Alles nur Geschwätz (WiP)

Die positive Nachricht von meinem Manuskript ist, dass ich heute die 70.000-Worte-Marke gerissen habe und jetzt bei, Moment, exakt 71.020 Wörtern stehe. Rein statistisch kann ich mir also auf die Schulter klopfen und mich entspannt zurücklehnen.

Die negative Nachricht ist, dass ich im Augenblick das Gefühl habe, mir diese Zahlen vor allem mit jeder Menge Geschwätz zu erschleichen.

Nein, meine Geschichte ist nun einmal keine Actiongranate. Es liefert sich nicht dauernd jemand mit jemand anderem ein explosives Duell. Und es kommt nicht alle paar Seiten zu einem neuen und aufregenden Twist, der dem Leser den Boden unter den Füßen weg zieht.

Es wird viel miteinander geredet. Das ist auf der einen Seite ein wenig heikel, weil so die Gefahr besteht, dass man sich immer und immer wieder wiederholt und um die gleichen Dinge kreist. Aber letztlich ist genau das, was passiert. Ich bin mir nur noch nicht sicher, wie viel davon ich im endgültigen Roman drinstehen haben will.

Meine Protagonisten stehen vor einer extrem schwierigen Entscheidung, die im wahrsten Sinne des Wortes Lebensgefahr heraufbeschwören kann. Nicht nur für sie, sondern im großen Stil. Ich halte es für normal, dass man diese Entscheidung nicht spontan und aus dem hohlen Bauch heraus trifft. Keiner von ihnen ist ein Indiana Jones oder ein James Bond, der einmal die Achseln zucken und dann einfach mitten durch gehen würde.

Meine Figuren sind sich der Verantwortung bewusst, die sie tragen und sie quälen sich damit. Auch dass sie nicht einer Meinung sind, trägt dazu bei. Und wer schon einmal vor einer lebensumwälzenden Situation gestanden hat, der weiß aus eigener Anschauung, dass man irgendwann das Gefühl hat, sich im Kreis zu drehen.

Ich könnte das ganze abkürzen und einfach die Entscheidungsfindung abbrechen. Vielleicht wäre das der Weg, zu dem mir ein professioneller Lektor raten würde. So nach dem Motto, dass den Leser nicht interessiert, wie viele schlaflose Nächte der Charakter wegen dieser Entscheidung gehabt hat. Der Leser will die Konsequenzen sehen und die sollten, bitte sehr, den Aufwand rechtfertigen und möglichst viel Drama in sich bergen.

Aber im Augenblick fühle ich mich damit nicht wohl. Es würde sich so anfühlen, als ob ich eine Abkürzung nehmen würde. Als würde ich die Motivation meiner Charaktere nicht logisch begründen, sondern einfach unterstellen. Lies, so ist es jetzt, wen interessieren all die Gewissensbisse?

Es ist ein sehr ambivalentes Gefühl, als ob ich zwischen zwei B-Lösungen wählen müsste.

Letztlich wird es wahrscheinlich auf einen Kompromiss hinauslaufen. Das ist ja meistens so. Ich werde aus den Gesprächen die Essenz filetieren und diese dann mundgerecht und appetitlich aufbereiten. Und die ganzen Fleischabfälle – nun, man sagt ja, dass jedes geschriebene Wort einen als Autor weiterbringt, nicht wahr? 😉

Also werde ich meine Gewissensbisse, soweit es eben geht, zurückstellen und auf diesem Weg weitermachen. Jedenfalls bis ich wirklich den Eindruck gewinnen sollte, dass ich immer und immer und immer … ihr wisst schon.

Aber keine Sorge, jenseits der Entscheidungen steht der nächste Abschnitt bevor, in dem meine Personen wirklich handeln müssen. Und dann wird eher weniger gesprochen werden. Und all dies wird nur noch das Geschwätz von gestern sein.

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Zurück nach Polen (WiP)

Zunächst einmal vorneweg: Wie ihr seht, habe ich den Beitrag als (WiP) gekennzeichnet. Das steht natürlich für das allseits bekannte „Work in Progress“, für das mir keine auch nur halbwegs so griffige deutsche Übersetzung bekannt ist. Mit diesem Kürzel und in der entsprechenden Kategorie möchte ich zukünftig die Beiträge kennzeichnen, in denen es um den Fortschritt meiner Schreibtätigkeit und um das aktuelle Projekt geht. So viel nur als Erklärung dazu 🙂 .

