„Vintage“ – Meine Geschichte zur sechsten Clue Writing Challenge

Mit dem Projekt Clue Writing verbindet mich ja, wie der eine oder die andere sich vielleicht noch erinnert, einiges. Schließlich erschien meine erste abgedruckte Kurzgeschichte seinerzeit im Band „Schmerzlos“ und wurde darüber hinaus sogar vertont.

Deswegen war es quasi Ehrensache, dem neuen Aufruf der grandiotastischen Clue Writer Rahel und Sarah zu folgen und einen Beitrag zur neuen, inzwischen sechsten, Clue Writing Challenge zu verfassen.

Was ist die Challenge? Nun, klassischer Weise werden eine Anzahl von Wörtern vorgegeben, die sogenannten Clues, die man dann in einer Geschichte verarbeiten muss. Als ich vor zwei Jahren bei der vierten Auflage der Challenge mitmachte, keine Ahnung, wieso ich die fünfte ausgelassen habe, musste man eine Geschichte passend zu einem vorgegebenen Titel schreiben. Das Ergebnis findet ihr hier.

Diesmal dreht sich alles um ein Bild, das ich euch hier zeigen darf:

Es geht darum, dass das Bild quasi als eine Art Titel für die zu schreibende Geschichte fungiert. Nun, ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht und kann euch deswegen heute das Ergebnis meiner Bemühungen präsentieren.

Deswegen wünsche ich euch jetzt viel Spaß mit „Vintage“ und ich würde mich freuen, wenn ihr ein wenig Spaß daran habt.


Vintage

Mit einem leisen Geräusch zieht Vic irgendwo in meiner Nähe ihre Kreise. Ich kann sie nicht sehen, gebe mir aber auch keine große Mühe, sie aufzuspüren. Meine Konzentration gilt dem Buch, das aufgeschlagen auf der Beuge meines rechten Beins liegt.

Überwiegend leere Seiten. Nicht viel mehr als leere Seiten und verloren hingeworfene Skizzen aus wenigen Worten sind in diesem Buch zu finden. Wertlos, so könnte man denken. Aber für mich ist es alles andere als das. Sein Wert erschließt sich nicht durch das Äußere, sondern mehr durch die inneren Werte.

Ich seufze, als die müden Knochen sich melden. Wie lange sitze ich denn jetzt schon auf dem morschen Baumstumpf? Ich könnte Vic fragen, aber ich möchte sie nicht rufen. Das würde den Moment, die Ruhe des Augenblicks stören.

Eigentlich ist es mir sowieso nicht recht, dass sie bei mir ist. Aber sie lässt sich nicht abschütteln. Wann immer ich auch versucht habe, sie loszuwerden, taucht sie binnen weniger Minuten auf und ich kann mich noch freuen, wenn sie mir keine Standpauke hält. Eine Standpauke – ausgerechnet von Vic!

Meine Kopfhaut juckt. Ich lasse den Stift sinken und kratze mich an der Stelle, wo es am schlimmsten ist, durch den langen, braunen Haarschopf hindurch. Der Pferdeschwanz fällt mir sanft über die Schulter. Ich kann den Duft, der von ihm ausgeht, riechen.

Aber zurück zum Buch. An manchen Tagen ist es ganz einfach, etwas hinein zu schreiben. Dann wieder, so wie heute, tue ich mich unglaublich schwer damit. Dabei tollen in meinem Kopf die Worte nur so vor sich hin, überschlagen sich beinahe mit ihren Purzelbäumen und geistern wie lebendige Fackeln auf der Innenseite meiner Augen vorbei.

Es ist, als müsse ich nur einen Weg finden, sie aus meinem Kopf in die Hand zu leiten, die den Bleistift hält. Den Stift mit dem großen Radiergummi an seinem Ende, das ich viel zu häufig verwenden muss, weil die Worte eben nicht den Weg finden und ich nicht mehr als einen schalen Abklatsch davon produziere.

Die Sonne scheint zwischen den Bäumen hindurch und wärmt mein Gesicht. In meinem langärmligen Rollkragenpulli ist es fast zu warm für dieses Frühlingswetter. Aber ich kann da nicht wählerisch sein. Er tut seinen Dienst bei jeder Jahreszeit. Dasselbe lässt sich von der Jeans behaupten, die am Hintern schon ein wenig durchgescheuert ist, vom langen Sitzen auf dem Baumstumpf.

Ein leises Rascheln ertönt links von mir. Mürrisch lasse ich den Stift wieder sinken und schaue nach. Aber es ist nichts zu sehen. Vic? Ob sie es ist?

Ich weiß gar nicht so genau, was sie eigentlich da draußen treibt. Wenigstens hat sie mich, bis jetzt jedenfalls, noch nicht verraten. Aber sicher sein kann ich mir da nie. Loyalität ist zwar eine der, angeblich, großen Stärken von Vic, aber wem diese Loyalität gilt, das ist zumindest fragwürdig.
Ob ich sie suchen soll? Unsinn. Ich brauche sie nur zu rufen und sie kommt zu mir. Aber das würde das Gefühl zerstören. Und es ist doch so wichtig, wenn ich doch noch ein paar Worte zu Papier bringen will.

Ich setze den Stift wieder an und überlege. Soll ich etwas über die Natur schreiben? Über ihr Wirken hier im Wald, als Gegenentwurf zu dem wenigen, das die Städte an Natürlichem bereithalten?

Ich wippe mit den Füßen, weil ich mich nicht entscheiden kann. Ein wenig mutlos blättere ich durch die Seiten meines Buchs. Dabei stelle ich, nicht zum ersten Mal, erschrocken fest, dass nur noch wenige Seiten wirklich jungfräulich weiß sind. Auch wenn ich viele vergebliche Versuche wegradiere, so sind die Spuren, welche die falschen Worte hinterlassen haben, doch sichtbar. Und auf einer Seite, die bereits von der Unzulänglichkeit meiner Inspiration befleckt wurde, mag ich keine schönen Worte schreiben.

Schnell zurückblättern zu einer der weißen Seiten. Wieder den Stift ansetzen. Auf die innere Stimme hören. Ausblenden, dass Vic ganz in der Nähe ist und mich beobachtet. Oder halt, vielleicht blende ich es ja doch nicht aus, sondern versuche, es mir zunutze zu machen!

»Vic, komm doch mal her!«, rufe ich. Ich muss nicht lange warten, dann erscheint sie links von mir auf der kleinen Lichtung, auf der ich sitze. Sie sagt nichts, was ich ihr hoch anrechne. Vielleicht ist sie, trotz allem, ja doch für die Stimmung empfänglich, die herrscht.

Ich wende mich ihr zu und ringe mir ein Lächeln ab. Vic kann mir behilflich sein, aber eigentlich passt sie überhaupt nicht hierhin.

»Kannst du vielleicht ein Foto von mir machen und es mir dann zeigen?«

»Natürlich«, kommt die Antwort, die doch tatsächlich ein ganz klein wenig eingeschnappt klingt. So, als wolle sie sagen, ich soll sie doch bitte mit diesen Kinkerlitzchen zufriedenlassen.

Aber wenigstens tut sie, worum ich sie gebeten habe. Mit einem leisen Klicken wird das Bild gemacht und ehe ich bis drei zählen kann, hält sie es mir auch schon vor die Nase.

»Hier, bitte.«

»Danke!«

Ich betrachte mich, wie ich auf dem Stumpf sitze. Es ist eine wirklich schöne Momentaufnahme geworden. Die Sonne fällt genau im richtigen Winkel auf das Buch in meiner Hand. Ich halte den Stift so, als sei ich gerade dabei, wirklich Großartiges zu erschaffen. Und auch mein Gesichtsausdruck, entspannt und doch inspiriert, passt sich dem an. Ich sehe wirklich aus, als sei ich eine Dichterin.

»Gefällt es dir?«, fragt Vic. Ich bin erstaunt. Normalerweise ist es ihr ziemlich egal, was ich denke. So viel Anteilnahme an meinem Leben zeigt sie nicht, obwohl sie ständig bei mir ist.

»Es ist wunderschön«, sage ich. Und dann beginne ich, aufzuschreiben, was ich vor mir sehe. Plötzlich ist es ganz einfach, Worte zu finden, die sich richtig anfühlen. Ich traue mich sogar, die leichten Unregelmäßigkeiten in meinem Teint festzuhalten. Etwas, worüber ich nie im Leben, nicht einmal bei Androhung von Strafe, öffentlich reden würde. Es den Seiten anzuvertrauen, ist dagegen leicht.

Vic ist die ganze Zeit an meiner Seite und zieht es nun wieder vor, zu schweigen. Ob es Zurückhaltung ist, weil auch sie die Wichtigkeit dieses Moments erkennt?

Schließlich habe ich auf guten drei Seiten mein Bild beschrieben. Das Bild einer jungen Frau mit langen Haaren, in bequemer Alltagskleidung, die auf einem Baumstumpf sitzt und in ein Buch schreibt. Ein Bild, wie es alltäglicher nicht sein könnte und wie es doch heutzutage viel zu selten ist.

»Danke, Vic, du kannst das Bild abschalten.«

Sie kommt der Aufforderung nach. Ein leises Piepen ertönt. Das muss der Alarm sein, den ich gestellt habe.

»Ich sollte dich daran erinnern, dass du heute Abend eine Verabredung mit Pearl und Serena hast«, sagt Vic, die sich in meinem Kalender besser auskennt, als ich es tue.

Wieder seufze ich. »Du hast Recht. Zeit, aufzubrechen.«

Ich stehe auf, strecke mich noch einmal und lege zunächst Buch und Stift auf den Stumpf. Dann greife ich mir in die Haare und ziehe mit einem Ruck die Perücke vom Kopf. Fast schlagartig hört das Jucken auf. Ich fahre mir mit einer Hand über die kahle Kopfhaut und genieße die Berührung.

Als Nächstes nehme ich die Ohrringe ab und lege sie zu den Haaren neben das Buch. Mit wenigen Handgriffen fallen erst der Pullover und dann die Jeans. Mit den Schuhen habe ich ein wenig Mühe, weil sie mir eigentlich zu klein sind. Aber Bessere habe ich nicht auftreiben können.

Schließlich stehe ich nackt und bloß im Sonnenlicht. Aber außer Vic ist niemand hier, der mich sehen könnte. Sie hätte ansonsten seine Anwesenheit schon längst bemerkt.

Ich nehme die Sachen und gehe ein paar Schritte zum Rand der Lichtung. Dorthin, wo ich vor einigen Monaten den ausgehöhlten Baumstamm entdeckt habe. Zuerst hole ich meine Anziehsachen hervor, deren metallene Beschläge leise gegeneinander schlagen und den Overall zum Klingeln bringen. Dann lege ich, ganz vorsichtig, meine Schätze in die Höhlung und vergesse auch nicht, sie mit der bereitgelegten Decke gut und witterungsgeschützt abzudecken.

Während ich mich in den Overall winde, der meinen Körper von den Zehenspitzen bis zum Hals bedeckt, schaue ich mich noch einmal um. Die Lichtung ist noch dieselbe und doch wirkt sie ganz anders, wenn ich mich nicht zurechtgemacht habe.

»Es wird wirklich Zeit, Mags«, sagt Vic. Sie schwebt in etwa zwei Metern Entfernung auf Augenhöhe vor mir und schaut mich mit dem kalten Blick ihrer Kamera an. Wieder frage ich mich, wem ihre Loyalität gilt. Mir, der sie bei meiner Geburt zur Seite gestellt wurde, oder doch der sogenannten Gesellschaft, die am liebsten all das, was einmal wichtig war, für immer aus dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit tilgen würden. Dinge wie individuelle Kleidung, wie modische Frisuren. Wie Bücher.

