Das Schreiben der Anderen: „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi

Man könnte glauben, dass im Moment Depressions-Festspiele auf „Mein Traum vom eigenen Buch“ ausgebrochen sind. Aber ich schwöre, dass ich von ganz, ganz anderen Dingen ausgegangen war, als ich mich an den Roman „Einmal im Jahr für immer“ von Sarah Ricchizzi begeben habe. Mehr dazu könnt ihr in der folgenden Rezension lesen.


Im Normalfall gehöre ich zu den Menschen, die sich nicht gerne von Klappentexten dazu animieren lassen, einen Roman zu kaufen. Viel zu oft habe ich schon erlebt, dass das Blaue vom Himmel herunter versprochen wurde und am Ende dann doch in der Hauptsache ein Ballon mit heißer Luft daraus wurde.

„Ballons“ sind ein gutes Stichwort für diesen Roman, denn ausnahmsweise war es eben doch der Klappentext, der die Kaufentscheidung zu 100% angeregt hat.

Da ist also eine Frau, eine trauernde Witwe, die sich in sich selbst vergräbt. Bis eines Tages ein Clown bei ihr erscheint, eine Hüpfburg aufbläst und auch sonst allen möglichen und unmöglichen Schabernack anstellt. Ich gebe zu, als ich das gelesen hatte, war ich auf einen möglicherweise witzigen Fantasyroman eingestellt. Ich meine: Ein Clown? Hüpfburg im Wohnzimmer? Regenbogen?

Aber nein, ich sah mich getäuscht. Zwar merkt man dem Roman von Sarah Ricchizzi an, dass sie eine große Fantasie besitzt, aber er ist zu jedem Zeitpunkt in der Realität verankert. In einer nicht ganz alltäglichen Realität.

Wir lernen Amelie Red kennen, kurz bevor der Clown in ihr Leben tritt. Ihr Mann Mathiew hat sich vor einiger Zeit das Leben genommen und dies hat sie vollkommen aus der Bahn geworfen. Sie geht nirgendwo mehr hin, sie lässt niemanden mehr zu sich ein, sie spricht mit niemandem. Und dann steht eines Tages auf einmal der Clown in ihrem Badezimmer – als sie gerade nackt ist.

Der Clown ist ein älterer Mann, der sich allerdings alle kindliche Infantilität bewahrt hat, die man sich so vorstellen kann. Er bringt Farbe in Amelies leben, indem er die Wände mit Farbeimern bespritzt. Er bläst besagte Hüpfburg auf und schläft darin. Er nutzt den Swimmingpool hinter dem Haus dafür, um die überall herumliegende dreckige Wäsche zu waschen.

Kurz: Er treibt Amelie an allen möglichen und unmöglichen Fronten an ihre Grenzen und ein gutes Stück darüber hinaus. Und im Laufe der Zeit, als sich Clown und Amelie immer besser kennen lernen, stellt sich heraus, dass eine Absicht dahinter steckt.

„Einmal im Jahr für immer“ ist kein Buch, das es seinem Leser einfach macht. Eigentlich ist es sogar ein stellenweise tieftrauriges Buch und wenn die Geschichte nicht immer wieder humoristisch gebrochen würde, wäre es keine leichte Lektüre.

Das war allerdings auch nicht das, was Sarah Ricchizzi vorgeschwebt hat, als sie es schrieb. Schon die Art, in der hier Sprache verwendet wird, deutet darauf hin. Das macht es an manchen Stellen andererseits auch etwas mühselig, der Geschichte zu folgen.

Zumal die Geschichte insgesamt keine ist, der man allzu leicht folgen kann, weil sie zwar überwiegend linear erzählt wird, allerdings etwas hoch Fragmentarisches hat. Es werden einzelne – wichtige – Streiflichter aus dem veränderten Leben Amelies und des Clowns gezeigt. Den übergeordneten Bogen über all das spielt eine gewisse Zeitspanne, die für den Roman Wichtigkeit hat.

Besonders deutlich wird dieses in sich Zerrissene, wenn ab einem gewissen Punkt in der Handlung umfangreiche Briefe Amelies an ihren verstorbenen Mann Teil der Handlung werden. Hier verschwimmen dann teilweise auch die Zeitformen und es ist nicht ganz klar, ob wir uns in einer soeben erlebten Gegenwart aufhalten, oder ob eine schon etwas länger zurückliegende Vergangenheit thematisiert wird.

Aber umso seltsamer war es für mich zu erleben, dass ich eine stringente Geschichte, die ohne Umschweife von A nach B erzählt wird, überhaupt nicht vermisst habe. Denn in „Einmal im Jahr für immer“ geht es um Gefühle, die einfach hervorragend geschildert werden. Es geht um Trauer, es geht um Liebe, es geht um Verlust. Immer wieder nimmt Ricchizzi die verschiedenen Sichtweisen auf ein Kernproblem ein, beziehungsweise lässt ihre Charaktere dies tun.

Dieses Kernproblem lautet Depression und es ist ein Thema, dem man gerade in einem Roman, der ja seiner Natur nach erst einmal unterhalten soll, sehr schwer gerecht werden kann, ohne sich in Allgemeinplätzen zu verlieren. Ganz gelingt dies der Autorin nicht, aber es sind sehr wenige Stellen an denen man gedanklich ins Stolpern gerät und sich fragt, ob das nun „richtig“ ist, was man gerade liest.

Auch dies ist eine Lehre, die man aus dem Roman ziehen kann: Es gibt kein ultimatives Richtig und es gibt kein ultimatives Falsch. Amelie Red stellt sich diesen Dämonen und macht damit im Laufe des Romans eine Entwicklung durch, die absolut nachvollziehbar und glaubhaft ist.

Und irgendwann geht es einem als Leser wie Amelies Eltern im Buch: Der Clown ist einfach anwesend und wird als solches akzeptiert. Ja, es ist geradezu schockierend, wenn an mehreren Stellen zu Tage tritt, dass der Clown eben keine Fantasygestalt sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut ist.

Alles in allem war ich lange der festen Überzeugung, dass ich diesem Roman die Höchstwertung geben würde, aber die wurde leider ganz zum Schluss noch um einen Punkt gedrückt. Denn leider konnte Sarah Ricchizzi der Versuchung nicht wiederstehen, den Beteiligten so eine Art „wrap-up“ zu geben, in dem bis weit in die Zukunft hinein ihr weiterer Lebensweg gezeichnet wird.

