Kurzgeschichte: Ein ganz normales Leben

Wie ich gestern bereits schrieb, arbeite ich daran, mich langsam wieder aus meinem kreaTief heraus zu kämpfen. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre es zweifellos, wenn ich wieder regelmäßiger ans Schreiben käme. Aber woran sollte ich schreiben? Welchen meiner im Schwebezustand befindlichen Texte nehmen?

Dann kam mir eine Idee im doppelten Sinn: Ich habe, vor langer Zeit, gute Erfahrungen damit gemacht, kurze Geschichten einfach direkt für den Blog zu schreiben. Die waren nie sehr lang, erfüllten damit aber genau die Anforderungen, die ich nun an sie stellte. Sie sollten kurz sein, am besten in ein bis zwei Stunden aufgeschrieben. Und sie sollten für sich alleine stehen können.

Und dann kam mir eine Idee für genau so eine Geschichte. Und die habe ich einfach mal aufgeschrieben. Ich weiß nicht, ob sie wirklich gut ist, kann sein, dass sie schlecht ist. Aber sie ist das, was ich schreiben wollte.

Ich würde mich freuen, wenn sie dem einen oder der anderen von euch gefällt.


Ein ganz normales Leben

Blake setzt sich an den Schreibtisch, atmet tief durch und zögert dann doch, bevor er den Computer einschaltet. Er sieht sich einmal um, nur um sicher zu stellen, dass er im Moment wirklich alleine ist. Alles um ihn herum ist still. Die anderen halten sich sonstwo im Gebäude auf.

Ein Druck auf den Powerknopf sorgt dafür, dass die Maschine zum Leben erwacht. Der Bildschirm leuchtet auf, der Schein schmerzt im Halbdunkel in den Augen. Aber das Licht lässt Blake aus. Er hat nicht vor, sein Glück herauszufordern.

Der PC braucht eine ganze Weile, bis er hochgefahren ist. Dann erscheint das Logo des Betriebssystems und danach ein Desktophintergrundbild. Eine Waldlandschaft, in der sich mehrere Tiere tummeln. Idyllisch.

Mit einem Seufzer macht Blake sich auf die Suche nach dem Textverarbeitungsprogramm. Es muss eines da sein, sitzt er doch in im Verwaltungstrakt des Gebäudes. Er glaubt, die Betriebsamkeit des Ortes spüren und seinen typischen Geruch riechen zu können.

Da ist die Textverarbeitung. Mit einem Doppelklick startet er das Programm und starrt anschließend auf den kleinen schwarzen Balken, der auf einem weißen Hintergrund vor sich hin blinkt. Es ist lange her, dass er diesen freundlichen Gesellen gesehen hat.

Irgendwo in dem großen Gebäude poltert etwas. Blake fährt herum, sein Herz schlägt schneller. Aber er ist weiterhin alleine hier. Das ist gut. Er braucht die Ruhe. Die hat er immer schon gebraucht, wenn er schrieb. Andere Schriftsteller schreiben mit Musik, in belebten Restaurants oder gar in vollgestopften Pendlerzügen. Blake schätzt die Stille. Das einzige Geräusch, das sie unterbricht, sind seine Finger auf der Tastatur, als er schreibt:

Ein ganz normales Leben
von Blake Philipps

Konzentriert legt er die Stirn in Falten. Lehnt sich in dem Bürostuhl, auf dem er sitzt, zurück. Der Moment, in dem er einer neuen Geschichte ihren Titel gibt, ist immer ein wenig heikel. Er glaubt, dass alleine durch diese paar Worte schon der Ton des Folgenden gesetzt wird und ist sich für den Moment nicht sicher, ob es das ist, was er zum Ausdruck bringen möchte.

Als es in der Ferne wieder poltert, weit weg, aber auf jeden Fall innerhalb des Gebäudes, ist er sich sicher, dass es genau das ist, was er zum Ausdruck bringen muss.

Blake lehnt sich wieder leicht nach vorne und spinnt sein Garn im Licht des Monitors, mit seinem seltsamen Stakkato aus halbblind gehämmerten Tasten.

Norma Rose wusste nicht, dass dies ein Tag wie jeder andere sein würde, als sie am Morgen ihren Wecker ausschaltete. In ihrem Leben war jeder Tag die Verheißung eines neuen Abenteuers. Was würde heute wieder geschehen? Würde Jeremy endlich seinen wehrhaften Milchzahn loswerden, der schon seit einer Woche am sprichwörtlichen seidenen Faden hing? Konnte sie Alice davon überzeugen, dass ihr Kleiderschrank kein Weg in ein verwunschenes Land war, sondern dass man ihn durchaus zwischendurch mal aufräumen durfte?

Norma liebte ihre Kinder und freute sich auf jeden neuen Tag mit ihnen.

Sie blickte zur Seite und sah, dass die Hälfte des Bettes, in welcher ihr Mann Gary schlief, verwaist war. Gary arbeitete in der Notaufnahme des Memorial State Hospitals und wurde zu jeder Tages- und Nachtzeit zu schwierigen Fällen gerufen. Den Pieper dafür bewahrte er unter seinem Kopfkissen auf, so dass nur er davon geweckt wurde, Norma aber nicht.

Sie lächelte liebevoll.

Dann reckte sie sich im Liegen einmal und setzte sich auf die Bettkante. Für einen Moment schloss sie die Augen und ließ sich motivierende und erfrischende Gedanken durch den Kopf gehen. Dann stand sie auf und zog die Rollläden hoch. Draußen schien die Sonne auf die Elm Street. Es versprach, ein warmer Sommertag zu werden.

