte. Er löscht fast den gesamten Text. Nur das Ende, die Verwandlung von Billie Marsh und der kleinen Alice, lässt er stehen.
»Das ist jetzt das normale Leben, Blake«, sagt er. »Unser ganz normales Leben.«

Blake starrt auf den Bildschirm. Eine Minute vergeht, dann eine zweite und eine dritte. Dann sackt die Wahrheit durch. Blake nickt langsam. Bitter.
Er greift nach vorne und schaltet den Computer aus, ohne die Datei erneut gespeichert zu haben.

»Wann gibt es Essen?«

„Die Behüter des Wahren“: Sich wieder in Fahrt schreiben

Die ersten paar Gehversuche waren grausam. Am liebsten hätte ich nach jedem Absatz die Löschkeule geschwungen und das, was ich gerade geschrieben hatte, wieder ins virtuelle Nirwana geblasen.

Die Rede ist von der Kurzgeschichte, an der ich gerade schreibe. „Die Behüter des Wahren“ stellten mich vor echte Probleme.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich war davon ausgegangen, dass ich auch diese Geschichte mehr oder weniger locker-flockig herunterschreiben würde, wie ich auch zuletzt meine Geschichten herunter geschrieben hatte. Deswegen trafen mich diese Schwierigkeiten auch unvorbereitet und ich war kurz davor, einfach aufzugeben.

Betrachten wir doch mal kritisch, was ich im letzten halben Jahr geschrieben habe. Da kommt nicht wirklich viel bei herum. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob ich an „Der goldene Tod“ in diesem Jahr überhaupt schon gearbeitet habe. Aber ich glaube eigentlich, dass nicht. Daneben gab es „nur“ Kurzgeschichten, von denen „Auf der 30“ aber auch schon die einzige erwähnenswerte ist.

Ich glaube, ich hatte mich in Sachen Schreiben komplett auf ein Abstellgleis manövriert. Zwar schreibe ich ja mit schöner Regelmäßigkeit meine Beiträge hier, aber das kann kreatives Schreiben nicht ersetzen.

Jetzt höre ich den einen oder die andere fragen, ob ich da nicht vielleicht ein wenig undankbar bin, denn immerhin hat diese Zeit die Annahme/Veröffentlichung von gleich zwei Anthologiebeiträgen gesehen, sowie das komplette Umschreiben eines Romans und das beginnende Lektorat desselbigen.

Ja, das ist richtig. Aber es ist nicht das richtige Schreiben.

Bei „Auf der 30“ hatte ich ein klares, kleines Szenario vor Augen, das von Beginn an auf eine einzige Pointe abzielte. Die klassische Kurzgeschichte eben. Zu mehr war das enge Mengengerüst auch nicht zu gebrauchen.

Bei „Die Behüter des Wahren“ fühlte es sich aber schon zu Beginn anders an. Und das, obwohl ich mit dieser Geschichte sehr wahrscheinlich in Bezug auf die Anthologie scheitern werde.

Wieso?

Nun, die Anthologie sieht vor, dass der Text auf jeden Fall unter 40.000 Zeichen bleiben muss. Nach dem, was ich jetzt schon geschrieben habe, ist das allerdings utopisch (wie passend). Na gut, dann muss ich halt wieder kürzen, könnte man sagen. Aber die Wahrheit ist: Eigentlich will ich das gar nicht.

Ich habe nämlich das Gefühl, dass ich mich so langsam, aber sicher, wieder in Fahrt schreibe. „Die Behüter des Wahren“ werden definitiv länger als die 40.000 Zeichen werden und ich gehe dieses Manko sehenden Auges ein. Weil ich das Gefühl habe, dass diese Geschichte mehr Platz braucht. Nicht den Platz, den ein Roman einnehmen würde, das nicht (und wenn ich eins nicht brauche, dann noch ein angefangen in der Gegend herumliegendes Romanmanuskript, danke dafür). Aber doch einen ganz eigenen, individuellen, zur Geschichte passenden Platz.

Dazu kommt noch etwas anderes. Der Text für die Anthologie soll eine positive Utopie werden. Das wird meine Geschichte auch. In gewisser Weise. Denn obwohl sie sich auch viel mit einer leider zugrunde gegangenen Welt beschäftigt, wird sie am Ende Hoffnung und dieses positive Gefühl zeigen. War das jetzt ein Spoiler? Nein, eigentlich nicht. Wenn die Ausschreibung schon vorweg ausplaudert, was am Ende drin sein soll, dann ist das Überraschungsmoment eher klein.