Dies tut sie zwar sehr kurz und knapp, aber für mich hat es einiges von der Magie des Augenblicks zerstört, den das eigentliche Ende auf mich ausgeübt hat. Die Geschichte beginnt mit dem Erscheinen und dem Einzug des Clowns und sie sollte daher auch mit seinem Auszug enden. Was danach passiert fügt der Handlung nichts mehr hinzu, es ist ein abarbeiten von Daten auf einem Kalender.

In einem anderen Roman hätte mich dies vielleicht nicht derart gestört, dass ich gleich einen ganzen Punkt abziehe, aber hier ist der emotionale Impact der Szenen, die ich als das eigentliche Ende ansehe, so groß, dass für mich ein bitterer Beigeschmack bleibt. Andere Leser wird dies vermutlich weniger stören als mich, diese können also unbedenklich auf die volle Punktzahl aufrunden.

So oder so ist „Einmal im Jahr für immer“ ein Roman, dessen Lektüre ich empfehlen möchte. Man sollte nur keine Angst vor großen Gefühlen haben!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Advertisements

Das Schreiben der Anderen: „Entfesselter Tod“ von Marcus Johanus

Nachdem Marcus Johanus mit „Tödliche Gedanken“ und „Tödliche Wahrheit“ zwei Jugendromane mit fantastischem Einschlag geschrieben hat, die allerdings auch schon an der Grenze zum Thriller balancierten, legt er nunmehr mit „Entfesselter Tod“ seinen ersten eindeutig auf ein erwachsenes Publikum zugeschnittenen Thriller vor. Gleichzeitig ist dies auch sein Romandebüt im Selfpublishing.

Ich war gespannt, wie er diese beiden Schritte hinbekommen würde.


Die Ausgangslage dieses Buches ist so einfach wie erschreckend: Eine junge Prostituierte wird in der Nachstellung eines alten Tricks eines ehedem bekannten Entfesselungskünstlers vor laufender Kamera ermordet.

Wenige Stunden zuvor werden wir als Leser Zeuge, wie eben dieser Entfesselungskünstler, Christopher Vanick, eine Auseinandersetzung mit seiner langjährigen Assistentin Mara Winter hat. Sie möchte endlich wieder zurück auf die Bühne, die er nach einem Unfall während einer Aufführung vor einigen Jahren, scheinbar endgültig verlassen hat, um sich ganz dem Alkohol und seinen Depressionen hinzugeben.

Ohne es Christopher zu sagen hat Mara für den heutigen Abend ein Engagement angenommen und verlässt, nach einem letzten Versuch, ihn zu einem Entgegenkommen zu bewegen, die gemeinsame Villa.

Wenig später steht die sehr junge, sehr blonde und sehr offenherzige Vicky vor Christophers Tür, die sich als Reporterin ausgibt, die über den bekannten Magier und Entfesselungskünstler schreiben will – oder zumindest eine heiße Nacht mit ihm verbringen. Die beiden nehmen gemeinsam einen Drink und bei Christopher reißt der Film. Als er wieder erwacht, kann er sich an nichts erinnern.

Nun muss er erfahren, dass er praktisch über Nacht zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall geworden ist, denn die junge Prostituierte ist niemand anderes als Vicky und alles deutet auf ihn als Täter hin. Die Art, in der sie starb, ist eine exakte Nachbildung seines beinahe tödlichen Unfalls.

Das Polizistenduo Eike Becker und Ria Stern nimmt die Ermittlungen auf. Dabei ist vor allem Becker felsenfest von der Schuld Christophers überzeugt, während Ria, die ganz nebenbei auch noch in einem persönlichen Dilemma steckt, glaubt, dass ihr Kollege sich zu sehr auf den Illusionisten einschießt und außerdem die Regeln des sauberen Ermittelns hinter sich lässt.

Christopher, der sich keine Illusionen darüber macht, dass er als Sündenbock für jemand anderen herhalten soll, nutzt eine günstige Gelegenheit, um aus der Untersuchungshaft zu fliehen. Denn das Video, das man ihm gezeigt hat, betitelte den Mord als den „Ersten Akt“. Und er weiß nur zu gut, dass jede gelungene Zaubernummer aus drei Akten besteht …

Marcus Johanus legt mit „Entfesselter Tod“ einen Roman vor, der stark im Umfeld von Zauberern, Illusionisten, Entfesselungskünstlern angesiedelt ist, auch wenn er uns weniger den Blick auf die Bühne, sondern mehr den Blick hinter die Kulissen werfen lässt. In seinem Nachwort zum Roman beschreibt er, dass er bereits seit frühester Kindheit zu diesem Milien hingezogen war und das wird beim Lesen des Romans vollkommen deutlich.

Dabei verschließt Johanus nicht die Augen davor, dass es auch Schattenseiten des Gewerbes gibt. Es gehört dazu, dass man anderen etwas vormacht. Das ist das Geheimnis einer guten Illusion. Aber es gibt, wie immer auch hier, Menschen die dies auf verantwortungsvolle Weise tun und Menschen, die die Leichtgläubgikeit anderer ausnutzen, um sich dadurch zu bereichern.

Dieses Thema wird sehr offen angeschnitten, als es für Christopher Vanick darum geht, herauszufinden, wer derjenige ist, der alles daran setzt, seine Existenz zu vernichten.

Aber auch abseits dieses Themas kann man einiges über die kleinen und großen Tricks des Entfesselns lernen. Die Recherche hierzu hat sich auf jeden Fall gelohnt, denn Johanus bringt die Fakten darüber, wie und wo die Entfessler ihre Hintertürchen eingebaut haben, sehr flüssig und alles andere als ausbremsend in der Handlung unter.

Was mir sehr gut gefallen hat, war die Charakterisierung der Hauptfigur. Christopher Vanick ist ein Mensch, der einmal ganz weit oben war, es sich dort beinahe schon zu gut gehen ließ und dann umso heftiger nach seinem Unfall gefallen ist. Als der Leser ihn kennenlernt ist er ein körperliches, psychisches und seelisches Wrack, ein Alkoholiker, der seine Tage an sich vorbei ziehen lässt.

Erst im Handlungsverlauf, als er immer mehr und immer tiefer in die Machenschaften des Killers gerät, muss er aus seinem Phlegma erwachen. Und spätestens als er erkennt, dass Mara, die Frau, die er uneingestanden liebt, in großer Gefahr ist, platzt bei ihm der Knoten. Was nicht bedeutet, dass Christopher ab diesem Zeitpunkt eine Art Superman wäre. Ganz im Gegenteil fallen ihm die Versäumnisse der letzten Jahre erst jetzt so richtig behindernd vor die Füße.

Ein wenig problematisch fand ich die Rollenverteilung zwischen Eike Becker und Ria Stern, die gerade in ihren ersten Auftritten schon beinahe wie das Klischee aus „Good Cop“ und „Bad Cop“ wirkten. Das alles hat seine Begründung in der Handlung, wirkt aber schon recht plakativ.