Blake hebt seine Finger an und überfliegt, was er bis jetzt geschrieben hat. Er ist nicht recht zufrieden mit sich. Die erste Seite liest sich, als ob er Größeres mit Norma vorhätte. Dabei geht es ihm gar nicht darum, die Geschichte einer besonderen Frau zu erzählen. Im Gegenteil, er möchte ja, dass Norma eine vollkommen normale Person mit einer vollkommen normalen Familie ist. Er entschließt sich, das ein wenig mehr hervorzuheben.

»Nein, du sollst das machen, hab ich gesagt!«
»Mach ich aber nicht, Doofie!«
»Du bist selber doof!«
»Wackelzahn!«
»Traumtänzerin!«

Norma wendete sich vom Fenster ab und seufzte. Wieso und worüber stritten sich die zwei denn jetzt schon wieder? Die Schulferien bekamen ihren beiden Kindern scheinbar nicht. Es wäre anders gewesen, wenn sie in Urlaub gefahren wären, aber das ließ der Dienstplan von Gary leider nicht zu. Möglicherweise konnten sie später im Monat noch einen kurzen Abstecher zu ihrer Familie nach Missouri machen. Aber für den Augenblick kamen sie hier nicht weg und Alice und Jeremy fiel langsam die Decke auf den Kopf.

Norma nahm ihren Morgenmantel von der Stuhllehne, auf der sie ihn am Abend abgelegt hat, band ihn sich um und verließ dann das Schlafzimmer. Der Lärm kam aus dem Wohnzimmer und sie konnte sich jetzt schon denken, worum es bei dem Streit ging.

In der Tat fand sie die Geschwister mitten im Raum stehend. Spontan musste Norma lachen. Die beiden gaben ein komisches Bild ab, da sich ihre Stirnen fast berührten, während der Rest der jeweiligen Körper möglichst weit voneinander entfernt stand. Die Tatsache, dass der jüngere Jeremy so groß wie seine drei Jahre ältere Schwester war, brachte eine gewisse Harmonie in das Bild mit ein.

Zwischen den beiden, auf dem Fliesenboden, lag die unappetitliche Hinterlassenschaft von Rufus. Rufus war der Kater der Familie, eine ehemalige Straßenkatze, die sie aufgenommen und gepflegt hatten. Leider litt er im Moment unter einer ziemlich hartnäckigen Magenverstimmung, die dafür sorgte, dass er seinen Mageninhalt regelmäßig auf den Fußboden entleerte. Und irgendwer musste das dann entfernen. Eine Aufgabe, um die sich keines der beiden Kinder riss.

Wieder hält Blake inne. Er lächelt. Wie ihm diese Situation doch bekannt vorkommt. Jake und Kim waren genauso, als sie in diesem Alter waren. Eigentlich ein Herz und eine Seele, aber dann, wenn es ihnen in den Kram passte, gewaltige Egoisten und manchmal richtige Nervensägen.

Das scheint alles schon eine Ewigkeit her zu sein.

Er ist dabei, sich wieder in seine Arbeit zu vertiefen, als er neue Geräusche hört. Dumpfe Schläge scheinen durch das Gebäude zu hallen, gefolgt von etwas Ähnlichem wie einem Stöhnen. Blake versucht, das auszublenden. Es stört nur seine Konzentration – und er hat eine Aufgabe zu erfüllen. Solange er in der Lage dazu ist, ist das Beste, was er tun kann, sich auf das Schreiben zu konzentrieren.

»Hey, ihr beiden! Wieso seid ihr denn am frühen Morgen schon so auf Krawall gebürstet?«
»Jerry will die Schweinerei nicht wegmachen«, sagte Alice mit dem entrüsteten Tonfall, den nur Zehnjährige beherrschen. »Dabei ist er vor mir ins Wohnzimmer gegangen.«
»Aber du hast es zuerst gesehen!«
»Nein, das kann gar nicht! Du warst doch auf dem Weg zum Fern…«

Alice verschluckte die letzte Silbe des Wortes, das sie auf der Zunge gehabt hatte. Norma schmunzelte. Die beiden wussten genau, dass sie nicht ohne ausdrückliche Erlaubnis an den Fernseher gehen durften. Heutzutage lief zu viel Müll in der Kiste, als dass man zwei Kinder vor ihr parken konnte, ohne zu wissen, was sie sich ansahen. Norma war der festen Überzeugung, dass nicht einmal Mord und Totschlag noch wirkliche Tabus im Kinderprogramm darstellten.

Blake nimmt die rechte Hand von der Tastatur und fährt sich über die Augen. Er spürt einen Druck hinter der Schläfe und er weiß, woher er rührt. Er kommt vom Weg ab. Die Richtung, in die Norma denkt, ist zu weit entfernt von dem normalen Leben, das ihm vorschwebt.

Er legt den Finger auf die Löschtaste und lässt den letzten Absatz verschwinden.

Alice verschluckte die letzte Silbe des Wortes und grinste schuldbewusst. »Sorry, Mum, ich weiß, dass wir nicht ohne Erlaubnis fernsehen sollen.«
»Weißt du auch noch, wieso Daddy und ich das nicht wollen, mein Schatz?«
»Weil

Wieder stockt Blake. Ja, wieso denn nicht? Sollen sie doch in den Fernseher schauen, solange sie Lust dazu haben. Dann gehen sie Norma nicht mehr so auf die Nerven und allen Beteiligten ist geholfen. Vermutlich außer Kater Rufus, aber der hat keine Sprechrolle. Jedenfalls ist keine für ihn vorgesehen.