Vintage halt.

Mit einem letzten Blick verlasse ich meine Lichtung. Wann ich wiederkommen kann, weiß ich noch nicht. Aber ich freue mich jetzt schon auf das Wiedersehen.

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Eine Welt formt sich in meinem Kopf

Ich habe meine Entscheidung getroffen: Falls ich jetzt nicht noch irgendwie unvorhergesehen krank werde oder einen Unfall habe, der mich vom Schreiben abhält, werde ich beim Literaturwettbewerb von Clue Writing, Überschrift „Schmerzlos“, teilnehmen. Da dort die Möglichkeit besteht, sowohl in einem eBook, als auch in einem Printbuch, als auch als Hörbuch zu erscheinen, wenn man gewinnt, wäre eine Nicht-Teilnahme beinahe schon fahrlässig.

Zumal ich spontan eine Idee hatte, was ich schreiben könnte. Und jetzt ist das passiert, was leider nicht so oft passiert: Mehrere Ideen haben damit begonnen, sich zu einer ganzen Welt in meinem Kopf zu verbinden!

Altgediente Mitleser erinnern sich wahrscheinlich noch an die Zeit, als es hier regelmäßig eine Kurzgeschichte zu lesen gab, die meistens auf den Schreibaufgaben von Hanna Mandrello (lange nichts gehört, ich hoffe, es geht dir gut!) fußten.

Im Rahmen dieser Aufgaben habe ich zwei Geschichten geschrieben, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hatten. Es handelt sich dabei um die Stories „Abschnitt 238/a“ und „Jupiters Moorland“.

In der einen der beiden Geschichten ging es darum, dass eine Grenzwache von einem Haufen Angreifer, der offensichtlich von einer herrschenden Klasse unterdrückt wird, überrannt wird, nachdem diese verzweifelten Menschen sich endlich zum Angriff entschlossen haben.

Die andere Geschichte zeigte einen Philosophen, der darauf stößt, dass das seine Welt beherrschende Konkordat ein verbrecherisches Regime ist, dem kein Menschenleben etwas gilt.

Heute fragte ich mich, nicht zum ersten Mal übrigens, ob diese beiden Geschichten nicht vielleicht mehr gemeinsam haben, als ich es ursprünglich vorhatte. Und jetzt kommt Geschichte Nummer drei ins Spiel. Die, die ich für die Ausschreibung schreiben werde. Ich habe beschlossen, dass diese ebenfalls in der Welt von „Abschnitt 238/a“ und „Jupiters Moorland“ spielen wird. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit, aber mitten hinein in die dort angerissenen Spannungsfelder.

Dadurch, dass die drei Geschichten nicht als Einheit geplant waren, gibt es kleinere Widersprüche in den Bezeichnungen. Aber das ist nichts, was ein geübter Autor nicht aus der Welt kritzeln könnte ;-).

Und so sitze ich jetzt hier und kann mich kaum konzentrieren, weil mir Geschehnisse und Handlungsfäden durch den Kopf gehen, für die es noch viel zu früh ist. Nichts davon soll verloren gehen, aber alles davon aufzuschreiben, wäre auch verfrüht.

Im Moment weiß ich nur eins: Selbst wenn es bei dem Wettbewerb nicht für einen Gewinn reichen sollte, hat er mir die Vorlage für einen großangelegten dystopischen Roman geliefert. Vielleicht sogar für einen Mehrteiler.

Und hier für die, die noch einmal ihre Erinnerung an die beiden Geschichten, die es schon gibt, auffrischen, oder die sie neu entdecken wollen, die Direktlinks dorthin:

Abschnitt 238/a                  Jupiters Moorland

‚Der Kinobesuch der alten Dame‘ – Mein Beitrag zur 4. Clue Writing Challenge

Auf verwinkelten Wegen wurde ich darauf aufmerksam, dass auf der Seite www.cluewriting.de eine Challenge läuft, bei der es darauf ankommt, passend zu einem Titel eine Geschichte zu schreiben. Diese veröffentlicht man dann auf seinem Blog und teilt sie somit mit den Clue Writern und allen Beteiligten.

Ich habe ewig keine Kurzgeschichte mehr auf dem Blog gehabt. Alleine das wäre also schon ein Grund gewesen, mitzumachen. Aber auch das Format, gezielt auf einen Titel hin zu schreiben, hat mir gefallen. Es erinnerte mich an die Zeit, in der ich beinahe jede Woche eine Schreibaufgabe erfüllt habe, die Hanna Mandrello auf ihrem Blog gestellt hat.

Die Vorgaben besagten, dass neben des Titels mal wieder eine Zielvorgabe einzuhalten war, was die Wortzahl angeht. Maximal 1.700 Wörter durfte die Geschichte haben. Mit viel Kürzungseifer habe ich es geschafft, mich auf 1.699 Wörter zu beschränken. Falls Papyrus richtig gezählt hat. Wovon ich jetzt einfach mal ausgehe.

Ihr sehr also, einiges an Lesestoff. Und mal wieder etwas stilistisch anderes als sonst. Ich wünsche euch nun viel Spaß mit ‚Der Kinobesuch der alten Dame‘!


Es war ein trauriger Tag, der das Ende ›meines‹ Kinos sah, in dem ich so viele Freunde meiner Kindheit getroffen hatte. Das Wetter hatte sich dem Anlass angepasst. Es schüttete und ich sah zu, dass ich mich unter das schützende Vordach rettete.

Die Schließung des Kinos stand unwiderruflich fest. Soweit ich wusste, hatte der Eigentümer des Gebäudes schon einen Nachmieter. Egal, was der daraus machen würde, es wäre nie wieder so wie im ›Roxy‹.

Außer mir stand nur noch eine alte Frau am Kassenhäuschen.

»Es ist eine Schande!« Sie seufzte. »Jedes Mal, wenn so eine Institution schließt, habe ich das Gefühl, meinen eigenen Tod näherkommen zu hören.«

»Dann drehen Sie sich jetzt besser nicht um«, antwortete der Verkäufer.

Natürlich tat sie genau das und musterte mich ungeniert. »Sie sehen nicht wie der Tod aus.«

Ich lächelte. »Das beruhigt mich.«

Sie setzte die Musterung fort. »Arbeiten Sie hier? Ich habe Sie hier noch nie gesehen.«

Der Verkäufer erklärte: »Nee, der ist auch ein Nostalgiker, wie Sie einer sind.«

»Ach, Sie kommen öfter hierher?«

Die alte Frau, oder vielleicht sollte ich sie besser als Dame bezeichnen, hatte etwas an sich, das mir gefiel. Es war diese besondere Art der freundlichen Neugierde, die manchen alten Menschen zu eigen ist und für die man ihnen ganz einfach nicht böse sein kann.
»In letzter Zeit nicht mehr so oft, muss ich gestehen.«

Sie nickte wissend. »In letzter Zeit ist niemand mehr oft hierher gekommen. Alle schauen sich nur noch diese 3D-Filme in Ultra High Density und mit Dolby Digital an.«

Ich war überrascht. Die Jugend geht ja immer davon aus, dass die älteren Generationen in manchen Sachen noch hinter dem Mond leben. Aber die alte Dame kannte sich anscheinend mit modernen Kinos aus.

Der Verkäufer schaute auf seine Uhr. »Habt ihr jetzt vor, an der frischen Luft zu plaudern, oder wollt ihr euch die letzte Vorstellung ansehen?«

»Junger Mann, was glauben Sie, wofür mein Freund und ich hierher gekommen sind? Zwei Karten bitte.«

»Nein, warten Sie«, begann ich. »Ich bezahle meine Karte selbstverständlich selbst.«
»Sie werden mich entweder Ihre Karte zahlen lassen, oder ich werde gleich hier tödlich beleidigt auf dem Bordstein zusammenbrechen.« Sie blinzelte mir verschwörerisch zu. »Wollen Sie am Ende doch mein Tod sein?«

Da stand ich nun, einer von zwei Besuchern. Wir beide schienen dieses Kino geliebt zu haben und waren uns doch niemals hier begegnet. Und nun, da es schloss, trafen wir uns und ich wurde von dieser alten Dame zum Filmgenuss eingeladen.

Den gezeigten Film hatte die Kinoleitung bewusst offen gelassen. Es gab eine Überraschungsvorstellung. Vielleicht hatte man darauf gehofft, damit noch einmal Besucher anlocken zu können.

Der Plan war nicht aufgegangen.

Ich öffnete der alten Dame die Eingangstür ins Foyer und sie schlüpfte vor mir hindurch.
Innen empfing uns der Muff der Jahrzehnte, gepaart mit dem Geruch der letzten paar Süßigkeiten, die es hier noch zu erwerben gab. Die Popcornmaschine etwa hatte man schon abgebaut. Eine Eistruhe gab es auch nicht mehr. Heute würde niemand kommen und wie in meiner Kindheit vor dem Hauptfilm fragen, ob noch jemand ein Eis kaufen wolle.

Ich löste mich aus meinen Erinnerungen und fragte meine Begleiterin: »Darf ich Ihnen etwas zu trinken kaufen?«

»Ein Wasser wäre nett, junger Mann. Aber nicht so einen großen Becher, bitte. Meine Blase, Sie verstehen?«

Bei der Bedienung hinter dem Tresen mit den Snacks orderte ich einen mittleren Becher Wasser und einen großen Becher Cola. Die Frau war sogar noch gleichgültiger, als es der Mann an der Kasse gewesen war.

Konnte das sein, dass den Angestellten der Verlust ihrer Arbeitsplätze völlig egal war? Die kommende Arbeitslosigkeit musste doch irgendeinen Eindruck bei ihnen hinterlassen.
Kopfschüttelnd ging ich zurück zu meiner Begleitung.

»Na, haben Sie sich gut unterhalten?«

»Ich verstehe diese Menschen nicht«, sagte ich. »Das muss doch irgendwas in denen auslösen, dass all das hier morgen nicht mehr da sein wird!«

Sie seufzte wieder und ihr Blick schien einen Punkt irgendwo hinter mir zu fixieren. »So ist es immer, junger Mann. Erst ist etwas wunderschön und man denkt, es wird für immer bei einem sein. Dann gewöhnt man sich daran und irgendwann, ehe man es merkt, wird es selbstverständlich. Und wenn es das erst einmal geworden ist, dann ist es einem schlussendlich auch egal, wenn man es verliert.«

Mir lag schon eine schnelle Antwort auf der Zunge, als ich stutzte. Denn ich merkte, dass das, was die Dame gesagt hatte, sich nicht nur auf dieses Kino anwenden ließ, sondern auf so ziemlich alles passte, was es zu erleben gab.

»Entschuldigen Sie, wenn ich so direkt frage«, begann ich, »aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie das nicht nur so dahingesagt haben.«

»Sie haben recht.« Die alte Dame grinste verschmitzt und kniff doch tatsächlich ein Auge zu. »Ich entschuldige.«

Sie nahm mich beim Arm und führte mich in einer Verkehrung der Normalität zum Eingang des großen Saals. Als wir den Saal betraten, wurde mir die Trostlosigkeit dieses Abschieds noch einmal so richtig bewusst. Hier hätten einhundert Menschen Platz gefunden. Aber alle Plätze waren leer.

»Wo möchten Sie sitzen?«, fragte ich die alte Dame.

»Nun, junger Mann, für die letzte Reihe ist unser Altersunterschied wohl ein wenig zu groß.« Sie lachte kurz auf. »Ich habe es immer bevorzugt, mittig im Saal zu sitzen.«

Ich führte sie also an die gewünschte Stelle und wir ließen uns in die Sessel sinken.
Ich ließ ein letztes Mal meinen Blick schweifen. Sah ein letztes Mal bewusst die renovierungsbedürftige Tapete an den Seitenwänden. Ein letztes Mal den ein wenig speckigen Teppich. Atmete einmal tief ein und aus, wobei ich glaubte, den Geruch der Jahrzehnte in mich aufzunehmen.

