Meldung und Meinung: 24-Stunden-Buchnotdienst

Das Boersenblatt berichtet von einer netten Idee der Mayerschen Buchhandlung am Standort Aachen. Dort wurde jetzt ein Automat aufgestellt, an dem man 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche, ein Buch erwerben kann, wenn man es mal wieder nicht während der Geschäftszeiten geschafft hat.

Das wirklich interessante daran ist, dass es sich bei einem Gutteil der Bücher um Überraschungen handelt. Die Cover sind neutralisiert und es gibt nur eine kurze Inhaltsumschreibung. Was einen wirklich dahinter erwartet, erfährt man als Leser erst, wenn man das Buch erworben hat.

Nun ist die Idee von Buchüberraschungen ja nicht neu. Im Internet gibt es inzwischen einige Anbieter von Buchboxen, die, nach Themen sortiert, den Leser auf die Folter spannen, was er denn da schönes zu lesen bekommt. Aber meiner Kenntnis nach ist dieser Automat der erste Versuch, so etwas auch für ein breiter aufgestelltes Publikum zu versuchen.

Denn, machen wir uns nichts vor, der normale Leser ist eher nur so mittelprächtig risikobereit. Oft wird zu dem gegriffen, was bereits bekannt oder sowieso in aller Munde ist. Dieses Prinzip wird hier ausgehebelt.

Ob sich genügend Leser finden werden, die sich auf das spannende Experiment einlassen werden?

Das liegt, nicht zuletzt, auch am Mut der den Automaten betreuenden Buchhändler. Wenn sich am Ende des Tages doch wieder nur derselbe Einheitsbrei hinter dem neutralen Einband findet, dann wird sich die Idee, meines Erachtens, schnell totlaufen. Denn bei Bestsellern ist die Wahrscheinlichkeit, dass der interessierte Leser diese bereits auf „normalem“ Wege erworben hat, sicherlich größer, so dass es hierbei zu Umtäuschen kommen wird. Und wie oft sich ein Leser spätabends ein Buch am Automaten zieht, um es dann doch am nächsten Tag in der Filiale wieder umtauschen zu müssen, darüber gebe ich mal keine Prognose ab.

Als Konzept finde ich die Sache aber auf jeden Fall sehr spannend und könnte mir auch selbst durchaus vorstellen, hin und wieder mein Glück zu versuchen.

Wie sieht es bei euch aus – würdet ihr euch auf das Buch in der neutralen Packung einlassen?

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Meldung und Meinung: Der Hotzenplotz geht wieder um

Heute ging eine Meldung aus dem Literaturbetrieb durch zahlreiche deutschsprachige Medien. Ich habe es, als Beispiel, zuerst bei der NZZ gelesen: Im Nachlass des Autors Otfried Preussler ist ein weiterer, der vierte, Band rund um die Missetaten des Räubers Hotzenplotz aufgefunden worden.

Wer von euch kennt die Geschichten nicht? Oder wenigstens eine von ihnen? Ich denke, die meisten werden wissen, dass der Hotzenplotz einmal die Kaffeemühle von Kasperls Großmutter gestohlen hat und dass Kasperl und Seppel bei dem Versuch, sie wieder zu beschaffen, gar grässliche Abenteuer zu bestehen hatten. Natürlich ist am Ende alles gut ausgegangen und der böse Räuber ins Loch gewandert. Aber da ist er nicht geblieben, so dass es zu weiteren Geschichten kommen konnte.

Das alles liegt nun schon 45 Jahre zurück. So lange ist es her, dass der dritte und letzte Band der Geschichten veröffentlicht wurde. Doch nun hat die Tochter des Autors eine bisher unbekannte Geschichte, ein Theaterstück, gefunden. Diese ist sogar stolze fünfzig Jahre alt.

Für die Freunde der Geschichten um den Räuber Hotzenplotz ist dies mit Sicherheit ein Grund zur Freude. Und auch die Rechteinhaber dürften sich darüber freuen, dass sie diese, sicherlich einträgliche, Geschichte gefunden haben.

Ich muss allerdings gestehen, dass ich etwas gemischte Gefühle dabei habe. Man muss sich einfach die Zeitabläufe vor Augen halten: Etwa 1968 hat Preussler die nun gefundene Geschichte geschrieben. Der letzte „Hotzenplotz“ aus seiner Feder wurde circa 1973 veröffentlicht. Mir stellt sich einfach die Frage, wieso dieses nun aufgefundene Theaterstück von ihm nicht selber verwertet worden ist.