Blake wünscht sich, er hätte einen Schluck zu trinken. Früher hat er Schriftsteller, die nur unter Alkoholeinfluss schreiben können, für Weichlinge gehalten. Kleine Lichter, die den Alkohol brauchen, um sich ein wenig wie der nächste Hemingway fühlen zu können. Aber inzwischen sieht er die Dinge anders. Deswegen muss er diese Geschichte, die er schreibt, auch jetzt in Angriff nehmen. Vielleicht kommt er später nicht mehr dazu.

Das Gebäude liegt jetzt wieder still da, aber er weiß, dass es nicht lange so bleiben wird. Bald werden die anderen zurückkommen und dann wird er keine Ruhe mehr zum Schreiben haben. Er muss sich beeilen, wenn er heute ein Stück seiner Geschichte schaffen möchte.

Es klingelte an der Haustür. Alice war sichtlich erleichtert, dass ihr die Antwort auf die Frage erspart blieb. Norma wuschelte ihrer Tochter liebevoll durch das blonde Haar, dann ging sie zur Tür und öffnete. Ihre Nachbarin, Billie Marsh, stand davor. In der Hand hielt sie eine Tasse.

»Nanu, Billie. Seit wann bringst du deine eigene Tasse mit, wenn du auf einen Kaffee vorbei kommst?«
»Sowas dummes. Ich wollte backen. Heute kommt doch Robbie aus dem College und da wollte ich ihn mit seinem Lieblingskuchen überraschen. Und jetzt muss ich feststellen, dass ich keinen Zucker im Haus habe. Ich bin das Klischee der amerikanischen Hausfrau.«
Norma lachte. »Komm schon rein. Trinkst du trotzdem einen Kaffee mit? Kannst auch eine Tasse von mir haben.«
Billie stimmte in das Lachen mit ein. »Aber nur eine Tasse. Ich will den verdammten Kuchen fertig haben, wenn Robbie kommt.«
»Man soll nicht fluchen, Mrs Marsh«, sagte Jeremy, als er mit einem Stück Küchenrolle aus der Küche kommend an den beiden Frauen vorbei lief. Dann war jetzt die Sache mit Rufus‘ Hinterlassenschaft geklärt.

»Hast du schon die Nachrichten gesehen?«, fragte Billie, auf einmal ernst.
»Nein, was gibt es denn?«
»Etwas Seltsames. Scheinbar werden überall auf der Welt die Menschen mit einem Mal verrückt. Es hat Wellen von Gewalttätigkeit gegeben.«

Blake sieht, was er schreibt und er weiß, dass es das Falsche ist. Aber er kann nicht aufhören, seine Finger zu bewegen.

»Überall rufen sie die Ärzte in die Krankenhäuser, die Notaufnahmen sind verstopft. Hat Gary dir nichts gesagt?«
»Nein«, antwortete Norma, jetzt leicht besorgt. »Er war schon fort, als ich aufgewacht bin.«
»Hier bei uns ist es im Moment wohl noch nicht so schlimm«, sagte Billie, die kurioser Weise immer noch ihre Tasse in der Hand hielt. »Aber aus den Großstädten werden schlimme Dinge gemeldet. Die Nationalgarde soll eingesetzt werden. Mancherorts auch die Armee.«
»Mein Gott!«
»Ich glaube nicht, dass Gott etwas damit zu tun hat«, sagte Billie Marsh. Und plötzlich begann sie, sich zu verändern.

Aus der hübschen Frau wurde etwas anderes. Zuerst fiel ihr die Kaffeetasse aus der Hand, dann rutschten die Kleidungsstücke vom Körper, als sie immer dünner und ausgemergelter wurde. Vor Normas entsetzten Augen verwandelte sich Billie Marsh in ein ausgezehrtes Etwas, dem die Haut wie Pergament auf den Knochen klebte.
Die Augen, die Norma immer noch anschauten, sanken tief in ihre Höhlen ein und wechselten die Farbe von einem trüben Grün zu einem leuchtenden Rot.
»Nein, Gott hat überhaupt nichts damit zu tun!«
Die Stimme war nur ein tonloses Gurgeln.
Norma war wie gebannt. Sie begriff nicht, was geschah. Eben war es doch ein normaler Tag gewesen. Sie träumte. Das war die einzige Möglichkeit, um das hier zu erklären. Sie lag in ihrem Bett und hatte einen Alptraum. Den schlimmsten ihres Lebens.

»Mommy?«
Das war Alice, die hinter ihr stand. Selbst wenn das nur ein Traum war, sollte sie dieses … dieses Ding nicht zu Gesicht bekommen!
»Alice, Schatz«, sagte Norma und drehte sich um. Ein Schrei entrang sich ihrem Mund. Vor ihr stand Alice, aber es war auch nicht Alice. Auch sie sah auf einmal aus wie ein lebender Leichnam, das lange Haar hing ihr strähnig vor das Gesicht, aus der die gleichen roten, toten Augen starrten wie aus dem ihrer Nachbarin.
»Jeremy wollte die Kotze der Katze nicht wegwischen, Mommy. Also habe ich ihm zur Strafe die Nase abgebissen. Siehst du?«
Dann öffnete das Mädchen die Hand, und …

»Sag mal, Blake, was treibst du hier eigentlich?«
Die Stimme reißt Blake aus dem Schreibfluss. Endlich!
»Wieso versteckst du dich hier hinten in den Büros? Und dann auch noch im Dunkeln? Und was, zur Hölle, machst du da?«
Es ist Sanchez. Natürlich. Sanchez ist so etwas wie Blakes personifizierter Personenschutz. Er weiß zwar nicht genau, womit er den verdient hat, aber er nimmt ihn gerne an. Die Welt da draußen ist nicht mehr dieselbe.