»Wollen wir wetten, was für ein Film gezeigt wird? Das heißt, falls Sie mit Ihrer Inventur fertig sind.«

»Gerne«, antwortete ich. »Sie dürfen anfangen.«

»Nein, junger Mann, ich bestehe darauf, dass Sie den ersten Tipp abgeben.«

Innerlich zuckte ich die Achseln. Dann begann ich, nachzudenken. Welcher Film konnte wohl geeignet sein, eine Ära zu beschließen? Eine Ära, die anscheinend außer der alten Dame und mir niemand als eine solche wahrzunehmen in der Lage war?

»Vielleicht ›Honig im Kopf‹«, spekulierte ich. »Kennen Sie bestimmt, das ist der Film mit dem Hallervorden, und …«

»Kenne ich. Es gehört zum guten Ton in meinem Alter, den gesehen zu haben.« Sie lachte kurz. »Leider liegen Sie vollkommen falsch.«

»Ach?«

»Ja. Es gibt nur einen Film, der dafür geeignet ist, ein Kino wie das ›Roxy‹ in den Ruhestand zu schicken.«

»Sie machen mich neugierig.«

»Ich bin bereit, die Rente des kommenden Monats darauf zu setzen, dass wir gleich ›Wenn die Gondeln Trauer tragen‹ sehen werden.«

»Einen Horrorfilm?«

»Der Film ist nur vordergründig ein Horrorfilm«, erklärte sie mir. »Hintergründig geht es um das Sehen als solches, um das visuelle Erleben. Der Film balanciert an der Schnittkante zwischen Autorenfilm und Mainstream.«

Da waren wieder diese Fachausdrücke und Worte, die ich von einer Frau dieses Alters nicht erwartet hätte. Ich räusperte mich und wagte endlich zu fragen: »Entschuldigung, aber kann es sein, dass Sie selbst einmal in einem Kino gearbeitet haben?«

»Viele Jahre lang«, sagte sie, bedächtig nickend.

Die Art, wie sie davon sprach, machte deutlich, dass die alte Dame immer noch jene Art von Schmerz spürte, der den Angestellten dieses Kinos vollständig fehlte.

»Sie werden das Kino nicht kennen«, sagte sie schließlich. »Es ist das am Hinterausgang des Hauptbahnhofs.«

Ich legte die Stirn in Falten. Seit wann war denn am Hinterausgang des Hauptbahnhofs ein Kino? Sie musste sich irren. Wahrscheinlich hatte sie nicht mitbekommen, dass ihr ehemaliger Arbeitsplatz irgendwann in den letzten Jahren geschlossen worden war.

»Ich kenne dort kein Kino«, sagte ich vorsichtig. »Bis wann haben Sie denn dort gearbeitet?«

»Wir zeigten ›Wenn die Gondeln Trauer tragen‹ als das Kino umgewidmet wurde. Das war 1985 und danach habe ich noch fast acht Jahre dort gearbeitet. Ich war Mädchen für alles, habe genauso an der Kasse gesessen, wie den Saal geputzt.«

»Bei Ihnen klingt es so, als würde es das Kino noch geben.«

»Stimmt, es gibt dieses Kino auch noch. Umgewidmet eben.«

Ich zermarterte mir das Hirn, ging in Gedanken die Straßen auf und ab. Und dann blieb ich gedanklich an einem schmuddeligen Eckhaus hängen.

»Da gibt es doch nur dieses …«

»Pornokino!«, versetzte die alte Dame mit hartem Zungenschlag und ohne mit der Wimper zu zucken. »Sprechen Sie das Wort ruhig aus.«

»Und dort haben Sie …«

»Dort habe ich gearbeitet, seit es noch das Bahnhofskino war. Sie kennen Bahnhofskinos, junger Mann?«

Ich nickte. »Ja, die kenne ich.«

»Auch so eine Art Programmkino und ebenso aus der Zeit gefallen, wie es dieses Kino auch ist, in dem wir nun sitzen und ein wenig miteinander fachsimpeln.«

Ich konnte und wollte mir die nette Frau nicht vorstellen, wie sie in einem Pornokino den Saal reinigte.

»Schauen Sie nicht so schockiert, mein Guter! Auch diese Sorte Kino hat ihre Berechtigung.«

»In der heutigen Zeit …«

»Sie würden sich wundern!«

Jetzt schaute ich nicht nur schockiert, jetzt fühlte ich mich auch so. »Ja, gehen Sie denn etwa immer noch dorthin?«

Die alte Dame zwinkerte mir verschwörerisch zu. Und während ich noch versuchte, herauszufinden, ob sie mir einen Bären aufbinden wollte, wurde das Licht im Saal dunkel und der Film begann.

›Wenn die Gondeln Trauer tragen‹ – natürlich.

Irgendwann mitten im Film stand die alte Dame auf und raunte mir zu, dass sie das Wasser vielleicht doch zu schnell getrunken habe. Ich wartete vergeblich auf ihre Rückkehr.

Schließlich, noch vor dem Abspann, verließ auch ich das Kino, um nachzusehen, ob ihr vielleicht etwas passiert war. Als sie auf mein Rufen nicht antwortete, schickte ich die immer noch teilnahmslose Verkäuferin nachschauen. Aber die alte Dame war nicht auf der Toilette.

Wie mir der Kartenverkäufer später erzählte, hatte die alte Dame das Kino ohne mich verlassen. Und erst da wurde mir bewusst, dass weder ich mich ihr, noch sie sich mir vorgestellt hatte.

Die alte Dame sah ich nie wieder. Vielleicht, wenn ich in die Nähe des Kinos am Hintereingang des Hauptbahnhofs gegangen wäre …

Seitdem war ich nicht mehr oft im Kino. Ich kann mit diesen Multiplexen nicht viel anfangen. Aber noch heute halte ich Ausschau nach ihr. Nach der alten Dame, die so viel über das Kino wusste. Das Kino, das sie zeit ihres Lebens geliebt haben musste.

Eros und Thanatos – Ein liebevolles Ende

Hallo zusammen!

Ich hoffe, ihr alle habt die ersten beiden Weihnachtstage gut überstanden! Bei mir setzt am zweiten Feiertag immer die Ruhe nach dem Sturm ein, was sich gut anfühlt. Was auch dringend gebraucht wird.

Und um mir noch ein wenig mehr Ruhe zu verschaffen, möchte ich heute endlich die Geschichte veröffentlichen, die mir in den letzten zwei Wochen doch einiges zu schaffen gemacht hat. Ihr wisst schon, die, die auf Hannas Schreibaufgabe zurückgeht, und in der Sex und Tod so nahe beieinander liegen.

Ich möchte gar nicht mehr viele Worte verlieren, weil die Geschichte so lang ist. Aber auf Feedback wäre ich gespannt – vor allem in Hinblick darauf, dass ich diese Story ohne Titel veröffentliche. Wer einen guten Vorschlag hat, der/die möge sich gerne berufen fühlen, ihn mir in den Kommentaren mitzuteilen!

Nachtrag: Inzwischen hat die Geschichte ihren endgültigen Titel erhalten :-)!

Ein Hinweis noch: Die Geschichte ist stellenweise wirklich explizit. Deswegen möchte ich allen Minderjährigen, deren Erziehungsberechtigten und auch prüden Zeitgenossen empfehlen, sie vielleicht besser auszulassen.

Allen anderen wünsche ich viel Spaß damit!


Eros und Thanatos – Ein liebevolles Ende

Langsam drehte sich Desiree Beyer vor dem breiten, körperhohen Spiegel im Schlafzimmer ihrer Stadtvilla im Kreis. Sie warf prüfende Blicke auf das Spitzenensemble aus sündigem Rot, das sie trug. Sie hatte es angezogen, um ihrem Mann eine Überraschung zu bereiten, die er niemals vergessen würde. Die zu vergessen er überhaupt keine Chance hatte!

Der täglichen Arbeit im Fitnesskeller des Anwesens verdankte sie, dass sie auch mit Mitte Fünfzig Reizwäsche tragen konnte, ohne darin wie die Karikatur eines jungen, verführerischen Dings auszusehen. Ihre Beine verliefen straff unter den Strümpfen, die oben an dem Spitzenkorsett befestigt waren, das ihre dünne Taille ebenso betonte wie ihre Brüste, die halboffen in den Körbchen ruhten. Zwischen den Strümpfen und dem Korsett trug sie einen halb durchsichtigen Slip, der mehr zeigte, als er verbarg. Passend zu ihrer Kleidung hatte Desiree sich in sanften Rot- und Rosétönen geschminkt. Dazu steckte die Blüte einer roten Rose in ihrem Haar.

Bald würde Alois nach Hause kommen! Wenn er nicht schon bei ihrem Anblick auf die Knie sank, dann würde sie später dafür sorgen, dass er vor ihr zu Boden ging!

Desiree trat an die Fenster und ließ die Jalousien nach unten. Danach entzündete sie die Kerzen auf den Fensterbänken, die einen betörenden Duft erzeugten. Sie lächelte. Alles war bereitet für die große Überraschung. Das hieß: fast alles.

Auf einem Beistelltisch stand ein Champagnerkübel mit einer hervorragenden Flasche darin. Davor standen drei Gläser. Desiree beachtete die Gläser für den Moment nicht weiter, sondern öffnete die oberste Schublade des hinter dem Tisch stehenden Highboards. Ihm entnahm sie einen schmalen Tablettenblister. Mit einem Lächeln legte sie ihn in das mittlere der Gläser.

Draußen, vor dem Haus, hörte sie das Geräusch der Reifen, die durch das Gewicht des SUV tief in den Kies gedrückt wurden. Es verklang, als Alois den Porsche in die Garage setzte. Das neuste Spielzeug auf seiner Jagd nach der eigenen Jugend.

Alles wie immer. Alles normal.

Noch einmal sah Desiree in den Spiegel. Sie warf sich selber eine Kusshand zu. Sie war bereit!

Sie öffnete die Tür des Schlafzimmers und trat in den oberen Flur ihres zweistöckigen Hauses. Soeben wurde unten der Schlüssel ins Schloss gesteckt und gedreht. Alois kam herein, schloss die Tür und blieb dann, wenn sie die Geräusche richtig deutete, einfach stehen.

»Desiree?«, rief er heiser. »Bist du da?«

Nein, wollte sie am liebsten antworten. Einbrecher sind in unser Haus eingedrungen und haben überall auf dem Dielenboden Rosenblüten verstreut!

»Hier oben!«, antwortete sie stattdessen. Sie gab sich ganz besondere Mühe, den richtigen Tonfall zu treffen. »Komm doch einmal zu mir hinauf.«

Alois brummte etwas Unverständliches. Dann sprach er lauter: »Warum kommst du denn nicht her? Das war wieder ein Tag, sage ich dir! Ich brauche jetzt erst einmal einen Drink!«

Er brachte es also wirklich fertig, die Rosen einfach zu ignorieren. Gut, dachte sich Desiree, dann muss ich eben schwerere Geschütze auffahren. »Ich habe hier etwas für dich, dass dich besser entspannen wird, als ein Drink!«

Eine kurze Pause entstand. »Und was soll das sein?«

Desiree stellte sich schmollend. »Ach, Alois, jetzt komm doch schon her! Ich zeig dir auch was Schönes! Und ich mag nicht mehr über zwei Etagen mit dir reden!«

Wieder grummelte er vor sich hin. So ging das nun seit mehreren Jahren, wenn er von der Arbeit kam. Er, der gestresste Herr Manager, an dem das Wohl und Wehe der ganzen Firma hing. Aber jetzt hörte Desiree endlich, wie sich seine schweren Schritte auf der Treppe näherten.