Keinesfalls hatte es etwas damit zu tun, dass er des Hotzenplotz überdrüssig geworden war. Zeit seines Lebens hat er diese Figur in Ehren gehalten und sich stark mit ihr identifiziert. Umso unwahrscheinlicher ist, dass er einfach auf die Veröffentlichung verzichtet hat, weil er „keine Lust“ auf sie oder ihre Veröffentlichung hatte.

Der Gedanke liegt für mich nahe, dass Preussler die Geschichte vielleicht aus qualitativen Gründen zurückgehalten hat. Vielleicht erschien ihm das Szenario – Kasperl und Seppel wollen den Hotzenplotz mit einer Rakete auf den Mond schießen – nicht passend für die Reihe. Oder er hatte irgendeinen anderen Grund, das Manuskript so gut unterzugraben, dass es erst heute, fünf Jahre nach seinem Tod, wieder aufgetaucht ist.

Das sind natürlich Spekulationen, aber sie berühren ein durchaus interessantes Thema: Wenn der Nachlass eines Autors an seine Erben geht, inwiefern ist es sinnvoll, alle bestehenden Geschichten noch zu verwerten? Wohlgemerkt unterstelle ich der Preussler-Tochter keine rein finanziellen Beweggründe. Nach allem, was ich weiß, pflegt sie das Erbe ihres Vaters und geht verantwortungsvoll damit um.

Aber stellt euch mal vor, was los wäre, wenn dereinst (möge es noch viele Jahre dauern) ein weiterer oder gar ein alternativer „Harry Potter“-Band auftauchen sollte!

Nun werde ich niemals in die Position kommen, dass jemanden nach meinem Ableben interessieren könnte, was ich zu Lebzeiten noch so geschrieben habe. Aber ich spiele das Gedankenspiel mal durch und komme zu dem Schluss, dass man als Autor vielleicht Anweisungen an seine Nachfahren hinterlassen sollte oder gar müsste, welche Texte man auf keinen Fall herausgebracht sehen möchte.

Wobei man dann sagen könnte, dass Preussler diesen Text, der ihm nicht für die Veröffentlichung bestimmt gewesen zu sein scheint, auch einfach hätte vernichten können. Aber den Autor möchte ich sehen, der dazu fähig wäre. Gerade, wenn einem die Figuren so sehr am Herzen liegen.

Nun, ich hoffe, dass das neue Abenteuer mit Kasperl, Seppel, der Großmutter, dem Wachtmeister Dimpfelmoser und natürlich dem Räuber Hotzenplotz viele Kinder erfreuen wird. Dann hat sich die Veröffentlichung auf jeden Fall gelohnt. Das kleine Fragezeichen allerdings bleibt.

Das langsame Sterben der digitalen Käufe – Eine Befürchtung

Ich gebe zu, dass man mich manchmal durchaus in die Schublade stecken kann, auf der „Bedenkenträger“ draußen drauf steht. Aber das bedeutet ja nicht, dass ich nicht mit der einen oder anderen Befürchtung, die mir so kommt, Recht haben könnte. Auch wenn ich im konkreten Fall hoffe, dass ich nicht richtig liege.

Was ist passiert?

Ich bin jemand, der seine Musikkäufe bereits vor einigen Jahren dahingehend umgestellt hat, dass er eigentlich ausschließlich digitale Downloads kauft (von Ausnahmen, die ich mit gebrauchten CDs mache, abgesehen). Damit fahre ich gut, weil ich keinen zusätzlichen Platz habe, außer auf meinen immer größer werdenden Festplatten. Und außerdem waren auf diese Weise immer auch Scheiben, die ansonsten im Handel nur schwer bis gar nicht zu bekommen gewesen wären, nur wenige Mausklicks und eine Transaktion weit entfernt.