Und genau das ist der Grund!

»Ich wollte es aufschreiben«, sagt Blake.
Sanchez, der stämmige Latino mit dem kantigen Gesicht und dem Spitzbart, seufzt. »Blake, wir hatten doch über die Computer gesprochen, oder?«
»Ja, aber …«
»Und wir waren uns darüber einig, dass sie zu viel Strom verbrauchen.«

Blake weiß das. Sie haben nicht nur einmal, sondern wenigstens dreimal das Ganze durchgespielt. Strom ist ein rares Gut, seit er nur aus einem benzinbetriebenen Generator stammt und nicht mehr aus einem Kraftwerk, das eine ganze Großstadt versorgen kann.
»Ich musste einfach versuchen, es aufzuschreiben«, sagt Blake und er hasst, wie seine Stimme zittert. Außerdem spürt er, wie ihm schon wieder Tränen in die Augen steigen. »Damit wir es nicht vergessen.«

Sanchez stellt sich neben Blake und geht an den Anfang des Textes zurück. Er beginnt zu lesen.
»Scheiße, Blake, was ist denn da passiert?«
»Ich wollte, dass die Menschen sich daran erinnern. Ich dachte, vielleicht ist das der Grund, dass ich …«
»Dass du noch am Leben bist?«
Blake nickt. Jetzt weint er.
»Blake, Alter, du lebst, weil ich auf dich aufpasse! Und weil du ein prima Kerl bist. Gut, du bist nicht unbedingt geschickt an der Waffe, aber dafür haben wir genügend andere, Männer und Frauen.«
»Ich wollte dem hier«, Blake macht eine Handbewegung, die den ganzen Raum umfasst, »einen Sinn geben. Meiner Existenz.«

Sanchez legt ihm eine Hand auf die Schulter. Seine Stimme ist ernst, als er spricht. »Jeder Lebende ist wichtig. Es gibt nicht mehr viele von uns und vielleicht müssen wir bald fort von hier und unser Glück woanders versuchen. Der Treibstoff wird knapp und die Lebensmittel … aber das weißt du ja selber.«
Eine kurze Pause entsteht.
»War es schlimm diesmal?«, fragt Blake.
»Wir haben sie zurückgeschlagen«, antwortet Sanchez und die Müdigkeit klingt deutlich aus seiner Stimme. »Das alleine zählt.«
»Ich wollte wirklich nur das ganz normale Leben aufschreiben«, sagt Blake und starrt wieder auf den Bildschirm. »Eine ganz normale Familie, ein normales Haus, normale Kinder, eine gottverdammt normale Katze. Eine Nachbarin, die sich etwas borgt. Und dann …«
»Ein guter Schriftsteller kann wahrscheinlich die Realität nicht vollkommen ausblenden«, sagt Sanchez. »Vielleicht sollte er es auch gar nicht versuchen.«

Und dann wagt der Latino etwas, das Blake unter anderen Umständen wütend gemacht, wenigstens aber bestürzt hätte. Er löscht fast den gesamten Text. Nur das Ende, die Verwandlung von Billie Marsh und der kleinen Alice, lässt er stehen.
»Das ist jetzt das normale Leben, Blake«, sagt er. »Unser ganz normales Leben.«

Blake starrt auf den Bildschirm. Eine Minute vergeht, dann eine zweite und eine dritte. Dann sackt die Wahrheit durch. Blake nickt langsam. Bitter.
Er greift nach vorne und schaltet den Computer aus, ohne die Datei erneut gespeichert zu haben.

»Wann gibt es Essen?«

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Der Sonntagsreport vom 17.12.2017: Hat doch gar nicht weh getan

Hallo liebe Blogbesucher!

Na, wie habt ihr den dritten Advent verbracht? Habt ihr euch auch, wie wahrscheinlich so viele, in den Trubel gestürzt, weil ja vielerorts ein verkaufsoffener Sonntag war? Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was in den großen Einkaufszentren der Gegend, wie dem CentrO in Oberhausen oder auch dem Zentrum am Limbecker Platz in Essen los gewesen ist. Aber ja: In einer Woche ist Heiligabend und man kann das Parfüm und die Krawatte ja nicht immer auf den letzten Drücker kaufen.

Ich selbst habe alle Weihnachtsgeschenke inzwischen zusammen und bin ziemlich glücklich darüber. Ich werde nämlich schon so langsam nervös, wenn das zur Dezembermitte nicht der Fall ist. Auch wenn in der schönen neuen Internetwelt der Versandhändler mit dem großen „A“ gegen einen entsprechenden Obolus auch Lieferungen am Tag der Bestellungen durchführt. Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden die Verkaufsfahrer des im Aufbau befindlichen eigenen Lieferdienstes wahrscheinlich dazu verdonnert werden, sich in Weihnachtsmann- oder Christkind-Kostüme zu quetschen, und an Heiligabend bis unter den Baum zu liefern.

Nun, das ist Zukunftsmusik.

