Meldung und Meinung: Amazon Publishing kommt in den stationären Buchhandel

Gerade tobt mal wieder der Sturm im Wasserglas und wie immer dann, wenn der Großhändler Amazon beteiligt ist, tobt er besonders heftig. Mindestens mit Windstärke acht, würde ich schätzen.

Was ist passiert? Der ebenso geschichtsträchtige wie am Markt etablierte Barsortimenter KNV hat angekündigt, die Titel des Amazon-eigenen Verlagsprogramms Amazon Publishing in sein Sortiment aufzunehmen. Das bedeutet, kurz gesagt, das ab diesem Zeitpunkt jede Buchhandlung in der Lage sein wird, entweder auf eigene Veranlassung Bücher dieses Verlags ins Schaufenster zu legen, oder sie zumindest auf Kundenwunsch hin zu bestellen.

Nun sind diejenigen unter den Buchhändlern nicht weit, die bereits den Untergang des Abendlandes heraufbeschwören. Da ist davon die Rede, dass KNV damit den Ast absäge, auf dem die Branche sitzt. Es wird geunkt, dass Amazon auf diese Weise den kompletten Markt des Selfpublishing übernehme und damit der Tolino-Allianz den Hahn zudreht. Einen guten Überblick über Reaktionen hat das Börsenblatt.

Meine Meinung dazu, die ich natürlich nicht exklusiv habe, wie auch einige Reaktionen auf den genannten Artikel zeigen, lautet, dass hier anscheinend mehrere Dinge in einen Topf geworfen werden.

Amazon Publishing ist – und das bleibt so, bis jemand das diabolische Gegenteil beweist – erst einmal ein Verlag wie jeder andere auch. Es gibt ein Lektorat, es gibt mehrere Imprints, es gibt Qualitätsstandards und es gibt Autoren, die angenommen oder eben auch abgelehnt werden. Alleine deswegen ist es schon unsinnig, diesen Verlag mit dem breiten Angebot der Selfpublisher in einen Sack zu stecken, denn auf diesem Gebiet kann nach wie vor jeder das veröffentlichen, wonach ihm gerade der Sinn steht. Das unterscheidet allerdings die Plattform Kindle nicht von der Plattform Tolino.

Man erinnere sich an frühere Zeiten, so ungefähr vor fünfzehn, vielleicht auch mehr Jahren, als das Unternehmen BoD praktisch das Monopol auf Selfpublishing-Titel hatte (die damals noch keiner so nannte). Durch die Anbindung an die Mutter libri konnte BoD damals auch in alle Buchhandlungen geliefert werden, wenn sich denn ein Buchhändler dazu herabließ, den Kram von Amateuren zu bestellen. Ein hinkender Vergleich? Mag sein, aber ein Vergleich bleibt es.

Kehren wir zurück zu Amazon und den Buchhändlern. Ich verstehe nicht, worin für einen Buchhändler der Unterschied besteht, einen Titel z.B. bei Bastei Lübbe, bei einem Kleinverlag wie meinetwegen Scylla oder eben bei Amazon zu bestellen. Alle verlegten Titel haben, Preisbindung sei Dank, für alle die gleichen Konditionen. Egal, ob bei Amazon bestellt, oder bei Thalia aus dem Geschäft getragen. Und man muss schon ein ziemlich großer Verschwörungstheoretiker sein, um zu glauben, dass diese Kooperation mit Amazon Publishing der erste Schritt sei, um das ganze System auszuhebeln, nach dem der Buchhandel in diesem Land funktioniert. Wie soll das auch gehen? Welches Druckmittel sollte Amazon haben? Bestellt wird doch eh über die Sortimente und nicht bei Amazon. Gerade bei denen ja eben nicht.

Und, man kann es nicht oft genug betonen, wir sprechen hier von Amazon, dem Verlag und nicht von Amazon, der Verkaufsplattform!

Ich könnte es, vielleicht, noch verstehen, wenn die Verlage sich jetzt Sorgen zu machen beginnen. Weil man davon ausgehen könnte, dass Amazon ein größeres Potenzial mitbringt, neue Titel in den Markt zu drücken und Leser für eigene Autoren zu gewinnen. Aber das ist der Markt, mit dem Verlage schon seit Jahrhunderten zu tun haben und, mal ehrlich, am Ende reguliert der Markt sich von selbst. Auch Amazon wird nicht jeden daher gelaufenen Autor nehmen, weil dann nämlich die Marke schnell am Ende wäre. Und so wird aus Amazon Publishing ein Player wie jeder andere. Sicher größer als manch anderer, aber ein ganz normaler Mitspieler.

Ich bin gespannt, welche Formen dieser Sturm im Wasserglas noch annehmen wird und ob der stationäre Buchhandel es wirklich durchzieht, Kunden abzuweisen, die auf die Idee kommen, Bücher von Amazon Publishing im Laden erwerben zu wollen. Denn denen wird man den Unterschied zwischen Bastei, Scylla oder Amazon sicherlich noch weniger erklären können als mir. Und übrig bleibt dann ein Kunde, der nicht bekommen hat, was er haben wollte – und als Reaktion dann eben gleich bei dem Unternehmen bestellt, das denselben Namen hat wie der Verlag.