Aber in den letzten Monaten ist es zusehends schwerer geworden, Musik wirklich als Download zu kaufen. Portale wie Juke, betrieben von Media-Markt und Saturn, oder Groove, betrieben von Microsoft, haben entweder die Pforten dicht gemacht, oder auf reine Streaming-Dienste umgestellt. Und in dieser Woche erschütterte (wieder einmal) die Meldung, dass Apple in Kürze seinen iTunes-Store schließen könnte und die Kunden auf Apple Music, auch ein Streaming-Angebot, umstellen wird, die digitale Musikwelt. Zwar wurde rasch dementiert, aber wir wissen alle, was solche Dementis in unserer schnelllebigen Zeit wert sind. Vor allem, wenn es darum geht, Aktionäre zu beruhigen …

Machen wir uns nichts vor: Medien kaufen ist lange nicht mehr so sexy, wie es das Streamen ist. Filme und Serien schaut man heute nicht mehr von DVD oder Blu-ray, sondern auf Netflix, Amazon Video oder vergleichbaren Portalen. Musik hört man via Spotify oder Amazon Music.

Und Bücher?

Bis jetzt sind Bücher noch die Oase im digitalen Markt, in der zwar nicht wirklich Milch und Honig fließen, aber in der doch überwiegend noch gekauft wird. Es gibt Angebote wie Amazon Kindle Unlimited, aber diese sind nicht für den Massenmarkt erschlossen. Noch nicht?

Wenn wir uns die Entwicklung bei anderen Medien ansehen, nehmen wir wieder die Musik, so kann man erkennen, dass über lange, lange Zeit hinweg, das physische Trägermedium das Kerngeschäft war. Selbst dann, als es schon die Bandbreite und die Technik gab, um Musik über das Internet zu verkaufen, taten sich viele Verlage sehr schwer mit dem Gedanken, Bits und Bytes zu verkaufen. Das änderte sich erst, als Napster und Co. mit den Rechteinhabern Schlitten gefahren sind.

Später dann gab es die legalen Anbieter und gerade eine Firma wie Apple, die mit ihrem iPod und dem dazu gehörigen Dienst iTunes den Markt aufgemischt hat, hat massiv hiervon profitiert. Das Ergebnis war, dass das Angebot an physischen Tonträgern, zumindest in den Kaufhäusern und Technikmärkten der Republik, teils drastisch zurückging. Zu dieser Zeit schlossen zum Beispiel Händler wie Kaufhof oder Karstadt ihre Multimedia-Abteilungen.

Und jetzt gibt es die Streamingdienste, bei denen ich so ziemlich jedes neu erschienene Album am Erscheinungstag hören kann, solange ich eine Abogebühr bezahle. Das kostet mich und meine Familie bei Amazon Music etwa 149 Euro im Jahr, für die bis zu fünf Personen hören können, was immer sie wollen. Für dasselbe Geld könnte ich mir auch ungefähr 13 CDs kaufen. Oder vielleicht 14 Downloads.

Aber was hat das mit Büchern zu tun?

Vielleicht nichts, vielleicht aber auch sehr viel. Deswegen habe ich diesen Beitrag mit „Eine Befürchtung“ überschrieben. Bis jetzt sind, wie bereits gesagt, Streaming- oder Flatrate-Modelle bei eBooks noch nicht die großen Verkaufsgaranten. Aber ist es wirklich so unwahrscheinlich, dass es irgendwann soweit kommen wird, dass sich das Käuferverhalten auch in diesem Marktsegment ändern wird?

Aus der Sicht der Autoren, vor allem der Selfpublisher, muss man sagen: Bloß nicht! Die Quoten, die über Kindle Unlimited an die Autoren ausgeschüttet werden, sind, nach den Erhebungen, welche regelmäßig durch die Seite selfpublisherbibel.de gemacht werden, jedenfalls eher mau. Man könnte argumentieren, dass sich das vielleicht ändert, dass die Händler die Quoten anheben, wenn sich mehr Geld mit den Flatrateangeboten verdienen lässt.

Hier zeigt ein Beispiel aus einem verwandten Bereich, nämlich dem Hörspiel, dass das Wunschdenken ist. Hier sind einzelne Verleger längst schon hingegangen und teilen ihre Produkte in bis zu 80 Tracks auf, weil sie pro abgespieltem Track nur eine kleine Marge erhalten. Durchaus vergleichbar mit dem Salär für eine gelesene Seite.

Weniger rechtschaffene Autoren haben hierauf schon mit findigen Tricks reagiert, mit denen sich dem System vorgaukeln lässt, ein Leser hätte statt 300 Seiten 1.000 Seiten gelesen. Nicht die feine englische Art, aber es zeigt auf, wo die Probleme liegen.

