Eine Inspiration – Tausend Möglichkeiten für eine Geschichte

Am Anfang stand die nackte Realität. Durch einen Zufall war ich in der Wikipedia auf den Artikel über das Luftschiff LZ 120 gestoßen. In diesem wurde von einem Zwischenfall am 02.11.1919 berichtet, bei dem es zu einem Beinaheabsturz des Zeppelins und dem tragischen Tod eines Mitglieds der Haltemannschaft gekommen war.

Dieser Artikel berührte mich auf seltsame Weise. Besonders der, im typisch-nüchternen Stil eines Enzyklopädieartikels abgefasste, Satz: „Der Zwischenfall hatte ein Todesopfer gefordert: Ein Mitglied der Haltemannschaft in Berlin hatte das Schiff nicht rechtzeitig losgelassen und war aus 50 Meter Höhe abgestürzt.“

Mehr stand dort nicht geschrieben. Aber durch diese kleine Begebenheit am Rande erhielt der Zwischenfall von LZ 120 „Bodensee“ für mich eine zusätzliche Dimension, die mein Interesse weckte und meine Fantasie in Gang setzte. Was war da eigentlich geschehen, an jenem Wintertag in Berlin-Staaken?

Die Frage wanderte in mein kleines gedankliches Notizbuch und blieb dort für eine kurze Zeit. Doch schnell war mir klar, dass ich hier den Stoff für eine Geschichte hatte, die sich zwar an den historischen Tatsachen orientieren musste, aber dennoch genügend Raum für eigene Variationen bot.

Das fing schon mit der Frage nach der Erzählperspektive und der Herangehensweise an die Geschichte an. Durch die Geschehnisse waren drei Gruppen von Personen denkbar, aus denen ich mir einen Protagonisten aussuchen konnte: Die Besatzung von LZ 120, die Passagiere und die Mitglieder der Bodenmannschaft. Letztere bot sogar noch dahingehend Optionen, wahlweise einen unbeteiligten Beobachter oder aber jenen Arbeiter auszuwählen, der den Zwischenfall nicht überleben sollte.

Nun, da ich die Geschichte geschrieben und ihr sie gelesen habt, ist es ja kein Geheimnis, wie ich mich entschied. Aber ich denke, es ist schon lohnenswert, einmal darauf zu schauen, ob die Erzählung nicht auch mit einer der anderen Perspektiven funktioniert hätte.

Ich kann mir nur vorstellen, was in der Steuergondel von LZ 120 los gewesen ist, als das Schiff auf einmal anfing, unberechenbare Kapriolen zu schlagen. Die Besatzung war, soweit ich weiß, routiniert. Aber einen solchen Vorfall hatte es vorher nicht gegeben und daher gab es keine Erfahrungswerte. Während der Landung war ein Luftschiff in der Tat auf Hilfe von außen angewiesen und ich stelle es mir als sehr mulmiges Gefühl vor, die unmittelbare Gefahr zu sehen und nicht eingreifen zu können.

Auch der Entschluss, das Luftschiff wieder freizugeben, barg einiges an Risiken. Durch die Schäden, die LZ 120 erlitten hatte, war fraglich, ob eine halbwegs sichere Landung zu einem späteren Zeitpunkt durchführbar war. Tatsächlich war der Zeppelin, als er Staaken verließ, Wind und Wetter ausgeliefert. Kein Wunder, dass ob dieser Dramatik niemand an Bord das Drama, das sich unter dem Schiff an einem der Halteseile abspielte, mitbekam.

Selbiges gilt für die Passagiere an Bord, für die das dramatische Ende ihrer Reise ein Höllenritt gewesen sein muss. Man muss sich nur vor Augen halten, dass das Fliegen an sich damals noch eine ganz andere Sache war, als es das heutzutage ist. Heute steigt man für 29 Euro in einen Flieger und ist in drei Stunden an einem Mittelmeerstrand. Damals war eine Flugreise nicht nur teurer, sondern auch noch mit einem Hauch des Abenteuers und der Exklusivität versehen. Dementsprechend dürfte die Zusammensetzung der Passagiere gewesen sein.

Dass sich aus den persönlichen Geschichten der Reisenden vor dem Hintergrund eines Unglücks ein gutes Garn spinnen lässt, hat das Genre des Katastrophenfilms seit seinen Anfängen mit „Airport“ oder „Der Untergang der Poseidon“ immer wieder bewiesen. Was trieb die Menschen an, die im Angesicht des drohenden Absturzes ihr Heil im Sprung aus der Kabine sahen? Was geschah in jenen Minuten in der Gondel unter dem Walfischbauch?

Über die Passagiere von LZ 120 schweigt sich der Artikel, der für mich den Anstoß zu „Der Traum vom Fliegen“ lieferte, aus. Was kann einem Schriftsteller besseres passieren, als ganz viele Blaupausen, die er mit Leben füllen kann?

Und dennoch habe ich mich dazu entschlossen, dorthin zu gehen, wo die Aktion ist, wo für mich das eigentliche Drama dieses Tages liegt, auch wenn es in der offiziellen Geschichtsschreibung nur eine Randbemerkung sein mag.

Auch über die Hintergründe der Personen der Haltemannschaft kann man viel herbei spekulieren. Sicher ist, dass es sich hierbei zwar um eine verantwortungsvolle, nichts desto trotz aber um eine Hilfsarbeit gehandelt hat. Etwas für den typischen Arbeiter, dessen Muskeln ihm bessere Dienste leisten mussten als sein Verstand.

Der Gedanke liegt nahe, dass 1919 eine große Zahl dieser Männer noch vor kurzem im Feld gestanden hat. Der Krieg war zum Zeitpunkt des „Bodensee“-Vorfalls noch kein Jahr beendet und Deutschland steckte in den Anfängen einer Republik, die sich bereits zu diesem frühen Zeitpunkt ihrer Feinde von innen und außen erwehren musste. Auch hier hätten sich viele Projektionsflächen auf die Arbeiter angeboten.

Ich habe mich entschieden, gezielt die Person zu beschreiben, die am Ende als einziges Opfer dieses Tages zu beklagen war – falls ihn jemand beklagt hat, heißt das. Auch hierzu erfährt man aus dem Artikel nichts, nur, dass die Passagiere von LZ 120 bester Laune waren, als man sie nach der schlussendlich erfolgreichen Notlandung zurück nach Berlin kutschierte.

Mein Friedel hätte also so gut wie alles sein können. Ein grantiger Ex-Soldat, der mit sich und der Welt hadert, weil er, als gefeierter Kriegsheld, dazu gezwungen ist, sich seinen Lebensunterhalt durch diese stupide und niedere Arbeit zu verdienen. Oder er hätte ein Student sein können, der auf der Suche nach körperlichem Ausgleich für die harte Denkarbeit, diese Stellung angenommen hat.

Dass Friedel der geworden ist, als der er sich nun dem Leser vorstellt, hat er dem Satz zu verdanken, der mir als erster der Geschichte durch den Kopf gegangen ist und der sich, leicht variiert, auch jetzt noch an ihrem Ende befindet: „Ich werde mich nicht mehr lange halten können, aber vielleicht werde ich fliegen.“

So etwas kann nur ein Mensch denken, dessen Traum vom Fliegen so groß und mächtig ist, dass er nicht einmal durch die Gefahr und das nahe Lebensende völlig ausgelöscht werden kann. Damit stand fest, dass Friedel liebt, was er tut und dass er alles dafür geben wird, um seine Tätigkeit zum Wohle des Luftschiffs auszufüllen.

Der Rest ist, wie man so schön sagt, meine und seine Geschichte.

Ich freue mich, dass „Der Traum vom Fliegen“ bei vielen meiner treuen Kommentatoren und Leser gut angekommen ist. Ich hatte Zweifel, weil die Prämisse der Geschichte nun einmal eine historische Begebenheit ist. Aber davon ausgehend hätte die Geschichte so vieles sein können, was sie letztlich nicht wurde. Die Möglichkeiten waren da, wie ich in diesem Beitrag schildern wollte.
Manchmal kommt es nur darauf an, aus tausend Möglichkeiten die richtige zu wählen.

Danach muss man nur noch schreiben.

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Neue Kurzgeschichte: Der Traum vom Fliegen

Lange angekündigt – und jetzt fertig. Ich habe es nach zähem Ringen geschafft, diese schon länger in mir rumorende Kurzgeschichte zu zähmen. Sie ist mit fast 3.400 Wörtern recht lang geworden, aber ich hoffe, euch dennoch gut damit unterhalten zu können.

Die Geschichte ist für mich in gewisser Weise eine Premiere, basiert sie doch auf realen Geschehnissen, wie sie sich am 02. November 1919 zugetragen haben. Insofern hatte ich Unterstützung beim Plot, nicht aber bei der Figur, die ich schildere und bei der ich mir schriftstellerische Freiheit erlaubt habe.

Aber genug der Vorrede, die Geschichte ist schließlich lang genug. Ich wünsche euch viel Spaß mit


Der Traum vom Fliegen

Manchmal wünschte ich, ich könnte fliegen. Frei wie ein Vogel, die Schwingen ausgebreitet, dahin segelnd auf den Luftwirbeln. Mit freiem Blick in die unendliche Weite und auf das, was unter mir zurückgeblieben ist. Auf die Erde, die mich gefangen hält und mich an sich bindet.

Dann stelle ich mir vor, wie ich über der Welt schwebe, mal hierhin und mal dorthin treibe. Nach oben steige und nach unten hinab stoße. Die Ruhe genießend und die Sonne jagend.

Heute ist die Sonne nicht zu sehen. Und die Last der Schwerkraft liegt auf mir. Ergänzt durch den Schnee, der aus den dichten Wolken fällt und mich ebenso wie meine Kollegen bedeckt. Die Schirmmütze möchte mir durch das zusätzliche Gewicht dauernd in die Augen rutschen und ich komme kaum damit nach, den Schnee herunter zu wischen.

