NaNoWriMo 2016 – The Day After

Ich bin müde. Ich bin so richtig rechtschaffen müde und noch dazu ein ganz klein wenig unmotiviert. Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr auf einen Termin hin richtig gepowert habt, euch anstrengen musstet, um ihn auch einzuhalten?

Klar, jeder kennt solche Termine. In der Schule hatten wir sie, im Studium gab es sie. Manchmal gibt es diese Termine auch im Berufsleben. Ich habe jetzt zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, wie es sich anfühlt, wenn man einen solchen Termin für sein Hobby, in diesem Fall die Schreiberei, einhalten muss.

Okay, jetzt werden die Stimmen laut werden, dass doch nirgendwo geschrieben stand, dass ich diesen komischen NaNoWriMo wirklich mitschreiben muss. Nein, stand es auch nicht. Ursprünglich jedenfalls. Aber ehe ich es mich versah, stand es auf einmal in einer kleinen, fast schon versteckten Andeutung in einem meiner Blogartikel. Und spätestens, als sich die Geschichte dann einstellte, hatte es sowieso schon keinen Zweck mehr, die Sache zu leugnen.

Ja, ich musste diesen NaNo mitschreiben. Es ging für mich nicht anders. Die Geschichte wollte aus meinem Kopf heraus und es bot sich an, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Denn ich mag das Gefühl, das sich beim NaNoWriMo einstellt, eigentlich sehr gerne. Diesen Antrieb, den man bekommt. Dieses leichte Gefühl von „ich kann es schaffen“.

Aber dann wurde auf einmal alles anders.

Ich will es mir nicht so leicht machen und es nur auf das uns allen noch bewusste Problem vom vorvorigen Wochenende schieben, auch wenn es sicherlich eine Rolle gespielt hat. Ich habe aber auch so gemerkt, dass es für mich mit zunehmender Dauer des NaNo immer schwerer wurde, mich für das tägliche Streben nach Wörtern zu motivieren.

Es liegt nicht an der Geschichte, das kann ich festhalten. „Der goldene Tod“ wird eine nette Geistergeschichte werden, die bereits jetzt einige starke Szenen enthält, die in der Überarbeitung sicherlich noch einmal gewinnen werden.

Es liegt einfach, irgendwie … ja, ich glaube, es liegt irgendwie an mir.

Auch eine Form der Erkenntnis, wenn auch keine besonders überraschende, sollte man meinen. Und doch hat es mich überrascht, festzustellen, dass ich in den letzten paar Tagen kaum noch Energie für den NaNo aufgewendet habe, wie ich es vorher tat.

Das beste Beispiel ist, dass ich kaum noch zu Hause geschrieben habe. Ich habe zum einen nicht die Zeit gefunden, sie mir aber auch nicht offensiv genommen. Ich habe aber auch nicht im Büro in der Mittagspause geschrieben. Tatsächlich geschrieben habe ich mit dem Programm „Evernote“ auf meinem Smartphone. Eine Idee, auf die ich noch vor kurzem nicht gekommen wäre.

Ich habe auch nicht jeden Tag sklavisch auf meinen aktuellen Wordcount geschielt. Noch vorgestern habe ich ganz vergessen, das neu Geschriebene einzutragen. Für jemanden, der noch vor kurzem mit Akribie jedes seiner Worte gezählt hat, ist das geradezu besorgniserregend, sollte man meinen.

Jetzt sind die 50.000 Wörter geschrieben und ich kann mir gerade nicht vorstellen, dass daraus jetzt 60.000, 70.000 oder 100.000 Wörter werden sollen. Sie müssen daraus werden, denn fertig ist das Manuskript ja noch lange nicht.

Aber es muss ja nicht gleich heute sein, oder? Morgen ist auch noch ein Tag. Oder übermorgen. Dann ist ja auch schon wieder Wochenende. Ich könnte mir auch einfach mal eine Woche frei nehmen vom Schreiben – bis es mich dann sowieso wieder zwickt und zwackt und treibt.