Fakt ist, zum Glück, dass auch in unserer hochdigitalisierten Zeit das gedruckte Buch so schnell nicht aussterben wird. Aber ich frage mich durchaus, wie lange es dauert, bis die nachrückenden Generationen hier das Verhältnis verändern. Wenn man mit der Bahn fährt, sieht man immer mehr Smartphones und Tablets – und immer weniger Bücher.

Klar, heute können wir uns nicht vorstellen, dass sich das einmal komplett ändern wird. Aber das konnten sich Unternehmen aus der Musikbranche auch nicht vorstellen, als es anfing, ungemütlich für sie zu werden.

Für eine kurze Zeit sah es so aus, als ob der Konsument sich Musik jetzt eben als MP3- oder FLAC-Datei kaufen würde. Jetzt werden die Käufer immer weniger und es sind nur noch wenige Plattformen, bei denen man sich versorgen kann. Weil es immer weniger Menschen wichtig ist, auch wirklich zu besitzen, was sie konsumieren.

Werden wir in zehn Jahren vielleicht erleben, dass das digitale Buch nicht mehr käuflich erhältlich ist, sondern nur noch in einer Ausleihe, sei es in einer öffentlichen Bibliothek oder bei einem Flatrate-Anbieter? Werden Menschen wie ich, die immer noch am liebsten ein gedrucktes Buch in der Hand halten, dann so etwas wie Dinosaurier sein, die langsam aussterben.

Ich weiß es nicht. Aber der sich vielleicht andeutende Rückzug von Apple aus dem Geschäft mit Download-Verkäufen beunruhigt mich. Denn wenn es soweit käme, würde hier nicht einfach irgendein Unternehmen irgendeinen Dienst einstellen. Es wäre vom Stellenwert her vergleichbar damit, dass Amazon für seinen Kindle nur noch Leihbücher anbietet. Und dann bekämen viele Autoren ein echtes Problem.

Zum Glück ist dies nur die Befürchtung eines Bedenkenträgers. Sie muss nicht eintreten und ich hoffe, sie wird nicht eintreten. Aber sie aufzuschreiben, das musste jetzt einfach mal sein.

Meldung und Meinung: Veränderte Lesegewohnheiten bei Kindern

In der aktuellen „Federwelt“ findet sich ein sehr interessanter Artikel. Dafür hat sich die bekannte und umtriebige Autorin Jasmin Zipperling, oder vielmehr ihr Alter Ego „Madame La Zippi“, ganz tief über ihre Glaskugel gebeugt und mehreren Verlagen Prognosen und Trends abgerungen. Dabei ist an so ziemlich jedes Genre gedacht und dieses mit einem oder mehreren namhaften Verlagen bedacht worden. Herausgekommen ist ein extrem informativer Artikel, der für mich alleine schon den Kaufpreis des Hefts gerechtfertigt hätte, wenn ich nicht sowieso schon Abonnent wäre.

Eigentlich könnte an dieser Stelle mein Beitrag zu Ende sein, aber ich habe in diesem Artikel eine Aussage gefunden, die mich ein wenig nachdenklich zurückgelassen hat.

Getroffen wurde diese von Julia Gronhoff, Redakteurin für den Erstlesebereich und das Kinderbuch beim Loewe-Verlag, in dem viele bekannte und beliebte Reihen und Einzeltitel erscheinen. Auch in den Bücherschränken meiner Kinder lassen sich da entsprechende Bücher finden.

Auf die Frage, wo Frau Gronhoff die Trends in ihrem Segment für 2018 sieht, hat diese unter anderem geantwortet, dass einige der erfolgreichsten Reihen einem Relaunch unterzogen werden sollen. Und dabei soll, jetzt kommt es, der Text gekürzt werden. Damit reagiere man auf die veränderten Lesegewohnheiten der Kinder.

Die Aussage wurde von der Redaktion der „Federwelt“ offenbar auch als so bedeutsam eingeschätzt, dass sie fett abgedruckt wurde.

Ich halte also in eigenen Worten noch einmal fest: Weil Kinder heutzutage weniger lesen, wird in einigen Büchern des Loewe-Verlags der Anteil von Bild und Wort deutlich zugunsten des Bildes und zuungunsten des Wortes verschoben.

Ich finde diese Überlegung, so sehr sie wahrscheinlich auch aus wirtschaftlichen Beweggründen gerechtfertigt erscheint, zumindest diskutabel.