»Das ist doch ein Wahnsinn«, sagt Mäxchen Meier neben mir. Eine dicke Wolke Atemluft strömt zusammen mit den Worten aus seinem Mund. »Die müssen doch längst umgekehrt sein.«

»Geht nicht«, sagt Baumann, der Chef unseres kleinen Trupps. »Dafür reicht deren Treibstoff nicht. Konnte ja keiner ahnen, dass sich direkt über unseren Köpfen ein Schneesturm zusammenbrauen würde.«

»Nee, ist klar. Sprechen die Wetterfrösche ja auch erst seit einer Woche von.«

»Schnauze, Brand. Ist das erste Mal, dass die Frösche recht gehabt haben.«

»Trotzdem«, mault Brand, der etwas vierschrötige Pankower. »Wir haben November, da kann man schon mal mit schlechtem Wetter rechnen.«

»Du solltest dich im Büro melden«, sage ich. »Du bist für den Posten hier überqualifiziert.«

Brand lacht, dass seine Wampe heftig ins Wackeln gerät. »Sagt meine Olle auch immer. Was halten Sie davon, Chef?«

»Was du machst, nachdem wir den Vogel sicher in den Käfig gebracht haben, ist mir herzlich egal. Aber jetzt zieht gefälligst eure Handschuhe an. Ich glaube, ich höre was.«

Eigentlich ist es unmöglich, bei dem heftigen Brausen des Windes irgendetwas zu hören, aber wenn Baumann sagt, dass er etwas hört, dann stimmt das. Er hat die meiste Erfahrung von uns allen. Und er kennt, als einziger, soweit ich weiß, die Angelegenheit von oben und von unten. Ich kann bis jetzt nur vom Fliegen träumen. Aber Baumann war schon da oben.

»Friedel träumt schon wieder mit offenen Augen«, sagt Mäxchen und wirft mir einen leicht anzüglichen Blick zu. »Blond oder brünett?«

»Ach, halt doch dein Maul.«

Ich ärgere mich darüber, dass ich mich über Meier ärgere. Schweigend ziehe ich die Spezialhandschuhe aus der Tasche meines Overalls. Schon wieder will mir die Mütze vom Kopf rutschen, aber ich kann sie noch einfangen. Mit den Dingern an den Händen wird das schwierig. Aber ohne die Mütze geht es nicht. Ich muss klare Sicht auf das Geschehen haben.

Plötzlich höre ich das, was Baumann schon vor allen anderen gehört hat: Ein leises Brummen, das rasch lauter wird. Der Vogel ist im Anflug.

»Gut, gut, er ist trotz des Wetters fast pünktlich!«

Ich habe keine Ahnung, wie er das geschafft hat, aber ein Blick auf die große Uhr am Hauptgebäude überzeugt mich davon, dass Baumann recht hat. Wieder einmal.

»Los, meine Herren! Dann wollen wir mal.«

Das Brummen klingt so, als ob irgendwo über uns ein ganzer Bienenschwarm stehen würde. Ein riesiger Schwarm aus wütenden Drohnen, der sich nun langsam zu uns herab senkt.

Aber ich habe keine Zeit mehr, mich in meinen Gedanken zu verlieren. Zusammen mit den anderen renne ich los, auf das freie Feld. Jetzt merke ich erst, wie stark der Wind wirklich weht. Der Schnee scheint von überall und nirgends zu kommen. Er bedeckt den Boden und ich bin mir sicher, dass ich ausrutschen und fallen werde.

Wie, in drei Teufels Namen, soll ich den ›Bodensee‹ festhalten, wenn ich nicht einmal selbst einen sicheren Stand habe?

Aber zum Glück bin ich ja nicht alleine. Insgesamt sind wir dreißig Mann. Das hat bis jetzt noch immer ausgereicht, den Vogel in den Käfig zu bringen, wie Baumann es nennt.

Mein Blick geht suchend nach oben, aber ich sehe nur die tief über dem Feld hängenden Wolken. Wenn das Geräusch nicht wäre, würde ich beinahe glauben, dass wir paar Männer ganz alleine auf der Welt sind. Nicht einmal mehr das Hauptgebäude ist deutlich zu sehen. Am anderen Ende des Feldes ist die Halle, der Käfig.

»Männer!«, brüllt Baumann. »Das könnte ein bisschen holprig werden. Aber ihr wisst ja, wie es gemacht wird. Vertraut auf die Handschuhe und auf eure Erfahrung. Dann wird das ein Kinderspiel!«

Auf die Handschuhe vertrauen. Ja. Die Lederdinger, die so dick sind, dass sie meinen Tastsinn beinahe vollständig ausschalten. Aber sie müssen so sein, weil ich ansonsten die ungute Erfahrung machen würde, wie mir meine Haut von den Knochen geschält wird, wenn ich den ›Bodensee‹ packe. Manchmal bockt er ein wenig und bei diesem Wetter steht uns mit Sicherheit ein holpriger Ritt bevor.

»Das gefällt mir nicht«, sagt Brand. Ich verkneife mir einen Kommentar. Und ich verkneife mir die Gedanken, die ihm zustimmen wollen. Nein, mir gefällt das hier auch nicht sonderlich.

»Da!«

Wieder ist es Baumann, der es zuerst sieht. Er hat wirklich einen sechsten Sinn dafür. Wenn es hier jemanden gibt, der eigentlich eine Beförderung verdient hat, dann ist er es. Aber bis jetzt hat man ihn bei uns von der Bodenmannschaft gelassen.

Die anderen und ich starren in die Richtung, die er uns anweist. Und tatsächlich fällt in diesem Moment etwas durch die Wolken, schlägt auf dem Boden auf und wird dann von den Windböen hin und her geschleudert.

Wir sind zu weit gerannt und müssen nun ein Stück weit zurück. Mich packt die Aufregung, wie immer. Näher als in diesen Momenten komme ich dem Fliegen nicht.

Ich bin bei den ersten, die auf das Seil, das aus den Wolken gekommen ist, zu stürmen. Wie eine Schlange wirbelt es kreuz und quer über den Boden. Halb rutsche ich aus, halb ist es ein bewusstes Hinhocken. Doch dann habe ich das Seil. Ich habe den Vogel gepackt.

Nach und nach greifen auch die anderen Männer zu. So widrig auch das Wetter ist, wir halten ihm stand. Das Wichtigste ist jetzt, den ›Bodensee‹ nicht wieder ausbrechen zu lassen. Er mag ein Kind der Lüfte sein, aber unsere Aufgabe ist es, ihn am Boden zu halten.

Das Dröhnen und Brummen wird lauter. Wir halten das Seil fest. Für den Moment haben wir nicht mehr zu tun, als das. Der Rest muss nun von oben kommen.

»Gut so!«, ruft Baumann. Er lacht. Das alles macht ihm einen gewaltigen Spaß. Ich merke, dass ich mit lache. Dass ich dabei den Schnee schlucke, der mir in den weit geöffneten Mund fliegt, während ich den Kopf in den Nacken lege, stört mich nicht.

Ich warte auf den Moment, in dem ich ihn sehen kann. Auf diesen immer wieder erhebenden Augenblick.

»Achtung!«, ruft einer der Männer. Ich habe nicht verstanden, wer es war, aber den Grund bemerke ich sofort. Der ›Bodensee‹ driftet zur Seite und zieht uns mit sich. Da ist man einen Moment nicht aufmerksam und schon passiert so etwas. Ich halte das Seil fest und versuche, auf dem seifigen Boden genügend Halt zu finden, um ihn einzufangen. Neben mir legt sich Grunert auf die Nase. Aber auch er lässt das Seil nicht los. Wir sind eine gute Truppe.

»Da kommt er!«

Ich schaue wieder nach oben und ja, jetzt kann ich ihn sehen. Ein dunkler Schatten, dunkler als die Schlechtwetterwolken, senkt sich auf uns herab. Schlagartig ist unser Standort in Schwärze getaucht. Der Schatten setzt sich bis weit nach hinten fort. Circa einhundert Meter weit, wie ich weiß.

»Aufteilen, Männer!«

Auf Baumanns Ruf hin löst sich ein Teil unserer Schar und läuft weiter unter den Schatten. Ein weiteres Seil wird herunter gelassen. Dann fällt noch ein weiteres aus den Wolken.

Wir halten ihn fest, als ob es um unser Leben ginge. Ich halte ihn fest, als ob es um mein Leben geht.

Jetzt bricht der ›Bodensee‹ durch. Ich weiß, dass viele bei diesem Anblick an eine Zigarre denken. Für mich besaßen diese Giganten immer schon die Anmut eines riesigen Walfisches: Kraft gepaart mit Eleganz.

Das Luftschiff LZ 120 ›Bodensee‹ senkt sich auf das Flugfeld von Staaken nieder, angetrieben von seinen gigantischen Motoren und doch auf uns, die Männer von der Bodenmannschaft, angewiesen, um seinen Platz am Anlegemast zu finden, der dort drüben, unmittelbar vor der großen Halle, steht.

Ich kenne alle Daten und alle Details zu diesem Giganten der Lüfte. Wenn ich schon nicht wirklich am eigenen Leib erleben kann, wie es ist, damit zu fliegen, dann will ich wenigstens alles darüber wissen. Aber eine Passage zu buchen, das kann ich mir mit meinem Hungerlohn niemals erlauben.
Doch hier bin ich ihm nahe. Dem Traum vom Fliegen.

»Der kommt verdammt schnell runter«, sagt Kriminski neben mir. Ich wende mich ihm kurz zu und sehe, dass der alte Mann besorgt die Augen zusammen kneift. Kriminski ist am längsten von uns allen hier. Abgesehen von Baumann.