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Links, rechts, egal!? Die Buchmesse und die Radikalen

Eigentlich …

Die Straße der guten Vorsätze ist mit Backsteinen aus „eigentlich“ gepflastert. Denn eigentlich wollte ich mich aus der Betrachtung der Geschehnisse auf der Frankfurter Buchmesse heraus halten. Ich bin nicht dabei gewesen und aus der Ferne ist es immer schwer, einen wirklich differenzierten Kommentar abzugeben. Die eigene Meinung wird zwangsläufig durch das was man liest und wo man es liest beeinflusst.

Also, obwohl ich eigentlich meinen Mund dazu halten wollte, nehme ich ein heute erschienenes Interview des „Neuen Deutschland“ mit Kathrin Grün von der Kommunikationsabteilung der Frankfurter Buchmesse zum Anlass, doch ein paar Worte dazu zu schreiben. Ganz einfach, weil ich das Interview für größtenteils sehr offen und fair geführt halte (mal abgesehen von der sehr reißerischen Überschrift), auch wenn natürlich zu jeder Zeit deutlich ist, dass der Fragesteller eher links verortet ist.

Aber zunächst noch einmal in Kurzform zu dem, was passiert ist: Auf der Frankfurter Buchmesse kam es am Samstag zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der rechten Szene und Gegendemonstranten bei verschiedenen Veranstaltungen der Neuen Rechten. Diese wurden teils durch massiven Polizeieinsatz begleitet, bis schließlich eine dieser Veranstaltungen abgebrochen werden musste. Des Weiteren kam es zu einem tätlichen Übergriff auf einen Verleger. An den Vortagen waren Messestände rechtsgerichteter Verlage beschmiert oder schlicht „leer geräumt“ worden.

Und am Ende haben wir eine Situation, in der alle auf alle zeigen und jeder jeden für verantwortlich befindet. Dabei hat es der Buchmesse sicherlich nicht geholfen, dass man sich in den ersten Statements zumindest unglücklich ausgedrückt hat.

Ich habe ja bereits vor der Buchmesse darauf hingewiesen, dass ich grundsätzlich die Meinungsfreiheit als ein hohes Gut ansehe und diese – bei allen Magenschmerzen, die ich persönlich deswegen habe – zunächst auch für rechts gerichtete Verlage oder Autoren gilt. Wer möchte, kann die Diskussion dazu gerne hier nachlesen.

Mit dieser Ansicht liege ich, wenig überraschend, auf der offiziellen Linie der Buchmesse selbst. Was man sich vielleicht im Hinterstübchen für Gedanken macht, kann von meiner Seite aus nicht beurteilt werden.

Was mir aber zu denken gegeben hat, ist in der Tat der Fakt, dass für einen neutralen Beobachter (so es diese denn überhaupt gibt, aber ich denke da zum Beispiel auch an ausländische Medienvertreter) manchmal nicht recht zu erkennen war, wer bei diesem Konflikt nun eigentlich die „Guten“ oder die „Bösen“ gewesen sind.

Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen. Körperliche Gewaltanwendung ist der Punkt, ab dem es keine Diskussion mehr darüber geben kann, ob hier nun jemand auch oder genauso provokant aufgetreten ist, wie die Gegenseite. Wenn ein Mensch verletzt wird, nur weil er von eben dieser freien Meinungsäußerung Gebrauch gemacht hat, um die es in dieser Debatte hauptsächlich geht, dann ist die Grenze überschritten und ich hoffe, dass der dafür Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Aber ich kann auch die Aussagen der Buchmesse verstehen, die sehr deutlich darauf hinweist, dass die Provokationen gegenseitig waren. Und hier haben sich, leider, vor allem die Gegner der rechten Verlage nicht mit Ruhm bekleckert.

Denn jetzt mal ehrlich. Welchem Kindergarten ist denn die Idee entsprungen, die Stände eines Verlages und einer Zeitschrift leer zu räumen? Und welchem Rowdy fiel ein, die Stände mit Parolen zu beschmieren?

Ich kann es ja verstehen und in gewissem Sinne auch nachfühlen. Aber ich sehe eben auch, dass man sich mit solchen Aktionen nicht wirklich auf die moralisch sichere Seite eines Konfliktes stellt, bei dem es, meiner Meinung nach, sehr wohl auch um ein moralisches Bild geht, das man abgeben sollte. Denn die Sprecherin der Buchmesse hat Recht, wenn sie sagt, dass man den Auftritt eines Björn Höcke nicht unterbinden kann, weil er eben der Landesvorsitzender einer dort auf demokratischen Weg gewählten Partei ist. Man kann höchstens hinterfragen, ob es moralisch zu verantworten ist, wenn man Leuten wie Höcke, aber auch Autoren wie Akif Pirinçci, die sich beide bereits mehr als einmal deutlich gegen eine weltoffene Kultur positioniert haben, ein Forum gibt.