Doch, ich glaube, dass das Bild stimmt: Sich wieder in Fahrt schreiben. Das gute Gefühl genießen, wenn aus 200 Wörtern am Tag auf einmal eine ganze Papyrus-A4-Seite wird. Das noch bessere Gefühl genießen, wenn man in der Mittagspause auf der Arbeit mal eben drei Word-A4-Seiten schreibt. Und dann, mit einem Blick auf die schon getippten Zeichen die Schultern zucken und sich sagen: »Scheiß drauf, dann wird es eben eine Geschichte nur für mich.«

Nur für mich? Nun ja, schauen wir mal. Da habe ich noch keine Pläne, was ich mit einer Geschichte machen würde, die, sagen wir mal einfach eine Zahl, 20.000 Worte lang ist.Der Möglichkeiten sind ja heutzutage viele, wie wir alle wissen, die sich mit dem Thema nicht erst seit heute beschäftigen.

Aber jetzt will ich das Ding erst einmal schreiben. Ich halte euch, wenn ihr wollt, gerne hier auf dem Laufenden 🙂 .

In meinem Kopf tanzen sie Ringelreihen

Seitdem ich letzte Woche erkannt habe, dass ich die ganze Zeit über dadurch in meiner Kreativität blockiert wurde, dass ich darauf wartete, dass das Lektorat endlich weitergeht, hat sich in meinem Denken etwas verändert. Oder sagen wir, dass ich es einfach mal darauf schiebe.

In meinem Kopf sind auf einmal alle möglichen Dinge, Projekte, Überlegungen und dergleichen gleichzeitig zugange und tanzen einen regelrechten Ringelreihen miteinander. Da fassen sich abgeschlossene Projekte an den Händen, die man ja jetzt eigentlich in der Zwischenzeit schon mal überarbeiten könnte. Auf der anderen Seite sind noch nicht abgeschlossene Romanprojekte, allen voran „Foursome – FFMM“ und „Der goldene Tod“.

Nebenher laufen kleinere Gedankenspiele, was ich zum Beispiel mit dem Blog anstellen könnte, oder mit der Autorenseite, oder, oder, oder.

Ich muss dringend aufpassen, dass ich mich nicht in all diesen Möglichkeiten völlig verzettel. Denn dann passiert am Ende mal wieder überhaupt nichts. Und ich hätte nicht einmal mehr die schöne Ausrede, dass es am Lektorat liegt.

Ich denke, was ich gerade erlebe, sind Anzeichen einer gewissen „Professionalisierung“, ohne wirklich professionell aufgestellt zu sein. Bisher habe ich meine Projekte größtenteils nacheinander, voneinander unabhängig, erarbeitet. Wenn ich in einem Roman steckte, dann gab es nichts anderes. Erst wieder, wenn der Roman abgeschlossen war.

Jetzt aber, wo die Arbeit an „Der Morgen danach“ aufgrund von wirklich positiven (um das immer wieder zu betonen) Arbeitsabläufen zwischendurch zwangsläufig stagniert, sollte und kann ich nicht immer nur untätig herumsitzen. Das wäre kontraproduktiv und am Ende auch demotivierend.

Aber wo nun ansetzen, in diesem munteren Tanz der Optionen?

Während ich noch auf die verschiedenen Seiten des Tanzsaals blickte, trat ein neuer Tänzer in mein Sichtfeld. Und zwar gab es im letzten „Tempest“ eine Ausschreibung für eine positive Utopie, Umfang bis zu 40.000 Zeichen. Eine Kurzgeschichte also, wenn auch länger als die, die ich zuletzt geschrieben habe.

Der Gedanke an diese Story verselbständigte sich so weit, dass ich erst ein paar Bilder im Kopf hatte (und es kommt nicht so oft bei mir vor, dass ich wirklich Bilder sehe, die einem Comic entstammen könnten), danach einen Handlungsrahmen und schließlich, seit gestern auch einen vorläufigen Namen.

Seit gestern kann ich sagen, ich arbeite an einer Science-Fiction-Story namens „Die Bewahrer des Wahren“ (oder auch „Die Behüter des Wahren“, da bin ich mir noch nicht so sicher).

Ja, die Geschichte hat sich vorgedrängelt. Ja, andere warten schon länger auf ihr Recht. Nein, deswegen kann ich da trotzdem nichts gegen machen. Denn die Story hat mir förmlich die Pistole auf die Brust gesetzt.

Eine positive Utopie. Mal sehen, ob ich so etwas überhaupt (noch) kann.

In diesem Sinne werde ich jetzt mal den Ringelreihen auflösen, versuchen zu beschwichtigen, wo ich kann, und dann an „Die Bewahrer des Wahren“ weiterschreiben, denn die ersten paar Seiten sind schon im Kasten.

Es fühlt sich doch immer wieder gut an, eine neue Geschichte zu entdecken!

Fakt und Fiktion (18) Schriftsteller-Altenteil

Auch wenn man es sich bei dem heutigen Wetter eher schlecht vorstellen kann, war es vorgestern richtig schön. Die Sonne schien, der Himmel war blau, die Temperaturen kletterten bereits am Morgen auf Werte, wie wir sie ansonsten nur in den Sommermonaten erreichen.