Ich schaue wieder nach oben und tatsächlich, es scheint, als ob sich der hundert Meter lange Körper des Luftschiffs viel schneller als sonst in Richtung Boden bewegen würde. Natürlich, der Wind. Wenn es hier unten schon so ungemütlich zugeht, muss es da oben noch wesentlich schlimmer sein.

Baumann kommt von weiter hinten angelaufen. Ich hatte gar nicht mitbekommen, dass er mit den anderen weggegangen war.

»Zeichen von der Kabinencrew!«, ruft er gegen den Schneesturm an. »Sie haben Probleme!«

Ich kann die Kabine sehen, die unterhalb der Außenhaut des Giganten angebracht ist. Alles weitere ist zu weit entfernt, aber ich weiß, dass sich die Besatzung mit einer Flüstertüte verständlich machen kann.

»Was soll das heißen?«, ruft Grunert zurück.

Doch schon im nächsten Moment erfahren wir am eigenen Leib, was diese Meldung zu bedeuten hat.

Mit einem so nicht zu erwartendem Rucken werden wir von den Beinen geschleudert und finden uns im nächsten Moment auf dem eisharten Boden wieder. Ich habe das Seil losgelassen und sehe, dass es fast allen anderen auch so gegangen ist. Es wurde uns förmlich aus den Händen gerissen.
Wenn ich nicht die Handschuhe gehabt hätte, wäre mir glatt die Hand in der Mitte durchtrennt worden.

Der ›Bodensee‹ schlägt eine Kapriole in der Luft, als sei er ein Kunstflieger auf einer Ausstellung. Sein Bug wird nach oben gerissen, gleichzeitig senkt sich sein Heck herab.

»Verdammte Scheiße!«

Ich kann die Worte nicht hören, aber die Lippenbewegungen von Baumann waren eindeutig. Er ist schon wieder auf dem Weg nach hinten.

Ich sehe das Seil in einigen Metern Entfernung hin und her schwingen. Schnell bin ich wieder auf den Beinen und hänge mich daran, als ob mein Gewicht auch nur ein wenig ausmachen würde. Das Luftschiff wiegt mindestens zwanzig Tonnen. Und doch können wir es unter normalen Umständen leiten und sichern.

Aber das sind heute keine normalen Umstände.

»Hierher!«, rufe ich den anderen Männern, die bis gerade noch sprichwörtlich mit mir an einem Strang gezogen haben, zu.

Hinter mir ertönt ein lautes Krachen, wie ich es noch nie zuvor gehört habe. Erschrocken wende ich mich um und traue meinen Augen nicht: Ich kann gerade noch sehen, wie die Steuergondel ein paar Meter über den Boden des Landefelds gezogen wird. Der Zeppelin hat sich fast auf den Boden geworfen.

Mein Gott, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen!

Der Walfischbauch dreht sich zur Seite, als er von einer neuen Böe gepackt wird. Wenn sie ihn nun wieder zu Boden drückt, dann wird der Leib des Luftschiffs die kleine Gondel einfach unter sich zerquetschen.

Aber die Passagiere und die Männer der Besatzung haben Glück. Ein starker Aufwind packt den ›Bodensee‹ und hebt ihn wieder in die Luft. Rasend schnell wird das Heck nach oben gezogen. Dafür kommt der Bug nun wieder herab – genau auf mich zu!

»Nichts wie weg hier!«, ruft Kriminski neben mir. Ich weiß, dass ich das Seil loslassen und machen sollte, dass ich mich in Sicherheit bringe. Aber ich halte es weiter fest. Ich werde nicht klein beigeben. Solange ich hier stehe, wird dieses Luftschiff nicht einfach machen, was es will!

»Er hebt sich schon wieder!«

Mein Ruf bewegt einige der Männer, sich wieder umzudrehen und ans Seil zu hängen. Ich sagte ja, wir sind ein guter Trupp.

Für einen Moment liegt der Zeppelin waagerecht in der Luft und ich fange gerade an zu glauben, dass wir ihn doch noch werden normal landen können, als das Heck wieder gen Boden stürzt. Erneut schlägt die Gondel auf und …

Mein Gott, sind das Menschen, die da abspringen!? Es ist ziemlich weit entfernt und bei dem Sturm werden die Augen getrogen, zumal es mir irgendwann, ohne dass ich es recht bemerkt habe, die Mütze vom Kopf gerissen hat. Aber doch, da sind kleine Schatten, die sich von der Gondel lösen und wie Sandsäcke zu Boden stürzen. Ich verliere sie aus den Augen, sobald sie aufgekommen sind. Überhaupt habe ich gar keine Zeit, um mich davon ablenken zu lassen. Ich muss den ›Bodensee‹ festhalten!

Meine Arme schmerzen bis in die Schultern hinauf. Ich kann spüren, wie mich die Kraft langsam verlässt. Lange darf das hier nicht mehr dauern, ansonsten werde ich, ob ich will, oder nicht, aufgeben müssen.

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sich die meisten Männer absetzen. Ohne sich noch einmal umzublicken, laufen sie auf die große Halle zu. Habe ich gerade noch gedacht, dass wir alle nur an einem interessiert sind, nämlich den Zeppelin zu sichern? Nun, ich habe mich geirrt.

Für einen Moment tritt fast so etwas wie Ruhe ein. Der Sturm lässt ein wenig nach und gönnt mir eine Ruhepause. Ich nutze sie, um zu versuchen, einen Blick auf die Menschen zu erhaschen, die abgesprungen sind. Da hinten liegen dunkle Punkte auf dem weißen Boden und es ist absolut unmöglich, zu erkennen, ob sie sich noch regen, oder nicht.

Doch der Augenblick vergeht viel zu schnell und schon zerrt der Wind wieder am ›Bodensee‹, der wiederum an mir reißt.

Ich sehe, dass sich das Heck wieder hebt. Und nicht nur das, es gewinnt rasch an Höhe. Ich brauche eine Sekunde, bis mir der Grund dafür einfällt. Natürlich: Die Menschen, die gesprungen sind, haben das Gewicht des Luftschiffs verringert! Und dass es leichter geworden ist, bedeutet, dass es steigt. Verdammt, wir bräuchten genau jetzt jeden Mann an den Seilen!

Der Walfisch über mir setzt sich in Bewegung. Er wird auf die Halle zu getrieben. Ja, wirklich, es sieht nicht so aus, als ob die Besatzung noch die Kontrolle hätte.

Erschrocken sehe ich mich um. Zwar ist der ›Bodensee‹ gestiegen, aber es reicht nicht aus. Wenn er die gegenwärtige Höhe behält, dann wird er dagegen stoßen. Das gibt ein riesiges Unglück!

Verzweifelt klammere ich mich an das Seil, als ob allein mein Gewicht es schaffen könnte, den Giganten weiter nach unten zu ziehen. Doch selbst wenn es so wäre, wie soll ich dafür sorgen, dass der Zusammenstoß verhindert wird?

Gedanken an die möglichen Folgen schießen mir durch den Kopf. Kann der Wasserstoff, mit dem das Luftschiff gefüllt ist, durch den Aufprall explodieren? Vielleicht durch einen Funkenschlag?

Ich weiß es nicht, aber der Gedanke macht mich kribblig. Ich greife noch fester zu und überhöre das Kreischen meiner Muskeln.

Aber noch etwas anderes überhöre ich. Ich merke es erst, als sich das Besatzungsmitglied, das gerade noch mit dem Oberkörper und der Flüstertüte am Mund aus dem Fenster gelehnt hat, schon wieder verschwunden ist.

Ich suche Baumann, kann ihn aber nicht entdecken. Er ist immer noch irgendwo hinten am Heck. Vielleicht kümmert er sich auch um die Springer.

Aber – was ist das? Das Hinterteil hebt sich schnell in die Höhe, so als ob … ja, tatsächlich, da hängt niemand mehr an den Seilen! Wieso haben die denn alle losgelassen?

Als Reaktion packe ich nur noch fester zu. Das Seil und ich werden eins miteinander. Ich lasse nicht los. Da kann passieren, was will. Und wenn ich der Einzige bin, der diesen verdammten Zeppelin am Boden hält!

»Friedel!«, schreit es auf einmal aus dem Schneegestöber. Ich brauche eine Sekunde um zu realisieren, dass es mein Name ist, der da gebrüllt wird.

Ich schaue nach oben, wo der riesige Leib des ›Bodensee‹ Anstalten macht, wieder in die Wolken zu verschwinden. Was ist denn da los?

»Friedel!«

Erst beim zweiten Ruf sehe ich mich nach dem Verursacher um. Es ist Baumann. Er kommt auf mich zu gerannt und brüllt wieder und wieder meinen Namen. Und noch etwas anderes, das ich nicht verstehen kann. Der Wind rupft ihm die Wörter von den Lippen.

Ein Ruck geht durch das Seil und ehe ich es mich versehe, mache ich einen Satz in die Luft. Nur kurz währt die Berg- und Talfahrt, dann habe ich wieder Berliner Boden unter den Füßen. Aber der kleine Lupfer hat ausgereicht, um mir ein Hochgefühl in den Magen zu zaubern.

Fühlt es sich so an, wenn man fliegt?

»Verdammte Scheiße, Mann, lass das Seil los!«

Jetzt habe ich Baumann genau verstanden. Zumindest seine Worte. Aber was der Sinn darin sein soll, dass ich loslasse, das begreife ich nicht. Wenn ich den Zeppelin nicht halte, dann könnte ja wer weiß was passieren.

Ich binde mir das Seil in einer Schlaufe um das Handgelenk. Das ist riskant, falls ich wieder von einem plötzlichen Krängen des Luftschiffes überrascht werde. Aber so habe ich einfach einen besseren Halt.