Meiner Meinung nach kommt insbesondere dem Bereich der Kinderbücher, und das setzt schon bei den ganz Kleinen an, die Aufgabe zu, Kinder an das Lesen heranzuführen. Deswegen habe ich auch sehr früh angefangen, meinen Kindern vorzulesen und nicht nur reine Bilderbücher mit ihnen anzuschauen. Der Erfolg gibt mir in gewisser Weise recht.

Vielmehr frage ich mich, ob nicht genau dort der Knackpunkt liegt. Kann es sein, dass immer mehr Eltern sich immer weniger Zeit nehmen, um ihren Kindern vorzulesen und deswegen viele Kinder mit dem gedruckten Wort nichts mehr anfangen können? Wäre es aber dann nicht an denjenigen, die den Trend setzen, die die Richtung vorgeben, dieser Entwicklung mit geeigneten Mitteln zu begegnen?

Sehen wir der Tatsache ins Auge: Eltern, die nicht vorlesen, ist es vollkommen egal, ob ein Kinderbuch nun 1.000 Worte, 500 Worte oder 250 Worte enthält. Sie werden es sowieso nicht in die Hand nehmen und man kann nur hoffen, dass die betreffenden Kinder irgendwann von alleine auf den Dreh kommen, dass Bücher Spaß bringen.

Der Markt im Allgemeinen und damit wirklich unisono alle an ihm Beteiligten beklagen zurecht, dass die Verkaufszahlen von Büchern im stetigen Sinkflug befindlich sind. Eine Theorie, die immer wieder einmal aufgeworfen wird ist die, dass sich durch Texte im Internet, Soziale Medien und die allgemeine Schnelllebigkeit eine Art Aufmerksamkeitsdefizit gebildet hat und viele Menschen es gar nicht mehr gewohnt sind, sich mit längeren Texten auseinander zu setzen.

Ich wäre geneigt, dieser These zuzustimmen.

Aber sollte man dann nicht lieber versuchen, in der Form gegenzusteuern, dass man Kindern, die hoffentlich noch nicht in dem Maße durch die schöne neue Technikwelt vereinnahmt wurden, auch zutraut, längere Texte zu lesen oder vorgelesen zu bekommen?

Bleiben wir fair und auf dem Boden. Die Aussage von Frau Gronhoff bedeutet nicht, dass Loewe in allen seinen Büchern und Reihen einen Kahlschlag an Wörtern vornehmen wird. Wahrscheinlich muss man sich erst einmal genau ansehen, wie genau das am Ende ausschauen wird.

Für mich als Autor wie als Elternteil ist es nur wichtig, dass die Wahlmöglichkeiten bestehen bleiben. Ich finde es gut, dass ich Bücher mit viel und mit wenig Text zur Verfügung habe und sie nach Belieben kombinieren kann. Und da bin ich halt ein wenig skeptisch, wenn ich auf das kleine Wörtchen „Relaunch“ schaue. Das klingt für mich sehr nach der Vornahme eines Ersatzes.

Ja, die Lesegewohnheiten der Kinder haben sich heute geändert. Ich finde: leider. Und wenn ich wirtschaftlich denke, dann ist es sicher gerechtfertigt, auf dieser Basis zu einer Veränderung des Verlagsportfolios zu kommen.

Das ändert nichts daran, dass ich dies persönlich bedaure und in Hinblick auf eine Gesamtentwicklung der Lesenden in der Zukunft für ein zumindest diskutables Zeichen halte.

Mich würde wirklich interessieren, was ihr dazu denkt 🙂 .

Frauen als Opfer und Beute: Genug davon, sagt eine britische Autorin

Gerade bin ich auf eine interessante Kurzmeldung beim Boersenblatt aufmerksam geworden. In dieser geht es um einen neuen Preis, eine Art „Anti-Preis“, den eine britische Drehbuchautorin ins Leben gerufen hat.

Und zwar hat Bridget Lawless im übertragenen Sinne die Nase voll. Sie hat die Nase voll davon, dass Frauen insbesondere in Thrillern fast durchweg die Opferrolle einnehmen müssen, dass sie diejenigen sind, die getötet, entführt und misshandelt werden. Mit dem von ihr ausgelobten „Staunch Book Prize“ möchte sie auf Titel aufmerksam machen, die ohne Gewalt gegen Frauen auskommen.