Ich hatte einen Termin bei meinem Hautarzt, der sich sehr über die Erfolge an den Problemzonen an meinen Händen freute, die eingetreten waren, nachdem wir die Medikamente abgesetzt haben, die mehrere tausend Euro teuer waren. Manchmal, so sagte er im Scherz, ist es besser, einfach mal nicht zu behandeln und auf die Kraft der heilenden Hände zu vertrauen.

Aber gut, was will ich mich beklagen, wenn nur die Probleme in den Griff zu kriegen sind.

Auf dem Rückweg zu meinem Arbeitsplatz kam ich an dem Krankenhaus vorbei, das direkt hinter meiner Dienststelle liegt und in dem es mehrere psychiatrische und geriatrische Stationen gibt. Hier hat unter anderem mein Opa eine ganze Weile gelegen, aber auch ich habe schon die Leistungen des Hauses in Anspruch nehmen dürfen.

Als ich das Gebäude passierte, fiel mir eine Gruppe von Menschen auf, die, zumeist in Rollstühlen sitzend, in einem Kreis beieinander waren. Die meisten von ihnen waren alt, aber es waren auch einige jüngere anwesend. Ein oder zwei von ihnen waren klar als Pfleger oder Krankenschwester zu erkennen.

Ein junger Mann hatte eine Gitarre in der Hand und spielte. Es war eine deutsche Version des wunderschönen Liedes „Auld Lang Syne“. Einige der Rollstuhlfahrer hielten Textbögen in der Hand, vereinzelt wurde mitgesungen oder -gesummt. Andere ließen nur den Blick in die Runde oder die Entfernung schweifen und es war nicht ersichtlich, ob sie sich gerade darüber bewusst waren, wo sie sich befanden und was sie taten. Aber ich denke, dass es ihnen auch gut getan haben wird, die Musik zu hören.

Ich konnte mich nicht lange aufhalten und hätte es auch unhöflich gefunden, wenn ich gaffend bei der Gruppe stehen geblieben wäre. Aber dieses Bild hat mich beschäftigt.

Kaum um die Straßenecke herumgegangen stellte ich mir vor, wie es wohl wäre …

Warm scheint die Haut auf mein Gesicht, das hilflos in die Sonne blinzelt. Dann entdeckt Schwester Frieda meine Situation und schützt meine Augen mit der Sonnenbrille, die ich selber wegen meiner klapprigen Hände nicht mehr auf meine Nase bugsieren kann.

Wir sind heute zu früh, scheint mir, denn es ist noch niemand außer uns da. Vielleicht wussten die Krankenhausmitarbeiter auch nicht, dass wir uns heute draußen treffen. Aber bei diesem schönen Wetter wäre es eine Sünde, in dem stickigen Saal zu sitzen.

Ah ja, da kommen sie ja schon, meine werten Kolleginnen und Kollegen. Ganz vorne weg, wie eigentlich immer, die Michaela. Stets zwei Schritte vor dem Pfleger, der sie eigentlich stützen soll. Aber sie war ja immer schon so stürmisch, wenn ich mich richtig erinnere. Das mit dem Erinnern klappt in letzter Zeit nicht mehr so gut.

So geht es auch dem Simon, der sich nicht mehr an seinen richtigen Namen erinnern kann. Deswegen habe ich es auch aufgegeben, ihm immer und immer wieder die Cover seiner alten Bücher zu zeigen, wo der Name drauf steht. Aber ansonsten ist er geistig beweglich wie eh und je, was sich in mancher Diskussion zeigt. Ja, manchmal diskutieren wir. Fast wie früher.

Weitere wohlbekannte und erwartete Gesichter erscheinen nach und nach, alleine, oder in Gruppen. Da ist Kia, unser Nesthäkchen, die bis ins hohe Alter herumgereist ist und uns auch heute noch mit ausgefallenen Tee-Ideen versorgt. Den ewigen Kamillentee kann doch kein Schwein – mit Verlaub – mehr sehen!

Ach, und Margaux treibt gerade mal wieder ihren Pfleger zur Verzweiflung, weil sie sich von ihm gar nichts sagen lässt. Ich kann mich noch erinnern, wie überrascht der arme Kerl war, als er erstens erfuhr, dass Margaux sich selbst als submissiv bezeichnet, und wie frustriert, als sie ihm einbläute, dass das nichts mit ihm zu tun hat und niemals haben wird. Kann einem fast leid tun, der Mann.

Und da sind Katherina, Nike und Nora, die sich schon jetzt und wahrscheinlich auch schon den ganzen Morgen austauschen über Welten voller fantastischer Wesen, Vampire und Märchengestalten. Ich weiß, dass die Ärzte ganz verzweifelt sind, weil sie nicht herausfinden, was davon jetzt romantische Auseinandersetzung ist und an was davon die drei wirklich glauben.

Aber ich, ich weiß es. Denn ich kenne sie. Ich kenne sie alle, die vielen Männer und Frauen. Auch die, die heute nicht bei uns sind. Einige, weil sie bei ihren Familien zu Besuch sind oder, die etwas fitteren unter uns, sogar berufliche Termine haben.