Sie stellte sich in die Pose, die sie vorher vor dem Spiegel geübt hatte. Dabei stemmte sie einen Arm in die Seite, was ihren Oberkörper noch einmal auf besonders reizende Weise betonte.

Alois stapfte um die Biegung des Treppenabsatzes, den Blick auf die Stufen geheftet. Sein Atem ging wie eine alte Dampflokomotive. Im Gegensatz zu ihr kannte er den Fitnesskeller nur von den Rechnungen, die von den ausstattenden Firmen geschickt worden waren. Wie oft hatte sie versucht, ihn zum gemeinsamen Sport zu bewegen – vergeblich.

»Schau doch mal hoch, mein Lieber!«, sagte Desiree. Fast rechnete sich nicht mehr damit, aber dann hob Alois doch den Blick. Er blieb wie angewurzelt auf der Treppenstufe stehen, die er gerade erklommen hatte.

Die Überraschung in seinem Gesicht wurde durch Geilheit und dann wieder Erstaunen abgelöst. Alois trug noch seine Krawatte, hatte sie allerdings ein wenig gelockert. Ansonsten wäre sein Hals, der jetzt wie sein gesamtes Gesicht rot anlief, wahrscheinlich zugeschnürt worden.

»Desiree!«

»Willkommen Zuhause, Alois!«, sagte sie zu ihrem Mann, der schon lange nicht mehr so aussah wie damals, als sie sich kennen gelernt hatten. »Ich dachte schon, du wolltest gar nicht mehr zu mir kommen!«

Ihr Mann keuchte. Er hatte scheinbar große Schwierigkeiten, seine Zunge davon abzuhalten, einfach aus seinem Mund zu fallen. Ebensolche Probleme bereitete es Desiree, sich nicht ansehen zu lassen, wie sehr sie es ablehnte, sich wie ein Stück Fleisch in der Auslage eines Metzgers begaffen zu lassen.

Keiner von ihnen sagte ein Wort. Die Unsicherheit Alois’ war förmlich spürbar. Erst jetzt schien er wirklich die Verbindung zwischen den Rosen, dem Outfit seiner Frau und der Ankündigung, für ihn etwas Besseres als einen Drink zu haben, herzustellen.

»Was habe ich vergessen?«, fragte er. Obwohl Desiree die Frage gut nachvollziehen konnte, denn sie hatte schon seit längerem – aus Gründen – kein sexuelles Interesse mehr an ihm gezeigt, fühlte sie sich doch gekränkt.

»Was meinst du damit?«

»Hochzeitstag, Kennenlerntag, Geburtstag. Irgendwas davon muss ich vergessen haben, ansonsten kann ich mir das nämlich nicht erklären!«

Ja, so war er, ihr Alois. Ein echter Romantiker, mit dem man es sich auf einer Blumenwiese bequem machen konnte, picknickte, die Wolken beobachtete und dann ganz entspannt auf der Picknickdecke einen Nachmittagsfick einlegte.

Desiree schluckte alle diese Gedanken herunter. Sie hielt sich an das Skript, das sie sich in ihrem Kopf zurechtgelegt hatte. Mit einem sanften Lächeln ging sie über die verletzende Bemerkung hinweg.

»Möchtest du nicht zu mir heraufkommen? Um ehrlich zu sein, hier im Flur ist es ein wenig frisch. Aber im Schlafzimmer …«

Sie ließ den Satz bewusst unvollendet. Sie wartete auch nicht weiter ab, ob Alois ihrer Aufforderung nachkam. Aber als sie sich umdrehte und wieder ins Schlafzimmer ging, konnte sie hören, wie er ihr folgte. Wieder lächelte sie, diesmal fühlte sie sich aber auch danach.

Im Schlafzimmer stellte sie sich zwischen den Spiegel und das große Bett, in dem sie in letzter Zeit meistens alleine geschlafen hatte. Dieses Zimmer war mehr und mehr zu ihrem Refugium geworden, während Alois in einem der beiden Gästezimmer im Erdgeschoss schlief. Auf diese Weise bekamen sie beide, das lang verheiratete Ehepaar, so wenig wie möglich voneinander mit. So bekam sie so wenig wie möglich mit!
Entsprechend zögerlich betrat Alois das Zimmer. Er schaute sich im Halbdunkel des Raumes um, als ob er ihn noch nie zuvor gesehen hätte. »Ich möchte wirklich wissen, Desiree, was das zu bedeuten hat.«

Innerlich stöhnte sie auf. Dass er es ihr aber auch noch zusätzlich schwer machen musste!

»Das bedeutet, mein lieber Alois, dass ich beschlossen habe, dir heute einen ganz besonderen Wunsch zu erfüllen! Einen Wunsch, den du schon lange mit dir herumgetragen hast.“

Den er sich wahrscheinlich auf einer seiner ausgedehnten Geschäftsreisen auch schon erfüllt hatte, so wie sie ihn einschätzte. Aber heute würde es noch einmal anders sein. Den Unterschied würde er auf jeden Fall bemerken!

»Von was für einem Wunsch redest du denn da?«

Sie lächelte hintergründig. »Zuerst einmal sollten wir es dir ein wenig bequemer machen, denkst du nicht auch? Mir ist es warm hier, im Schlafzimmer. Ist dir nicht auch warm? Zumindest ein klein wenig?«

Desiree trat an ihn heran, ignorierte den von ihm ausgehenden Schweißgeruch. Sie nestelte an seiner Kleidung. Erst jetzt schien er wirklich zu glauben, was mit ihm passierte, denn als sie ihn an seiner Brust berührte, nachdem sie das Hemd und das Unterhemd aus dem Hosensaum gezogen hatte, sog er die Luft scharf ein.

Gewonnen, dachte sich Desiree.

Alois war nun wahrlich kein Adonis von einem Mann, aber das hatte sie nie gestört. Es war nie um sein Aussehen gegangen. Auch nicht um sein Geld. Geld hatte sie selber. Dass sie ihn geheiratet hatte, war der Tatsache geschuldet, dass sie über ihn in Kreise der Gesellschaft aufstieg, die ihr ansonsten verschlossen geblieben wären. Damals, als Alois sich noch etwas aus gesellschaftlichen Anlässen gemacht hatte. Heute zog er es vor, in seinem Arbeitszimmer vor sich hin zu brüten, einen Drink nach dem anderen zu nehmen und irgendwann laut schnarchend in sein Bett zu fallen. Auf diese Weise steuerte er auf einen ernsten Zusammenbruch hin. Aber auf sie hörte er ja nicht. Das spielte jetzt eigentlich auch schon keine Rolle mehr.

Desiree bugsierte Alois auf das Bett. Danach half sie ihm dabei, sich die Hose, die Schuhe und die Socken auszuziehen. Nun saß er, bis auf seine Feinrippunterhose nackt, am Bettenrand, das volle weiße Brusthaar in alle Himmelsrichtungen abstehend. Er schaute zu ihr hoch, zog ihr die wenigen Kleidungsstücke, die sie trug, mit den Augen aus.

Desiree wandte sich dem Tisch zu. Sie hoffte, dass er das Entgleiten ihrer Gesichtszüge nicht mehr gesehen hatte, bevor sie sich umgedreht hatte.

»Weißt du eigentlich, wie schön du immer noch bist?«, fragte er in ihrem Rücken. Er merkte es gar nicht, wie verletzend diese Phrase, dieses „immer noch“ für sie war. So, wie er fast überhaupt nichts mehr von dem bemerkte, was in ihr vor sich ging. Egal, sie überhörte es, so gut es ging, und nahm die Flasche aus ihrem Behältnis.

»Ich habe etwas ganz Besonderes für dich vorbereitet«, sagte sie. »Darauf sollten wir anstoßen! Machst du bitte den Champagner auf?«

Sie gab die Flasche an ihn weiter. Alois mühte sich mit dem Verschluss ab. Mit einem leichten Ploppen gab der Korken nach. Ihr Mann musste sich beeilen, den herauslaufenden Schaumwein nicht auf das Bett fließen zu lassen. Ein wenig ging auf den teuren Teppich, aber dann stand er auch schon neben ihr bei den Gläsern – und stutzte.

»Drei Gläser?«

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich etwas ganz Besonderes für dich vorbereitet habe!«, sagte Desiree und presste sich kurz an ihn. »Sei so gut und schenke uns ein, ja? Oh, da ist ja noch etwas in einem der Gläser, das ich vorher besser herausnehme.«

Alois schaute sich den Blister kurz an, während er mit der Flasche hantierte. »Ist es das, wofür ich es halte?“

Desiree schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Wofür hältst du es denn?«

Er sprach den Namen des Medikaments nicht aus. »Du weißt doch, dass ich so etwas nicht brauche. Mein Körper funktioniert auch so noch gut genug für dich!«

Dieses Mal fiel es ihr schon schwerer, gute Miene zum nicht so schönen Spiel zu behalten. Aber sie rettete sich, indem sie das eine der drei Champagnerglaser anhob und ihm damit zuprostete.

»Auf eine Nacht, die du nicht vergessen wirst, Alois! Denn es stimmt, für mich brauchst du kein Hilfsmittel! Aber ich weiß nicht, wie es ist, wenn du die Überraschung siehst, die ich für dich habe!“

Desiree trank einen Schluck, um ihre Aufregung zu bekämpfen. Ihr Mann hielt immer noch die Schampusflasche in der einen Hand, hatte aber zwischenzeitlich die Tablette aus dem dritten Glas entfernt und auch dort eingeschenkt.

»Jetzt spann mich nicht länger auf die Folter!«, sagte er. »Ich dachte, wir wollten ein wenig Spaß haben!«

Oh ja, dachte Desiree, den werden wir haben!

Sie stellte ihr Glas wieder ab, klatschte laut in die Hände und rief: »Malia, du kannst jetzt hereinkommen!«

Alois fuhr ruckartig zusammen, so als ob er einen Stromstoß abbekommen hätte. Beinahe wäre ihm das Glas aus der Hand gefallen, wie Desiree belustigt beobachtete. Er drehte sich zur Tür um, die sich in diesem Augenblick öffnete.

Eine schwarzafrikanische Schönheit betrat den Raum. Großgewachsen, mit stolzem Gang, endlos langen Haaren und funkelnden Augen in einem Gesicht, das aussah, als sei es aus einem Block schwarzen Alabasters geschlagen. Malia trug weiße Reizwäsche, dasselbe Ensemble, wie es auch Desiree trug. Rot wie die Sünde und Weiß wie die Unschuld.

Mit federnden Schritten kam die Frau, die zwanzig Jahre jünger war als Desiree, auf die beiden zu, nahm sich mit größter Selbstverständlichkeit das dritte Glas Champagner und lächelte Alois dann mit weit geöffnetem Mund an.

»Guten Tag, Herr Beyer«, sagte sie mit leichtem Akzent.

Desiree schüttelte den Kopf. »Ich glaube, in Anbetracht der Lage darfst du ruhig Alois zu ihm sagen. Das stimmt doch, Alois, oder?«

Fast konnte er ihr leidtun. Der arme Kerl war mit der Situation absolut überfordert. Sicherlich hatte er mit nichts weniger gerechnet als damit, dass die Haushaltshilfe, die jeden Morgen für einige Stunde bei ihnen arbeitete, ihm jetzt, um diese Uhrzeit und so gut wie nackt, unter die Augen treten würde.

»Äh … ja, ja …«, stammelte er.