Das Problem bleibt bestehen, wie bereits früher angesprochen. Mit jeder nicht durch die Verfassung gedeckten Aktion, die man gegen die Rechte fährt, drängt man sie mehr in eine Märtyrer-Position. Und wenn es etwas gibt, worauf die Anhänger dieses Gedankenguts besonders abfahren, dann sind es Märtyrer. Das war schon immer so und das wird wohl auch immer so sein. Leider.

Heißt das jetzt, dass man nichts gegen die Rechten auf der Buchmesse unternehmen kann? Jein. Man kann ihnen, dazu stehe ich, nicht mit Ausschluss und Verboten begegnen. Denn dann müsste man sich als Messe in jedweder Beziehung politisch neutralisieren. Was meinem Verständnis von Literatur vollkommen zuwider läuft.

Was wir, und damit meine ich alle im weitesten Sinne Kulturschaffenden, vielmehr brauchen, ist eine gesteigerte Rechtssicherheit. Also eine Aussage dazu, was geht und was eben nicht mehr geht. Wie die Messe selber sagt: Solange ein Werk nicht verboten ist, darf eine Zensur nicht stattfinden. Wenn ein Werk nun aber zu verbieten wäre, dann müssen die entsprechenden Instanzen, die es ja gibt, auch entsprechend schnell tätig werden.

Jeder von uns kann und sollte seinen eigenen kleinen Beitrag leisten. Dazu zähle ich aktive Gegenwehr gegen rechtspopulistische Strömungen in unserer Gesellschaft. Auch zähle ich dazu die Solidarisierung mit allen, die durch die Anhänger dieser Strömungen diffamiert, diskriminiert oder ausgegrenzt werden.

Wir müssen nur scharf aufpassen, dass wir die Trennlinie nicht überschreiten zwischen dem, was moralisch richtig ist und dem, was uns selber in unserer Haltung angreifbar macht. In Frankfurt wurde diese Linie, nach allem, was ich weiß, leider stellenweise überschritten. Und am Ende sitzen die Populisten auf der Bühne und freuen sich einen Keks, dass sie die weltweite Aufmerksamkeit auf ihrer Seite haben und irgendwo, an irgendeinem Stammtisch, ein weiterer Mensch beschließt, ab sofort die AfD zu wählen.

Darin sehe ich die wahre Gefahr.

Thema Sicherheit: Und dann macht es KRACK

Heute wird es ein wenig technisch auf diesem Blog, aber wirklich nur ein wenig, weil ich einfach schamlos die relevantesten Infos verlinken werden, sofern sie jetzt schon vorliegen. Es macht aus meiner Sicht keinen Sinn, wenn ich versuche, Sachverhalte in umschreibende Worte zu kleiden, für die Experten in diesen Dingen schon passende Worte gefunden haben.

Seit gestern geistert ein Begriff durch das Internet, der sich so liest, als sei er aus der Übersetzung eines Donald-Duck-Comics entsprungen: KRACK. Ich hatte das zuerst allerdings gar nicht mitbekommen, weil ich gestern direkt nach dem Job schon wieder unterwegs war, um mir mit den „Female Voices 2017“ ein Rock-/Metal-Minifestival in Bochum anzuhören. Deswegen trafen mich die alarmierenden Neuigkeiten unvorbereitet.

KRACK steht für „Key Reinstallation Attack“, also in etwa „Attacke durch Neuinstallation des Schlüssels“. Es bezieht sich auf das (bis jetzt?) sicherste Verfahren zur Verschlüsselung von WLAN-Funknetzen, den sogenannten WPA2-Standard, der in eigentlich allen moderneren Servern und Clients Verwendung findet, die drahtlos miteinander kommunizieren.

Bis jetzt hatte man geglaubt, dass WPA2 de facto nicht zu kompromittieren sei, auch wenn es immer mal wieder gegenläufige Aussagen gab. Jedenfalls galt das hinterlegte Passwort als sicher und aufgrund der Verschlüsselung für nicht knackbar.

Und das ist das „komische“ an dieser neuen Art der Attacke: Das Passwort ist wohl nach wie vor sicher, denn der potentielle Angreifer setzt an einer ganz anderen Stelle an. Dazu muss ich doch ein wenig technisch werden, fürchte ich.

Das WLAN-Signal wird durch einen Server, in den meisten Fällen einen Router (etwa die Speedport-Modelle der Telekom oder die Fritz!Boxen von AVM) ausgestrahlt. Der Client, also das Gerät, welches das Signal auffängt und sich gerne verbinden möchte, sendet nun seinerseits, dass er da ist und Kontakt haben will. In Folge beginnen die beiden Geräte eine Art Austausch miteinander darüber, ob sie kompatibel sind, ob der Client das Kennwort kennt, usw.

Unter anderem tauschen die beiden Geräte auch eine Session-ID miteinander aus, die nichts anderes bedeutet, als dass die Geräte für die Dauer dieser Sitzung miteinander verbunden bleiben können. Und hier setzt nun der Designfehler in WPA2 an, der es möglich macht, die weiteren sicherheitsrelevanten Schritte zu umgehen: Der Angreifer kann sich einklinken und kann die übermittelte Session-ID ein weiteres Mal verwenden. Dies öffnet ihm Tür und Tor auf den Datenaustausch zwischen dem Client und dem Server – ganz ohne Kenntnis des Passwortes.