Schade war, dass Mara Winter über recht große Strecken des Romans weitgehend unpräsent gewesen ist. Dies liegt aber eindeutig an ihrer Bedeutung für die Geschichte und ihren Verlauf.

Dieser zeigt sich im Weiteren übrigens von seiner besten Seite. Gerade auf den ersten rund 150 bis 200 Seiten ist „Entfesselter Tod“ ein echter Pageturner. Es macht einfach Spaß zu verfolgen, wie der perfide Plan des richtigen Mörders sich entfaltet und wie die Personen immer mehr und mehr in dieses Netz geraten.

Insofern macht Marcus Johanus mit seinem Thriller alles richtig. Wenn ich einen Kritikpunkt anbringen soll, dann wäre es der, dass ich persönlich die Frage nach dem Täter relativ schnell hätte beantworten können. Allerdings wäre ich nie auf die Motivation zu den Taten gekommen – ob das nun etwas Gutes oder Schlechtes ist, weiß ich selbst noch nicht so ganz. Andererseits ist es in anderen Thrillern ja durchaus üblich, dem Leser einen Wissensvorsprung vor den Protagonisten zu geben, so dass ich diesen Punkt nicht negativ auslegen möchte.

Obwohl es sich um einen Thriller handelt, watet der Roman nicht durch Gewalttaten und Blutströme. Es gibt zwar durchaus Szenen, in denen es ordentlich zur Sache geht und für zarter Besaitete ist auch eine Stelle enthalten, die ihnen sicherlich einen leichten körperlichen Schmerz verursachen wird, aber es hält sich alles im genreüblichen Rahmen.

In Sachen Sprache und Stil merkt man Marcus Johanus an, dass er weiß und liebt, worüber er schreibt und dass er inzwischen über die Erfahrung verfügt, auch kompliziertere Sachverhalte auf den Punkt bringend zu beschreiben. Es macht Spaß, diesen Roman zu lesen.

Um zu einem Fazit zu kommen: „Entfesselter Tod“ ist ein wirklich guter Thriller mit einem Einblick in eine Welt der Magie und der Illusion. Die Handlung und die Figuren sind glaubwürdig, das Tempo durchweg hoch und die Schauwerte enorm. Ich vergebe gerne die Höchstwertung und freue mich darauf, bald wieder von Marcus Johanus zu lesen.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

#Autorenwahnsinn, die Sommeredition: Welches Buch ist im Moment dein absolutes Must-Read?

Nun, wo der Sommer langsam von uns geht, ist es noch einmal Zeit, zur Sommeredition des #Autorenwahnsinns zurückzukehren. Ich hatte ja gesagt, dass ich es damit ein wenig ruhiger angehen lassen würde und nur hier und da mal eine Frage einfließen lasse, die für mich funktioniert und zu der ich auch etwas zu sagen habe.

Gerade bei der Frage nach dem absoluten Must-Read dieses Sommers habe ich mich sehr, sehr schwer getan. Natürlich habe ich über den Sommer hinweg einige Bücher gelesen, auch wenn die Zeit manchmal knapp bemessen war. Dabei ging die Bandbreite einmal quer durch das Gemüsebeet, wie ich ja teilweise auch hier im Blog dokumentiert habe.

Aber letztendlich bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich als „Must-Read“ nur ein Buch empfehlen kann, mit dem die meisten unter euch wohl nichts anfangen können, weil es zum einen ein Sachbuch ist und zum anderen alles andere als leichte Kost. Dennoch ist es das Buch, das mich diesen Sommer am nachhaltigsten beeindruckt hat.

Ich spreche von dem Buch „KL: Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager“ von Nikolaus Wachsmann.

Was soll man über ein Thema schreiben, über das eigentlich schon alles gesagt zu sein scheint? Das könnte die Grundprämisse für Wachsmanns Arbeit gewesen sein, denn ich kann nur sagen, dass ich eine derartige Akribie, mit der er sich in sein Thema verbeißt, noch nicht erlebt habe. Und ich habe einige Bücher über das Lagersystem des Dritten Reiches gelesen.

Wachsmann liefert einen chronologischen und sinnvoll in verschiedene Abschnitte gegliederten Überblick, beginnend mit den wilden Lagern, die unmittelbar nach der Machtergreifung überall von der SA eingerichtet wurden, um Rache an den politischen Gegnern zu üben, fortgeführt über die Übernahme des Lagersystems durch die SS mit der einhergehenden Strukturierung, bis hin zum späten Paradoxon der Lager, gleichzeitig die ausgemachten „Volksschädlinge“ durch Arbeitseinsatz zu vernichten und sich diese Arbeit möglichst lange und möglichst produktiv für die Kriegswirtschaft zu Nutze zu machen.

Was dem Buch sehr gut gelingt ist die Verdeutlichung der Widersprüche, die den Lagern von Beginn an inne gewohnt haben und wie sie bis heute, teilweise fälschlich, die öffentliche Wahrnehmung prägen. So geht er zum Beispiel umfassend auf die nach dem Krieg oft gehörten Schutzbehauptungen ein, dass niemand etwas von den Lagern gewusst habe – und stellt ihnen Zeitungsausschnitte aus dem Völkischen Beobachter gegenüber, in denen von Lagern wie Dachau, Buchenwald oder Sachsenhausen beinahe schon euphorisch berichtet wird.

Mit größter Sensibilität nähert sich Wachsmann dem größten aller Lagerverbrechen, dem Holocaust. Dabei scheut er sich aber auch hier nicht, im Sinne der historischen Wahrheit zu bemerken, dass der Holocaust keine originäre Erfindung für die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau gewesen ist, sondern schon vorher lange im Zuge der hinter der Front operierenden Einsatzgruppen im vollen Gange war.

Ein in Rezensionen immer wieder lobend herausgestellter Aspekt, den auch ich nur wirklich unterschreiben kann ist, dass es dem Autor gelungen ist, bei allem Schrecken, über den er schreibt und bei aller Komplexität, die das Thema aufweist, eine umfassende, in sich geschlossene und alle Aspekte abdeckende Fleißarbeit geschrieben zu haben, die sich stellenweise liest wie ein historischer Roman, ohne ins episoden- oder gar anekdotenhafte überzugehen. Hier hat Wachsmann natürlich den Vorteil eines spätgeborenen Chronisten, beweist aber auch Fähigkeiten als hervorragender Erzähler.