Ich bin müde. Der NaNoWriMo ist gewonnen und ich bin müde und unmotiviert. Irgendwas stimmt nicht und ich werde schon noch dahinter kommen, was es ist.

Und wenn ich es herausgefunden habe, dann seid ihr die Ersten, die es erfahrt.

Ich kann krank sein und trotzdem schreiben!

In einem Forum bin ich heute über eine Aussage eines Autors gestolpert. Er schrieb davon, dass er im Moment zwar im NaNo stecken würde, aber wegen einer längeren Krankheit seinen Wordcount nicht aktualisiert hat. Schließlich sei der öffentlich und es könne komisch aussehen, wenn er krank sei und trotzdem so viel schreiben würde. Übrigens hat er in der Zwischenzeit das NaNo-Ziel erreicht, wozu ich ihm, auch ohne seinen Namen zu nennen, herzlich an dieser Stelle gratulieren möchte!

Auch wenn es euch vielleicht langsam nervt, dann passt dieses Thema natürlich gerade voll in meine Woche hinein. Wie ich euch geschrieben habe, habe ich diese Woche auch im Arbeitsprozess aussetzen müssen. Ich war, schlicht und einfach, nicht arbeitsfähig. Die ersten Tage betraf dies ja auch die Arbeit an meinem Romanentwurf.

Als ich wieder mit dem Schreiben anfing, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, welches Licht es auf mich werfen könnte, dass ich trotz einer Krankschreibung mehrere Stunden am Tag am Computer sitze und arbeite – was dem, das ich auf der Arbeit tue, relativ nahe kommt.

Ich habe nicht das Glück, oder in dem Fall vielleicht das Pech, wie der Autorenkollege, dass sich meine Arbeitskollegen oder Vorgesetzten groß für das interessieren, was ich so zu Papier bringe. Zu Zeiten, zu denen ich mein NaNo-Winnershirt von 2012 getragen habe, wurde ich immer nur komisch angesehen. Gut, wie ihr ebenfalls wisst, bin ich nie derjenige gewesen, der besonders offensiv mit seinem Hobby umgegangen ist. Insofern schwingt da jetzt von meiner Seite aus auch keine Enttäuschung oder Vorwurf mit.

Ich habe mich in Anbetracht der Aussage des Kollegen nur gefragt, wie ich wohl an seiner Stelle damit umgehen würde.

Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich, für mich, mit meiner speziellen Erkrankung, keine Notwendigkeit sehen würde, mich mit meinen Fortschritten im NaNo zu „verstecken“.

Ich weiß, dass ich, der ich an psychischen oder auch seelischen Erkrankungen leide, von der Gesellschaft sowieso als jemand angesehen werde, dem man in Bezug auf seine Leiden nicht immer trauen kann. Es spricht zwar keiner offen aus, aber manchmal stellt sich schon der Glauben ein, dass man einiges von dem, was mir übel mitspielt, für einen Fake hält. Manchmal hat man mich so weit, dass ich das selber fast glaube.

Aber dann kommen die Momente, in denen ich mich an das erinnere, was ich gelernt habe: Nämlich, dass meine Erkrankungen nicht deswegen weniger real sind, weil sie nicht gesehen oder verstanden werden. Und das bedeutet, dass ich mich auch mit ihnen ganz normal verhalten und bewegen kann, wie es auch Gesunde tun.

Wenn ich einen Schnupfen habe, dann darf ich trotzdem spazieren gehen. Meine Ärztin würde mir sogar dazu raten. Wenn ich es mit dem Rücken habe, dann darf ich trotzdem einkaufen gehen, denn damit, dass ich verhungere und verdurste, ist auch niemandem geholfen.

Und wenn ich aufgrund einer psychischen Überlastungssituation nicht arbeitsfähig bin, dann darf ich trotzdem schreiben! Denn das Schreiben ist ein ungemein stabilisierender Faktor für mich. Ich habe es gerade diese Woche wieder gemerkt. Es stabilisiert mich in der Form, dass ich etwas habe, an dem ich mich festhalten kann und das meine Tage auch in eine Form lenkt.