Besonders betroffen von dem Problem sind, nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge, Geräte, die auf Linux- oder Android-Basis arbeiten. Hier soll es teilweise sogar möglich sein, die Session-ID mit Nullwerten auszuhebeln.

Eine positive Nachricht gibt es allerdings auch: Verschlüsselter Datenaustausch, im Browser erkennbar an dem Präfix https:// bzw. auch, je nachdem, an einem geschlossenen Sicherheitsschloss, kann nicht mitgehört werden. Dementsprechend braucht sich also wohl niemand Sorgen um seine Geschäfte im Online-Banking zu machen.

Die negative Nachricht ist allerdings, dass durch die Art des Fehlers ein Update der Software des Servers, also des Routers, nicht ausreichen wird. Vielmehr müssen alle Clients einzeln versorgt werden. Und das ist Aufgabe des Herstellers.

Für die großen PC-Betriebssysteme liegen wohl bereits entsprechende Patches vor, wenn man den Meldungen Glauben schenken kann. Schwieriger wird die Lage bei den 1397 verschiedenen Smartphone-Varianten, die dort draußen im Umlauf sind. Viele werden von ihren Herstellern gar nicht mehr gepatcht oder wenn doch, dann vielleicht erst in Monaten.

Aber weswegen ich den Fall überhaupt hier, auf einer dem Schreiben und dem Lesen gewidmeten Seite, in epischer Breite auswalze, ist das: Denkt nur einmal an all die eReader, die ihr zum Lesen benutzt. Denkt an WLAN-Drucker, auf denen ihr eure Manuskripte ausdruckt. Denkt an das obskure China-Netbook, auf dem ihr eure Texte schreibt.

Ob alle diese Geräte ein Update erhalten werden? Ich fürchte, dass nicht. Zumindest kann ich es mir für mein China-Netbook nicht vorstellen (wobei, bevor das Argument wieder kommt, die Lage bei einem Aldi-Netbook wahrscheinlich nicht rosiger aussähe). Und auch Amazon wird mich wohl eher zum Kauf eines neuen Kindle-Fire auffordern, als noch einen Patch für mein Tablet der dritten Generation nachzuschieben. Wie sich Brother als Hersteller meines Druckers stellen wird, wage ich noch gar nicht einzuschätzen.

Und das sind nur die Geräte, die unmittelbar mit dem Schreiben zu tun haben! Was ist etwa mit dem Amazon-Fire-TV oder dem Smart-TV, auf dem ihr eure bevorzugte Serie schaut, um euch inspirieren zu lassen? Was ist mit der Spielkonsole, auf der ihr zur Entspannung ein wenig zockt? In einigen Ecken des Internets diskutieren sie bereits über die Folgen, die KRACK für die Steuerung eines Smart-Home, also etwa eure Heizung, haben könnte.

Bis jetzt ist das alles bewiesene Theorie, nur ein Proof of Concept in einem belgischen Labor. Und es ist ein es dieser typischen Probleme der Sorte „mit Geld kann man alles lösen“. Aber dennoch ist es alles andere als trivial. Nicht zuletzt für meinen Etat.

Jetzt habe ich doch versucht, in meinen Worten zu erklären, was da eigentlich passiert ist. Trotzdem verlinke ich euch noch die Übersichtsseite von Heise Security, die ich in den nächsten Tagen etwas intensiver im Auge behalten werde. Ebenso wie die Internetseiten des einen oder anderen Hardwareherstellers. Vielleicht überrascht mich ja eine Firma wie Amazon, eine wie Teclast oder eine wie Vernee doch noch positiv.

Wenn man eines als Autor frühzeitig lernt, dann ist es, dass man die Hoffnung niemals aufgeben sollte.

Deutschland – Immer noch das Land der (politischen) Denker!?

Ja, ich weiß, jeder, alle und deren kleine Brüder schreiben irgendwelche schlauen Kommentare zur Bundestagswahl. Und ich bin sicher nicht die „Instanz“, von der es einen weiteren langen Sermon hierzu braucht. Deswegen möchte ich mich auch gar nicht dahingehend ausbreiten, sondern nur ein kurzes Statement aus der Sicht eines ganz kleinen und unbedeutenden Autoren abgeben.

Dass es in Deutschland immer noch eine Menge Dichter gibt, ist ein ebenso unumstößliches wie glückliches Faktum. Das beweisen viele Profi-, Nachwuchs- und Amateurschriftsteller jeden Tag aufs Neue. Und selbst den Strategen der verschiedenen Parteien kann man nicht abstreiten, dass sie in der Lage sind, Wahlprogramme, Wahlkampfslogans und Wahlkampfreden mit dichterischer Eleganz aufs Papier zu bringen.

Nein, um die Dichter dieses Landes mache ich mir keine Sorgen.