Vergangenheit ist dagegen, dass ich an der zweiten Etappe des Lektorats von „Der Morgen danach“ gearbeitet habe. Ich hatte ja in den letzten Beiträgen zum Thema so ein wenig anklingen lassen, dass ich Probleme damit hätte. Aber wie so oft im Leben ist es so gewesen, dass ich mich nur mal, aufraffen musste.

Und das hat gestern und heute gut geklappt. Ich bin in einen kleinen Flow geraten, was die Überarbeitung angeht, und habe deswegen mit den Anmerkungen meiner Lektorin irgendwann auch gar keine Schwierigkeiten mehr gehabt. Die resultierten nämlich größtenteils daraus, dass ich gar nicht den passenden Blick auf den Text hatte. Und ich habe wieder die Erfahrung gemacht, dass es schwierig ist, konzentrierte und zielgerichtete Textarbeit zu betreiben, wenn man im Kopf blockiert ist.

Es war eine gute Entscheidung, mir selber ins Stammbuch zu schreiben, dass spätestens jeden zweiten Tag irgendwas Schriftstellermäßiges zu geschehen hat. Dass das vorher nicht so gewesen ist, mögen mir die Hardliner und Unverständigen als Nachlässigkeit und mangelnde Professionalität auslegen. Sei es drum. Ich denke, dass jeder seinen eigenen Weg finden muss und es kann sehr gut sein, dass ich meinen jetzt gefunden habe.

Jedenfalls kann ich morgen die entsprechenden Passagen in die Post geben und habe damit den Kopf vorläufig wieder für andere Dinge frei. Am Ende hat es auch gar nicht weh getan.

Ich möchte auf jeden Fall noch in diesem Jahr die erste Agenturbewerbung für „Der Beobachter und der Turm“ auf die Reise schicken. Ja, ich habe mich dazu entschlossen, es zuerst mit einer einzelnen Agentur und der geforderten Exklusivität zu versuchen. Wenn so die Spielregeln sind, dann muss ich mich eben daran halten.

Und was macht das Schreiben? Da sind mein Kurzroman und meine Kurzgeschichte. Und beides kommt im Moment nicht wirklich aus den Puschen. Ich glaube, es war ein Irrglaube von mir, zwei so unterschiedliche Projekte gleichzeitig stemmen zu können. Oder sie gleichzeitig zu allem anderen stemmen zu können, was da sonst noch anliegt und angelegen hat.

Welchen der beiden Texte ich nun vorziehe, habe ich noch nicht abschließend entschieden. Es gibt eine Tendenz, aber davor steht auf jeden Fall die Bewerbung. Nicht wieder alles gleichzeitig. Also brauche ich mich auch jetzt noch nicht festzulegen.

Festlegen musste ich mich im Laufe der letzten Wochen auf die eine oder andere Personalentscheidung in dem Autorenverein, in dem ich Mitglied bin. Es stehen Vorstandswahlen an und es zeigte sich sehr deutlich, dass Autoren auch nur Kaninchenzüchter oder Kleingärtner sind. Soll sagen: So sehr unterscheiden sich die Vereine, die Strukturen und auch der Umgang miteinander gar nicht.

In mir rumort es, offen gestanden, ein wenig. Ich hätte da was zu sagen, bevor in dieser Woche ein neuer Vorstand gewählt wird, aber ich weiß nicht, ob es jemand hören will. Schließlich bin ich nur ein ganz normales Mitglied, habe weder das schönste Kaninchen gezüchtet, noch die größten Kartoffeln im Beet.

Nun, wir werden sehen. Ich wollte es aber auf jeden Fall hier hinschreiben, weil es mich halt beschäftigt. Und der Sonntagsreport dient vor allem ja auch dem, mir Dinge aus dem Kopf zu schreiben, die mich beschäftigen. Damit ich entweder damit abschließen kann, oder halt um einen Schritt in meiner Entscheidungsfindung weiter zu kommen.

Damit wollen wir es für heute dann auch wieder bewenden lassen. Ich wünsche euch, dass ihr die letzte Woche vor Weihnachten genießen könnt. Die Besinnlichkeit fängt für die meisten von uns ja erst am 24.12. kurz vor dem Gänsebraten an. Aber vielleicht klappt es ja dieses Jahr mit einer Veränderung dieses Umstands.

Lasst euch nicht stressen!

Euer Michael

In die richtige Zeit versetzt

Seit gestern kümmere ich mich mal wieder um eine Kurzgeschichte, die ich nur am Wochenende (sprich: zu Hause) schreiben kann. In den letzten Wochen hatte ich sie ein wenig aus den Augen verloren, weil ich mir sehr bewusst bin, dass ich nur an ihr arbeiten sollte, wenn ich mich in der richtigen Stimmung, der richtigen Verfassung und dem richtigen Geisteszustand befinde. Denn, wie ich ja schon mal berichtete, „Das Kind“ (Arbeitstitel) ist kein leichter Stoff.

Die Geschichte macht es mir zusätzlich nicht ganz leicht, weil sie, im Gegensatz zu beinahe allen meinen anderen Arbeiten, im Präsens geschrieben ist. Diese Entscheidung habe ich bewusst gewählt, weil so die Distanz zwischen dem Leser und den Akteuren merklich geringer ist. Man erlebt direkter mit, was ihnen widerfährt und wie es ihnen dabei ergeht.