Ich habe einen NaNo zu gewinnen, ich kann nicht einfach den ganzen Tag im Bett liegen und Löcher an die Decke starren (was ich mir zum Glück inzwischen sowieso recht erfolgreich abtrainiert habe).

Diesen Umgang mit meinen Erkrankungen habe ich im Laufe der Jahre auf die harte Tour lernen müssen. Und ich erwarte nicht, dass jeder ihn gut findet oder auch nur versteht. Es mache sich bitte auch niemand die Illusion und glaube, dass es mir leicht fallen würde. Denn das tut es ganz und gar nicht.

Deswegen bin ich auch weit, ganz, ganz weit davon entfernt, jemand anderem eine Vorbild sein zu wollen oder gar den Zeigefinger zu erheben und zu sagen: Sieh her, so musst du das machen.

Ich wünsche dem betreffenden Autorenkollegen an dieser Stelle gute Besserung!

NaNo Tag 24: Jetzt schreibt er wieder, Gott sei Dank!

Ihr kennt ja sicherlich alle diesen Spruch, auf den meine Beitragsüberschrift abzielt. Ich glaube, die Quelle liegt bei Wilhelm Busch begründet und das wäre ja beileibe nicht die Schlechteste aller Referenzen.

Als ich am 20.11. meinen NaNo-Griffel fallen ließ, hatte mein Wordcount die stattliche Zahl von 38.262 Wörtern erreicht. Damit war ich so um die 5.000 Wörter über dem damaligen Tagesziel und lag damit erstaunlich gut im Rennen. Dann folgten ein paar, sagen wir mal, weniger produktive Tage:

21.11.: 38.262 Wörter
22.11.: 38.262 Wörter
23.11.: 38.262 Wörter

Und auf einmal war ich mit ca. 70 Wörtern im Minus. Ich gehöre zu den Menschen, die sich von solchen Zahlen durchaus ein wenig unter Druck setzen lassen. Aber es war mir in den drei Tagen einfach nicht möglich gewesen, irgendwas sinnvolles zu Papier zu bringen.

Man sagt ja gerne, dass Schriftsteller sensible Kandidaten sind. Zumindest manche von ihnen, zu denen ich mich wohl rechnen muss. Ihr könnt mir glauben, dass es mir auch lieber wäre, wenn ich zu der Sorte Autoren gehörte, denen man gerade ein Bein amputiert haben kann und die dann trotzdem den verdammten Roman fertig schreiben ;-).

Jedenfalls stand durch diesen Umstand und die feste Absicht, mir nicht den Gewinn des NaNos 2016 kaputt machen zu lassen, für heute die Rückkehr an den Text an. Und das gestaltete sich durchaus schwierig, wie ich euch sagen kann.

Ich hatte das Gefühl, mich erst einmal wieder an die Personen herantasten zu müssen. Es dauerte eine Weile. Aber dann, wie durch ein Wunder (oder wohl doch eher gut geschmierte Autorensynapsen), fanden sich die ersten Wörter ein. Die ersten Sätze, von denen ich einige wieder löschen musste, weil sie einfach Nonsens waren. Aber dann wurden es mehr Sätze und bessere Sätze.

Und am Ende hatte ich in einer Stunde runde 1.800 Wörter zu „Papier“ gebracht und kann damit sagen, dass ich jetzt wieder im Plus bin. Es ist nicht mehr das beeindruckende Plus vom Sonntag, sondern es sind exakt 156 Wörter. Aber diese 156 Wörter sind gerade verdammt beruhigend.

Ich werde den Roman zwar nicht im NaNo beenden, was vorher schon klar war. Aber ich werde diese 50.000 Wörter schaffen.

Jetzt erst recht und sowieso!