Ein günstiger Wind des Schicksals hat uns hier zusammengeführt, herbeigeweht aus allen Teilen der Welt, teils sogar Ländergrenzen überschreitend.

Inzwischen haben wir, die wir heute zur Stunde zusammengekommen sind, einen Kreis gebildet. Frau Hofmann hat sich auch eingefunden und strahlt mit einem Lächeln jeden von uns an, dass es mich alten Mann richtig aufblühen lässt. Dann greift sie zu den Unterlagen, die sie mitgebracht hat.

»Heute lesen wir, wie letzte Woche angekündigt, einige Passagen aus dem Roman sechsuhrsieben von Frau Kalcher. Ist die heute gar nicht da?«

»Nein«, antworte ich. »Mea hat heute im Verlag zu tun, wo sie hin und wieder noch aushilft.«

»Nun gut, dann werden wir eben das nächste Mal mit ihr darüber sprechen, wie es war, als sie den Roman geschrieben hat.«

Dann räuspert Frau Hofmann sich und beginnt, mit ihrer glockenhellen Stimme zu lesen. Ich schließe die Augen, spüre die Sonnenwärme auf meinem Gesicht und erinnere mich an die Zeit, als ich selber noch geschrieben habe. Bevor die Hände nicht mehr wollten, wie ich will.

Aber ich bin im Kreise von Menschen, denen es so geht wie mir, die nie aufgehört haben, das Schreiben und alles, was damit zu tun hat, zu lieben.

Ja, ich kann sagen, ich bin glücklich!

Der Gedanke ließ mich lächeln, auch wenn ich wusste, dass es so eine Gruppe, so eine Zusammenkunft in der Realität niemals geben würde. Dafür sind wir zu sehr verstreut, auch das unterschiedliche Alter spielt eine Rolle. Und überhaupt: Wem gönnt man schon, bei aller Romantik, den Lebensabend in einem solchen Heim? Da soll doch lieber jeder in seinem vertrauten Umfeld und – vor allem – mit den geliebten Menschen alt werden. Ganz individuell, wie er und sie es möchte.

Deswegen schob ich die Vorstellung auch schnell mit einem Grinsen beiseite, nicht jedoch ohne mir zu sagen, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, sie hier aufzuschreiben.

In der Hoffnung, dass meine werten Kolleginnen und Kollegen, sofern sie dies denn lesen, ebenfalls ein wenig grinsen oder doch wenigstens schmunzeln müssen.

„Aus Eiseskälte aufgewacht“ und durch ein heißes Feuer gegangen

Wie ist eigentlich der aktuelle Stand in Bezug auf die Anthologie der Clue Writer, die unter dem schönen Namen „Schmerzlos“ erscheinen wird?

Wie ihr euch vielleicht erinnert, hatte ich ja beim Literaturwettbewerb von cluewriting.de mitgemacht und mich dort mit meiner Geschichte „Aus Eiseskälte aufgewacht“ unter den fünf besten Einsendungen platziert. Ich bin damals, als die Sache verkündet wurde, ja selber sehr überrascht gewesen.

Seitdem ist wieder eine Zeit ins Land gegangen. Aber eine Zeit, in der im Hintergrund eifrig gehämmert, gebohrt und geschraubt wurde. Meine Hochachtung vor Rahel und Sarah, die das ganze Projekt auf ihren Schultern tragen und vorantreiben.

Da ich unter den ersten Fünf war, steht meine Geschichte ja auch zur Vertonung durch einen der Clue Caster an. Das sind die Sprecher, die regelmäßige Podcasts für die Website einsprechen. Hier durfte ich einen Wunsch äußern, wen ich gerne als Sprecher für „meine“ Geschichte hätte. Und so freue ich mich, dass Clemens Weichard sich bereit erklärt hat, meiner Story Leben einzuhauchen. Als größer Fan von Hörspielen und Hörbüchern ist das für mich natürlich etwas ganz Besonderes.

Auch für die Veröffentlichung des Gesamtpakets gibt es schon einen vorläufigen Termin, der gegen Ende Mai liegt – das genaue Datum behandle ich mal lieber noch als Geheimsache, weil es ja eben ein geplantes Datum ist und man weiß ja, dass da noch was dazwischenkommen könnte.

Wie komme ich nun auf die Überschrift über diesem Beitrag, dass „Aus Eiseskälte aufgewacht“ durch ein heißes Feuer gegangen ist? Ganz einfach: Gestern wurde auf cluewriting.de ein Beitrag veröffentlicht, in dem genauer darauf eingegangen wird, welchen Entscheidungsprozess alle Einsendungen durchlaufen mussten, die zum Wettbewerb eingereicht wurden. Und da kann einem im Nachhinein nur schwummrig werden.