Desiree legte Malia einen Arm auf die Schulter. »Malia hat mir erzählt, dass sie glaubt, dass du ihr schon einmal schöne Augen gemacht hast, du Schlawiner, du! Ist das wahr?«

Die Antwort auf diese Frage blieb er, ohne dass es sie überrascht hätte, schuldig.

»Jedenfalls hat sie mir auch erzählt, dass du ihr besonders gefällst. Da haben wir Mädchen uns etwas ausgedacht, das dir sicher gefallen wird! Wir drei, du, ich und Malia, für eine Nacht. Keine Sorge, dir erwachsen daraus keine Verpflichtungen.«

Sie kannte schließlich ihren Mann.

»Malia hat mir bereits eine Erklärung unterschrieben, dass sie ganz freiwillig in diese ménage à trois eingewilligt hat. Ansonsten hätte das einen bitteren Beigeschmack, wenn sie es hinterher so darstellen würde, dass wir sie aufgrund ihres Arbeitsverhältnisses mit uns zu etwas gedrängt haben, denkst du nicht auch?«

»Absolut«, sagte er, war aber ganz offensichtlich nicht bei der Sache. Und auch nicht bei ihr, wie sie mit einem neuen, kurzen Stich feststellte. Alois hatte nur noch Augen für die Afrikanerin, die immer noch unergründlich lächelnd bei ihnen stand.

»Ich hoffe, es ist Ihnen recht, Herr Bey… Alois«, sagte diese.

»Äh … ja«, stammelte er erneut.

Desiree fand, dass es an der Zeit war, seinen Blick wieder auf das Wesentliche zu richten. »Glaubst du nicht auch, dass wir viel mehr – vor allem auch länger –, Spaß miteinander haben können, wenn du die kleine, blaue Pille schluckst? Ich habe die Wirkung ja bis jetzt noch nicht am eigenen Leib gespürt, aber man erzählt sich ja wahre Wunderdinge darüber.«

»Ja?«, fragte Malia und legte nun ihrerseits Desiree einen Arm um die Hüfte.

»Ja!«, bestätigte sie und zog Malia ganz nah an sich heran. »Man sagt, es ist gut für die Ausdauer …«

Sie küsste Malia auf die Wange.

»… für die Durchblutung …«

Der nächste Kuss zielte auf den Halsansatz. Malia stöhnte leise auf und schloss ihre Augen genießerisch.

»… und dafür, ihn richtig schön hart zu machen!«

Desirees Lippen fanden die der Afrikanerin, die sofort bereitwillig den Mund öffnete. Sie begann damit, die Jüngere zärtlich und spielerisch zu küssen, die Zungen umeinander tänzeln zu lassen. Die beiden Frauen drehten sich so zueinander, dass sie sich genau gegenüber standen. Desirees Hände glitten nun über Malias Rücken, hielten kurz am Spitzensaum des Korsetts inne, glitten dann aber weiter hinab bis auf die sanften Rundungen ihres Pos. Gleichzeitig spürte sie, wie Malias Hände an ihrem Rücken empor wanderten. Sie konnte nur mit Mühe ein Erschaudern unterdrücken.

Langsam, ermahnte sie sich. Nichts überstürzen.

Der Kuss endete und sie trennten sich wieder voneinander. Desiree schaute zu Alois, der aussah, als ob er jede Sekunde einen Schlag erleiden würde. Sein Gesicht war hochrot angelaufen, aber er hatte offensichtlich genossen, was er gerade gesehen hatte. Davon kündete die Beule in seiner Unterhose.

»Was hältst du davon, wenn du uns die Freude machst, Alois, und das für uns ermöglichst? Bis die Wirkung des Mittels einsetzt, könnten wir uns ja ein wenig«, sie zwinkerte ihm zu, »um einander kümmern!«

Wenn ihr Mann noch einen Rest von eigenem Willen besessen hatte, dann war der durch die kleine Showeinlage gebrochen worden. Mit zittrigen Fingern hantierte er an dem Blister herum. Desiree sah sich selbst schon auf allen vieren nach der Tablette suchen, als er es doch noch schaffte, sie unfallfrei herauszulösen. Dann spülte er sie mit einem großen Schluck Champagner herunter.

»Brav!«, lobte sie ihn. »Möchtest du dich nicht vielleicht ans Kopfteil des Bettes setzen? Dann haben wir zwei auch mehr Platz bei dir!«

Er rutschte kommentarlos nach oben. Damit gab er genügend Raum für die beiden Frauen frei. Sie setzten sich und schon hatten sie wieder die Hände aufeinander, wobei sie immer wieder begehrliche Blicke zu Alois warfen.

Desiree streichelte über Malias Brüste, genoss es, die warme Haut zu spüren. Das leichte Vibrieren in den Brustwarzen, das durch die Erregung der jungen Frau hervorgerufen wurde, war herrlich. Sie selbst war nicht minder erregt, arbeitete sich Malia mit ihren Händen doch langsam aber bestimmt zu ihrem Höschen vor.

»Oh, Alois, das fühlt sich so gut an!«, stöhne Desiree. »Hol ihn schon einmal heraus, ja? Ich will ihn sehen!«

Immer noch sprachlos fummelte sich Alois die Unterhose vom Körper. Sein Penis kam frei und stand, leicht schräg, bereits sehr stark erigiert, in die Höhe. Erste Lusttropfen hatten sich an der Spitze gebildet.

Desiree lächelte. Im nächsten Moment zuckte sie stöhnend auf, als Malias Hand in ihr Höschen glitt. Sie war überrascht davon, wie sehr sie die ganze Situation erregte. Wie lange hatten sie das hier geplant, wie oft waren sie die Vorbereitungen und die Umstände im Gespräch durchgegangen. Alleine das Auswählen des Dessous hatte schon über zwei Wochen gebraucht. Jetzt war der große Tag endlich da und all diese Erwartungen, die sich aufgebaut hatten, brachen sich nun in ihren körperlichen Reaktionen Bahn.

»Desiree!«, sagte Alois mit brüchiger Stimme. Auch er musste an der Grenze seiner Erregung stehen. Zwei schöne Frauen, die nur darauf warteten, ihn in ihr Spiel mit einzubeziehen. Ein Spiel, das ganz alleine auf ihn zugeschnitten war!

»Ja, mein Lieber!«

»Komm her!«

Er streckte die Arme nach ihr aus. Desiree wusste, dass sie ihm den Wunsch nicht abschlagen durfte. Sie wollte es auch gar nicht. Was sie wollte war, ihren Mann in die körperliche Ekstase zu treiben. Ihn an einen Punkt zu bringen, von dem aus es keinen Weg zurück mehr gab.

Desiree stand auf, nur um sich dann auf das Bett und zwischen die nun leicht geöffneten Beine ihres Mannes zu knien. Dort robbte sie so weit nach oben, dass sie mit ihrem Kopf über dem Penis zum Halten kam. Sie überstreckte ihren Nacken, um Alois in die Augen sehen zu können. Diese glänzten vor Erwartung.

Mit einer fließenden Bewegung senkte sie ihren Kopf wieder, öffnete den Mund und nahm die Spitze seines Glieds damit auf. Er begann fast augenblicklich damit, ihr mit seinen Hüften entgegen zu stoßen, so als ob er ihren Mund vögeln wollte. Dabei gab er Geräusche von sich, die von höchster Erregung zeugten. Ein Schnaufen, ein Stöhnen, ein Brummen. Zur Erregung kam auch ein großes Maß an körperlicher Anstrengung dazu. Das war gut so. Dann kam der Kreislauf richtig in Schwung. Die Wirkung der Tablette setzte schneller ein.

Genau richtig!

Genau richtig war auch das, was Desiree jetzt zwischen ihren Beinen spürte. Zwei Finger schoben den Stoff des Höschens zur Seite. Im nächsten Moment begann Malia, die sich unter sie geschoben hatte, mit ihrer Zunge ihre Scham zu umtänzeln, um dann so schnell wie zielstrebig die Klitoris anzusteuern.

Beinahe hätte sie vor Lust in den Penisschaft ihres Mannes gebissen. Aber sie wollte um jeden Preis verhindern, seltsame Spuren zu hinterlassen. Dafür achtete sie darauf, dass der Abrieb ihres feuerroten Lippenstifts auf dem gesamten Glied zurückblieb.

Alois begann, heftig zu keuchen. Gerade, als Desiree sich fragte, ob er etwa schon kurz vor seinem Orgasmus war, drückte er mit einer Hand gegen ihren Kopf und sie damit von sich fort. Bereitwillig erhob sie sich halb, während Malia gar nicht daran dachte, von ihr abzulassen.

»Was ist?«, fragte sie atemlos, während sie nun, in ihrer neuen Position, mit einer Hand nach hinten griff, um mit der linken Brustwarze der dunkelhäutigen Frau zu spielen. »Was hast du?«

»Ich glaube, die Pille wirkt noch nicht«, keuchte Alois. »Ich hatte das Gefühl, dass ich …«
»Keine Eile, mein Schatz! Wir haben alle Zeit der Welt!«

Desiree spürte, wie sich ein erster, lautstarker Orgasmus in ihr aufbaute. Malia leckte und knabberte an genau der richtigen Stelle in genau der richtigen Intensität. Ihre Brustwarze war steil und dick aufgerichtet. Anhand der Bewegungen unter sich glaubte Desiree erkennen zu können, dass sich Malia mit der Hand, die sie nicht für das Höschen brauchte, zwischen den eigenen Beinen streichelte.

Der Gedanke daran, wie die Afrikanerin ihnen beiden gleichzeitig Lust bescherte, katapultierte Desiree über den Gipfel ihres Höhepunkts hinweg. Mit einem kurzen, schrillen Aufschrei zog sich ihr Unterkörper zusammen, stimulierte ihre empfindlichsten Stellen und sorgte dafür, dass sie für einen Moment die Kontrolle über sich verlor. Sie sackt nach vorne, legte sich auf eines von Alois’ Beinen und hechelte in ihren Orgasmus hinein. Malia ließ nicht von ihr ab, sondern bearbeitete nun konsequent die Klitoris weiter mit ihrer Zunge, während sie zwei Finger ihrer Hand in Desirees klatschnasse Vagina eindringen ließ. Der zweite Höhepunkt kam schneller und war auch schneller vorbei – nahm an Intensität aber noch einmal zu. Diesmal schrie sie ihre Lust lang und seufzend heraus.

Einen Moment war ihr schwummrig, dann gewann sie jedoch die Kontrolle über ihren Körper zurück. Malia hatte sich für den Moment zurückgezogen. Sie war, den Geräuschen nach, aufgestanden. Zu gerne hätte Desiree sich nach ihr umgesehen, sie in den Arm genommen, wieder geküsst, aber sie musste sich nun auf Alois konzentrieren.