Aber um die Denker steht es, glaube ich, nicht zum Besten. Und damit meine ich, wohlgemerkt, nicht die Wählerinnen und Wähler. Selbst dann nicht, wenn sie eine Partei gewählt haben, mit der ich politisch (so überhaupt) nicht klar komme. Denn ich achte den Willen des Wählers als Souverän des Volkes.

Nur wenn ich mir die Damen und Herren Politiker anschaue, dann frage ich mich, ob die Sache mit dem Denken nicht noch einmal ein wenig nachgeschärft werden sollte.

Die Demokratie Deutschlands steht aus mehreren Gründen vor ihrer größten Bewährungsprobe:

  • Es zeichnen sich schwache Mehrheiten ab, von denen sich allerdings keine wirklich aufdrängt, zumal
  • führende Parteimitglieder bereits angefangen haben, sich gegeneinander in Stellung zu bringen.
  • Die sogenannten Volksparteien sind, teils deutlich, durch den Wähler abgestraft worden.
  • Mit der AfD ist eine zumindest in Teilen rechts-(hier kann man, je nach Sichtweise, die Fortsetzung -populistische, -nationale, -extreme, -liberale einsetzen) Partei drittstärkste Kraft geworden.

Und wenn man sich die führenden Politiker der Parteien ansieht, könnte man glauben, dass es am Ende doch und immer noch nur darum geht, wer eigentlich gerade die Deutungshoheit über den Sandkasten Deutschland hat. Da wird in der sogenannten Elefantenrunde auf einem Niveau „diskutiert“, dass einem Angst und bange werden kann. Vor allem die Noch-Partner der Großen Koalition geben ein Bild ab, bei dem man sich fragt, ob die auch in den letzten vier Jahren so miteinander und übereinander gesprochen haben.

Bei „Anne Will“ üben sich verschiedene Parteivertreter wahlweise in gegenseitigem Zynismus oder darin, sich gegenseitig an Lautstärke zu überbieten.

Und dann gibt es noch die, die „den Knall“ immer noch nicht gehört haben. Oder wenigstens glaubhaft so tun. Ich nenne aus Höflichkeit keine Namen.

Es gibt die genannten Herausforderungen an die Demokratie und man wird sie nur dadurch bewältigen können, dass man gründlich darüber nachdenkt, was der Wähler eigentlich will, was er nicht mehr will und wie man auf einen tragfähigen Konsens kommen kann, um ihn nicht mehr in die Arme von Konstrukten wie der AfD zu schicken.

Und den Umgang mit dieser Partei wird man nicht darauf beschränken können, ihre Vertreter wahlweise in Talkrunden durch Lautstärke mundtot machen zu wollen (das können die im Zweifel nämlich besser) oder sie einfach zu ignorieren.

Frau Wagenknecht von den Linken wurde gestern gefragt, wie sie in der Opposition mit Vorschlägen von der AfD umgehen wolle. Sie hat geantwortet, dass sich nun erst einmal zeigen müsse, ob die überhaupt in der Lage sei, vernünftige Vorschläge einzubringen. Ich halte das für einen guten Standpunkt und einen guten Umgang. Es bringt nichts, die AfD pauschal zu dämonisieren. Das ist nur Wasser auf die Mühlen ihrer Politiker und Anhänger. Es braucht eine Auseinandersetzung die zeigt, dass die demokratischen Parteien in der Lage sind, den Thesen und Ansichten dieser Gruppe Paroli zu bieten und konstruktive, bessere Wege zu finden.

Aber das wird man nur durch nachdenken erreichen!

Es wäre gut, wenn die Politik gleich heute damit anfangen würde.

Meldung und Meinung: Neonazis kommen zur Buchmesse

Die Meldung geht gerade in den einschlägigen Newsportalen und der Presse rund: Die Stiftung „Europa Terra Nostra“ plant, auf der kommenden Buchmesse in Frankfurt zwei Bücher zu präsentieren, die sowohl der Urheberschaft als auch des Inhalts nach in die neonazistische Ecke einzuordnen sind. An einem von ihnen hat unter anderem der NPD-Politiker Udo Voigt mitgewirkt.

Die Meinungen auf den Webseiten, auf denen ich mich im Allgemeinen herumtreibe, sind relativ einhellig:

  • Können die das einfach so machen?
  • Muss die Messeleitung da nicht einschreiten?
  • Wie wäre es mit einem Boykott der anderen Verlage?
  • Kann man diese Gesinnung nicht einfach ausschließen?

Lasst mich beim letzten Punkt einhaken, denn „einfach“ finde ich das ganz und gar nicht. So leid es mir persönlich auch tut.

Ich habe eine recht eindeutige Meinung zu rechtem Gedankengut, wie ich an dieser Stelle schon mehr als einmal dokumentiert habe. Als mir kürzlich ein „Infozettel“ der NPD ins Haus geflattert kam, war der schneller ein Puzzle, als ich mir die einzelnen Begriffe darauf merken konnte. Aber eine Meinung ist eine Meinung – und eine Meinung darf, so lange wir uns im Rahmen der reinen Meinungsäußerung befinden, nun einmal jeder haben.