NaNo Tag 17: So langsam nimmt die Sache Fahrt auf

Ja, ich weiß, ich nun wieder mit meinen ganz kurzen Geschichten. Aber ich kann doch auch nichts dafür, wenn ich zum Schluss komme, dass die ganze Angelegenheit mit „Der Goldene Tod“ erst jetzt langsam richtig in Fahrt kommt!

Nun gut, tatsächlich kann ich ja doch etwas dafür. Wer, wenn nicht ich, der Autor. Aber ich habe meine guten Gründe, aus denen ich das Tempo nicht so stark anziehe, wie ich es bei einer anderen Herangehensweise an diesen Roman vielleicht täte.

Der Roman spielt nicht in unserer Zeit und er spielt auch nicht in unserem Verständnis für Grusel. Das halte ich für einen wichtigen Punkt. Er ist kein Splatter-/Gore-/Schlacht- oder Torturefest. Er soll eine nette, kleine Geistergeschichte werden. Ein wenig staubig vielleicht, ohne dass er so verstaubt ist, dass man das große Niesen anfängt, sobald man ihn aufschlägt.

Stellt euch den Unterschied zwischen einem modernen Zombiefilm und einem aus den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts vor. Einem, in dem die Zombies wirklich noch Menschen waren, die unter dem Bann ihres Herren standen. An dieser Stelle empfehle ich gerne „White Zombie“ mit Bela Lugosi als Anschauungsmaterial.

Ich möchte in der Stimmung des Romans eher bei Lugosi liegen, als bei den rennenden und menschenzerfetzenden Zombies dieses Jahrtausends.

Oh, die mag ich auch ganz gerne. Ich wäre ein Pharisäer, wenn ich das abstreiten würde. Aber es ist eben nicht die „Vision“, die ich von „Der Goldene Tod“ habe. Mein Roman ist langsamer, nimmt sich viel Zeit, arbeitet mit Stimmungen und nicht mit Effekten.

Das kann, entgegen der Wortwahl, auch sehr effektvoll – und vor allem sehr effektiv sein!

Deswegen versetzt es mich auch nicht in Angst und Schrecken, dass ich jetzt 30.000 Wörter geschrieben habe und nun erst die Sache richtig ins Rollen kommt. Mein Protagonist ist an Ort und Stelle. Die Leser kennen den Hintergrund des Protagonisten. Der Protagonist kennt seine Aufgabe und er macht sich daran, gegen die auftretenden Widerstände seine Recherchen durchzuführen.

Bald wird der Protagonist seine erste Begegnung mit dem Gespenst von Burg Rabenstein haben. Oder ist es doch kein Spuk? Genau das muss er herausfinden. Immer in der Hoffnung, dass ihn die Suche nach den Antworten nicht zu nahe an die in den Untergeschossen befindlichen grauenhaften Orte der ehemaligen Raubritterburg führt.

Und was führt eigentlich dieser omnipräsente Diener mit den miesen Umgangsformen im Schilde?

Lasst euch überraschen, liebe Freunde, so wie ich es in Teilen auch tun werde. Weil die Sache jetzt endlich Fahrt aufgenommen hat :-).

„Der Goldene Tod“ – Der neue Anfang

Nein, meine Lieben, ich werde jetzt nicht zum gefühlt dreißigsten Mal die Geschichte wieder aufrollen, wieso es notwendig wurde, zu meiner Geschichte „Der Goldene Tod“ einen neuen Anfang zu schreiben. Ihr wisst schon: Kurzgeschichte, die nicht mehr kurz sein wollte, und so.

Weil mir heute ein wenig die Inspiration fehlt, was ich euch schönes erzählen könnte, dachte ich mir, dass euch vielleicht interessiert, wie dieser neue Anfang aussieht. Immerhin hatte ich euch „damals“ ja auch den Einstieg in die Kurzgeschichte präsentiert.