Nicht weniger als satte 5 Revisionen musste jeder Text überstehen, um am Ende auf dem Treppchen der aufgenommenen Geschichten zu stehen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, welche Anstrengung dahinter gestanden hat, das alles zu organisieren, zu administrieren und am Ende auch durchzuziehen.

Und ich muss zugeben, dass es mich, neben der blanken Ehrfurcht, auch ein wenig stolz macht, dass ich mit meiner Geschichte dabei sein darf.

Erinnert ihr auch noch, wie ich vor einigen Wochen glaubte, meine Geschichte sei nichts wert und die Aufnahme in die Anthologie eher einem missglückten Zufall geschuldet? Nun, nachdem ich diesen Beitrag gelesen habe, wäre es geradezu eine Beleidigung für Rahel und Sarah und alle anderen, wenn ich an dieser Meinung festhielte.

Seit gestern erlaube ich mir, auf „Aus Eiseskälte aufgewacht“ stolz zu sein. Der eine oder die andere mag sich denken: Endlich!

„Valentins Tag“

Zum heutigen Tag der Liebe gibt es für euch eine Kurzgeschichte, die ich im Rahmen der Aktion #BartBroLove geschrieben habe. Ich hoffe, dass sie euch ein wenig gefällt, auch wenn mein Ansatz heute mal ein etwas anderer war, als ihr ihn von mir gewohnt seid 🙂 .


Nervös blickt mich mein Spiegelbild aus der trüben Scheibe an. Ich kann sehen, wie es mit den Augen hin und her blickt, wie es hin und wieder verräterisch zuckt. Nervenenden, die von einem verräterischen Gehirn gesteuert werden, das der Ansicht ist, dass ich es genauso gut einfach bleiben lassen kann. Zweckloses Unterfangen.

Ich achte nicht auf mein Spiegelbild, sondern hebe die Hand mit dem Kamm, um meine Haare, elektrisiert durch den inneren Zwiespalt in mir, halbwegs in Form zu bringen. Ich bin frisch geduscht und glaube trotzdem, unangenehm nach Schweiß zu riechen.

Aber nein, heute ist mein Tag!

Ich schleudere die Worte meinem Spiegelbild ins Gesicht und erwarte beinahe, dass es in tausend Scherben zerspringt. Doch nichts passiert. Nur das Zucken bleibt.

Daher beschließe ich, dass ich mein Bestes gegeben habe. Schöner werde ich nicht mehr, ohne dass ich einen Chirurgen hinzuziehe. Und das wäre ein wenig zu kurzfristig. Es muss heute sein. Denn heute ist mein Tag!

Ich verlasse das Bad und gehe hinüber in mein Schlafzimmer. Dort habe ich mir bereits herausgelegt, was ich heute tragen möchte. Nicht zu auffällig, schon gar nicht aufdringlich. Es ist wichtig, dass ich mich wohl darin fühle. Wenn ich mich gut fühle, dann strahle ich das sicherlich auch aus.

Hier, dem strengen Blick des Spiegels entronnen, bemerke ich, wie sich meine Stimmung langsam hebt, wie die positive Energie durch meine Adern strömt. Ich hebe einen Arm und rieche an meiner Achsel. Natürlich rieche ich nichts anderes als Duschgel und Deodorant. Alles andere war nur eine Einbildung meiner überreizten Nerven.

Ich steige in meine Boxershorts, dann in meine Hose. Lasse das Hemd locker darüber fallen. Draußen ist es kalt, aber dort, wohin ich gehe, ist die Luft aufgeheizt. So aufgeheizt, dass mich der Gedanke bereits wieder nervös werden lässt.

Bevor mein Körper sich wieder gegen mich wenden kann, beende ich meine Kleidungsakrobatik und verlasse das Schlafzimmer wieder. Ich widerstehe dem Impuls, noch einmal im Bad in den Spiegel zu sehen. Stattdessen gehe ich in meine kleine Küche.
Dort, auf dem Tisch, liegt er: Der kleine Umschlag mit der großen Bedeutung.

Wenn der Kampf mit dem Spiegel schon schlimm war, so war er doch ein Zuckerschlecken verglichen mit dem Kampf, den ich mit dem Umschlag geführt habe. Ich bin nicht gut darin, mit meiner Hand zu schreiben. Ich gehöre zu der Generation, die sich zuerst an Computertastaturen und dann an Touchscreens die Handschrift verdorben hat. Acht Anläufe hat es gebraucht, bis ich den Umschlag so sauber beschriftet hatte, wie ich es wollte.

Und weitere zehn Versuche, bis auch der Inhalt meinen Ansprüchen genügte.

Noch kann ich es einfach bleiben lassen. Bis jetzt ist noch nichts passiert. Wenn ich den Umschlag liegen lasse, dann wird es nie jemand erfahren. Und ich … nun, es ist nicht das erste Mal, nicht wahr? Der Gedanke ist sogar sehr verführerisch, die ganze Sache abzublasen. Es war idiotisch, dem allen so eine große Bedeutung beizumessen. Wieso muss es denn heute sein?