Denn neben der eindeutigen Meinung zu rechtem Gedankengut habe ich auch eine eindeutige Meinung zur Meinungsfreiheit. Über diese ist abgesichert, dass Dinge, die nicht offen rassistisch, verfassungswidrig oder kriminell sind, geäußert werden dürfen. Wenn gegen diese Regeln verstoßen wird, dann ist es Aufgabe des Staates und seiner Instanzen, entsprechende Verstöße zu ahnden.

Wohlgemerkt: Das ändert gar nichts daran, dass mir persönlich die Aussagen der Damen und Herren Neonazis gewaltig gegen die Hutschnur gehen. Und bei Licht betrachtet die der Funktionäre noch viel mehr als die des Brüllvolks, das tumb irgendwelche Aufmärsche abhält.

Aber eine Buchmesse steht wie kaum etwas anderes eben auch für die Meinungsfreiheit. Wir leben in Zeiten, in denen in der Türkei Autoren, Journalisten und andere Intellektuelle verfolgt und inhaftiert werden, nur weil sie eine Meinung vertreten, die der dortigen Regierung (eigentlich wollte ich ein anderes Wort schreiben, aber dann darf meine Familie bis in die vierte Generation nicht in die Türkei reisen) nicht in den Kram passt. Aus Sicht der Regierungspartei sind diese Leute die Extremisten!

Und wir leben in Zeiten, in denen es in Asien durch den Staat gelenkte Buchmärkte gibt, auf denen publiziert wird, was genehm ist. Mal restriktiver, mal offener. Aber trotzdem vom Staat gelenkt.

Wahrscheinlich habt ihr alle schon einmal das wundervolle Zitat gehört, dass regelmäßig Voltaire in den Mund gelegt wird, aber eigentlich von seiner Biographin Evelyn Beatrice Hall stammt:

Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.

(Die verschiedenen Übersetzungen variieren ein wenig.)

Dieser Satz bringt gut auf den Punkt, wie ich in Bezug auf die Teilnahme von Neonazis auf der Frankfurter Buchmesse eingestellt bin. Wenn die Bücher, die dort zur Ausstellung kommen sollen, nicht offen und nachweislich verfassungsfeindlich sind – und davon muss ich ausgehen -, dann haben sie ein Recht, dort zu sein. Jedenfalls dasselbe Recht, das auch jeder links-, oben- oder untenradikale auch hat.

Was gebraucht wird, ist eine Auseinandersetzung mit diesen Büchern. Und die darf durchaus so aussehen, dass niemand Notiz von ihnen nimmt. Lasst sie auf der Buchmesse links liegen, schenkt ihnen keine Aufmerksamkeit! Denn mit dem ganzen Tamtam, das jetzt schon gemacht wird, stärkt ihr nur die Position der Urheber. Sie sind im Gespräch. Und wo das Gespräch ist, wird Aufmerksamkeit erzeugt. Wo Aufmerksamkeit ist, kommen Neugierige. Und wo Neugierige sind, werden neue Sympathisanten abgefischt.

Ich bin der Meinung, dass eine Messe, die sich selbst als überparteilich, als freiheitlich, als weltoffen sieht, mit dieser Bedrohung von Außen umgehen können muss. Lasst uns als Besucher ihr dabei helfen.

Und bevor die Frage kommt: Wenn es sich um eine Buchhandlung handeln würde, sähe ich die Sache anders, denn eine Buchhandlung bewegt sich auf dem Markt und kann im Markt agieren, wie sie, beziehungsweise der/die Buchhändler/in, es für richtig hält. Buchhandlungen vertreten und formen Meinungen. Eine Messe gibt Meinungen Raum.

Wir als Individuen können genau so handeln: individuell. Und das gibt mir das Recht, die Meinung von Herrn Voigt und Konsorten aufs Schärfste zu kritisieren und zu verachten. Und es gibt mir das Recht, Wahlflyer, die in meinem Briefkasten landen, auf Schnipselgröße zu stutzen.

Aber im großen und ganzen gilt das angebliche Zitat von Voltaire. Sollen sie ihre Meinung sagen dürfen. Aber zuhören, das muss und sollte nun wirklich keiner.


Einen Bericht über die Thematik hat unter anderem die Frankfurter Rundschau.

Meldung und Meinung: Literarischer Nachlass von Terry Pratchett platt gemacht

Es ist eine Geschichte wie aus einem seiner Romane und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der leider viel zu früh verstorbene Autor Terry Pratchett eine Menge Spaß daran gehabt hat, sich dieses Szenario auszudenken.

Wir erinnern uns: Pratchett hatte eine ganz besondere Beziehung zu allem, was flach ist. Seine größten Erfolge feierte er mit den Romanen um die Scheibenwelt, jener von vier Elefanten getragenen Kontinentalplatte, die auf dem Rücken der Sternen-Schildkröte Groß-A’Tuin durch das Weltall schwimmt. Satte 41 Romane entstanden im Laufe der Jahre, gegliedert in verschiedene Zyklen mit verschiedenen Schauplätzen und Charakteren. Man denke nur an die Romane um die Wache der Doppelstadt Ankh-Morpork oder um die, die sich mit dem in der Scheibenwelt höchst persönlichen TOD befassen.