Hier also, heute, jetzt, weltexklusiv und noch absolut ungeschminkt, der Beginn meines NaNo-Beitrags 2016 mit dem Titel „Der Goldene Tod“ :-).


1

Die ganze Welt schaukelte. Samuel Liebenthal erwachte aus unruhigem Dämmerschlaf, richtete sich auf, stieß mit dem Kopf irgendwo an und schloss die Augen sofort wieder. Das hatte gesessen!

Nicht nur, dass ihm sowieso noch der Kopf von den Tiraden der Matrone, mit der er bis Würzburg das Abteil hatte teilen müssen, dröhnte, jetzt kamen auch noch handfeste Kopfschmerzen hinzu.

Er hasste das Bahnfahren!

Alles daran war ihm einfach zuwider: Das Schlagen der Waggons auf den unebenen Schienen, das Gepfeife der Lokomotive, wenn sie wieder irgendeinen Bahnübergang oder Tunnel passierten. Den Gestank des Qualms, der trotz der geschlossenen Fenster durch alle Ritzen in das Wageninnere zog.

Das alles erinnerte ihn viel zu sehr an Frankreich.

Das beste, was man machen konnte, wenn man dazu gezwungen war, eine längere Fahrt mit der Eisenbahn zu unternehmen, war es, zu schlafen. Das hatte er auch getan. Dank seiner alten Erfahrungen waren ihm praktisch direkt nach der Ausfahrt aus dem Hauptbahnhof von Frankfurt am Main die Augen zugefallen. Leider hatte das Vergnügen nicht lange gedauert, bis ihm das unerbittliche Schicksal, diese Frau Meyerling in das Abteil gespült hatte.

Und Frau Meyerling gehörte eindeutig zu den Frauen, die sich gerne reden hörten.

»Was sind das nur für Zeiten?«

Das war ihre Lieblingseröffnung gewesen.

»Was sind das nur für Zeiten, in denen eine alleinstehende Frau mit irgendeinem Mann zusammen in einem Abteil reisen muss? Nichts gegen Sie, junger Mann«, nein, natürlich nicht, dachte Samuel, »aber früher, Sie wissen schon, da hätte es das nicht gegeben. Da wurde noch auf Anstand und Sitte wert gelegt.«

Ganz ungeachtet der Tatsache, dass es ihm so fern wie irgendwas lag, in Hinblick auf Frau Meyerling, »verwitwet seit fünfzehn Jahren«, Anstand und Sitte zu verletzen, ging sie ihm einfach auf die Nerven. Alleine seine gute Erziehung verhinderte, dass er dies auch deutlich zum Ausdruck brachte.

So hatte er ihren nicht zu stoppenden Redefluss über sich ergehen lassen, hin und wieder an Stellen genickt oder den Kopf geschüttelt, die ihm passend zu sein schienen, und ansonsten den Mund gehalten. Und darauf gewartet, dass sie irgendwann aussteigen würde.

Diesen Gefallen hatte sie ihm kurz hinter Würzburg getan, nicht ohne ihn wissen zu lassen, dass es seltsame Zeiten waren, in denen eine Frau nicht nur alleine reisen, sondern sich auch noch alleine um ihr Gepäck kümmern müsse.

Sei es drum, ihn scherte das nicht weiter. Die Episode mit Frau Meyerling war nervtötend gewesen, aber ansonsten nicht von weiterer Wichtigkeit. Dennoch hatte er, nachdem er bange Minuten damit verbracht hatte, darauf zu warten, ob das Schicksal noch so einen üblen Scherz mit ihm vorhatte, die Augen geschlossen und zu dösen begonnen.

Sein gut funktionierender Zeitsinn, ein weiteres Überbleibsel aus Frankreich, hatte ihn jetzt wieder wach werden lassen und als er nun erneut die Augen öffnete, war die Müdigkeit wie weggewischt. Und gegen die sich ankündigenden Kopfschmerzen würde sich auch ein Mittel finden lassen.