Heute geht es also um meine Rückkehr nach Polen. Natürlich bin ich nicht selber nach Polen gefahren. Das wäre auch ziemlich dumm, wenn ich von Duisburg aus dorthin fahren würde, wo ich doch noch vor einer Woche, in Mecklenburg, deutlich näher dran gewesen wäre.

Aber ich bin in Gedanken und im Schreiben nach Polen zurückgekehrt und habe gleichzeitig eine Zeitreise in den Winter des Jahres 1942/1943 hinter mich gebracht. Und wie bei allen großen Reisen war das gar nicht so leicht, wie es sich jetzt liest.

Ihr kennt vielleicht das Gefühl und auch die Schwierigkeiten, wenn ihr ein Buch zu lesen begonnen habt und dann mittendrin eine Pause von, sagen wir, zwei Monaten einlegt. Wenn ihr das Buch wieder zur Hand nehmt, dann müsst ihr euch erst einmal erinnern, wo in der Handlung ihr gerade gewesen seid. Vielleicht fremdelt ihr auch ein wenig mit den Figuren, die euch so begegnen. Und manchmal muss man sogar vorher ein wenig quer lesen, um überhaupt alle Zusammenhänge wieder parat zu haben.

So – und jetzt potenziert ihr das Gefühl mit fünf und ihr habt ungefähr den Zustand, den ich hatte, als es darum ging, wieder in meine Handlung und zu meinen Figuren zurückzukehren.

Als ich Tomasz und seine Frau Klaudia verlassen habe, saßen sie gerade am Tisch in ihrer kleinen Küche und führten ein Gespräch mit einem Mann, der zu ihnen gekommen ist, um entweder seinen Willen durchzusetzen oder dafür zu sorgen, dass sie in absehbarer Zeit unglaubliche Probleme in ihrem Leben bekommen.

Ich konnte die drei vor mir sehen. Den Eindringling, wie er selbstsicher und mit einer geladenen Waffe vor sich auf dem Tisch seine Forderungen stellt. Klaudia, wie sie schockiert und ungläubig darauf reagiert. Und Tomasz, aus dessen Perspektive ich meine Geschichte schreibe, wie er, durch die Waffe zur Untätigkeit verdammt, beinahe vor Wut und Frust platzt.

Aber sie zu sehen, das ist nur das eine. Ihnen zuzuhören und ihr Gespräch in eine Form zu gießen, die hinterher auch für den Leser spannend ist, das ist etwas ganz anderes.

Wenn man noch dazu mitten in eine Unterhaltung einsteigt, die seit zwei Monaten in der Schwebe gehangen hat, dann ist es gar nicht so leicht, trotz Nachlesens, zu sortieren, was bereits gesagt wurde, was unausgesprochen bleiben soll und was noch gesagt werden muss. Ich musste mich sehr am Riemen reißen, um nicht alles, was bereits in dem Gespräch angesprochen wurde, noch einmal wiederzukäuen, weil für mich diese lange Zeit vergangen war und ich das Gefühl hatte, ich müsste dem Leser eine Zusammenfassung an die Hand geben.

Aber für den Leser wird nur ein Moment vergangen sein, bis er liest, was im Juni war und was nun ist. Er braucht keine Zusammenfassung.

Die Lösung war für mich, die Unterhaltung möglichst schnell zu einem passenden Ende zu führen. Damit war die Szene „im Kasten“ und ich konnte mich gedanklich auf den nächsten Schritt einstellen.

Alles in allem hat das ganz gut geklappt und ich bin jetzt in der Szene, in der das Ehepaar zusammen mit dem befreundeten Dorftrottel (der, lange Geschichte, gar nicht so trottelig ist) versucht, einen Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Natürlich wird das alles gar nicht so einfach werden, sonst wäre es ja langweilig.

Ich denke also, dass ich ganz gut wieder in Polen angekommen bin. Natürlich muss ich im Zuge der Überarbeitung die zwangsläufig eingeschmuggelten Ecken und Kanten glätten. Aber das ist ja immer so.

Schauen wir also, wie es weiter geht. Ich bin erst einmal froh, den Wiedereinstieg geschafft zu haben 🙂 .

PS extra für Luna: gestern und heute zusammen 3.551 Wörter 😉 .