Diese kurze Meldung regt mich zum Nachdenken und zum reflektieren an. Wenn ich mal so Revue passieren lasse, wie es in der Literaturwelt aussieht, dann ist es in der Tat so, dass Frauen oft auf die Opferrolle abonniert sind. Und wenn sie nicht das Opfer sind, dann sind sie doch häufig schwach. Das betrifft übrigens nicht nur Romane, die von Männern geschrieben wurden, wie man jetzt vielleicht annehmen könnte, sondern auch Romane von Frauen. Und natürlich auch solche, die eigentlich versuchen, eine starke Frauenrolle, etwa durch eine Ermittlerin, in den Mittelpunkt zu rücken.

Woran mag es also liegen, dass es so relativ leicht fällt, Frauen auch in unseren aufgeklärten, emanzipierten und gegenderten Zeiten als schwach und Opfer zu skizzieren? Ich fürchte, dass in vielen Autoren und Autorinnen immer noch die alten Rollenbilder, wie sie vielleicht von den eigenen Eltern vermittelt wurden, vorherrschen. Andere nehmen diese Bilder durch die Medien auf, man denke hier neben dem Buch vor allem auch an den Film.

Filme, in denen nur Männer die Opfer sind, sind eher rar gesät, wahrscheinlich schon aufgrund des Eye Candy, das Produzenten und Regisseure sich versprechen. Ganz zu schweigen von der Zielgruppe für eher harte Thriller – das Horrorgenre lassen wir mal besser ganz außen vor, weil da die Rollenbilder ganz überwiegend noch verstörender ausfallen.

Natürlich habe ich mir aber auch meine Gedanken gemacht, wie es mit meinen eigenen Romanen eigentlich bestellt ist. Und ja, da muss ich mich schuldig bekennen: Nicht in allen, aber doch in einigen meiner Geschichten sind Frauen Opfer. Ich glaube zwar, behaupten zu können, dass ich sie nie auf die Opferrolle reduziere, aber darum geht es nach den Kriterien von Bridget Lawless ja erst einmal nicht.

Aber ich kann immerhin für mich in Anspruch nehmen, auch Romane geschrieben zu haben, in denen Frauen, wenn überhaupt, dann „gleichberechtigt“ ums Leben kommen. Das mag jetzt seltsam klingen, aber in diesem Kontext finde ich durchaus, dass es in Ordnung geht, wenn ich, wie in „Es zwingt einen dazu“ geschehen, ein Pärchen gemeinschaftlich über die Klinge springen lasse.

Und dann sind da natürlich noch die starken Frauenrollen, ohne welche die jeweiligen männlichen Begleiter teilweise ziemlich dumm aus der Wäsche schauen würden. Auch in meinen Romanen „Der Ruf des Hafens“ und „Die Welt der stillen Schiffe“ wird zwar gestorben – und das teilweise auf sehr unangenehme Art -, aber hier sind die Frauen diejenigen, die überleben – weil sie sich einfach klüger anstellen als die Männer um sie herum.

Bridget Lawless möchte Autoren finden, die sich etwas anderes ausdenken. Nun, wie genau man sich das vorzustellen hat, oder besser gesagt, wie genau sie sich das vorstellt, werden wir spätestens am 25. November erfahren, denn dann möchte sie den ersten Preisträger bekannt geben. Der 25.11. ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen. Ein besseres Datum könnte es also für eine derartige Preisverleihung gar nicht geben.

Ich bin gespannt, ob ihr Beispiel vielleicht Schule im deutschsprachigen Raum machen wird. Oder ob wir bald Übersetzungen von Romanen lesen werden, die dezidiert das Label „Gewaltfrei gegenüber Frauen“ tragen.

Oder ist das alles der falsche Weg? Besser gemein, als gemacht? Lasst mir doch, wenn ihr mögt, einen Kommentar dazu hier.

Wo das Schreiben lebensgefährlich ist

Ich habe heute bei der Süddeutschen Zeitung einen sehr eindringlichen und nachdenklich stimmenden Artikel gelesen. Es geht um fünf Schriftsteller aus fünf Ländern der Erde, in denen es aus verschiedenen Gründen sehr schwer ist, einfach nur ein Autor zu sein. Sei es, weil Krieg und Veröffentlichungsverbot herrschen. Sei es, weil angeblich gegen politische oder religiöse Grundsätze verstoßen wird. Sei es, weil man seit über 40 Jahren im Exil lebt, weil es ein, auf dem Papier immer noch bestehendes, Todesurteil gibt.