Samuel Liebenthal reckte sich auf seinem durchgesessenen Sitz und stand dann auf, um ein paar Leibesübungen zu machen. Dadurch, dass er das Bahnfahren nicht mochte, hatte er sich unwillkürlich verkrampft. Und diese Verkrampfung musste er nun erst einmal loswerden.

Dabei fiel sein Blick auf seine Tasche, die er in dem Gepäckfach über seinem Kopf untergebracht hatte. Es war eine einfache Reisetasche, nicht besonders groß, die gerade ausreichend Platz für ein wenig Wechselkleidung und seine Toilettenartikel bot. Das Gros seines Gepäcks, die wirklich wichtigen Dinge, wurden im Gepäckwagen für ihn aufbewahrt.

Samuel hätte es niemals verwunden, wenn ihm der Inhalt des schweren Koffers gestohlen worden wäre, während er zum Beispiel den Abort benutzte. Der Verlust könnte ihn weitaus mehr als nur symbolisch das Leben kosten.

Samuel seufzte und griff nun nach der Reisetasche. Er holte sie herunter und stellte sie neben sich auf den Sitz. Dann sah er kurz aus dem Fenster, auf die nichtssagende Landschaft davor und öffnete die Tasche.

Zuoberst lag ein Briefkuvert. Der Umschlag machte einen edlen und teuren Eindruck auf ihn und Samuel, der sich mit so etwas mittlerweile auskannte, hegte keinen Zweifel daran, dass der Absender sich dieses Papier einiges hatte kosten lassen. Zusammen mit dem in Wachs geprägten Siegel war der Anschein komplett, es hier mit Post eines wichtigen Menschen zu tun zu haben.

Im krassen Widerspruch dazu stand, dass Samuel noch nie etwas von dem Absender gehört hatte, bevor der Brief ihn am gestrigen Abend mit Botenzustellung erreicht hatte. Dabei glaubte er, sich inzwischen in den Kreisen des Adels ganz gut auszukennen.

Er nahm den Umschlag hervor, auf den mit etwas krakeliger Schrift, die so gar nicht zu dem edlen Gesamteindruck passen wollte, sein Name geschrieben stand. Er öffnete ihn und zog die eine Seite Papier, nicht von minderer Qualität als das des Umschlags, heraus, um sie noch einmal zu lesen.

Viel war es nicht, was in dem Brief stand.

»Werter Herr Liebenthal, mein Herr, der Graf Alois von Oberstforst, lädt Sie ein, ihn in einer geschäftlichen Angelegenheit auf seinem Anwesen zu beehren. Verwenden Sie das beiliegende Geld für den Erwerb eines Zugbilletts. Wir erwarten Sie morgen am Bahnhof von Meitingen.«

Die Unterschrift war noch unleserlicher als die restliche Schrift. Samuel nahm an, dass dieser Graf von Oberstforst einem seiner Angestellten die Aufgabe übertragen hatte, den Brief zu schreiben. Und was für eine Stellung dieser Mensch auch hatte, er war es nicht gewohnt, die Feder zu führen.

Sein Instinkt hatte ihm eigentlich davon abgeraten, sich auf diese Fahrt einzulassen, aber da zum einen der Bote, der ihm das Schreiben gebracht hatte, schon wieder verschwunden war und er zum anderen dringend das Geld für einen neuen Auftrag brauchen konnte, hatte er seine Zweifel überwunden und sich für die Reise fertig gemacht.

Auch wenn das Ganze mehr an einen Befehl denn an eine freundliche Einladung erinnerte. Und mit Befehlen hatte Samuel schon reichlich schlechte Erfahrungen gesammelt.

Samuel steckte den Brief zurück in den Umschlag. Leider hatte er keine Zeit mehr gehabt, sich über das Ziel seiner Reise kundig zu machen. Es fuhr heute genau ein Zug von Frankfurt aus, der über Meitingen ging. Immerhin wusste er nun, dass dieser Ort in Bayern, unweit von Augsburg lag.