Die Antwort ist so einfach wie erschütternd: Heute ist mein Tag!

»Heute ist mein Tag!«

Die Worte hängen für einen Moment in der Luft, bevor sie mir klirrend vor meine Füße fallen. Ist es jetzt schon so weit, dass ich Selbstgespräche führe? Ich denke an den Inhalt des Umschlags und zucke die Achseln. Anscheinend ist die Sache noch ernster, als ich ohnehin schon geglaubt habe. Wenn ich sie jetzt nicht durchziehe, wer weiß, was dann passiert.

Ich nehme den Umschlag in die Hand. Ganz vorsichtig. Er soll weder zerknicken, noch gedrückt werden. Wenn ich Glacéhandschuhe besäße, ich würde sie nun benutzen. Aber ich habe nur ein altes Paar Lederhandschuhe, die den Umschlag ihrerseits eher verunstalten würden, als dass sie ihn schützen könnten.

Aber vielleicht wären sie in der Lage, mich vor dem Umschlag zu schützen, der gleichzeitig eiskalte und lavaheiße Stromstöße in meinen Arm sendet.

Ich weiß, dass das alles nur Einbildungen sind. Dass ich mich in die Sache hineinsteigere. Aber was soll ich machen? Es geht jetzt schon seit Wochen und Monaten so und wenn ich es nicht jetzt wage, dann werde ich es vielleicht niemals wagen. Oder – noch schlimmer –die Umstände werden sich so verändern, dass es bedeutungslos wird, ob ich mich traue oder nicht. Doch das ist ein Gedanke, den ich besser nicht zu seinem Ende verfolge.

Mit dem Umschlag kehre ich in den Flur zurück und mache mich ausgehfertig. Ein Paar Schuhe zum Wechseln nehme ich auch mit. Der Schneematsch dort draußen würde sie verderben, wenn ich mit ihnen hindurchwandern würde. Und auch wenn das Letzte, worauf jemand achten wird, meine Füße sind, muss ich doch alles vermeiden, was mir ein Gefühl der Unsicherheit geben könnte. Oder vielmehr, was dieses Gefühl noch schlimmer macht. Meine dicke Winterjacke kann ich an der Garderobe abgeben.

Den schrillen Ruf des Spiegels ignorierend verlasse ich meine Wohnung und gehe das Treppenhaus hinunter. Den Umschlag halte ich immer noch in der Hand. Mir ist schwindelig bei dem Gedanken an das, was ich jetzt in Angriff nehme. Endlich in Angriff nehme. Aber zum ersten Mal gibt es auch ein Gefühl von Vorfreude. Es tut gut, die Entscheidung getroffen zu haben und losgegangen zu sein.

Heute ist mein Tag – und ich werde ihn nutzen! Zu verlieren habe ich nichts, zu gewinnen alles. Wenn man mir jetzt ein Kohlebecken hinstellen würde, ich würde mit nackten Füßen darüber gehen, so motiviert bin ich auf einmal.

Vor dem Haus steht mein treuer Japaner. Wir sind schon seit Jahren ein gutes Team, er und ich. Er bringt mich hin, wohin ich will, und im Ausgleich kümmere ich mich gut um ihn. Bei meinem Japaner fühle ich mich wohl.

Leider habe ich nicht daran gedacht, dass der Japaner einen Innenspiegel besitzt! Und aus diesem starrt mich nun, völlig unvermittelt, wieder mein Gesicht an, will eine weitere Inventur vornehmen, mich verunsichern.

Ich drehe den Spiegel so von mir weg, dass ich mich nicht mehr sehen kann. Dann müssen halt die Außenspiegel reichen, um den Japaner und mich durch den abendlichen Verkehr zu steuern. Das wird schon gut gehen, es ist nicht weit bis zu meinem Ziel. Außerdem bin ich dort schon oft gewesen. Um genau zu sein – seit einiger Zeit bin ich beinahe täglich dort.

Wie in einem Traum fahren der Japaner und ich durch die Straßen, erreichen irgendwann unser Ziel. Ich nehme es als einen Wink des Schicksals, dass wir einen Parkplatz in absoluter Nähe des Eingangs finden. Das Glück wendet sich mir zu, mein Optimismus steigt.

Ich wechsle meine Schuhe aus und gehe in die Kälte. Ungefähr zweihundert Meter muss ich laufen. Den Umschlag habe ich im Schutz meiner Jacke verborgen, presse ihn an mein Herz, wo er mit jedem Schlag mitpulsiert. Oder ist er es, der den Takt angibt? An diesem Abend, an diesem Tag, ist nichts davon auszuschließen.

Ich erreiche den Eingang. Einige Menschen stehen davor, rauchen. Ich halte mich nicht bei ihnen auf, denn hier werde ich nicht finden, was ich suche. Wenn, dann finde ich es drinnen, in der von Stroboskoplichtern durchzuckten Dunkelheit, der von Schweiß geschwängerten Rhythmik der Beats.