Den Schnee um mich bemerke ich kaum noch. Auch nicht, dass sich zu Baumanns Rufen nun auch andere Stimmen gesellen. Ich sehe dem Truppführer entgegen, der nur noch, vielleicht, zehn Meter von mir entfernt ist. Wieder schreit er meinen Namen und streckt nun beide Arme aus. Will er mir helfen, das Seil zu packen?

Ehe er mich oder das Seil erreichen kann, gibt es wieder einen Ruck und ich verliere die Bodenhaftung. Ich blicke hinauf und sehe, dass der Walfischleib nun fast vollständig verschwunden ist. Da ist nur noch sein Schatten – und auch der wird fadenscheinig.

Endlich verstehe ich. Alle anderen haben den Zeppelin losgelassen, der daraufhin, frei von jedem Halt, wieder aufsteigt. Das muss es gewesen sein, was der Mann von der Besatzung herunter gerufen hat. Sie brechen die Landung ab und …

Ja, was eigentlich?

Ich packe das Seil fester und wage mich dann erst, einen Blick nach unten zu werfen. Unter mir stehen, sitzen und kauern die Männer meines Trupps. Baumann hat die Hände zu einem Trichter geformt und ruft mir irgendetwas zu, das ich nicht verstehen kann. Hier oben ist es zu laut. Der Wind heult und jammert – oder ist es das gepeinigte Schiff?

Wenn es einen Moment gegeben hat, in dem ich noch gefahrlos hätte abspringen können, dann ist er unbeachtet vorbeigegangen. Meine Höhe beträgt jetzt bestimmt schon zwanzig Meter und der ›Bodensee‹ steigt schnell. Ich höre seine Motoren nicht mehr. Vielleicht sind sie bei dem Aufprall beschädigt worden. Vielleicht steigen das Schiff und ich gemeinsam und nur von den Winden angetrieben hinauf.

Mit ein wenig Verspätung wird mir klar, was das bedeutet. Selbst wenn ich es schaffen sollte, an diesem Seil hinauf zu klettern, dann gibt es keinen Weg für mich in die Gondel. Außerdem würde ich es sowieso nicht schaffen. Die Strecke ist zu weit und das Wetter zu unnachgiebig.

Jetzt wäre wohl der passende Augenblick, um Todesangst zu bekommen. Um über all das nachzudenken, was ich verliere, weil ich an diesem Seil sterben werde.

Nur habe ich nichts zu verlieren. Familie habe ich nicht, meine Eltern sind an der Grippe gestorben und mein Bruder ist vor Verdun geblieben. Eine Braut gibt es nicht. Und meine Wirtin wird mehr der Miete als mir hinterher weinen.

Ich atme tief durch und schaue mich erneut um. Wir sind jetzt in den Wolken und unter mir ist nichts als eine undurchdringliche weiße Wand. Irgendwo dort unten ist Berlin, das weiß ich. Aber in diesem Augenblick könnte es Welten entfernt sein.

Über mir, majestätisch und unglaublich schön, schwebt der Zeppelin. Ich glaube nicht, dass man dort an Bord überhaupt meine Anwesenheit bemerkt. Es ist mir nur recht so. Nichts soll diesen Moment des Friedens stören.

Ich spüre meine Hände kaum noch. Die Kälte, hier oben noch beißender als auf dem Boden, kriecht in jede Faser meiner Haut.

Es ist schön hier oben. So schön, wie ich es mir in meinen Träumen vorgestellt habe.

Meine Kräfte schwinden rapide. Ich fühle nichts mehr vor Kälte und Erschöpfung. Nur eine wohltuende Leichtigkeit. Ich denke nicht, dass ich mich noch lange werde festhalten können.

Aber, vielleicht, nur vielleicht …

Vielleicht werde ich fliegen.

Von der Schwierigkeit, eine Kurzgeschichte zu schreiben

Wenn ich einen Parameter dafür finden müsste, um auszudrücken, wie schwer mir das Schreiben in den letzten Monaten phasenweise fällt, dann könnte ich die Anzahl der geschriebenen Kurzgeschichten anführen. Oder, nein, eigentlich weniger die Anzahl der geschriebenen, sondern die der nicht geschriebenen. Und das wären eine ganze Menge.

Wie ihr wisst, habe ich hier im Blog schon eine ganze Reihe von Short Stories veröffentlicht. Die ganz überwiegende Mehrheit von ihnen hat gemeinsam, dass ich eine Idee ausgebrütet habe, die vielleicht auf eine Momentaufnahme, eine Wahrnehmung oder manchmal auch einfach auf die Nennung eines Titels zurückging. Danach war es meistens bis immer überhaupt kein Problem, die Geschichte, teils in kürzester Zeit, zu Papier zu bringen.

Dass dabei nicht immer große Kunst entstanden ist, ist klar. Aber dafür sind diese Geschichten ja auch nicht gedacht, sondern dafür, euch zwischendurch einfach mal etwas zum Lesen zu präsentieren. Wenn der komische Typ, der hier schreibt, schon der Ansicht ist, er sei ein Autor 😉 .

Tja – und nun stehe ich da und habe mir in letzter Zeit viel zu viele Gedanken gemacht, ob ich die Idee, die mir durch den Kopf geschossen ist, nun wirklich umsetzen soll. Und wenn ich dann zu dem Schluss kam, es doch einfach zu machen, dann ist es in die Hose gegangen.

Wer mir auf Twitter folgt (oder hier mal rechts auf die entsprechende Anzeige schaut) hat mitbekommen, dass ich im Moment an einer Kurzgeschichte schreibe. Eine der Geschichten, deren Idee mich schon vor einer ganzen Weile angesprungen hat.

Im ersten Anlauf habe ich, wenn ich mich richtig erinnere, genau drei Sätze geschrieben. Dann habe ich sie wieder gelöscht und drei bis vier neue Sätze geschrieben. Danach habe ich auch die wieder gelöscht und die ganze Sache zu den Akten gelegt.

Ich habe es also ernsthaft probiert und bin daran gescheitert, dass es einfach nicht geklappt hat. Ich würde gerne sagen, dass es bestimmt daran gelegen hat, dass ich gleichzeitig so unheimlich viele andere Dinge geschrieben habe. Habe ich aber nicht. Weder hier im Blog, noch am Roman, noch irgendwas anderes.

Wenn ich ehrlich sein soll, dann war genau dieser Umstand die Motivation dafür, die Idee nun doch noch einmal aufzugreifen und mich dazu zu zwingen, diese Kurzgeschichte aufzuschreiben. Aber es zieht sich und quält sich. Wo ich früher eine Kurzgeschichte von 2.000 Wörtern in einer Stunde herausgeholzt habe, brauche ich nun mehrere Tage. Weil ich Pausen brauche. Weil Erschöpfung einsetzt.

Ich bin mir noch nicht sicher, ob die Qualität der Geschichte davon profitieren oder darunter leiden wird. Aber wenigstens bin ich mir einigermaßen sicher, dass ich es schaffen werde, sie zu vollenden. Und dann stelle ich sie hier online und schaue mal, ob sie mir gefällt – oder nicht.

Nagelt mich aber nicht darauf fest, wann genau die Geschichte kommt. Wie ich schon sagte – oder zu sagen versuchte – ich bin da im Moment nicht ganz Herr meiner Entscheidungen. Und ob sie dann noch was taugt … nun, das werden wir dann ja sehen, nicht wahr? 🙂

„Vintage“ – Meine Geschichte zur sechsten Clue Writing Challenge

Mit dem Projekt Clue Writing verbindet mich ja, wie der eine oder die andere sich vielleicht noch erinnert, einiges. Schließlich erschien meine erste abgedruckte Kurzgeschichte seinerzeit im Band „Schmerzlos“ und wurde darüber hinaus sogar vertont.

Deswegen war es quasi Ehrensache, dem neuen Aufruf der grandiotastischen Clue Writer Rahel und Sarah zu folgen und einen Beitrag zur neuen, inzwischen sechsten, Clue Writing Challenge zu verfassen.

Was ist die Challenge? Nun, klassischer Weise werden eine Anzahl von Wörtern vorgegeben, die sogenannten Clues, die man dann in einer Geschichte verarbeiten muss. Als ich vor zwei Jahren bei der vierten Auflage der Challenge mitmachte, keine Ahnung, wieso ich die fünfte ausgelassen habe, musste man eine Geschichte passend zu einem vorgegebenen Titel schreiben. Das Ergebnis findet ihr hier.

Diesmal dreht sich alles um ein Bild, das ich euch hier zeigen darf:

Es geht darum, dass das Bild quasi als eine Art Titel für die zu schreibende Geschichte fungiert. Nun, ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht und kann euch deswegen heute das Ergebnis meiner Bemühungen präsentieren.

Deswegen wünsche ich euch jetzt viel Spaß mit „Vintage“ und ich würde mich freuen, wenn ihr ein wenig Spaß daran habt.


Vintage

Mit einem leisen Geräusch zieht Vic irgendwo in meiner Nähe ihre Kreise. Ich kann sie nicht sehen, gebe mir aber auch keine große Mühe, sie aufzuspüren. Meine Konzentration gilt dem Buch, das aufgeschlagen auf der Beuge meines rechten Beins liegt.

Überwiegend leere Seiten. Nicht viel mehr als leere Seiten und verloren hingeworfene Skizzen aus wenigen Worten sind in diesem Buch zu finden. Wertlos, so könnte man denken. Aber für mich ist es alles andere als das. Sein Wert erschließt sich nicht durch das Äußere, sondern mehr durch die inneren Werte.