Ist „KL“ nun ein Buch für jeden? Sicherlich nicht. Man muss schon ein gewisses Interesse für das Thema mitbringen, um sich durch die rund 1.000 Seiten (inklusive umfangreichen Quellenverzeichnisses) zu ackern. Auch schadet es nicht, wenn man sich mit dem Nationalsozialismus als Phänomen schon ein wenig auseinandergesetzt hat, weil Wachsmann wirklich hart an seinem Thema bleibt und die Entwicklungen drumherum teilweise ein wenig knapp abhandelt. Aber auch dies tut er so, dass der Kontext, in dem die Lager gerade operierten, sich erschließt.

Meiner Meinung nach ist „KL“ aber ein wichtiges Buch. Es zeigt, wie sehr Phänomene wie Hass, wie Rassenwahn, wie Ausbeutung, wie Vernichtungswillen und wie menschlicher Gleichgültigkeit durch ein System kanalisiert werden können, wenn es nur ausgeprägt und reglementiert genug ist.

In Deutschland wird immer wieder über unsere sogenannte Erinnerungskultur geredet. Ich finde, wenn es eine solche geben soll – und ich persönlich befürworte dies in aller Entschiedenheit -, dann müssen gerade auch die dunkelsten Seiten unserer Geschichte beleuchtet werden. „KL“ ist, meiner Meinung nach, sehr gut hierfür geeignet: Umfassend genug, um auch den fortgeschrittenen Leser dieser Thematik nicht mit Allgemeinplätzen zu ärgern und zugänglich genug, um auch interessierten Einsteigern in das Thema Einblick zu gewähren.

Und ich würde beinahe garantieren, dass am Ende sowohl der eine als auch der andere von diesem Buch noch etwas lernen kann.


Normalerweise mache ich an dieser Stelle keine Angaben über Bezugsquellen für Bücher, die ich vorstelle. Aber in diesem Fall muss ich doch darauf hinweisen, dass neben einer gebundenen und broschierten Fassung des Siedlerverlags auch eine Variante der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen ist, die deutlich preisgünstiger ist. Natürlich unterscheiden sich beide Bücher inhaltlich nicht voneinander, aber die gebundene Fassung ist haptisch deutlich ansprechender, wenn auch mit runden vierzig Euro nicht ganz günstig. Um sich vielleicht einmal an das Thema heranzutrauen reicht meines Empfindens die Fassung der bpb vollkommen aus und ist mit knapp 12 Euro (inklusive Porto) wesentlich günstiger.

             

Das Schreiben der Anderen: „Biss zum letzten Akt (Codex Aureus 5)“ von Nike Leonhard

Wenn ich versuchen würde, witzig zu sein, würde ich behaupten, dass Nike Leonhard schneller neue Episoden ihres Codex Aureus nachschiebt, als ich dazu komme, sie zu reviewen. Aber, wir erinnern uns, die vierte Folge, die eigentlich zu Weihnachten spielte, schaffte es erst zum Sommer hin vor meine Augen. So kam es, dass ich jetzt schon nach relativ kurzer Zeit eine weitere Besprechung zu einem von Nikes Werken bringen kann.

Wobei mir beinahe die Technik einen Streich gespielt hätte, denn zuerst wollte mein Kindle Fire (3. Generation, was immer das bedeutet), die entsprechende Datei beim besten Willen nicht verarbeiten. Ich musste erst manuell ein wenig nachhelfen, um dann doch noch in den Lesegenuss zu kommen.

Ob es ein Genuss war? Nun, das werden wir gleich herausfinden.

 


Nachdem wir es in vorherigen Folgen von Nike Leonhards Geschichtenzyklus „Codex Aureus“ unter anderem mit Geistern und Dryaden zu tun bekamen, präsentiert sie uns hier eine erstaunlich moderne Form eines ganz anderen Mythos.

Silke ist eine junge, hübsche und selbstbewusste Frau. Sie hat es geschafft, eine Drogensucht hinter sich zu lassen, ist geschäftlich erfolgreich und die Männer liegen ihr zu Füßen. Soweit alles sehr erfreulich. Da stört es sie auch nicht weiter, dass sie einen kleinen Makel hat: Silke ist tot! Oder genauer gesagt, sie ist untot, nämlich eine Vampirin.

Und als solche hat sie schnell feststellen müssen, dass sie sich das Leben als Untote immer falsch und irgendwie leichter vorgestellt hat. Aber da es leider keinen Geheimbund der Vampire gibt, keinen Mentor, der ihr an die Seite gestellt wird, muss sie ganz alleine versuchen, damit klar zu kommen, dass sie ab sofort nicht mehr auf Heroin steht, sondern auf warmes Menschenblut.

Außerdem erkennt sie, dass es durchaus Fragen aufwerfen kann, wenn man äußerlich nicht altert und deswegen in der Nachbarschaft Aufsehen erregt.

Wenn da nicht die Männer wären, die ihr gleich scharenweise zu Füßen liegen, könnte sie durchaus vor Probleme gestellt werden. Aber da sie zum Glück schnell lernt, wie man mit den Männern wirklich umgehen muss, um von ihnen zu bekommen, was man will – und das ist nicht nur ihr roter Lebenssaft – schafft Silke es immer irgendwie, sich über Wasser zu halten.

Bis sie bei Detlef auf unerwartete Probleme stößt …

Vampire also. Wohl über keines der „klassischen“ Monster ist so viel geschrieben worden, sind so viele Legenden gewoben und so viele, sich teilweise heftig widersprechende, Deutungsweisen entstanden. Man hat sie inzwischen fast alle gesehen: die in Blut badende Femme Fatale, den auf Verjüngung aus seienden Kriegsherren, den rotäugigen Schönling mit den spitzen Hauern, das Monstrum, das kaum in der Lage ist, seine Blutgier zu beherrschen und den romantisch-verklärten Vampir-next-door, der besonders seit Stephenie Meyer das Vampirgenre aufgemischt hat.

Doch zum Glück hat Nike Leonhard sich, obwohl der Titel natürlich an die „Bis(s)“-Reihe gemahnt, dazu entschlossen, Silke nicht als verhuschtes Weibchen zu porträtieren, die Emo-mäßig auf der Suche nach ihrer besseren Hälfte ist und sich nur schwer eingestehen kann, dabei auf ein Menschenjüngelchen abzufahren.

Silke ist im tiefsten Inneren ihrer Person eine Überlebenskünstlerin. Mag der Begriff für eine Untote zunächst unpassend wirken, charakterisiert er sie doch beinahe perfekt. Schließlich musste sie schon, als sie noch am Leben war, lernen, sich durchzubeißen. Dass es da manchmal dazu gehört, auch da hin zu gehen, wo es weh tut (und wo man sich auch ein Stück weit selbst erniedrigt), ist eine Erfahrung, die ihr bei der Verwirklichung ihrer Pläne als Vampirin begünstigt. Denn Spaß macht es ihr nicht, mit dem tumben Detlef zusammen in die Oper zu gehen. Es ist halt ein Mittel zum Zweck.