»Das war … hat es dir gefallen, Liebling?«

»Es war geil!«, sagte Alois und grinste schief. »Aber irgendwie …«

»Willst du nicht zu mir kommen?«, fragte Desiree. »Malia hat gute Vorarbeit geleistet. Du könntest mich von hinten nehmen, was meinst du? Ich bin scharf auf dich!«

»Desiree, ich glaube …«

»Ich könnte mich auch auf dein Gesicht setzen, Alois«, sagte Malia. »Du bleibst einfach entspannt liegen. Desiree und ich setzen uns oben und unten auf dich drauf. So könntest du uns beide gleichzeitig haben!«

»Ich weiß nicht«, sagte Alois. Er verzog sein Gesicht. »Ich fühle mich so seltsam.«

Desiree lächelte. »Das kommt bestimmt von der Tablette! Aber keine Sorge, das hört gleich auf.«

»Mir wird schlecht«, keuchte Alois. Sein Penis war dabei, rapide an Größe wie Form zu verlieren. »Ich glaube, ich vertrage die Tablette nicht!«

Desiree stand auf und stellte sich neben Malia. Die beiden Frauen schauten nun auf Alois herab, der schwitzend und mit sehr deutlichem Unwohlsein auf dem Bett lag. »Du siehst wirklich nicht gut aus«, stellte Desiree fest. »Vielleicht hast du dir mit dem Mittel auch zu viel zugemutet.«

»Aber du hast doch …«

Desiree schüttelte belustigt den Kopf. »Ich habe überhaupt nichts, mein Lieber. Du hast dir ein Potenzmittel besorgen wollen. Leider hast du dafür nicht den sicheren Weg über deinen Urologen genommen, sondern dir irgendwas im Internet bestellt.«

Alois’ Augen begannen, aus seinem Gesicht hervorzutreten. Sein Atem wurde unregelmäßig. »Ich glaube, mein Herz …«

»Das Medikament wurde mit deiner Kreditkarte von deinem Computer aus bestellt und auch bezahlt. Auf deinen Namen geliefert. Ich habe dir immer gesagt, du solltest den Rechner mit einem Passwort sichern.«

Jetzt erst schien Alois zu verstehen. Er versuchte, sich weiter im Bett aufzurichten, aber es konnte sich kaum bewegen. Sein linker Arm ruckte in die Region seines Herzens. »Du hast …«

»Ich sagte dir doch schon, dass ich es nicht bestellt habe. Das war Malia! Die liebe Malia, der du andauernd hinterhergegafft hast, bis sie eines Tages zu mir kam und mich unter Tränen bat, ihr zu helfen, eine neue Stellung zu finden, weil sie deinen Nachstellungen entfliehen wollte!«

»Wieso …«

»Und ich? Ich habe schon lange einen Weg gesucht, wie ich dich loswerden kann! Geekelt habe ich mich vor dir! Geekelt, hörst du?“

Desiree legte Malia einen Arm auf den Po. »Nachdem ich Malia das gestanden hatte, hat sich zwischen uns eine … besondere Beziehung entwickelt. Langsam reifte ein Plan in uns.«

»…Luft…«

»Wusstest du, Alois«, sagte Malia, »dass ich in Kenia als Apothekerin gearbeitet habe? Man erkennt mein Studium hier nicht an, also gehe ich putzen. Aber ich habe noch meine alten Verbindungen!«

Alois’ Gesicht lief rot, seine Lippen blau an. Sein Atem ging rasselnd und pfeifend. Er musste große Schmerzen haben. Das war der Moment, vor dem Desiree sich am meisten gefürchtet hatte: Der Moment, in dem sie ihrem sterbenden Mann in die Augen sah. Es machte ihr nicht das Geringste aus!

»Es war für Malia kein Problem, ein Mittel zu besorgen, das aussieht wie Viagra und auch wirkt, wie Viagra. Aber für einen Mann deiner Gesundheit und deines Lebenswandels ist es dann doch ein wenig zu hoch dosiert … als ich dir dann einen geblasen habe, was man an dem vielen Lippenstift sieht … da hat dein Herz einfach nicht mehr mitgemacht!«

Desiree war sich nicht einmal mehr sicher, ob Alois noch zuhörte. Er atmete, noch. Aber das auch nur noch stoßweise. Mit langen Pausen dazwischen. Ihr war es wichtig, zu sagen, was sie zu sagen hatte.

»Ich habe die Lieblosigkeit nicht mehr ausgehalten, Alois! Ich wollte wieder begehrt werden, geliebt! Malia hat mir gezeigt, dass ich noch in der Lage bin, zu lieben, Leidenschaft zu empfinden! Ja, die Menschen werden sich das Maul zerreißen, wenn sie mitbekommen, dass ich kurz nach dem tragischen Tod meines Mannes mit einer Frau anbandle. Mit einer Schwarzen, noch dazu! Aber, na und?“

Desiree grinste und fühlte sich ein klein wenig diabolisch dabei. „Immerhin habe ich es von Malia schriftlich, dass sie freiwillig mit uns unsere Sexspiele gespielt hat! Da ist es doch nur normal, dass wir einander trösten, findest du nicht? Es war ja alles ganz einvernehmlich!“

Alois lag auf dem Bett und bewegte sich nicht mehr. Man hörte auch keine Geräusche mehr von ihm. Desiree schaute in seine leblosen, halb geöffneten Augen und wartete darauf, dass das schlechte Gewissen kam. Vergeblich.

Sie schaute Malia an, die ihr zunickte. Sie drückte ihr einen kurzen, beinahe keuschen Kuss auf den Mund. Dann ging Desiree zum Highboard, nahm das dort bereitliegende Handy in die Hand, wählte drei Ziffern.

Als abgehoben wurde, holte sie tief Luft. Dann kreischte sie hysterisch: »Hilfe! Wir brauchen sofort einen Arzt! Ich glaube, mein Mann stirbt!«

„Jupiters Moorland“ – Kurzgeschichte zur Schreibaufgabe der Woche

Guten Morgen, ihr Lieben!

Diese Woche hat Hanna es besonders gut mit uns gemeint und neben mehreren Schreibimpulsen auch eine wieder etwas längere (zumindest interpretiere ich sie länger) Schreibaufgabe gestellt. „Jupiters Moorland“ war der sehr abstrakte Titel, dessen Zustandekommen sie in einem lesenswerten Beitrag auf ihrem Blog geschildert hat.

Nun – was also daraus machen? Für mich stand fest, dass ich gerne auch diese Schreibaufgabe annehmen wollte. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, sie als kurzes Lockerlassen vom eigentlichen Projekt, an dem ich gerade arbeite, zu begreifen. Ein Atemholen, das neue kreative Energie dorthin lenkt, wo ich sie am besten gebrauchen kann.

Das soll jetzt nicht heißen, dass ich die Aufgabe selbst nicht mit dem nötigen Ernst angehen würde. Aber ich gönne mir hier noch mehr das, was ich auch bei meinen Romanen einzubinden versuche: Spontanität!

Und da die Vorgabe von Hanna sehr abstrakt war, habe ich mich entschlossen, auch eine sehr abstrakte Geschichte zu schreiben, die nun wirklich im Irgendwo beginnt und auch im Irgendwo wieder endet.

Ich wünsche euch viel Spaß mit meiner Kurzgeschichte „Jupiters Moorland“! Und, falls wir uns nicht mehr lesen, einen guten Start ins Wochenende!

Euer Michael


„Jupiters Moorland“

Ich suche mir einen Weg. Der Weg ist nicht leicht, führt er doch mitten durch das Moor. Das Moor hinter unserem Dorf, von den Älteren auch als Jupiters Moorland bezeichnet. Es ist Nacht und der Mond steht nur sichelförmig am Himmel. Wenigstens leuchten mir einige Sterne den Weg. Eine Lampe habe ich nicht mitgenommen, nicht mitnehmen dürfen. Es wäre zu gefährlich, wenn man mich hier, mitten im Moor entdecken würde.

Der alte Jupiter wusste nicht, was er heraufbeschwören würde, als er Teile seines Familienbesitzes an das Konkordat verpachtete. Und wenn er es gewusst hätte, wäre es ihm möglicherweise auch egal gewesen. Das sagt jedenfalls meine Großmutter, die ihn noch gekannt hat.

Inzwischen ist die Familie Jupiter aus der Provinz verschwunden. Bei Nacht und Nebel fortgezogen – oder beseitigt worden? Gerüchte sprechen von Gardisten, die sich auf dem Weg zum Landhaus befunden haben sollen. Aber andere Gerüchte besagen, dass die Familie nun selber Teil des Konkordats geworden ist.

Wir, die einfachen Bürger der Provinz, erfahren nichts davon. Das Einzige, was wir erfahren ist, wie die Tribute und die Steuern, die wir zu entrichten haben, immer höher werden! Und wie immer mehr von uns in einen Krieg geschickt werden, von dem wir nicht einmal wissen, wo und warum er stattfindet!

Wer sich weigert, der wird bestraft. So, wie mein Bruder Aaron sich geweigert hat.

Ich erlebe in meinen Träumen immer wieder den schrecklichen Nachmittag, an dem die Gardisten an die Tür unseres Hauses polterten und Aaron mitnahmen! Meine Mutter hat geweint und geschrien, ich habe versucht, mich ihnen in den Weg zu stellen, aber Aaron ist ganz friedlich mit ihnen mitgegangen. Er sagte, er käme bald zurück.

Das war vor vier Monaten. Und er ist nicht zurückgekommen.

In meine Gedanken versunken wäre ich beinahe vom Weg abgekommen! Im letzten Moment bemerke ich, dass das Land vor mir nicht mehr aussieht, als habe es eine feste und konstante Form. Es sieht mehr aus wie Dreck, der auf einer Flüssigkeit schwebt, die zu fest ist, um Wasser zu sein und doch zu lose, um wirklich materiell genannt zu werden.

Ich schaue mich um, entdecke den Weg wieder, seufze einmal tief durch und gehe weiter.

Der alte Jupiter war noch ein Großgrundbesitzer vom alten Schlag. Einer, der sich für einen Feudalherren hielt und auch von allen so behandelt wurde. Meine Großmutter sagte einmal über ihn, dass ihm zwar nicht das Dorf gehörte, aber jeder wusste, dass er zumindest eine Option darauf besaß. Mein Großvater und er verkehrten teilweise in denselben Kreisen, auch wenn das Geld unsere Familien immer voneinander trennte. Jupiter war reich, aber mein Großvater war gebildet. Eine Eigenschaft, die er an seine Tochter, meine Mutter, und über sie auch an Aaron und mich weitergegeben hat.

Doch das Konkordat braucht keine gebildeten Menschen. Es braucht Drohnen, die sich nach Belieben einsetzen lassen. Und es braucht Sklaven, die sich seinem Willen unterwerfen. So kam es, dass meine Familie immer mehr verarmte, während rings um uns herum die Welt in eine Dunkelheit verfiel, die fast so umfassend ist wie die, durch die ich mich jetzt bewege.

Überall am Rand des Weges sehe ich metallene Stäbe. Sie markieren Punkte im Moorland. Zu einer dieser Markierungen bin ich unterwegs, aber ich habe die Stelle, die mir durch verschlungene Informationswege benannt wurde, noch nicht erreicht.

Als der Weg sich gabelt, wähle ich zunächst die südliche Richtung. Ich weiß, dass sie mich von meinem eigentlichen Ziel entfernt, aber sie gibt mir die Gelegenheit, mir das Landhaus anzusehen. Wenigstens von außen einmal einen Blick darauf zu werfen.

Minuten reihen sich aneinander und bilden schließlich eine Stunde und mehr, als ich unvermittelt aus dem Moor heraustrete und einen kleinen Hügel erklimme, der sich jedoch kaum in seinem Bewuchs von dem öden und toten Landstrich hinter mir unterscheidet. Und als ich oben ankomme, erblicke ich das große Haus auf der anderen Seite, in einiger Entfernung liegend.

Ich atme scharf durch den Mund ein und unterdrücke einen Aufschrei der Überraschung. Das Haus ist so gut wie zerstört! Dort, wo sich wohl mal das Eingangsportal befunden haben muss, scheint eine Bombe explodiert zu sein. Und auch ansonsten steht kaum noch ein Stein fest auf dem anderen.

Ich traue mich nicht, näher heranzugehen, auch wenn alles so aussieht, als ob es schon lange, lange her ist, dass diese Schäden entstanden. Nein, denke ich, der alte Jupiter hätte ganz bestimmt nicht der Pacht des Moores zugestimmt, wenn er dies geahnt hätte.