Ich seufze, als die müden Knochen sich melden. Wie lange sitze ich denn jetzt schon auf dem morschen Baumstumpf? Ich könnte Vic fragen, aber ich möchte sie nicht rufen. Das würde den Moment, die Ruhe des Augenblicks stören.

Eigentlich ist es mir sowieso nicht recht, dass sie bei mir ist. Aber sie lässt sich nicht abschütteln. Wann immer ich auch versucht habe, sie loszuwerden, taucht sie binnen weniger Minuten auf und ich kann mich noch freuen, wenn sie mir keine Standpauke hält. Eine Standpauke – ausgerechnet von Vic!

Meine Kopfhaut juckt. Ich lasse den Stift sinken und kratze mich an der Stelle, wo es am schlimmsten ist, durch den langen, braunen Haarschopf hindurch. Der Pferdeschwanz fällt mir sanft über die Schulter. Ich kann den Duft, der von ihm ausgeht, riechen.

Aber zurück zum Buch. An manchen Tagen ist es ganz einfach, etwas hinein zu schreiben. Dann wieder, so wie heute, tue ich mich unglaublich schwer damit. Dabei tollen in meinem Kopf die Worte nur so vor sich hin, überschlagen sich beinahe mit ihren Purzelbäumen und geistern wie lebendige Fackeln auf der Innenseite meiner Augen vorbei.

Es ist, als müsse ich nur einen Weg finden, sie aus meinem Kopf in die Hand zu leiten, die den Bleistift hält. Den Stift mit dem großen Radiergummi an seinem Ende, das ich viel zu häufig verwenden muss, weil die Worte eben nicht den Weg finden und ich nicht mehr als einen schalen Abklatsch davon produziere.

Die Sonne scheint zwischen den Bäumen hindurch und wärmt mein Gesicht. In meinem langärmligen Rollkragenpulli ist es fast zu warm für dieses Frühlingswetter. Aber ich kann da nicht wählerisch sein. Er tut seinen Dienst bei jeder Jahreszeit. Dasselbe lässt sich von der Jeans behaupten, die am Hintern schon ein wenig durchgescheuert ist, vom langen Sitzen auf dem Baumstumpf.

Ein leises Rascheln ertönt links von mir. Mürrisch lasse ich den Stift wieder sinken und schaue nach. Aber es ist nichts zu sehen. Vic? Ob sie es ist?

Ich weiß gar nicht so genau, was sie eigentlich da draußen treibt. Wenigstens hat sie mich, bis jetzt jedenfalls, noch nicht verraten. Aber sicher sein kann ich mir da nie. Loyalität ist zwar eine der, angeblich, großen Stärken von Vic, aber wem diese Loyalität gilt, das ist zumindest fragwürdig.
Ob ich sie suchen soll? Unsinn. Ich brauche sie nur zu rufen und sie kommt zu mir. Aber das würde das Gefühl zerstören. Und es ist doch so wichtig, wenn ich doch noch ein paar Worte zu Papier bringen will.

Ich setze den Stift wieder an und überlege. Soll ich etwas über die Natur schreiben? Über ihr Wirken hier im Wald, als Gegenentwurf zu dem wenigen, das die Städte an Natürlichem bereithalten?

Ich wippe mit den Füßen, weil ich mich nicht entscheiden kann. Ein wenig mutlos blättere ich durch die Seiten meines Buchs. Dabei stelle ich, nicht zum ersten Mal, erschrocken fest, dass nur noch wenige Seiten wirklich jungfräulich weiß sind. Auch wenn ich viele vergebliche Versuche wegradiere, so sind die Spuren, welche die falschen Worte hinterlassen haben, doch sichtbar. Und auf einer Seite, die bereits von der Unzulänglichkeit meiner Inspiration befleckt wurde, mag ich keine schönen Worte schreiben.

Schnell zurückblättern zu einer der weißen Seiten. Wieder den Stift ansetzen. Auf die innere Stimme hören. Ausblenden, dass Vic ganz in der Nähe ist und mich beobachtet. Oder halt, vielleicht blende ich es ja doch nicht aus, sondern versuche, es mir zunutze zu machen!

»Vic, komm doch mal her!«, rufe ich. Ich muss nicht lange warten, dann erscheint sie links von mir auf der kleinen Lichtung, auf der ich sitze. Sie sagt nichts, was ich ihr hoch anrechne. Vielleicht ist sie, trotz allem, ja doch für die Stimmung empfänglich, die herrscht.

Ich wende mich ihr zu und ringe mir ein Lächeln ab. Vic kann mir behilflich sein, aber eigentlich passt sie überhaupt nicht hierhin.

»Kannst du vielleicht ein Foto von mir machen und es mir dann zeigen?«

»Natürlich«, kommt die Antwort, die doch tatsächlich ein ganz klein wenig eingeschnappt klingt. So, als wolle sie sagen, ich soll sie doch bitte mit diesen Kinkerlitzchen zufriedenlassen.

Aber wenigstens tut sie, worum ich sie gebeten habe. Mit einem leisen Klicken wird das Bild gemacht und ehe ich bis drei zählen kann, hält sie es mir auch schon vor die Nase.

»Hier, bitte.«

»Danke!«

Ich betrachte mich, wie ich auf dem Stumpf sitze. Es ist eine wirklich schöne Momentaufnahme geworden. Die Sonne fällt genau im richtigen Winkel auf das Buch in meiner Hand. Ich halte den Stift so, als sei ich gerade dabei, wirklich Großartiges zu erschaffen. Und auch mein Gesichtsausdruck, entspannt und doch inspiriert, passt sich dem an. Ich sehe wirklich aus, als sei ich eine Dichterin.

»Gefällt es dir?«, fragt Vic. Ich bin erstaunt. Normalerweise ist es ihr ziemlich egal, was ich denke. So viel Anteilnahme an meinem Leben zeigt sie nicht, obwohl sie ständig bei mir ist.

»Es ist wunderschön«, sage ich. Und dann beginne ich, aufzuschreiben, was ich vor mir sehe. Plötzlich ist es ganz einfach, Worte zu finden, die sich richtig anfühlen. Ich traue mich sogar, die leichten Unregelmäßigkeiten in meinem Teint festzuhalten. Etwas, worüber ich nie im Leben, nicht einmal bei Androhung von Strafe, öffentlich reden würde. Es den Seiten anzuvertrauen, ist dagegen leicht.

Vic ist die ganze Zeit an meiner Seite und zieht es nun wieder vor, zu schweigen. Ob es Zurückhaltung ist, weil auch sie die Wichtigkeit dieses Moments erkennt?

Schließlich habe ich auf guten drei Seiten mein Bild beschrieben. Das Bild einer jungen Frau mit langen Haaren, in bequemer Alltagskleidung, die auf einem Baumstumpf sitzt und in ein Buch schreibt. Ein Bild, wie es alltäglicher nicht sein könnte und wie es doch heutzutage viel zu selten ist.

»Danke, Vic, du kannst das Bild abschalten.«

Sie kommt der Aufforderung nach. Ein leises Piepen ertönt. Das muss der Alarm sein, den ich gestellt habe.

»Ich sollte dich daran erinnern, dass du heute Abend eine Verabredung mit Pearl und Serena hast«, sagt Vic, die sich in meinem Kalender besser auskennt, als ich es tue.

Wieder seufze ich. »Du hast Recht. Zeit, aufzubrechen.«

Ich stehe auf, strecke mich noch einmal und lege zunächst Buch und Stift auf den Stumpf. Dann greife ich mir in die Haare und ziehe mit einem Ruck die Perücke vom Kopf. Fast schlagartig hört das Jucken auf. Ich fahre mir mit einer Hand über die kahle Kopfhaut und genieße die Berührung.

Als Nächstes nehme ich die Ohrringe ab und lege sie zu den Haaren neben das Buch. Mit wenigen Handgriffen fallen erst der Pullover und dann die Jeans. Mit den Schuhen habe ich ein wenig Mühe, weil sie mir eigentlich zu klein sind. Aber Bessere habe ich nicht auftreiben können.

Schließlich stehe ich nackt und bloß im Sonnenlicht. Aber außer Vic ist niemand hier, der mich sehen könnte. Sie hätte ansonsten seine Anwesenheit schon längst bemerkt.

Ich nehme die Sachen und gehe ein paar Schritte zum Rand der Lichtung. Dorthin, wo ich vor einigen Monaten den ausgehöhlten Baumstamm entdeckt habe. Zuerst hole ich meine Anziehsachen hervor, deren metallene Beschläge leise gegeneinander schlagen und den Overall zum Klingeln bringen. Dann lege ich, ganz vorsichtig, meine Schätze in die Höhlung und vergesse auch nicht, sie mit der bereitgelegten Decke gut und witterungsgeschützt abzudecken.

Während ich mich in den Overall winde, der meinen Körper von den Zehenspitzen bis zum Hals bedeckt, schaue ich mich noch einmal um. Die Lichtung ist noch dieselbe und doch wirkt sie ganz anders, wenn ich mich nicht zurechtgemacht habe.

»Es wird wirklich Zeit, Mags«, sagt Vic. Sie schwebt in etwa zwei Metern Entfernung auf Augenhöhe vor mir und schaut mich mit dem kalten Blick ihrer Kamera an. Wieder frage ich mich, wem ihre Loyalität gilt. Mir, der sie bei meiner Geburt zur Seite gestellt wurde, oder doch der sogenannten Gesellschaft, die am liebsten all das, was einmal wichtig war, für immer aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit tilgen würden. Dinge wie individuelle Kleidung, wie modische Frisuren. Wie Bücher.

Vintage halt.

Mit einem letzten Blick verlasse ich meine Lichtung. Wann ich wiederkommen kann, weiß ich noch nicht. Aber ich freue mich jetzt schon auf das Wiedersehen.