Und gibt gleichzeitig die Struktur dieser Geschichte vor. Silkes Besuch in der Oper bildet den Rahmen, in den allerdings weitreichende Rückgriffe in die Vergangenheit eingebaut sind. Hier zeigt sich, nach meinem Empfinden, leider auch eine strukturelle Schwäche dieses Werks. Die eigentliche Geschichte kommt zu kurz, bzw. ich hatte den Eindruck, dass die Autorin sich nicht so ganz sicher war, welche Geschichte sie eigentlich lieber erzählen wollte: Die von Silke, wie sie wurde, was sie ist, oder die von Silke, wie sie ihren neuesten Coup landet.

Das ist schade, weil in beiden Teilen der Geschichte ein großes Potenzial steckt. Ich selbst gehe zwar nicht mit jeder Entscheidung konform, die Nike Leonhard getroffen hat, um die Vampire in ihrem Universum zu charakterisieren, aber dennoch hätte ich gerne mehr davon erfahren, wie Silke die ersten paar Monate ihres neuen Lebens verbringt. Dagegen wirkt die Umsetzung ihres Plans in der Gegenwart beinahe ein wenig beliebig und wäre, mit einer kleinen Ausnahme, bei passender Gelegenheit auch für eine einfache Kriminelle machbar gewesen.

Gut, es gehört ein Stück weit natürlich zum Konzept, Vampire so weit zu entmystifizieren, dass sie als ganz normale Geschäftsleute, Computerfreaks usw. unter uns leben. Vieles wurde mir allerdings zu schnell abgehandelt, so dass insbesondere das Ende ein wenig ratlos zurück lässt.

Insgesamt wirkt „Biss zum letzten Akt“ auf mich wie ein Teil einer größeren Geschichte, vielleicht wie ein Prolog auf etwas, das erst noch geschrieben werden will. Denn die Anlagen dazu sind da und sehr beachtlich. Nike Leonhard weiß von Buch zu Buch besser, wie sie die irrealen Aspekte ihrer Ideen in die reale Umwelt ihrer Erzählung einweben muss. Da entsteht auch nicht der Hauch eines Bruchs. Silke ist eine Vampirin und Vampire gibt es einfach. Das ist so und muss auch nicht hinterfragt werden – weil es gut etabliert ist.

Auch in Sachen Sprache und Stil gibt es nichts Negatives zu berichten. Auch dieser Teil des Codex Aureus lässt sich angenehm und relativ flott weglesen.

Wenn da nur nicht die Sache mit der irgendwie sehr fragmentartigen Geschichte wäre …

Ich tue mich schwer mit einer Bewertung, weil ich auf der einen Seite handwerklich nichts, aber auch gar nichts an dieser Veröffentlichung auszusetzen habe. Auf der anderen Seite, so gut ich den Ansatz auch finde, kommt mir einfach zu wenig Erzählfluss auf, ist „Biss zum letzten Akt“ zu sehr eine gefühlte Vorstellung eines starken Charakters und zu wenig Handlung.

Deswegen kann ich leider für diesen Teil des Codex Aureus nur drei Sterne (mit Tendenz nach oben) vergeben – und die ebenso höfliche wie dringliche Bitte an die Autorin richten, sich vielleicht noch einmal mit Silke zu beschäftigen und ihr eine längere und handlungsorientiertere Geschichte zu gönnen. Verdient hätte die raffinierte Großstadtvampirin es allemal!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Das Schreiben der Anderen: „Bärenbrut“ von Nora Bendzko

Zwei Werke von Nora Bendzko habe ich bis jetzt auf diesen Seiten besprochen. Und beide hatte ich bei Gewinnspielen gewonnen. Deswegen war es für mich quasi Ehrensache, diese Geschichte am Erscheinungstag zu kaufen – auch wenn die Aussicht bestand, sie für eine Newsletteranmeldung umsonst bekommen zu können. Aber eine Autorin lebt ja nicht vom Verschenken allein, nicht wahr?

Also, schauen wir doch mal, was wir mit diesem Galgenmärchen für eine Geschichte kredenzt bekommen.


Mit „Bärenbrut“ erscheint nun bereits die dritte Folge von Nora Bendzkos Galgenmärchen, nachdem uns zuvor bereits „Wolfssucht“ und „Kindsräuber“ in Form von zwei durchaus beachtenswerten Märchenadaptionen heimgesucht haben. Nachdem zuletzt ein Stoff in Romanlänge verarbeitet wurde, handelt es sich hier der Länge nach mehr um eine Kurzgeschichte, die zudem, auch wenn sie explizit als drittes Galgenmärchen bezeichnet wird, mehr so eine Art Galgenmärchen 0.5 ist. Denn es handelt sich um ein Prequel zu „Wolfssucht“, angelehnt an das vergleichsweise unbekannte Märchen „Der Bärenhäuter“.

Ein Prequel also. Eine nicht ganz einfache Sache, die gewisse Gefahren in sich birgt. Denn oftmals ist es so, dass Prequels dem Kenner der nachfolgenden Geschichte nichts wesentlich Neues erzählen können und damit recht überflüssig sind, oder sie nehmen so viel vorweg, dass danach kein Anreiz mehr für den Leser herrscht, sich mit dem Nachfolger zu befassen.

Nora Bendzko tappt nicht in diese Falle, indem sie die Verbindung zu „Wolfssucht“ zwar spürbar macht, aber nicht zu sehr ausspielt.

Die Geschichte handelt von dem jungen Thorben, dem wir zuerst als Dreizehnjährigem begegnen, als er mit seinem Vater, dem Jäger des Dorfes, in den Wäldern unterwegs ist. Doch dann geschieht etwas Schreckliches: Sein Vater wird von einer wilden Bestie, einem gewaltigen Bären, ermordet. Aber nicht nur das, denn an der Stätte des Unheils trifft Thorben auf einen unheimlichen Fremden, der ihm eine Heidenangst einjagt.

Mit letzter Kraft kann Thorben sich nach Hause schleppen. Doch fühlt er sich dort nicht wirklich angenommen. Er ist in der Gemeinschaft des Dorfes nicht verwurzelt. Lediglich zwei Personen nehmen größeren Raum in seinem Leben ein. Da ist zum einen Pater Gottwalt, der Priester des Ortes, der einen großen Einfluss auf die Gemeinschaft ausübt. Und, quasi am anderen Ende der dörflichen Hackordnung, Meister Kummer, einst ein Kaufmann, der allerdings inzwischen dem Suff verfallen ist. Mehr nicht.