Ich merke allerdings, dass ich mich hochgradig konzentrieren muss, um diese Zeitform durchzuhalten. Es passiert mir sehr leicht, manchmal wirklich mitten im Satz, dass ich in die Vergangenheitsform abrutsche. Das liegt zum einen an der enormen Gewöhnung, die man einfach inzwischen daran hat. Und zum anderen, weil ich gerade in einer Passage bin, in der es sehr wenig Dialog gibt und lange Beschreibungen vorherrschen: Ein Mann huscht durch einen verschneiten polnischen Wald, weil er glaubt, ein leises Wimmern gehört zu haben.

Das ist keine Situation, in der es um Paukenschläge geht. Da geht es um die leisen Töne, um Angst, um Zweifel und, vielleicht, auch um Mut. Zumal der Mann ahnt, dass sich knapp außerhalb „seiner Welt“ ein gewaltiges Verbrechen abspielt und es unter allen Umständen vermieden werden muss, in diese andere Welt Einsicht zu nehmen.

Die Arbeit geht trotzdem gut voran und ich bin auch vom Ton, den die produzierten Seiten haben, sehr angetan. Es ist schwierig, die richtige Tonart zu treffen: nicht zu schwer, nicht zu leicht, nicht zu bedeutungsschwanger, nicht zu lakonisch.

Eigentlich kann ich nur an meinen eigenen Ansprüchen scheitern. Aber ich denke mir, ich versuche es mal.

Um mich noch besser in die richtige Zeit und die richtige Stimmung versetzen zu können, habe ich es heute außerdem noch einmal mit der passenden musikalischen Untermalung probiert. Und zwar habe ich zum Soundtrack des Spielfilms „Der Pianist“ gegriffen, der in der Hauptsache aus Klaviereinspielungen von Chopin-Stücken besteht.

Falls ihr den Film nicht kennt (dringend nachholen!): In ihm geht es um das Leben des polnischen Juden Wladyslaw Szpilman, der es unter abenteuerlichen Bedingungen und durch die Musik geschafft hat, den Holocaust zu überleben. Eine sehr bedrückende, gleichzeitig aber auch imposante Geschichte. Adrien Brody hat für die Darstellung Spilmans zurecht den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen.

Um euch einen Einblick in die Stimmung und die Musik zu geben, habe ich aber hier ein Stück für euch ausgewählt, das der echte Wladyslaw Szpilman im hohen Alter eingespielt hat.

Eigentlich habe ich es ja nicht so mit klassischer Musik, aber ist das nicht einfach wunderschön?

Trick 17 ohne Selbstverarschung

Bei mir auf der Arbeit haben sie das Serversystem umgestellt. Das ist jetzt eine Tatsache, die für euch nicht unbedingt wichtig ist, aber für mich ist sie sogar sehr wichtig, weil man mir ja schon vor langer Zeit meinen kleinen, alten, absolut in die Jahre gekommenen Stand-Alone-PC geklaut und durch eine von diesen neumodischen Client-/Server-Lösungen ersetzt. Das bedeutet, dass alles, was ich hier so in meine Tastatur tippe, auf irgendeinem Netzwerklaufwerk gespeichert wird.

Bestenfalls lassen sich diese Dateien dann zielgerichtet auf diesen Laufwerken lokalisieren. Das ist im Normalfall sogar so. Wenn man sich nicht mit Trick 17 selber verarscht.

Dazu muss man wissen, dass ich zwar ein „eigenes Laufwerk“ besitze (also einen geschützten Bereich auf dem Server, auf den nur ich zugreifen kann), dieser aber vor kurzem, wegen der erwähnten Umstellung, einmal auf Links gekrempelt wurde. Praktischer Weise in der Zeit, in der ich mit meiner komischen Spätsommerviruserkrankung zu Hause war.

Als ich gestern in der Mittagspause an „Die Behüter des Wahren“ weiterschreiben wollte, fand ich, oh weh, nur eine uralte Version meiner Arbeitsdatei vor. Ich schreibe auf der Arbeit in Word und kopiere abends daheim alles nach Papyrus rüber. Aber, Trick 17, ich wusste ja, dass ich mir meinen letzten Arbeitsstand auf dem Mailweg zugeschickt hatte.

Dementsprechend fand sich die Datei bei den gesendeten Mails und ich konnte loslegen. Und zwischendurch immer wieder schön abspeichern, das Ganze. Wie es sich gehört.

Am Nachmittag, als ich mir die Datei nach Hause schicken wollte, bin ich dann irgendwie ins falsche Verzeichnis geraten … denn als ich abends wie immer den Fortschritt umkopieren wollte, war da nur der alte Text!

Hektik, Panik, Weltuntergangsstimmung.

Denn ich musste ja davon ausgehen, dass der Text sich jetzt in irgendeinem obskuren temporären Ordner befand, in den ich zwar speichern, den ich aber gar nicht selber aufrufen durfte. Na, da hätte ich aber Freude gehabt.

Gut, ihr seht schon am Konjunktiv, dass ich noch einmal Glück im Unglück hatte. Zwar war die Datei tatsächlich an einem Ort, wo ich sie nie vermutet hätte, aber ich konnte sie aufrufen, ordentlich abspeichern und in der Mittagspause weiterschreiben.

Trick 17 ohne Selbstverarschung.

Und weil ich mich so über die Tatsache, dass die Datei noch da und ich in der Lage war, meinen Faden weiter zu spinnen, mag ich euch ein kleines Zitat aus dem Text da lassen, das mir eigentlich ganz gut gefällt:

Orion zog den Hebelschalter nach unten und machte im gleichen Atemzug einen Satz nach hinten. Seine immer noch auf Hochtouren laufende Fantasie gaukelte ihm eine Schar von kleinen, quirligen Wesen mit großen Zähnen vor, die sich aus dem Treppenaufgang ergoss.