Die Jacke gebe ich an der Garderobe ab, wie ich es geplant habe. Den Umschlag halte ich nun wieder in der Hand. Inzwischen ist es keine Einbildung mehr, dass er und ich im Einklang miteinander schlagen und pulsieren. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen den Taktschlägen der Musik und dem Stakkato meines Herzens.

Ich schaue mich um, zweifle, zögere. Und was ist, wenn nun … aber nein, das kann nicht sein! Heute ist mein Tag, ich weiß es, ich spüre es. Und außerdem ist heute Samstag. An Samstagen sind wir nah. Bin ich nah. Ihr nah. An Samstagen ist sie eigentlich immer da. Sie ist schön, die Frau meiner Träume, meiner Begierde, meines Herzens. Ich habe sie hier im Club gesehen und mich sofort in sie verliebt. Ich mag alles an ihr: ihr herzliches Lachen, die Art, wie sie sich zum Takt der Musik bewegt, den Stil ihrer Kleidung. Alles.Aber ich habe mich noch nie getraut, sie anzusprechen. Sie scheint mir so nah und doch Lichtjahre von mir entfernt zu sein, auf einem anderen Stern zu existieren. Wenn sie dort drüben, auf der anderen Seite der Tanzfläche, an der Bar steht und sich mit ihren Freundinnen unterhält, schaue ich ihr gerne zu und stelle mir vor, bei ihr zu stehen und mich auch mit ihr zu unterhalten.

Mein Spiegel hat mich eines Tages, aus dem Hinterhalt, als einen Spanner und Stalker bezeichnet, weil ich sie mit meinen Blicken verfolgen würde. Ich gebe zu, dass ich sie beobachte, aber das tue ich nicht, weil ich unredliche Absichten hätte – es sei denn, es ist unredlich, einem anderen Menschen, den man schön findet, den man begehrenswert findet, näherkommen zu wollen.

Und nun stehe ich hier und suche nach ihr, versuche, ihren Kopf mit den langen Haaren, die im Licht der Scheinwerfer mal rötlich und mal blond erscheinen, in der Menge ausfindig zu machen.

Schließlich finde ich sie, weil sie mich zuerst gefunden hat.

Ich lasse gerade meinen Blick wieder an der Bar entlangschweifen, als ich sie entdecke. Sie ist alleine diesmal. Und sie schaut unverwandt in meine Richtung. Ich sehe schnell zur Seite und tue so, als ob ich irgendwas ganz anderes ansehe. Aber als ich verstohlen wieder in ihre Richtung schaue, ist ihr Bick immer noch auf mich geheftet.

Mir ist, als müsse ich vor Scham, Angst und Unsicherheit auf der Stelle im dreckigen und klebrigen Boden versinken. Ich bin ertappt. Was wird sie von mir denken? Was von mir halten?

Der Umschlag wird schwer in meiner Hand. Und immer schwerer und schwerer. Sein Inhalt hat sich von Papier zu Felsgestein umgewandelt. Und noch immer schauen wir uns an, sie und ich, über die Tanzfläche und die sich bewegenden und zuckenden Leiber hinweg.

Zwei Stimmen kämpfen in mir miteinander. Die eine gemahnt zur heillosen Flucht, treibt mich an, den Club, die Stadt, das Land zu verlassen. Und die andere flüstert mir leise, viel zu leise, immer wieder den Satz zu: »Heute ist dein Tag!«

Aber nun, wo es ernst wird, werden könnte, ist es unglaublich schwer für mich. Diese Frau ist für mich das, was Julia für Romeo, Gretchen für Faust, das kleine rothaarige Mädchen für Charlie Brown gewesen ist. Schwankend zwischen Unerreichbarkeit und Tragödie. Ziel der Hoffnung und der Erfüllung.

Mir wird schwarz vor Augen und ich muss sie für einen Moment schließen. Diese Gedanken und Parabeln, die mir da in den Sinn kommen, sind doch gar nicht ich! Ich weiß nicht, wieso es mir in letzter Zeit immer so geht, dass ich kaum noch ein ordentliches Wort denken, geschweige denn fühlen kann. In meinem Kopf scheint ein Wörterbuch explodiert zu sein, das die blumigsten und geschwungensten Wörter wie Widerhaken in meinem Hirn verankert hat.

Auch wenn ich zugeben muss, dass es sehr dabei geholfen hat, das zu schreiben, was auf dem Blatt Papier steht, das in dem Umschlag ist, der nun mit Macht aus meiner Hand fallen möchte und sozusagen nur noch am seidenen Faden zwischen meinem Daumen und meinem Zeigefinger hängt.