Getrieben von seiner Unruhe verlässt Thorben seine Heimat und findet sich bald inmitten eines unmenschlich geführten Krieges wieder. Als er dem Tode nahe ist, erscheint ihm jener unheimliche Fremde und macht ihm ein verlockendes Angebot …

Da die Geschichte nicht besonders lang ist, halte ich heute auch die Zusammenfassung einmal kürzer als gewöhnlich. Viel interessanter finde ich es, noch einmal auf die Bindungen zu sehen, die zwischen diesem dritten Galgenmärchen und seinen beiden Vorgängern bestehen.

Wenn der Begriff nicht so gnadenlos abgenutzt wäre, seit jeder Filmkonzern versucht, sich mit irgendeiner Reihe ein „Universum“ aufzubauen, würde ich sagen, dass Nora Bendzko genau das allmählich mit ihren Märchenadaptionen gelingt. Weniger entscheidend als die inhaltlichen Anknüpfungspunkte sind hierbei die Aspekte Atmosphäre, Stimmung und Setting.

Man kann sich ohne Probleme vorstellen, wie alle drei Geschichten teils parallel, teils nacheinander, aber innerhalb eines überschaubaren Zeitraums in einem überschaubaren örtlichen Rahmen abspielen – sei dahingestellt, ob sie es tatsächlich tun. Natürlich ist diese Verbindung zwischen „Bärenbrut“ und „Wolfssucht“ durch die Figur des Skandar, Thorbens Sohn, besonders stark.

Was mir große Freude bereitet hat ist, dass die Figuren durch die Bank hinweg keine simplen Abziehbilder sind, auch wenn es sich stellenweise beinahe schon anbieten würde, sie so anzulegen: Wir haben den verlorenen Sohn, den geheimnisvollen Fremden, den Priester, im späteren Verlauf Thorbens Ehefrau und seine Mutter. Einige von ihnen verhalten sich so, wie man es von ihnen vermuten würde, andere bieten die eine oder andere Überraschung an.

Allerdings wird diese Überraschungsfreude nicht in allen Belangen durchgehalten. Die Entwicklung der Geschichte insgesamt ist von Beginn an relativ stringent und, mit kleineren Ausnahmen, absehbar. Hier wird nicht auf eine große Enthüllung zu gesteuert, allenfalls auf ein alles miteinander (und der Quasi-Fortsetzung) verbindendes Gesamtwerk.

Im Gesamtkontext der Galgenmärchen fügt sich „Bärenbrut“ harmonisch als ein weiterer Baustein ein. Sprache, Stil und Erzählfreude sind auf dem inzwischen schon gewohnt hohen Standard und machen beim Lesen einfach Freude.

Leider ist diese aber viel zu schnell vorbei, denn was nicht verschwiegen werden soll ist, dass die bei Amazon angegebene Seitenzahl auch durch umfangreiche Leseproben der beiden anderen Galgenmärchen erreicht wird. Es handelt sich also um ein eher kurzweiliges Lesevergnügen. Wenn man sich allerdings dessen bewusst ist, dass man hier eine Kurzgeschichte erwirbt, wird man auch vom Umfang nicht enttäuscht werden.

Nichts desto trotz gibt „Bärenbrut“ als Bestandteil seines Galgenmärchen-Universums eine gute Ergänzung ab. Durch die kurze Form und dadurch, dass das Ende mit dem ersten Band verknüpft sein musste, hat Nora Bendzko sich vielleicht ein wenig selbst der erzählerischen Freiheit beraubt. Daher würde ich mir wünschen, dass sie sich für die nächste Adaption wieder mehr Freiraum gewährt.

Insgesamt vergebe ich für „Bärenbrut“ gute vier Sterne, verknüpft mit dem Hinweis, dass ich Nicht-Kennern der Galgenmärchen empfehlen würde, zuerst über eine der anderen beiden Geschichten in dieses Universum einzutauchen.

 


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Das Schreiben der Anderen: „Ellas Schmetterlinge“ von Eva-Maria Obermann

Nachdem wir das Thema Frauenromane in Männerhänden ja in den letzten Tagen erst hatten, darf ich euch heute in dieser Rubrik auch gleich vorstellen, was dabei herauskommt, wenn ein Mann (ich) den Roman einer Autorin (Eva-Maria Obermann) liest, der eindeutig in diese Kategorie fällt. Aufmerksam wurde ich auf dieses Werk, weil Eva-Maria wie ich Mitglied im Autorenverein BartBroAuthors ist und ich einfach neugierig auf ihr jüngstes Romanbaby war. Ob wir beide miteinander klar gekommen sind? Das verrät die kommende Rezension.


Manchmal glaubt man, dass das, was einem gerade passiert, doch nur ein schlechter Scherz sein kann. So geht es auch Miriam, die im Schlepptau ihres Freundes Jan in das beschauliche Städtchen Mingheim zieht, weil dieser einen Job in der örtlichen Chemiefabrik bekommen und sie selber, wie passend, ihren eigenen Arbeitsplatz in einer Bank gerade eben verloren hat. Miriam hasst alles, was den Ort ausmacht, von der ersten Sekunde an wie die Pest: Das Kleine, das Betuliche, das Ländliche, die muffige Wohnung und die mumienartige Vermieterin.

Aber Jan lässt sich nicht beirren und ihm zu liebe versucht Miri, sich mit ihrem neuen Leben zu arrangieren. Das fällt ihr nicht gerade leicht, denn schon von Anfang an scheint sich alles gegen sie verschworen zu haben, denn sie macht die Bekanntschaft einer jungen Frau, von der sich schnell herausstellt, dass sie alles verkörpert, was Miri stört.

Ella ist junge Mutter, scheinbar omnipräsent im gesamten Dorfleben und egal, wie sarkastisch Miri ihr gegenüber auch ist, von einer überbordenden Herzlichkeit, die einfach nur zum Schütteln ist.

Von nun an scheint Miri keinen Schritt mehr machen zu können, ohne dass Ella schon vor ihr da ist. Und das Schlimme ist, dass alle anderen diese Frau so richtig nett finden! Selbst Miris alte Freundin Liza, die einzige Verbindung zu ihrem alten Leben, ist richtig begeistert von ihr.

So geht das Leben eine ganze Weile seine geordneten (?) Bahnen, bevor dunkle Schatten am Horizont herauf zu ziehen beginnen. Jan verhält sich auf einmal so komisch, kommt nur noch sehr unregelmäßig von der Arbeit nach Hause. Miri bekommt zwar den Job in der örtlichen Bank, aber auch da läuft es eher durchschnittlich. Und zu allem Überfluss stellt Miri fest, dass Ella inzwischen deutlich mehr für sie ist, als nur die nervige Nachbarin mit übergroßem Muttertrieb.