Aber nicht nur, dass durch die sich öffnende Tür keine Angreifer kamen, die Tür öffnete sich auch nicht so, wie man es von ihr hätte erwarten sollen. Statt zur Seite oder nach oben zu gleiten, oder wenigstens wie eine ganz normale, wenn auch altmodische Tür aufzuschwingen, fiel sie einfach nach vorne in den Raum – wo sie in zahlreiche Bruchstücke zerfiel.

Na, was es wohl damit auf sich hat? 😉

Manche Szenen fallen beim Schreiben einfach schwer

Manche Stellen fallen beim Schreiben einfach schwer. Entsprechend lange versucht man, ihnen aus dem Weg zu gehen, sie immer wieder zu umschiffen oder die Szene hinaus zu zögern. Aber da muss man irgendwann durch, wenn man die Geschichte nicht verlieren oder, noch schlimmer, ihre Wahrhaftigkeit komplett vernichten will.

Nichts ist schlimmer, als wenn man als Autor versucht, sich davor zu drücken, die Konsequenzen aus dem, was man sich aufgehalst hat, zu tragen. Wir treffen Entscheidungen, die für die Personen, die wir beschreiben, mehr oder weniger gute, schlechte oder katastrophale Auswirkungen haben. In unseren Geschichten sind wir zwar wie Götter, aber auch unserer Macht sind Grenzen gesetzt. Durch die Regeln der Glaubwürdigkeit.

Stephen King hat einmal erzählt, wie er beim Schreiben seines Romans „Cujo“ von dieser Tatsache überrollt wurde. In diesem Roman ist ein kleiner Junge über viele, viele Stunden in einem Auto eingeschlossen, weil ein tollwütiger Bernhardiner jeden Ausbruchsversuch der Mutter abwehrt. Am Ende ist das Kind vollkommen dehydriert und, so leid es mir tut, es stirbt in der Geschichte.

King berichtete nun davon, dass das eigentlich gar nicht so geplant war. Eigentlich sollte der Junge leben. Aber dann kam er an die Stelle, an der seine Mutter versucht, ihn zu reanimieren. Und auf einmal stellte er fest, dass gute zehn Minuten vergangen waren und sie immer noch dabei war, ihn zu beatmen – oder was auch immer sie genau tat.

Und so sei der arme kleine Junge ihm einfach weggestorben.

Ich finde diese Geschichte wichtig und interessant, weil sie zeigt, dass es manchmal einfach passiert. Und wenn es passiert, dann sollte man sich nicht dagegen wehren, sondern es akzeptieren.

Bei mir liegt die Sache noch ein wenig anders, denn ich gestehe, ich habe aus Vorsatz gehandelt. In meiner Geschichte, die ich eigentlich nur am Wochenende schreibe, habe ich heute eine Szene gehabt, die sich anfühlte, als ob ich sie nicht zu einem Abschluss bringen wollte. Dabei war klar, was zu passieren hatte. Und es war klar, dass es schnell passieren musste. Weil ansonsten die Glaubhaftigkeit der Geschichte dahin gewesen wäre.

Also habe ich meinen ganzen Mut zusammen genommen und es dann hinter mich gebracht: Ich habe gerade einen dreijährigen Jungen faktisch zu einem Waisenkind gemacht und ihn in der Wildnis ausgesetzt. Ich bin nicht stolz darauf und es hat mir keinen Spaß gemacht, auch wenn die Szene am Ende, so glaube ich, richtig gut geworden ist. Es musste sein und deshalb ist es passiert.

Ohne blasphemisch sein zu wollen, in solchen Momenten verstehe ich, wieso Gott sich im großen und ganzen aus seiner Schöpfung heraushält. Jeden Tag möchte ich mich mit solchen Dingen auch nicht auseinandersetzen müssen.

Die Kurzgeschichte, die ich nur am Wochenende schreiben kann

Wie ich euch ja kürzlich berichtet habe, schreibe ich zurzeit an zwei Geschichten gleichzeitig. Das eine ist die Kurzgeschichte der Kurzroman „Die Behüter des Wahren“ und das andere die Kurzgeschichte „Das Kind“. Das war die Geschichte, die ich komplett geträumt habe und die ein, sagen wir mal, sehr ernstes und auch trauriges Thema hat.

Ich habe festgestellt, dass ich an „Das Kind“ nur am Wochenende schreiben kann, während die Arbeit an „Die Behüter des Wahren“ unterhalb der Woche stattfindet. Das mache ich nicht bewusst, es hat sich einfach so eingespielt.

Wenn ich eine Erklärung dafür abgeben müsste, dann würde ich glauben, dass es daran liegt, dass das Thema von „Das Kind“ es erfordert, mit voller Aufmerksamkeit heran zu gehen. Außerdem stellt mich die Geschichte vor ein Problem in der Art, dass sie mich auch emotional ganz anders angeht als die lockere Science-Fiction der „Behüter“.

In „Das Kind“ geht es um einen dreijährigen Jungen, den seine Eltern vor der Deportation retten wollen. Dazu müssen sie sich von ihm trennen, weil er ansonsten keinerlei Überlebenschance hätte.