Wie da ein Graf von Oberstforst dazu passte, konnte ihm dieses Wissen jedoch nicht erklären. Und auch der Schaffner, der seine Fahrkarte kontrolliert hatte, konnte ihm keinen Aufschluss geben.

»Von einem solchen Mann habe ich noch nie etwas gehört«, hatte er auf die entsprechende Frage gebrummt. »Wenn er schon einmal mit der Bahn gefahren wäre, dann könnte ich mich sicher an ihn erinnern. Ich fahre die Strecke bereits seit fünfzehn Jahren. Mit Unterbrechungen, natürlich.«

»Natürlich«, hatte Samuel geantwortet und freundlich genickt. Sie alle hatten Unterbrechungen in ihren Lebensläufen. Das war normal in diesen Zeiten, wie Frau Meyerling es vielleicht ausgedrückt hätte.


 

Musik zum Schreiben: Drei Alben für den NaNoWriMo 2016

Schreiben und Musik ist immer so eine Sache bei mir. Mal geht es sehr gut zusammen, dass ich Musik höre, während ich mich auf meine Charaktere und die Handlung um sie herum stürze, mal ist es für mich praktisch nicht auszuhalten, wenn ich auch nur die kleinste Ablenkung habe. Ich finde es selber immer wieder überraschend, wenn ich das eine oder das andere Extrem feststelle.

Im diesjährigen NaNo hat es beide Phasen schon gegeben. Einige Tage lang habe ich in absoluter Stille geschrieben. Na ja, was man mit einer mechanischen Tastatur so Stille nennen kann ;-).

Aber dann kam plötzlich der Impuls nach Musik, nach Atmosphäre, nach Stimmung. Der Impuls, noch ein wenig Unterstützung haben zu wollen.

Dabei sind es (bis jetzt) drei Alben, die immer wieder in der Rotation landen und die ich deswegen hier einmal ein wenig vorstellen möchte.

Mike Oldfield – Tubular Beats

Wer meinem Blog schon ein wenig folgt, der weiß, dass Mike Oldfield zu meinen absoluten Lieblingsmusikern gehört. Das Album Tubular Beats hat einige seiner schönsten Tracks einmal kräftig durch den Ambient-Wolf gedreht und ihnen so noch einmal neue Facetten abgewonnen. Stücke wie das hier vorgestellte „Let There Be Light“, „Ommadawn“ oder „Far Above The Clouds“ eignen sich ganz hervorragend zum Schreiben. Aber auch die neuen Versionen von klassischen Songs wie „Moonlight Shadow“ oder „To France“ haben ihren ganz eigenen Reiz.

Moby & The Void Pacific Choir – These Systems Are Failing

Moby gehört sicherlich zu den Musikern, die man niemandem mehr gesondert vorstellen muss. Und genau deswegen lohnt es sich, zu diesem Album, das gerade vor einigen Wochen erschienen ist, ein paar Worte zu verlieren. Wo Moby in den letzten Jahren vor allem durch ruhige Tracks wie das sattsam bekannte „Why Does My Heart Feel So Bad?“ auffiel, ist dieses Album wesentlich energetischer. In manchen Stücken wird es sogar wieder richtig punkig wie in Mobys Anfangszeit. Ein Album für die etwas aufregenderen Passagen eines Romans.

Covenant – Leaving Babylon

Covenant sind eine skandinavische Band, die einen ganz eigenen Zugang zu treibender Elektronik für sich gefunden haben. Dabei harmonieren die charismatische Stimme von Sänger Eskil Simonsson und die mal harten, mal pulsierenden Arrangements der Musik so gut miteinander, dass es bisweilen schwer ist, sich der Auswirkung auf den Schreibfluss zu widersetzen. Covenant liefern die Blaupause für melancholische Stimmung ebenso wie für stringente Storyentwicklung.

Aber jetzt entschuldigt mich bitte, das viele Erzählen über Musik und das Schreiben hat mich in Schreibstimmung gebracht :-).