Doch was dann alles noch passieren soll, davon hat Miri auch nicht den Hauch einer Ahnung …

Was erwartet man als Mann von einem „Frauenroman“? Eine vielleicht unfaire Frage, aber dennoch eine, die es sich zu stellen lohnt. Nun, ich erwarte von einem Frauenroman zuerst einmal eine gefühlsbetonte Grundatmosphäre. Ich erwarte eine Love Story, gerne auch ein wenig auf schlingerndem Kurs unterwegs. Dazu erwarte ich mehr oder weniger perfekte Protagonisten, die sich untereinander lieben, nicht lieben und dennoch nicht voneinander lassen können.

„Ellas Schmetterlinge“ ist das alles, es ist aber auch ganz anders. Zunächst einmal hatte ich nicht damit gerechnet, dass die Hauptperson, Miri, ein wirklich schwarzhumoriges Gemüt aufweist, das sie oft und gerne von der Leine lässt, weil es ihre Methode ist, mit der für sie in beinahe allen Belangen untragbaren Situation klar zu kommen. Besonders ihre ersten Begegnungen mit Ella, die quasi zu ihrem persönlichen Abziehbild dessen wird, was sie nie werden will, sind sehr witzig zu lesen.

Die bestimmende Beziehung in diesem Roman ist dann auch die zwischen den beiden jungen Frauen. Männer kommen zwar vor, auch in grundsätzlich wichtigen Rollen, sind aber doch etwas an den Rand gedrückt. Das gilt insbesondere für Jan, was im Kontext der Geschichte aber auch völlig sinnvoll ist, weil es das Defizit an Aufmerksamkeit, das Miri zu fühlen beginnt, nachfühlbar macht.

Was mich positiv überrascht hat war, dass die Geschichte sich nicht wie eine Abfolge von „sie liebt ihn, kann ihn aber nicht haben“ entfaltet, auch wenn der Titel des Romans zuerst in eine solche Richtung denken ließ. Was es mit den titelgebenden Schmetterlingen auf sich hat, erfährt der Leser erst relativ spät im Roman. Es handelt sich dabei um eine Theorie Ellas, die ich an dieser Stelle nicht verraten möchte – auch wenn es sich sicherlich lohnen würde, darüber zu diskutieren. Zum Glück bietet auch hier der Roman eine ganze Reihe von Interpretationsmöglichkeiten an.

Um beim Positiven zu bleiben: Sowohl die Sprache als auch das Erzähltempo des Romans sind mir sehr positiv aufgefallen. Eva-Maria Obermann hat einen sehr flüssigen, schnörkellosen und dadurch mitreißenden Stil, der an den passenden Stellen durch die eine oder andere lustige Metapher aufgelockert wird. Die Handlung ist, wie schon geschrieben, interessant und die Konflikte, die sich aufschaukeln, sind realitätsnah beschrieben. So entwickelt sich die Geschichte zu einem echten Pageturner.

Die eine oder andere Wendung wird für meinen Geschmack ein wenig zu früh angedeutet, im Fall der Veränderungen in Beziehung zwischen Miri und Jan ja sogar schon durch den Klappentext. Hier hätte ich mir mehr Raum für Entwicklungen gewünscht.

Dafür kommt speziell im letzten Fünftel einiges wirklich unerwartet, plötzlich und, das muss ich leider sagen, auch als Bruch mit dem bis dahin wirklich realistischen Setting daher. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, wie sich die Dinge entwickeln, aber gemessen an dem Davor ist es einfach auch rein mengenmäßig viel, was man als Leser einfach schlucken muss. Hier wirkt es leider so, als ob der Autorin gegen Ende noch einiges eingefallen wäre, was unbedingt noch in den Text musste, sie sich aber dem angepeilten Seitenzahlen-Limit bereits gefährlich angenähert hätte.

Ich kann mir allerdings vorstellen, dass andere Leser hier zu einem anderen Urteil kommen und diese Passagen als deutlichen Tempogewinn zum Showdown hin empfinden werden. Die Geschmäcker sind hier verschieden.

Das Ende löst dann alle offenen Fäden mehr oder weniger plausibel auf und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier deutlicher Raum für eine Fortsetzung gelassen wurde. Eine Fortsetzung, die ich mir, soviel kann ich sagen, wohl auch zulegen würde, weil ich einfach gerne wissen möchte, wie es mit Miri und Ella weitergeht.

Zeit, zu einem Fazit zu kommen. Ja, „Ellas Schmetterlinge“ ist das, was man als einen Frauenroman bezeichnet. Nein, das bedeutet nicht, dass man als Mann keinen Spaß damit haben kann. Denn: Zuerst einmal ist es ein wirklich gut und mitreißend geschriebener Roman. Abzüge in der B-Note gibt es wegen der, für mich, zu übereilten Wendungen zum Schluss hin. Aber bis dahin habe ich sehr viel ungetrübte Freude an diesem Werk gehabt.

Insgesamt komme ich damit auf sehr solide vier Sterne.


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.

Das Schreiben der Anderen: „O Tannenbaum (Codex Aureus 4)“ von Nike Leonhard

Man soll ja antizyklisch handeln in vielen Bereichen seines Lebens. Das hört man jedenfalls immer wieder. Dadurch soll es leichter sein, sich gewissen Dingen zu entziehen, weil man nicht mit anderen um die gleichen Ziele konkurriert und sich dadurch immer wieder in die Quere kommt.

Weihnachten ist ein Paradebeispiel für diese Vorgehensweise. Nachdem mit Sicherheit kein Radiosender dieses Landes darauf verzichtet hat, uns schonend darauf hinzuweisen, dass am Samstag in sechs Monaten Heiligabend sein wird, ist es jetzt eigentlich die beste Zeit des Jahres, um sich schon mal Gedanken wegen der Weihnachtsgeschenke zu machen.

Oder um eine Weihnachtsgeschichte zu lesen. Falls es denn wirklich eine ist. Nun, schauen wir mal.


Ein Buch mit einem Tannenbaum vorne drauf, gelesen im Juni. Warum eigentlich nicht? Schließlich ist es in vielen Romanen so, dass die Figuren Weihnachten, Ostern, Sommersonnenwende, Halloween oder irgendein obskures Ritual aus einer anderen Welt feiern, während wir am Strand liegen und schwitzen.