Kurzgeschichte: Ein ganz normales Leben

Wie ich gestern bereits schrieb, arbeite ich daran, mich langsam wieder aus meinem kreaTief heraus zu kämpfen. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre es zweifellos, wenn ich wieder regelmäßiger ans Schreiben käme. Aber woran sollte ich schreiben? Welchen meiner im Schwebezustand befindlichen Texte nehmen?

Dann kam mir eine Idee im doppelten Sinn: Ich habe, vor langer Zeit, gute Erfahrungen damit gemacht, kurze Geschichten einfach direkt für den Blog zu schreiben. Die waren nie sehr lang, erfüllten damit aber genau die Anforderungen, die ich nun an sie stellte. Sie sollten kurz sein, am besten in ein bis zwei Stunden aufgeschrieben. Und sie sollten für sich alleine stehen können.

Und dann kam mir eine Idee für genau so eine Geschichte. Und die habe ich einfach mal aufgeschrieben. Ich weiß nicht, ob sie wirklich gut ist, kann sein, dass sie schlecht ist. Aber sie ist das, was ich schreiben wollte.

Ich würde mich freuen, wenn sie dem einen oder der anderen von euch gefällt.


Ein ganz normales Leben

Blake setzt sich an den Schreibtisch, atmet tief durch und zögert dann doch, bevor er den Computer einschaltet. Er sieht sich einmal um, nur um sicher zu stellen, dass er im Moment wirklich alleine ist. Alles um ihn herum ist still. Die anderen halten sich sonstwo im Gebäude auf.

Ein Druck auf den Powerknopf sorgt dafür, dass die Maschine zum Leben erwacht. Der Bildschirm leuchtet auf, der Schein schmerzt im Halbdunkel in den Augen. Aber das Licht lässt Blake aus. Er hat nicht vor, sein Glück herauszufordern.

Der PC braucht eine ganze Weile, bis er hochgefahren ist. Dann erscheint das Logo des Betriebssystems und danach ein Desktophintergrundbild. Eine Waldlandschaft, in der sich mehrere Tiere tummeln. Idyllisch.

Mit einem Seufzer macht Blake sich auf die Suche nach dem Textverarbeitungsprogramm. Es muss eines da sein, sitzt er doch in im Verwaltungstrakt des Gebäudes. Er glaubt, die Betriebsamkeit des Ortes spüren und seinen typischen Geruch riechen zu können.

Da ist die Textverarbeitung. Mit einem Doppelklick startet er das Programm und starrt anschließend auf den kleinen schwarzen Balken, der auf einem weißen Hintergrund vor sich hin blinkt. Es ist lange her, dass er diesen freundlichen Gesellen gesehen hat.

Irgendwo in dem großen Gebäude poltert etwas. Blake fährt herum, sein Herz schlägt schneller. Aber er ist weiterhin alleine hier. Das ist gut. Er braucht die Ruhe. Die hat er immer schon gebraucht, wenn er schrieb. Andere Schriftsteller schreiben mit Musik, in belebten Restaurants oder gar in vollgestopften Pendlerzügen. Blake schätzt die Stille. Das einzige Geräusch, das sie unterbricht, sind seine Finger auf der Tastatur, als er schreibt:

Ein ganz normales Leben
von Blake Philipps

Konzentriert legt er die Stirn in Falten. Lehnt sich in dem Bürostuhl, auf dem er sitzt, zurück. Der Moment, in dem er einer neuen Geschichte ihren Titel gibt, ist immer ein wenig heikel. Er glaubt, dass alleine durch diese paar Worte schon der Ton des Folgenden gesetzt wird und ist sich für den Moment nicht sicher, ob es das ist, was er zum Ausdruck bringen möchte.

Als es in der Ferne wieder poltert, weit weg, aber auf jeden Fall innerhalb des Gebäudes, ist er sich sicher, dass es genau das ist, was er zum Ausdruck bringen muss.

Blake lehnt sich wieder leicht nach vorne und spinnt sein Garn im Licht des Monitors, mit seinem seltsamen Stakkato aus halbblind gehämmerten Tasten.

Norma Rose wusste nicht, dass dies ein Tag wie jeder andere sein würde, als sie am Morgen ihren Wecker ausschaltete. In ihrem Leben war jeder Tag die Verheißung eines neuen Abenteuers. Was würde heute wieder geschehen? Würde Jeremy endlich seinen wehrhaften Milchzahn loswerden, der schon seit einer Woche am sprichwörtlichen seidenen Faden hing? Konnte sie Alice davon überzeugen, dass ihr Kleiderschrank kein Weg in ein verwunschenes Land war, sondern dass man ihn durchaus zwischendurch mal aufräumen durfte?

Norma liebte ihre Kinder und freute sich auf jeden neuen Tag mit ihnen.

Sie blickte zur Seite und sah, dass die Hälfte des Bettes, in welcher ihr Mann Gary schlief, verwaist war. Gary arbeitete in der Notaufnahme des Memorial State Hospitals und wurde zu jeder Tages- und Nachtzeit zu schwierigen Fällen gerufen. Den Pieper dafür bewahrte er unter seinem Kopfkissen auf, so dass nur er davon geweckt wurde, Norma aber nicht.

Sie lächelte liebevoll.

Dann reckte sie sich im Liegen einmal und setzte sich auf die Bettkante. Für einen Moment schloss sie die Augen und ließ sich motivierende und erfrischende Gedanken durch den Kopf gehen. Dann stand sie auf und zog die Rollläden hoch. Draußen schien die Sonne auf die Elm Street. Es versprach, ein warmer Sommertag zu werden.

Blake hebt seine Finger an und überfliegt, was er bis jetzt geschrieben hat. Er ist nicht recht zufrieden mit sich. Die erste Seite liest sich, als ob er Größeres mit Norma vorhätte. Dabei geht es ihm gar nicht darum, die Geschichte einer besonderen Frau zu erzählen. Im Gegenteil, er möchte ja, dass Norma eine vollkommen normale Person mit einer vollkommen normalen Familie ist. Er entschließt sich, das ein wenig mehr hervorzuheben.

»Nein, du sollst das machen, hab ich gesagt!«
»Mach ich aber nicht, Doofie!«
»Du bist selber doof!«
»Wackelzahn!«
»Traumtänzerin!«

Norma wendete sich vom Fenster ab und seufzte. Wieso und worüber stritten sich die zwei denn jetzt schon wieder? Die Schulferien bekamen ihren beiden Kindern scheinbar nicht. Es wäre anders gewesen, wenn sie in Urlaub gefahren wären, aber das ließ der Dienstplan von Gary leider nicht zu. Möglicherweise konnten sie später im Monat noch einen kurzen Abstecher zu ihrer Familie nach Missouri machen. Aber für den Augenblick kamen sie hier nicht weg und Alice und Jeremy fiel langsam die Decke auf den Kopf.

Norma nahm ihren Morgenmantel von der Stuhllehne, auf der sie ihn am Abend abgelegt hat, band ihn sich um und verließ dann das Schlafzimmer. Der Lärm kam aus dem Wohnzimmer und sie konnte sich jetzt schon denken, worum es bei dem Streit ging.

In der Tat fand sie die Geschwister mitten im Raum stehend. Spontan musste Norma lachen. Die beiden gaben ein komisches Bild ab, da sich ihre Stirnen fast berührten, während der Rest der jeweiligen Körper möglichst weit voneinander entfernt stand. Die Tatsache, dass der jüngere Jeremy so groß wie seine drei Jahre ältere Schwester war, brachte eine gewisse Harmonie in das Bild mit ein.

Zwischen den beiden, auf dem Fliesenboden, lag die unappetitliche Hinterlassenschaft von Rufus. Rufus war der Kater der Familie, eine ehemalige Straßenkatze, die sie aufgenommen und gepflegt hatten. Leider litt er im Moment unter einer ziemlich hartnäckigen Magenverstimmung, die dafür sorgte, dass er seinen Mageninhalt regelmäßig auf den Fußboden entleerte. Und irgendwer musste das dann entfernen. Eine Aufgabe, um die sich keines der beiden Kinder riss.

Wieder hält Blake inne. Er lächelt. Wie ihm diese Situation doch bekannt vorkommt. Jake und Kim waren genauso, als sie in diesem Alter waren. Eigentlich ein Herz und eine Seele, aber dann, wenn es ihnen in den Kram passte, gewaltige Egoisten und manchmal richtige Nervensägen.

Das scheint alles schon eine Ewigkeit her zu sein.

Er ist dabei, sich wieder in seine Arbeit zu vertiefen, als er neue Geräusche hört. Dumpfe Schläge scheinen durch das Gebäude zu hallen, gefolgt von etwas Ähnlichem wie einem Stöhnen. Blake versucht, das auszublenden. Es stört nur seine Konzentration – und er hat eine Aufgabe zu erfüllen. Solange er in der Lage dazu ist, ist das Beste, was er tun kann, sich auf das Schreiben zu konzentrieren.

»Hey, ihr beiden! Wieso seid ihr denn am frühen Morgen schon so auf Krawall gebürstet?«
»Jerry will die Schweinerei nicht wegmachen«, sagte Alice mit dem entrüsteten Tonfall, den nur Zehnjährige beherrschen. »Dabei ist er vor mir ins Wohnzimmer gegangen.«
»Aber du hast es zuerst gesehen!«
»Nein, das kann gar nicht! Du warst doch auf dem Weg zum Fern…«

Alice verschluckte die letzte Silbe des Wortes, das sie auf der Zunge gehabt hatte. Norma schmunzelte. Die beiden wussten genau, dass sie nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis an den Fernseher gehen durften. Heutzutage lief zu viel Müll in der Kiste, als dass man zwei Kinder vor ihr parken konnte, ohne zu wissen, was sie sich ansahen. Norma war der festen Überzeugung, dass nicht einmal Mord und Totschlag noch wirkliche Tabus im Kinderprogramm darstellten.