Neben seinen 41 erschienenen Scheibenwelt-Romanen gab es aber wohl noch weitere, an denen er gearbeitet hat, die er jedoch nicht mehr fertigstellen konnte. Und da er das Schreckgespenst vor Augen hatte, dass nach seinem Tod jemand auf die Idee kommen könnte, diese Fragmente auszuschlachten und mit eigenen Ideen zu vervollständigen, verfügte er, dass die Festplatte (auch nichts anderes als eine Magnetscheibe), auf welcher die Entwürfe gespeichert waren, vernichtet werden sollte.

Und dieser Akt der Vernichtung hat nun stattgefunden, indem man, ganz stilecht, mehrfach mit einer Dampfwalze über die Festplatte gerollt ist. Man kann also mit Fug und Recht behaupten, dass das literarische Erbe von Terry Pratchett jetzt platt wie eine Scheibe ist. Stilechter hätte man das wohl nur erreichen können, indem man die Platte von einem Elefanten zertreten lässt.

Was ist nun von der Entscheidung Pratchetts zu halten? War seine Sorge begründet oder handelt es sich um eine besonders schlimme Form der Paranoia?

Dazu muss man sich umschauen, wie es anderen Autoren so ergangen ist, die gestorben sind, ohne dass sie ihr literarisches Werk vollenden konnten. Hier findet sich Licht und Schatten und beides liegt, wie oft im Leben, recht nah beieinander.

Nehmen wir zum Beispiel die Veröffentlichungen, welche aus dem Dunstkreis des Erbes von J.R.R. Tolkien veröffentlicht wurden. Hier finden sich dann sowohl hervorragend editierte Werke wie die „Nachrichten aus Mittelerde“, wie auch Romane, etwa das kürzlich erschienene „Beren und Lúthien“, die sich einiger der großen Geschichten aus dem Tolkien-Universum annehmen, von den Fans und Freunden des Schriftstellers aber mit gemischten Gefühlen betrachtet wurden.

Ein Präzedenzfall, der noch gar nicht so lange her ist, ist der des verstorbenen Thrillerautoren Stieg Larsson. Dieser hatte geplant, seine Serie um das Magazin Millennium auf sieben Bände anzulegen, kam aber leider nur dazu, drei dieser Bände zu komplettieren. Der Vierte war gerade in Arbeit, als Larsson starb. Das hinderte aber weder den Verlag noch die Erben daran, einen Autor zu suchen und auch zu finden, der auf der Basis von Larssons Plänen die Reihe fortführt, was sich als ziemlich einträgliches Geschäft herausgestellt hat. Künstlerisch jedoch, so berichten nicht wenige Kritiker, haben der „neue“ und der „alte“ Larsson nicht mehr viel gemein.

Manchmal merken Leser noch nicht einmal, dass sie da gar kein Werk ihres Lieblingsautors mehr lesen. Wobei die Zeichen eigentlich deutlich sind, wenn man sich ein wenig mit ihnen beschäftigt. Aber wer, der nicht regelmäßig die Kulturseiten der Tageszeitung liest, bekommt schon immer mit, wenn wieder ein Autor von uns gegangen ist?

Der Krimischriftsteller Andreas Franz verstarb im Jahr 2011 und hinterließ ein unfertiges Manuskript für seine Reihe um die Ermittlerin Julia Durant. Sein Verlag beauftragte den Autor Daniel Holbe damit, den Band fertig zu stellen, auf dessen Einband immer noch prominent der Name Franz prangte. Inzwischen hat Holbe mehrere Bände der Reihe nach eigenen Motiven geschrieben und es gibt immer noch Leser, die nicht mitbekommen haben, dass es sich hier nicht um einen Mentor und seinen Schüler handelt, sondern dass Herr Franz in Frieden ruht und mit den neuen Romanen gar nichts mehr zu tun hat.

Es müssen Szenarien wie diese gewesen sein, die Terry Pratchett zu dieser radikalen Aktion haben greifen lassen, selbst wenn es in der Literaturgeschichte natürlich auch an positiven Beispielen nicht mangelt. Franz Kafka fällt einem hier sofort ein.

Auf der einen Seite kann ich die Fans verstehen, die sicherlich mehr als eine Träne verdrücken, weil ihnen auf diese Weise einiges an „Stoff“ entgeht, den sie gerne noch gehabt hätten. Aber ich bin, wenig überraschend, auf der Seite des Autors. Denn dieser hat nicht umsonst das Recht des Urhebers an seinem Werk. Und dieses Recht gibt ihm die Wahl, entweder zu veröffentlichen, was er geschrieben hat, oder es zu vernichten.

Pratchett selbst konnte aufgrund seiner Erkrankung und seines Todes diesen Schritt nicht mehr tun. Deswegen finde ich es gut, dass seinem Wunsch nun auf diese Weise entsprochen wurde.