Dabei ist Velona, der Heldin dieser Geschichte, so gar nicht zum Feiern zumute. Denn Velona ist eine Dryade. Noch dazu eine sehr junge und unerfahrene Dryade. Und so kommt es für sie aus vollkommen heiteren Himmel, dass plötzlich Menschen in ihrem Zuhause auftauchen und Hand an ihren besten Freund, ihren Seelenverwandten legen.

Eine Dryade, für die, die es nicht wissen, ist eine Art Baumgeist, aber keine Fee. Sie geht eine besondere Form der Symbiose mit dem Baum ein, den sie dafür erwählt hat. Sie hegt ihn und beschützt ihn und versucht, ihn immer weiter gedeihen zu lassen. Geht es ihrem Baum schlecht, geht es auch ihr schlecht. Und wenn die Verbindung zu innig wird, kann sie sogar lebensbedrohend werden.

Aus dieser tiefen Bindung heraus schießt Velona auch alle Warnungen ihrer älteren Schwester in den Wind und klammert sich an den Baum, als er von den Menschen mit einem riesigen Metallungetüm aus dem Wald herausgebracht hat, in dem er gestanden hat. Sie landen in einer Art Baumgefängnis für so gut wie tote Bäume, die trotz ihrer Schwäche gefesselt werden. Ein schrecklicher Ort für die Dryade.

Die Welt um sie herum ist ihr vollkommen fremd – und sie ist alleine. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie keine Artgenossin um sich herum, die ihr helfen könnte. Dazu kommt die Schwäche. Mit Hilfe einer Ratte findet Velona etwas zu essen in einem nahestehenden Wald toter Bäume. Die Ratte ist es auch, die ein wenig Licht ins Dunkel dieses grauenhaften Ortes bringen kann.

Die Menschen kommen bei Tag in gefährlichen Monstern, den sogenannten Stinkekisten oder auch Stinksten. Diese Wesen spucken die Menschen aus, die sich einen Baum aussuchen, der gleich darauf samt der Menschen wieder von den Stinksten gefressen werden, bevor sie davon rauschen.

Und schneller, als es ihr lieb ist, gerät auch Velonas Baum ins Zentrum der Geschehnisse …

Mehr muss, nein, mehr möchte ich auch gar nicht von der Geschichte verraten. Denn diese ist wirklich sehr fantasievoll und schön geschrieben – trotzdem es nicht durchweg um ein schönes Thema geht. Der Titel und die kurz angerissene Handlung verdeutlichen, denke ich, schon ganz gut, mit welchem Szenario Velona konfrontiert wird.

Nike Leonhard selbst bezeichnet diesen vierten Band ihres Geschichtenzyklus „Codex Aureus“ als urbane Fantasy. Mir persönlich drängte sich beim Lesen verschiedentlich ein anderes Etikett auf, das man dieser Geschichte anheften könnte: „O Tannenbaum“ ist für mich ein Märchen. Ein streckenweise grimmiges Märchen, aber doch eine Erzählung, die sich auch unter den Klassikern der märchenhaften Erzählkunst nicht fehl am Platze fühlen müsste.

Dafür spricht natürlich zunächst die Hauptperson selbst. Der kleine Waldgeist bringt schon für sich genommen eine Sichtweise auf die Welt in der wir leben mit, die sich stark von der unterscheidet, die wir selber aufwenden können, um uns zurecht zu finden. Dazu kommt noch eine nicht ganz unwichtige Besonderheit: Velona ist, nach den Maßstäben ihres Volkes, noch ein Kind, eine ganz unerfahrene Dryade. Das hat sie mit den Protagonisten vieler Volksmärchen gemein, deren Hauptpersonen auch Kinder oder zumindest Menschen mit einem kindlichen Gemüt sind.

Der Schreibstil passt sich dieser Erzählform an. Die Begegnungen, die Velona mit Tieren und Menschen hat, werden direkt, relativ schnörkellos und auf diese Weise leicht und fließend erzählt. Die Fortschritte, welche die Dryade dabei macht, das Geschehen zu begreifen, sind logisch aneinander gereiht und – sehr wichtig, wie ich finde – so auserzählt, dass man auch dann mitfiebert, wenn aufgrund der eigenen Erfahrungen und des allgemeinen Settings eigentlich schon klar ist, was eigentlich gerade passiert.

Handelt es sich nun bei „O Tannenbaum“ um eine Weihnachtsgeschichte? Ja – und doch wieder nicht. Denn in der Tat geht es hier auch um Themen, die das ganze Jahr über ihre Bedeutung haben. Liebe fällt einem da als erstes Stichwort ein, denn eine bedingungslosere Liebe als die zwischen einer Dryade und ihrem Baum wird man wohl nur schwerlich finden. Aber auch andere Aspekte, die ich jetzt nicht gerne verraten möchte, kann man in dieser Geschichte entdecken.

Beim Lesen schwebte mir die ganze Zeit ein Bild vor den Augen, für das ich den Begriff „Märchen“ noch einmal aufgreifen möchte. Ich stelle mir vor, wie diese etwas andere Weihnachtsgeschichte auf Kinder wirken würde. Und ich kam zu dem Schluss, dass es insbesondere eine Szene gibt, die mich stutzen lässt, ob „O Tannenbaum“ kindgerecht ist. Und nein, ich meine damit nicht das Ende, das im Stile vieler Märchen ein wenig ambivalent daher kommt. Stichwort: Rache.

Wenn hier nur ein klein wenig entschärft würde, entstünde ein wirklich tolles Weihnachtsmärchen, das man auch kleineren Kindern erzählen kann. Vielleicht möchte die Autorin hierüber ja noch einmal nachdenken und eine entsprechende Version als Ergänzung nachschieben. Zeit wäre noch, es ist ja erst Juni.

Als Fazit bleibt mir nur zu sagen, dass ich mich auch mit diesem Teil des Codex Aureus wieder sehr gut unterhalten gefühlt habe. In Anbetracht des geringen Preises, der für diese Geschichte aufgerufen wird, sehe ich keinen Grund, nicht zum Kauf zu raten. Ich bin gespannt, was Nike Leonhard als nächstes einfallen wird!


Unter dem Label „Das Schreiben der Anderen“ veröffentliche ich Rezensionen, die ich zu Romanen von Autoren geschrieben habe, mit denen ich in den Sozialen Netzwerken oder auf andere Weise verbunden bin. Es handelt sich hierbei ausdrücklich nicht um Gefälligkeitsbesprechungen. Dies wäre nicht in meinem Sinne und auch nicht im Sinne der Autoren, die ich bespreche.

Alle Besprechungen erscheinen, ggf. in leicht abgeänderter Form, auch bei Amazon. Die Bewertung orientiert sich am dortigen Wertungssystem.