Ich öffne meine Augen wieder und sehe, dass sie nicht mehr da ist! Sie steht nicht mehr an der Bar, muss fortgegangen sein, nachdem sie feststellte, dass ich wieder einmal meine Augen nicht bei mir behalten konnte. Vielleicht ist sie mal eben telefonieren gegangen, lässt mich verhaften, sobald ich den Club verlasse. Oder sie holt ihren Freund, auch wenn ich sie nie in Begleitung eines Mannes sah. Oder …

»Hi!«

Von links werde ich angesprochen und noch ehe ich mich umdrehe weiß ich, dass sie es ist. Ich kann sie riechen, die Luft schmeckt nach ihr. Eine Aura umgibt sie. Unwillkürlich fasse ich den Umschlag wieder mit mehr als zwei Fingern an.

Als ich mich dann drehe, geschieht es mit der Geschwindigkeit eines Turmdrehkrans. Meine Arme scheinen seine Ausleger zu sein, die zunächst an Ort und Stelle verweilen, bevor der Schwung sie dann mit sich reißt.

Und schließlich stehe ich ihr doch in meiner Gesamtheit gegenüber, jeder zitternde und unsichere Zentimeter von mir. Auf Armeslänge vor der Frau, die ich bislang nur aus der Entfernung betrachtet habe, die uns gleichzeitig trennte und voreinander schützte. Mich vor ihr und mir gleichermaßen schützte.

»Hi«, sage ich – mehr ein Reflex als ein ernst gemeinter Versuch, ein Gespräch in Gang zu bringen.

»Wie geht es dir?«, fragt sie und diese einfache Auskunft überfordert mich vollkommen. Doch wenn ich nichts sage, dann wird sie denken, dass ich nicht nur ein Stalker, sondern auch debil bin. Also muss ich wohl oder übel antworten.

Der Umschlag in meiner Hand steht in Flammen.

»Ganz gut«, antworte ich und verschlucke mich fast an den zwei Silben. »Und dir?«

»Mir auch.«

Sie sieht mich an und ich sehe sie an. Um mich herum beginnt die Welt, sich wieder zu drehen, doch diesmal schneller. Was ich für den Ausleger eines Krans gehalten habe, sind in Wahrheit die Ketten eines Karussells, in dessen Sitz ich gepresst und immer wieder im Kreis gewirbelt werde. Sie ist die Achse, um die ich mich bewege.

Und immer noch suche ich in ihrem Gesicht nach einem Anzeichen von Ärger, von Wut, von Ekel oder Abscheu. Ich suche nach Pfefferspray, einer Handtasche, einem Schlagring, mit dem sie sich an mir für den Voyeurismus der vergangenen Wochen revanchieren möchte.

In ihrer Hand hält sie einen Briefumschlag.

Er sieht nicht so aus, als sei er ein Zwillingsbruder von meinem, aber trotzdem möchte dieser sofort nach vorne, in den Vordergrund, um seinen Artgenossen freudig zu begrüßen. Als ob er sagen wolle, dass er lange genug von dem Idioten, mir, misshandelt und viel zu fest gehalten worden sei.

Ich schaue der jungen Frau in die Augen und sehe Neugierde, und … ist es Unsicherheit? Wieder scheine ich ein Spiegelbild vor mir zu haben. Doch dieses Mal verhöhnt er mich nicht, sondern stellt mir Fragen. Und die Fragen von ihr und die Fragen von mir treffen sich in unserer Mitte, ohne dass wir sie aussprechen müssen.

Ich könnte es, glaube ich, auch überhaupt nicht.

»Ich bin die Anna«, sagt sie schließlich und ihre Lippen formen nach den wunderbaren vier Buchstaben ihres Namens ein Lächeln, das das Feuer in meinem Briefumschlag löscht und die Hand dazu bewegt, sich nach vorne zu bewegen, wo sie sie sehen kann.

Genau das passiert. Sie schaut auf den Umschlag in meiner Hand, auf den in ihrer Hand, und dann wieder zurück zu mir.

»Ist der da für mich?«

»Ja.«

»Dann ist der hier für dich.«

Ich nehme den Umschlag und reiche ihr den meinen. Er schmeichelt meiner Hand, ist wie ein Versprechen.

Ich bemerke, dass ich ihr meinen Namen noch nicht genannt habe und nun, da ich ihren, ebenso einfachen wie reinen gehört habe, komme ich mir beinahe ein wenig albern vor, ihn zu nennen.

Aber Anna schaut mich mit einem so offenen, entwaffnenden Blick an, dass der Ring, der sich um meinen Mut gelegt hat, plötzlich aufspringt und all diese Kraft, die die ganze Zeit über in mir war, nun wieder zum Vorschein kommen lässt. Die Kraft, die es mir überhaupt möglich gemacht hat, den Brief, der in dem Umschlag ist, überhaupt zu schreiben.

Ich öffne meinen Mund, lächle Anna an und sage dann: »Jetzt bitte nicht lachen. Mein Name ist Valentin!«

Natürlich müssen wir beide lachen. Ein befreiendes Lachen. Denn heute ist der 14. Februar.

Mein Tag!