Das Konkordat nimmt sich, was es will. Und wenn es dies nur geliehen erhält, findet es Mittel und Wege, um sich dennoch den vollen Einfluss zu verschaffen. Ich gebe keinen Pfifferling mehr auf das Leben der Familie Jupiter!

Mit neuem Grausen wende ich mich wieder dem Moor zu, das nun wohl besser einen neuen, neutraleren Namen tragen sollte, als den alten, ursprünglichen. Jupiters Moorland war einmal.

Bald schon bewege ich mich wieder zwischen den stinkenden Pfützen und den verrottenden Pflanzen. Der Anblick des Hauses hat mich nachdenklich gemacht. Hat es einen Sinn, sich gegen die Macht des Konkordats zu stellen? Wenn nicht einmal die Familie Jupiter, mit all ihrem Einfluss und all ihrem Reichtum es geschafft hat, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, wie soll dies dann zum Beispiel einem armen Arbeiter gelingen. Oder einem Handwerker. Oder auch einem Gebildeten.

Mein Informant hat mich mit einem Wissen versorgt, das die Antwort auf die Frage liefern könnte, ob es einen Sinn hat. Ich weiß nicht genau, was ich suche in diesem Moor, was ich zu finden hoffe, zu finden befürchte. Doch er sagte, dann bekommt es einen Sinn. Denn dann wird es zum Funken, der das Feuer des Widerstandes entfachen könnte.

Leicht fällt mir mein Weg nicht. Es sind nicht die körperlichen Strapazen, es ist mein Verstand, der mich quält. Dies ist das Los der gebildeten Menschen, dass sie sich selbst die größten Schmerzen zufügen, ohne dazu der Hand eines weiteren Täters zu bedürfen.

Ich bleibe einen Moment stehen, um zu verschnaufen. Diesen Weg zu gehen wäre die Aufgabe eines jüngeren Mannes, als ich es bin. Aber ich darf und will keinen meiner Söhne damit belasten. Sie sind nur wenig jünger als Aaron es war, als sie ihn abholten. Und ich möchte nicht, dass sie sich vor dem Tag fürchten, an dem das Konkordat auch sie zu den Waffen rufen wird.

Doch wie werde ich sie schützen können, wenn sich als wahr herausstellt, wovon ich hörte? Wenn alles wahr ist, was man sich über dieses Moor als Ort der Geister und bösen Gedanken erzählt? Jupiters Moorland – dass ich nicht lache! Dieses Moor hat nie jemandem gehört. Es war immer schon da und wird vielleicht auch noch dann da sein, wenn die ganze Provinz mit allem Popanz und allen Verknüpfungen zum Teufel gegangen ist!

Ich sehe zum Mond hinauf. Legenden erzählen, dass dereinst Menschen auf ihm gewesen sein sollen. Sich auf ihm bewegt haben, wie auf der Erde. Auf ihm herumliefen und Steine sammelten, um sie zu untersuchen. Es sind alte Legenden. Legenden von der Art, die zu alt sind, um nur erdacht zu sein. Was bringt mir das Wissen darüber, dass wir, die Menschen, einen langen Weg gegangen sind, der vor dem liegt, was unsere Gegenwart nun ist?

Ich schüttele den Kopf. Es bringt mir gar nichts. Und doch kann ich nicht ganz aus meiner Haut, Philosoph, der ich bin.

Früher haben die Menschen Angst gehabt vor dem, was vielleicht von oben in ihre Welt eindringen könnte, aus dem Weltall. Was auf einem der fernen Sterne oder Planeten lebt, die noch nie ein Mensch gesehen hat. Der Jupiter ist einer dieser Planeten und er soll ebenso groß und mächtig sein, wie es die Familie Jupiter es einmal gewesen ist. Doch deren Macht und Einfluss wurde zerstört, wie ihre Heimstatt und wenn der Jupiter noch dort oben am Himmel sein sollte, so ist er entweder zu weit entfernt, dass ich ihn sehen kann – oder er ist gleichfalls der Zerstörung anheim gefallen.

Als ich nun meinen Weg wieder fortsetze, spüre ich, dass ich mich einem entscheidenden Moment nähere. Lange kann es nicht mehr dauern, bis ich jenen Stab erreiche, der mir als der benannt wurde, an dem ich die Antwort auf meine Fragen finden würde.

Kein Geräusch dringt an meine Ohren. Kein Leben ist um mich herum. Keinerlei Aussicht auf Hoffnung durch einen neuen Tag. Um mich herum regiert der Tod. Das weiß ich auch, ohne einen einzigen tiefergehenden Versuch unternommen zu haben, die wahre Natur des Konkordats zu erkennen und es als das zu entlarven, das es vielleicht, wahrscheinlich, ist.

So viele Stäbe – wie sind sie hierher gekommen? Waren sie schon hier, als der alte Jupiter noch der Herr des Landhauses war? Was ist geschehen, seit der Pachtvertrag abgeschlossen und Jupiters Moorland zum Moor der üblen Gerüchte wurde?

Früher habe ich mich nicht um alles dies gekümmert, bin meinen eigenen Geschäften nachgegangen. Habe meinen eigenen Gedanken nachgehangen. Seit Aaron nicht mehr bei uns ist, hat sich dies geändert. Es ist für mich drängender geworden, was in der Welt abseits meiner Bücher und Folianten passiert. Auch wenn es das Wissen ist, das uns langfristig helfen wird, diesen Krieg und vielleicht sogar unser Joch zu besiegen, so ist doch manches Mal die Tat näher an dem, was für den Moment sinnvoll erscheinen muss.

Dann, ganz ohne es vorher bemerkt zu haben, stehe ich vor dem Metallstab, in den obenauf eine Nummer eingraviert wurde. Die perfekte Glätte des Stahls und die exakten Vertiefungen der Gravur lassen mich schaudern. Bei uns im Dorf hat niemand mehr die Fertigkeit, so etwas herzustellen. Und alle Maschinen, die einstmals dafür genutzt werden konnten, wurden bereits vor langer Zeit demontiert und abtransportiert.

Abtransporte. Immer wieder stolpere ich über Dinge und Menschen, die man abtransportiert hat.

Nun, da ich den Stab untersuche, entdecke ich auf seiner Rückseite den Knopf, von dem mein Kontaktmann gesprochen hat. Er sagte, ich solle ihn einfach drücken und sehen, was passiert. Als ich ihn fragte, ob es denn keine Sicherung gäbe, die verhindert, dass man ihn drückt, verneinte er. Das sei nicht nötig. Das Konkordat hat bewusst Orte wie diesen gewählt, von der Welt vergessen und von den Menschen gemieden.

Ich wappne mich gegen das, was ich nun herausfinden könnte. Aber wie soll das gehen, wenn es doch so sehr gegen das eigene Menschenbild verstößt!

Die Gewissheit, dass es keine Möglichkeit gibt und der Druck auf den Knopf sind eins. Der Stab erwacht zu einem unheimlichen, surrenden und mechanischen Leben. An seiner oberen Spitze wird ein Metallsporn herausgeschoben, dessen Zweck ich zuerst nicht erkenne. Ich erschrecke mich, als auf einmal ein Licht, heller als jede Laterne, sich daraus ergießt und in einem feinen Strahl auf eine bestimmte, ein Stück vom Weg entfernte Stelle weist.

Dort beginnt das Moor, auf Unheil verkündende Art zu brodeln. Eine Reaktion wird ausgelöst, von der ich nicht weiß, worum es sich handeln könnte, die mir aber große Angst macht. Ein weiterer Stab erscheint, als ob er von dem punktuellen Licht emporgehoben würde. Das Wissen, dass es genauso ist und dass ich hier Zeuge einer technischen Meisterleistung unserer Vorfahren werde, macht es für mich nicht leichter zu ertragen.

Der zweite Stab wächst und endet dann in einer Art Haken, wie man ihn zum Befestigen von Deckenlampen oder Ähnlichem verwendet. Bis hierhin habe ich nur Angst.

Das Grauen beginnt Sekunden später, als ich sehe, was an dem Haken hängend zum Vorschein kommt. Es ist ein Käfig aus Stahl. Er ist an die zwei Meter hoch und ebenso breit. Ein perfekter Würfel. Der Würfel ist gefüllt mit menschlichen Körpern. An ihnen allen klebt der Schlick des Moors, in das sie versenkt wurden. Man muss sie hineingepfercht haben, so eng, wie sie aneinander stehen. Die meisten sind nackt.

Zu den wenigen, die noch Kleidung am Leib tragen, gehört mein Bruder Aaron. Er schaut mich aus weit aufgerissenen, toten Augen an. Eine ewig währende Frage nach dem Sinn seines Todes.

Ich muss mich abwenden. Mein Abendessen kommt mir wieder hoch, aber bei dem Gedanken, dass ich auf einem riesigen Totenfeld stehe, bezwinge ich den Drang, es herauszuwürgen. So viele Stäbe – so viele Käfige!

Es kann nicht sein! Es darf nicht sein! Und doch habe ich es gewusst, hat ein Teil von mir es schon immer gewusst.

In atemloser Eile drehe ich mich herum, gehe die wenigen Schritte zu einem anderen Stab und drücke auch dort den Knopf. Das Spektakel wiederholt sich in einiger Entfernung. Gleichzeitig verschwindet der Käfig, der die sterblichen Überreste meines Bruders für die Ewigkeit im Moor konservieren wird, wieder unter der brackigen Oberfläche.

Getrieben von Entsetzen und aufkommender Panik drücke ich einen weiteren Knopf. Und noch einen. Dutzende! Hunderte! Dabei komme ich, ohne es zunächst zu bemerken, wieder in die Nähe des Landhauses.

Als ich vor dem Hügel stehe, betätige ich den Knopf des letzten Stabs, der beim Pfad in den Sumpf eingelassen wurde. Wieder erscheint ein Käfig. Doch dieser ist schmaler als die anderen. Und es befindet sich nur eine einzige Moorleiche in ihm. Ihr Alter festzustellen – ein Ding der Unmöglichkeit. Ihr Aussehen zu entziffern – hoffnungslos.

Aber ich kenne diese signifikante Kopfform. Ich habe sie auf alten Bildern gesehen. Nun beantworten sich auch einige meiner Fragen, wenn auch keine von ihnen zufriedenstellend. Der Mann in dem Käfig ist der alte Jupiter.

Ob man ihn sofort getötet hat, als der Pachtvertrag unterzeichnet war? Oder hat man noch damit gewartet, um sich seiner zu einem passenderen Zeitpunkt zu entledigen.

So viele tote Menschen in diesem Moor. Und so viele Moore in dieser Welt! Ich taumle über den Hügel auf das alte Landhaus zu. Ebenso zerstört und in seinen Grundfesten erschüttert, wie ich es bin. Es konnte der Macht des Konkordats nicht widerstehen. Können wir es, einfache Menschen, die wir sind? Mehr Philosophen, Gebildete und Denker denn Kämpfer oder gar Rebellen?

Wieder schaue ich zum Himmel hinauf. Der Mond versteckt sein Gesicht hinter einer Wolke und für einen Moment glaube ich, einen anderen Stern, weit entfernt, hinter ihm funkeln sehen zu können.

Ich stelle mir vor, es ist der Jupiter und beginne, zu weinen.

Schreibaufgabe #11: Der Weg nach irgendwo

So, gerade noch pünktlich vor dem diesjährigen NaNo habe ich es geschafft, mich Hannas elfter Schreibaufgabe zu widmen. Dieses Mal war die Vorgabe wieder besonders weit gefasst, nur der erste Satz war vorgegeben: „Eines muss ich dir noch sagen für den Fall, dass ich nicht mehr wiederkomme.“

Meine erste Assoziation, der alte Schlager von Christian Anders, in dem ein Zug nach Nirgendwo fährt, wollte ich dann doch nicht weiterverfolgen. Deswegen habe ich beschlossen, nun, mit einiger Verspätung, doch noch die Dystopie heraufzubeschwören, die ich mir bei der zehnten Schreibaufgabe noch verkniffen hatte.