Blake nimmt die rechte Hand von der Tastatur und fährt sich über die Augen. Er spürt einen Druck hinter der Schläfe und er weiß, woher er rührt. Er kommt vom Weg ab. Die Richtung, in die Norma denkt, ist zu weit entfernt von dem normalen Leben, das ihm vorschwebt.

Er legt den Finger auf die Löschtaste und lässt den letzten Absatz verschwinden.

Alice verschluckte die letzte Silbe des Wortes und grinste schuldbewusst. »Sorry, Mum, ich weiß, dass wir nicht ohne Erlaubnis fernsehen sollen.«
»Weißt du auch noch, wieso Daddy und ich das nicht wollen, mein Schatz?«
»Weil

Wieder stockt Blake. Ja, wieso denn nicht? Sollen sie doch in den Fernseher schauen, solange sie Lust dazu haben. Dann gehen sie Norma nicht mehr so auf die Nerven und allen Beteiligten ist geholfen. Vermutlich außer Kater Rufus, aber der hat keine Sprechrolle. Jedenfalls ist keine für ihn vorgesehen.

Blake wünscht sich, er hätte einen Schluck zu trinken. Früher hat er Schriftsteller, die nur unter Alkoholeinfluss schreiben können, für Weichlinge gehalten. Kleine Lichter, die den Alkohol brauchen, um sich ein wenig wie der nächste Hemingway fühlen zu können. Aber inzwischen sieht er die Dinge anders. Deswegen muss er diese Geschichte, die er schreibt, auch jetzt in Angriff nehmen. Vielleicht kommt er später nicht mehr dazu.

Das Gebäude liegt jetzt wieder still da, aber er weiß, dass es nicht lange so bleiben wird. Bald werden die anderen zurückkommen und dann wird er keine Ruhe mehr zum Schreiben haben. Er muss sich beeilen, wenn er heute ein Stück seiner Geschichte schaffen möchte.

Es klingelte an der Haustür. Alice war sichtlich erleichtert, dass ihr die Antwort auf die Frage erspart blieb. Norma wuschelte ihrer Tochter liebevoll durch das blonde Haar, dann ging sie zur Tür und öffnete. Ihre Nachbarin, Billie Marsh, stand davor. In der Hand hielt sie eine Tasse.

»Nanu, Billie. Seit wann bringst du deine eigene Tasse mit, wenn du auf einen Kaffee vorbei kommst?«
»Sowas dummes. Ich wollte backen. Heute kommt doch Robbie aus dem College und da wollte ich ihn mit seinem Lieblingskuchen überraschen. Und jetzt muss ich feststellen, dass ich keinen Zucker im Haus habe. Ich bin das Klischee der amerikanischen Hausfrau.«
Norma lachte. »Komm schon rein. Trinkst du trotzdem einen Kaffee mit? Kannst auch eine Tasse von mir haben.«
Billie stimmte in das Lachen mit ein. »Aber nur eine Tasse. Ich will den verdammten Kuchen fertig haben, wenn Robbie kommt.«
»Man soll nicht fluchen, Mrs Marsh«, sagte Jeremy, als er mit einem Stück Küchenrolle aus der Küche kommend an den beiden Frauen vorbei lief. Dann war jetzt die Sache mit Rufus‘ Hinterlassenschaft geklärt.

»Hast du schon die Nachrichten gesehen?«, fragte Billie, auf einmal ernst.
»Nein, was gibt es denn?«
»Etwas Seltsames. Scheinbar werden überall auf der Welt die Menschen mit einem Mal verrückt. Es hat Wellen von Gewalttätigkeit gegeben.«

Blake sieht, was er schreibt und er weiß, dass es das Falsche ist. Aber er kann nicht aufhören, seine Finger zu bewegen.

»Überall rufen sie die Ärzte in die Krankenhäuser, die Notaufnahmen sind verstopft. Hat Gary dir nichts gesagt?«
»Nein«, antwortete Norma, jetzt leicht besorgt. »Er war schon fort, als ich aufgewacht bin.«
»Hier bei uns ist es im Moment wohl noch nicht so schlimm«, sagte Billie, die kurioser Weise immer noch ihre Tasse in der Hand hielt. »Aber aus den Großstädten werden schlimme Dinge gemeldet. Die Nationalgarde soll eingesetzt werden. Mancherorts auch die Armee.«
»Mein Gott!«
»Ich glaube nicht, dass Gott etwas damit zu tun hat«, sagte Billie Marsh. Und plötzlich begann sie, sich zu verändern.

Aus der hübschen Frau wurde etwas anderes. Zuerst fiel ihr die Kaffeetasse aus der Hand, dann rutschten die Kleidungsstücke vom Körper, als sie immer dünner und ausgemergelter wurde. Vor Normas entsetzten Augen verwandelte sich Billie Marsh in ein ausgezehrtes Etwas, dem die Haut wie Pergament auf den Knochen klebte.
Die Augen, die Norma immer noch anschauten, sanken tief in ihre Höhlen ein und wechselten die Farbe von einem trüben Grün zu einem leuchtenden Rot.
»Nein, Gott hat überhaupt nichts damit zu tun!«
Die Stimme war nur ein tonloses Gurgeln.
Norma war wie gebannt. Sie begriff nicht, was geschah. Eben war es doch ein normaler Tag gewesen. Sie träumte. Das war die einzige Möglichkeit, um das hier zu erklären. Sie lag in ihrem Bett und hatte einen Alptraum. Den schlimmsten ihres Lebens.

»Mommy?«
Das war Alice, die hinter ihr stand. Selbst wenn das nur ein Traum war, sollte sie dieses … dieses Ding nicht zu Gesicht bekommen!
»Alice, Schatz«, sagte Norma und drehte sich um. Ein Schrei entrang sich ihrem Mund. Vor ihr stand Alice, aber es war auch nicht Alice. Auch sie sah auf einmal aus wie ein lebender Leichnam, das lange Haar hing ihr strähnig vor das Gesicht, aus der die gleichen roten, toten Augen starrten wie aus dem ihrer Nachbarin.
»Jeremy wollte die Kotze der Katze nicht wegwischen, Mommy. Also habe ich ihm zur Strafe die Nase abgebissen. Siehst du?«
Dann öffnete das Mädchen die Hand, und …

»Sag mal, Blake, was treibst du hier eigentlich?«
Die Stimme reißt Blake aus dem Schreibfluss. Endlich!
»Wieso versteckst du dich hier hinten in den Büros? Und dann auch noch im Dunkeln? Und was, zur Hölle, machst du da?«
Es ist Sanchez. Natürlich. Sanchez ist so etwas wie Blakes personifizierter Personenschutz. Er weiß zwar nicht genau, womit er den verdient hat, aber er nimmt ihn gerne an. Die Welt da draußen ist nicht mehr dieselbe.

Und genau das ist der Grund!

»Ich wollte es aufschreiben«, sagt Blake.
Sanchez, der stämmige Latino mit dem kantigen Gesicht und dem Spitzbart, seufzt. »Blake, wir hatten doch über die Computer gesprochen, oder?«
»Ja, aber …«
»Und wir waren uns darüber einig, dass sie zu viel Strom verbrauchen.«

Blake weiß das. Sie haben nicht nur einmal, sondern wenigstens dreimal das Ganze durchgespielt. Strom ist ein rares Gut, seit er nur aus einem benzinbetriebenen Generator stammt und nicht mehr aus einem Kraftwerk, das eine ganze Großstadt versorgen kann.
»Ich musste einfach versuchen, es aufzuschreiben«, sagt Blake und er hasst, wie seine Stimme zittert. Außerdem spürt er, wie ihm schon wieder Tränen in die Augen steigen. »Damit wir es nicht vergessen.«

Sanchez stellt sich neben Blake und geht an den Anfang des Textes zurück. Er beginnt zu lesen.
»Scheiße, Blake, was ist denn da passiert?«
»Ich wollte, dass die Menschen sich daran erinnern. Ich dachte, vielleicht ist das der Grund, dass ich …«
»Dass du noch am Leben bist?«
Blake nickt. Jetzt weint er.
»Blake, Alter, du lebst, weil ich auf dich aufpasse! Und weil du ein prima Kerl bist. Gut, du bist nicht unbedingt geschickt an der Waffe, aber dafür haben wir genügend andere, Männer und Frauen.«
»Ich wollte dem hier«, Blake macht eine Handbewegung, die den ganzen Raum umfasst, »einen Sinn geben. Meiner Existenz.«

Sanchez legt ihm eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme ist ernst, als er spricht. »Jeder Lebende ist wichtig. Es gibt nicht mehr viele von uns und vielleicht müssen wir bald fort von hier und unser Glück woanders versuchen. Der Treibstoff wird knapp und die Lebensmittel … aber das weißt du ja selber.«
Eine kurze Pause entsteht.
»War es schlimm diesmal?«, fragt Blake.
»Wir haben sie zurückgeschlagen«, antwortet Sanchez und die Müdigkeit klingt deutlich aus seiner Stimme. »Das alleine zählt.«
»Ich wollte wirklich nur das ganz normale Leben aufschreiben«, sagt Blake und starrt wieder auf den Bildschirm. »Eine ganz normale Familie, ein normales Haus, normale Kinder, eine gottverdammt normale Katze. Eine Nachbarin, die sich etwas borgt. Und dann …«
»Ein guter Schriftsteller kann wahrscheinlich die Realität nicht vollkommen ausblenden«, sagt Sanchez. »Vielleicht sollte er es auch gar nicht versuchen.«

Und dann wagt der Latino etwas, das Blake unter anderen Umständen wütend gemacht, wenigstens aber bestürzt hätte. Er löscht fast den gesamten Text. Nur das Ende, die Verwandlung von Billie Marsh und der kleinen Alice, lässt er stehen.
»Das ist jetzt das normale Leben, Blake«, sagt er. »Unser ganz normales Leben.«

Blake starrt auf den Bildschirm. Eine Minute vergeht, dann eine zweite und eine dritte. Dann sackt die Wahrheit durch. Blake nickt langsam. Bitter.
Er greift nach vorne und schaltet den Computer aus, ohne die Datei erneut gespeichert zu haben.