Die Schriftsteller, die hier zu Wort kommen, stammen aus Syrien, dem Iran, der Türkei, Kuba und Somalia. Beim einen Land kommt man eher darauf, welche Probleme es dort gibt, bei anderen Ländern nicht sofort. So war mir zum Beispiel nicht bewusst, welche Einschränkungen es auf Kuba immer noch gibt, wo uns das Land doch in den letzten Jahren zunehmend als weltoffen und aus der Isolation erwacht präsentiert wird.

Das eindringlichste Zitat in diesem Artikel stammt von Amir Hassan Cheheltan aus dem Iran, der sagt, dass es sich als unabhängiger Schriftsteller in seinem Land so anfühlt, als sei man ein kommunistischer jüdischer Homosexueller im nationalsozialistischen Deutschland. Auch wenn in dieser Aussage sicher eine kalkulierte Übertreibung liegt, ist sie doch wie ein Schlag in die Magengrube.

Dem entgegen haben wir in Deutschland, eigentlich in der gesamten westlichen Welt, kaum mit größeren Repressalien zu kämpfen. Es ist ein Verdienst unserer Meinungsfreiheit, dass wir als Autoren schreiben dürfen, was wir möchten. Auch dann, wenn es anderen nicht immer in den Kram passt. Wie ihr wisst, spreche ich sogar den Urhebern von mir vollkommen fremden Geisteshaltungen durchaus das Recht zu, ihre Bücher zu veröffentlichen.

Und doch ist es auch in Deutschland noch nicht lange her, dass Autoren aus ihrem Heimatland fliehen mussten, weil sie hier um Leib und Leben fürchten mussten. Oder doch zumindest um ihre persönliche Integrität. Man muss nicht bis zu den Bücherverbrennungen der Nazis zurückgehen. Auch Autoren in der ehemaligen DDR hatten, wenn sie kritische Stimmen erhoben, mit Gegenwehr des Staates, in dem sie lebten, zu kämpfen. Nicht immer verliefen diese Kämpfe erfolgreich.

Und dann sind da noch die momentanen Entwicklungen in den Vereinigten Staaten von Amerika, der, nach eigener Auffassung, demokratischsten und fortschrittlichsten Nation von allen. Dort schreibt jemand ein Buch, das dem Präsidenten nicht in den Kram passt und schon wird der gesamte Staatsapparat in Feuerstellung gebracht. Da ich das Werk nicht gelesen habe, kann ich nichts dazu sagen, ob es diesen Bohei rechtfertigt, aber die Tendenz zur Unterdrückung einer missliebigen Meinung finde ich, sagen wir mal, mindestens bedenklich.

Dennoch sind das alles Luxusprobleme im Vergleich zu dem, was die fünf Autoren aus dem Zeitungsartikel erleben. Das soll nicht schmälern, dass es auch in anderen Ländern zu prekären Situationen kommen kann. Ich finde nur, dass es wichtig ist, manche Dinge im richtigen Kontext und damit auch im rechten Licht zu betrachten. Auch wenn Donald Trump wütend ist, wird er nicht gleich die Todesstrafe für einen Schriftsteller fordern.

Wir sollten nicht müde werden, uns dafür einzusetzen, dass Autoren, Schriftsteller, Künstler auf der ganzen Welt die gleichen Rechte, die gleiche Selbstbestimmung und die selben Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung erhalten, wie sie für uns selbstverständlich sind. Und wir sollten uns diese Beispiele vor Augen halten, um einfach nicht aus dem Blick zu verlieren, was Zensur anrichten kann. Selbst dann, wenn sie vielleicht noch so gut gemeint sein sollte.

Den sehr lesenswerten Artikel der Süddeutschen findet ihr hier.

Meldung und Meinung: Amazon Publishing kommt in den stationären Buchhandel

Gerade tobt mal wieder der Sturm im Wasserglas und wie immer dann, wenn der Großhändler Amazon beteiligt ist, tobt er besonders heftig. Mindestens mit Windstärke acht, würde ich schätzen.

Was ist passiert? Der ebenso geschichtsträchtige wie am Markt etablierte Barsortimenter KNV hat angekündigt, die Titel des Amazon-eigenen Verlagsprogramms Amazon Publishing in sein Sortiment aufzunehmen. Das bedeutet, kurz gesagt, das ab diesem Zeitpunkt jede Buchhandlung in der Lage sein wird, entweder auf eigene Veranlassung Bücher dieses Verlags ins Schaufenster zu legen, oder sie zumindest auf Kundenwunsch hin zu bestellen.