Allerdings muss ich auch gestehen, dass ich mit Pratchett niemals so emotional verbunden war, dass ich hiervon persönlich berührt wäre. Andererseits muss ich bei meinem Lieblingsschriftsteller wahrscheinlich nicht befürchten, dass da einmal das Archiv vernichtet wird. Schließlich hat man Stephen King ja schon vor fünfunddreißig Jahren vorgeworfen, dass er auch nicht davor zurückschrecken würde, seine Einkaufsliste zu veröffentlichen …

Meldung und Meinung: Lies doch mal zur Strafe ein Buch!

Es gibt ja immer mal wieder Meldungen, bei denen glaubt man, es gibt sie nicht. So ging es mir, als ich heute morgen über den Newsletter des Börsenblatts auf einen Fall in München aufmerksam wurde, über den die Welt berichtet hat.

Da geht es um einen jungen Mann, der zweimal mit seinem Motorrad durch die Polizei hops genommen wurde, weil er sein Nummernschild wohl nur mit einem Gummiband „montiert“ hatte. So weit, so unspektakulär.

Aber jetzt kommt der Clou an der Sache: Die zuständige Richterin hat den Motorradfahrer dazu verurteilt, sich „auf intellektueller Ebene“ noch einmal mit seinem Vergehen auseinander zu setzen. Und wie regt man die intellektuelle Ebene am besten an? Ganz klar, man liest ein Buch. Demzufolge lautet das Urteil auch, dass der Gummibandbenutzer zwanzig Stunden lesen muss.

Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, auf wie vielen Ebenen ich dieses Vorgehen, das in Münchens Jugendgerichten gar nicht so unüblich zu sein scheint, für verkehrt halte!

Das fängt schon damit an, dass ich keinen direkten Zusammenhang zwischen Vergehen und Strafe sehe. Ich kann einem Menschen nicht auf der einen Seite mehr oder weniger unverblümt unterstellen, dass er – mit Verlaub – zu doof ist um zu kapieren, was er falsch gemacht hat, und ihn dann mit etwas bestrafen, das er nicht oder nur schwer mit dem Vergehen in Übereinstimmung bringt. Wo bleibt da der Lerneffekt? Wenn man den Jungen zum Straßenverkehrsamt geschickt hätte, Nummernschilder ausgeben, das hätte ich verstanden. Oder noch besser zum Schrottplatz, Nummernschilder abschrauben. Aber so!?

Des Weiteren finde ich es mehr als nur fragwürdig, dass der Erfolg der erzieherischen Maßnahme (an einem Erwachsenen? Oder ist man mit 19 in Bayern nicht erwachsen?) dadurch geprüft werden soll, dass der Verurteilte zu dem Buch, das er gelesen hat, einen Text abzugeben hat. Das kann ein Plakat sein, eine Kurzgeschichte oder – Himmel, hilf! – ein Rap. Gut, mit 19 ist man noch nahe genug an der Schule dran, um so etwas wohl ganz okay zu finden. Aber er soll es ja nicht okay finden, er soll etwas daraus lernen!

Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass auf diese Weise wirklich kreative Ergüsse herauskommen, die der Rede wert sind. Und wenn das nicht der Fall ist, was dann? Muss der Junge dann noch ein Plakat malen? Oder noch einen Rap schreiben, bis er Material für ein ganzes Album hat?

Das Allerschlimmste an diesem Urteil und allem, was dahinter steht, ist aber, dass man einen Menschen, den die Richterin ja anscheinend sowieso für ein wenig bildungsfern hält, per Urteil dazu zwingt, ein Buch in die Hand zu nehmen.

Ich frage mich, euch und letztlich auch die Richter in Bayern: Welchen Effekt wird es haben, wenn ich jemandem die Pistole auf die Brust setze und ihm sage, dass er jetzt lesen muss? Wird dieser Mensch im Folgenden freudestrahlend wieder zu einem Buch greifen, weil er endlich kapiert hat, dass Lesen eine wunderbare Sache ist?

Ich denke nicht.

Ich kann mir viel eher vorstellen, dass danach Bücher erst recht nur noch mit der berühmten Kneifzange angefasst werden, weil sie ab sofort mit Strafe in Zusammenhang gebracht werden. Vielleicht auch mit Scham gegenüber den Kumpels, der Freundin oder den Arbeitskollegen. Ganz sicher aber mit einer gewissen Demütigung. Denn so, mit Verlaub, dumm wird auch unser Motorradfahrer nicht sein, dass er nicht ebenso wie ich durchblickt, dass das Gericht ihn für genau das gehalten hat: dumm.

Ich finde es einfach nicht in Ordnung, dass hier eine wunderbare Sache wie das Lesen in eine Reihe mit Geldstrafen, Sozialarbeit oder gar Freiheitsentzug gestellt wird. Es will mir einfach nicht in meinen Schädel.

Deswegen habe ich beschlossen, einfach so zu tun, als hätte ich nie etwas von diesem Urteil gehört. Vielleicht gelingt mir das ja, bis der namenlose junge Mann sein Rap-Album auf den Markt bringt und darin zur Bücherverbrennung auffordert, weil Bücher voll der krasse Megascheiß sind, Bro’s!

Und dann wundern sich wieder alle, wo so etwas wohl herkommt.

kopfschüttelnd ab