»Wann gibt es Essen?«

Der Sonntagsreport vom 17.12.2017: Hat doch gar nicht weh getan

Hallo liebe Blogbesucher!

Na, wie habt ihr den dritten Advent verbracht? Habt ihr euch auch, wie wahrscheinlich so viele, in den Trubel gestürzt, weil ja vielerorts ein verkaufsoffener Sonntag war? Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was in den großen Einkaufszentren der Gegend, wie dem CentrO in Oberhausen oder auch dem Zentrum am Limbecker Platz in Essen los gewesen ist. Aber ja: In einer Woche ist Heiligabend und man kann das Parfüm und die Krawatte ja nicht immer auf den letzten Drücker kaufen.

Ich selbst habe alle Weihnachtsgeschenke inzwischen zusammen und bin ziemlich glücklich darüber. Ich werde nämlich schon so langsam nervös, wenn das zur Dezembermitte nicht der Fall ist. Auch wenn in der schönen neuen Internetwelt der Versandhändler mit dem großen „A“ gegen einen entsprechenden Obolus auch Lieferungen am Tag der Bestellungen durchführt. Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden die Verkaufsfahrer des im Aufbau befindlichen eigenen Lieferdienstes wahrscheinlich dazu verdonnert werden, sich in Weihnachtsmann- oder Christkind-Kostüme zu quetschen, und an Heiligabend bis unter den Baum zu liefern.

Nun, das ist Zukunftsmusik.

Vergangenheit ist dagegen, dass ich an der zweiten Etappe des Lektorats von „Der Morgen danach“ gearbeitet habe. Ich hatte ja in den letzten Beiträgen zum Thema so ein wenig anklingen lassen, dass ich Probleme damit hätte. Aber wie so oft im Leben ist es so gewesen, dass ich mich nur mal, aufraffen musste.

Und das hat gestern und heute gut geklappt. Ich bin in einen kleinen Flow geraten, was die Überarbeitung angeht, und habe deswegen mit den Anmerkungen meiner Lektorin irgendwann auch gar keine Schwierigkeiten mehr gehabt. Die resultierten nämlich größtenteils daraus, dass ich gar nicht den passenden Blick auf den Text hatte. Und ich habe wieder die Erfahrung gemacht, dass es schwierig ist, konzentrierte und zielgerichtete Textarbeit zu betreiben, wenn man im Kopf blockiert ist.

Es war eine gute Entscheidung, mir selber ins Stammbuch zu schreiben, dass spätestens jeden zweiten Tag irgendwas Schriftstellermäßiges zu geschehen hat. Dass das vorher nicht so gewesen ist, mögen mir die Hardliner und Unverständigen als Nachlässigkeit und mangelnde Professionalität auslegen. Sei es drum. Ich denke, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss und es kann sehr gut sein, dass ich meinen jetzt gefunden habe.

Jedenfalls kann ich morgen die entsprechenden Passagen in die Post geben und habe damit den Kopf vorläufig wieder für andere Dinge frei. Am Ende hat es auch gar nicht weh getan.

Ich möchte auf jeden Fall noch in diesem Jahr die erste Agenturbewerbung für „Der Beobachter und der Turm“ auf die Reise schicken. Ja, ich habe mich dazu entschlossen, es zuerst mit einer einzelnen Agentur und der geforderten Exklusivität zu versuchen. Wenn so die Spielregeln sind, dann muss ich mich eben daran halten.

Und was macht das Schreiben? Da sind mein Kurzroman und meine Kurzgeschichte. Und beides kommt im Moment nicht wirklich aus den Puschen. Ich glaube, es war ein Irrglaube von mir, zwei so unterschiedliche Projekte gleichzeitig stemmen zu können. Oder sie gleichzeitig zu allem anderen stemmen zu können, was da sonst noch anliegt und angelegen hat.

Welchen der beiden Texte ich nun vorziehe, habe ich noch nicht abschließend entschieden. Es gibt eine Tendenz, aber davor steht auf jeden Fall die Bewerbung. Nicht wieder alles gleichzeitig. Also brauche ich mich auch jetzt noch nicht festzulegen.

Festlegen musste ich mich im Laufe der letzten Wochen auf die eine oder andere Personalentscheidung in dem Autorenverein, in dem ich Mitglied bin. Es stehen Vorstandswahlen an und es zeigte sich sehr deutlich, dass Autoren auch nur Kaninchenzüchter oder Kleingärtner sind. Soll sagen: So sehr unterscheiden sich die Vereine, die Strukturen und auch der Umgang miteinander gar nicht.

In mir rumort es, offen gestanden, ein wenig. Ich hätte da was zu sagen, bevor in dieser Woche ein neuer Vorstand gewählt wird, aber ich weiß nicht, ob es jemand hören will. Schließlich bin ich nur ein ganz normales Mitglied, habe weder das schönste Kaninchen gezüchtet, noch die größten Kartoffeln im Beet.

Nun, wir werden sehen. Ich wollte es aber auf jeden Fall hier hinschreiben, weil es mich halt beschäftigt. Und der Sonntagsreport dient vor allem ja auch dem, mir Dinge aus dem Kopf zu schreiben, die mich beschäftigen. Damit ich entweder damit abschließen kann, oder halt um einen Schritt in meiner Entscheidungsfindung weiter zu kommen.

Damit wollen wir es für heute dann auch wieder bewenden lassen. Ich wünsche euch, dass ihr die letzte Woche vor Weihnachten genießen könnt. Die Besinnlichkeit fängt für die meisten von uns ja erst am 24.12. kurz vor dem Gänsebraten an. Aber vielleicht klappt es ja dieses Jahr mit einer Veränderung dieses Umstands.

Lasst euch nicht stressen!

Euer Michael

In die richtige Zeit versetzt

Seit gestern kümmere ich mich mal wieder um eine Kurzgeschichte, die ich nur am Wochenende (sprich: zu Hause) schreiben kann. In den letzten Wochen hatte ich sie ein wenig aus den Augen verloren, weil ich mir sehr bewusst bin, dass ich nur an ihr arbeiten sollte, wenn ich mich in der richtigen Stimmung, der richtigen Verfassung und dem richtigen Geisteszustand befinde. Denn, wie ich ja schon mal berichtete, „Das Kind“ (Arbeitstitel) ist kein leichter Stoff.

Die Geschichte macht es mir zusätzlich nicht ganz leicht, weil sie, im Gegensatz zu beinahe allen meinen anderen Arbeiten, im Präsens geschrieben ist. Diese Entscheidung habe ich bewusst gewählt, weil so die Distanz zwischen dem Leser und den Akteuren merklich geringer ist. Man erlebt direkter mit, was ihnen widerfährt und wie es ihnen dabei ergeht.

Ich merke allerdings, dass ich mich hochgradig konzentrieren muss, um diese Zeitform durchzuhalten. Es passiert mir sehr leicht, manchmal wirklich mitten im Satz, dass ich in die Vergangenheitsform abrutsche. Das liegt zum einen an der enormen Gewöhnung, die man einfach inzwischen daran hat. Und zum anderen, weil ich gerade in einer Passage bin, in der es sehr wenig Dialog gibt und lange Beschreibungen vorherrschen: Ein Mann huscht durch einen verschneiten polnischen Wald, weil er glaubt, ein leises Wimmern gehört zu haben.

Das ist keine Situation, in der es um Paukenschläge geht. Da geht es um die leisen Töne, um Angst, um Zweifel und, vielleicht, auch um Mut. Zumal der Mann ahnt, dass sich knapp außerhalb „seiner Welt“ ein gewaltiges Verbrechen abspielt und es unter allen Umständen vermieden werden muss, in diese andere Welt Einsicht zu nehmen.

Die Arbeit geht trotzdem gut voran und ich bin auch vom Ton, den die produzierten Seiten haben, sehr angetan. Es ist schwierig, die richtige Tonart zu treffen: nicht zu schwer, nicht zu leicht, nicht zu bedeutungsschwanger, nicht zu lakonisch.

Eigentlich kann ich nur an meinen eigenen Ansprüchen scheitern. Aber ich denke mir, ich versuche es mal.

Um mich noch besser in die richtige Zeit und die richtige Stimmung versetzen zu können, habe ich es heute außerdem noch einmal mit der passenden musikalischen Untermalung probiert. Und zwar habe ich zum Soundtrack des Spielfilms „Der Pianist“ gegriffen, der in der Hauptsache aus Klaviereinspielungen von Chopin-Stücken besteht.

Falls ihr den Film nicht kennt (dringend nachholen!): In ihm geht es um das Leben des polnischen Juden Wladyslaw Szpilman, der es unter abenteuerlichen Bedingungen und durch die Musik geschafft hat, den Holocaust zu überleben. Eine sehr bedrückende, gleichzeitig aber auch imposante Geschichte. Adrien Brody hat für die Darstellung Spilmans zurecht den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen.

Um euch einen Einblick in die Stimmung und die Musik zu geben, habe ich aber hier ein Stück für euch ausgewählt, das der echte Wladyslaw Szpilman im hohen Alter eingespielt hat.

Eigentlich habe ich es ja nicht so mit klassischer Musik, aber ist das nicht einfach wunderschön?