Nun sind diejenigen unter den Buchhändlern nicht weit, die bereits den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören. Da ist davon die Rede, dass KNV damit den Ast absäge, auf dem die Branche sitzt. Es wird geunkt, dass Amazon auf diese Weise den kompletten Markt des Selfpublishing übernehme und damit der Tolino-Allianz den Hahn zudreht. Einen guten Überblick über Reaktionen hat das Börsenblatt.

Meine Meinung dazu, die ich natürlich nicht exklusiv habe, wie auch einige Reaktionen auf den genannten Artikel zeigen, lautet, dass hier anscheinend mehrere Dinge in einen Topf geworfen werden.

Amazon Publishing ist – und das bleibt so, bis jemand das diabolische Gegenteil beweist – erst einmal ein Verlag wie jeder andere auch. Es gibt ein Lektorat, es gibt mehrere Imprints, es gibt Qualitätsstandards und es gibt Autoren, die angenommen oder eben auch abgelehnt werden. Alleine deswegen ist es schon unsinnig, diesen Verlag mit dem breiten Angebot der Selfpublisher in einen Sack zu stecken, denn auf diesem Gebiet kann nach wie vor jeder das veröffentlichen, wonach ihm gerade der Sinn steht. Das unterscheidet allerdings die Plattform Kindle nicht von der Plattform Tolino.

Man erinnere sich an frühere Zeiten, so ungefähr vor fünfzehn, vielleicht auch mehr Jahren, als das Unternehmen BoD praktisch das Monopol auf Selfpublishing-Titel hatte (die damals noch keiner so nannte). Durch die Anbindung an die Mutter libri konnte BoD damals auch in alle Buchhandlungen geliefert werden, wenn sich denn ein Buchhändler dazu herabließ, den Kram von Amateuren zu bestellen. Ein hinkender Vergleich? Mag sein, aber ein Vergleich bleibt es.

Kehren wir zurück zu Amazon und den Buchhändlern. Ich verstehe nicht, worin für einen Buchhändler der Unterschied besteht, einen Titel z.B. bei Bastei Lübbe, bei einem Kleinverlag wie meinetwegen Scylla oder eben bei Amazon zu bestellen. Alle verlegten Titel haben, Preisbindung sei Dank, für alle die gleichen Konditionen. Egal, ob bei Amazon bestellt, oder bei Thalia aus dem Geschäft getragen. Und man muss schon ein ziemlich großer Verschwörungstheoretiker sein, um zu glauben, dass diese Kooperation mit Amazon Publishing der erste Schritt sei, um das ganze System auszuhebeln, nach dem der Buchhandel in diesem Land funktioniert. Wie soll das auch gehen? Welches Druckmittel sollte Amazon haben? Bestellt wird doch eh über die Sortimente und nicht bei Amazon. Gerade bei denen ja eben nicht.

Und, man kann es nicht oft genug betonen, wir sprechen hier von Amazon, dem Verlag und nicht von Amazon, der Verkaufsplattform!

Ich könnte es, vielleicht, noch verstehen, wenn die Verlage sich jetzt Sorgen zu machen beginnen. Weil man davon ausgehen könnte, dass Amazon ein größeres Potenzial mitbringt, neue Titel in den Markt zu drücken und Leser für eigene Autoren zu gewinnen. Aber das ist der Markt, mit dem Verlage schon seit Jahrhunderten zu tun haben und, mal ehrlich, am Ende reguliert der Markt sich von selbst. Auch Amazon wird nicht jeden daher gelaufenen Autor nehmen, weil dann nämlich die Marke schnell am Ende wäre. Und so wird aus Amazon Publishing ein Player wie jeder andere. Sicher größer als manch anderer, aber ein ganz normaler Mitspieler.

Ich bin gespannt, welche Formen dieser Sturm im Wasserglas noch annehmen wird und ob der stationäre Buchhandel es wirklich durchzieht, Kunden abzuweisen, die auf die Idee kommen, Bücher von Amazon Publishing im Laden erwerben zu wollen. Denn denen wird man den Unterschied zwischen Bastei, Scylla oder Amazon sicherlich noch weniger erklären können als mir. Und übrig bleibt dann ein Kunde, der nicht bekommen hat, was er haben wollte – und als Reaktion dann eben gleich bei dem Unternehmen bestellt, das denselben Namen hat wie der Verlag.