Wie ihr wisst, habe ich selber zwei Kinder. Und auch wenn ich nicht glaube, dass ich wirklich in aller Authentizität in meine Elternfiguren projizieren kann, wie ich mich fühlen würde, müsste ich mich von einer meiner beiden Töchter auf diese Weise trennen, gehen mir die Szenen doch sehr nahe.

Ich kann diese Geschichte nur in homöopathischen Dosen schreiben. Zwei bis drei Manuskriptseiten auf einmal und dann ist es auch wieder vorbei. Und, wie gesagt, nur an den Wochenenden – wenn denn überhaupt.

Das ist wieder eine neue Erfahrung, eine sehr interessante, wenn ich das so sagen darf. Ich hoffe, dass am Ende eine Geschichte dabei herauskommt, von der ich sagen kann, dass ich mein Ziel erreicht habe: Möglichst realitätsnah zu bleiben, nicht zu kitschig zu werden und, das vor allem, nicht vordergründig effekthaschend. Es geht mir nicht darum, auf die Tränendrüse zu drücken und es geht mir nicht darum, Gefühle zu instrumentalisieren.

Es geht mir, hier so sehr, wie lange nicht mehr, um die Geschichte!

Und wenn ich nur am Wochenende daran arbeiten kann, dann ist das halt so. Ich habe es nicht eilig, es gibt keine Deadline. Diese Geschichte schreibe ich aus meinem eigenen Antrieb. Und solange das so bleibt, wird sie ihren Zweck erfüllen. Da bin ich mir sicher.

Warum passiert mir das eigentlich immer wieder!?

Ich werde aber auch nicht schlau daraus. Immer wieder passiert mir das. Wieso, frage ich mich? Wieso bin ich nicht in der Lage, eine Kurzgeschichte auch wirklich eine Kurzgeschichte bleiben zu lassen?

Ist ja jetzt nicht so, als ob ich nicht gerade im letzten Jahr die eine oder andere Kurzgeschichte sogar auf ein fest vorgeschriebenes Format hin geschrieben hätte. Ich kann es also. Umso unverständlicher ist es, dass mir immer wieder die Sicherungen durchknallen, die das eigentlich verhindern sollten, und aus einem kurzen Text ein immer längerer Text wird? Gibt es dafür nicht so eine Art FI-Schalter im Gehirn?

Ihr könnt euch sicherlich schon denken, was passiert ist und meine Stammleser mögen bitte aufhören, so zu grinsen 😉 . Die Geschichte „Die Behüter des Wahren“ nimmt mehr Platz ein, als ich ihr ursprünglich zugestehen wollte. Viel mehr Platz!

Um genau zu sein bin ich inzwischen irgendwo um die 80. Manuskriptseite. Das ist jetzt noch nicht weltbewegend viel, aber ich bin vielleicht gerade bei der Hälfte der Geschichte angelangt, wenn überhaupt. Es wird also alles, nur keine Kurzgeschichte mehr werden. Aber was genau nun daraus wird, das weiß ich auch noch nicht.

In den letzten beiden Kalenderjahren gibt es zwei Präzedenzfälle, in denen mir kurz geplante Stories explodiert sind.

Der erste war „Die Welt der stillen Schiffe“, ursprünglich geplant als lockere Schreibübung, um den NaNoWriMo 2015 noch irgendwie zu einem Ende zu bringen, weil mir mein vorheriger Roman irgendwie ausgegangen war. Aber sehr schnell zeigte sich, dass aus der geplanten Novelle ein Kurzroman wurde und am Ende aus dem Kurzroman ein kompletter Roman mit nicht unbeträchtlichem Umfang.

Noch „besser“ ist die Geschichte von „Der goldene Tod“, der ursächlich eine Kurzgeschichte auf der Basis von einigen Stichworten von Gewinnspielgewinnerin Nike Leonhard werden sollte, bevor er dann ebenfalls seine Ambitionen zeigte, etwas großes werden zu wollen (auch wenn es noch nicht vollendet wurde, ist das Manuskript alles andere als vergessen!).

Und nun also „Die Behüter des Wahren“. Ich muss mich der Realität stellen und die Realität sieht so aus, dass dies keine Kurzgeschichte mehr wird, sondern eine Novelle. Oder auch ein Kurzroman, da sind die Grenzen ja mittlerweile fließend. Ein wenig werde ich sicherlich kürzen können, wenn ich damit fertig bin, denn im Augenblick ist mir das Manuskript stellenweise noch etwas zu geschwätzig.

Aber dadurch werde ich auch nicht mehr „retten“, was vielleicht gar nicht gerettet werden muss.

Und trotzdem frage ich mich in Augenblicken wie diesen, ob ich einfach maßlos bin, ob ich so schlecht diszipliniert bin, dass mir die Figuren und die Handlungen meiner Geschichten nicht nur auf der Nase herumtanzen, sondern dass sie mich am Nasenring durch die Manege führen können.

Ich weiß es wirklich nicht.

Tatsache ist jedenfalls, dass ich mich dem nun stellen muss und wie ich schon in einem früheren Beitrag schrieb: Mal sehen, was ich dann hinterher damit anstelle. So eine nette kleine Geschichte könnte man ja glatt mal als Versuchsballon fürs Selfpublishing …

Und wieder: Wo ist der FI-Schalter!? Ich werde mich dann mal auf die Suche begeben.


Übrigens: Der Text ist natürlich etwas übertrieben. In Wahrheit freue ich mich darüber, dass ich wieder so etwas Ähnliches wie meinen Schreibfluss gefunden habe. Ich würde es nur nie, nie, niemals nicht zugeben 😉 .