Ich wünsche euch also im Folgenden viel Spaß mit meiner kleinen Kurzgeschichte!


Abschnitt 238/a

„Eines muss ich dir noch sagen für den Fall, dass ich nicht mehr wiederkomme.“

Ted Jericho blickte auf und sah seinem Freund und Kollegen Seth Huggins ins sonnengegerbte Gesicht. „He, Hugg, jetzt fang nicht an zu spinnen, ja?!“

„Es ist Freitag und du weißt, dass freitags da draußen Krieg herrscht!“

„Wer will es ihnen verdenken, wenn man weiß, dass am Freitag das Wasser für das Wochenende abgestellt wird“, sagte Jericho und streichelte zärtlich über seinen Karabiner. „Aber das ist doch nichts, womit wir beide nicht schon fertig geworden sind!“

„Ja, stimmt, aber trotzdem! Wenn ich nicht mehr wiederkomme …“

„Du wirst aber wiederkommen! Schau hier, falls du es vergessen haben solltest! Ich hab dich die ganze Zeit über auf dem Schirm, ja? Die Homies sind auf der anderen Seite des Zauns. Dazu noch der Graben. Fünf Meter Tiefe und fünfzigtausend Volt! Und jetzt verrat mir, warum du immer so paranoid bist!“

„Ich habe Gerüchte gehört“, sagte Huggins. „Gerüchte darüber, dass es im Nordosten einen Vorfall gegeben hat …“

„Das habe ich auch gehört. Und ich halte es für totalen Bullshit! Niemand durchbricht unsere Sicherheitssysteme! Hörst du? Niemand! Und schon gar nicht in unserem Abschnitt, verstanden?“

„Ja, verstanden“, maulte Huggins und brummelte noch ein paar unverständliche Worte in seinen Dreitagebart.

Jericho stand aus dem platt gesessenen Bürostuhl auf, von dem aus er die Wallanlage und die Menschen auf der anderen Seite überwacht hatte. Er trat zu Huggins und hieb ihm spielerisch die Faust auf die Schulter. „Oder ist es, weil du nächste Woche vierzig wirst? Hm? Setzt bei dir jetzt schon die Alterssenilität ein?“

„Quatsch!“

„Dann weiß ich es auch nicht“, gab Jericho es auf und setzte sich wieder. „Du bist jetzt jedenfalls damit dran, den Rundgang am Raun zu machen. Und ich werde mir gemütlich mein Sandwich und vielleicht einen kleinen Joint reinziehen, bis du wieder da bist.“

„Ja, aber falls ich nicht mehr wiederkomme …“

„Himmel, Arsch und Wolkenbruch! So langsam gehst du mir auf den Kürbis! Jetzt spuck’ schon aus, was du dir diese Woche wieder hast einfallen lassen, damit ich mir den langweiligen Abend verschönern kann! Jawohl, langweilig, hast du verstanden?“

„Hoffen wir, dass es langweilig bleibt“, sagte Seth Huggins. „Wenn die Gerüchte stimmen, dann könnte es sein, dass du dir noch wünschen wirst, Langeweile zu haben!“

„Sag endlich dein Sprüchlein auf und dann sieh zu, dass du Land gewinnst! Ich habe keine Lust, mir wieder eine Rüge vom Boss einzufangen, weil wir unseren Schichtplan nicht eingehalten haben.“

„Also“, sagte Huggins.

„Also?“, wiederholte Jericho.

„Falls ich nicht mehr wiederkomme, dann möchte ich, dass du dich dafür einsetzt, dass Luisa den Ausbildungsplatz bei der Grenzwache nicht annimmt! Ich wiederhole, sie soll ihn nicht annehmen!“

Jericho verstand kein Wort, das sein paranoider Kumpel da sagte. „Du willst also, dass ich deine Tochter, die ich nur von Fotos kenne, davon abhalte, in die Fußstapfen ihres Alten zu treten?“

„Ja!“

„Und wieso, wenn ich fragen darf?“

Huggins druckste kurz herum und Jericho war schon wieder so weit, ihn anbrüllen zu wollen, als er dann doch endlich sagte: „Ich habe so eine Ahnung, Ted, seit ich die Sache aus dem Nordosten gehört habe. Lange wird das mit den Homies nicht mehr gut gehen! Es sind so viele und sie sind nicht dumm. Das ist das Hauptproblem, dass sie alles andere als dumm sind!“

„Dumm genug, draußen leben zu müssen.“

„Das hat mit Intelligenz nichts zu tun, sondern mit Geld und Macht – und das weißt du ebenso gut wie ich!“

Jericho machte eine wegwerfende Handbewegung. „Und wenn schon! Sollen sie ruhig philosophische Reden schwingen, oder Gedichte rezitieren. Zum Glück muss ich mir das nur anhören, wenn meine Schicht am Zaun läuft. So wie deine, seit inzwischen zehn Minuten!“

Huggins griff nach seinem Gewehr, sah dabei aber unverwandt Jericho an. Dieser begann plötzlich, sich unwohl unter diesem Blick zu fühlen. Hugg hatte schon früher komische Ideen gehabt und absonderliche Theorien über die Homies und die Bewohner der Domes vorgebracht. Aber mit dieser Ernsthaftigkeit wie jetzt war es noch nie passiert.

„Ich möchte, dass du es mir versprichst!“

„Also gut!“, seufzte Jericho.

„Sag es!“

„Ich verspreche es!“

„Nein, den genauen Wortlaut!“

Jericho stöhnte und ballte beide Hände zu Fäusten, die er auf die Lehnen des Bürostuhls herabkrachen ließ. „Ich schwöre, bei allem, was mir heilig ist, dass ich deine geliebte Tochter Luisa, die ich noch nie gesehen habe, davon abhalten werde, den besten Job anzunehmen, den man sich vorstellen kann, weil ihr bescheuerter Herr Vater, dessen bescheuerter Freund ich bin, sich in den Kopf gesetzt hat, dass er nach tausend Patrouillen am Zaun diesmal nicht zurück kommen wird! Jetzt endlich zufrieden?“

Huggins lächelte traurig. „Ich hab dich auch gern, Ted!“

Dann drehte er sich um und verließ den Container, der den beiden als ihr Stützpunkt an Abschnitt 238/a des großen Schutzzauns zur kontaminierten Zone diente. In den Randbereichen war die Strahlung längst abgeklungen, was die Homies immer wieder dazu trieb, sich auf ihrer Seite an den Zaun zu stellen. Früher hatten sie gebettelt und geklagt. Heute standen sie meist nur noch da und schauten herüber. Eine Ausnahme stellten wirklich die Freitage dar, wenn die Trinkwasserversorgung in die Zone abgestellt wurde, damit in den Domes die Schwimmbäder und Pools für das Wochenende versorgt werden konnten.

Jericho drehte sich im Stuhl um und langte nach seiner verschlissenen Tasche. Er öffnete sie und holte sein Sandwich heraus, legte es neben die Kontrollmonitore. Von Huggins war noch nichts zu sehen. Danach verließ ein großer, langer Joint, einer der besten, die er je gebaut hatte, die Tasche. Und zum guten Schluss, weil heute das Wochenende anfing, noch die neueste Ausgabe von „Tits & Clits“, mit der er sich später zu befassen gedachte.

Auf dem Bildschirm tauchte jetzt die hagere Gestalt von Huggins auf. Jericho schüttelte den Kopf. So lange an der Grenze und fiel jetzt auf solche Ammenmärchen rein! Dome Nordost hatte gleich nach Aufkommen der Gerüchte verbreiten lassen, dass es keinen Einfall von Homies gegeben hatte. Und Central Dome hatte es bestätigt. Also, was sollte der Scheiß?

Das Sandwich war schnell aufgegessen und der Joint entzündet. Jericho legte die Beine hoch und schaute weiter auf den Bildschirm. Ein Scheißjob, sich da draußen zwei Stunden die Beine in den Bauch zu stehen, hin und wieder den Abschnitt abzulaufen und dabei nichts anderes zu tun zu haben, als sich die Homies anzuschauen, was meistens wegen der erlittenen Strahlenschäden kein schöner Anblick war. Aber der Job, sich den Mist im Fernsehen ansehen zu müssen, war auch nicht besser.

Es passierte ja doch nie was!

Bis es dann eben doch passierte!

Jericho konnte nicht sehen, wer es war oder was genau er getan hatte. Er sah nur das Ergebnis: Ein heller Lichtblitz durchzuckte den Bildschirm und sorgte dafür, dass er seine Augen abschirmen musste. Als die Kamera und er wieder etwas erkennen konnten, war eine riesige Lücke im Zaun entstanden. Und die Homies strömten in die für sie verbotenen Randbezirke des Domes.

Jericho stand der Mund offen und er wusste nicht, wie ihm geschah, oder was er tun sollte. Für diesen Fall war er nicht ausgebildet worden! Welcher dieser verdammten Knöpfe war jetzt für die Alarmierung des Oberkommandos gedacht?

Es wurden immer mehr Homies, eine wahre Flut kam durch den nicht mehr vorhandenen Zaun. Den Graben hatten sie spielend überwunden, vielleicht, indem sich einige von ihnen geopfert hatten, um eine ebene Fläche durch ihre aufgeschichteten Körper zu erreichen.

Jericho nahm wieder seine Waffe. Seine Hand zitterte. Seinen Kollegen und Freund Seth Huggins konnte er auf dem Bildschirm nicht mehr sehen. Er würde nicht mehr wiederkommen.

Aber würde er, Ted Jericho, wiederkommen? Und wenn nicht, an wen sollte er seine letzte Botschaft richten?

„Falls ich nicht mehr wiederkomme“, sagte Jericho leise. Dann lud er seine Waffe durch und ging hinaus, seinem Schicksal entgegen.

Schreibaufgabe #10: Future Love

Nach einer ganzen Weile hat Hanna wieder damit begonnen, dem geneigten Publikum ihres Blogs eine Schreibaufgabe zu stellen. Dieses Mal war die grobe Vorgabe, dass man sich in Gedanken in die Welt des Jahres 2065 begeben sollte, um dort das erste Date zwischen einer Frau und einem Mann zu beschreiben. Quasi nebenbei sollten gesellschaftliche, kulturelle und vielleicht auch politische Veränderungen mit in den Text eingebracht werden.

Diese Schreibaufgabe hat mir auf der einen Seite großen Spaß bereitet, weil es ein sehr freies Thema war, zu dem man schön fabulieren kann, auf der anderen Seite musste ich mich aber auch sehr zügeln, denn ich hätte mich, im wahrsten Sinne des Wortes, totschreiben können, alleine schon an den offensichtlichen technischen Verfeinerungen. Auch so wurde die Geschichte mit rund 2.800 Worten zu lang, um sie hier in den Fließtext zu stellen. Darum gibt es sie als PDF-Datei.

Am Ende habe ich mich dazu entschlossen, dem Ganzen eine, wie ich hoffe, erkennbar tragikomische Note zu verpassen mit dem für die Kurzgeschichte typischen offenen Ende. So langsam fange ich wirklich an, mich doch noch für das Format begeistern zu können! Erschreckend, nicht wahr? Jetzt schreibt er auch noch Kurzgeschichten …

Jedenfalls wünsche ich euch viel Vergnügen mit meiner Geschichte „Das Café der fünfziger Jahre“ und würde mich hier, oder bei Hanna, über Feedback freuen.

Euch allen noch einen schönen Mittwoch! 🙂


Das Café der fünfziger Jahre